gelungen als der Zaubrerin Euphorion , oder - die Grazien mögen mir verzeihen daß ich sage - der Göttin selbst . Jene hingegen könnte unter den Wundern , die deine Schönheit bereits gethan hat , vielleicht das größte scheinen , wenn es wirklich ein größeres Wunder wäre , daß dein Bild einen jungen Aspendischen Schwächling rasend machte , als daß du selbst schon mehr als Einen Kopf , mit dem es sonst ziemlich richtig stand , aus dem Gleichgewicht gerückt hast . Der gute Chariton hatte , wie es scheint , von dieser Seite wenig zu verlieren ; und da ein im Grunde doch nur sehr gemeines Hausmittel gegen ein schon ziemlich eingewurzeltes Uebel so gut und schnell bei ihm anschlug , so ist nicht zu zweifeln , es würde , wenn man gleich Anfangs darauf verfallen wäre , dem alten Aspendier und seiner Familie viel Kummer , Plackerei und Ausgaben , dem jungen ein paar verlorne Jahre , und dir einen sehr entbehrlichen Zusatz zu deiner Celebrität erspart haben . - Aber was rede ich Undankbarer gegen die goldene Kette der menschlichen Thorheiten und Mißgriffe , an welcher doch zuletzt alle unsere Schicksale , die glücklichen wie die unglücklichen , hangen ? Hätte Tyche120 nicht in einer ihrer seltsamsten Launen die Kunstliebhaberei des alten Charidemus , den Zufall der eine Kopey der Skopassischen Venus in seine Hände spielte , die kränkelnde Reizbarkeit seines verzärtelten schwachsinnigen Sohns , die geringe Besonnenheit der ganzen Familie , den Unverstand der ersten Aerzte , und die auf bloßes Gerathewohl gewagte lange Reise von Aspendus nach Korinth , hätte , sage ich , die Göttin des Zufalls dieß alles nicht mit dem zarten Billigkeitssinn und dem philosophischen Vorwitz der schönen Lais so fein zusammengewebt , so würde - wahrlich so würde Aristipp das Vergnügen nicht gehabt haben , seine Freundin einen ganzen Monat früher zu sehen ! - Aber womit hat denn Aristipp verdient , auf so vieler wackerer Leute Unkosten ganz allein und unentgeltlich die süße Frucht ihrer Thorheiten einzuernten ? - Antworte mir jemand auf diese Frage etwas Besseres als : so ist nun einmal die Weise der großen Weltregentin ! Glück und Verdienst , Ausgabe und Gewinn , Genuß und Arbeit , scharf und gleich gegen einander abzuwägen , ist ihres Thuns nicht ; und gegen einen , der die Früchte seines mühsamen Fleißes unverkümmert genießt , ernten nenne wo sie nicht gesäet haben . Da ich einmal im Zug bin über die Geschichte deiner Aspendier zu moralisiren , so erlaube mir noch eine Bemerkung , die ich zwar schon hundertmal bei andern Gelegenheiten gemacht habe , die aber hier nöthig ist , um der vorbelobten Göttin nicht mehr Ehre zu geben als ihr gebührt . Es braucht gewöhnlich zu einer ungeheuern Masse von Narrheit und Albernheit nur ein einziges Körnchen Menschenverstand , und etwa noch , wenn du willst , ein kleines Tröpfchen Gutherzigkeit , um , wenn alles zusammengegohren hat , am Ende ein leidliches , ja wohl gar gutes Resultat herauszukriegen ; dafür würde aber auch ohne diese wenigen Zuthaten ganz und gar nichts Taugliches herausgekommen seyn . So ist z.B. an dieser ganzen Aspendischen Geschichte nichts Verständiges als der Einfall des Arztes Praxagoras , die Ursache des Wahnsinns des jungen Menschen zum Mittel seiner Genesung zu machen . Ohne diesen gescheidten Einfall würde wahrscheinlich zuletzt die ganze wohlvornehme Sippschaft des ehrsamen Charidemus um ihr bißchen Verstand gekommen seyn . Aber gleichwohl , was hätte der gute Gedanke frommen können , wenn die schöne Lais sich nicht in einem raschen Anfall von Gutherzigkeit entschlossen hätte , dem Uebel abzuhelfen , bevor sie noch das Mittel dazu in Ueberlegung genommen hatte . Dem sey indessen wie ihm wolle , vergiß mir ja nicht , liebe Laiska , die prächtige Trinkschale des Aspendiers mit nach Aegina zu nehmen . Ich muß daraus auf die Gesundheit aller gescheidten Leute trinken , die durch schöne Weiber zu Narren , und aller Narren die durch kluge Weiber gescheidt werden . Wie groß wohl die Anzahl der letztern gegen die erstern seyn mag ? - Das soll uns den Stoff zu einem Tischgespräch geben , woraus sich zur Noth ein Gegenstück zu Platons Symposion drechseln ließe . Ernsthaft gesprochen , muß ich gestehen , daß dieser neue Zwitter von Philosophie und Poesie , von seiner glänzenden Seite betrachtet , die Lobsprüche verdient , die du ihm in der Entzückung des ersten Genusses ertheilt hast . Neuheit der Erfindung , Reichthum des Stoffs , Schönheit der Form , angenehm abwechselnde Mannichfaltigkeit der Unterhaltung , sinnreiche Allegorien , zum Theil ( wie die vom Ursprung des Eros aus der verstohlnen Umarmung des Porus und der Penia ) in Milesische Mährchen121 eingekleidet , feiner Atticism des scherzenden und edle Würde des ernsten Tons ; zu allem diesem ( mit wenigen Ausnahmen ) eine große Zierlichkeit der Sprache , und ein Rhythmus , den ich , in allem was nicht gesungen werden soll , dem Metrischen in mancherlei Rücksicht vorziehe , dieß alles ist bisher , wohl in keinem Werke dieser Art in einem so hohen Grade vereinigt gesehen worden , und Protagoras , Gorgias , ja Prodikus selbst , haben hier ihren Meister gefunden . Ob ich gleich nie glauben werde , daß Plato ( wie er von einigen beschuldigt wird ) des lächerlichen Uebermuths fähig sey , durch seine Dialogen den alten Homer verdrängen zu wollen : so sehe ich doch , daß er , vom Geist einer edeln Ruhmbegier angeweht , der Welt in diesem Symposion zeigen wollte , daß er die Geheimnisse der Composition und Darstellung nicht weniger in seiner Gewalt habe , als die Kunstgriffe der Rhetorik und Dialektik ; daß seine Phantasie fruchtbar genug sey , ihn mit einer Menge neuer Erfindungen , Bilder und Gedanken aller Art zu versehen ; mit Einem Worte , daß es nur auf seinen Willen ankomme , ein eben so großer Redner und Dichter als scharfsinniger Sophist und subtiler Begriffespalter zu seyn . Auch kann ich nicht umhin , dich auf einen Umstand aufmerksam zu machen , der in meinen Augen einer der größten Vorzüge dieses Dialogs ist , nämlich daß Sokrates in keinem andern sich selbst so ähnlich sieht ; wiewohl ich damit nicht gesagt haben will , daß er nicht noch immer zu viel platonisirt , um für den ächten unverfälschten Sohn des Sophroniskus , wie wir ihn beide gekannt haben , gelten zu können . Alles indessen , was an diesem Werke zu loben ist , zusammengerechnet , hat unsre Literatur , meines Bedünkens , dadurch wieder einen großen Schritt vorwärts gemacht , und wenn sie so fortführe , würde man dereinst auch von unsern prosaischen Schriftstellern , wie von unsern Dichtern , Bildnern und Architekten , sagen können , daß sie andern Völkern und künftigen Zeiten , wenigstens was die Form betrifft , nichts als das Bestreben ihre Werke , als die höchsten Modelle des Schönen in der Kunst , zu studiren und nachzuahmen übrig gelassen hätten . Ob aber auch die Philosophie , insofern sie die Wissenschaft alles dessen ist , was der Mensch wissen soll und wissen kann , so viel dadurch gewonnen habe als seine Verehrer behaupten , und überhaupt wie das ganze Werk , wenn es Stück vor Stück einer strengen Prüfung unterworfen würde , vor dem ernsten unbestechlichen Richtstuhl der Wahrheit und Sittlichkeit bestehen würde , dieß , liebe Laiska , ist eine andere Frage , deren Erörterung uns in eine so langweilige Analyse verwickeln würde , daß ich die Entscheidung lieber bei einer zweiten ruhigern Lesung deinem eigenen Gefühl überlasse . - Doch du willst ja , daß wir das Symposion unter den Augen deiner Grazien zu Aegina mit einander lesen ? Auch das , meine Freundin ! wenn uns diese freundlichen Göttinnen ja so abhold seyn könnten , uns keine angenehmere Beschäftigung zu geben . Lege mir es übrigens nicht zur Eifersucht aus , wenn ich dir sage , deine Phantasie schwärme , flattre und kreise so viel um diesen Plato herum , daß ich nicht dafür gut stehen möchte , daß er dir nicht , wie du jetzt scherzweise sagst , zuletzt noch in ganzem Ernste gefährlich werden könnte . Wirklich weiß ich dir zu Verhütung dieses Unglücks keinen bessern Rath , als wieder einmal nach Athen herüber zu kommen , und dich mit deinen eigenen Augen von der Schönheit seiner Physiognomie und der Liebenswürdigkeit seiner Schwärmerei zu überzeugen . Ich glaube selbst , wofern er sich ' s in den Kopf setzte , so artig und liebenswürdig gegen dich zu seyn als er könnte , eine Frau wie du würde an ihrer ganzen Stärke nicht zu viel haben , um sich seiner zu erwehren . Aber wenn die Gefahr aufs höchste gestiegen wäre , brauchtest du auch nichts weiter als eine seiner Vorlesungen über seinen Parmenides , Protagoras , oder Kratylus zu hören , um - sogar den Cynischen Diogenes liebenswürdig zu finden , wiewohl seine Haare , seitdem er sie mit seinen Fingern kämmt , nicht in der besten Ordnung sind . Der schöne Kleophron empfiehlt sich deinem Andenken . Er hat sich seit einiger Zeit so eifrig auf die Speusippische Philosophie gelegt , daß in wenigen Monaten eine kleine Luftveränderung in Aegina , wofern du die Güte hättest , ihn einzuladen , ihm ungemein zuträglich seyn dürfte . 32. Aristipp an Kleonidas . Es wäre schwer , bester Kleonidas , dir zu beschreiben , wie mir zu Muthe ward , als ich mich am dritten des letztverwichnen Munychions122 wieder in dem reizenden Landsitz unsrer Freundin befand , den ich seit dem Anfang des zweiten Jahres der fünfundneunzigsten Olympiade nicht wieder gesehen hatte . Die neun Jahre , um die ich indessen älter geworden bin , haben ihm nicht nur allen Reiz der Neuheit wieder gegeben , sondern die Wirkung seines eigenen Zaubers noch durch tausend verwandte Erinnerungen verstärkt . Als ich an ihrer Hand zum erstenmal wieder in den Garten trat , tauchten plötzlich die Bilder der schönsten Gegenden und Lustörter , die ich binnen dieser Zeit gesehen hatte , in meinem Gedächtniß auf , und gewährten mir , indem sie sich an die vor mir liegenden Scenen anschlossen , einen unbeschreiblichen Augenblick . Aber fast eben so plötzlich wurden sie wieder , wie morgenröthliche Duftgestalten von der aufgehenden Sonne , von dem lebendigern Gefühl des Gegenwärtigen verschlungen . Weder Panionions liebliche Gefilde , noch die zauberischen Hügel und Thäler von Lesbos , noch das Elysische Tempe hatte ich an ihrem Arm gesehen ; in keinem von jenen zweimal die schönste der Horen mit ihr gefeiert , in keinem den Bund ewiger Freundschaft am Altar der Grazien mit ihr beschworen . Welchen magischen Glanz gossen alle auf Einmal erwachenden Bilder der Vergangenheit über alles aus was ich sah , über jede Stelle , die ich betrat ! über jede schattende Baumgruppe , unter welcher wir saßen , jede unter Blumengewinden hin schleichende Quelle , an deren Rande wir lustwandelten , jede dunkle Myrtenlaube , jede stille Grotte , die unsre glücklichsten Augenblicke unter den Zauberschleier des Geheimnisses bargen ! - Könntest du dich wundern , daß dieß alles mein Gemüth in eine Stimmung setzte , die den Wunsch , mit welchem ich nach Aegina gekommen war , zu Hoffnung erhöhte , und , da Lais selbst durch eine gewisse , mir an ihr ungewohnte Innigkeit ihres ganzen Betragens gegen mich , ähnliche Gefühle zu verrathen schien , mich einige Tage lang glauben ließ , es könnte mir vielleicht gelingen , ihr meinen Plan für ihr künftiges Leben unvermerkt als ihr eigenes Werk in die Seele zu spielen ? - Aristipp kann also auch schwärmen , wirst du denken ? - Ich gesteh ' es , und lasse mir ' s nicht leid seyn ; im Gegentheil , da ich die Gabe habe , daß eine getäuschte Hoffnung für mich nichts weiter ist als das Erwachen aus einem schönen Traum , so danke ich der Natur auch für jeden Genuß , den sie mir in Träumen schenkt . Aber wozu hier diese voreiligen Betrachtungen , da alles noch so lächelnde Anscheinungen hat ? Unsre Freundin hat sich in den drei Jahren , die seit unserer Zusammenkunft zu Rhodus verflossen sind , so wenig verändert , daß ihre Schönheit vielmehr noch immer im Zunehmen zu seyn , und sogar von dem frischen Glanz der ersten Jugend nichts verloren zu haben scheint . Doch auch dieß ist vielleicht nur ein täuschender Schluß von Gleichheit der Wirkung auf Gleichheit der Ursache ; denn es ist nicht unmöglich , daß die größere Sicherheit immer zu gefallen , und die größere Vollkommenheit in der Kunst zu gefallen , das Wenige , was sie durch die Zeit verloren haben könnte , doppelt und dreifach ersetzt . Dem sey wie ihm wolle , gewiß ist daß ich sie noch nie so äußerst liebenswürdig , nie in einer so sanften , beinahe möcht ' ich sagen zärtlichen Stimmung gesehen habe , als in den ersten Tagen unsrer Wiedervereinigung . Sie schien sich nur in dem einfachsten ländlichsten Anzug zu gefallen . Das Marmorbecken vor ihrem Schlafgemach , worein ein schelmisch lächelnder Amor das Wasser aus seiner umgekehrten Fackel gießt , vertrat diese ganze Zeit über die Dienste der krystallenen Näpfchen und Alabasterbüchsen , womit ihr Putztisch beladen zu seyn pflegt . Ein leichtes weißes Gewand , eine Rose in den kunstlos sich ringelnden Locken , ein Veilchenstrauß am Busen , waren ihr ganzer Putz . Kurz , sie spielte eine Art Arkadischer Schäferin aus der goldnen Zeit123 , mit so viel Natur und Anmuth , als ob sie nie etwas anders gewesen wäre . Sie schien in diesen glücklichen Tagen beinahe für mich allein da zu seyn ; und ich ? - du kennst meine Weise - alles Gute ( und wahrlich auch das Angenehme ist gut ) dankbar anzunehmen und zu genießen , ohne zu fragen , oder mir Kummer darüber zu machen , wie lang ' es dauern werde . Aber wenn ich sage , daß in einer einzigen Dekade wie diese mehr Lebensgenuß ist , als in neunzig Jahren , wie man gewöhnlich zu leben pflegt , so glaube ich keinen übermäßigen Werth auf sie gelegt zu haben . Euphranor , der auf dem Fuß einer vertrauten Freundschaft mit ihr steht , und dieses Vorzugs in mehr als Einer Rücksicht würdig scheint , hat eine Arbeit mitgebracht , womit er so eifrig beschäftigt ist , daß man ihn , außer bei Tische , nur in seiner Werkstatt zu sehen bekommen kann . Vielleicht ist dieß zwischen Lais und ihm so verabredet worden : doch halte ich ihn für edel und bescheiden genug , aus eigner Bewegung die Rechte einer ältern Freundschaft ohne Schelsucht anzuerkennen . Ueberdieß scheint mir ein geheimes Verständniß zwischen ihm und einer von den Zöglingen unsrer Freundin vorzuwalten , wodurch ihm ( wofern ich recht beobachtet hätte ) die Tugend der Selbstüberwindung freilich so sehr erleichtert würde , daß sie beinahe aufhörte verdienstlich zu seyn . Euphranor ist ein eben so gelehrter als geschickter Künstler ; Bildner und Maler zugleich , beiden Künsten mit gleicher Liebe zugethan , und in beiden gleich stark ; was vielleicht Ursache seyn könnte , daß er in keiner die hohe Stufe der Vortrefflichkeit und des Ruhms erreichen wird , die ihm nicht fehlen könnte , wenn er sich einer von beiden allein widmete . Sein Kunstsinn will sich aber um so weniger auf ein einzelnes Fach einschränken lassen , da es ihm in allen gelingt , und die Abwechslung ( wie es scheint ) großen Reiz für ihn hat . Was er dermalen für Lais arbeitet , ist ein goldner Becher , dessen Deckel , ein einziger herrlicher Sardonyx aus der Persischen Beute , mit halb erhobenen Figuren von großer Schönheit von ihm geziert wird . Seit kurzem hat er angefangen , sich vorzüglich mit der Wachsmalerei zu beschäftigen , die er der lebhaftern Wirkung und größern Dauerhaftigkeit wegen der gewöhnlichen mit dem Pinsel vorzieht , und zu einem bisher noch nie gesehenen Grade von Vollkommenheit zu bringen hofft . Man tadelt an seinen Werken124 , daß er die Köpfe , vornehmlich an seinen heroischen Figuren , zu groß mache , worüber man sich , wenn der Tadel gegründet wäre , um so mehr verwundern müßte , da er ein Buch über die Symmetrie geschrieben hat , und sich mit dem Fleiß , womit er diesen Theil der Kunst studirt habe , nicht wenig weiß . » Daß man , « sagt er , » meine Köpfe zu groß findet , hat eine sehr natürliche Ursache : es kommt nicht daher , daß meine Köpfe zu groß , sondern daß der andern ihre zu klein sind . Uebermaß taugt in allen Dingen nichts : aber was an jedem Dinge zu viel und zu wenig ist , läßt sich nicht durch eine einzige allgemeine Formel bestimmen . Schwerlich wird man mir beweisen können , daß ich in der Proportion meiner Köpfe über die schöne Natur hinausgehe ; von dem gemein angenommenen Maß hingegen entferne ich mich geflissentlich , weil der Kopf unstreitig derjenige Theil ist , worin der Geist und Charakter an Menschen und Thieren sich am stärksten und deutlichsten ausspricht ; wiewohl ich nie vergesse , daß alle , auch die kleinsten Gliedmaßen des menschlichen Körpers mehr oder weniger charakteristisch sind . Nur dann , wenn die Köpfe meiner Heroen durch das proportionelle größere Verhältniß , das ich ihnen gebe , nicht auch an Bedeutsamkeit und Energie gewinnen , verdiene ich Tadel , und dieß ist noch auszumachen . « Ob Euphranor Recht hat , überlasse ich deinem Urtheil . Mir sind die Köpfe in den wenigen Werken , die ich von ihm gesehen habe , nicht größer vorgekommen als sie seyn sollen . Aber das geübte und gelehrte Auge des Kenners mißt freilich schärfer , als der Blick eines bloßen Liebhabers . Der junge Antipater , dem ich zur Belohnung seines Fleißes und guten Betragens das Glück ein paar Monate bei der schönsten Frau unsrer Zeit zu leben nicht versagen wollte , hat bereits , ohne es zu wissen oder wissen zu wollen , so viele Eroberungen gemacht , als weibliche Wesen in diesem Hause sind . Lais selbst begegnet ihm mit ausgezeichneter Achtung , und läßt ihm seit einigen Tagen sogar ziemlich deutlich merken , daß ihr die Art des Eindrucks , den sie auf ihn mache , nicht gleichgültig sey . Ich habe ihn auf nichts vorbereitet . Er soll alles mit eigenen Augen sehen , und sich in allem nach seinem eigenen Gefühl und Urtheil benehmen ; und er sieht wirklich schärfer und beträgt sich männlicher , als man von einem Jüngling seines Alters erwarten sollte . Ich verberge ihm so viel möglich , daß ich ihn beobachte , und erforsche nichts von ihm was er mir nicht von freien Stücken sagt . Bis jetzt habe ich noch keine merkliche Veränderung an ihm wahrnehmen können . Er spricht von dieser Frau , die noch alles , was in ihren Gesichtskreis gerieth , bezaubert hat , mit der ruhigen Bewunderung , womit er von einer schönen Bildsäule reden könnte , und scheint auch nicht mehr als für eine Bildsäule für sie zu fühlen . Er begegnet ihr mit einer Ehrerbietung , womit eine Göttin zufrieden seyn könnte ; läßt sich aber dadurch nicht abhalten , bei allen Gelegenheiten herzhaft andrer Meinung zu seyn als sie , und scheint weder die mindeste Ahnung zu haben , daß er ihr durch seine kaltblütige Unbefangenheit mißfallen könnte , noch sich Kummer darüber zu machen , wofern dieß wirklich der Fall wäre . Die Gewalt , welche die stärkste ihrer Leidenschaften , der Stolz , ihr über alle übrigen gibt , macht es schwer zu sagen , was sie bei einem ihr so ganz neuen Betragen wirklich fühlt ; gewiß ist , daß man an dem ihrigen gegen ihn nicht das geringste Zeichen , daß sie sich dadurch beleidigt finde , bemerken kann . Je mehr sie sich ihm nähert , je vorsichtiger zieht er sich zurück , und je mehr er sich zurückzieht , desto eifriger verdoppelt sie ihre Bemühungen ihn anzuziehen . Keines von beiden scheint auf das Spiel des andern Acht zu geben , sondern bloß das seinige zu spielen , und es wäre seltsam genug , wenn eine so geübte Meisterin , mit so großen Vortheilen in der Hand , zuletzt doch das Spiel an einen so unerfahrnen Gegner verlieren sollte . Dein junger Landsmann , sagte sie einsmals zu mir , ist in der That was du mich erwarten ließest ; ich habe noch keinen Jüngling von zwanzig Jahren , mit einem Apollonskopf auf Schultern eines Meleagers125 , zugleich so trotzig und so schüchtern gesehen wie ihn . Er ist eine wahre Seltenheit . Nicht daß er mir darum weniger gefiele , fuhr sie lächelnd fort : aber meine närrische Phantasie hatte sich voreiligerweise auf etwas ganz anders eingerichtet - als ob alle jungen Cyrener so dreist und zuversichtlich seyn müßten , wie mein Freund Aristipp in diesem Alter war ! - Du wirst ihn schon ein wenig aufmuntern müssen , sagte ich . - » Meinst du ? Sey unbesorgt , Aristipp ! Es wird sich wohl geben . Ist doch Omphale mit dem Löwen-und Drachenbezwinger Hercules fertig geworden . « - Aber dießmal hatte sie sich in ihrer Rechnung geirrt ; es gab sich nicht . Antipater blieb kalt und zurückhaltend , und schien es , zu meiner Verwunderung , immer mehr zu werden . Die arme Lais , der doch wahrlich nicht zuzumuthen war , sich so leicht überwunden zu geben , sah sich , da es ihr weder im Costume einer Arkadischen Hirtin noch in ihrem gewöhnlichen gelingen wollte , zuletzt genöthigt , ihre reichsten Kleiderschränke und Juwelenkästchen aufzuschließen , das ganze Belagerungszeug des Putztisches in Bewegung zu setzen , und die schlauesten Dienste ihrer aufwartsamen Grazien zu Verstärkung ihrer angebornen Reize zu Hülfe zu rufen . Sie erschien nun alle Tage in einer neuen Gestalt , bald im Glanz einer morgenländischen Fürstin , bald in der künstlich nachlässigen üppigen Zierlichkeit einer gefälligen Milesierin ; sie dramatisirte sich selbst in alle mögliche mythische Personen , und entwickelte in prächtigen Tanzspielen ihre feinsten Verführungskünste als Selene und Aurora , Galatea und Ariadne , Leda und Io , kurz , zeigte sich unter allen Formen in allen Farben , in allen Arten von Licht und Helldunkel . - Und wofür das alles ? um den gedemüthigten Stolz ihrer sieggewohnten Schönheit an einem rohen jungen Halbwilden zu rächen , der wofern er ihr , wie alle andern Sterblichen , gleich beim ersten Anblick gebührend gehuldiget , d.i. den Verstand ein wenig verloren hätte , ihre Aufmerksamkeit schwerlich drei Tage lang fest gehalten haben möchte . Denn daß ich glauben sollte , sie habe mit allen diesen Vorkehrungen etwas andres beabsichtiget , als den Widerspänstigen erst zu überwältigen , und ihn dann , zur Strafe daß er ihr den Sieg so schwer gemacht , das ganze Gewicht ihrer Gleichgültigkeit fühlen zu lassen , dazu kenne ich sie zu gut . Damit es aber nicht das Ansehen habe , als ob das alles einem so unbedeutenden Menschen als Antipater , geschweige denn ihm allein gelte , hatte sie mehrere Tage vorher zu Argos , Trözene , Korinth , Megara und Athen , unter der Hand bekannt werden lassen , daß es ihr angenehm seyn würde , während ihres Aufenthalts auf dem Lande so viele gute Gesellschaft zu sehen , als die Schönheit der Jahreszeit und die Vergnügungen , womit sie sich und ihre Freunde zu unterhalten gedenke , nur immer nach Aegina zu locken vermöchten . Du kannst dir leicht einbilden , mit welchem Wetteifer eine solche Einladung angenommen wurde , und welche Schwärme von müßigen Phäaciern und Penelopensfreiern126 , deren Ansprüche oder Wünsche sie aufzumuntern schien , herbeigeflogen kamen , in der Hoffnung die gefällige Laune der bisher so stolzen Schönen vielleicht dießmal zu ihrem Vortheil benutzen zu können . Antipater indessen schien an allen den Lustbarkeiten , die jetzt so rasch auf einander folgten , nur wenig Theil zu nehmen , und anstatt in einem so lebhaft unterhaltenen Feuer endlich zu schmelzen , vielmehr mit jedem Tage spröder und unempfindlicher zu werden . Ich gestehe , daß mir eine so hartnäckige Kälte oder Zurückhaltung an einem so kräftigen und ungeschwächten Jüngling zu wenig natürlich schien , um nicht verdächtig zu seyn . Aber wohin ich auch meine Vermuthungen richtete , nirgends zeigte sich eine Spur , die mich auf den Grund seines unerklärbaren Benehmens hätte leiten können . Er selbst zeigte sich bei allem was vorging so ruhig , und schien eine ihm so natürliche Rolle zu spielen , daß ich mich endlich gezwungen sah , entweder das seltsame Problem unaufgelöst zu lassen , oder anzunehmen , der junge Mensch besitze bereits so viel Stärke des Charakters , daß er sein Verhalten gegen Lais bloß nach reinsittlichen Grundsätzen bestimme , und die Würde unsers Geschlechts gegen die übermüthigen Anmaßungen einer von der Natur und dem Glücke allzu sehr verzärtelten Hetäre behaupten wolle , die ihr höchstes Vergnügen daran findet , so viel Sklaven als nur immer möglich vor ihren Triumphswagen zu spannen , und Begierden und Leidenschaften zu erregen , welche sie weder zu befriedigen gesonnen noch zu erwiedern fähig ist . Wahrscheinlich war eine solche Voraussetzung nicht ; aber wenn ich irgend einem jungen Manne Stolz und Kaltblütigkeit genug , um so zu denken , und Stärke genug , um ein dieser Denkart angemessenes Betragen sogar gegen eine Lais auszuhalten , zutrauen durfte , so war es Antipater . Indessen hat sich ' s am Ende doch gezeigt , daß man in dergleichen Fällen am sichersten geht , wenn man zu ihrer Erklärung die natürlichste Ursache annimmt . Antipater hatte sie mir bisher verschwiegen , aus unnöthiger Furcht , die schöne Lais möchte Mittel finden mir sein Geheimniß abzulocken . Da ich ihm aber vor etlichen Tagen seines Heldenthums wegen eine kleine Lobrede hielt , konnte der wackere Jüngling den Gedanken nicht ertragen , mich durch sein Schweigen um eine Achtung , die er nicht verdiene , zu betrügen ; und so that er mir ein Geständniß , wodurch mir nun freilich alles sehr begreiflich ward , und wovon ich nichts weiter sage , da er dir das Nähere selbst geschrieben zu haben versichert . Lais belustigt sich inzwischen damit , sich durch eine ziemlich kostbare Selbsttäuschung nach Sardes in die Zeiten ihrer höchsten Glorie zu versetzen . Von drei oder vier Kreisen hoffender und betrogener Anbeter umgeben , lebt sie wie eine unumschränkt regierende Königin unter ihren Höflingen , verschwendet das Persische Gold wie eine ächte Griechin , und findet sich reichlich entschädiget , wenn sie sich in ihren Ruhestunden mit mir und Euphranor über die Unterhaltung lustig macht , die ihr so viele verzauberte Gecken , Thoren und Narren von allen Altern , Ständen , Charaktern und Figuren auf ihre eigenen Kosten verschaffen ; während diese vielleicht über die Thörin lachen , die das eitle undankbare Vergnügen , ihre Liebhaber mit weit offnen Schnäbeln in die leere Luft schnappen zu sehen , theurer erkauft , als eine andere an ihrer Stelle sich dafür bezahlen lassen würde jedermann zufrieden nach Hause zu schicken . Uebrigens muß ich ihr nachrühmen , daß sie in der Kunst kleine Gunsterweisungen zu vervielfältigen und weit über ihren wahren Werth auszubringen , eine unübertreffliche Meisterin ist . Wäre sie so gewinnsüchtig und raubgierig , als sie im Gegentheil freigebig und verschwenderisch ist , wahrlich mit diesem einzigen Talente könnte sie die reichste Person auf dem ganzen Erdboden seyn . Ueber den ungefügigen Antipater hat sie endlich ihre Partie wie eine weise Frau genommen . Sie bemerkt jetzt sein Daseyn nur selten ; wenn es geschieht , beträgt sie sich eben so unbefangen und verbindlich gegen ihn wie gegen jeden andern , scheint sich aber , so oft sie ihm etwa ein paar Worte sagt , nicht zu erinnern , ihn jemals zuvor schon gekannt zu haben . Nach allem , was du bisher gelesen hast , lieber Kleonidas , ist es wohl überflüssig , dir zu sagen was aus meinem Anschlag auf die schöne Lais geworden ist . Ich komme mir jetzt selbst mit meiner leichtgläubigen Treuherzigkeit gewaltig lächerlich vor , und gelobe der weitherrschenden Aphrodite Pandemos und allen ihren Grazien , mich in meinem Leben nie wieder so schwer an ihnen zu versündigen , um aus einer Lais , und wenn sie noch liebenswürdiger wäre als diese , eine - gute ehrliche Hausfrau machen zu wollen . Alles ist nun wieder zwischen uns wie es seyn soll , und wie es auf ihrer Seite immer war . Aber , wiewohl ich die Hoffnung , sie jemals nach meiner Idee glücklich zu sehen , auf ewig aufgebe , so erneuere ich doch zugleich den Schwur , so lange ich athmen werde ihr Freund zu bleiben . Da ihr mit dem Mehr , was ich für sie zu thun fähig gewesen wäre , nicht gedient ist , so ist dieß das Wenigste was ich ihr schuldig bin . Um dir eine Probe zu geben , wie wir uns in den zwei ersten Dekaden , so lange unsre Gesellschaft noch klein und auserlesen war , zu unterhalten pflegten , schicke ich dir die Abschrift eines großen Briefes an unsern Freund Eurybates , der in diesem Jahr einer von den sechs Thesmotheten127 von Athen ist , und , dieser Würde wegen , des Vergnügens den schönsten Theil des Jahres in Aegina zuzubringen entbehren mußte . Dieser lege ich noch die Abschrift einer großen Epistel bei , die ich von Lais , kurz vor unsrer Zusammenkunft in Aegina , erhielt . Sie enthält die sonderbare Geschichte einer von ihr an einem jungen Aspendier verrichteten Wundercur ; eines von den Abenteuern , die nur ihr begegnen , und woraus sich keine andere so wie sie zu ziehen wüßte . In drei