meine Wünsche aus den Augen herauszulesen suchte . Längere Zeit dauerte es , bis der über eine solche unerhörte Verwegenheit verwirrte und erbitterte Häuptling das zu verstehen schien , was Schanhatta gesprochen hatte . Endlich aber ließ er die Hand langsam von seinem Messer niedergleiten , und sich stolz emporrichtend , maß er das unerschrockene Mädchen mit einem drohenden Blick von unten bis oben . » Der weiße Jäger ist ein Mann , « hob er ausdrucksvoll an , » er ist ein Krieger , denn seine Büchse raubte zwei muthigen Blackfoot-Indianern das Leben . Ein Krieger aber weiß Schmerz zu ertragen ; es beleidigt ihn , wenn man seine Schmerzen entfernt . Will die junge Mandanensquaw von ihren Banden befreit sein , so braucht sie es nur zu sagen ; mein Messer wird ihr den Gebrauch ihrer Hände wiedergeben . « » Lasse der Blackfoot-Häuptling meine Hände gebunden , « entgegnete Schanhatta mit einer schwer zu beschreibenden Hoheit , » meine Hände sind gefährlich , denn schon einem seiner Krieger raubten sie das Leben ; sie mochten noch andern den Weg nach den glückseligen Jagdgefilden zeigen . Aber gehe der Häuptling hin und löse er die Fesseln von den Füßen des weißen Jägers , oder das Dorf der Blackfeet wird nie den Anblick der Mandanenwaise erhalten . Oder fürchtet der muthige Häuptling , daß der weiße Jäger mit dem verwundeten Knie schneller sei , als seine jungen Leute ; oder daß er ohne Waffen stärker sei , als so viele Blackfoot-Krieger , wie ich Finger an den bänden zähle ? « » Ein Blackfoot-Häuptling braucht zehn weiße Jäger nicht zu fürchten , « versetzte Blackbird prahlerisch , nur noch mit Mühe seinen Unmuth verbergend , » aber meine Tochter hat recht , die Reise nach dem Dorf der Blackfoot-Nation ist weit , und der weiße Jäger muß gesunde Füße haben , soll er den Ort erreichen , wo die Knaben ungeduldig darauf harren , ihre stumpfen Pfeile in sein zuckendes Fleisch zu treiben . Er bedarf seiner ganzen Kraft , um meinen jungen Leuten zu zeigen , wie ein mutiger Krieger stirbt ; die Knaben der Blackfoot-Nation sollen von ihm lernen Schmer ; ertragen , und die alten Krieger und die weisen Medicinmänner werden den Knaben Martern lehren , bei welchen ein schwachherziger Krieger wie ein unbeholfenes Kind klagen würde . « Indem der Häuptling dies langsam und mit besonderem Nachdruck aussprach , und seine Krieger ihm durch Zeichen und einzelne halbunterdrückte Laute beistimmten , wendete er sich mir zu . Es war ersichtlich , er suchte sich durch derartige Drohungen an mir dafür zu rächen , daß Schanhatta ihn wie einen Untergebenen behandelte , ohne daß er vermocht hätte , den Zauber , welchen sie auf ihn ausübte , abzuschütteln . Doch seine Absicht , mich mit Besorgniß vor der Zukunft zu erfüllen , schon im Voraus meinen Muth zu brechen , gelang ihm nur unvollkommen . Ich bezweifelte zwar nicht , daß die anwesenden Blackfeet wirklich den besten Willen hegten , mir zu gelegener Zeit einen qualvollen Tod zu bereiten , doch hatte sich in mir der Glaube , oder vielmehr die feste Ueberzeugung gebildet , daß ich dem mir drohenden Geschick dennoch entrinnen , und zwar durch Schanhatta ' s unausgesetzte Wachsamkeit und ihr schnelles Handeln im entscheidenden Augenblick entrinnen würde . Bewies sie doch schon in der nächsten Minute , daß sie mit kluger Berechnung ihren Einfluß zu benutzen und zu meinem Besten auszudeuten wußte . Als nämlich Blackbird geendigt , trat sie einen Schritt zurück , wie um ihm den Weg zu mir frei zu machen . » Was zaudert der Häuptling der Blackfoot-Nation ? « hob sie an , mit ihren gefesselten Händen auf mich hinweisend . » Dort liegt der bleicht Jäger ; die dünnen Riemen schneiden ihm tief in ' s Fleisch , und die Wunde , welche eine Kugel ihm riß , wird wieder zu bluten beginnen . Was zaudert der Häuptling , seine prahlenden Worte auszuführen ? Ist sein Messer vielleicht stumpf , oder muß der Häuptling seine jungen Leute fragen , ob sie ihm gestatten , des fremden Mannes Fesseln zu zerschneiden ? « » Blackbird ist ein großer Häuptling , wenn er spricht , dann haben seine jungen Leute ihre Ohren zu öffnen , « versetzte der wilde Krieger schnell , der sicherste Beweis , daß Schanhatta ' s mit Ueberlegung gewählten Worte seinen ganzen Ehrgeiz wach gerufen hatten . Die übrigen Blackfeet aber , die zu andern Zeiten wohl kaum eine so übermütige Sprache , ohne Einwendung zu erheben , geduldet hätten , schwiegen , weil sie sich in ihrem Häuptling mit verletzt fühlten und bei dem kühnen Benehmen des schwachen und sonst in ihren Augen nichts geltenden Mädchens eine gewisse Scham empfanden . » Blackbird ist ein Häuptling , « wiederholte dieser noch einmal , das Messer aus seinem Gurt ziehend und mit wegwerfender Geberde die Schneide prüfend , » nicht vergebens trägt er die weihe Locke auf seinem Haupt ; sie erinnert ihn daran , daß er bereits ein Mann war , als er die Winter eines Jünglings zählte , schon damals nicht auf die Worte von Weibern zu hören brauchte . Die Mandanentochter hat lange mit dem bleichen Jäger verkehrt ; viel Weisheit ist in ihren Kopf gedrungen , sie hat aber vergessen , daß sie ein Weib ist ; sie hat verlernt , ihre Zunge zu mäßigen . Doch was frage ich nach dem Urtheil von Weibern ? « unterbrach sich der Häuptling hier , seine Blicke von den ihn bezaubernden Äugen Schanhatta ' s abwendend , » schon zu lange würdigte ich die fremde Squaw meiner Aufmerksamkeit ; ich handle , wie es mir gefällt , « und so sprechend schritt er gerade auf mich zu , und nachdem er mit raschem Schnitt die Fesseln von meinen Füßen entfernt , begab er sich mit gleichgültiger Miene an ' s Feuer zurück , wo er sich , scheinbar ohne Schanhatta weiter zu beachten , auf seine alte Stelle niederwarf . Nachdem Schanhatta auf diese Weise ihren Willen durchgesetzt hatte , schlich sie wieder davon . Niemand wehrte ihr , sich neben mich hinzusetzen ; Niemand verbot ihr , daß sie eine leise Melodie anstimmte , und Niemand verstand sie , als sie hin und wieder einige Trostesworte in ihren melancholischen Gesang verflocht , welche ebensowohl von ihrer treuen Anhänglichkeit , als von ihrem namenlosen Schmerz über meine Gefangenschaft zeugten . 11. Capitel . Der Medicinmann Elftes Capitel . Der Medicinmann . Am folgenden Morgen in aller Frühe , noch eh ' es zu dämmern begann , waren die Blackfeet bereits wieder in Bewegung . Einige entfernten sich , um die in einer abgelegenen Schlucht weidenden Pferde herbeizuholen , andere trugen den Leichnam des erschossenen Gefährten davon , um ihn unten am Fluß zu verscharren und die Grabstätte durch eine Anhäufung von Steinen kenntlich zu machen und gegen die Wölfe zu schützen , und diejenigen , welche zurückgeblieben waren , theilten ihre Aufmerksamkeit zwischen mir und den zur Reise unerläßlichen Vorbereitungen . An eine Flucht war vorläufig nicht zu denken ; die Indianer wußten dies und scheuten sich daher nicht , Schanhatta von allen Banden zu befreien und auch meine Fesseln so weit zu lösen , daß ich die Hände nothdürftig gebrauchen konnte . Sie hatten dabei mehr ihre eigene Bequemlichkeit , als meinen geschwächten Zustand im Auge , was mir indessen vollkommen gleichgültig blieb , wenn mir daraus nur einige Erleichterung erwuchs . Bald nach Tagesanbruch trafen die ausgesendeten Krieger mit den Pferden bei uns ein . Es waren deren vierzehn , also genug , um nicht nur Alle beritten zu machen , sondern auch die erbeuteten Gegenstände mit fortzuschaffen . Nicht wenig überraschte es mich , unter den Pferden zwei von den meinigen zu erblicken . Ich nahm daher an , daß Blackbird und seine Begleiter nach unserm letzten feindlichen Zusammentreffen auf der Insel nicht nach ihrem abgelegenen Dorfe zurückgekehrt waren , sondern , nachdem sie in Erfahrung gebracht , daß Dalefield und die Seinigen ohne uns in den Grenzansiedlungen eingetroffen seien , unausgesetzt nach uns geforscht und sich zu diesem Zweck mit solchen Pferden ausgerüstet hatten , welche ihnen eben zu Gebote standen . Es diente mir dies als neuer Beweis , welchen hohen Werth der Häuptling auf den Besitz Schanhatta ' s legte , und daß er lieber alles Andere , selbst seine Rache an mir , als auch nur ein Haar von Schanhatta gutwillig aufgegeben hätte . Eine Stunde nach Sonnenaufgang waren wir endlich reisefertig . Die Sachen hatten auf den Rücken von drei Mustangs Platz gefunden , und da Schanhatta und ich ebenfalle beritten gemacht worden waren , die Pferde aber jener in den Prairien einheimischen und sehr dauerhaften Race angehörten , so waren wir im Stande , mit ungewöhnlicher Schnelligkeit zu reisen . Dank den Bemühungen meiner treuen Gefährtin , fand ich auf der Reise selbst keinen Grund über harte Behandlung zu klagen ; und wenn auch der eine oder der andere Blackfoot mich hin und wieder verhöhnte und mit ausgesuchter Bosheit die Martern beschrieb , welche ich zu erdulden haben würbe , so erfreute ich mich doch einer gewissen Freiheit , die nur in so weit beschränkt wurde , daß während des Marsches meine Füße unterhalb des Pferdes mittelst starker Riemen zusammengefesselt waren , während ein anderer Riemen von dem Zaum meines Pferdes nach dem Sattel eines meiner Wächter hinüberlief . Zur nächtlichen Stunde mußte ich mir dagegen gefallen lassen , daß ich an Händen und Füßen gefesselt zwischen zwei Kriegern lag , und ein anderer Krieger mit geladener Büchse in meiner Nähe weilte , um mich bei dem geringsten Fluchtversuch niederzuschießen . Die Tage der Reise verstrichen mit einer gewissen Gleichförmigkeit . Vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne und zuweilen noch einen Theil der Nacht befanden wir uns im Sattel : nach dem Aufschlagen des Lagers war ich daher in Folge der von meiner Wunde noch zurückgebliebenen Schwäche , so erschöpft , daß ich die wenigen mir zur Rast vergönnten Stunden in fast ununterbrochenem Schlaf verbrachte . Schanhatta , obgleich mit mißtrauischen Augen von Blackbird bewacht , blieb sich immer gleich ; sie pflegte mich , so weit es eben möglich war , mit der Sorgfalt einer Mutter , und die wenigen Worte , welche sie nothgedrungen mit den Blackfeet wechseln mußte , brachte sie mit einem so unerschütterlichen , ihre tiefste Verachtung bekundenden Ernst hervor , daß diese zuletzt kaum noch wagten , sie anzureden , aus Furcht , wegen der ihnen zu Theil weidenden beleidigenden Antworten von ihren Gefährten verlacht zu weiden . Ursprünglich hatte sie gehofft , während der Reise Gelegenheit zu finden , mich zu befreien und vereinigt mit mir auf den schnellsten Pferden der kleinen Heerde das Weite zu suchen , doch scheiterten alle ihre Pläne an der Wachsamkeit unserer Feinde , die uns während der wochenlangen angestrengten Reise nicht eine Minute aus den Augen ließen . Trotzdem kam keine Klage über ihre Lippen ; und nur daran , daß ihre Augen einen trüberen Ausdruck erhielten , ihre so vollen jugendfrischen Wangen einsanken , und sie sogar in ihren Tröstungen , welche sie mir zuflüsterte oder zusang , einsilbiger wurde , erkannte ich , daß auch ihre Hoffnungen allmälig zu erbleichen begannen , und ihr sonst nicht leicht zu beugender Muth immer mehr einem unbestimmten bangen Zagen wich . Eines Morgens , wir mochten uns Wohl gegen drei Wochen unterwegs befunden haben , bemerkte ich , daß die Indianer sich mit größerer Sorgfalt , als gewöhnlich , zum Aufbruch rüsteten . Sie reinigten und polirten ihre Waffen , die Skalplocken wurden mit Federbüschen und sonstigen Zierrathen versehen , und die tupfrigglänzenden Gesichter und Oberkörper bemalten sie sich mit rother , gelber und schwarzer Farbe so gräßlich und wild , als wären sie im Begriff gewesen , einen Skalptanz aufzuführen , oder sich auf den Kriegspfad zu begeben . Auch Schanhatta reichte man Farben und Bärenfett , um sich festlich zu schmücken und ihr schönes Haar zu ordnen , doch wies sie nicht nur diese indianischen Aufmerksamkeiten mit unverhohlener Verachtung zurück , sondern sie streute sogar , um ihren Abscheu auf eindringliche Art an den Tag zu legen , zum größten Mißvergnügen Blackbird ' s , noch eine Handvoll Asche auf ihr Haupt . Sie wußte , was die festlichen Vorbereitungen zu bedeuten hatten , und nicht als die auserkorene Lebensgefährtin eines indianischen Kriegers wollte sie in das Dorf der Blackfeet einziehen , sondern als eine trauernde Gefangene . Ein Marsch von zwei Stunden brachte uns auf eine etwas höhere , wellenförmige Anschwellung der Prairie , und als wir dann auf der andern Seite derselben wieder hinabritten , lag das große und reich bevölkerte Dorf der Blackfoot-Indianer vor uns . Ein Flüßchen mit bewaldeten Ufern , dessen Windungen sich nach beiden Richtungen hin in weiter Ferne am Horizont verloren , zog sich durch das Dorf hin ; ich entdeckte wenigstens von unserm erhöhten Standpunkte aus , daß auf beiden Seiten desselben zahlreiche Zelte und Hütten , durch kleinere und größere Zwischenräume von einander getrennt , bedeutende Flächen bedeckten , und in allen Richtungen Heerden von Maulthieren und Pferden weideten . Es waren also wenig oder gar keine Aussichten für mich vorhanden , dem mir bestimmten grausamen Geschick zu entrinnen , und noch weniger , Schanhatta den Händen Blackbird ' s zu entreißen . Gelang es uns indessen die Wachsamkeit unserer Feinde zu täuschen , wohin hätte ich mich mit meinem lahmen Fuß wenden sollen , und welche Pferde wären wohl ausdauernd genug gewesen , uns einigen Hundert dieser wilden und grausamen Verfolger zu entführen ? Ein unüberwindliches Grausen ergriff mich , indem ich der nächsten Zukunft gedachte , und vergeblich versuchte ich mich damit zu trösten , daß die mir bestimmten Martern nicht ewig dauern und auch die Stunden der Qual zuletzt ihr Ende erreichen würden . Schanhatta , dieses liebe treue Wesen , als Sklavin und Spielball eines grimmigen Wilden auf Erden zurücklassen zu müssen , dieser Gedanke peinigte mich indessen noch mehr , als die bestimmte Aussicht auf das über mich verhängte gräßliche Ende , und so sehr hatte ich mich meinem traurigen Grübeln hingegeben , daß ich gar nicht darauf achtete , wie meine Begleiter ihre Gewehre abfeuerten , um sich im Dorfe anzumelden und den glücklichen Erfolg ihres Unternehmens zu verkünden . Auf das Schießen strömten denn auch Alt und Jung herbei , um uns zu begrüßen . Die uns begleitenden Krieger pries man geräuschvoll für ihre kühne That , mich und Schanhatta dagegen überhäufte man mit den wildesten Schmähungen , und namentlich war ich es , gegen welchen sich die Wuth einer Rotte scheußlicher Weiber kehrte . Wie ich später erfuhr , befanden sich unter diesen die Witwen der bei dem Angriff auf die Insel Gefallenen . Dieselben sahen in mir die alleinige Ursache des über sie hereingebrochenen Unglücks und bekundeten dies dadurch , daß sie mit den dicht gesät umherliegenden Knochen und Lederstücken nach mir warfen und unter teuflischem Geschrei ihr Messer drohend gegen mich erhoben . Die uns umgebende Masse wüthender Megären und ihrer Kinder wuchs zuletzt in so hohem Grade an , und die Waffen wurden in so gefährlicher Nähe von mir geschwungen , daß unsere Begleiter ernstlich zu befürchten begannen , das blutige Drama würde durch einen sicher geführten Messerstoß zu einem verfrühten und deshalb weniger ergötzlichen Abschluß gelangen . – Mit sehr wenig Rücksicht sprengten sie daher unter den lärmenden Haufen , wofür sie von den zurückgedrängten und unter die Füße getretenen Stammesgenossinnen mit endlosen Verwünschungen , von den zuschauenden Männern dagegen mit schadenfrohem Lachen belohnt wurden . Als aber endlich ein stumpfer , von einem Knaben abgeschossener Pfeil dicht an meinem Kopfe vorbeischwirrte , da brachen sie , Blackbird an der Spitze , sich mit Gewalt Bahn , und im Galopp eilten wir nach der Mitte des Dorfes hin , wo eine geräumige Erdhütte , um welche herum sich vier oder fünf phantastisch bemalte Lederzelte erhoben , die Wohnungen der ältesten Krieger und weisen Männer der Nation bezeichnete . Der tolle Haufen folgte uns zwar nach , und offenbar jetzt mit den allerfeindlichsten und blutdürstigsten Absichten , allein ehe die Vordersten bei der Erdhütte eintrafen , waren Schanhatta und ich von unsern Pferden gerissen und in dieselbe hineingedrängt worden . Ich vernahm noch das wüthende Geheul , mit welchem man meine Person herausforderte , da ich aber dem Anblick dieser von thierischem Blutdurst ergriffenen Menschen entzogen war , gelang es den Häuptlingen und älteren Kriegern leicht , sie durch Versprechungen zu beruhigen und endlich auch zu zerstreuen . Ich selbst befand mich in einer Stimmung , daß die Wuth der Bevölkerung mich nicht mehr schreckte . Im Gegentheil , ich wünschte , derselben in die Hände gefallen zu sein , um unter den von wilder Rache geführten Messern ein schnelles Ende zu finden , anstatt daß ich jetzt den mir , und auch Schanhatta vergönnten Lebensrest , als eine ununterbrochene Reihenfolge von entsetzlichen Qualen betrachtete . Erst nachdem die heulende und jauchzende Volksmasse sich zerstreut hatte , wendeten Blackbird und die Krieger , welche ihm bei der Gefangennahme behilflich gewesen , Schanhatta und mir ihre Aufmerksamkeit wieder zu . Blackbird , wenn nicht auch noch Andere Ansprüche an das geraubte Mädchen erhoben hätten , würbe dieses ohne Bedenken in sein Wigwam eingeführt haben ; so aber blieb ihm nur der Ausweg , Schanhatta gleich mir zu fesseln und bis zur endgültigen Entscheidung als Gefangene behandeln zu lassen ; doch wurde uns nicht der Trost zu Theil , zusammen in einem und demselben Raum verweilen zu dürfen . Die von Außen einem Hügel ähnliche Hütte war nämlich durch feste Erdwände in mehrere kleinere und größere kellerartige Fächer eingetheilt worden , von welchen einzelne kaum geräumig genug , vier oder fünf Menschen in gebückter Stellung neben einander aufzunehmen . In eins dieser Fächer nun wurde die an Händen und Füßen gebundene Schanhatta gebracht , während man mich , nachdem man mich in gleicher Weise , aber rücksichtsloser gefesselt , in eine andere der finstern Höhlen stieß und sodann den Ausgang mit Pfählen und Steinen fest verrammelte . Glücklicher Weise war die Heilung meiner Wunde in den letzten Wochen , trotz des beschwerlichen Marsches , so weit fortgeschritten , daß die fest um meine Fußgelenke geschnürten Riemen keine schmerzhafte Wirkung mehr auf sie ausübten . Ich hatte also keine anderen Schmerzen zu erdulden , als diejenigen , welche mir aus meiner gezwungenen Lage erwuchsen , und auch diese waren verhältnißmäßig noch immer erträglich , weil ich mich von der einen Seite auf die andere wälzen und um das Stocken des Blutes zu verhindern , meine Füße auf und nieder bewegen konnte . Um weniger über mein trauriges Loos nachzudenken , verbrachte ich daher meine Zeit hauptsächlich damit , daß ich abwechselnd meinem Körper eben diejenige Bewegung zu Gute kommen ließ , welche mir möglich war , und dann wieder in einen dumpfen Mittelzustand zwischen Wachen und Schlafen zurücksank . Lange Stunden hatte ich in dieser Weise dagelegen , und wiederum hatte mich ein unruhiger Schlaf allen irdischen Sorgen und Qualen entrückt , als ich durch das Murmeln einer Anzahl männlicher Stimmen zum Bewußtsein zurückgerufen wurde . Aufmerksam und mit tödtlicher Spannung lauschte ich . Ungewiß darüber , ob es noch Tag sei , ob die Nacht hereingebrochen , oder ein neuer Tag die Nacht bereits wieder verdrängt habe , erwartete ich schon , daß man komme , um die Rache für das Tödten der Blackfoot-Krieger an mir zu vollziehen . Da erschien es mir plötzlich , als ob die murmelnden Stimmen sich ganz dicht an mir vorbeibewegten und endlich , in einer gewissen Entfernung angekommen , Halt gemacht hätten . Leicht errieth ich , daß die angesehensten Krieger und Medicinmänner unter den verschiedenen Häuptlingen in der Zauberhütte zusammengetreten seien , einestheils , um über meine Person und das über wich zu verhängende Urtheil zu berathen , anderntheils um den über den Besitz Schanhatta ' s und des Manuscriptes oder vielmehr des Zauberpapiers schwebenden Streit zu schlichten . Meine Vermuthung fand ich bestätigt , indem nach einiger Zeit das Murmeln verstummte und dafür lange , mit indianischem Pathos gehaltene Reden folgten . Obwohl die Sprache der Blackfoot-Indianer nur wenig von der gewöhnlichen Sioux-Sprache abweicht , verstand ich doch nur höchst selten ein einzelnes Wort . Die Wände , welche mich von dem Berathungsgemach trennten , waren zu dick , der höhlenartige Bau überhaupt zu niedrig und daher jeder Schall zu sehr dampfend ; wohl aber erkannte ich die Stimme Blackbird ' s , der ohne Zweifel feine Rechte an die Mandanenwaise und das sprechende Papier darzulegen suchte , und die Stimme des andern Kriegers , der ihm bereits bei frühern Gelegenheiten seine Anrechte an diese beiden kostbarsten Theile der Beute streitig gemacht hatte . Die Verhandlungen dauerten lange und schienen sehr ernst zu werden , und laut knisterte und knackte das Berathungsfeuer , welches man ebensowohl der größeren Feierlichkeit wegen , als um den kellerartigen Raum zu erhellen , in der Mitte des Kreises gerade unterhalb der engen Rauchöffnung in der Bedachung schürte . Als die Versammlung bann endlich aufgehoben wurde , war man noch immer nicht zu einem festen Entschluß gekommen , denn nicht schweigend , wie es sonst Sitte , entfernte man sich aus der » Medicin-Hütte , « sondern murmelnd und verhandelnd , als ob ein Theil der Anwesenden sich für oder gegen die zur Sprache gekommenen Streitfragen erklärt habe . Sobald die Stimmen endlich ganz verhallt waren , vernahm ich , wie Jemand die Thüröffnung von Innen schloß und fest verrammelte . Eine Schildwache würde diese Sicherheitsmaßregeln von Außen angewendet haben ; es erwachte daher in mir die mich fast vernichtende Furcht , daß Blackbird heimlich in der Hütte zurückgeblieben sei , um seine grausamen Pläne an Schanhatta und mir auszuführen . Die bald darauf eintretende tiefe Stille war keine Beruhigung für mich . Mein Ohr konnte nicht getäuscht werden ; zu deutlich errieth ich aus dem fortgesetzten Knistern und Knacken des brennenden Holzes , und aus dem Geräusch , mit welchem von Zeit zu Zeit neue Scheite in die Flammen geworfen wurden , daß außer mir und Schanhatta noch eine dritte Person in der unheimlichen Zauberhütte weilte . An Ruhe war in Folge dessen bei mir jetzt nicht mehr zu denken ; denn meine Spannung wuchs in so hohem Grade , daß mir das Blut die Schläfen zu sprengen drohte und ich völlig empfindungslos gegen die mir aus meiner gezwungenen Lage erwachsenden Schmerzen wurde . In jedem Augenblick erwartete ich Schanhatta ' s erstickten Hülferuf zu hören , in jedem Augenblick den rachsüchtigen und von den wildesten und zügellosesten Begierden erfüllten Blackbird bei mir eintreten zu sehen , um mich zu peinigen und zu verhöhnen und mit seinem scheußlichen Triumph über die mißhandelte Mandanenwaise zu prahlen . Doch Alles blieb ruhig in meiner nähern Umgebung , nur zuweilen glaubte ich , da das Gehör sich bei der andauernden Spannung gewissermaßen verschärfte , einen dumpfen Seufzer oder einen kurzen Ausruf des Schmerzes zu unterscheiden . Diese traurigen Laute rührten indessen nicht von Schanhatta her , sie kamen aus einer tiefen männlichen Brust , und ein beängstigendes Gefühl beschlich mich , als ich der Möglichkeit gedachte , daß man uns vielleicht mit einem der Wahnsinnigen , welche die Eingeborenen als große Medicinmänner verehren , durch deren Mund ihr Manitou zu ihnen spricht , zusammen eingesperrt habe . Was stand zu erwarten , wenn wir wirklich den thierischen Leidenschaften eines indianischen , vom bittersten Haß gegen die Weißen erfüllten Geisteskranken , preisgegeben waren ? Zwar suchte ich mich zu überreden , daß man Schanhatta schwerlich opfern würde , nachdem ihre Entführung so viel Zeit und Mühe gekostet , und dennoch war es nicht unwahrscheinlich , daß die einflußreichsten und einsichtsvollsten Häuptlinge und Medicinmänner sie gerade zu verderben trachteten , um sie nicht die Veranlassung zu blutigem Zwiespalt zwischen den Kriegern derselben Nation werden zu lassen . Stunde auf Stunde verrann ; im Dorfe , namentlich in den näheren Zelten , aus welchen so lange der dumpfe Schall der indianischen Trommel und wilder unharmonischer Gesang bis zu mir gedrungen war , wurde es still , und seltener ertönte das eigenthümliche vibrirende Gellen , mit welchem die jungen Krieger von dem einen Ende des Dorfes nach dem andern hinüber sich gegenseitig ihre verabredeten Signale gaben , oder im Uebermuth ihre frohe Stimmung verkündeten . Das Knistern des Feuers und das Stöhnen und Seufzen auf der andern Seite der mich von dem Hauptgemach trennenden Erdmauer dauerte dagegen fort , mich mit einem nie gekannten Grausen erfüllend . Endlich war außer dem widerwärtigen Lärm der um Knochen und Fleischüberreste kämpfenden halbverhungerten Hunde jedes Geräusch im Dorf verstummt . Es mußte daher Mitternacht sein , also die Stunde , in welcher man annehmen durfte , daß die ganze Blackfoot-Bevölkerung sich dem Schlafe hingegeben habe . Diesen Zeitpunkt schien mein geheimnißvoller Nachbar zur Ausführung seiner Pläne , welcher Art sie auch sein mochten , abgewartet zu haben , denn auch das schmerzliche Stöhnen erreichte plötzlich sein Ende , wogegen , nach dem Geräusch zu schließen , das Feuer noch einmal frisch geschürt und mit neuen Holzscheiten genährt wurde . Gleich darauf herrschte aber tiefe Stille , welche nach einigen Minuten dadurch eine Unterbrechung erhielt , daß die vor Schanhatta ' s Kerker aufgethürmten Blöcke und Felsstücke zurückfielen . Die weichen Mokassins an den Füßen des seltsamen Wesens in Verbindung mit den behutsamen Bewegungen hatten dessen Tritte so sehr gedämpft , daß deren Schall nicht bis zu mir durchdringen konnte . » Armes , unglückliches Mädchen , « dachte ich , indem sich mein Herz krampfhaft zusammenschnürte , und nachdem ich von Wuth und Verzweiflung einigemal ohnmächtig an meinen Banden gezerrt , daß ich das Blut warm von meinen Händen niederrieseln fühlte , lauschte ich mit angehaltenem Athem aus das Geräusch , aus welchem ich des bejammernswerthen Kindes Geschick zu errathen suchte . Doch Alles blieb still , nur ein dumpfes eintöniges Murmeln , von welchem ich nicht sagen konnte , ob es aus Schanhatta ' s Kerkerhöhle , oder von außen herrühre , erreichte mein Ohr . Es überlief mich eiskalt , indem ich bedachte , daß sie vielleicht schon todt sei , oder mit der ihr innewohnenden Willenskraft jeden Ausruf des Schmerzes unterdrücke , von dem sie wußte , daß er mir das Herz zerschneiden würde . Minuten verrannen , lange schreckliche Minuten , doch nichts rührte sich in der ganzen Hütte . Eine Viertelstunde , eine halbe Stunde ging dahin , und noch immer erduldete ich jene Folterqualen gräßlicher Ungewißheit , welche in ihrer schmerzhaften Wirkung von den ausgesuchtesten indianischen Martern nicht hätten übertroffen werden können . Endlich , endlich unterschied ich das Geräusch , mit welchem die Blöcke wieder vor Schanhatta ' s Gefängniß gelehnt und das sorgfältige Uebereinanderthürmen von Steinen gegen das Umfallen geschützt und gesichert wurden . Ich athmete auf , doch war die schreckliche Ungewißheit noch nicht gehoben , denn vor mei ner erhitzten Phantasie schwebten die furchtbarsten Bilder , in welchen ich Schanhatta bald als verstümmelte Leiche , bald als das bedauernswürdige Opfer indianischer thierischer Leidenschaften erblickte . Meine fieberhaft durcheinander wirbelnden Gedanken ordneten sich erst wieder einigermaßen , als nach einer kurzen Pause lautloser Stille Jemand unter den vor meiner Höhle angehäuften Steinen und Holzstücken zu stören und zu arbeiten begann und gleich darauf zwischen den geöffneten Fugen hindurch ein schwacher Lichtschimmer zu mir hereinfiel . Stein auf Stein , Block auf Block sanken zurück , in dem Maße als die letzten Hindernisse beseitigt wurden , vermehrte sich auch der Lichtschimmer schnell und bald darauf schob sich eine röthlich leuchtende Holzfackel zu mir herein . Wer den Feuerbrand trug , konnte ich anfangs nicht unterscheiden , denn der Uebergang von der Finsterniß , in welcher ich so viele Stunden zugebracht hatte , zur flackernden Helligkeit war so plötzlich , daß ich dadurch geblendet wurde und meine Augen schließen mußte . Als ich mich aber an das Licht gewöhnt hatte und wieder um mich zu schauen vermochte , bot sich mir ein Anblick , so seltsam und dabei so beängstigend , daß ich nicht an die Wirklichkeit zu glauben wagte und mich zweifelnd ein Mal über das andere Mal fragte , ob ich wache oder träume , oder von krankhaften Visionen heimgesucht werde . Im Eingänge der Höhle , also gerade zu meinen Füßen , und wegen der Niedrigkeit der Bedachung etwas gebückt , stand nämlich eine männliche Gestalt , welche dieser Welt gar nicht mehr anzugehören , sondern von einem mit den wunderlichsten Gebilden wimmelnden indianischen Paradiese entflohen zu sein schien . Ein ursprünglich hochgewachsener , durch das Alter und auch wohl durch erduldete Leiden zusammengekrümmter Greis , in der einen Hand den flackernden Feuerbrand , in der andern mein Manuskript , schaute regungslos , wie eine Statue , zu mir nieder , als ob er mir Zeit habe lassen wollen , ihn in allen seinen Theilen genau zu betrachten und mich an seinen Anblick zu gewöhnen . Und dennoch übte er weniger einen erschreckenden oder drohenden , als einen befremdenden Eindruck auf mich aus , obgleich die bewegliche rothe Beleuchtung das Ihrige dazu beitrug , seinem Aeußern einen unheimlichen , gnomenartigen Charakter zu verleihen . Die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen Augen hatten sogar einen milden Ausdruck , oder doch wenigstens nichts von jenem düsteren Fanatismus , wie ich ihn sonst wohl bei geistesverwirrten Medicinmännern – und diesen erkannte ich ja als einen solchen – beobachtet hatte . Auf seinem Haupte trug er einen prächtigen Schmuck von den Schwung- und Schweiffedern des Kriegsadlers , deren einzelne Spitzen noch mit einem Büschel roth gefärbter Pferdehaare besonders verziert waren . Sein weißes Haar fiel lang und schlicht von seinen Schläfen auf die breiten und , wegen ihrer Hagerkeit , eckigen Schultern nieder ; am meisten aber fetzten mich an ihm , als an einem Indianer in Erstaunen , daß ein voller , mittelst des unter den Eingeborenen gebräuchlichen pulverisirten