? « » Ja . Es ist sogar eine sehr vernünftige . « » Gut , so sehen wir sie uns an ! Ich soll dich nämlich bitten , zum Frühstück zu kommen . Dann reiten wir nach Shen-Fu . « » Wer hat das gesagt ? « » John Raffley . Ich habe dir bereits mitgeteilt , daß er dort Bürgermeister ist . Er muß hin und läßt dich bitten , ihn zu begleiten . Ich darf auch mit . Ich werde nicht den Fez aufsetzen , sondern einen Turban machen , denn das schickt sich bei einer Rebellion . Die Arekanuß und die Betelnuß , die stecke ich vorn , ganz oben , fest . Man soll sehen , daß ich schon zur Shen gehöre . Gegen die kommt kein Empörer auf ! « Selbstverständlich ging ich zu John , der mich mit der Nachricht empfing , daß die Aufschiebung des heutigen Festes wahrscheinlich zurückgenommen werden müsse , weil die Anhänger der » Shen « nicht gewilligt seien , sich die Freude durch ein paar hundert Rebellen verderben zu lassen . Er fuhr fort : » Es gehen aus allen Orten Bitten bei mir ein , jedenfalls auch bei Fu , und ich habe mir schon überlegt , ob ich nicht vielleicht besser - - - « Er hielt inne , denn er wurde unterbrochen . Fu , der soeben Genannte , rief ihn an den Apparat , welcher sich in einem andern Zimmer befand . Da wurde er längere Zeit festgehalten , weil er das , was ihm jetzt von Ocama her gesagt wurde , an verschiedene andere Orte weiterzugeben hatte . Als er dann wiederkam , erfuhr ich , um was es sich handelte . Er war mit Fu einig geworden , den Festtag für heut doch bestehen zu lassen und diesen Entschluß überall hin kund zu geben . Das ging per Draht sehr schnell . Von jetzt an in zwei Stunden hatten wir im Einkehrhaus am Scheidewege mit ihm zusammenzutreffen , um von da aus nach Schen-Fu zu reiten , wo der Hauptort war , nach welchem Jedermann strebte . Während wir hierüber sprachen , stellte sich Tsi bei uns ein , um sich nach den Dispositionen für den heutigen Tag zu erkundigen . Als er von John unterrichtet worden war , gab er denen , die sich nicht stören lassen wollten , vollständig Recht , bat uns aber , auf ihn zu verzichten . Waller sei heut früh zum ersten Male gleich mit vollem Bewußtsein aufgewacht . Es scheine äußerlich sowie auch innerlich ein voller , heller Sonnentag werden zu wollen , und so fühle er als Arzt sich verpflichtet , dafür zu sorgen , daß dieser so lange herbeigesehnte Himmel durch nichts getrübt werden könne . Heut falle die Entscheidung für die ganze Zeit , die Waller noch zu leben habe . Vor allen Dingen sei zu verhüten , daß der alte , von ihm gewichene Geist wieder über ihn komme , der starre , blutleere Geist der Wallerschen Familie , welcher den Inhalt einer alten , bigotten Hauspostille hoch über das herrliche Gotteswort der Bibel setze und die ganze Menschheit zwingen wolle , in den engen , harten , mit geistigem Fischtran eingeschmierten Wasserstiefeln einer vollständig unbekannten , schrullenhaften Sippe nach den erhabensten Zielen unseres gegenwärtigen Daseins wettzurennen ! Während er dieses sagte , war ihm anzusehen , daß ihm im Sprechen ein Gedanke kam . Er richtete sein Auge dabei auf mich , und dann auch seine Worte : » Ich habe da einen Gedanken , der diesen Geist betrifft . Er ist nicht mehr da . Wo ist er hin ? Wann wich er von Waller ? Er wurde gezwungen , ihn zu verlassen ; aber er tat dies nur widerwillig , nur nach und nach . Noch vorgestern bemerkte ich Spuren von ihm . Nun höre ich , daß ein Verwandter von Waller anwesend ist , ein Neffe von ihm , genau in demselben hartnäckigen , unduldsamen Geiste erzogen und mit sogar noch größerer Strenge dressiert , so daß er es nicht mehr aushalten konnte und seinen Peinigern davongelaufen ist . Diese Beiden , Onkel und Neffe , sind einander hier noch nicht begegnet , nämlich körperlich . Auf geistigem Gebiete liegt das jawohl ganz anders . Der Onkel wußte von der Anwesenheit des Neffen nichts ; wir verschweigen sie ihm sogar noch jetzt . Der Neffe aber hörte von Eurem Sejjid Omar , daß sein Oheim sich auf Ocama befinde . Dieser Umstand ist mir im höchsten Grade wichtig . Wollte ich selbst den Sejjid fragen , so würde das seine Unbefangenheit stören . Darum bitte ich Euch , es Euch noch einmal erzählen zu lassen . Es kommt mir darauf an , zu erfahren , was für ein Gesicht und was für Bewegungen Dilke machte , als er von Waller hörte , und ob und was für Worte er dabei sagte . Nämlich , es ist ungefähr drei Uhr nachmittags gewesen , da ist Waller plötzlich aus tiefster Ruhe emporgefahren und hat gerufen , doch ohne die Augen zu öffnen : Old Saint nennt er mich noch immer ! Und kommen will er mir ! Well , so werde ich ihm kommen , und Old Saint soll nicht wieder von ihm gehen ! Sein Neffe hat ihn nämlich gehaßt und gegen Andere stets nur als den alten Heiligen bezeichnet . Ist das nicht im höchstem Grade interessant ? « » Natürlich ! « antwortete ich . » Sogar so interessant , daß ich frage , warum ich das erst jetzt erfahre ! « » Ich habe es ja auch nicht gewußt . Mary hat es für ein ganz gewöhnliches , bedeutungsloses Traum- oder Gedankenbild gehalten , wie so häufig , wenn er während seiner Krankheit sprach , ohne wach zu sein . Erst als ich ihr heut , vorhin , ganz dasselbe sagte , was ich Euch mitgeteilt habe , wurde sie aufmerksam und berichtete mir diese seine hochinteressanten Worte . Also bitte , fragt den Sejjid , aber laßt ihn so antworten , daß er keine eigenen Gedanken beimischt ! « » Werde es tun , « versprach ich . » Liest Waller noch ? « » Ja . Gestern wurde er mit Am Jenseits fertig . Ihr könnt gar nicht ahnen , was Eure Beschreibung der Todesstunde für einen Eindruck auf ihn hervorgebracht hat ! Heut will er die hervorragenden Stellen des Buches zum zweiten Male lesen . Auch will er bitten lassen , Yins Paradies sehen zu dürfen . Fang hat nichts dagegen , daß ich ihn in die Gemäldehalle tragen lasse . Er hat seit gestern einen förmlichen Riesensprung zur Besserung getan . Wenn das so fortgeht , hoffe ich , ihn schon nach kurzer Zeit vom Bette trennen zu können . Uebrigens weiß er schon ebenso wie wir , daß Ihr der Verfasser seid , dessen Bücher er früher verboten hat . « » Und nun ? Was sagt er jetzt dazu ? « fragte John . » Es ist ganz eigentümlich , wie er sich hierüber hören läßt . Gestern abend , als der letzte Satz von Am Jenseits gelesen worden war , lag er lange Zeit in stillem Nachdenken . Dann sagte er zu Mary : Mein Kind , ich bin sehr grausam gegen dich gewesen , indem ich dir verbot , aus diesem Brunnen zu trinken . Und du hattest doch so großen Durst ! Ich hielt es für Brandy und Julep , und es war doch das reinste , das lauterste Wasser ! Ich weiß , daß ich krank gewesen bin , lange Zeit . Es war Dysenterie , mit fürchterlichem Verfall der Körperkräfte . Aber ich muß auch vorher nicht recht gesund gewesen sein , nämlich da , da , im Kopfe . Das scheint mir so ! Denn wer solch eine Lektüre verbietet , der kennt sie entweder nicht , und dann handelt er unehrlich , oder sein Gehirn leidet an jener andern Art der geistigen Armut , welche selbst ein Christus niemals seligpreisen würde ! Diese andere Art scheint mir allerdings sehr wohlbekannt zu sein ; ich muß mich nur besinnen ! Das war es , was er sagte , und obgleich ich nicht der Verfasser dieser Bücher hin , hatte ich mich doch darüber zu freuen , weil es erwarten läßt , daß die innere Heilung ebenso wie die äußere vor sich gehen wird , ohne Rückstände zu hinterlassen . Was und wie er aber über Euer Gedicht denkt , das mag er Euch selbst sagen . Nun reitet fort , und grüßt mir meine Shen , für welche ich - - - « » Für welche Ihr « , unterbrach ich ihn , » schon damals in Penang so viele Sitze in Eurer Wohnung hattet ! « » Ah , die vielen Stühle , die bei mir standen , sind Euch aufgefallen ! « lachte er . » Ja , das war für die Beamten der Shen , die ich zu inspizieren hatte . Und da Ihr wißt , daß nicht nur ich , sondern auch mein Vater in Europa war , so brauche ich Euch wohl gar nicht erst zu versichern , daß es auch dort schon Orte gibt , wo Stühle für sie stehen . « Er ging , und nach einiger Zeit ritt ich mit John , hinter uns der Sejjid , durch das Dorf und nach dem Spießtannenwald hinüber . Zwischen dem Dorfe und der Schloßmeierei gab es ein erst seit heut früh gezimmertes , hoch aufstrebendes Gerüst , welches noch nicht fertig war . Als ich Raffley nach dem Zweck desselben fragte , sagte er : » Können Sie sich ein chinesisches Fest ohne Feuerwerk denken ? Bekanntlich sind die Chinesen Meister in Allem , was die Pyrotechnik betrifft , und mein Oekonom hat es sich nicht nehmen lassen , für heut abend irgend Etwas vorzubereiten . Was , das weiß ich selbst auch nicht . « Hoch oben , auf der Kuppe , hinter der Kapelle , stand auch ein Gerüst und auf den Höhen rechts und links davon ebenso je eines . Man hatte also etwas vor , was weit in das Land hinaus gesehen werden sollte . Raffley-Castle war mit allen möglichen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattet . Gas gab es nicht ; es fehlten dazu die Kohlen . Dafür aber hatte man elektrisches Licht . Ein Wasserfall in der Nähe lieferte die hierzu nötige Kraft . Darum wunderte es mich nicht , als John im Laufe des Gespräches erwähnte , daß eine Illumination des ganzen Schlosses in Aussicht genommen sei . Als wir das Einkehrhaus erreichten , war Fu noch nicht da ; es dauerte aber nicht lange , bis er kam . Weil er sein Pferd ein wenig ruhen lassen wollte , ritten wir nicht sogleich weiter , sondern blieben ein Weilchen sitzen . Hierbei erzählte er , daß heute früh eine Dschunke von Ocama nach Schanghai unter Segel gegangen sei , und diese Gelegenheit habe er benutzt , sich des Kapitäns und der Mannschaft der verbrannten » Exzellenz « zu entledigen . Sie hätten sich zwar gegen diesen Zwang gesträubt , aber selbstverständlich doch gehorchen müssen . Der Kapitän hatte mit schwerer Rache , mit Anzeige bei der Regierung und mit der Klage auf Ersatz des Dampfers und der ganzen Ladung gedroht und hierbei die Bemerkung fallen lassen , daß er sich keineswegs in dieser Weise zu fügen brauchte , wenn Dilke nicht so verrückt gewesen wäre , ganz plötzlich den Kopf zu verlieren . Er habe doch bewiesen , daß er sich Leutnant nennen dürfe ; woher da so ganz unvorbereitet die Behauptung , daß er nicht Offizier , sondern Missionar sei . » Sonderbar ! « sagte John . » Ist das nun bloß Geschwätz oder hat es wirklich Grund ? « Der Sejjid stand ganz in unserer Nähe bei den Pferden , mit denen er sich beschäftigte , und hörte , was gesprochen wurde . Er war bescheiden , niemals zudringlich und wußte , daß er sich nicht in unsere Gespräche zu mischen habe . Hier aber hielt er das , was er wußte , doch für wichtig genug , ein Wort zu sagen : » Es hat Grund . Ich weiß es auch . Es fällt mir soeben ein . Willst du es hören , Sihdi ? « » Ja , Was meinst du ? Sprich ! « antwortete ich . » Das mit dem Kopf ist richtig , und das mit dem Offizier und mit dem Missionar auch . Und daran ist Einer schuld , der Old Saint heißt . « » Wie so ? « fragte John da sehr schnell . » Es war , als wir miteinander sprachen , nämlich Dilke und ich . Er wollte wissen , was wir seit Penang getan haben , und ich erzählte es ihm . Ich erwähnte auch Mr. Waller und Miß Mary . Da horchte er auf und fragte , ob das ein amerikanischer Missionar sei . Ja , sagte ich . Und der ist hier , in Ocama ? Mit seiner Tochter ? erkundigte er sich . Ich nickte , und was er nun tat , das habe ich dir gar nicht mit erzählt , weil es so albern und so kindisch war . Er rief nämlich aus : Old Saint - - Old Saint - - der Verrückte , der Missionar ist da ! Mit Mary , der Vernünftigen ! Wart , alter Bursche , dir komme ich , dir komme ich ! Kaum hatte er das gesagt , so fuhr er mit dem Kopf zurück , als ob er eine Ohrfeige bekommen habe , und griff sich mit beiden Händen nach dem Gesicht . Es dauerte längere Zeit , bis er die Hände wieder wegnahm , und da war er blaß wie eine Leiche . Er machte ganz sonderbare , dunkle Augen und sagte : Ich soll nicht Offizier sein , sondern Missionar ! Das ist verrückt ! Unsinn ! Laßt mich los ! Dabei sprang er auf , lief schnell hin und her und schlug mit den Armen in der Luft herum . Dann redete er wieder richtig mit mir , die ganze Zeit , bis ich eingesperrt wurde . Nur einige Male griff er sich an den Kopf und sagte dabei : Wie das bohrt , wie das bohrt ! Woher das nur kommt ! - Das ist es , Sihdi , was mir eingefallen ist , als ich Euch jetzt von seinem Kopfe sprechen hörte . Da dachte ich , daß ich es sagen müsse . « Da sahen wir einander an , John und ich , und sagten Fu , was wir von Tsi über diesen » Old Saint « gehört hatten . Er war gar nicht verwundert hierüber und gab die auch nicht sehr betonte Bemerkung dazu : » So also ist es über ihn gekommen , so ! Er ist der Letzte dieser seiner Sippe , das Fazit der Familie . Was das für eine Ziffer sein wird , das kann man sich denken . Daß irgend Etwas mit ihm vorgegangen ist , das weiß ich übrigens auch schon von anderer Seite her , nämlich vom Ho-Schang63 des Tempel Ki . Dieser Mann hat mir eine ebenso große wie freudige Ueberraschung bereitet . Er hat nicht gewußt , daß wir den heutigen Feiertag fallen lassen wollten , und also angenommen , daß er unbedingt stattfindet . Und er hat nicht gewußt , daß der Herr von Raffley-Castle von seiner Reise wieder heimgekehrt ist . Darum wendet er sich nur an mich . Es kam heute früh , sehr zeitig , ein Bote von ihm zu mir nach Ocama , nicht mit einem Briefe , sondern mit einer mündlichen Benachrichtigung . Du weißt , lieber John , daß wir fast gar nicht mit diesem Manne verkehrten , dessen geistliche Macht ihn zum Rivalen für uns machte . Wir glaubten , einen Feind in ihm zu haben , und er hat nie Etwas getan , die Richtigkeit dieser Annahme zu widerlegen . Das ist wohl auch der Grund , daß die Fan-Fan auf den Gedanken kommen konnten , sich in seinem Bezirk gegen uns zu versammeln . Nun läßt er mir heut sagen , daß er uns im Stillen beobachtet und sich sehr über uns gefreut habe . Er habe einen langen Bericht über uns nach Peking geschrieben und um die Erlaubnis gebeten , seine geistliche Provinz für unsere Shen öffnen zu dürfen . Es sei hierauf eine für uns sehr ehrenvoll klingende Antwort eingetroffen , und er bitte um die Erlaubnis , sie mir eigenhändig überreichen zu dürfen , heut , am Feiertag der Shen , in Shen-Fu , wohin er kurz nach Mittag kommen werde . Er bringe eine ganze , große Menge seiner Heiden mit , welche wünschen , bei uns aufgenommen zu werden , und bitte auch für seine eigene Person um Zulassung zur großen Bruderschaft der Menschlichkeit , von der er wünsche , daß Alle , die auf Erden sind , ihr angehören möchten . Und durch denselben Boten teile er mir mit , daß eine Schar von Fan-Fan sich auf seinem Gebiete herumtreibe , um das unserige am heutigen Festtage zu überfallen und unsere Leute gegen uns aufzuwiegeln . Die Anstifter seien Europäer , die andern aber arme , verführte Chinesen , denen man nur die Augen zu öffnen brauche , um sie auf den rechten Weg zurückzubringen . Diese sollen wir ihm überlassen ; die Abendländer aber werde er uns in die Hände führen oder sie durch List verschwinden lassen ; wir sollen ihm nur vertrauen ! Einer von ihnen habe sich zuerst als Offizier ausgegeben , dann aber als Missionar entpuppt . Der wolle in China sämtliche Heidentempel zerstören ; für ihn könne man nicht stehen . « » Das ist Dilke , unbedingt Dilke , « sagte John . » Des Onkels Geist ist auf den Neffen übergegangen . Sollte man es für möglich halten , daß dies so unvorbereitet , so überaus schnell geschehen kann ! « » Fragen wir nicht nach diesen Dingen , « antwortete Fu , » sondern bleiben wir beim körperlich Gegebenen . Es ist Zeit , von hier aufzubrechen , damit wir noch vor dem Ho-Schang nach Shen-Fu kommen . « Es muß gesagt werden , daß wir nicht die einzigen Gäste waren , die sich hier an dieser Stelle befanden . Der ganze Garten hatte sich gefüllt ; es war ein unausgesetztes Kommen und Gehen . Wir waren schon auf dem Wege nach hier immerwährend Leuten begegnet ; von jetzt an fand dies in größerem Maße statt , bis die Straße so belebt wurde , daß es schien , als ob die ganze Bevölkerung unterwegs nach Shen-Fu sei . Diese Stadt war eine Gartenstadt und nicht von einer Mauer umschlossen , wie es bei chinesischen Bezirksorten der Fall zu sein pflegt ; sonst aber ganz chinesisch gebaut , nur mit mehr Platz für jedes Haus , mehr Luft und Licht für die Bewohner . Die Straßenfronten waren mit Vorgärten geschmückt , die Häuser mit Fahnen , Flaggen und allem Möglichen , was Farbe hat und in den Lüften flattert . Auf den Gassen wogten fröhliche Menschen hin und her . Alle Türen standen offen , nicht bloß für Freunde und nähere Bekannte , sondern für Jedermann . Es roch überall nach frischem Gebäck , nach Fleisch und Braten . Das ganze Land ringsum war kameradschaftlich und gastlich gestimmt , so recht und echt und ganz nach dem Herzen unserer » Shen « ! In der Mitte der Stadt , auf einem großen , freien Platze , stand ein sehr ansehnliches Gebäude , nach deutschem Begriff das Rathaus , die Bürgermeisterei . Dorthin ritten wir . Die Art und Weise , wie man uns von allen Seiten grüßte , bewies , wie hoch meine beiden Freunde in der Liebe und Achtung dieser braven Leute standen . Es gab einen Raum , die Pferde einzustellen . Mein Sejjid blieb unten ; » weil ich so gut chinesisch kann « , sagte er . Wir Andern aber gingen eine Treppe hoch , wo die Verwaltungszimmer lagen . Dort wartete ein Bote des Ho-Schang . Er war vor kurzem eingetroffen , um mit Fu zu sprechen , und die Beamten Raffleys hatten ihn derart höflich empfangen , daß er sich sowohl geehrt als auch willkommen fühlen konnte . Er war , wie schon seine Kleidung erwies , ein Unterpriester des Ho-Schang , hatte ein intelligentes und wohlwollendes , sehr sympathisches Gesicht und machte seine Meldung , mit tiefer Verbeugung beginnend , in folgender Weise : » Ich bin der Bote dessen , der das Volk über Ki belehrt , über den Lebensodem , aus dem man Gott erkennt in seiner Allmacht und in seiner Liebe . Er hat gesehen , daß auch Ihr dieser Liebe dient , nicht etwa in leeren Worten , sondern in allen Euren Taten und Werken . Darum wurde Euch von T ' ien , dem Himmel , große Macht gegeben , die täglich wächst und Euch die Herzen zuführen wird aus allen Gegenden der ganzen Erde . Auch unser großer , weithin einflußreicher Ho-Schang wünscht , sich mit Euch zu vereinigen , um durch die Gott wohlgefälligen Werke der Shen dem Himmel und der Religion der Liebe zu dienen . Nur die Tat beweist , und die Tat , das ist die Shen ! Darum kommt er heut gezogen , mit vielen , vielen Seelen , die er Euch bringen will , hierher , nach Shen-Fu , dem Ausgangspunkt Eurer Menschenfreundlichkeit . Aber er möchte auch noch weiter , nach jenem Schlosse , welches Ihr Raffley-Castle nennt . Dort soll der Ort des Paradieses abgebildet sein und auch der Weg , der durch die Hölle auf zum Himmel führt . Das möchte er gerne sehen und auch uns Andern allen zeigen . « Als er hier eine Pause machte , nahm Fu das Wort , um in der verbindlichsten Weise zu sagen , was hierauf zu sagen war . Dann fuhr der Priester fort : » Der erste Bote des Ho-Schang hat Euch bereits von jenen fremden , westlichen Barbaren mitgeteilt , von denen leider auch ich jetzt noch zu sprechen habe . Sie nahmen Besitz von unserem großen Tempel und dessen ganzer Umgebung , und wir vertrieben sie nicht , weil im Reiche der Mitte alle Gotteshäuser zugleich auch jedem Gaste , jedem Bedürftigen geöffnet sind . Sie sagten , daß sie Engländer seien ; wir aber hielten sie für zusammengelaufene Leute aus allen christlichen Ländern . Sie schienen nämlich bloß anfangs einig zu sein ; bald aber entzweiten sie sich . Es sind bei uns einige Leute , die in den östlichen Häfen waren und darum ein wenig Englisch verstehen . Die gaben wir den Fremden als Diener und erfuhren durch sie , was gut zu wissen war . Die Fan-Fan waren lauter Christen , aber fast ein Jeder von ihnen glaubte etwas Anderes , und ein Jeder behauptete , daß grad das , was er glaube , das Richtige sei . Auch warfen sie einander die Verschiedenheit ihrer Länder , ihrer Völker , ihrer Regierungen und ihrer Fürsten vor . Das war so überflüssig , so lächerlich , so unbegreiflich ! Nur in Einem waren sie einig , sie alle zusammen , nämlich über Euer Gebiet herzufallen und der Shen zu nehmen , was sie besitzt . Denn die Shen sei ihre größte Feindin ; sie mache die Menschen liebreich gegen einander , folglich zufrieden mit ihrem irdischen Los und greife dadurch ganz unerlaubt in die Rechte der besseren Stände ein . Zu ihnen gesellte sich Einer , den sie erwartet hatten . Er hieß Dilke und brachte eine Schar annamitischer Spitzbuben mit . Er hatte ein Schiff mit Waffen gebracht , die während der Feier des heutigen Festes geholt und verteilt werden sollten . Das erfuhren wir aber nicht sogleich , denn das chinesische Gefolge , welches sie durch ganz unerfüllbare Versprechungen an sich gelockt hatten , wußte selbst nicht genau , um was es sich eigentlich handle . Dieser Dilke ist ein eigentümlicher Mensch . Ich habe ihn Euch ausführlich zu beschreiben - - - « » Wir kennen ihn bereits , « fiel John da ein . » Ich danke dir ! Da darf ich kürzer sein . Er fühlte sich innerlich krank und ging , ohne daß die Andern davon wußten , zu meinem Freunde , denn Tai-Fu64 , der mir erzählte , was er mit ihm gesprochen hatte . Dieser Dilke hat sich in Penang mit einem General überworfen und ist deshalb aus der englischen Armee getreten . Er ging nach Sumatra , nach Uleh-leh und Kota-Radscha , um sich den Holländern anzutragen , wurde aber von dem dortigen Mijnheer abgewiesen . Von da fuhr er mit seinen Begleitern nach Singapore und Saigon , wo sie alle engagiert wurden . Er wurde Superkargo eines Schiffes , welches Seine Exzellenz , der Europäer hieß , und hatte mit ihnen und noch Andern , die ihm vorausgingen , hier bei uns wieder zusammenzutreffen , um die Shen an ihrer Wurzel zu vernichten . Nun ist ihm aber in Sumatra Etwas mit seinem Kopfe passiert , doch was , das weiß ich nicht , auch nicht , ob in Uleh-leh oder in Kota-Radscha oben . Er behauptet , dort den Geist eines amerikanischen Missionars gesehen zu haben , der dort seinen Körper verscherzt und verloren habe , und nun ihm immer folge , um sich bei ihm einzunisten . Da europäische Aerzte keine Mittel gegen das Nahen dieser Art von Wahnsinn haben , so komme er zu meinem Freunde , um ihn um Rat zu fragen . « » Es kann ihm nicht geholfen werden ! « unterbrach ihn John , und Fu nickte zustimmend . » Ganz dasselbe hat ihm auch der Tai-Fu gesagt , « bestätigte der Priester , » und das scheint ihn außerordentlich aufgeregt zu haben . Er wurde zusehends immer mehr irr an sich selbst . Er behauptete schließlich , nicht Offizier , sondern Missionar zu sein . Seine Exzellenz , der Europäer gehe ihn gar nichts an ; der sei nur auf weltlichen Gewinn bedacht ; er aber habe die geistliche Macht im Auge und brauche die Flinten und Kanonen höchstens , um die Heidentempel nach und nach zu zerstören , die es in China gibt . Seine Annamiten bekamen Angst um das Gelingen des ganzen Planes ; da jagte er sie fort . Sie hatten eine Besprechung mit den übrigen Europäern und verließen dann mit deren Bewilligung die Gegend , um nach Ocama zu gehen . Dilke aber blieb . Er behauptete , seine Aufgabe sei zunächst , beim Großen Feste der Menschlichkeit die ganze Stadt Shen-Fu zum Christentum zu bekehren , denn er habe eine Wette gemacht , die er gewinnen müsse . Ist das nicht sonderbar ? Eine Wette ! « Ja , das war allerdings im höchsten Grade wunderbar . Ich sah John an und er mich auch , doch sagten wir nichts . Dilke konnte von der Wette , die sein Oheim gemacht hatte , ja gar nichts wissen ! Der Chinese fuhr fort : » Es wurde während der ganzen Nacht keinen Augenblick geschlafen , denn es hatte sich , ich weiß nicht wie und woher , das Gerücht verbreitet , daß das Fest gar nicht stattfinde , sondern untersagt worden sei , weil man in Ocama und auf Raffley-Castle von einer Revolution erfahren habe . Das machte ihnen Sorge ; uns aber war das gleich . Unser Zug nach Shen-Fu war nicht nur beschlossen , sondern auch schon vorbereitet , und wir sahen keinen Grund , ihn aufzugeben . Wir bezweckten hierbei ja auch ein Zweites noch : die Auslieferung der westlichen Barbaren an Euch . Sie wußten , daß wir uns mit allen unsern Leuten ihrem Zuge anschließen würden , und freuten sich darüber . Sie ahnten nicht , daß wir sie Euch nur bringen wollten . So brachen wir am heutigen Morgen auf , hierher . Die Fan-Fan waren der besten Zuversicht . Da kam uns , als wir Euer Gebiet betreten hatten , die Nachricht entgegen , daß Seine Exzellenz , der Europäer mit seiner ganzen Ladung , also auch den Waffen Eurer Feinde , verbrannt worden sei . Das erregte bei den Europäern einen Schreck , der unsern Zug ganz plötzlich stocken machte . Sie mußten erkennen , daß ihre Absichten verraten seien . Sie traten sofort zu einer Konferenz zusammen , die außerordentlich stürmisch verlief , weil dabei ein Jeder sich mit Jedem überwarf . Sie zankten alle auf einander ein , genau so , wie es daheim die Ihren tun , und richteten ihre gesamte Wut sodann auf Dilke , der ihnen aber sagte , daß sie alle zusammen ganz verrückte Kerle seien ; nur er allein habe Verstand . Er wisse besser wie sie , wie es hier stehe . Es sei ein Deutscher und ein Araber hier , die eine ganze Bande von europäischen Zivilisatoren die Treppe heruntergeworfen hätten , auch ein englischer Lord mit sämtlichen Matrosen seiner Jacht , ferner die Schloßsoldaten von Raffley-Castle , die alte , tapfre Bürgergarde von Ocama , sodann die Landwehr von Ki-tsching und endlich gar die vieltausend Streiter der großen Shen . Er sei ja in Ocama gewesen und wisse Alles . Es gebe gar keinen Zweifel , daß irgend Jemand den ganzen Plan verraten habe , und nun stelle man sich so außerordentlich zahlreich in Shen-Fu ein , daß man die paar Europäer in einem einzigen Augenblick erdrücken werde . Kein Hahn werde nach ihnen krähen ; er allein habe nichts zu fürchten , denn er sei weder Empörer noch Offizier , sondern ein Mann des Friedens , ein Bote der Liebe , ein Missionar , der weiter nichts verlange ,