silberne Schleier die reizvolle Gestalt . Eine Dreißigjährige , die einem jungfräulichen Mädchen glich , mit rosigen Wangen , mit schwellendem Mund und mit suchenden Schwarzaugen voll kindlicher Neugier . Sigismund küßte sein Ehgemahl vorsichtig auf die Wange und sagte scherzend : » So schnell bereit ? « Die Narrenkappe fortschiebend , beugte Herzog Ludwig sich nieder . » Vor der Schönheit kniet man leichter als vor der Würde . « Freundlich hob ihn Frau Barbara auf und fing munter zu schwatzen an . Der Ingolstädter plauderte mit ihr , ritterlich und bilderreich , während sein entstelltes Gesicht wie Asche war . Die Majestäten traten Hand in Hand aus dem Zelte . Brausender Jubel verschlang das Lied der Kinder , deren Schar mit den gelbgeblätterten Birkenzweigen in der Sonne wie ein goldenes Wäldchen war . Der König sah freundlich die vielen Kinder an und sagte : » Da wächst uns eine neue Welt . « In weitem Ringe standen die Hochwürdigen , die Edelfesten und Ehrbaren der freien Stadt , die Zünfte mit ihren Fahnen , hinter ihnen die berittenen Söldner , die Fußknechte und Schützen , und dann das graue Volk . Herzlich begrüßte der König den Fürstpropst Pienzenauer und den Kaspar Törring , die nicht sonderlich festlich aussahen . Trompeten schmetterten , eine schwer atmende Stille lagerte sich in der Sonne , und während von der Stadt das Geläut der Glocken scholl , fing der Bürgermeister in Ehrfurcht zu reden an . Der König lauschte wohlwollend . Minder aufmerksam war die Königin , die in lächelnder Neugier die schmucken Geschlechtersöhne musterte . Zum Willkomm verehrte die Stadt der Majestät einen großen goldenen Kupf , der bis zum Rande gefüllt war mit rheinischen Dukaten ; auch Frau Barbara , der Kanzler und der Narr bekamen Becher mit Geldgeschenken . Nun bewegte sich der Zug mit Sang und Klang der Stadt entgegen . Immer segnete der päpstliche Legat das Volk ; er ritt unter dem ersten Purpurhimmel . Auf einem ungrischen Goldfuchs , dessen seidene Schabracke den Boden berührte , ritt die deutsche Majestät unter dem zweiten , kleineren Traghimmel ; voraus schritten vier Edelknaben mit großen Gürteltaschen , aus denen sie neugeprägte Silberpfennige mit dem Bild des Königs in die Massen des jubelnden Volkes warfen . Hinter dem Herrscher , unter einem Pfauenfächer , ritt Königin Barbara auf einem Berberschimmel , der so zierlich war wie die schöne Frau in seinem Sattel . Dann kam die Schar der Fürsten und Herren , unter ihnen Herzog Ludwig mit entblößtem Haupt , zu jeder Seite seines abgehetzten Pferdes einer von den ruhig schreitenden Hunden ; mit den lang herabhängenden Zungen und den mager gewordenen Leibern sahen sie aus wie lebendige Wappentiere . Und außerhalb der von Waffen starrenden Spaliere drängte sich eine graue , jubelnde Menschenmenge und raufte sich auf dem Boden um die Silberpfennige , die unter dem Purpurhimmel der Majestät herausflatterten . Jetzt kam der Königszug zu dem Märchenbau der Steinernen Brücke . Ein wundervolles Bild : der mächtige , rauschende Strom und diese hochgeschwungenen , steinernen Bogen mit Toren und Türmchen , mit Fahnen , Kränzen und wirbelndem Bänderwerk ; und drüben die feste , schöne Stadt , umflossen von goldener Sonne , mit den langen Mauerzügen , mit den von Menschen wimmelnden Wehrgängen und Basteien , mit den eng zusammengehuschelten Firsten und Türmen , die von bunten Tüchern umflattert , von Scharen der aufgescheuchten Dohlen und Tauben umflogen waren . Ein Dröhnen und Hallen , als wäre der ganze Himmel eine schwingende Glocke . Und jetzt - als der König auf der Höhe der Brücke für die da drüben sichtbar wurde - jetzt übertönte den klangvollen Lärm ein dumpfer , schwerer , den Himmel und die Erde erfüllender Laut wie der Ton einer Riesenorgel , wie das grauenvolle Stöhnen eines leidenden Ungeheuers : das sehnsüchtige Gebrüll der vierzigtausend Zugewanderten , die eng gepfercht zwischen Wasser und Mauer standen , in gläubiger Hoffnung immer » Kaiser ! Kaiser ! Kaiser ! « schrien und die braunen , von grauen Lumpen umhangenen Hände hinauf streckten zum erwarteten Retter . Das Gesicht des Königs entfärbte sich in tiefer Erschütterung . Er stammelte einen Namen ; zwei von den Ordnern des Zuges liefen nach rückwärts und brachten den Fürstpropst Peter Pienzenauer . Herr Sigismund umklammerte den Arm des Propstes : » Siehst du das ? Da drunten ? Das arme Volk ! Und ich kann nicht helfen . Rom und die Fürsten machen mich zu einer Puppe , die an Drähten zuckt . Ich möchte das Gute und Rechte . Doch die Kleinen sträuben sich . Sie sind wie Mäuse , die sich in der Falle sicher vor der Katze glauben . « Zorn und Erregung zerdrückten ihm die Stimme . » Peter ! Reite heim nach Berchtesgaden ! Und rüttle in deinem Untersberg den alten , schlafenden Kaiser wach ! « Die Wirkung des Bildes , das er gesehen hatte , blieb in ihm , als er durch das Brückentor zu Regensburg einritt und umjubelt wurde von der Bürgerschaft . Er hörte nicht das Freudengeschrei und sah nicht die mit weißen Tüchern aus allen Fenstern winkenden Frauen . Zerstreut betrachtete er , was er sonst sehr gerne zu sehen liebte : den Flötenreigen der in durchsichtige Schleier gekleideten Hübschlerinnen und geschuhten Wachteln , die man zu Regensburg die armen Töchter nannte . Die schmucken Weibchen , die sehr heiter waren , sperrten mit einem Seil aus roter Seide und mit Rosengewinde die Straßen und luden den König in galanten Versen zu einem Fest in ihrer süßen Herberg . Immer nickte , dankte und lächelte er . Doch etwas Müdes und Steinernes war in der heiteren Schönheit seines Gesichtes . Immer schienen seine Augen nach einwärts zu schauen in die trauernde Herrscherseele . Als er in der gewölbten Halle des Stadthauses von den zu Regensburg eingetroffenen Fürsten empfangen wurde , eilte er , alle höfische Regel mißachtend , auf den kleinen Herzog Heinrich zu , nahm ihn beiseite und flüsterte ihm heiß ins Ohr : » Oheim Landshut ! Wir wollen dir alles verzeihen ! Alles ! Kannst du uns Geld geben ? Viel Geld ? « Seine Augen wurden fröhlich , als er von den dreißigtausend Dukaten hörte , die Herzog Heinrich schon in das Quartier der Majestät , in das alte Patrizierhaus der Gumprecht , hatte schaffen lassen . » Lieber Oheim ! « Der König lachte . » Wir wollen dir danken . Morgen . Was Wir tun , ist verwerflich . Aber helfen ist von den Freuden des Lebens die schönste . « Er befahl den Bürgermeister und die drei Almosenherren der Stadt zu sich . Noch in der gleichen Stunde sollte man aufkaufen , was in der Stadt an Zelten , Kleidern , Mänteln , Zehrung und Trank für das zugewanderte Volk zu erschwingen war . Auf vielen Wagen sollte man alles hinausfahren zum Anger vor dem Ostentor . Jede arme , leere Hand , die sich da draußen verlangend streckte , sollte empfangen von der Güte des deutschen Königs . Der Bürgermeister neigte sich dankbar vor dem Herrscher ; doch der Auftrag , den er übernommen , machte ihm Sorge ; er hatte Ursach , alle Tore fest verschlossen zu halten . Von da draußen war eine Meldung in die Stadt gedrungen , die man verschweigen mußte - eine Meldung , vor der auch Tapfere erzitterten bis ins Blut . Da draußen , unter den vierzig Tausenden , war einer zugewandert . Der hatte leere Augenhöhlen und schlug mit der Knochenfaust an das Ostentor . Von allen Siegern der gewaltigste ! In der gewölbten , reich gezierten Halle des Stadthauses brannte , obwohl der Abend noch nicht dämmerte , schon die Fülle der Wachsfackeln und Kerzen . Um die schönen , freundlichen Majestäten bewegte sich ein funkelndes Gewirre von Fürsten und edlen Frauen , von geistlichen Würdenträgern , von ritterlichen Herren und wappenfähigen Bürgern . Ein bißchen außerhalb des funkelnden Gewimmels stand in kostbarem Hofkleid der kleine Herzog Heinrich an eine Säule gelehnt , völlig genesen , belustigt und zufrieden . Seine blitzenden Schwarzaugen gingen suchend über das Gewühl der Gesichter hin , und ein feines Schmunzeln huschte um seine schmalen Lippen , sooft im Gewirr das unbedeckte Haupt und die grau bestäubten Schultern des Ingolstädters erschienen . Da trat im schweren Panzer sein Schwager Zollern vor ihn hin , sah ihn an , nickte , schob die Lippen vor und schwieg . Mit lebhafter Herzlichkeit sagte der Kleine : » Gott grüß dich , Schwager ! Wir haben uns lange nicht gesehen . Jetzt geschieht es zu guter Stunde . Wir hatten Glück , wir beide . « » Jeder auf seine Weise . Um das recht zu sehen , mußt du mein Gedächtnis auffrischen . Wie lautete , was du mir nach Nüremberg geschrieben ? « » Daß du tun möchtest in meinem Namen , was ich als notwendig , hilfreich und redlich erkenne . Als redlich hab ich erkannt , was du tatest . Notwendig und hilfreich erschien es mir nicht . Drum hab ich es anders gemacht . « Herr Heinrich schmunzelte . » Mißfällt es dir ? « Zollern bekam die harten Furchen auf der Stirn . Dann lachte er plötzlich , laut und kräftig . » Schwager ! Man kann dir im Ernst nicht grollen . Das ist manchmal ein schwierig Ding , zu wissen , was gut oder böse ist . An den sieben Häuten deiner Seele ist kein klarer Fleck . Aber dein Land und Volk wird gewinnen dabei . Das läßt milder über dich denken . « Er wollte gehen . Und sah neben der Säule den barhäuptigen Herzog Ludwig stehen mit aschfarbenem Gesicht und brennenden Augen . » Nur näher , Oheim ! Hier findet Ihr , einen klugen und heiteren Mann . Jetzt , vermute ich , wird er redlich mit Euch unterhandeln . « Klirrend schritt er davon . Herr Heinrich verlor ein wenig an fröhlicher Farbe , als der hochgewachsene Ingolstädter in seiner gewalttätigen Art so dicht vor ihn hintrat . » Wir sahen uns zum letztenmal in Konstanz . Nicht ? Fünf Jahre sind eine lange Zeit . Gute Vettern sollten sich zuweilen besuchen . Um sich auszusprechen . Damals in Konstanz wurdest du am Reden behindert . Nicht ? Es war sehr finster . Damals . Heut ist es hell . Warum zitterst du ? Die Stunde ist höfisch . Die Nähe des schönen Königs umschleiert die häßlichen Dinge . Da muß man zierliche Worte finden . Muß Brücken über alles Dunkle schlagen . Ich schaue nicht hinunter . Nein ! « Herzog Ludwig sah die Narben an seinen Händen an . » Ich will dich nur etwas fragen . Eine kleine Sache . Das mußt du mir sagen . « » Was , du Großer und Starker ? « Herr Heinrich war wieder heiter geworden und streckte sich , weil er merkte , wie viele Augen in Neugier auf ihn und den anderen hersahen . » Hast du in deinem Lebern schon einmal die Wahrheit gesagt ? « Herzog Heinrich schien sich zu besinnen und nickte . » Doch . Manchmal . Wenn es nützlich war . « » Dann sage sie mir jetzt ! « Der Ingolstädter beugte sich langsam zu dem kleinen Vetter hinunter . Er lachte , wie man zu lustigen Dingen lacht . Doch seine Stimme keuchte : » Wer verriet mich ? « In Heinrichs schwarzen Augen blitzte es wie eine geschliffene Klinge . Seine Seele war durchwühlt von dem gierigen Wunsch , diesem Starken , noch immer nicht völlig Gebeugten den letzten Stoß in das Herz zu bohren . Seine Klugheit widerriet es ihm . Er sagte : » Niemand ! « Schmetternde Trompetenstöße klangen vom Saal herunter , und die Majestäten stiegen auf lindem Teppich über die steinerne Treppe hinauf . » Das Mahl beginnt . Es möge dir schmecken , Vetter ! « Herzog Heinrich ging rasch davon und wollte sich in das glitzernde Gewühl verlieren . Da sprang ihm der . Ingolstädter nach , faßte ihn mit eisernem Griff am Handgelenk , zerrte ihn hinter sich her zu einem Winkel in der Halle hin und deutete auf eine mit kostbarem Hofkleid geschmückte Mißform . » Vetter ? Kennst du den da ? Ist das jemand ? Oder niemand ? Wer ist das ? « Prinz Höckerlein hatte ein weißes Gesicht , doch ein verwundertes Lächeln und einen sanften Knabenblick . » Wer ist das ? « schrie Herzog Ludwig so laut , daß die über die Treppe hinaufsteigenden Mahlgäste erstaunt die Köpfe drehten . In Zorn hatte Heinrich seine Hand befreit . Nun sah er den Buckligen kalt und gleichgültig an und antwortete ruhig : » Die Ähnlichkeit versagt . Aber man weiß : Es ist dein Sohn . « Er ging zur Treppe hinüber . Gebeugt stand Herzog Ludwig vor dem Prinzen , dem eine zarte Röte die Blässe vertrieben hatte . » Wann kamst du ? « » Jetzt eben , Vater ! « » Wo warst du seit deiner Heldentat von Alling ? « Mit dem Gesicht eines hilflos Bekümmerten klagte der Prinz : » Daß der große Feldherr , der mein Vater ist , in die Sümpfe reitet , konnte ich bei der Jugend meiner Kriegserfahrungen nicht vermuten . Als deine treulosen Einrösser meine Tapferkeit behinderten , nahm ich eine Straße , die mir fest erschien . « » Ja , mein Würmchen , reite auf dieser Straße ! « Herzog Ludwig , unter heiserem Lachen , klopfte dem Buckligen auf die Schulter . » Reite ! Reite ! Nur immer zu ! Da wirst du weit kommen . « Er wollte gehen , wandte sich wieder und sagte rauh : » Weißt du , daß man mich zu Alling in meinem Zelt bestahl ? « Erschrocken fragte Prinz Höckerlein : » Um viel ? « Bei aller Qual belustigt , brach Herr Ludwig in Gelächter aus . » Um viel ? Ach nein ! Nur um Kornreif , Siegel und Stab . Das bißchen Bargeld soll außer Rechnung bleiben . « » Die Diebe muß man ausforschen . Willst du mir das überlassen , Vater ? Ich finde sie . « Die Augen des Buckligen erweiterten sich . » Solltest du verhindert werden , nach Ingolstadt heimzureiten , so will ich sie hängen lassen , diese bösen Diebe . Wie alle , die meinem Vater treulos waren . « Im Gesicht des Herzogs eine jähe , grauenvolle Veränderung . Und mit schwerer , dumpfer Trauer sagte er leis : » Einen wirst du begnadigen müssen ! Wenn du leben willst . « Er wandte sich und stieg über die festliche Treppe hinauf . Der mißgestaltete Knabe , in der schimmernden Seide seines reichen Hofkleides und mit seinem wippenden Spinnenschritt , ging lächelnd hinter ihm her . Draußen auf der Straße eine brausende Woge des Jubels . Vom kleinen Erker des großen Rathaussaales hatte sich das Königspaar der Bürgerschaft gezeigt , die im Glänze des nahenden Abends Kopf an Kopf den Platz und die abziehenden Gassen füllte . Als die Majestäten vom Fenster verschwanden und droben im Saal die schmetternde Bankettmusik begann , entstand auf dem Platz ein schiebendes Gewühl unter Kreischen und lustigem Gelächter . Auch Streitreden und Händel gab ' s. Die jungen Bürgersöhne vermerkten es übel , daß ihren Schwestern und Bäschen die fremden Fürstenknechte so gut gefielen . Ein Burghausener Harnischer hatte ein blondes Mädel gefischt und zog es hinüber zum Wadmarkt . Der war abgesperrt . Vor dem Mallerschen Patrizierhause , wo Herzog Heinrich Quartier genommen , standen die Zelte seiner Söldner und die angepflöckten Rosse . Als der Harnischer das blonde Mädel durch die Wache schmuggelte , fragte ein Stadtknecht nach dem Malimmes vom Taubensee . Man wies den Knecht zu einem Zelt , in dem ein schmuck gekleideter Söldner auf den Pferdedecken lag . » Du ? Bist du der Malimmes vom Taubensee ? « Ein Müder richtete sich auf . » Ich bin ' s gewesen einmal . Was ich jetzt bin , weiß ich nimmer . Der Krieg macht böses Vieh aus den Leuten . Was willst du ? « » Beim Ostentor ist einer festgenommen worden , der die Mauer hat übersteigen wollen . Der sagt , er müßt mit dem deutschen König reden und wär aus der Ramsau . Du tatst ihn kennen , sagt er . « Verdrießlich murrte Malimmes : » Was geht mich die Ramsau an ? Ruh will ich haben . « Doch er nahm seinen Hut und das Eisen . » Komm ! Das Gewesene laßt einen nimmer aus . « Als sie den Zaun der Wache durchschritten hatten und hineintauchen wollten in das heitere Menschengewühl , blieb Malimmes stehen und musterte ein geputztes Weib , das einen grünen Schleier um Haar und Gesicht gewickelt trug und wie wartend dastand . » Ist die schon wieder um den Weg ? « Seit er zu Regensburg eingeritten , hatte er diesen grünen Schleier schon viermal gesehen . » So eine geschuhte Wachtel ! Was die nur will von mir ? Komm ! « Es war eine harte Mühe , in diesem Gedräng das Ostentor zu erreichen . Hier ging es lärmend zu . Hochbeladene Karren wurden in langer Reihe zum Tor hinausgefahren , ein dumpfes Brausen scholl herein , und Stadtknechte mit gefällten Piken verteidigten die Torlücken , um die von draußen andrängenden Menschen abzuwehren . In einer kleinen , schon vom Abend durchschleierten Kammer neben der Wachtstube fand Malimmes den Hinterseer Fischbauer , der die Würde und das Wort des Seppi Ruechsam geerbt hatte . In der braunen Faust umklammerte der Bauer eine blecherne Pergamentkapsel . Sonst war er splitternackt . Ein Medikus untersuchte ihn und sagte : » Redet sonst nichts wider ihn , so kann man ihm Einlaß gönnen . Der Mann ist gesund . « » Was denn sonst ? « Malimmes mußte für den Verdächtigen zeugen . Er nickte . » Das ist ein guter Mensch . Der hat mit dem Vieh zu tun . Das Vieh verdirbt einen Menschen nit . « Und während der Fischbauer in das Hemd fuhr , fragte der Söldner zögernd : » Wie geht ' s denn allweil ? Daheim ? « » Recht muß Recht sein . Sonst geht ' s nit schlecht . Langsam macht sich schon alles wieder . Drei von meinen Buben hat man totgeschlagen . Aber von den fünfen , die noch übrig sind , hat jeder ein Gütl gekriegt , das leer geworden ist . « » So so ? - Und der Mareiner ? « Der Albmeister lachte . » Dein Bruder ist angerumpelt und muß das Maul wieder halten . Sein Zenonisches Erbrecht hat man nit gelten lassen . Jetzt ist er wieder Sanktpetrischer Frongütler . Aber sonst ist Segen in seinem Haus . An Ostern hat seine Bäurin Drilling gekriegt . Drei Buben . « » Nit mehr ? « Auch Malimmes wurde heiter . » Gelt , ja ! Heuer ist in der Ramsau ein gutes Kinderjahr . Jedes Weibl und Maidl tragt in der Sonn was Lebendiges umeinander . « » Wo man viel totgeschlagen hat , müssen viel wieder herwachsen . Geh ' s wie ' s mag ! « » Was denn sonst ? « Der Fischbauer bändelte die zwei Schäfte seiner grauen Hose zusammen . » Und außer den drei Buben ? « Das Gesicht des Malimmes , das eben noch überleuchtet war von einer wilden Fröhlichkeit , wurde hart und ernst . » Ist da sonst noch ein Kindl im Haus ? Beim Bruder ? « » Geh , du Narr ! « Der Albmeister schlüpfte in die genagelten Schuhe . » Meinst , deine Schwägerin kann hexen ? Freilich , ein lützel was lernt man im Krieg . Die Mareinerin hat allweil gezittert vor Angst , wenn ein Herrenknecht in der Näh gewesen . Jetzt lacht das tapfere Weibl , so oft einer kommt . Was denn sonst ? « » So so ? « Nach langem Schweigen , während der Albmeister die Riemen seiner Schuhe knüpfte , fragte Malimmes rauh : » Wie geht ' s meiner Mutter ? « » Jeh , du , die ist doch gestorben , selbigsmal , wie der Marimpfel bei Piding hat bleiben müssen . Den besten von ihren Buben verliert eine Mutter hart . « Diesen Erfahrungssatz des Albmeisters hörte Malimmes nimmer . Der Strich seiner großen Narbe war so bleich geworden , als hinge ein weißer Zwirnfaden über das braune Gesicht herunter . So ging er stumm und mit schwerem Schritt aus der Kammer . Draußen in der Glut des schönen Abends ließ er sich einkeilen in das Gewühl der Menschen und ließ sich schieben , stoßen und treiben von der Menge - er wußte nicht , wohin . Und wo dieser bunte , frohe , rauschende , vom Blut des Abends überleuchtete Lebensstrom den Malimmes hinschwemmte , in jeder Gasse , überall und immer war jener grüne Wachtelschleier in seiner Nähe . Jetzt wieder . In der engen Brückengasse . Und da wühlte sich Malimmes plötzlich zu dem Frauenzimmer hin und griff nach dem grünen Schleier . Das Weib wehrte sich schweigend und wollte entrinnen . Aber Malimmes hatte den Schleier schon in der Faust und riß ihn herunter . Blonde Zöpfe , große , angstvolle Augen und ein geschminktes Gesicht , das nicht erblassen konnte . Die Traudi war ' s. Stumm und zitternd stand sie vor ihm , Furcht , Liebe , Gram und Freude im nassen Blick . Beim ersten Erkennen leuchtete in Malimmes etwas auf , als wäre in seine frierende Einsamkeit ein bißchen Wärme gekommen . Doch beim ersten Blick gewahrte er auch das Fürchterliche im Gesicht dieser armen Tochter : die französischen Krankheitsflecken unter der weißen und roten Schminke . Wortlos , die Zähne übereinander knirschend , faßte er die Traudi am Arm . Sie entzog sich ihm und sagte traurig : » Du sollst mich nimmer anrühren ! Du nit . Die Kriegsleut haben mich versaut . « Er brauchte lang , bis er fragen konnte : » Warum bist du fort von daheim ? « » Wie die Mutter tot war , hat ' s mich nimmer gelitten . Weil du nit kommen bist , hab ich dich suchen müssen . So bin ich auf Wasserburg gekommen , das man beschossen hat . Jeden hab ich gefragt nach dir . Und einer - « Sie konnte nimmer weiterreden . Er sagte heiser : » Wasserburg ? Das ist im vorigen Herbst gewesen . « Sein Gesicht entstellte sich . » Wann hast du dein Kind geboren ? « » Wie man Friedberg verwüstet hat , heuer in der Osterwoch . « Die Augen des Malimmes irrten flackernd über das vergnügte Gewühl der Menschen hin . » Gott wird wollen haben , daß dein Kindl tot ist ? « Sie schüttelte den Kopf . Da schrie er wild : » Es lebt ? « Sie nickte . Den Kopf beugend , keuchte er : » Wo hast du ' s ? « » Drunten , im Holzländgässel , bei meiner Herbergsmutter . « Schweigend stand er vor ihr , wie mit gebrochenem Nacken . Dann sagte er müde : » Komm ! « Sie rührte sich nicht und sah ihn verzweifelt an . » Hörst nit ? Komm ! « Er wühlte einen Weg durch das Menschengedräng . Und die Traudi schmiegte sich hinter ihm her ; heimlich berührte sie mit den Fingerspitzen seine Arme , seinen Rücken , seine Schultern ; dabei war in ihren klagenden Augen ein kleines , armes Glück . Zwischen hohen Häusern mit feuchten , muffigen Mauern lag eine enge , lange Gasse , in die vom leuchtenden Abendhimmel noch ein matter Glanz herunterfiel . Nur wenig Leute liefen da hin und her . Immer jagender wurde der Schritt des Malimmes . Schwer atmend täppelte die Traudi neben ihm her . Ein paarmal versuchte sie zu reden . Immer schwieg er . Da sagte sie leise : » Deinen Goldpfennig hat mir einer vom Hals gerissen . Das ist mir das Ärgste gewesen . « Er schwieg . » Aber ein lützel was hab ich schon noch von dir . « Sie wartete , ob er fragen würde . Er schwieg . » Das Hemmed , das du mir beim Hallturm in den Binkel geschoben hast . Das hab ich noch . Ich hab ' s gewaschen und gut geflickt . An jedem Sonntag , wenn die anderen in der Kirche sind , schlupf ich allweil ein lützel hinein und geh mit dem Kind in meiner Stub herum . Da bet ich . « Schweigend nahm er ihre Hand und machte kürzere Schritte , damit sie nicht so schnaufen müßte . Unter einem verträumten Lächeln fragte sie : » Ist der Heiner auch bei dir ? « » Der ist tot . « » Jesus ! Aber der Altknecht , gelt ? « » Der ist tot . « » Herr Jesus ! Und der Bauer ? « » Der ist tot . « » Allmächtiger ! Muß denn alles - « Die Stimme zerbrach ihr . » Und - « Er senkte schweigend den Kopf . Da fragte sie scheu : » Wo ist denn der Bub ? « Erschrocken umklammerte sie seinen Arm ; denn sie sah ein Gesicht , als wäre das nicht der Malimmes , sondern ein Fremder , den sie nie im Leben gesehen hatte . Ruhig befreite er seinen Arm und sagte mit Worten , die wie Eisen waren : » Wer fragt , geht irr . Krieg ist Krieg . Die Lieb macht lebendig , der Krieg macht tot . Frag nit um die andern ! Dein Kind lebt . « Er lachte . Die Traudi verstand den Malimmes nimmer . Hilflos sah sie zu ihm auf . » Tust du denn nit trauern ? « » Die Zeit ist so . Da muß man sein Herz an die Wand werfen können , daß es hängen bleibt . « Sie wagte kein Wort mehr zu reden . Ganz am Ende der Gasse blieb sie vor einem schlechten Hause stehen , über dessen Tür , obwohl es noch nicht dunkelte , eine rote Laterne brannte . » Kommst du mit herauf ? « Er schüttelte den Kopf . » So wart ein lützel , ich bring ' s. « Sie wollte ins Haus treten , blieb stehen , sah ihn glücklich an und machte eine Bewegung , als möchte sie mit dem Finger an seine große Narbe rühren . » Schier gar nimmer sieht man ' s. « Malimmes nickte . Und als sie im Haus verschwunden war , setzte er sich auf die Bank neben der Türe . Über der Mauer draußen rauschte die Donau . Der Lärm der Menschen hing über der Stadt wie das Summen eines riesigen Bienenschwarmes , vom Stadthaus klang die Bankettmusik gleich einem feintönenden Gezirpe , und der lange Strich des abendroten Himmels über den Dächern der schmalen Gasse war wie eine große , blutende Wunde , die man mit einem schartigen Schwert in Gottes Gesicht geschlagen hatte . Langsam kam die Traudi aus dem dunklen Türloch heraus , an der Brust ein kleines , rotes , blaues und grünes Binkelchen , mit einem weißen Schleierlappen . Er streckte sich und nahm das von Bändern umwickelte Kissen auf seine Arme . Die Traudi sagte : » Ist ein Büblein . Und heißt Maria Lichtmeß . Wie du . « Als er den Schleier wegzog , war eine flehende Angst in ihrem Blick . » Jetzt schaut es ein lützel ungut aus . Ist allweil wie ein Röslein gewesen . Jetzt hat es - ich weiß nit , was - aber das vergeht schon wieder . Gelt , ja ? « Das Gesicht des Malimmes versteinte , während er dieses kleine , wunde , rettungslose Leiden betrachtete , aus dem zwei klagende Lichterchen hervorguckten wie die Augen eines jungen , sterbenden Tierchens . » Gelt , ja ? Gelt , ja ? Das wird schon wieder gut ? Das ist halt so , wie ' s die Kinder oft haben . « Er nickte und schloß die Augen . Und so , mit geschlossenen Augen , sagte er ruhig : » Da tu dich nit sorgen , gutes Maidl ! Das ist , was die Leut den Dreißiger heißen . Da gibt ' s ein Mittel dafür . « » Gelt , ja ? « » Da hilf ich , Maidl , jetzt gleich . « » Jesus ! « » Und vergelt ' s Gott für das liebe Kind ! Dem will ich ein guter Vater sein . « Die Traudi lachte , als wäre ihr der leuchtende Himmel ins Herz gefallen . » Hast du einen Mantel ? « Sie sprang ins Haus . Malimmes öffnete die Augen . Er sah das wunde Gesichtchen des Kindes an . Und sah wie ein Irrsinniger die Gasse hinauf . Und sah zur Mauer hinunter . War da drunten nicht ein Törlein , das zur Holzländ führte ? War da draußen nicht die rauschende , reißende Donau ? Nun strich er mit der Hand über die dünnen Härchen des Kindes hin , hüllte den kleinen Schleier drüber und sagte leis und zärtlich : » Paß auf , Kindl , was du für einen guten Vater hast ! Was ich für dich tu , das bringen die besten nit fertig . « Die Augen schließend , spannte er seine stählerne Faust um die Schläfe dieses kleinen , vergifteten Lebens . Da kam die Traudi mit einem grünen Mantel . » Recht so , Maidl ! Auf dich ist Verlaß ! Bist noch allweil die Richtige . « Er hüllte den Mantel um das Kissen und ging der Mauer zu . » Jetzt komm