- mir wurde schwach - Für eine Poe ' sche Vision anscheinend . Nur daß ich einen Katerdämon habe . Ist das nicht schauerlicher , als ein » Rabe « ? ( Besonders wenn es uns im Schädel brummte ! ) Krächz ' Du nur » Nevermore « , berühmter Rabe ! Doch wenn ein greiser Kater also summte , Wär ' s eine noch sublimre Herzenslabe ! Den früg ' ich Fragen , denen er verstummte , Graus , metaphysisch : » Werden aus dem Grabe Auch Kater auferstehn ? « Mir wurde schaurig , An meinen todten Kater dacht ' ich traurig . Der Selige - Friede seinem Angedenken ! - Die weiland Gottesgeißel aller Braten Und Mäuse - warum durfte ich nicht senken Ihn in die Gruft der Ehre als Soldaten ? Und ihm als letzte Ehrenfahne schwenken Ueber dem frühen Grabmal seiner Thaten Ein Häschen ( ' s war sein Leibschmaus ) an den Ohren ? Doch so zu sterben - wär ' er nie geboren ! Wie starb er denn ? Ein Social-Autokrat , Fühllos , blutdürstig , und ein grimmer Hasser Des Eigenthums , ein Held vom Zukunftsstaat , Ein Anarchist vom reinsten ( faulsten ) Wasser , ( Er war mein Nachbar ) dachte früh und spat : » Soll dieser gottverdammte Bourgeoisprasser Vor meinen Augen mästen seinen Kater Und ich soff heute bloß zehn Cognacs ? Brat ' er ! « Gewöhnlich nämlich zwölf er ' runtergoß . Doch die Fabrikherrn , niedrige Tyrannen , Bekanntlich zahlen Die für Arbeit bloß . Und schickt sich Arbeit wohl für freie Mannen ? Der feile Mammon fällt nicht in den Schooß , Selbst Kater müssen ihre Thatkraft spannen , Für Mäusefang nur füttert man die Armen . Doch kannten Demokraten je Erbarmen ? Er neidete mein Vieh , so lag der Fall . Und dieses zu raubmördern er beschloß . Er that ' s ! Und mit dem Ausruf » Hilf , Lasalle ! « Führte er meuchlings eines Nachts den Stoß . Das Opfer sank wie dort der Sonnenball In edler Glorie , sein Herzblut floß . So werden wir einst Martyrtod erleiden , Wir » Gründer « , und der Kater Loos beneiden . Denn , wie St. Marxi heilige Schrift es lehrt Ward so mein Eigenthum mir fromm entwandt ! Das ist ein Pfaffe , wer sich drob beschwert ! Ich - in den höhern Zweck mich seufzend fand . Denn hatt ' ich nicht mein » Kapital vermehrt ? « Ein Raub am Volk ! Einst wird das ganze Land » Getheilt « in gleichem Stil . Und nicht allein Den Kater » theilt « man mir , auch Haus , Hof , Schrein . Der Grund der Eigenthumsverletzung war Der fette Wanst des Seligen . Wie ein Hase Mocht ' er wohl schmecken , speckig ganz und gar . Das stach dem Theilungssüchtigen in die Nase . Er » theilte « ihn für sich mit Haut und Haar . Doch rieth dem Biedern eine kluge Base , Noch zu verschweigen , wie geschickt er theile ! Er murmelte zwar heldenhaft : » Na , Keile ! « Doch rasch bedeuteten ihm fromme Seelen : So schlecht sei diese Zeit , daß die Bethätigung Des Freiheitsdrangs - z.B. Raub und Stehlen - Noch ganz entbehre staatlicher Bestätigung . Man werde es der Polizei erzählen . So machte er ' s denn heimlich ab aus Nöthigung . Auch keine Zeugen gegen ihn auftreib ' ich , Drum seinen Namen klüglich auch nicht schreib ' ich . Ich aber weiß es , daß der Ritter selig Des Katzenordens sich begrub zu früh In des Plebejers Magen . Ist ' s nicht schmählich ? O sei er unverdaulich ! Drück ' er wie Ein Mühlstein den Verschlinger , unausstehlich ! Daß selbst solch ein Husaren-Schnurrbart nie Den Pöbel schreckt ! Denn wahrlich , ganz soldatisch War der Verstorbne und aristokratisch ! Was mir der Todte war , - ihr Nachtigallen , Die oftmals er mit süßem Mau gestört , Ihr wißt es ja ! Nehmt Alles nur in Allem , Er war - ein Kater ! Aber horch , was hört Mein Ohr vom Ufer melancholisch schallen ? Quack , Quack ! Mein tiefstes Innre sich empört , Wie hier das Lehrgedicht der Meistersänger Ersäuft das Minnelied der Mäusefänger ! O Ihr geblähten Frösche , Ihr Pedanten ! O wie erinnert Ihr mich doch - an wen ? Weiß nicht ! An was ? Je nun , an Folianten ! » Hoho ! Hört , hört ! « So quackt es jetzt . Es drehn Auch Spatzen sich auf meinen Fensterkanten . Ich sehe hier ein Sinnbild vor mir stehn : Denn Kater , Frösche , Spatzen , Störche , kennt Man als des Deutschen Reiches Plapperment . O Eitelkeit , Vanitas Vanitatum ! Ich kenne einen Gecken , welcher sich Im Sommer Winterüberzieher that um , Weil er darin mehr einem Manne glich ! Der Schweiß ihm stromweis floß aus jeder Naht drum , Doch duldete er still und wackerlich . Er wurde lieber schwach und elend innen , Um außen stärkern Eindruck zu gewinnen . Ich kenne Gecken , welche blutarm sind Und sich deß schämen . Was wird flugs erdichtet ? Sie schreien ' s in die Ohren jedem Kind , Sie seien so erbärmlich zugerichtet , Weil sie gelebt so lustig wie der Wind . ( D.h. höchst liederlich , wird nun berichtet Im Flüsterton . ) Das heißt : Ein Wüstling mag Er lieber sein , als krank ! ! O welche Schmach ! Andre Bleichsüchtige und Nervenschwache Erklären sich für Dandyhaft blasirt ! Der Dritte widmet sich dem Weltschmerz-Fache , Als ob , weil er sich » angekränkelt « spürt , Auch » des Gedankens-Blässe « seine Sache ! Doch daß er Hartmann stets im Munde führt Und nie ein Wörtchen von ihm las , ist schlimm ! Castraten prahlen mit Kombabus-Whim . Andre versichern , die besonders bläßlich : Wir leiden , hört , an unglücklicher Liebe ! Man glaubt ' s , da sie so überraschend häßlich , Weiht ihnen des Erbarmens edle Triebe . Was fragt die Logik nun ganz unerläßlich ? Als ob nicht drauf nur eine Antwort bliebe : Der feige Mensch hat Furcht vorm wahren Sein , Lügt lieber sich hinein in falschen Schein . So wandelt der Culturmensch durch die Welt Auf hohen Hacken , gründlich auswattirt , Wenn auf das härtste Pflaster brennend fällt Die Mittagsgluth . So tanzt er eng geschnürt Der Schwindsucht zu . Der scheint mir fast ein Held , Wer einmal sich natürlich ausstaffirt . O Bauern , neidisch sehe ich Euch zu , Hemdärmelig mit dünnem lockerm Schuh . Ich kenne Jungfraun , die im Alltagsleben Grad bis ans Herz uns gehen oder ' s Kinn , Doch in Gesellschaft über uns erheben Um Kopfeslänge sich . Was ist der Sinn ? Zu tief die Graziengewänder schweben Zwar über ihre zarten Füßchen hin , Doch wett ' ich , daß sechs Zoll die Hacken groß - So wächst man freilich über Nacht glorios ! Von allen Gattungen der Reue Ist eine mir zumeist verhaßt , Sie grade quält mich stets aufs neue Und läßt mir keine Ruh und Rast . Die Reue ist ' s um Fades , Nichtiges , Um die Vergeudung schöner Zeit , Der Gram , anstatt um Ernstes , Wichtiges , Um lächerlichste Kleinigkeit . Daß meine weiße Weste heute Zerknittert ward von ungefähr , Das macht mich der Verzweiflung Beute - Und wenn es gar ein Schmutzfleck wär ' ! Gestern zerbiß ich die Cigarre Und sog unachtsam Nicotin . Vorgestern wurde eine Schmarre Mir als Verschönerung verliehn . Vor Wochen stieß ich mir die Nase Am Sims zufällig blau und roth . Damals verschluckte ich im Glase Gar eine Fliege - welche Noth ! Zu schwer soupirt ' ich neulich Abend Und hab ' den Schlummer drum versäumt . Und wenn auch Träume manchmal labend , Neulich hab ' ich zu stark geträumt . Vor Monden habe ich verloren Ein Zwanzigmarkstück - das ist stark ! Und gestern - wär ' ich nie geboren ! - Gab ich als Trinkgeld eine Mark . Dann hab ' ich neulich aus Versehen Mir auch ein Barthaar ausgezupft : Welch nie zu sühnendes Vergehen ! Ein Stück der Mannheit ausgerupft ! Und neulich aß ich saure Gurken , Dann Stachelbeeren und dann Bier ! Ich schimpfe selbst mich einen Schurken - Das heißt ja schlingen wie ein Thier ! Neulich trug ich zu hohe Hacken , Doch dann , als mich Clotilde sah , Reicht ' ich ihr kaum bis an den Nacken , Denn hackenlose hatt ' ich da ! Das Halstuch knüpft ' ich zwölf Minuten Mir heut , ein Danaidenloch ! Denn der Effekt , wie zu vermuthen , Blieb immer ja derselbe noch ! Frisirte eine Stunde tüchtig Und war so weit , als wie vorher , Als hätt ' ich nur gebürstet flüchtig . Heut drückt mich der Cylinder schwer . Und morgen , wo ich ihn gebrauchte , Setz ' ich statt dessen auf den Filz . War ' s kalt , in Eisfluth ich mich tauchte - Heiß , kroch ich unter wie ein Pilz . War ' s kalt , ging ich in Sommerjacke - Heiß , trug ich Winterüberzieh ' r ! Rasirt ' ich , blutete die Backe - Es ist um tollzuwerden schier ! O dieses teuflische Erinnern Zernörgelt mir die Lebenslust ! Wann , Leichtsinn , nahst Du meinem Innern ? Wann wird mir endlich » unbewußt ? « Ich las eine erste Correctur , Da fand ich einen Fehler nur . Doch als ich die zweite und dritte las , Da sah ich , daß ich noch drei vergaß . Und als ich den Reindruck vor mir sah , In Ohnmacht fiel ich nun beinah : Sechs grobe Fehler standen da ! Das ist der Mensch ! So lang es nützt , Ihn weder Fleiß noch Vorsicht schützt . Schönglatt ist Alles beim ersten Blick , Doch zeigt ihm der nächste Augenblick Die Flecken , wenn es halb zu spät , Die größten aber er übergeht ! Erst wenn sie unwiderruflich geschehn , Wir alle Sünden und Mängel sehn . Und auf den Aerger folgt die Reu ' , Fruchtlos stets , doch immer neu . Der Mensch ist ein geborner Thor Und stets die Weisheit er verschwor . Wenn Jemand sich gar weise glaubt , Weil weder Ruhm- noch Geldgier raubt Ihm seinen Appetit und Schlaf Und seinen ehernen Busen traf Nicht falscher Minne giftiger Pfeil Und wenn er sonst gesund und heil Und ihm kein Kummer ward zu Theil - So ärgert er sich mit Fug und Recht , Daß einmal aufgepaßt er schlecht Und lückenhaft seine Correctur ! Denn Gram und Aerger ist uns Natur . Los wird ihn der Blasirte nur . Dem fehlt zwar Aerger , doch auch Vergnügen - Ist das der Weisheit Selbstgenügen ? Inconsequenz ist menschlich . Hört den Einen : Das Leben ist , damit wir es beweinen . So tief in Sünde ist der Mensch verstrickt , Daß Heil und Hoffnung nirgends er erblickt . » Wohlan ! So möchtest Du recht baldigst sterben ? « Er ruft entsetzt : » Um Gotteswillen , nein ! Ich mochte gerne siebzig Jahr erwerben Und sollten sie auch eitel Sorge sein . « » Welch Widerspruch ! « so ruft man ungeduldig . Dann murmelt er Etwas von der Mission , Die wir auf Erden ja erfüllen schon , Von zehn Geboten , kurz , bleibt Antwort schuldig . Ein Andrer meint , daß allerliebst die Erde , Daß reizvoll selbst Gefährde und Beschwerde Und daß die liebe Sünde uns gegeben , Damit das Dasein recht entzückend werde . » So möchtest Du denn also ewig leben ? « » Um Gotteswillen , nein ! Welch ein Gedanke ! Eh ich am Stab des Greisenalters wanke , Eh weiß ich nicht , was ich mir selber thue ! Je kürzer , desto besser ! Ruhe , Ruhe ! « Nun , alles Dies ist nur ein Widerspruch . Entweder ist das Leben nur ein Fluch , Die Welt ein Jammerthal , und drum beweint Den Säugling , wünscht » lang Leben « eurem Feind . Oder Ihr meint , dies sei die beste Welt Und für Genüsse ein ergiebiges Feld , Und haßt als einziges Uebel drum den Tod Und laßt Euch schmecken Euer täglich Brod , Und dann mit allen Kräften dahin strebt , Daß möglichst lange Ihr genießt und lebt . Entweder Ihr seid Thoren - so seid ' s ganz ! Euch dünke jeder Flitter echter Glanz ! Scharrt Gold zusammen , grübelt voll Erbauung Ob der Methode richtiger Verdauung , Hascht nur nach äußrem Schein und hohlen Ehren , Laßt Pflichten Euch das Leben nicht beschweren , Gedanke und Gefühl sei Euer Spott , Eßt Hummersauce und verehret Gott ! Oder Ihr kamt zur bitteren Erkenntniß , Daß alle Ideale hohl und schaal Und daß der Tod des Lebens beste Wahl - Dann scheut auch nicht das offene Bekenntniß ! Ja » Weltschmerz « , heiliges und großes Wort , Gemißbraucht nur von der Titanen Affen ! Wenn Dich entweiht der Mund blasirter Laffen , So wendet schweigend sich der Dulder fort . Von ihrem Ichschmerz winseln nur die Thoren . Denn der hat nie den wahren Schmerz empfunden , Wer je darüber hat ein Wort verloren : Der Stolz des Coriolan verhüllt die Wunden . Der wahre Weltschmerz schweigt . Was soll er sagen ? Nur wiederholen wiederholte Klagen ? Nur fühlen soll er mit bewußter Klarheit Die eine große fürchterliche Wahrheit : Daß Glück ein Traum und Unglück einzig wahr Und daß Zufriedenheit nur Täuschung ist , Das schmerzenlos allein der Egoist Und glücklich kaum der thierische Barbar . Und spricht ein Mensch zu mir mit dreistem Munde : » Sieh , ich bin glücklich , « dank ' ich für die Kunde , Doch drehe ihm den Rücken , weil ich sehe , Er ist ein Narr , wo nicht ein Schuft , und immer Prosaisch-nüchtern von der Stirn zur Zehe . Gedankenmangel oder , was noch schlimmer , Empfindungsmangel spricht er aus . Das Wehe Scheint mir vielleicht im Ausdruck falsch und schief , Doch immer liegt darin ein Adelsbrief . Nur Der erhebt sich über das Gemeine , Wer nicht mehr lächelt mit dem falschen Scheine . Und das ist auch der Grund , warum kein Dichter Aufsteht als dieser Zeiten strenger Richter : Es fehlt die wahre wirkliche Empfindung , Der faden Weltgelüste Ueberwindung . Und da nun wieder Jeder weiß , daß Claque Und Clique heut nur machen in Reclame Und daß nur aus der stinkendsten Kloake » Erfolg « sich heut erhebt , die holde Dame , Wie Venus aus dem Meer , - so sagt man richtig : Gott , diese Dinge sind im Grunde nichtig ! Still , todtenstill vor mir der Pfad , Doch hinter mir das Lärmen Vom Feste einer großen Stadt , Wo Lust und Leichtsinn schwärmen . Ich schritt fürbaß und wußt ' es kaum , Hatt ' Bitteres erfahren : Nicht sanft thut ' s , einen Jugendtraum Als falsch und faul gewahren . Da war ' s , da war ' s zum ersten Mal , Als sollt ' ich zusammenknicken , Als wolle geheimer Ahnung Qual Mein dumpfes Hirn ersticken . Ein Knabe war ich Abends noch , Doch als ich mein Lager suchte , Ein Mann , den zu des Kampfes Joch Zu früh das Schicksal verfluchte . Ach , von den Wunden jener Nacht Kann ich nimmer gesunden , Wo ich im tiefsten Herzensschacht Das Lebenselend gefunden . Eine Sonnenwende war jener Mond : Mein Geist wird nimmer vergessen Den Ort , wo jung und ungewohnt Ich die Hölle des Weh ' s durchmessen . Mein fürderes Leben , was ist es wohl ? Unter dem Fels des Lebens Ein Athemholen schwer und hohl , So ewig als vergebens ! Oft schleudr ' ich ihn ab , bald rollt er zurück . O Sisyphus , wie dich erretten ? Den Felsen selber schleudre in Stück ' , Zersprenge des Lebens Ketten ! Und ist zu hart der Fels , entzwei Muß er ja gehen am Ende : An die Mauer der Dummheit und Tyrannei Rollen ihn meine Hände ! Der Moskowiter stürzt , wenn halbbeeist Die Newa , in den Winterstrom , nachdem In heißem Dampf er badete bequem . Doch heilsam ist es nicht für jeden Geist , Aus heißem und wildgährendem Gefühl Zu stürzen in der Praxis Eis und in der Thatkraft Fluthgewühl . Fort mit weichlichem Bedauern , Wie Du Dies und Das vergessen , Warum Dies geschehn statt Dessen ! Was Dir konnte nie gelingen , Wird vielleicht die Zukunft bringen : Hoffen sollst Du und nicht trauern ! Ich sprach zur Thorheit : » Fliehe mich ! « Sie dankte schön und nimmer wich . Die Weisheit bat ich : » Komm ' doch her ! « Doch sie zu fangen war zu schwer . » Und da ich Dich nicht fangen kann , So komme , Thorheit , denn ! Wohlan ! « Und sieh , die Treue kam sofort , Ließ sich nicht bitten erst , aufs Wort . Denn Thorheit steckt in Herz und Sinnen , Wie könnte man ihr da entrinnen ? Die Weisheit steckt nur im Gehirne , Und wer kann ewig die Gestirne Beäugeln ? Denken macht Beschwerde . Der Körper will zurück zur Erde . Und steht man erst auf ird ' schem Boden , Da ist ' s unmöglich auszuroden Das Unkraut Laster und Verbrechen , Selbst mit dem allerschärfsten Rechen . Und ob ich auch an jedem Tag Dich um Verzeihung bitten mag , O Weisheit , daß ich Deinen Lehren Noch immer muß Gehör verwehren - Verzweifelnd hab ' ich aufgegeben Den Vorsatz , daß ich je im Leben Würd ' vierundzwanzig Stunden finden , Ganz rein von Thorheit oder Sünden . Denn Eins von Beiden mußt Du wählen , Um langsam Dich zu Tod zu quälen . Der Grund des Elends aber ist : Gewohnheit , wie Ihr Alle wißt , Ist unsre Amme . Ob wir heftig Anklagen uns und rasch geschäftig Vorhalten unserm Geist die Gründe , Warum ja reizlos jede Sünde - Hilft nichts ! Wer je sich gab Consenz Zur Sünde , fühlt die Consequenz : Gewohnheit wird sie . Es verschwören Sich Leib und Seele und empören Sich gegen jedes Reformiren - Wie Du begonnen , mußt Du ' s weiter führen . Köstlich ist die Tugendentrüstung Und pharisäische Selbstbrüstung , Mit der wir auf Andrer Sünden schauen Voll tiefem Ekel und staunendem Grauen , Weil wir ihr Laster nicht können verstehen Und nicht den geringsten Reiz drin sehen , Vielmehr nur den Ekel davor begreifen . Wie kann doch A. so weit ausschweifen , Mit Demimonde sich abzugeben , Während doch manche Ladies eben So gerne sich verführen lassen ! » Wie ? « spricht B. » Ich sollt ' mich befassen Mit solchem Gräul ? Ich halte Hetären , ( Nun , als ob Andre Heilige wären ! ) Doch Ehefrauen verführen , entsetzlich ! Auch find ' ich ' s gar nicht sehr ergötzlich . « Denn Jeder zurück vor der Sünde schreckt , Welche ihm nämlich selbst nicht schmeckt . Es giebt in Sünde nicht Maß und Grad , Es giebt nur einen bestimmten Pfad . Und wer » natürlich « gesündigt hat , Wird vom Genusse genau so satt , Wie von der » unnatürlichsten « Sünde . Alle die pharisäischen Gründe , Warum eins besser , das andre schlimmer , Gelten vor ' m Auge der Wahrheit nimmer . Ans Meer der Freiheit drangen wir verschmachtend , Mit glühnden Adern stürzten wir hinein , Der Vorsicht ernste Mahnung nicht beachtend . Wir tranken bittres Salz , als wär ' es Wein , Erkrankten und ertranken . Tyrannei Jedoch gefoltert wird vom Einerlei Des ewigen Durstes , des unstillbaren , Des nur vermehrten , wenn erfüllbaren , Nach Opferblut . Am Quell der reinsten Fluth Verschmachtet sie , lechzt und erstickt an Blut . Eis oder Wasser heißt der Unterschied , Den zwischen Bösem man und Gutem sieht . Ich singe die Sonne am Himmelszelt Und den Wurm , den sie bescheint , Und was nur blinkt , stinkt , greint und weint Die ganze Welt . Die Lerche steigt übers Korn hinan Als Ode . Die Schnittermagd , Sehnsucht-geplagt , an der Sense nagt - Das ist ein Roman . Der Greis , der über Jugendthorheit klagt , Heimlich der eignen schwachen Weisheit flucht ... Zeigt mir die Venus , die der Welt entsagt , Und den Apoll , der nur die Sonne sucht ! » Ruhm ist Luft « . Doch wer kann leben Ohne Luft ? Dumpf erstickt das reinste Streben In lebendiger Gruft . Bedenk ' ichs recht , so scheint mir in Tibet Die beste Herrschaft . Dalai-Lamawesen , Was ist ' s am End ' , wenn Ihr ' s bei Licht beseht ? Die Herrschaft des Genies . Dort wird erlesen Ein Kind , vom Hauch des Ewigen umweht , Und was es spricht , macht man zu Glaubens-Thesen . Nicht Schönheit , Reichthum , Macht und Rang erliest man : Den Weisesten zum Erdengott erkiest man . Ja , der Kulturmensch kreuzigt das Genie , Wofern er ' s nicht zum Aschenbrödel macht . Am Himalaya beugt man ihm das Knie , Nimmt seine Worte als Gesetz in Acht . Denn Gottesoffenbarung fühlen sie In seiner Art : Der Allgeist sichtbar wacht Auf seiner Stirn , der in der Schöpfung waltet , Doch sichtbar schon als Genius hier schaltet . Warum nicht Größenwahnsinn ? Jeder Wicht An gleicher Krankheit leidet und er ist Grad so auf seiner Kleinheit Werth erpicht . Nur daß man ihm zu zürnen stets vergißt , Weil er nur lächerlich . Die Rotte flicht Die Dornenkrone immer ihrem Christ , Spricht er : » Ich bin Messias « , weil ihr Neid Zu Haß wird aus verletzter Eitelkeit . Ich soll mich angestammten Narren bücken Und nicht dem Dalai-Lama ? Nimmermehr ! Ich will den Fuß ihm küssen mit Entzücken . ( Ja , wenn es noch des Papsts Pantoffel wär ' , Das würde manchen Pilger hoch beglücken ! Kein Unterschied ! Unfehlbar ist auch der ! ) Nach Tibet will ich wandern : Jesuiten Und stehende Heere sind dort nicht gelitten . Nur Eins mißfällt mir an den dortigen Sitten , Ein Ding , man nennt ' s gelehrt : Polyandrie . Dort weilt in eines Männerharems Mitten Die zücht ' ge Hausfrau . Denn heirathet sie , So nahn dem Altar auch mit raschen Schritten Des Bräutigams Brüder alle . Einer nie Die Hochzeit mit ihr feiern darf , o nein , Sein ganz Geschlecht nennt seine Dame sein . Nun bin ich festiglich zwar überzeugt , Daß jede Dame , die davon vernimmt , Erklärt , daß dies von Sittenrohheit zeugt Und » Pfui ! « » Abscheulich ! « » Shoking ! « ruft ergrimmt . Doch Manche heimlich seufzend auch vielleicht Für solchen Männer-Communismus stimmt . Nur ist die eine Vorschrift unerläßlich , Daß von den Bräutigams nicht Einer häßlich . Ein Storch fiel mit gebrochnen Schwingen , Die Menschen den Verwaisten fingen , Er folgte ihnen treu und zahm . Doch als die Zeit des Fluges kam , Zersehnte er sich voller Gram . Denn ach ! der Aufflug wollt ' ihm nicht gelingen . Da senkten seine eignen Brüder Erbarmend sich zur Erde nieder Und trugen in vereintem Chor Auf ihrem Fittich ihn empor . Was er an eigner Kraft verlor , Ersetzte ihm die Kraft der Andern wieder . Ja Scham Euch , Menschen ! Wer gefallen , Gemieden wird er nur von Allen , Tritt man ihn nicht mit Füßen gar . Und doch trägt Liebe nur fürwahr Zum Himmel . Ihr seid liebe-bar . Beschämen Störche Euch - wie erst die Nachtigallen ! Wer die Lieblosigkeit der Menschen In ihrer vollen Blöße schaut , Kann schaudernd nur sein Haupt verbergen Und weinen laut , Und in sein eignes Innre blicken - Ihm graut ! Mir war es im erotischen Schema Stets ein verlockend possirliches Thema : Den Newton , der in die Grube ging , Ohne zu lösen das Minne-Problema , Soll - so beschließt der Familienring Eine frische Miß geleiten Zu den Ehe-Seligkeiten . Reizende Novellette ! Einakter ! Studie für Haase und andere Charakter- Spieler ! Newton , der immer stramm Cosinus x , Parallelogramm , Diagonalen und Regeldetri Auftischt mit Mienen der Galantrie , Und von alle den Eheattaquen Keine Silbe versteht , den Nacken Nimmer beugt zum irdischen Schmutz ! Laßt dies Doppel-Problem uns packen : Fühlt der entkörperte Denker im Schutz Seiner Wissenschaft kein Gelüsten ? Oder wird sich in ihrem Putz Das Frauenzimmer noch immer brüsten Und sich nicht instinctive schämen ? - Doch will ich den Autor-Eifer zähmen , Die Sache bleibt besser ungeschrieben . Was die Frauen und Kinder lieben , Das behandle als feiner Kenner ! Wer schreibt in Deutschland denn für Männer ? Krankheit , einer Schwäche Geständniß , Ist die » Liebe « , offnes Bekenntniß Eignen Unwerths . Ergänzung fodern - Welcher Mangel an Selbst-Respekt ! Periodischer Liebes-Anfall uns neckt . Und wenn Andre so deutlich lodern , Glaubt man selber , es sei was dran . Glücklich , wer diesem Wahn entrann ! Laß die » Gefühle « vermodern ! Das Denken macht den Mann . Der Bauer verhungert im Irenland Und der Städter verhungert an Themsestrand Und im freien Urwald steht Baum an Baum Und Asiens Steppen sind wüst und leer Und die Erde hat ja für alle Raum Und für alle Schiffe hat Raum das Meer - Wer schafft dort Raum den Armen , wer ? Der Gesunde staunt über den Kranken , Kann ihm nicht folgen mit seinen Gedanken , Sich nimmer in seine Lage versetzen , Bis ihn selber die Pocken zerfetzen ! Und wenn ein naseweiser Thor Alle Seelenqualen verschwor Und über Sünde und Leidenschaft Die alten Phrasen zusammenrafft Und Werther , Harold und René Ihm lächerlich mit ihrem Weh , So kommt der Schmerz schon ungeladen Und straft ihn Lügen mit seinen Tiraden . Was spaßhaft ihm und dunkel war , Scheint nun sehr ernsthaft , wahr und klar . » Ich will ! « ist leicht zu sagen , Doch Thun und Können schwer . Der Knabe will sich wagen Sofort ins eisige Meer . Doch fröstelt er am Strande Und zögert ohne Muth Und ist erst spät im Stande , Zu springen in die Fluth . Statt gleich hineinzuspringen , Erkältet er sich erst . Ja , Wollen und Vollbringen Zugleich , das ist das Schwerst ' ! Die That wär ' schon halb fertig . Doch ob die Zeit auch paßt , Stehn immer wir gewärtig , Bis uns der Frost erfaßt . Wir fühlen in manchem Vergnügungslokal Der Langeweile verzehrende Qual . Wir gähnen , wir stöhnen , wir sehnen uns fort Und bleiben doch ewig am selben Ort . Leicht wäre ja geöffnet das Thor Und die Stille der Nacht harrt unsrer davor . Doch weil man bezahlt das Eintrittsgeld , Pflichtschuldigst duldet man weiter als Held . Der Posse des Lebens seid Ihr matt Und klatscht nicht mehr , seid müd und matt ? Was bleibt Ihr ? Seid Ihr denn hergebannt ? Ist denn für immer die Thür verrannt ? Was stoßt Ihr des Todes Thür nicht ein ? Sucht Ruh und Frieden im kühlen Schrein ? » Ja , weil wir bezahlt die Eintrittsgebühr , So wollen wir etwas haben dafür . Nach so viel Kummer und so viel Pein Muß etwas Freude in Aussicht sein . So wollen wir , ob wir auch stöhnen und schwitzen , Doch den Spektakel zu Ende absitzen ! « Zwei böse Züge hab ' ich beachtet , Wenn ich der Menschen Wesen betrachtet . Der Cabmann , der recht langsam trottet , Peitscht , wo sich die Menge zusammenrottet , Die Pferde , daß sie wie Wetter schnaufen , Damit er die Andern zwinge zu laufen ! Liest Jemand laut Dein neues Gedicht , Der Arme sich fast die Zunge zerbricht . Bald kann er dies , bald das nicht lesen , Als wäre die Schrift chaldäisch gewesen . Und Alles dies ganz unbewußt . Doch des Einen Müh ist des Andern Lust . Der Mensch ist ein geborner Sclav Und trägt im eignen Ich die Fessel . Wenn ihn kein Königsscepter traf , So dient er flugs dem - Suppenkessel . Der Tugendhafte nur ist stark Und nur der Starke haßt Tyrannen . Das Laster saugt am Lebensmark Und kann den Tapfersten entmannen . Die That wird lang vorher vorausgeplant Und jeder Pfad zu diesem Zweck gebahnt . Trotz alledem sie nur bestimmen muß Der eine augenblickliche Entschluß . Lang klebt die Hand am Hahn - da fällt der Schuß ! So ist der Weiseste , wer langen Rath Verschmäht , von jeder Welle rasch bestimmt , Wer mit dem Strome jeder Stimmung schwimmt . Und wahre Weisheit ist allein die That . Um der Sansara Kleinigkeiten Sich kümmern ziemt dem Denker nie . Doch lässest Du Dich so verleiten , So lern ' auch hier Philosophie . Der Grundsatz soll Dich vorbereiten : Ein jedes Ding hat stets zwei Seiten . Seinen Nutzen hat auch Unbequemes ; Leicht duldet man Unangenehmes , Wenn man nur eine hübsche Moral Zu ziehen weiß aus jeder Qual . Nicht nur die Moral des besondern Falles , Sondern diese Moral für Alles : Das Gute hat sein Uebeles oft , Doch stets aus Uebel unverhofft Sproßt