Ganzen bin und wieder zu ihm zurück muß ; was ist es weiter ? Die Auflösung einer persönlichen Existenz in das Allgemeine , der Umsatz eines Stoffes in den andern . Seit ich denken kann , habe ich dies große Naturgesetz beobachtet und mich gewöhnt , mein kleines Dasein nur als einen Teil der Wandelungen zu betrachten , die der Stoff beständig an sich selbst vollzieht ! Sind wir erst zu der Demut dieser Erkenntnis gelangt , dann werfen wir lächelnd unsere eitlen Ansprüche auf persönliche Unsterblichkeit von uns und betrachten den Tod als den schuldigen Tribut , den wir der Natur für unser Leben zahlen müssen . “ „ Wirklich ? Und Sie wähnen , daß dieser Trost einst Stand halten werde , wenn es einmal im Ernste gilt , in jene dunkle Tiefe unterzutauchen , die Ihnen dann kein Strahl der Hoffnung , des Glaubens erhellt ? “ „ Ja , ich bin davon überzeugt . “ „ Und wenn Sie nun dahin müßten vor der gesetzlichen Zeit ? “ „ So würde ich nicht über das Maß der Frist rechten , welche mir die Natur gestellt . “ „ Sie würden aber doch diese Frist nicht absichtlich verkürzen wollen ? “ Ernestine sah ihn betroffen an : „ Nein , gewiß nicht ! “ „ Fürchten Sie denn nicht , das zu tun , wenn Sie nach Amerika gehen ? “ „ Weshalb sollte ich das fürchten , wegen des Meeres etwa ? O nein — es hat Millionen auf seinen Wogen getragen , warum nicht auch mich ? Es wird barmherziger sein als die Menschen , es wird mich nicht verderben ! “ „ Also sind Sie noch immer entschlossen zu reisen nach Allem , was ich Ihnen von Ihrem Oheim gesagt ? “ „ Mit ihm oder ohne ihn ! Ich werde reisen ! “ sprach Ernestine . „ Nun denn , Gott ist mein Zeuge , daß ich Alles versuchte , was in meiner Macht stand ! Jetzt — zeihen Sie mich der Härte , ich kann nicht anders — es bleibt mir noch ein Mittel , ein furchtbares , aber Ihre stolze Unerschrockenheit gibt mir den Mut , es zu gebrauchen . Ernestine , wenn Sie auf Ihrem Entschlusse beharren , nach New York zu gehen , so fürchte ich , ist Ihnen die Zeit nahe , wo Sie die Stärke philosophischen Trostes erproben können . Sie sind vielleicht des Todes , bevor Sie hinkommen . “ War es möglich , daß Ernestine noch bleicher ward als zuvor , so geschah es auf diese Worte . „ Was gibt Ihnen Grund zu dieser Behauptung ? “ stammelte sie . „ Das will ich Ihnen sagen , denn es ist nun nicht mehr an der Zeit , Sie zu schonen . “ Er blickte nach der Uhr . „ Ich begreife nicht , wie es möglich ist , daß Sie mit Ihrem Geist und Wissen sich darüber täuschen konnten , daß Sie krank sind , nicht nur angegriffen und nervös , sondern wirklich krank ! “ Ernestine sah ihn erschrocken an . „ Ich habe die feste Überzeugung , daß Sie verloren sind , wenn Sie dieses Leben fortführen , und gar in einem Maßstabe fortführen , wie Sie es in Amerika tun werden und müssen . Was Ihnen Ihr Oheim auch vorgespiegelt hat , ich bin sicher , daß er Ihnen Ihr Vermögen dort , wo er Niemanden zu fürchten braucht , noch weniger ausliefern würde als hier — vorausgesetzt , ich ließe ihn , wie Sie es verlangten , in Freiheit . Sie würden schließlich auf den Broterwerb angewiesen sein — und ich verbürge mich Ihnen , daß Sie in Ihrem jetzigen Gesundheitszustand eine solche Lage höchstens ein Jahr aushielten . Sie endeten in der Blüte Ihres Alters in einem amerikanischen Hospital und würden nach der Nummer eingescharrt ! “ 106 Ernestine wandte sich ab . „ Sind Sie nun noch entschlossen zu reisen ? “ fragte Johannes nach einer Pause . Ernestine überlegte in ihrer bitteren Not . Sie fühlte nur * zur gut , wie Recht er hatte . Aber was sollte sie tun ? Er ahnte ja nicht , daß ihr Vermögen schon verloren war , daß sie hier wie dort ihr Brot erwerben mußte , daß sie sich hier wie dort nicht schonen könne , wollte sie nicht zur ehrlosen Bettlerin herabsinken . Sie mochte denken und sinnen , wie sie wollte , sie sah auch hier kein anderes Ende als im Krankenhause . Und dann doch noch lieber in einem fremden Lande verkommen als hier , wo sie Jeder kannte , wo Jeder über sie triumphierte , der ihr Alles vorausgesagt . Nein , sie mußte fliehen ! Wie der sterbende Vogel zur Winterszeit sich verkriecht mit seinem Todesweh , so wollte sie im fernsten Weltteil ihre Armut verbergen , ihre Erniedrigung und Scham vor dem stolzen Manne , mit dem sie sich so übermütig gemessen in der Zeit des Glücks . — Sie erhob endlich das Haupt und sagte mit übermenschlicher Anstrengung : „ Ich habe keine Wahl mehr — ich muß meinen Vertrag einhalten — ich muß nach Amerika . “ Johannes hatte ihrem Ausspruche in atemloser Spannung gelauscht . Jetzt verließ ihn seine aufs Äußerste angespannte Kraft . „ Ernestine , “ schrie er und faßte sie bei beiden Schultern , „ Ernestine , es handelt sich um Leben und Tod , hörst Du ’ s denn nicht ? Ich sage Dir , Du kannst nur genesen , wenn Du gänzlich auf Deine bisherige Tätigkeit verzichtest ! Und Du rennst absichtlich in Dein offenes Grab ? Ich habe Dich beobachtet mit dem Auge des Arztes und des Liebenden und ich schwöre Dir bei meiner wissenschaftlichen Ehre , ich fand immer neuen Grund , um Dich besorgt zu sein . Du hast das Aussehen einer Abzehrenden , “ er griff nach ihrer Hand , „ hast in diesem Augenblick den schwachen , aussetzenden Puls und die kalten Hände einer Herzkranken . Die Willmers schilderte mir gestern Deine Leiden , unter denen ich Symptome fand , die mich wahrhaft beunruhigten . Noch hoffe ich , es sind nur die Wirkungen eines unnatürlichen , aufreibenden Lebens . Diese Wirkungen aber können bei Deinen erschöpften Kräften Ursachen werden , Ursachen eines langwierigen , tödlichen Übels , wenn Du Dir nicht Schonung und Pflege gönnst . Ich kann Dich nach Pflicht und Gewissen nicht reisen lassen , ohne Dir , so hart es ist , die Augen über Deinen körperlichen Zustand zu öffnen . Hättest Du es nicht so weit getrieben in Deinem Starrsinn , so konnte ich Dir die grausame Wahrheit ersparen . — Habe Erbarmen mit meiner Angst und gehe wenigstens nicht eher , als bis ich Dir Heim gesandt . Er ist ein erfahrener Arzt , er soll entscheiden , ob ich Recht gehabt . Das Eine nur , Ernestine , das Eine tu mir zu Liebe , wenn Du mich nicht in Verzweiflung zurücklassen willst . “ Er hielt sie noch immer fest , als wolle er sie mit Gewalt fesseln . Seine Brust arbeitete mächtig , seine Blicke waren von dem andrängenden Blute verdunkelt . Die ganze Fülle einer tiefen , echten Mannesleidenschaft kochte auf und schwoll über in diesem gebieterischen Drängen und Flehen . Ernestine stand bleich und still vor ihm . Sie bog sich ein wenig unter der Last seiner sie umklammernden Arme . Aber kein menschliches Auge konnte enträtseln , was in ihr vorging . Während sie so schweigend einander anschauten , war es , als ob ein Wagen davon führe . Johannes hörte es nicht in seiner Ausregung . Sie dachte , es könne der Oheim sein , aber es war ihr gleichgültig . Es war ihr überhaupt plötzlich Alles so gleichgültig ! „ Ernestine , hast Du keine Antwort für mich ? “ fragte Johannes . „ Ich werde — mich bedenken — bis morgen ! “ „ Ach , Gott sei gelobt ! “ stieß Johannes aus der Tiefe seines Herzens hervor . Er mußte sich an einem Stuhle halten , als seine Arme Ernestinen losließen , ihm schwindelte . Wieder verflossen ein paar Minuten in düsterem Schweigen . „ Ernestine , “ sagte er nach einer Weile , „ Du hast in dieser Stunde einen Unschuldigen für alle Sünden seines Geschlechtes gestraft . Laß es von nun an genug sein , ich denke , Du bist gerächt ! “ Ernestine schwieg . Johannes sprach weiter . „ Ich will Dir nicht länger zur Last sein ; darf ich mit Heim kommen ? “ „ Morgen sollen Sie meinen Entschluß erfahren . “ „ Eine Hand ! — Nein ? Nun , so lebe wohl ! “ Ernestine war allein . Sie stand noch lange völlig regungslos . Sie dachte nicht an Johannes , nicht an den Oheim , der sich seltsamer Weise nicht sehen ließ ; nur ein Wort tönte ihr immerfort im Ohre : „ Du hast den Puls einer Herzkranken ! “ Das war ein verhängnisvolles Wort , das hatte sich wie ein Skorpion in ihr festgebissen . Es war kein Zweifel , Johannes hielt sie für rettungslos . Sie hatte es ja aus jeder seiner Andeutungen entnommen . Er hatte es ihr nur nicht so gerade heraus sagen wollen . War denn aber auch Möllner im Stande , das Alles zu beurteilen ? Ja , er war als Physiolog auch Mediziner genug , um eine richtige Diagnose zu haben . Sie begriff nicht , wie sie überhaupt alle die bedenklichen Anzeichen ihres körperlichen Verfalls so lange übersehen konnte . Er hatte Recht in Allem , der Oheim war ihr Mörder ! Es schüttelte sie bei diesem Gedanken . Es trat so plötzlich an sie heran , das Gefühl des nahen Todes . Sie sann und sann und rief sich jedes kleine und größere Leiden ins Gedächtnis , rechnete und zog Schlüsse . Es war merkwürdig , wie Alles stimmte , wie Alles auf ein Herzübel zutraf ! — Johannes wollte Heim beraten . Er hätte das nicht getan , wenn er die Krankheit nicht für gefährlich hielt . Was sollte Heim noch , was konnte er ihr sagen , was sie nicht selbst wußte ? Hatte er sein Wissen aus anderen Quellen geschöpft als sie ? Besaß sie nicht eine pathologische Bibliothek , die Alles enthielt , was ein Mediziner bedarf , dieselbe , die sie für Walter bestimmt , aber ihm noch nicht hingeschickt hatte ? Sie mußte nachschlagen , mußte sich Klarheit verschaffen , heute noch . — Es war Nacht geworden , der Regen fing wieder an herabzurauschen ; trübe Schatten lagerten sich um sie her . Sie zog die Glocke , um Licht zu erhalten . Frau Willmers brachte eine Lampe mit grünem Schirm und entfernte sich wieder . Ernestine eilte zu den hohen , reichen Büchergestellen , legte eine kleine Leiter an und stieg mit der Lampe hinauf . Sie suchte hastig nach einem Handbuche der Pathologie ; sie riß einen Band nach dem andern hervor , ohne das rechte zu finden . Sie durchwühlte ungeduldig die bestäubten Folianten , die sie schon seit vielen Monaten nicht mehr berührt hatte . Endlich sah sie bei ihrem trüben Licht den gesuchten Titel . Aber sie mußte das Buch unter einem Berge unordentlich aufgehäufter Bände herausziehen . Sie tat es mit Ungestüm . Da rutschten die Bücher übereinander , ein schwerer harter Gegenstand fiel ihr auf den Kopf , daß sie fast betäubt ward , von da auf die Lampe und zerschmetterte ihr diese in der Hand , daß sein dröhnender Schlag auf den Boden vom Splittern des zertrümmerten Glases begleitet ward . Mit brechenden Knien stieg Ernestine , ihr Buch unter dem Arm , von der Leiter , um bei dem verglimmenden Schein des zerquetschten Dochtes zu sehen , was das war . Sie bückte sich , um es aufzuheben , ein Gesicht mit weit aufgerissenem Munde starrte ihr entgegen . Mit einem gellenden Schrei fuhr sie zurück . Es war einer der Totenschädel , die sie in der Bibliothek aufbewahrte und längst vergessen hatte . Zum Überfluß erlosch jetzt auch die Lampe und durch die Dunkelheit grinste sie immer noch der klaffende Mund mit seinem scheußlichen Lachen an . — Halb wahnsinnig vor Entsetzen rief sie wieder nach Licht . — Ihre überreizten Nerven fanden in dem unbedeutenden Zufall eine grauenvolle Übereinstimmung mit den Gedanken , die sie soeben peinigten , eine finstere Mahnung der Natur . Als es wieder hell um sie war , zwang sie sich mit bebendem Mute dem Schrecknis in das widerliche Antlitz zu schauen . Sie griff mit zwei Fingern in die leeren Augenhöhlen und hob den Kopf aus . „ So wirst auch Du bald aussehen ; dann bist Du auch nicht schöner als dieser da . “ Und sie trat mit dem Kopf vor den Spiegel und verglich sich mit ihm in einer Art von Großtuerei vor sich selbst . „ Du mußt Dich allmählich an diese Familienähnlichkeit gewöhnen lernen , “ sagte sie und begann in ihrer selbstquälerischen Phantasie , ihr edles , schönes Gesicht anatomisch zu zerlegen und es die Wandlungen vollziehen zu lassen , deren es bedurfte , um so auszusehen , wie ihr entfleischter , stummer Genosse.107 Da übermannte sie wieder Ekel und Grauen und sie fürchtete ihr eigenes Bild im Spiegel , wie das des Schädels . Weit fort schleuderte sie ihn und erschrak dann noch über das Gepolter , womit er hinfiel . Das Blut schoß ihr siedend in die Ohren , daß sie vor dem Rauschen und Brausen nichts mehr hörte und doch alle Augenblicke etwas zu hören glaubte , das sie sich nicht zu enträtseln vermochte und das ihr geheimes Zagen erhöhte . Der Totenkopf schien sich auch in der Ecke nicht ruhig zu verhalten , es kam ihr vor , als rolle er umher . Sie hielt es nicht mehr in dem Gemache aus , es war etwas Feindliches in der Luft . Sie nahm das gesuchte Buch und das Licht und floh in ihr Schlafzimmer , ohne umzusehen , wie ein gehetztes Wild durch die öden Gemächer eilend , jeden Augenblick gewärtig , daß das unbestimmte Schrecknis , wovor ihr bangte , in sichtbarer Gestalt aus irgend einem Winkel hervorquellen müsse . Aber das Feindliche folgte ihr auf den Fersen und umgab sie unausweichlich , tausendarmig auch in der Luft des traulichen Schlafzimmers , schnürte ihr Brust und Kehle zusammen , daß ihr Herz kaum mehr Raum zum Schlagen hatte . Und wie klopfte es — wie unregelmäßig — bald matt , bald stark , so , wie nur ein krankes Herz pocht . Und sie schlug das Buch auf und las ihr Todesurteil — die Abteilung von den Herzkrankheiten — las , als müsse sie ihre letzte Lebenskraft daran setzen , hastig , fiebrisch , kaum begreifend , denn ihr Denken war nur noch Entsetzen . Und sie las natürlich in das Buch hinein , was sie nicht herauslesen konnte , zitternd davor , das zu finden , was sie wissen wollte , und es doch mit Begierde suchend . Es war Alles so , wie sie es gefürchtet . Es stand kein Symptom verzeichnet , das sie nicht an sich bemerkte . Sie war jetzt außer allem Zweifel , sie war verloren , denn dafür gab ’ s keine Heilung , nur eine Verzögerung , einen Aufschub , den sie bei ihrer jetzigen Schwäche nicht einmal hoffen durfte . Sie warf das Buch von sich und trat zum Fenster , um Luft zu schöpfen , regenfeuchte , dumpfe , aber doch Luft — immer noch mehr und bessere , als sie in einem Sarge haben würde . — Dann brauchte sie freilich keine mehr , aber — das Atmen war ja so köstlich und der Gedanke , unter solch niederem Sargdeckel zu liegen , so beengend — erstickend ! Also bald sollte sie sterben ! — Johannes hatte sich nicht getäuscht . Es war so ! Und wie lange , wenn sie ihre Kräfte sinken fühlte , hatte sie sich darauf schon vorbereitet — was erschreckte sie denn ? Was fürchtete sie ? Die Leiden , die sie noch erdulden sollte ? Tausende hatten sie ja erduldet und die Stunde der Erlösung war vielleicht näher , als sie dachte . Nun , so wollte sie stark sein wie bisher , da die Hoffnung noch ihre unsichtbare Stütze war . Sie wollte nicht zur Lüge machen , was sie vor kaum einer Stunde zu Johannes gesagt — auch vor sich selbst nicht ! — Was war es denn ? Aufhören — aufhören zu sein , das war nicht heiter , aber auch nicht traurig , es war eben nichts ! Aber sie fürchtete auch nicht das Aufhören , sondern den Gedanken an eine Fortdauer , die schlimmer wäre als der Tod , — die Ungewißheit , ob die Seele mit dem Leibe stirbt ! „ Freilich , “ sagte sie sich , „ wenn unser Auge erblindet , kann kein Licht hinein , wenn wir unser Ohr verschließen , hören wir nicht , wenn der Mechanismus still steht , der zwischen uns und der Welt vermittelt , so sind wir außer Zusammenhang mit ihr — also tot , — aber wenn nun unser Denken ohne diesen Mechanismus fortbestünde ? Furchtbar , furchtbar , warum gibt es dagegen keinen Beweis ? Wenn wir das Gedächtnis behielten und hätten keine Augen mehr zum Sehen , also kein Licht ? — Keine Ohren zum Hören , also keinen Schall ? — Keinen Körper zum Tasten , also kein Gefühl , weder Raum noch Zeit — nichts als ewige Nacht , ewiges Schweigen und doch die Erinnerung an das Gesehene , Gehörte und die Sehnsucht nach Licht , Schall und Mitteilung ? “ Das war das Ärgste , das war gräßlicher als persönliche Vernichtung — das war es , was sie fürchtete ! — Ewige Nacht , ewiges Schweigen und ewige Einsamkeit ! Wem wird sich bei diesem Gedanken das Haar nicht sträuben , als vielleicht dem , der satt ist und überdrüßig der Welt , der sich müde gelebt , oder dem , der auf eine vollbrachte Aufgabe , einen erfüllten Zweck zurückblicken kann mit jener Genugtuung , die hinreicht , eine Ewigkeit der Erinnerung auszufüllen — aber sie ? Sie war nicht überdrüßig der Welt , sie wollte dieselbe ja erst genießen , sie war nicht alt , sie fing ja erst an zu leben ! Sie hatte noch nichts getan , ihren Zweck zu erfüllen , nichts , worauf sie befriedigt zurückblicken konnte . — Es war zu früh , wenn sie jetzt dahin mußte , sie hatte nichts vor sich als eine Ewigkeit der Reue ! Und diese Angst , wie lange sollte sie diese noch ertragen , bevor sie kam , die gefürchtete Gewißheit ? „ O , der grausame Tod ! “ klagte sie . „ So erfaßt er mich tückisch in der elendesten Form des Siechtums — des langsamen Siechtums . Dränge er als Mörder auf mich ein , daß ich mit ihm kämpfte , stürzte er in Gestalt eines Felsblocks auf mich nieder , daß ich ihm zu entspringen suchte , flutete er als reißender Strom über mich weg , daß ich schwimmend mit den Wogen ränge , es wäre besser , als mich so zu beschleichen — so unsichtbar — ungreifbar — unausweichbar ! Flüchte , armes Opfer , flüchte hin über Meere in den fernsten Weltteil , Du entfliehst ihm nicht , Du trägst ihn ja in Dir ! Wirf Dich auf den schnellsten Renner und jage durch Wald und Heide , Du entrinnst ihm nicht . Du trägst ihn ja in Dir ! Klimme empor zu den leuchtenden Firnen der Alpen , — umsonst , umsonst ! Du trägst ihn ja in Dir ! “ Sie stürzte auf die Kniee nieder . „ O allgewaltige Natur , harte Mutter , die mich nicht mehr an ihrem Busen nähren will , erbarme , erbarme dich und rette dein Kind , gib nicht den jungen , schaffenden Geist der Vernichtung preis und sein Gefäß der Verwesung ! — Millionen atmen und gedeihen , die nicht wert sind , deine Segnungen zu genießen , und mich , deine Priesterin , stößest Du aus ? “ Sie lag lange so mit flehend gerungenen Händen , als erwarte sie eine Antwort . Alles blieb still um sie her , kein Zeichen des Erbarmens lichtete sie auf . Sie besann sich . „ O , die Natur ist unerbittlich — was bet ’ ich zu ihr — sie hört mich nicht , sie denkt nicht , fühlt nicht , unbekümmert rafft sie mich hinweg , die blinde Willkür des ewig treibenden Räderwerks ! Ist denn keine Hand da , die in seine Speichen griffe ? Keine bewußte Kraft , die nach dem Werte eines Daseins richtet und spräche : Du bist würdig zu leben , darum lebe ? — Sie ist , sie ist ! In den Qualen dieser Stunde fühl ’ ich ’ s , es muß eine höhere Gerechtigkeit , es muß eine andere Gottheit geben als die Natur — der Geist , der jetzt in Todesbangen mit ihr kämpft , der Geist muß eine andere Zuflucht haben und ein ’ höhere Bestimmung als zu leben ! “ Sie preßte die Hände auf die Brust . „ O der Glaube , der Glaube ! — Aber wenn dem selbst so wäre , wenn es einen Gott gäbe , welches Recht hätte ich , auf sein Erbarmen zu hoffen ? Unselige , könnte dein eitler Stolz vor solchem Richter bestehen ? Was hast Du getan ; das dich der Gnade eines Gottes würdig machte ? Hast Du der Welt etwas genützt , ein Wesen beglückt , ein Band geknüpft , das seine Milde zu schonen brauchte ? Hast Du ihn nicht verleugnet ein ganzes Leben hindurch , zu dem Du jetzt in deiner feigen Todesnot , die letzte Zuflucht nimmst ? Und Du erwartest Hilfe und wagst es , die Augen aufzuschlagen und vom Himmel zu verlangen , was Dir die Erde versagt ? Nein , täusche Dich nicht , es ist nirgend Erbarmen , nicht bei der Natur , nicht bei den Menschen , nicht bei Gott ! “ — — Der Glaube kam über sie mit all seinen Schrecken , denn er ist nur dem ein liebender Freund , der es ihm ist , aber dem , der sich ihm verschlossen , naht er rächend , vernichtend mit Sturmes Gewalt . Er riß sie los , die kranke Seele , wie ein welkes Blatt vom Baume der Erkenntnis und wirbelte sie hinunter in die Nacht der Verzweiflung . Ein Schrei , ein letzter : „ Johannes , komm , hilf ! “ entrang sich Ernestinens Lippen und der Tür zustrebend stürzte sie besinnungslos zusammen . Erstes Kapitel Gerichtet . Leuthold hatte die Unterredung zwischen Johannes und Ernestine bis zu dem Punkte belauscht , wo er einsah , daß Johannes Sieger bleiben werde . Mehrmals überlegte er , ob er nicht eintreten solle , um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben , aber bei der Entschlossenheit Möllners wußte er , daß dies ganz fruchtlos wäre und daß Jener ihn nur zum unfreiwilligen Zeugen seiner Anklagen machen würde . So stieg ein anderer Plan in ihm auf — der , Johannes Anwesenheit bei Ernestinen zu benutzen und zu entfliehen . Als er die Überzeugung gefaßt hatte , daß sein Spiel verloren sei , raffte er den letzten Inhalt der Kasse zusammen und schrieb einige Zeilen an Ernestine , die sie auf seinem Tische finden sollte , wenn sie ihn suchte . Sie lauteten : Ich habe Dein Gespräch belauscht und war Zeuge der für mich unglücklichen Wendung , die es nahm . Ich kann nun nichts mehr hoffen und es bleibt mir nur übrig , den Tölpel zu überlisten und zu entfliehen , während er bei Dir ist . Den Rest der Kasse nehme ich mit , um die Reise zu bestreiten . Ich kann nicht erst abwarten , bis Möllner fort ist , um Dich darum zu ersuchen , denn dann wäre ja die Tür wieder bewacht und er ließe mich nimmer aus den Klauen . Es handelt sich hier um Ehre und Leben , um die Zukunft meines Kindes — ich darf nicht zögern . Wenn Du Dich doch noch entschließen solltest , heute mit mir zu gehen , so findest Du mich auf dem Bahnhofe . Du hast noch zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des Zuges . Bleibst Du hier , so werde ich Dir , sobald ich kann , das Reisegeld zurückschicken . Lebewohl — und hoffentlich : Auf Wiedersehen ! Nach Vollendung dieser Zeilen schlich er selbst in den Stall , ließ anspannen und fuhr zur Station . In zwei Stunden mußte sich sein Schicksal entscheiden . Saß er nur erst im Wagen , dann war er gerettet ! Dieselbe Zeit , in der Ernestine in Todesnot mit ihrem verleugneten Schöpfer rang , brachte der , welcher all ihr Weh verschuldet , in nicht geringeren Qualen zu . Wer je bei Nacht die Ankunft eines Zuges lange auf einer kleinen Station erwarten mußte , der weiß , was „ Geduld haben “ heißt . So herumstehen auf einem öden Perron vor einem einsamen Bahnhofe mit den Füßen stampfen , denn das Stehen auf den Steinen macht kalt — sich wieder und wieder hinausbiegen und die gerade endlose Straße hinunterschauen , ob man denn noch keine roten Punkte sieht ; dann wieder auf dem kurzen Raum hin- und herlaufen und einen schläfrigen Inspektor so oft fragen , als man es dessen Geduld nur irgend zumuten kann , ob der Zug noch nicht bald komme und immer wieder dasselbe : „ Jetzt kommt er bald ! “ hören , an das der Tröster selbst nicht glaubt ; dann wieder zur Abwechslung in die Restauration hineingehen mit ihren ewigen ledernen Schinkenbrötchen und ihren abgespannten Büffetdamen , die den Abfahrenden so teilnahmlos ansehen , weil er noch nicht durch eine lange Fahrt genug heruntergebracht ist , um etwas von ihrem zähen Vorrat zu bedürfen ; — alle zehn Minuten mit der Überzeugung auf die Uhr schauen , es müsse schon wieder eine halbe Stunde vorüber sein und endlich , wenn man stumpf geworden vor Langeweile , sich fast des Wartens begeben hat und müde auf einen Sessel gesunken ist , jäh aufgeschreckt werden durch den gellenden Ton der Signalglocke , daß man nicht weiß , wie man seine Siebensachen rasch genug zusammenraffen soll , und dann von dem Portier zurückgewiesen werden , weil es noch nicht der rechte Zug , sondern einer ist , der vor jenem abgeht — das sind so die kleinen Eisenbahnleiden des menschlichen Daseins , die Jeder kennt . Dem aber , der mit pochendem Herzen auf das Dampfroß , als auf den Retter seines Lebens wartet , dem werden sie zu Martern , wie sie der boshafteste Teufel nicht grausamer ersinnen kann . Leuthold durchlebte sie in ihrer ganzen Ausdehnung , nur mit dem Unterschiede , daß er nach zwei Richtungen ausblickte , nach der der Bahn mit verzehrender Ungeduld und nach der , wo er hergekommen , mit der Todesangst , der Rächer werde ihm folgen . So gingen die zwei Stunden , eine geistige Folter , an ihm vorüber und als endlich die leuchtenden Punkte am Horizonte auftauchten und näher und näher kamen , bis der Zug stampfend und brausend in den Bahnhof einfuhr , da glaubte Leuthold unter dem schneidenden Pfiff zusammenzubrechen , der sein Ohr zerriß . Mit letzter Kraft schwang er sich die hohen Stufen hinauf und der schwarze rotäugige Rettungsengel aller Diebe und Mörder entfaltete seine qualmenden Fittiche und schnaubte mit ihm von dannen . Nun war er geborgen . Den eisernen Pfad , den er mit dem feurigen Ungetüm verfolgte , konnte keine Nachstellung durchkreuzen , als der elektrische Funke , der ihm vorauseilend sein Signalement in die Welt tragen und ihm die Verhaftung auf einer Station zuziehen konnte . Doch auch davor hielt er sich sicher , denn Niemand wußte , welchen Weg er nähme . Um die Nachforschungen irre zu leiten , hatte er ein Billet bis auf eine weitabliegende Station des linken Rheinufers genommen , während er in gerader Richtung Hamburg zu und zunächst nach Hannover eilte , um seine Tochter aus dem Institute zu holen . Es war eine kalte , unheimliche Nacht . Er schlummerte ein paar Mal überwältigt von Müdigkeit ein . Dann glaubte er sich zu Schiffe , von den Wellen geschaukelt , in einer Kajüte und atmete erleichtert auf , denn nun war ja alle Angst vorüber . Und wie man sonst nach einer überstandenen Gefahr sagt : „ Jetzt ist er auf dem Trockenen ! “ so konnte er umgekehrt frohlocken , daß er nun auf dem Wasser sei . — Da schrie aber jedesmal ein grausamer Schaffner zur Tür herein und rief ihm mit seinem eintönigen „ Fünf Minuten Aufenthalt ! “ das Bewußtsein zurück , daß er noch auf dem Lande , auf feindlichem Boden dahin krieche . So quälte er sich die ganze Nacht zwischen Wachen und Schlafen . Die übrigen Reisenden betrachteten mitleidig bei dem flackernden Waggonlicht den bleichen , bartlosen Mann , der so matt in seiner Ecke lehnte , — er mußte wohl recht krank sein . Endlich färbte das Frührot den Horizont und die unabsehbaren Ebenen jener Gegend . Auf den Halteplätzen wurde der bedenkliche Trank ausgeboten , den der fröstelnde Reisende in einem Zustand von Körper- und Geistesschwäche für Kaffee genießt und vor sich selbst mit dem Motto beschönigt : „ ’ s ist doch ’ was Warmes ! “ Eine alte Dame , die in der Nacht eingestiegen war und neben Leuthold saß , trank sich durch alle Stationen durch und es machte ihr den bleichen