meine Stiefel genagt , das hat seine Übelstände , aber ich schlürfte doch diese kleine Gefängnisfreiheit mit vollen Zügen , es war wieder Welt , wieder Leben , was mir nahetrat . Gegen Ende der Stunde war ich auch schon mit meinem Gegenfüßler in Rapport getreten , allmählich hatten wir den Zwischenraum , der uns trennte , immer kleiner gemacht , die Wächter waren des Regens halber ins Schilderhaus gekrochen , er flüsterte mir etwas zu , was ich freilich nicht verstand , aber er lachte , und das war großer Trost . Kann doch also auch hier gelacht werden ! Aus seinem ganzen Äußeren spricht eine Verhöhnung der Ketten , die hebt mich selber mit . Als der Regen plötzlich heftiger wurde , warf er mir schnell etwas an den Fuß , ich tat , als fiele mir die Pfeife an die Erde - so lügnerisch klug wird man in der Unterdrückung ohne weiteres , und hob es auf . Es war ein kleiner Stein , Beihilfe zum Feuerschlagen - bei der nächsten Begegnung sagte er deutlich » Hosenschnalle ! « Wahrscheinlich soll sie die Stelle des Stahls vertreten , ich habe aber leider keine , und zuckte mit den Achseln , er zuckte auch und lachte . Jetzt plag ' ich mich nun den ganzen Tag mit einer kleinen Schnalle meines Tragebandes , um Feuer zu schlagen , aber das Steinchen hat wenig Feuer , die Schnalle wenig Stahl , ich schlage mir die Finger blutig , aber es ist doch eine Arbeit nach einem nächsten Ziele , ich habe doch große Fortschritte gemacht im Kerkerleben , und weiß doch jetzt , daß ich für eine Stunde des Tages existiere , für die Freistunde . Ich habe heut gefragt , welcher Monat in der Welt ist , die Zeit ist lange von mir gewichen , und ein anderer Mensch kritzelt Dir diese Worte . Der plötzliche Eindruck frischer Luft nämlich war verheerend auf meinen Leib gestürzt , ich brach zusammen , als ich aus der zweiten Freistunde wieder in mein Gefängnis kam , die Besinnung entwich lange Zeit , der Wärter sagt , viele Wochen hab ' ich im hitzigen Fieber gelegen . So teuer ist sonst die Zeit für ein Jugendleben , wie es das meinige noch sein könnte , mir entweicht sie finster und unbeachtet . Ich finde da in meiner Tasche auf kleinem schmutzigem Blatte folgende Verse , die sich darauf beziehen , sie lauten also : Weiß wohl eure Richtertugend , Was ihr mir genommen habt ? Ach , es ist ja meine Jugend . Die ihr langsam hier begrabt . Ohne Jugend ist das Leben Wie ein Frühling ohne Grün , Alles kann man wiedergeben , Nur nicht Zeit und Jugendblühn . Und ein jeder Tag macht älter , Und ich leb ' doch keinen Tag , Und das Herz schlägt immer kälter - Was euch Gott vergeben mag . Ich sollte trauern , daß ich jetzt kaum noch die Bedeutung solcher Worte empfinde , unnütz trivial erscheint mir jetzt alles , nicht Klage , nicht Zorn ist mehr in mir , ich bin stumpf , ganz stumpf ! Was kümmert ' s mich , ob ich im Glanz oder Schmutz existiere , was kümmert ' s mich ! Es ist ein Gesellschafter zu mir in den Kerker gegeben worden , aber das Loch ist nun so eng , daß der eine sitzen muß , wenn der andere herumgeht . Wir sprachen nun in den ersten zwei Tagen mehreres ; mein Genosse , ein baumstarker Mensch , sitzt schon viel länger als ich und ist tief vergrollt , man könnte sich in der Abgeschiedenheit mit ihm fürchten vor seiner mitunter vorbrechenden Wildheit , wenn man sich noch mit Furcht und Hoffnung abgäbe . Gestern abend äußerte er , als wir schweigend auf unseren Betten lagen , etwas , wofür ich mich einen Augenblick interessiert habe , er sagte nämlich : » Wenn einer in diesen Kammern sein Licht unter das Bett stellte , und solchergestalt Feuer ausbräche , dann müßten wir alle in den schwer verschlossenen Zellen verbrennen wie wilde Tiere , und es müßte ein merkwürdiges Geheul geben . Zu etwa dreißig Türen , von denen jede doppelt und dreifach verschlossen ist , hat nur ein Mann die Schlüssel , von Rettung wäre also nicht sehr die Rede . Nun gibt es vier solcher Abteilungen , es könnte also ein tüchtiger Feuerschmaus von hundert Revolutionärs werden , und der Staat wäre einer großen Beunruhigung los . « - Mitunter sind wir auch grob lustig und lachen so laut , daß es die Wache verbietet . Ich glaube , der Mensch braucht solch einen Reiz , und wenn sich keiner bieten will , so wird er roh . Jetzt würde ich nicht mehr verwundert sein wie früher , wenn ich Verbrecher in Ketten lustig sah , die Natur hilft sich , und die Gemeinheit ist , auch eine Rettung . Wozu schreiben und Gedanken spinnen ? Ich will nun endlich die Brücke abbrechen , die noch von mir zur Welt hinübergeht ; mein kleiner Bleistift ist auch zu End ' geschrieben - leb wohl auf ewig ! 4. Valerius an Hippolyt . Heute vor acht Tagen ist der große Tag gekommen , den ich nicht mehr zu hoffen wagte . Vor einigen Wochen wurde uns ein ander Gefängnis gestattet - wenn in den kleinen Hof unserer Freistunde die Sonne hineinzüngelte , ach , da war mir ' s doch manchmal noch ein schmerzlicher Stich , daß ich wieder in das Dunkel unseres Gefängnisses zurück mußte , das nach der Mitternachtseite belegen war . Obwohl ich sonst stumpf und gleichgültig geworden , die Sonnenstrahlen , mein eigentlich Gottesleben , zündeten doch eine kleine Flocke in meiner ausgebrannten Seele . Jetzt führte man uns in ein kleines Stübchen , das auf den großen Hof sieht ; es waren nur Gitter vor dem Fenster , eine Blende war nicht da , die Morgensonne quoll warm herein - es war ein wunderbarer Moment : alle die alten Freudenkräfte meines Innern rüttelten und regten sich , und es hob sich ein Drang , als ob ich noch einmal jauchzen könnte ; ich hätte wohl selbst den harten Kerkermeistern einen Augenblick danken mögen . Aber es kroch wieder zusammen , mein vergrollterer , stärkerer Genoß schalt mich und sagte , es sei unwürdig , dieser Gewalt gegenüber eine dankbare Regung zu zeigen ; wir saßen aber den ganzen Tag am Fensters , um uns zu sonnen , und es beschlich mich zuweilen wieder ein leises geheimnisvolles Behagen ; der Winter schien im Sturmeslaufe aus der Welt zu ziehen , und die Luft hatte wieder Befruchtung in sich . Auch ein unterhaltender Anblick war in der neuen Zelle ; auf dem großen Hofe genossen die Gefangenen dieses Viertels ihre Freistunde , nach jeder Stunde kam ein anderes Paar . Alle waren blaß , aber wie verschieden trugen sie ihr Unglück : der eine rannte stürmisch , unaufhaltsam , bis er am Laternenpfahl ausruhen mußte ; der zweite hatte Rock und Gesicht und Augen tief zugeknöpft , der Haß war in hundert Falten eingeschnürt , er ging ruhig und gemessen umher ; der dritte war zerbrochen , matt , elend ; der vierte gleichgültig und sorglos . Wenn solche Unterhaltung nur früher gekommen wäre , die Empfängnis blieb doch gar zu taub in mir ; jetzt gab ' s auch Schreibmaterial , aber ich hatte nichts mehr zu schreiben . So vergingen Wochen , und am Ende dacht ' ich : ' s war im kalten Loche , hinter der Blende drüben , nicht viel schlechter . Heut vor acht Tagen kam der große Tag , dieser einzige Gedanke seit sovielen Monden : ich ward frei , stand allein und ungehindert auf der Straße , kein Führer hinter mir - ach , und diese Freude aller Freuden kam zu spät , sie konnte mich nicht mehr recht bewältigen . Erst spät abends , als ich im Mondschein durch die Straßen schlenderte , meiner neuen Freiheit genießend , brach plötzlich ein heißer Tränenstrom aus meinen Augen , und von da an fühlte ich mich den Menschen wieder näher , ich dachte wieder in ihrer Weise , schlug mir die Bekümmernis um meinen im Kerker zurückgelassenen Kameraden aus dem Sinn , bemerkte , daß ich keinen Kreuzer Geld besäße , und in der großen , weiten Freiheit nicht wüßte , wohin mein Haupt zu legen sei . Ich kenne in dieser Stadt nichts als das Gefängnis und was damit zusammenhängt , ich wollte Konstantin um ein Nachtlager ansprechen , wir brauchen ja nicht miteinander zu reden , und morgen , nun morgen wird sich was anderes finden , oder auch nicht , das Leben mag sich einen Weg suchen oder aufhören , wie ' s will ! Du wirst schelten , es unwürdig nennen , daß ich mich nur um das Lager auf einem Brette an Konstantin wende , immerhin , ich hasse schlecht von Hause aus , und jetzt erst gar , schilt meinetwegen ! Um Konstantin zu finden , mußte ich wieder ans Gefängnishaus zurück , dort seine Wohnung zu erfragen - ' s hatte etwas Verhängnisvolles , daß ich mir dort Rat für die Freiheit holen sollte . Sie fragten mich , ob es mir so gut gefallen hätte , und ich wiederkommen , wieder bei ihnen schlafen wollte ? Wahrhaftig , es wäre mir ganz recht gewesen , hätten sie ein Lager zur Hand gehabt , ich hätte mich hingestreckt . Konstantin saß mit seiner Frau am Teetische . Er empfing mich kalt , und Julie eigentlich auch , aber das Weib , auch wenn es noch so blasiert und versteinert wäre , ist milder und sorglicher ; sie beklagte mein bleiches Aussehen und bat mich , den langen Bart abschneiden zu lassen ; über meine abgerissene Kleidung sagte sie nichts , sondern ihr Auge klagte nur darüber . Der schöne Tee , die reinliche , feine Zurüstung nahmen mich mehr als alles andere in Beschlag , es kam mir wieder eine leichte Wärme in Herz und Sinne . Als uns Julie verließ , sprach Konstantin : » Wundern Sie sich nicht über meine Kälte , ich habe keine andere Äußerung mehr , aber Ihr Eintritt in mein Haus bewegt mich eigentlich sehr , und wenn ich in mein erstarrtes Herz noch einen kleinen Zugang hätte , so würde ich dich willkommen heißen . Daß du dich zu mir wendest , der dein Elend geschaffen , ist eine Größe deines Herzens , die mein Verstand wohl anerkennt . Laß dich ' s nicht irren , wenn du etwas Ähnliches nicht wieder von mir hörst . « Ich blieb allein . Sieh , mein Herz ist groß , weil ich kein Nachtlager hatte und die letzte Zuflucht ergriff ! In einem Gartensalon habe ich die letzten Tage verlebt , und mehr und mehr bin ich zu mir gekommen und werde allmählich wieder Mensch . Konstantin und seine Frau sehe ich wenig , sie kommt nur zuweilen in den Garten , wo es zu knospen anfängt , und wir sprechen dann ein paar Worte miteinander . Sonst laufe ich viel umher , ins Freie hinaus , es ist mir , als wenn ich dadurch von Tag zu Tag wärmer würde . Die Zettel an Dich habe ich jetzt abgeschrieben , und ich schicke Dir den Pack nach Brüssel , wo Du sein sollst . Wer hätte gedacht , daß es doch noch an Dich kommen würde ! 5. Valerius an Hippolyt . Es wird mir täglich besser , vielleicht , weil der Frühling draußen immer wärmer und voller wird . Denke , es ist mir schon wieder ein Lied aus dem Herzen gewachsen , nun wird alles wieder gut werden , da ist es : Es ist ein Regen gefallen In erster Frühlingsnacht , Nun drängen und treiben und wallen Die Kräfte mit aller Macht , Die Keime in bunter Pracht . Junggrün springt auf den Zweigen Mit der Sonne hin und her , Kein Strauch kann ' s mehr verschweigen , Kein Herz , sei ' s noch so schwer , Kein Herz , sei ' s noch so leer . Kein Auge kann ' s verbergen , Daß - ja , wer ' s nennen könnt ' ! Der Herrgott steigt von den Bergen , Übers Tal die Ahnung rennt : Neuer Anfang kommt , neues End ' ! Entsetzlich ! Ich nahm das Lied mit hinauf zu Konstantin und las es ihnen beim Kaffee vor . Sie waren beide eine lange Zeit ganz still , dann sagte Konstantin : » Beneidenswerter Mensch , deinem Herzen kommt alles Blut , alle Wärme , alle Kraft wieder , teilzunehmen « - und zu Julie setzte er hinzu : » Wir bleiben allein verdammt . Sprich ! « » Was soll das Untersuchen ! « sagte sie , » wir gehen weiter - « » Wozu ? « » Hm ! « Darauf winkte er ihr , und sie gingen ins Nebenzimmer . - Julie ist wunderbar schön und vollkommen geworden , blendend weiß , das große blaue Auge ist nur etwas gläsern . Es mochte keine Viertelstunde vergangen sein , daß ich allein war , da hörte ich einen starken Schuß im Nebenzimmer , ich stürze hinein - sie haben sich gegenseitig erschossen , sich wohl getroffen ins erstarrte Herz . Ich eile von dannen , um nicht wieder den Kerker zu sehen ; zunächst hält man wohl mich für den rachedurstigen Mörder . Welt , du bist schwer ! 6. William an Konstantien . Ich muß Ihnen , durchlauchtige Frau , einen Vorfall berichten , der ein schlagender Beweis dafür ist , was ich oft gegen Sie behauptet . Der junge Roturier , der Predigerssohn Valerius , welchen Sie in Warschau öfter viel zu angelegentlich in Schutz nahmen , hatte endlich , wie das vorauszusehen war , sein Quartier im Gefängnisse erreicht - was ist mit störsamen Mitgliedern der Gesellschaft anders anzufangen ? Sie werfen die Begriffe der Standesscheidung willkürlich durcheinander , und wenn sie Geist haben , wird die Welt nur zu leicht dadurch getäuscht , denn die notwendigen Unterschiede sind einer dreisten Jugend immer unbequem . Ihr Einfluß , weil er zu den leicht gereizten Leidenschaften spricht , ist rascher wirksam und folgenreich , als die besonnene Widerlegung , welche stets Opfer und Resignation heischen muß , ohne welche keine Gesellschaft bestehen kann . Es bleibt also gegen sie nichts übrig als die Gewalt . Unsere Standesgenossen hätten nur früher zu bedenken gehabt , was riskiert wurde , wenn sie den Geist in ihre Kreise aufnahmen und ihm doch die bürgerliche Livree ließen ; Englands Manier mußte ein Beispiel sein : wo der Geist aus unteren Regionen eine Geltung erzwingt , dann versieht man ihn auch mit der Dekoration des höheren Standes , der geistreiche Parvenu wird wirklicher Baronet , dadurch ist das Zerstörende seines Verhältnisses aufgelöst ; er konkurriert dann im Range wirklich mit uns , der ererbte Vorteil , der Vorteil der Geschichte und des notwendigen Instituts hat dann nichts Gehässiges mehr , und sein notwendiger Sieg über den Parvenu stört nicht mehr , weil der Kampf auf gleichem Terrain geschieht und scheinbar mit gleichen Waffen . Ich meine das nicht einmal zum Nachteile der unteren Klassen , sondern nur im Interesse des Staats und der höheren Stände . Ergänzen müssen wir uns , wenn wir mit der Geschichte bestehen wollen , und dies ist die beste Art : sie reizt keine offenen Leidenschaften und erhält das aufrecht , was die Einsicht niemals aufgeben kann , nämlich daß die Unterschiede in der Verschiedenheit des menschlichen Wesens begründet und in einer geordneten Einrichtung notwendig sind . Bei uns ist diese Ansicht nicht eingeführt , und nicht herrschend ; es bleibt also nichts übrig , als solche Subjekte einzusperren , die man in England zu Baronets machen würde . Die positive Kriminalverfassung hat nun nicht genügenden Anhalt zu ausgedehnter Strafe bei ihm vorgefunden , und man hat ihn vor einigen Tagen entlassen , voraussetzend , die harte Buße werde wohl beschwichtigt und beruhigt haben . Nun sehen Sie aber einmal deutlich vor Augen , meine gnädigste Frau , was Sie so gern abzuweisen geneigt waren , sehen Sie ' s an diesem schrecklichen Beispiele , wohin der Mensch gerät , wenn er die positiven Hauptpunkte einer Zivilisation verläßt und auf eigene dreiste Hand ein sittliches Leben improvisieren will . Sie erinnern sich - doch nein , er war nicht selbst in Grünschloß , aber er war ein Mitglied unsers Dichtervereins , zu dem wir uns am Schluß der Universitätszeit verbunden hatten . Ein Herr Konstantin von Müller , exzentrisch über die Maßen und in der besten Verirrung zum Jakobinertum begriffen , war eins der Mitglieder und besonders intim mit Valerius ; er verleugnete seinen Adel , und ging nach Paris , mit der schönsten Absicht , zu septembrisieren . Dort ist er zu sich gekommen und als Antirevolutionär heimgekehrt . Seine juristische Karriere hat ihm hier bald eine gute Stellung gebracht , er war ein gemessener , sehr ordentlicher und beliebter Geschäftsmann und ein feiner Mann guter Sozietät geworden . Fräulein Julie , die Sie aus Grünschloß kennen , wo sie vor dem frechen und rohen Hippolyt flüchtete , war seine Gattin . Man sagt , Valerius sei auf Herrn von Müllers Veranlassung in Haft gebracht und streng gehalten worden . Des Freigelassenen Rache wendete sich also gegen diesen würdigen Mann , der den Abgerissenen noch obenein mildtätig aufgenommen hatte , ja die gemeine Wut begnügt sich nicht an diesem einen Opfer des Hasses : vorgestern erschießt dieser Tugendprediger Valerius den Mann und die Frau und entweicht . Der Bediente hat ihn noch ruhig die Treppe herunterkommen sehen und die Worte sagen hören : » Lauf nach dem Arzte , die Herrschaften haben sich beide entleibt . « Natürlich ist er nachher verschwunden , und die Steckbriefe verfolgen ihn jetzt . 7. Valerius an Hippolyt . Ich bin nach Grünschloß gegangen ; der Graf ist schwach und alt geworden , und er wußte nicht recht , ob er sich freuen oder verlegen sein sollte , da ich eintrat . Ach , wie verwüstet erscheint mir alles : der Park ist verwildert , das Gebäude wird schadhaft . Alberta hat einen gleichgültigen Edelmann geheiratet , bringt Kinder zur Welt und scheint für die gewöhnlichsten Dinge ihren früher so anmutigen Enthusiasmus zu versplittern . Ihre Schönheit soll sehr zusammengefallen sein , und daß ich Dir ' s nur gerad ' heraussage , der alte Herr wird mitunter sogar etwas kindisch ; seinen barocken Liebhabereien , denen wir früher gern einen elastischen , schwunghaften Geist unterlegten , muß doch in jeder Weise ein tüchtiger Mittelpunkt abgegangen sein . Dadurch wird jetzt auch zur Faselei , was früher charakterspröde , interessante Kaprice war , und die Leute verlachen ihn - das ist doch falsch ; jene Zeit mit ihrer Laune war doch in ihrer Art interessant , und der Bezug auf den Ausgang mit dem alten Herrn ist unrichtig . Ach die Welt , die Welt , was wirst sie alles durcheinander ! Und das Leben in seiner schonungslos mähenden Weise , was ist es ernsthaft ! Wie traurig erleb ' ich ' s an mir selbst , auch im Verhältnis zu diesem Engel Kamilla , den ich vernichtet habe , ich mag sie noch so sehr für einen Engel halten . Sie ist nicht hier , sie ist aus der Welt verschwunden , kein Mensch weiß das geringste von ihr . Da sieh den Menschen ganz und gar , indem Du in mein Herz blickest : in der ersten traurigen Gefängniszeit hielt ich mich glücklich ganz und gar , wenn ich ein ganz kleines , stilles Leben mit Kamilla führen , ihr mit eitel Sorgfalt und Liebe danken könnte , was ihr Herz an mir getan - im Gefängnisse selbst verschwand dieses Bild schon völlig , ganz einsam in der Freiheit wünsch ' ich doch jetzt nicht einmal , an ihrem Herzen getröstet zu sein , wenn auch nur für einen Augenblick . Ich möchte ihr Gutes und Liebes erweisen , aber nicht in der Weise , wie es der Liebhaber will - das nennt die Welt nichtswürdig , ach , die Welt ! Wer klassifiziert die Gefühle , ohne zu lügen ! Für die Rohen , für die Nichtdenkenden bewahrt eure Tabellen , das starke kräftige Individuum verschont damit , wenn ihr ' s nicht lähmen wollt . Die Dankbarkeit ist eine Tugend der Gesinnung , ein Herz , das ihre Regung nicht empfindet , ist frevelhaft , wer sie im allgemeinen nicht verlangt , stellt die Menschen einander mit fletschenden Zähnen gegenüber . Die Dankbarkeit aber , wenn sie überall verlangt wird als fraglose Tat , ist eine Last , welche die Menschen und den Fortschritt zu Boden drückt . Die Größe kann fast niemals dankbar sein , und wenn die Liebe im Boden der Dankbarkeit groß gezogen werden soll , so wächst die Lüge oder die Mittelmäßigkeit auf . Auch Deine Briefe habe ich gefunden - Herr des Himmels , schicke mir endlich wieder einmal ein Menschenbild , an dem ich mich laben kann ! Mensch , wenn Du nicht eine Welt erobern kannst , so wirst Du ein gemeiner Frevler , weil Du ganz undankbar , ganz rücksichtslos nur Deinen Gelüsten lebst . Du mußt ein Napoleon werden , oder man muß Dich totschlagen ; nur das Außerordentlichste darf so frech , einseitig und egoistisch sein . Der alte Herr hat mir heute einen Steckbrief gewiesen ; mit Konstantins Tode geht es mir , wie ich Dir sagte . Er war sehr betreten , ob er mich verbergen dürfe - ich werde morgen in einen Wald gehen und mit einem Köhler Meiler brennen . Und ist die Welt nicht schwer ? 8. Hippolyt an Valerius . Gestern hat mir der kleine liebenswürdige Pelagianer folgendes aus seinem Brüsseler Leben erzählt , was er zum Teil noch neben mir angesponnen hat . Du weißt so gut wie ich , daß auf die Wahrhaftigkeit Leopolds kein Sou zu verwetten ist , das folgende ist aber ziemlich allgemein bekannt worden , und man bestätigt mir das einzelne von vielen Seiten . Eine reiche Handelsfrau , Madame Joao , fährt bei rauher Witterung durch eine enge Straße in Brüssel ; es kommt ein Wagen entgegen , daraus entsteht Verzug . Hinter einen Prellstein geschmiegt , spärlich von Lumpen bedeckt , sitzt ein kleines Mädchen . Das kleine Wesen , in einem Körbchen Früchte zum Verkauf haltend , friert sehr und blickt mit ihren wunderbar schönen Augen rührend zu Madame Joao auf . Diese fühlt sich im Innersten betroffen von dem rührenden Blicke , läßt das Kind in den Wagen heben , wärmt es , findet ein fein gebautes , reizendes Geschöpf , fragt nach Vater und Mutter desselben , fährt dahin , läßt sich das Kind abtreten und verspricht den Eltern dafür eine jährliche Unterstützung . Das Mädchen heißt Maria und nimmt sich in den neuen Kleidern wie ein Engel aus ; die wunderbaren Augen , unschuldig , lieb , bittend , wie man sie bei Gemsen findet , üben den gewinnendsten Zauber auf alle Welt . Haut , Farbe , Formen sind von zartester Feinheit , die Sprache ist weich , das Verständnis zeigt sich sehr empfänglich , das Gefühl überaus fein , und tief , die kleinste Erregung desselben gießt eine schöne Röte über das sonst ein wenig blasse Gesichtchen . Madame Joao ist sehr glücklich in dem neuen Besitze , es vergehen ein paar Jahre , sie läßt Marien sorgfältig unterrichten , diese lernt alles mit Leichtigkeit und gedeiht aufs beste . Madame Joao , eine reiche , unabhängige Witwe in den besten Jahren , hat einen jungen Schauspieler zum Hausfreunde , namens Jaspis , dem sie sich sehr zugetan zeigt , und der täglich ins Haus kommt . Er ist ein schöner , feuriger Mann , mit ganzer Seele Schauspieler , und bekundet dies durch lebhaften Vortrag jeder Weise , durch dichterische Ausdrücke , die ihm für alles zur Hand sind . Er macht den tiefsten Eindruck auf die damals zwölfjährige Maria , sie setzt sich oft auf die Treppe , damit sie ihn beim Weggehen sieht , sie ist ungewöhnlich bewegt , wenn er ein leichtes , scherzendes Wort an sie richtet , oder wohl gar , wie man mit einem kleinen Mädchen zu tun pflegt , ihr die Locken , die Wange streichelt . Es vergehen mehrere Jahre , die in der Stille mit aufwachsende Neigung Marias wird durch nichts unterbrochen , sie ist überglücklich und außer Gewohnheit lustig , wenn die Tante , Madame Joao , sie mit ins Theater nimmt . Eines Nachmittags beim Kaffee sagt Herr Jaspis halb scherzend zu ihr , ob sie nicht Lust habe , selbst Komödie zu spielen , sie sei jetzt beinahe fünfzehn Jahre und ein erwachsenes , schönes Mädchen . Wie ein Blitzstrahl zünden die Worte , Tränen stürzen Marien aus den Augen sie fällt der Tante um den Hals und bittet sie , beschwört sie um Erlaubnis , aufs Theater zu gehen . Die überraschte Tante , welche auf die Herzensbewegungen des Mädchens nicht so sorgfältig acht gegeben hatte , sagt ja , Maria meldet sich , Jaspis studiert ihr ein Paar Rollen ein , das Mädchen wogt in Glück und Bewegung , sie küßt ihm die Hand , man findet , daß sie eine geborene Schauspielerin sei . Sie tritt auf ; das wunderbare Mädchen , mit dem unwiderstehlichen tiefsten Ausdrucke des Auges , mit dem feinen , schönen Körper , mit den zarten , halb verschämten , halb herausdrängenden Bewegungen , mit einer Stimme , worin die Seele selber klingt , macht Furore . Nun erst wird Jaspis aufmerksam , er rechnet alles zueinander , und sieht es nun erst , daß eine tiefe Neigung für ihn existiere . Es rührt ihn , und bei der nächsten Begegnung nimmt er Maria in den Arm und küßt sie auf die Stirne - das Mädchen erbebt und zittert am ganzen Leibe . Solche Szene wiederholt sich im Verlaufe der nächsten Zeit noch zweimal , Jaspis spricht aber nie ein erklärendes Wort dazu , noch weniger spricht er direkt etwas aus , was ein Verhältnis , ein Bündnis wünschen könnte ; die Tante dagegen , welche irgendwie etwas von dem Zustande geahnt haben mochte , warnt Marien ohne Rückhalt vor Jaspis , sagt , daß er nur zu geneigt sei , in Tändelei mit einem Mädchen einzugehen . Maria wird krank ; um diese Zeit ist Leopold im Hause der Witwe eingeführt worden . Sein einschmeichelndes , liebenswürdiges Wesen erwirbt ihm das größte Wohlwollen der Witwe , er überflügelt am Krankenbette der Kleinen mit leichter Mühe die materiellen Versuche der übrigen Ärzte , welche wie gewöhnlich nichts als ein körperliches Krankheitsschema vor Augen haben . Du weißt , er versteht es , in mystisch-poetischer Weise über das menschliche Herz zu sprechen , ihm ist jederzeit eine ganz scharmante ideale Welt zur Hand , wenn ein sinniges Frauenzimmer danach verlangt , kurz , er poetisiert Marien gesund , und mit der gefällig unterstützenden Witwe ist er bald Verlobter des liebenswürdigen Mädchens . Das geht so eine Weile , aber beim Komödienspiel bleibt die neue Berührung mit Jaspis nicht aus ; der scheint zwar noch immer keine Lust zu haben nach einem eigenen ausgesprochenen Besitze , aber , wie das in der neidischen Menschenbrust immer geht , er will auch die Möglichkeit nicht abgeschnitten , er will auch Maria nicht als Eigentum eines anderen sehen . Das alte halbe Verhältnis wacht wieder auf , Leopold , der Wandelbare , läßt sich mancherlei kleine Seitenwege zuschulden kommen , die Tante endigt und schickt Maria nach Antwerpen , wo ein Engagement offen ist und sie vom Publikum mit Enthusiasmus empfangen wird . Stürmischen , unruhigen Herzens war sie angekommen , denn am Tore von Brüssel war Jaspis an ihren Wagenschlag getreten , hatte ihr die Hand hineingestreckt , ihr mit weicher Stimme Lebewohl gesagt , und zum erstenmal wenigstens die Bitte direkt an sie gerichtet , keinen andern zu heiraten . Aber der Verkehr mit der großen Menge wirft seine Nebel auf das Herz , der allgemeine Beifall ist ein natürlicher Feind der halb Liebenden ; Maria gewann eine unbefangene Stimmung , Leopold , der nach Antwerpen kam und sich um die Stellung eines Theaterarztes und Theaterdichters bewarb , kam ihr ganz angenehm , sie unterstützte sein Gesuch , sie verschaffte ihm den Kontrakt . Er war so weich , so innig , so poetisch ; auch von Lob und Enthusiasmus umgeben , braucht man ein Herz , das an unserm Eigensten , Innersten teilnimmt . Du weißt , wie verführerisch Leopold sein kann , Maria fühlte in Antwerpen mehr als in Brüssel , wieviel Mißliches das Alleinstehen eines Mädchens hat . Jaspis ließ nicht das mindeste von sich hören , kurz , Leopold eroberte ihre Hand und ein tüchtiges , herzliches Wohlwollen mit ihr . Sie umarmte ihn oft plötzlich mit den Worten : » Du bist doch mein herziger , lieber Mann . « So ging ' s eine Zeitlang aufs beste , da plagt den Kleinen die alte Sucht nach Bewegung und Unruhe , eine beißende Kritik sämtlicher Schauspieler drucken zu lassen ; diese erklären allesamt und geharnischt der Direktion , nicht mehr aufzutreten , wenn Leopold in Verbindung mit dem Theater bliebe . Sie muß sich zur Entlassung Leopolds entschließen . Maria sendet natürlich auch die ihrige , und alle Welt erwartet , dieser enthusiastisch geliebte Liebling des Publikums könne nicht entlassen werden ; die Direktion ist in größter Verlegenheit , aber die Schauspieler bestehen energisch auf ihrem Entschlusse , es wird auch Marien die Entlassung zugeschickt . Nun sammeln sich die Freunde des Paares , die äußerst zahlreich sind , de größte Teil des Theaterpublikums