der Weg von Teheran nach Isfahan ! So , das mußte ich dir sagen , weil wir dich lieben und achten und es nicht dulden können , daß ein Fremder glaubt , seine Prinzessin genüge den Ansprüchen , die unser Tifl machen kann ! Mit solchem Köder fängt man keinen Dschamiki ! - - - Ich erkläre die Dschemma für beendet ! Die Versammlung der Aeltesten ist nicht da , um Albernheiten anzuhören ! Zugleich aber erinnere ich noch einmal daran , daß ich diesen Fremden nur so lange Sicherheit biete , als sie jedes beleidigende Wort vermeiden . Tifl , nimm vierzig Krieger , die sich bewaffnen mögen , und schaffe die ungeladenen Perser bis jenseits des Hasenpasses ! Ich wähle dich dazu , damit sie sehen , daß selbst der , den sie für den Allerdümmsten von uns halten , zum Befehlshaber einer ganzen Reiterschar geeignet ist ! « » Unser Kind « eilte freudestrahlend fort . Einen solchen Ausgang der Verhandlung und eine solche Beantwortung seines Vorschlages hatte Ahriman Mirza nicht erwartet . Er kochte vor Grimm ; das war ihm anzusehen . Aber er sah ein , daß er , wenigstens für jetzt , seinem Hasse keinen Ausdruck geben dürfe . Er hatte von seiner raffinierten Intelligenz geglaubt , daß sie der naiven Klugheit der Dschamikun über sei , und mußte sich nun doch als der von ihr Geschlagene fühlen . Er zwang seine Wut hinunter , aber sie bebte in dem Klange jedes Wortes , als er , indem die Aeltesten alle aufstanden , laut ausrief : » Ich soll niemand beleidigen , werde aber selbst als dumm bezeichnet ! Wir rechnen später hierüber ab ! Uebrigens habe ich nicht verlangt , daß ihr euch schon heut entscheiden sollt ! « » Wir haben es aber trotzdem gethan , « antwortete der Pedehr . » Ich nehme es nicht an ! « » Um deine Niederlage nicht einzugestehen ! « » Schweig ! Es bleibt bei dem , was ich gesagt habe : Ich gebe euch Zeit bis zum Tage des Rennens . « » Wir werden dann nichts anderes zu sagen haben als heut . « » Warte es ab ! Man weiß nicht , was inzwischen geschieht . Was die Wette betrifft , so werden wir dich zwingen , an ihr festzuhalten ! « » Ich habe keine Ursache , zurückzutreten . « » Wir kommen alle , alle Zwölf ! « » Uns ist das gleich . Aber wißt ihr auch , was ihr damit thut ? « » Nun - was ? « » Der Tag des Rennens ist ein Freudentag für alle Dschamikun und ein Ehrentag für unsern Ustad . Wir feiern ihn seinetwegen . Wenn ihr euch an dieser Feier beteiligt , so ehrt ihr ihn . Das mußte ich euch sagen . « Da stieß Ahriman Mirza ein häßliches Lachen aus und antwortete : » Die Muhammedaner feiern ihren Freitag und die Christen ihren Sonntag , beide Allah und Gott zur Ehre . Aber ich sage euch , daß der Teufel , indem er sich an dieser Feier beteiligt , seine besten Ernten hält . Kein anderer Tag bringt der Hölle soviel ein , wie solche Feiertage , all denen der Mensch von wem ? - von wem ? gezwungen wird , sich aus den schützenden Armen der segenbringenden Arbeit zu reißen . Hat er sie aus der Hand gelegt , so gehe er , wohin er will , er wird vom Teufel gepackt und hat keinen anderen Schutz und Schirm als nur sich selbst und jenes mir verhaßte Haus , in welchem er sich doch nicht den ganzen Tag verbergen kann ! Wenn wir kommen , so kommen wir nicht eures Ustad willen , sondern aus ganz anderen Gründen . Versteckt euch in euer Beit-y-Chodeh oder thut sonst , was ihr wollt , wir packen euch doch ! Der Alte hat mich gesegnet . Nun segne auch ich euch . Wie ich es meine , und was mein Segen bringt , das werdet ihr erfahren ! « Er wollte sich abwenden und gehen , da nannte Hanneh seinen Namen : » Ahriman Mirza , noch ein Wort ! « » Was ? « fragte er , indem er sie verwundert ansah . » Du wirst es gleich sehen . Ich muß dir jemand zeigen . « Wer sich in der Nähe befand , der schaute wegen der sich auflösenden Dschemma jetzt her zu uns . So auch Pekala . Darum konnte Hanneh , ohne ihren Namen nennen zu müssen , ihr winken , herbeizukommen . Pekala gehorchte . Ihre ganze schneeweiße , rotblühende und wohlgenährte Erscheinung war ein neugieriges Fragezeichen , was sie wohl bei den Aeltesten und Fremden zu schaffen haben werde . Hanneh nahm sie bei der Hand , führte sie zu dem Mirza und sagte da zu ihr : » Schau dir diesen Irani an ! Er verlangte , daß Tifl Scheik der Dschamikun werde ! « » Warum nicht ? « fragte die Festjungfrau ganz ernsthaft . » Er hat ganz das Geschick dazu ! Der Tag der Wahl muß ja früher oder später eintreten . Da schlage ich ihn vor ! « Diese Antwort hatte Hanneh freilich nicht erwartet ! Sie fuhr fort : » Er soll eine persische Prinzessin heiraten ! « » Welche ? « » Dieser Irani weiß es . Er will sie ihm bringen . « » Warum nicht ? Für meinen Tifl ist die Tochter des Schah-in-Schah grad gut genug ! Wenn sie kommt , werde ich sie erziehen . Vor allen Dingen hat sie unserm Ustad und meinem Tifl zu gehorchen . Andere Gepflogenheiten gelten bei mir nicht . Er mag sie bringen . Ich werde sie mir ansehen . Paßt sie mir nicht , so mag er sie in seine eigene Küche stecken . Für ihn ist sie dann wohl noch viel zu gut ! « Jetzt nun erklärte Hanneh dem Perser , indem sie ihm mit ihrem freundlichsten Lächeln in das Gesicht sah : » Das ist Pekala , welche Tifl für besser als deine Prinzessin gehalten hat ! Das mag bei euch wohl anders sein ; bei uns aber befassen sich mit dem Heiratsstiften nur alte Weiber , denen die Zähne zum Regieren ihres Zeltes ausgefallen sind ! Du hast so oft vom Teufel gesprochen . Bei den Dschamikun und bei den Hadeddihn nehmen die Männer nicht von ihm , sondern aus Allahs Hand ihre Frauen . Führe deine Prinzessin zu den Massaban . Die glauben vielleicht an das Gnaden- und an das Ehrengeschenk ; wir aber nicht ! « Der selbstbewußte , überstolze Mann ! Sich von Frauen so etwas sagen zu lassen ! Und grad dieser sein Hyperstolz verbot ihm , eine Antwort zu geben ! Er drehte sich um und ging zu seinem Pferde , denn seine Gefährten machten sich auch schon mit den ihrigen zu schaffen . Sie wollten fortreiten . Als der Multasim Sattel und Zaum seines Fuchses geordnet hatte , stieg er nicht sogleich auf , sondern kam zu mir , der ich abseits stand und ihnen zuschaute . » Denkst du daran ? « fragte er kurz . » Ja , « antwortete ich ebenso . » Ich habe es als Geheimnis betrachtet . « » Ich auch . « » Die Wette gilt ? « » Gewiß ! « » Aber sie hebt die Blutrache nicht auf ! « » Eigentlich doch ! « » Für mich nicht ! « » Nun , dann auch nicht für mich ! « » Ich fasse dich ! « » Oder ich dich ! « Er sah mich erstaunt an . Er hatte wohl angenommen , daß nur ganz allein er diese Angelegenheit deuten und behandeln könne , wie es ihm beliebte . » Du mich ? « fragte er . » Bist denn du der Bluträcher , oder bin ich es ? « » Eigentlich keiner von uns , nun aber alle beide . « » Das verstehe ich nicht ! « » So bedaure ich dich um dein Gehirn ! Du hattest eine Blutrache gegen den Scheik der Kalhuran , weil er deinen Sohn erschossen hat . Er hatte eine gegen dich , weil sein Blut durch die Peitsche deines Sohnes vergossen worden ist . Beides wurde durch die Wette ausgeglichen . Du bestehst im Geheimen trotzdem noch auf Blut , und zwar auf dem meinigen . Nun wohl , so trete auch ich nicht zurück und fordere das deinige . Ich habe sogar ein größeres Recht dazu , denn der Scheik der Kalhuran war Moslem , dein Sohn ein Christ , und außerdem ist Kugelblut um vieles , vieles billiger als Peitschenblut . Du packst mich , und ich packe dich , wann , wo und wie es uns paßt . Du bist vor mir nur auf dem Gebiete der Dschamikun sicher . Das merke dir ! « » So gegenseitig habe ich es nicht gemeint , « sagte er , indem er verlegen vor sich niedersah . » Das dachte ich mir , denn ihr hochedeln und vornehmen Beschützer der Massaban denkt nicht anders als sie , die Räuber und die Mörder . Nun aber weißt du , woran du bist ! « Da war seine Verlegenheit weg , und der Trotz trat ihm wieder in die Augen . » Es sei , wie du sagst ! « zischte er mich an . » Also Blut gegen Blut ! Das meinige und das deinige ! Du kennst mich nicht , kannst mich leider auch nicht kennen lernen , denn der Augenblick , an dem dies möglich wäre , wird der Augenblick deines Todes sein ! « » Wie das so fürchterlich klingt ! « lachte ich . » Es ist ja gar nicht so ! Es ist im ganzen Land bekannt , daß du der größte Feigling Persiens bist . Ich werde dir mit offener Waffe entgegentreten , die aber weder Dolch noch Pistole , sondern etwas ganz anderes ist . Doch du wirst mir nur mit verborgener Arglist kommen , um an mir zum verächtlichen Meuchelmörder zu werden . Ich bin darauf gefaßt . Das sage ich dir in aller Ehrlichkeit . « » Gefaßt ? ! « entfuhr es ihm . » So sei gefaßt , dreimal oder tausendmal gefaßt ; mein wirst du sicher werden ! « Sein Benehmen in diesem Augenblick war unvorsichtig . Seine blitzschnelle Antwort und der versteckt sein sollende Blick seines heimtückischen Auges ließen mich vermuten , daß er schon einen Plan gefaßt habe . Und da stand für mich sehr fest , daß es ein bald möglichst auszuführender sei . Er eilte zu seinem Pferde , denn die Andern waren schon aufgestiegen . Ahriwan Mirza saß in einem reich geschmückten Schuhsattel , von welchem ebenso wie von jedem Riemen bunte Fransen und Quasten rund um den Leib des Pferdes niederhingen . Er spornte es hin zum Pedehr , hielt vor ihm an und sagte : » Wir reiten fort , hinüber nach dem Hasenpaß , wie du gesagt hast . Aber bevor wir den Duar verlassen , haben wir mit den Reitern des Multasim zu sprechen . Ihr gebt sie nicht frei . Dagegen ist nichts zu machen . Aber er hatte diese Leute seinem Sohne nur geliehen . Er ist ihr Herr und Gebieter und hat sie viel zu fragen und ihnen viel zu sagen . « » Ihr Herr und Gebieter bin jetzt ich , « antwortete der Pedehr . » Es ist , sobald ihr hier angekommen waret , ein Bote nach dem Hohen Hause geschickt worden . Sobald ihr euch dort sehen laßt , wird man auf euch schießen . Mit diesen Leuten darf nur der sprechen , dem ich es gestatte ; euch aber erlaube ich es nicht . Richtet euch danach ! « » Du scheinst nicht zu wissen , wie sehr du dich irrst . Hast du sie für zusammengelaufenes Gesindel gehalten , welches der Muhassil angeworben hat ? « » Ja . Das sind sie auch ! « » Nein . Sie sind Milizen , die seinem Vater , dem Multasim , vom Sipahsalar167 , geliefert worden sind . Ihre Uniformen haben sie abgelegt , weil sie einstweilen aus dem Dienste des Krieges in den der Finanzen traten . Ihre Anführer sind wirkliche Offiziere , welche dich beim Sipahsalar verklagen werden , und er wird dich bestrafen lassen . Du hast trotz der Unterschrift des Schah-in-Schah , welche sich nur auf eure Rechte und auf eure eigene Gerichtsbarkeit bezieht , nicht die Erlaubnis , dich an Soldaten zu vergreifen , welche von einem ganz Andern zu richten sind ! « » Ich richte sie nicht . Ich bestrafe sie nicht . Ich weiß genau , wie weit meine Rechte gehen . Ich habe diese Menschen eingesperrt , weil es in diesen meinen Rechten liegt . Dein Multasim mag mir die vom Sipahsalar unterzeichnete Beglaubigung bringen , daß sie wirklich Soldaten sind ! Wir werden mit diesem Zeugnisse zum Beherrscher gehen und ihn fragen , ob seine Offiziere und Soldaten etwa vorhanden seien , um gegen friedliche Bewohner seines eigenen Landes Krieg zu führen , oder ob diese Bewohner nur zu dem Zwecke Soldaten werden , um wie verachtete Massaban gegen ihre Mitunterthanen losgelassen zu werden . « » Das wage nicht ! « » Ich habe dir schon einmal gesagt : ich wage nicht ! Die Ausübung heiliger Rechte ist kein Wagnis ! « » Die Rechte Ghulams , des Multasim , sind ebenso heilig ! « » Seine Rechte ? Und auch nur vielleicht ! Aber wie er sie ausübt , das ist nichts weniger als heilig ! Das hat der Herrscher nicht gewollt , als er sie ihm verlieh ! Oder - - - sind sie ihm etwa gar nicht vom Schah-in-Schah verliehen ? Ich habe gehört , sein Kontrakt sei damals von zwei Ministern unterzeichnet worden . Befindet sich auch das allerhöchste Siegel dabei ? « » Das geht dich nichts an ! « » Es geht jeden an , der hier im Lande wohnt . Und uns geht es gar doppelt an , weil dieser Multasim es wagt , mit den Waffen in der Hand unser Gebiet zu betreten , um hier den Herrn zu spielen ! Ich bin der Scheik der Dschamikun . Mir ist ihr Glück und der Frieden ihres Landes anvertraut . Es ist meine Aufgabe , in diesem Frieden für die Wohlfahrt des Landes , welches ihnen gehört , zu sorgen . Wir wollen auch mit Andern in demselben Frieden leben . Wir haben es gethan . Wir sind es nicht , die ihn jemals brechen werden . Aber sollten sie das zu thun wagen , dann wehe ihnen ! « » Wehe ! « lachte der Mirza . » Willst du es nicht gleich dreimal ausrufen ? Ein solches Wehegeheul aus einem Munde , der sich der Friedfertigkeit und der Nächstenliebe rühmt , muß ja , wenn es zum Himmel eures Chodeh aufgestiegen ist , von den Lippen aller Seligen , die dort wohnen , lobpreisend widerhallen ! Liebe und Wehe ! Hier hast du dich ebenso entlarvt , wie vorhin euer frommer Ustad sich verriet ! « » Und du bist ganz derselbe Verdreher der Ursachen und der Folgen gegen mich wie gegen ihn ! Als du dich aufmachtest , um zu uns zu reiten , hattest du vergessen , die Ueberlegung zu Rate zu ziehen . Und weder unterwegs noch hier an deinem Ziele bemerktest du , daß du die Vorsicht daheim gelassen hast . Du behauptetest , so große Macht zu besitzen , daß wir uns vor dir zu fürchten hätten . Bist du denn so thöricht gewesen , zu glauben , daß sich diese Macht auch über uns erstreckt ? Hast du angenommen , daß es uns nicht einfallen werde , nach ihr zu forschen , um sie kennen zu lernen ? Du prahlst ebenso wie der Multasim mit der Gewalt , die euch gegeben worden sei . Wohlan ! Wir werden thun , was jeder Kluge thun würde . Wir schlagen nicht blind auf sie los , sondern ganz so , wie du zu uns gekommen bist , so werden wir dorthin gehen , woher sie zu stammen hat , wenn sie keine angemaßte ist . Und wenn - - - « » Also Spione ! « unterbrach ihn der Perser . » Nein ! Ein Spion sagt dem Feinde nicht mit dieser meiner Ehrlichkeit , was er zu thun beabsichtige . Und grad diese Ehrlichkeit hast du außer Berechnung gelassen . Was wird der Schah-in-Schah sagen , wenn er erfährt , daß du dich rühmst , mächtiger zu sein als er ! Was wird er thun , wenn er hört , daß es euer wohlerworbenes Recht sei , ihn als eine Puppe zu behandeln , der ihr von allem Reichtume und allen Erzeugnissen des Landes nur den billigen Weihrauch streut , um alles andere in den eigenen Säckel stecken zu können ! Was wird er beschließen , falls er vernimmt , daß ihr diejenigen seiner Unterthanen mit Vernichtung bedroht , welche nur allein ihm gehorchen wollen und sich also weigern , euch als Götzen zu betrachten , vor denen man anbetend niederzusinken hat ! - Diese Folgen deines Rittes hast du nicht bedacht . Du hast dir angemaßt , hierher zu kommen , um uns kennen zu lernen . Es hat uns nur einer zu kennen , der Schah-in-Schah , vor dem unsere Herzen offen liegen . Aber eure Herzen ? Ihr seid so unvorsichtig gewesen , sie vor uns zu öffnen , während ihr sie gegen ihn verschlossen hieltet . Nun wird sein Blick in ihre tiefsten Tiefen gehen , und was sich ihm dann offenbart , das kann nichts anderes als das Wehe sein , welches ich dir zugerufen habe . Dieses Wehe stammt also nicht von mir ; es wohnt in euch selbst und wird aufsteigen wie ein verzehrendes Feuer und wie ein alles verschüttender Aschenregen , wenn die Hand des Herrschers niederfährt , um den Janardagh168 aufzusprengen und auseinander zu reißen . Dann wird das Land von all den giftig bösen Dünsten frei , die diesem Berge des Unheiles bisher entstiegen , und wenn der dunkle Rauch , der über Chodehs Erde ging , verschwunden ist , wird endlich , endlich jedermann den reinen Himmel und den wahren Herrscher schauen ! - Ich bin mit dir zu Ende - - - für heute und jetzt . Reitet fort ! Ihr mögt euch wenden , wohin ihr wollt , es erwartet euch dort nicht dieses , sondern ein noch ganz anderes Ende ! « Während die beiden mit einander sprachen , waren auch die andern Perser zu ihnen herangekommen . Sie hatten den letzten Teil der Rede des Pedehr gehört und sahen nun den Mirza an , was er thun werde . Er bohrte die Innenspitzen seiner Schuhbügel in die Flanken des Pferdes , daß dieses vor Schmerzen sich bäumte und fast überschlug . Dann warf er die Hand verächtlich in die Luft und rief unter grellem , weithin schmetterndem Lachen aus : » Ein noch ganz anderes Ende ! Alter Narr ! Es giebt ja gar kein Ende ! Welch ein Glück , wenn es so wäre , wie du sagst ! Vielleicht aber hast du recht , denn uns fehlt nichts weiter , als nur das Eine , die Allwissenheit ! Versuchen wir es ! Ist es ein Phantom , oder ist es Wirklichkeit ? Reiten wir ihm zu , dem von dir angedrohten , von Anderen aber heiß ersehnten Ende ! « » Dem Ende - dem Ende ! « lachten die Andern ihm nach . Sie trieben ihre Pferde an und ritten , das Beit-y-Chodeh jetzt in einem weiten Bogen vermeidend , die grüne Alm hinab und verschwanden bald hinter dem Gebüsch der unten liegenden Gärten . Wir schauten ihnen nach , bis wir sie nicht mehr sahen . Dann wendete sich der Pedehr mir zu , indem er fragte : » Sind dir schon einmal derartige Menschen begegnet , Effendi ? Sollte man sie nicht für etwas ganz Anderes halten ? « » Es ist mir an ihnen vieles rätselhaft , « antwortete ich . » Kannst du mir sagen , was ? « » Wohl kaum ! Es giebt Empfindungen , für welche die Sprache keine Worte hat . Es kommen uns Ahnungen , die wir uns nicht einmal in Gedanken deuten , noch viel weniger aber in hörbare Laute kleiden können . Es war mir , als ob Ahriman Mirza zwei verschiedene Leben besitze und zwei verschiedenen Reichen angehöre . Seine hörbare Rede gehörte dem einen an , dem andern aber der Sinn , der in ihr lag , und der Geist , der sie ihm diktierte . Ich habe viele , viele Menschen kennen gelernt , so einen aber noch nicht ! Es gab , während er sprach , gewisse Stellen , an denen ich mir sagte , daß ich mich hüten müsse , an mir selbst irre zu werden . Er riß mir Gedanken aus der Tiefe , von denen ich niemals eine Ahnung gehabt habe . Und er wußte sie so zu leiten und zu gestalten , daß es mir schwer wurde , sie als irrig zu erkennen . Wehe dem denkschwachen , vertrauensvollen Opfer , welches er sich erwählt ! Es muß ihm unbedingt verfallen sein ! Da taucht ein Bild vor meinen Augen auf , ein Bild , widerlich und schön zugleich . Aber es gehört nicht hierher in Tempelsnähe . Könnte ich es dir zeigen , so würde in ihm wohl wenigstens einigermaßen die Antwort auf die Frage liegen , die du an mich gerichtet hast . « » Sprich immerhin ! Es giebt kein Bild im Himmel und auf Erden , welches der Sonnenglanz , der jetzt von unserem Beit-y-Chodeh für heut Abschied nehmen will , nicht doch verklären könnte . « » Du sagst : im Himmel und auf Erden . Und dieses Bild bezieht sich allerdings auf beide . Ich habe daheim ein liebes altes Buch . Es ist gewiß vierhundert Jahre alt und von meinen Vorfahren auf mich gekommen . Es enthält nur Bilder , keinen Text , aber die Rückseiten wurden von den Händen der jeweiligen Besitzer fromm beschrieben . Denn diese Bilder wurden zur Erklärung und Veranschaulichung dessen gedruckt , was uns das Kitab el mukkadas169 erzählt . Es ist für mich von unschätzbarem Werte . Ich habe es schon als Kind sehr oft mit meinen kleinen Händen aufgeschlagen und schaue auch noch jetzt so gern hinein . Es dünkt mich heut , als sei ich es selbst , dessen Gefühle und Gedanken , dessen Kämpfe , Niederlagen und Siege auf diesen Blättern abgebildet seien . Die Menschheit in ihrer Kinderzeit , dem Vater vertrauend und in dankbarer Liebe ihn verehrend . Des Knaben Trotz und Unbedachtsamkeit , die , wie einst Israel , nicht gehorchen wollen . Des Jünglings heißgeliebte Ideale , im Harfenton der Psalmen aufwärts erklingend . Hierauf der eigene Sinn , welcher verlangt , mit den Augen schauen zu müssen , was das Herz bisher ohne Einwand glaubte . Das immer suchende und nicht ermüdende Forschen nach Bestätigung . Der Kampf mit andern Völkern , die andere Götter hatten . Die fürchterliche Gegnerschaft dessen , der einst zu Hiob kam , um ihn zu vernichten . Das feste Halten an dem Gottesglauben , trotz aller Siege , denen ich erlag . Der schwere , heiße Kampf des tapferen Judas Makkabäus , sich aus diesen Niederlagen wieder aufzurichten und , obwohl von seinen eigenen Brüdern verachtet und verdammt , die Höhe von Moria wieder zu ersteigen und sich die Liebe seines Volkes zu erringen . Wie war das so schwer , jawohl das aller- , allerschwerste ! Doch glaube ich , ich habe es erreicht ! « Der Pedehr hatte sich in das Gras niedergelassen . Ich stand aufrecht vor ihm . Ich hatte von einem Bilde reden wollen , und wovon sprach ich aber nun ? Konnte ich dafür ? Warum waren die schönen , mildglänzenden Augen , mit denen er zu mir aufblickte , so liebreich fragend und so seelengut ! Seine Dschamikun nannten ihn Pedehr , den Vater . Sie liebten ihn ; sie ehrten ihn ; sie vertrauten ihm . Er verdiente das , denn er war ihnen im wahrhaftesten Sinn des Wortes und in vollster Wirklichkeit ein Vater . Wie kam es doch , daß ich jetzt an den meinigen denken mußte ! Er war ein einfacher Bürgersmann gewesen , schlicht und recht , wie arme Leute sind , vor deren Thür die Dürftigkeit am Tage wacht und auch des Nachts nicht schläft . Er hatte jenes Forschen und Suchen nicht begreifen können . Die materielle Not ist blind gegen Ideale . Er litt unter meinen äußeren Niederlagen ; an den inneren Siegen aber , zu denen sie mich führten , konnte er nicht teilnehmen ; sie brachten ihm keinen Gewinn . Und als ich endlich , endlich oben war , aus voller Brust tief Atem holend , weil ich in meinem Glauben an die Menschheit die Ueberzeugung in mir trug , daß mir vergeben sei , da legte er sich hin und starb , mich zwingend , meine schöne Hoffnung , alles , alles an ihm gut machen zu können , nach jenem Lande zu richten , in welchem ein jeder nachzusühnen hat , was hier auf Erden zu sühnen vergessen worden ist ! War es der Pedehr , der vor mir saß und mich so still und doch so erwartungsvoll anschaute ? Diese Stirn ! Dieser fragende Blick ! Auch mein Vater war so , wie er , trotz seines hohen Alters immer jung gewesen ! Was wollte dieses Auge ? Dieser Blick ? Was kann ein Vater wollen , wenn der vor ihm sitzende Sohn von seinen Fehlern spricht . Verzeihen doch , verzeihen ! Sang man da unten im Tempel jetzt wieder das » Rosenlied « ? Nein . Es klang mir nur im Innern , und es bedurfte nur einer geringen Aenderung , so war auch ich gemeint : » Brich auf , mein Herz , der Rose gleich , In der sich alle Düfte regen . Gott ist an Gnade überreich ; Brich auf , und dufte ihm entgegen ! « » Effendi , was thust du hier ? « fragte der Scheik . » Höre ich recht ? Stand das in deinem Bilderbuche ? Du beichtest ja dich selbst hinein ! Oder nicht ? « » Ja , Pedehr , ich beichte ! « gestand ich ihm . » Das Bilderbuch , von dem ich spreche , enthält die Beichte aller , aller Welt . Wenn ich von dieser Menschheitsbeichte spreche , so darf auch die nicht fehlen , die ich der Menschheit schuldig bin ! Sie nehme diese Beichte mit in die ihrige auf ! Dann kann ihr nicht vergeben werden , wenn sie nicht mir vergiebt ! « Da faßte er mit seinen beiden Händen die meinigen , zog mich halb zu sich nieder und sprach : » Aber du beichtest hier im fernen Kurdistan ! Vor mir allein ! Die Menschheit hört dich nicht ! « » Sie wird mich hören ! Denn sie wird es lesen ! « » Etwa in einem deiner Bücher ? « » Ja ! « » Und genau so ehrlich und so offen , wie du hier zu mir gesprochen hast ? « » Genau so ! « » Ef - - - fen - - - di - - - ! « Er sah mich staunend , fast erschrocken an . Mir aber war so warm , so leicht , so frei ums Herz . Ich fühlte , daß ein frohes Lächeln um meine Lippen spielte . » Weißt du , was du dir da vorgenommen hast ? Diese deine Menschheit wird dir gern verzeihen ; aber alle , alle , die ihr Ganzes bilden , werden einzeln vortreten , um dich zu verdammen ! « » Ich fürchte mich weder vor der Menschheit noch vor dem Einzelnen ! Was hier geschieht , geschieht auch dort ! Ich beichte auch für dort ! Vor dem , der jenseits richtet ! Läßt er dann , so wie man hier mit mir gethan , die einzelnen vor seine Stufen treten , so bin ich frei von Schuld ! « Da zog er mich vollends zu sich nieder , schlang seine Arme um meinen Hals , küßte mich auf beide Wangen und sprach : » Mein lieber , lieber Sohn ! Glaubst du , daß ich mit meinen Dschamikun auch mit zur Menschheit gehöre ? Ja ? Du nickst ! Du bist ergriffen ! Ich sehe Thränen ! Weine nicht ! Ich sage dir : Unter denen , die aus der Menschheit treten , weil sie nicht menschlich denken und verzeihen , wird sich kein einziger Dschamiki befinden ! Für die andern aber , die es thun , sei das , was du schreibst , wie nicht geschrieben , denn du beichtetest der Menschheit , aber nicht denen , die aus ihr getreten sind ! « Da stand der Ustad vor den Säulen des Tempels und gab ein Zeichen nach dem » hohen Hause « hinüber . Man hatte auf dieses Zeichen gewartet , denn die Sonne war im Untergehen , und sogleich erklangen die Glocken . Der Pedehr erhob sich , zog mich mit sich empor , behielt mich mit der Linken umarmt und zeigte mit der Rechten nach dem Alabasterzelt hinauf . » Erzähle mir später von deinem Bilde weiter ! « sagte er . » Es wird sich jetzt ein anderes zeigen . Auch aus einem Kitab el mukkadas , aber nicht aus einem geschriebenen , welches man nach Belieben öffnen und schließen kann , sondern