an ihn « , antwortete leise die Verhüllte . Die Aurora der zweiten Welt steht schwarz vor den Menschen , sie bebten alle . Albano und Roquairol ergriffen und drückten einander die Hand , dieser aus Haß , Albano aus Qual , wie man in Metall knirscht . Das Zimmer war voll unähnlicher , befeindeter Menschen , die der Tod gleich machte . Seitwärts sah Albano eine fremde hereingeschlichene , ihm widrige Gestalt ; es war sein unkenntlicher Vater , dessen große , düstere Augen scharf und hart auf dem Sohne hafteten . - Aus dem zweiten Zimmer blickten zwei lange verschleierte weibliche Gestalten auf die dritte und sahen kein Gesicht und niemand ihres . Liane spielte mit den Fingern am Schleier . Der Abend stand im Zimmer und die Stille zwischen dem Blitze und dem Donnerschlag . » Denke an den allmächtigen Gott ! « rief Spener . - Sie antwortete nicht - er sprach weiter : » An unsere Quelle und an unser Meer , er allein steht dir jetzt im Dunkeln bei , wo dir die Erde und die Menschen aus der Hand entsinken und alle Lichter des Lebens . « Plötzlich fing sie an und sagte ganz freudig-leise und schnell hintereinander , wie wenn der Mensch im Schlafe spricht , und immer entzückter und schneller : » Karoline - hier , hier , Karoline - das ist meine Hand - wie bist du so schön ! « - Der unsichtbare Engel , der ihre erste Liebe geheiligt , der ihr Leben begleitet hatte , schimmerte wieder wie ein aufgegangener Mond über das ganze dunkle Sterben , und der Glanz verschmolz die kleine Mainacht leise mit dem großen Frühlingsmorgen der andern Welt . Nun lehnte die verschleierte Nonne des Himmels ganz still an der Mutter- Der Todesengel stand unsichtbar und zornig unter seinen Opfern - Mit großen Flügeln hing die Todes-Eule der Angst sich über die Menschen-Augen und hackte mit schwarzem Schnabel in die Brust herab , und man hörte nichts in der Stille als die Eule Düster wälzten sich des Ritters melancholische Augen in ihren tiefen Höhlen zwischen der stillen Braut und dem stillen Sohne hin und her ; und Gaspard und der Würgengel schaueten einander finster an . Da klang aus Lianans Harfe ein heller , hoher Ton lang in die Stille ; die Parze , die an ihrem Leben spann , kannte das Zeichen , hielt innen und stand auf , und die Schwester mit der Schere kam . Lianens Finger hörten auf zu spielen , und unter dem Schleier wurd ' es still und unbeweglich . » Dein Kopf ist schwer und kalt , meine Tochter « , sagte die trostlose Mutter . » Reißt den Schleier weg « , rief der Bruder ; und als er ihn herunterzog , ruhte Liane zufrieden und lächelnd darunter , aber gestorben - die blauen Augen offen nach dem Himmel - der verklärte Mund noch Liebe atmend - die jungfräuliche Lilien-Stirn von der tiefer herabgesunknen Blumenkrone umwunden - und bleich und verklärt vom Mondschein der höhern Welt die fremde Gestalt , die groß aus den kleinen Lebendigen unter ihre hohen Toten trat . Da quoll die goldne Sonne durch die Wolken und durch die Tränen hindurch und übergoß mit dem blühenden Abendlicht , mit dem jugendlichen Rosen-Öl ihrer Abendwolken die entfärbte Himmelsschwester , und das verklärte Antlitz blühte wieder jung . Am Himmel schlugen alle Wolken , berührt von ihren Flügeln , als sie durch sie zog , in lange rote Blüten aus - und durch den hohen , über die Erde geblähten Nebelflor glühten die tausend Rosen hindurch , die gestreuet und gewachsen waren auf der Wolken-Bahn , worauf die Jungfrau über die Erde zu dem Ewigen ging . Aber Albano , der verlassene Albano stand ohne Tränen und Augen und Worte unter den gemeinen Klagestimmen des Schmerzes im rosenroten Abendiener des heiligen Verklärungszimmers , unter dem irdischen Getümmel neben der stillen Gestalt ; in tiefer Vergangenheit zeigte ihm der Schmerz ein Medusenhaupt , und er sah es noch an , als sein Herz schon davon versteinert war , und er hörte immer das finstere Haupt die Worte murmeln : » Wie bitter hatte die Tote in Lilar über den harten Albano geweint ! « - Ihr Bruder sagte auf seiner Folter viele grausame Worte zu ihm ; er vernahm sie nicht , weil er dem grausamern Gorgonenhaupt zuhörte . » Sohn ! « ( rief Gaspard Cesara ernst ) » Sohn , kennst du mich nicht ? « Durch das schwere Leichen-Herz blitzt ihm eine Lebensstimme ; er blickt umher , und auf den Vater , ordnet sich erschreckend die Gestalt und stürzt auf seine Brust und ruft nur » Vater ! « und immer wieder » Vater ! « - Er rief fort , ihn heftig wie ein Feind umflechtend , und sagte : » Vater , das ist Liane ! « - Noch heftiger wurde die Umarmung , nicht aus Liebe , nur aus Qual . » Komme zu dir , und zu mir , lieber Albano ! « sagte der Ritter . » O ich will es tun , Sie ist nun gestorben , Vater ! « sagt ' er erstickt , und nun zerriß sein Schmerz am Vater , wie ein Gewölke am Gebürge , in eine unaufhörliche Träne - sie strömte fort , als wollte sich die innerste Seele verbluten aus allen offnen Adern - aber das Weinen wühlte nur die Qualen auf wie ein Wolkenbruch ein Schlachtfeld , er wurde trostloser und ungestümer und wiederholte dumpf das alte Wort . » Albano ! « ( sagte Gaspard nach einiger Zeit mit stärkerer Stimme ) » willst du mich begleiten ? « - » Gern , mein Vater ! « sagte er und folgte ihm , wie der Mutter ein blutendes Kind mit seiner Wunde . - » Morgen will ich schon sprechen « , sagte Albano im Wagen und nahm die väterliche Hand . Die weit offnen Augen hingen geschwollen und blind an der warmen Abendsonne fest , die schon auf dem Gebürge ruhte - er blieb lächelnd und bleich und in seinem leisen sanften Weinen - und er merkt ' es nicht , daß die Sonne unterging und er in der Stadt ankam . » Morgen , mein Vater ! « sagt ' er kraftlos und bittend zum Ritter ; und schloß sich ein . Man hörte nichts mehr von ihm . Vierundzwanzigste Jobelperiode Das Fieber - die Kur 97. Zykel Lange blieb Albano im Nebenzimmer stumm . Der Vater überließ ihn der heilenden Stille . Schoppe wartete auf ihn geduldig , um ihn tröstend anzusehen und anzuhören . Endlich hörten sie ihn darin heftig beten : » Liane , erscheine mir und gib mir den Frieden ! « Gleich darauf trat er stark und frei wie ein entketteter Riese heraus , mit allen Blut-Rosen auf seinem Gesicht - mit Blitzen in den Augen - mit hastigem Schritt . » Schoppe , « ( sagt ' er ) » komm mit auf die Sternwarte , es hängt am Himmel ein heller , hoher Stern , auf dem wird Sie begraben ; ich muß das wissen , Schoppe ! « Die edle Seele lag in der gewaltigen Hand des Fiebers . Er wollte mit ihm hinaus , als er den Ritter erblickte , der ihn starr anschaute . » Erstarre nur nicht wieder , mein Vater ! « sagt ' er , umarmte ihn nur leise und vergaß , was er gewollt . Schoppe holte den Doktor Sphex . Albano ging wieder in sein Zimmer und langsam darin mit gesenktem Haupt , mit gefalteten Händen auf und ab und redete sich tröstend zu : » Warte doch nur , bis es wieder ausschlägt . « - Sphex kam und sah und - sagte , » es sei ein einfaches entzündliches Fieber « . Aber keine Gewalt brachte ihn dahin , sich für das Bette oder nur für eine Ader-Wunde zu entkleiden . » Wie ? « ( sagt ' er schamhaft ) » Sie kann mir ja zu jeder Stunde erscheinen und den Frieden geben - nein , nein ! « Der Arzt verschrieb einen ganzen kühlenden Schneehimmel , um damit diesen Krater vollzuschneien . Auch diesen Kühlungen und Frost-Zuleitern weigerte der Wilde sich . Aber da fuhr ihn der Ritter mit der ihm eignen donnernden Stimme und mit dem Grimm des Auges an , der das immerwährende , aber bedeckte Zornfeuer der stolzen Brust verriet : » Albano , nimm ! « - Da besann und fügte sich der Kranke und sagte : » O , mein Vater , ich liebe dich ja ! « Durch die ganze Nacht , deren Wächter und Arzt der treue Schoppe blieb , spielte der wahnsinnige Körper seine glühende Rolle fort , indem er den Jüngling auf- und abtrieb und bei jedem Ausschlagen der Glocken betend niederzuknien zwang : » Liane , erscheine doch und gib mir den Frieden ! « Wie oft hielt ihn der sonst Zeichen-arme Schoppe mit einer langen Umarmung fest , um nur dem Umhergetriebnen eine kurze Ruhe zuzuspielen . Unbegreiflich waren am Morgen dem Arzte die Kräfte dieser eisernen und weißglühenden Natur , die Fieber , Pein und Gehen noch nicht gebogen hatten , und auf welcher alle verordnete Eisfelder trocken verzischten ; - und fürchterlich erschienen ihm die Folgen , da Albano noch immer sein Selbst-Mordbrenner blieb und bei jedem Stunden-Schlage auf den Knien nach der himmlischen Erscheinung lechzete und blickte . Aber sein Vater überließ ihn wie eine Menschheit den eignen Kräften ; er sagte , er sehe mit Vergnügen eine solche seltne ungeschwächte Jugendkraft und sei gar nicht in Furcht ; auch ließ er ungestört alles für die Reise nach Italien packen . Er besuchte den Hof , d.h. alles . Wer es wußte , was er den Menschen abzufodern und abzuleugnen pflegte , dem gab diese allgemeine Gefälligkeit gegen alle Welt die Schmerzen eines verwundeten Ehrgefühls , wenn ihn Gaspard auch anredete . Er besuchte zuerst den Fürsten , welcher an ihm , ob ihn gleich der Ritter in Italien ruhig die vergiftete Hostie der Liebe samt ihrem Giftkelch hatte empfangen lassen , immer mit Angewöhnung hing . Der Ritter besichtigte mit ihm den Zuwachs der neuen Kunstwerke ; beide glichen scharf und frei ihre Urteile darüber gegeneinander aus und gaben einander Aufträge für die Abwesenheit . Darauf ging er zur Reisegefährtin , zur Fürstin , gegen welche zwar sein aufreibender Stolz nicht ein Blütenstäubchen der vorigen Liebe übrig gelassen , die aber im glatten , kalten Spiegel seiner epischen Seele , in welchem alle Figuren sich rein-aufgefasset und frei bewegten , vermöge ihrer kräftigen Individualität als eine Hauptfigur den Vordergrund bewohnte . Da er Freiheit , Einheit , sogar Frechheit des Geistes weit über sieches Frömmeln , Nachheucheln fremder Kräfte und bußfertigen Zwiespalt mit sich selber setzte : so war die Fürstin sogar mit ihrem Zynismus der Zunge ihm » in ihrer Art lieb und wert « . Sie erkundigte sich mit vielem Feuer nach seines Sohnes Zustand und Mitreise ; er gab ihr mit seiner alten Ruhe die besten Hoffnungen . Die Prinzessin Julienne war unzugänglich . Daß sie es hatte sehen müssen , wie die treue Gespielin ihrer Jugendzeit ein feindlicher , rauher Arm vom blumigen Ufer in den Todesfluß hineingezogen und wie die Arme ermattet hinuntergeschwommen , das warf sie hart darnieder , und sie wäre gern dem Opfer nachgestürzt . Sie war gestern nicht imstande , mit den zwei Verschleierten hinzugehen . Jetzt eilte Gaspard zur einen davon , zur Gräfin Romeiro , wo er auch die andere fand - die Prinzessin Idoine . Diese hatte unmöglich so viel von ihrer Gesichts- und Seelen-Schwester in allen Briefen lesen können , ohne selber aus ihrem Arkadien zu ihr herzureisen und die schöne Verwandtschaft zu prüfen ; aber als sie im Schleier ankam im Schmerzenhause , hatte schon ihre Verwandte den ihrigen über das brechende Auge gezogen ; und als er aufging , sah sie sich selber verloschen und im tiefen Spiegel der Zeit ihr eignes Sterbe-Bild . Sie schwieg in sich selber gleichsam wie vor Gott , aber ihr Herz , ihr ganzes Leben war bewegt . Die Ähnlichkeit war so auffallend , daß Julienne sie bat , nie der gebeugten Mutter zu erscheinen . Idoine war zwar länger , schärfer gezeichnet und weniger rosenfarb als Liane in ihrer Blütenzeit ; aber die letzte blasse Stunde , worin diese neben ihr erschien , machte die bleiche Gestalt länger und das Angesicht edler und zog die blumige jungfräuliche Verhüllung vom scharfen Umriß weg . Idoine sprach wenig zum Ritter und sah nur zu , wie ihre Freundin Linda ordentlich in kindlicher Liebe überfloß gegen seine fast väterliche . Beide Jungfrauen behandelte er mit einer achtenden , warmen und zarten Moralität , welche einem Auge ( z.B. dem des Fürsten ) wunderbar erscheinen mußte , das oft Zeuge der ironischen Unbarmherzigkeit gewesen , womit er wurmstichige , anbrüchige Herzen - halb eingepfarret in Gottes Kirche und halb in des Teufels Kapelle - , scheue , weiche , empfindsame Sünder , innerlich-bodenlose Phantasten , z.B. Roquairols , gern in einer langsamen Spirale frecher Reden immer tiefer und froher in den Mittelpunkt der Schlechtigkeit hinabzudrehen pflegte . Der Fürst dachte dann : » Er denkt gerade wie ich « ; aber Gaspard macht ' es mit ihm ebenso . Auch die wankende , blasse Julienne schlich endlich herein , um ihn zu sehen . Man umging , so weit man konnte , ihrentwegen das offne Grab der Freundin ; aber sie fragte selber nach dem kranken Geliebten derselben recht angelegentlich . Der Ritter - welcher für die meisten wichtigen Antworten sich ein eignes Phrasesbuch des Nichts , besondere Rede-Eisblumen angeschafft hatte , dergleichen waren : » es geht , so gut es kann « oder » man muß es erwarten « oder » es wird sich wohl geben « - bediente sich der letzten Redeblume und versetzte : » Es wird sich wohl geben . « Als er nach Hause kam , hatte sich nichts gegeben , sondern hoch war die Flut des Übels gestiegen . Der Jüngling lag nieder angekleidet auf dem Bette - unvermögend mehr zu gehen - brennend - irre redend - und doch bei jedem Glockenschlage seine alte Bitte in den hohen versperrten Himmel rufend . Bis hieher hatte sein kräftiges , festes Gehirn die Vernunft wenigstens für alles , was Lianen nicht betraf , fest zu behalten gewußt ; aber allmählich ging die ganze Masse in die Gärung des Fiebers über . Vergeblich waffnete sich sein Vater einmal , da er kniete und um die Erscheinung der Toten bat , mit dem ganzen Sturm und Donner seiner Persönlichkeit ; » gib mir den Frieden « , betete Albano sanft weiter und sah ihm sanft dabei ins Gesicht . Schoppe nahm jetzt mit der Miene eines wichtigen Geheimnisses den Vater allein und sagte , er wisse ein unfehlbares Mittel . Gaspard bezeugte seine Neugierde . » Die Prinzessin Idoine « ( sagt ' er ) » muß nach erbärmlichen Kindereien gar nichts fragen , sondern keck , wenn es eben schlägt und er kniet , ihm als der selige Geist erscheinen und den fatalen Frieden schließen . « - Wider alles Vermuten sagte der Ritter unmutig : » Es ist unschicklich . « Umsonst sucht ' ihn der predigende Schoppe in die Sonnenseite zu rücken - bloß in der Winterseite zog er weiter hinein bei dem Anschein fremder Absicht ; in eine sanfte Wärme konnt ' ihn niemand bringen als nur er sich selber . - Zuletzt ließ Gaspard nach seiner Sitte über dem ewigen Grundeis seines Charakters so viel Treibeis obengenannter Phrasen schwimmen , daß Schoppe stolz und zornig schwieg . Noch dazu gingen die Anstalten zur Abreise fort , als sei der Vater willens , den Sohn brennend aus dem Fieberbrande zu ziehen und wahnsinnig aus den alten Liebes-Zirkeln zu reißen . Schoppe machte ihm seinen Vorsatz , daheim zu bleiben , bekannt ; er sagte , er habe nichts dagegen . Nun fühlte Schoppe an seinem eignen zerritzten Gesicht den schneidenden Nord dieses von ihm sonst beschützten Charakters ; » traue keinem langen , schlanken Spanier , sagte Kardanus mit Recht « 166 , sagte er . Albano war krank und daher nicht trostlos . Er schöpfte aus der Lethe des Wahnsinns die dunkle Betäubung gegen die Gegenwart ; nur wenn er kniete , spiegelte sich im Strom seine zerrissene Gestalt und ein wolkiger Himmel . - Er hörte nichts davon , wie die Dürftigen ihren Namen nannten , um dankend um die ruhende Wohltäterin zu weinen , vor deren Klagen jetzt das heilende Saitenspiel ihrer Mienen taub und stumm lag - Er hörte nichts von dem Toben ihres Bruders , noch vom lauten ( akustisch-gebaueten ) Schmerze ihres Vaters , oder von der starren , in dumpfe Qual gewickelten Mutter - Er wußt ' es nicht voraus , daß die bleiche Charis in ihrem Krönungszimmer an einem Abende zwischen Lichtern zum letztenmal der Erde erscheinen werde , bekränzt , geschmückt und schlummernd - Ihm starb zwar in jeder Stunde eine unendliche Hoffnung , aber jede gebar ihm auch eine neue . - - » Armer Bruder , « ( sagte Schoppe am andern Tag im edeln Zorn ) » ich schwöre dirs , du bekommst heute deinen Frieden . « Der blasse Kranke sah ihn bittend an . » Bei Gott ! « schwur Schoppe und weinte beinahe . 98. Zykel Schoppe hatte sich vorgesetzt , um den Ritter - der den Abend halb an den Minister und halb an Wehrfritz in Blumenbühl verteilte - sich gar nicht zu bekümmern , sondern geradezu vor die Prinzessin Idoine mit der großen Bitte zu treten . Vorher wollt ' er sich den Lektor dazu holen als Türhüter oder Billeteur der versperrten Hoftüren und als Bürgen seiner Worte . - Aber Augusti erschrak unbeschreiblich ; er versicherte , das geh ' unmöglich an eine Prinzessin und ein kranker Jüngling - und gar eine ridiküle Geister-Rolle u.s.w. , und der eigne Vater seh ' es ja schon ein . Schoppe wurde darüber ein aufspringendes Sturmfaß und ließ wenig Flüche und Bilder liegen , die er nicht gebrauchte über den menschenmörderischen Widersinn der Hof- und Weiber-Dezenz - sagte , diese sei so schön gebildet und so blutig quälend wie eine griechische Furie - sie binde an Menschen wie Köchinnen an Gänsen die Hals-Wunde nur nach dem Verbluten zu , damit sich die Federn nicht befleckten - und er sei so gut ein Courtisan , schloß er zweideutig , als Augusti und kenne Dezenz ; » auch der Fürstin , die ihn doch so gern hat , darf ichs nicht vortragen ? « Augusti sagte : » Der Fall ist nicht verschieden . « - » Juliennen auch nicht ? « - » Auch nicht « , sagt ' er . - » Auch dem so satanischen Satan nicht ? « - » Ein guter Engel ist doch dazwischen , « ( versetzte Augusti ) » den Sie wenigstens schicklicher als Vorbitter brauchen können , weil er dem Vliesritter von Cesara Verbindlichkeiten schuldig ist - die Gräfin von Romeiro . « - » O , warum nicht gar ? « sagte Schoppe betroffen . Der Lektor - unter die niemals eigenhändigen Menschen gehörig , die alles gern durch die dritte , sechste , fernste Hand nach einer der Fingersetzung ähnlichen Hände-Setzung tun - legte seine Bereitwilligkeit , ihn bei Linda einzuführen , und ihr Vermögen , in dieser » epinösen Affäre « zu wirken , dem Nachdenker näher vor . Schoppe fuhr ungemein hin und her - schüttelte oftmals heftig den Kopf und stockte doch plötzlich - flog und schüttelte noch heftiger - sah mit scharfer Frage den Lektor an - endlich stand er fest - schlug mit beiden Armen nieder und sagte : » Der Donner und das Wetter hole die Welt ! Nun gut , es sei ! Ich will vor sie - - Himmel , warum bin ich denn Ihnen sozusagen so lächerlich , jetzt gerade , mein ' ich ? « - Gleichwohl hatte der höfliche Lektor das Lächeln der Lippen nur in das Lächeln der Augen versetzt . Auf Schoppes Gesicht stand die Wärme und Eile des Selbst-Siegers . Wie Menschen zugleich harthörig unter dem gemeinen Lebens-Getöse sein können und doch den feinsten musikalischen Lauten offen167 : so waren Schoppens innere Ohren verhärtet gegen das Volks-Gepolter des allgemeinen Treibens , aber durstig zogen sie alle weiche , leise Melodien der heiligern Seelen ein . Der Lektor - den Grafen weit herzlicher liebend als dieser ihn - nahm stürmisch den Bibliothekar sogleich mit fort ins Schloß , in weil eben jetzt die recht-erlesene Hof-Ferien-Stunde sei , von 4 1 / 2 bis 5 1 / 2 Schoppe sagte , er sei dabei . Im Schloß befahl Augusti einem Diener , der ihn verstand , Schoppen ins Spiegelzimmer zu führen . Er tats ; brachte Lichter nach ; und Schoppe ging langsam mit seinem verdrüßlichen Gefolge stummer flinker Spiegel-Urang-utangs auf und nieder , seiner Rolle und Zukunft nach rechnend . Seltsam fühlt ' er sich jetzt betroffen von seinem jungen , frischen Gefühl der bisherigen Freiheit , die er eben suspendierte ; er erkannte sie an , hielt sie fest , sah sie an , sprach ihr zu : gehe nur ein wenig fort , rette ihn und dann komme wieder ! Seine eigne Vervielfältigung ekelte ihn : » Müsset ihr mich stören , ihr Ichs ? « sagt ' er , und er legte sichs nun vor , wie er stehe vor der reichsten , hellesten Minute und feinsten Goldwaage seines Daseins , wie ein Grab und ein großes Leben liege auf dieser Waage , und wie sein Ich ihm schwinden müsse wie die nachgemachten gläsernen Ichs umher . - - - Plötzlich flog ihn eine Freude an , nicht über den Wert seines Entschlusses , sondern über die Gelegenheit dazu . Endlich gingen nahe Türen auf und dann die nächste . - Da trat mit noch halb zurückgewandtem Kopfe eine große Gestalt herein , ganz in lange schwarze Seide eingehüllt . Wie ein entzückter Mond auf hohen Laubgipfeln , stand auf der seidnen dunkeln Wolke ein üppig-blühender schmuckloser Kopf voll Leben vor ihm , mit schwarzen Augen voll Blitze , mit dunkeln Rosen auf dem blendenden Gesicht und mit einer thronenden Schnee-Stirn unter dem braunen Locken-Überhang . - Schoppen war , da sie ihn ansah , als liege sein Leben im vollen Sonnenschein , und er fühlte ängstlich , daß er sehr nahe an der Königin der Seelen stehe . » Herr v. Augusti « ( fing sie ernst an ) » hat mir gesagt , daß Sie eine Bitte für Ihren kranken Freund in meine Hände geben wollen . Sagen Sie mir solche klar und frei , ich werde Ihnen gern und bestimmt und offen antworten . « Alle Rollen-Erinnerungen waren in ihm zu Boden gesunken und aufgelöst ; aber der große Schutzgeist , der unsichtbar neben seinem Leben flog , stürzte sich mit feurigen Flügeln in sein Herz , und begeistert antwortete er : » Auch ich ! - Mein Albano ist tödlich krank - er ist im Fieber seit gestern abends - er liebte das verstorbene Fräulein Liane - er ist auf die Greifgeier-Schwinge des Fiebers gebunden und wird hin-und hergerissen - er stürzt bei jedem Glocken-Ausklang auf die Knie und betet , dicht an der Glutseite der Phantasie liegend , immer heißer ; erscheine mir und gib mir Frieden - er steht aufrecht und angekleidet auf dem hohen Scheiterhaufen der phantastischen Kreis-Flammen und lechzet und brät und dorret sehr aus und krümmt sich nieder , wie ich wohl sehe ..... « » O , finissez donc ! « ( sagte die Gräfin , welche den Venus-Kopf schaudernd zurückgebogen und langsam geschüttelt hatte ) » Fürchterlich ! - Ihre Bitte ! « » Nur die Prinzessin Idoine « ( sprach er , zu sich kommend ) » kann sie erfüllen und ihn erretten , wenn sie ihm erscheint und ihm Frieden zusagt , da sie eine so nahe Ass- Kos-168 , Kopie und Nebensonne von der Verstorbnen sein soll . « - » Ist das Ihre Bitte ? « sagte die Gräfin . » Meine größte « , sagte Schoppe . » Hat Sie sein Vater hergeschickt ? « sagte sie . » Nein , ich « - ( sagt ' er ) » der Vater , damit ich klar und frei und bestimmt sei , will es nicht . « » Sind Sie nicht der Maler des niesenden Selbst-Porträts ? « fragte sie . Er verbeugte sich und sagte : » Ganz gewiß ! « Als sie ihm geantwortet , in einer Stunde hör ' er die Entscheidung , machte sie ihm eine kurze achtende Abschiedsverbeugung - und die einfache , edle Gestalt verließ ihn mitten in seinem trunknen Nachschauen ; und er war unwillig , daß die kindischen Spiegel umher der einzigen Göttin so viele Nachschatten nachzuschicken wagten . Zu Hause fand er zwar den Wahnsinnigen , dessen Ohren allein nur in der Wirklichkeit fortlebten , wieder auf den Knien vor dem sechsten Glockenschlage ; aber seine Hoffnung blühte jetzt unter einem warmen Himmel . - Nach einer Stunde erschien der Lektor und sagte mit bedeutend-froher Miene : es gehe recht gut , er hole einen Ausspruch des Arztes über die Krankheit , und dann entscheid ' es sich darnach . Herr v. Augusti gab ihm mit hofmännischer Ausführlichkeit den bestimmtern Bericht : die Gräfin flog zur Fürstin , deren Achtung für den künftigen Reisegefährten sie kannte , und sagte ihr , sie würd ' es in Idoinens Falle ohne Bedenken tun . - Die Fürstin bedachte sich ziemlich und sagte , hierüber könne nur ihre Schwester entscheiden - Beide eilten zu ihr , malten ihr alles vor , und Idoine fragte erschrocken , was sie für ihre Ähnlichkeit und ihre wohlwollende Reise könne , daß man sie so tief in solche phantastische Verwicklungen ziehen wolle . - In dieser Sekunde trat Julienne blaß herzu und sagte , sie habe schon seit dem Morgen Nachricht davon , das Erscheinen sei einer so guten Seele Pflicht . - Da antwortete Idoine , sich und alles bedenkend und mit Würde : es sei gar nicht das Ungewöhnliche und Unschickliche , was sie schrecke , sondern das Unwahre und Unwürdige , da sie mit dem heiligen Namen einer abgeschiednen Seele und mit einer flachen Ähnlichkeit einen Kranken belügen solle . - Die Gräfin sagte , sie wisse darauf keine Antwort , und doch sei ihr Gefühl nicht dagegen - Alle schwiegen verlegen . - - Die gewissenhafte Idoine war im weichsten Herzen bewegt , das unter dem Gewichte einer solchen Entscheidung über ein Leben zitternd erlag . - Endlich sagte Linda mit ihrem Scharfsinn : » Es wird aber doch eigentlich kein moralischer Mensch getäuscht , sondern ein Schlafender , ein Träumer , und Einbildung und Lüge soll ja an ihm nicht bestärkt , sondern besiegt werden . « - Julienne nahm Idoinen mit sich , um ihr den Jüngling , den sie so wenig wie Linda gesehen , wahrscheinlich näher zu malen . - Bald darauf kam Idoine mit dem Ausspruche zurück : » Wenn der Arzt ein Zeugnis gibt , daß ein Menschen-Leben daran hänge : so muß ich mein Gefühl besiegen . Gott weiß es , « ( setzte sie bewegt dazu ) » daß ich es ebenso willig tue als unterlasse , wenn ich nur erst weiß , was recht ist . Es ist meine erste Unwahrheit . « Der Lektor eilte von Schoppe zum Doktor , um von ihm unter vielen Wendungen gerade das schicklichste Zeugnis mitzunehmen . Schoppe wartete lange und ängstlich - nach 7 Uhr kam ein Blatt von Augusti : » Halten Sie sich bereit , Punkt 8 Uhr kommt die bewußte Person ! « - Sogleich ließ er , um die Fieberaugen zu schonen , im Krankenzimmer statt der Wachslichter die magische Hänge-Lampe aus Beinglas brennen . Den kranken Jüngling zündete er mit Geschichten von Wiedergekommenen noch stärker an und riet ihm , mit langen Feuergebeten vor der festen Todespforte zu knien , damit Ihr milder , barmherziger Geist sie aufreiße und ihn auf der Schwelle heilend berühre . Kurz vor acht Uhr kamen in Sänften die Fürstin und ihre Schwester . Schoppe wurde selber schaudernd von dieser auferstandnen Liane ergriffen . Mit funkelndem Auge und versperrtem Munde führt ' er die schönen Schwestern in die Kulisse , auf deren Bühne draußen sie schon den Jüngling beten hörten . Aber Idoinens zarte Glieder zitterten vor der ungeübten Rolle , worin ihr wahrhafter Geist sich verleugnen sollte ; sie weinte darüber , und der fromme schöne Mund war voll stummer Seufzer ; oft mußte die Schwester sie umarmen , um ihr Mut zu machen . Die Glocke schlug - fürchterlich-heiß flehte der Wahnsinnige drinnen um Frieden - die Zunge der Stunde gebot - Idoine schickte einen Blick als Gebet zu Gott . - Schoppe öffnete langsam die Türe . - Drinnen kniete mit gen Himmel gehobnen Armen und Augen ein schöner , in der magischen Dunkelheit blühender Göttersohn im eisernen Zauberkreise des finstern Wahnsinus und rief nur noch : » O Frieden , Frieden ! « - Da trat die Jungfrau begeistert wie von Gott gesandt hinein ; weißgekleidet wie die Verstorbne im Traumtempel und auf der Bahre , mit dem langen Schleier an der Seite , aber höher gestaltet , weniger rosenfarb und mit einem schärfern , hellern Sternenlicht im blauen Äther des Auges und ähnlicher der Liane unter den Seligen und erhaben , als komme sie als ein verjüngter Frühling von den Sternen wieder , so trat sie vor ihn - sein greifender Flammenblick erschreckte sie - leise und wankend stammelte sie : » Albano , habe Frieden ! « - » Liane