reizenden Geschöpfes dünkte , empfand ich doch nach Art junger Deutschgesellen den Wunsch , das bisher Versäumte nachzuholen und die letzten Stunden doch noch unter meinesgleichen , ein Freier unter Freien , zu verbringen . Agnes zögerte mit ihrem Entschlusse ; sie schauderte heimlich vor dem Alleinsein in ihrem Hause , wo sie keines rechten Trostes gewärtig war , und mochte sich auch sträuben , die Stelle zu verlassen , wo in jüngster Zeit noch der Geliebte geweilt und sie in neuer Hoffnung gelebt hatte . So führte ich sie einstweilen in den verschiedenen Gemächern , zwischen den malerischen Zechergruppen herum , überall wo es etwas Merkwürdiges zu sehen gab , wie der unermüdliche Einfall einzelner oder vieler es stets neu gebar . Auf unserer Wanderung hörten wir einen wohltönenden vierstimmigen Gesang und gingen ihm nach . Am Ende eines schwach erleuchteten Flures fanden wir einen erkerartigen Ausbau , der wegen seiner Fenster zu einer kleinen Orangerie diente ; denn er war mit etwa einem Dutzend Orangen- , Granat- und Myrtenbäumen besetzt , zwischen welche der Gottesmacher und seine Leute ein Tischchen gestellt und sich niedergelassen hatten . Über dem Eingange hing ein altes eisernes Schenkezeichen in Gestalt eines Pentagramms oder Drudenfußes , das von ihnen in irgendeinem Winkel aufgefunden und herbeigebracht worden . Da saßen sie nun , der rheinische Winzer , der Bergkönig und die zwei glasmalenden Meistersinger , und zeigten , daß sie im vierstimmigen Zusammensingen nicht minder geübt waren als im Saitenspiel . Als wir vor ihrer Herberge standen und zuhörten , nötigten sie uns sofort , bei ihnen Platz zu nehmen , indem sie zusammenrückten und Stühle herbeiholten . Zu meiner Verwunderung ließ Agnes sich das gern gefallen ; der Gesang schien ihr Herz anzulocken , zu beschäftigen und still zu machen . Um jene Zeit waren einige alte deutsche Volkslieder zuerst wieder hervorgezogen und von lebenden Komponisten sangbar gemacht worden . Ebenso wurde , was von Eichendorff , Uhland , Kerner , Heine , Wilhelm Müller im Tone jener Lieder vorhanden , von den Sangmeistern in mehr oder minder schwermütige Noten gesetzt und eben als das Neuste von der geschulten Männerjugend gesungen , eh es , teils zum zweiten Male , ins Volk überging . Noch nie hatte Agnes dergleichen gehört . Soeben war das Lied » Am Brunnen vor dem Tore , da steht ein Lindenbaum « zu Ende , und es kam » Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht « . Alte Scheidelieder , Todeskundschaften , Klagen um entschwundenes Glück , Lenzverheißungen , die Lieder vom Mühlrad und vom Tannenbaum , Uhlands » Nun , armes Herz , vergiß der Qual , nun muß sich alles , alles wenden « eins nach dem andern kam zum reinen und ausdrucksvollen Vortrag , wobei der Gottesmacher mit seinem hellen Tenor die Oberstimme führte , der Bergkönig den Baß sang und die Glasmaler andächtig dazwischen mitliefen , zuverlässig auf Ton und Takt haltend . Agnes lauschte unverwandt , und altes , was sie hörte , schien wie für sie gemacht und aus ihrer eigenen Brust zu kommen . Indem sie nach jedem Liede erleichternde Atemzüge tat , wurde sie zusehends ruhiger und freier . Ein sonniger Frohsinn ging um unsere kleine , halb verborgene Tafelrunde ; es war , wie wenn alle stillschweigend fühlten , daß ein bedrängtes Herz sich entlastete , obgleich eigentlich außer mir keiner etwas wußte . Jetzt trat noch der herumstreifende Erikson herzu , entdeckte unsere Niederlassung und eilte , als er die Art derselben erkannte , von dannen , um einige Flaschen französischen Schaumweines herbeizuschaffen , worauf er seinen vorsorglichen Rundgang im Dienste der Gebieterin des Hauses fortsetzte . Agnes und die meisten von uns hatten noch niemals Champagner gesehen , noch weniger getrunken , und schon die nach damaliger Mode noch ganz hohen Gläser , in welchen die Perlen unaufhörlich stiegen , erhöhten unsere Stimmung bis zur Feierlichkeit . Nun kam Rosalie selbst und brachte der Agnes einen Teller süßes Backwerk und Früchte und empfahl uns , mit der feinen Diana ja recht fröhlich und galant zu sein . Das waren wir denn auch in der besten und ziemlichsten Weise . Vor allen bezeigte sich der Gottesmacher aufmerksam und höflich gegen sie ; aber auch die andern wurden ebenso aufgeräumt , als sie in heiterer Ehrerbietung verharrten , stolz darauf , daß eine so poetisch schöne Erscheinung , wie sie ' s nannten , ihre kleine Kompanie zierte . Als alle auf ihr Wohl mit ihr anstießen , trank sie den schlanken Kelch bis auf den Grund leer , oder vielmehr floß ihr die perlende Süße wie ein Schlänglein in den Mund , ohne daß sie es wußte ; wenigstens behauptete der Gottesmacher nachher , er habe an ihrer weißen Kehle gesehen , wie es durchgeschlüpft sei . Nun fing sie an zu zwitschern und meinte , hier wäre es gut , es sei ihr zu Mut , wie wenn sie aus winterlichem Schlackerwetter in ein warmes Stübchen gekommen wäre ; aber sie wisse schon , was das sei , immer machten einige gute Menschen zusammen ein warmes Stübchen aus , auch , ohne Ofen , Dach und Fenster ! » Alle guten Leute sollen leben ! « rief sie und trank , als die Gläser zusammenklangen , das ihrige abermals auf einen Zug leer und setzte hinzu : » Ei , wie lieb ist dieser Wein ! Der ist auch ein guter Geist ! « Das gefiel uns ausnehmend wohl ; die vier Sänger huben ohne Verabredung alsogleich mit voller Kraft an : » Am Rhein , am Rhein , da wachsen unsre Reben « . Kaum war das ehrliche Trinklied verklungen , so sangen sie , auf eine ernst gehaltene Weise übergehend , obgleich nicht in schleppendem Tempo , das andere schöne Lied von Claudius : » Der Mensch lebt und bestehet Nur eine kleine Zeit , Und alle Welt vergehet Mit ihrer Herrlichkeit « usw. Als dann die Motette mit dem schwungvollen Halleluja Amen schloß und bei uns eine plötzliche Stille eintrat , hörte man aus den übrigen Räumen her , wie aus der Ferne , das Geräusch der summenden Stimmen , durcheinandertönender Lieder und einer Tanzmusik , welche dunkel fortrollende Tonmasse übrigens in jeder Pause hörbar wurde , die wir machten . In diesem Augenblicke aber machte uns die Sache durch den Kontrast einen feierlichen Eindruck ; es war , wie wenn wir den Lärmen der Welt rauschen hörten , während wir in traulicher Beschaulichkeit in unserm Myrten- und Orangenwäldchen saßen . Wir horchten eine Weile mit Behagen auf das wunderliche Tosen und gerieten dann in ein unterhaltliches Gespräch , in welchem wir die Köpfe über dem Tische zusammensteckten und jeder eine heitere oder traurige Geschichte oder Erinnerung zum Vorschein brachte , besonders aber der Gottesmacher eine Menge anmutiger Schwänke von der Mutter Gottes zu erzählen wußte , wie sie einmal einen Kongreß ihrer Vertreterinnen an den berühmtesten Wallfahrtsorten der Welt veranstaltet habe und wie es da zugegangen und ein großer Zwist entstanden sei , wie nicht anders möglich , wo so viele Frauenzimmer zusammenkämen ; was sie alles auf der Hin- und Rückreise erlebt und verrichtet hätten ; wie die eine als große Fürstin mit verschwenderischer Pracht , die andere aber wie ein schäbiger Filz gereist sei und in den Herbergen , wo sie übernachtet , ihre Engel in den Hühnerstall gesperrt und am Morgen auch wie Hühner abgezählt habe , ob keiner fehle . So seien auch zwei andere große Frauen , die zum Kongreß reisten , die Mutter Gottes von Czenstochau in Polen und die Maria zu den Einsiedeln , mit ihrem Gefolge bei einem Wirtshause zusammengetroffen und hätten im Garten das Mittagessen eingenommen . Als nun eine Schüssel mit Leipziger Lerchen , worauf eine gebratene Schnepfe gelegen , aufgetragen worden , habe die Polackin die Schüssel sofort an sich genommen und gesprochen Soviel sie wisse , sei sie die vornehmste Person am Tische und gebühre ihr hiemit das Störchlein , das da obenauf liege ! Denn wegen des langen Schnabels habe sie die Schnepfe für einen jungen Storch gehalten , dieselbe auch mit der Gabel angestochen und auf ihren Teller getan . Die Schweizerin hingegen , über solche Anmaßung entrüstet , habe nur » Swips ! « gemacht , und die gebratene Schnepfe sei lebendig und gefiedert vom Teller auf und davon geflogen . Inzwischen habe die Maria von Einsiedeln die Schüssel an sich genommen und sämtliche Lerchen auf ihren und der Ihrigen Teller gestreift , die Frau von Czenstochbau aber » Tirili « gepfiffen , und die Lerchen seien ebenso wie vorhin die Schnepfe aufgeflattert und singend in der Höhe verschwunden , und somit hätten sich die Herrschaften gegenseitig aus Eifersucht das Mittagessen verdorben und sich nachher mit einer dicken Milch begnügen müssen , wozu die schwarzbraunen Gesichter beider Damen sich possierlich verzogen haben . Agnes saß wie ein Kamerad zwischen uns , einen Arm auf den Tisch und die Wange auf die Hand gestützt . Sie konnte aber nicht recht klug daraus werden , wie alle die heiligen Marienfrauen , die doch nur ein und dasselbe seien , als so viele unterschiedene Personen herumreisen , sich versammeln und sogar bekriegen können , und sie gab ihrem Zweifel unverhohlenen Ausdruck . Der Winzer legte den Finger an die Nase und sagte nachdenklich : » Das ist eben das Mysterium , das Geheimnis , das wir mit unserm Verstande nicht zu erklären vermögen . « Allein der Bergkönig , der in fremdartigen Dingen um so beredter war , je weniger er mit seiner Kreuztragungsgruppe von Raffaels berühmtem Bilde wegkommen konnte , ergriff das Wort und sagte : » Die Sache bedeutet nach meiner Ansicht die ungeheure Allgemeinheit , Allgegenwart , Teilbarkeit und Wandlungsfähigkeit der Himmelskönigin ; sie ist alles in allem , wie die Natur selbst , und steht dieser schon als Frau am nächsten auch in Hinsicht der unaufhörlichen Veränderlichkeit , wie sie denn auch außerdem in allen möglichen Gestalten aufzutreten liebt und sogar als streitbarer Soldat gesehen worden ist . Hierin gerade mag sie einen Zug ihres Geschlechtes bewähren , wenigstens der vorzüglicheren Mitglieder desselben , nämlich einen gewissen Hang , Mannskleider anzuziehen . « Einer der Glasmaler lachte bei diesen Worten . » Mir fällt ein drolliges Beispiel solcher Verkleidungskunst ein « , sagte er und erzählte : » In meiner Vaterstadt , in welcher besonders im Herbst große Märkte stattfinden , waren wir Gassenbuben scharenweise dahinter her , auf diesen Märkten die häufig auf die Erde rollenden Apfel , Birnen , Pflaumen und andere Früchte , wenn sie umgeladen und ausgemessen wurden , zu haschen und solche auch vom Haufen wegzustibitzen . Da lief dann immer ein Junge zwischen uns mit , den keiner kannte , der aber immer zuvorderst und am behendesten von allen war , sich die Taschen füllte , verschwand und bald wieder erschien , um sie abermals zu füllen . Auch wenn der neue Wein von den Bauern in die Stadt geführt und vor den Bürgerhäusern abgezapft wurde und wir mit langen hohlen Schilfrohren unter die Wagen hockten , die Röhrchen heimlich in die untergestellten Bütten und Kübel steckten , um den von den Küfern beim Abmessen einstweilen dorthin gegossenen überschüssigen Most aufzusaugen , war der unbekannte Junge bei der Hand , schluckte den Wein aber nicht hinunter , wie wir taten sondern ließ das vollgesogene Rohr weislich in eine Flasche ablaufen , die er in seiner Jacke verborgen trug . Der Kerl war nicht größer , aber etwas stärker als wir , hatte ein sonderbares ältliches Gesicht , aber eine helle Kinderstimme , und als wir ihn einmal drohend fragten , wie er eigentlich heiße , nannte er sich kurzweg Jochel Klein . Nun , dieser Jochel war ein künstlicher Gassenjunge , nämlich eine klein gewachsene arme Witwe aus der Vorstadt , die nichts zu beißen und zu brechen hatte und , von der Not und ihrem Genie gedrungen , die Kleider eines verstorbenen zwölfjährigen Sohnes anzog , den Zopf abschnitt und sich so zu gewissen Stunden auf die Straße wagte und sich unter die Buben mischte . Als sie ihre Kunst auf die Spitze trieb , wurde sie entdeckt . Auf dem Käsemarkt , wo die Käsehändler ihren Verkehr hielten , hatte sie beobachtet , wie diese Männer mit hohlen Kässtechern aus den großen Schweizerkäsen zum Behufe des Kostens ihrer Qualität runde Stäbchen oder Zäpfchen herausstachen , davon ein Endchen säuberlich vorn abbrachen , kosteten und das Zäpfchen im übrigen wieder in das Loch steckten , daß der Käse wieder ganz war . Also versah sie sich mit einem gewöhnlichen Nagel , strich um die Käse herum und erspähte die Stellen , wo eine zarte Kreislinie ein solches Stäbchen anzeigte . Dann steckte sie im geeigneten Momente den Nagel hinein und zog es heraus , und oftmals trug sie wohl ein halbes Pfund trefflichen Käses nach Haus . Endlich aber , da die Käsehändler überall auf ihren Vorteil erpichter und unduldsamer sind als andere Kaufherren , wurde sie erwischt und der Polizei übergeben und bei dieser Gelegenheit ihr wahrer Stand entdeckt . Man nannte sie aber den Jochel Klein , solang sie lebte . « Agnes ergötzte sich an der einfachen und harmlosen List der armen Frau und bedauerte nur den schlechten Ausgang . Der andere Glasmaler hingegen meldete sich auch mit einer Verkleidungsgeschichte eines Weibes , die aber grauslicher sei als die von dem weiblichen Gassenjungen . » Es ist aber eine alte Geschichte aus dem sechszehnten Jahrhundert « , sagte er ; » im Jahr 1560 oder 62 laut der Chronik geschah es in der Stadt Nimwegen , im Geldernschen gelegen , daß der Scharfrichter nach dem Städtlein Grave an der Maas , auf der brabantischen Grenze , berufen wurde , um drei Missetäter zu richten . Der Nachrichter von Nimwegen lag aber krank und schwach im Bett , weil ihm sein eigener Knecht mit einem vergifteten Süppchen vergeben hatte , um seine Stelle zu bekommen . Denn , sagt der Chronist , es ist kein Amt so elend , daß nicht einer da wäre , der es auf Kosten seiner Seele erhaschen möchte . Der Meister berichtete also an den Rat zu Grave , er könne nicht kommen , werde aber seine Frau stracks an den Scharfrichter von Arnheim senden , mit dem er einen Vertrag zu gegenseitiger Aushilfe geschlossen habe , und es werde derselbe rechtzeitig sich stellen und zu Gebote sein . Der Frau befahl er , sich unverweilt nach Arnheim zu begeben und den dortigen Geschäftsfreund in Kenntnis zu setzen . Doch die Frau , ein wohlgewachsenes , schönes und freches Weib , war geizig und wollte den Lohn eines so einträglichen Geschäftes nicht fahrenlassen . Statt nach Arnheim zu gehen , zog sie heimlich die Kleider ihres Mannes an , nachdem sie Hemd und Wams der Brust wegen erweitert hatte , setzte seinen Federhut auf den schnell geschorenen Kopf , gürtete das breite Richtschwert um und machte sich bei Nacht und Nebel auf den Weg nach Grave , wo sie zur rechten Stunde eintraf und sich bei dem Burgermeister meldete . Ihm fiel zwar ihr glattes Gesicht und die junge helle Stimme auf , und er fragte , ob sie oder vielmehr er , der angebliche Scharfrichter , auch die hinreichende Kraft und Übung zu dem vorhabenden Werke besitze ? Aber sie versicherte mit frechen Worten , daß sie das Spiel genugsam kenne und es schon manchmal getrieben habe . Sie griff auch gleich nach dem Stricke , an welchem der erste der armen Sünder hinausgeführt wurde , und setzte sich so in den Besitz desselben . Als es aber so weit gekommen , daß der Mann auf dem Stuhle saß und sie ihm die Augen verband , ward er etwas unruhig ; sie bückte sich tiefer über ihn her , um zu sehen , ob die Binde überall gut schließe , und so spürte er ihre weiche Brust an seinem Kopfe . Sogleich schrie er , es sei ein Weib da ! er wolle aber nicht von einem solchen , sondern von einem ordentlichen Nachrichter getötet werden , das sei sein Recht ! Der arme Mensch hoffte durch den Umstand einen Aufschub zu gewinnen . In der entstehenden Verwirrung schrie er immer lauter , man solle ihr die Kleider herunterreißen , so werde man sehen , daß es ein Weibsbild sei . Da die Sache endlich die Umstehenden nicht unwahrscheinlich dünkte , wurde einem Henkersknecht geboten , sich zu überzeugen , und mit der Schere , mit welcher er soeben dem Übeltäter das Haar abgenommen , schnitt er dem Weibe auf Brust und Rücken Wams und Hemd auf und streifte es ihr von den Schultern , so daß sie vor allem Volke mit entblößtem Oberkörper dastand und mit Schmach von der Richtstätte gejagt wurde . Die Verbrecher mußten wieder ins Gefängnis geführt werden ; das aufgebrachte Volk aber wollte das Weib ins Wasser werfen und ließ sich nur mit Mühe daran verhindern . Dennoch stürzten die Frauen und Mägde aus den Häusern , verfolgten die fliehende Scharfrichterin mit Kunkeln und Besenstielen bis vor die Stadt und zerbleuten ihr den glänzendweißen Rücken . So nahm diese Verkleidung ein schlechtes Ende für die verwegene Amazone . Als ihr Mann bald darauf starb , wurde wirklich der falsche Knecht , der ihn vergiftete , an seiner Stelle Nachrichter zu Nimwegen , heiratete die Witwe , und hatte demnach der Henker eine Frau , die seiner wert war . « Mit dieser derben Geschichte hatte unser Geplauder die Grenze fast überschritten , die wir dem anwesenden Mädchen schuldig waren . Sie schüttelte schauernd den Kopf und säumte nicht , ihr Glas auszutrinken , als wir zusammen anstießen . Während der ganzen Unterhaltung hatte jeder seinen langen Kelch fest in der Hand gehalten , damit er nicht umfalle und zu gelegentlichem Zuspruch dem Munde möglichst nah sei , und Agnes hatte in ihrer Unerfahrenheit und im glücklichen Vergessen aller Not uns getreulich nachgeahmt . Als unwissenden Junggesellen war uns unbekannt , wie man sich in solchem Falle mit einem weiblichen Wesen zu benehmen hat , und füllten alle Gläser , sooft sie sich leerten , uns der wachsenden Aufregung und Fröhlichkeit des guten Kindes erfreuend . Reinhold , der Gottesmacher , hatte während der langen Plauderei von einem hinter der Agnes stehenden Orangenbäumchen blühende Zweige gebrochen , sie zu einem Kränzlein verflochten und drückte ihr jetzt dasselbe auf den Kopf . Zugleich bat er sie , ihn mit einem Tänzchen zu beglücken , zu welchem einer oder zwei von den andern aufspielen sollten . » Nein ! « rief sie , » zuerst will ich euch einmal einen Ländlertanz allein vorführen , den ihr alle vier spielen sollt ! « Die Gesellen gehorchten , nahmen die Instrumente aus den Futteralen und stimmten sie wieder . Ich rückte zur Seite , sie spielten einen damals sehr beliebten Volkstanz jener Gegend , und Agnes tanzte auf dem kleinen Raume , der zwischen den Bäumchen übrig war , mit aller Anmut die langsame und eine gewisse Sehnsucht ausdrückende Weise . Kaum war der letzte Takt verklungen , so verlangte sie , indem sie sich das schäumende Glas geben ließ und es mit dürstenden Lippen leerte , einen Walzer , den sie noch allein tanzen wolle . Die guten Junggesellen geigten , so kräftig sie vermochten , und Agnes drehte sich , die Hände in die schlanken Hüften stützend , mit glänzenden Augen um sich selber . Auf einmal griff sie mit den Armen in die Luft , als suche sie jemanden , stand still , nahm den Kranz vom Kopfe , besah ihn , setzte ihn wieder auf und fing darauf an zu schwanken . Ich sprang schnell hinzu und führte sie zu ihrem Stuhle ; die Musiker hielten erschreckt inne , das arme Mädchen aber warf Kopf und Arme auf den Tisch , daß alle Gläser umstürzten , und begann überlaut mit herzzerreißendem Jammer zu weinen und nach ihrer Mutter zu rufen . Sie weinte und rief so durchdringend , daß andere Gäste herbeikamen und wir in der größten Bestürzung und Ratlosigkeit herumstanden . Wir versuchten sie aufzurichten ; allein sie sank uns aus den Händen und zu Boden , wo sie leichenblaß mit zitternden Lippen und Händen ausgestreckt lag und bald gänzlich leblos schien , so daß jetzt eine ängstliche Stille eintrat . Endlich mußten wir uns entschließen , das arme reglose Wesen wegzutragen und im bewohnten oder zur Hilfe bereiten Teile des Hauses eine Stätte zu suchen . Der Bergkönig faßte sie unter den Armen , der Gottesmacher nahm die Füße , und so trugen sie die leichte silberschimmernde Last sorgsam davon . Ich ging voraus , und die zwei Glasmaler folgten , ihre Violinen unter dem Arm , die sie einzupacken keine Zeit fanden und doch nicht zurücklassen wollten , weil es gute Instrumente waren . Frau Rosalie war leider in Eriksons Begleitung schon nach der Stadt gefahren , ohne von irgendwem Abschied zu nehmen , damit nicht gegen ihren Willen ein Aufbruch stattfände und die Lustbarkeit gestört würde . Um so willkommener war die Hausmeisterin oder Verwalterin , die herbeikam und unsern Trauerzug in ihre eigene Wohnstube leitete , wo die Regungslose auf ein bequemes Ruhbett und einige herbeigeholte Kissen gelegt wurde . » Es ist nicht so schlimm « , sagte die beratene Frau , als sie unsern Schreck bemerkte ; » das Fräulein wird einen Rausch haben , das wird bald vorübergehen ! « » Nein , sie hat einen Kummer ! « flüsterte ich ihr zu . » Dann hat sie eben in den Kummer hinein getrunken « , versetzte sie ; » wer gibt einem jungen Mädchen denn so viel zu trinken ? « Erst jetzt erröteten wir und standen in Beschämung und Verlegenheit , bis uns die wackere Frau fortschickte , nachdem sie sich noch erkundigt hatte , wo die Erkrankte hingehöre . » Der Wagen der Herrschaft « , sagte sie , » wird noch einmal herauskommen , um etwa nötig werdende Dienste zu leisten ; also werden wir für alles besorgt sein . « Reinhold anerbot sich und ließ es sich nicht nehmen , im Hause zu bleiben ; er drang in mich , ihm den fernern Schutz der Verlassenen anheimzustellen , und ich war es zufrieden , da er für einen wohlbeschaffenen braven Mann galt . Agnes ging also , um ihr Schicksal zu erfüllen , in ihrer Bewußtlosigkeit und überhaupt während des ganzen Festes von einer Hand in die andere wie ehmals eine in die Sklaverei geratene Königstochter . Ich trennte mich von den Geigern , die für Unterbringung ihrer Instrumente zu sorgen hatten , und machte mich auf den Weg . Übrigens wurde sowohl hier als am Walde drüben allgemein aufgebrochen , und die Straße war von den Wagen der Heimkehrenden bedeckt . Da ich nicht gleich eine Unterkunft fand , zog ich vor , zu Fuß zu gehen , und um nicht von den Fuhrwerken , die im Trabe fuhren und sich jagten , gefährdet zu werden , betrat ich den Seitenpfad , der sich auf dem Waldboden längs der Straße hinzog . Der abnehmende Mond erhellte den Weg einigermaßen durch die Bäume ; immerhin behinderte das Gestrüppe des Unterholzes da und dort die Schritte , und ich holte denn auch einen einsamen Wandler ein , der sich mit Weißdornruten und Brombeerstauden ärgerlich herumschlug . Es war Lys , unter dessen dunklem Mantel das feine Leinwandkleid hervorschimmerte und an den Dorngeflechten hängenblieb . Nachdem wir uns erkannt , erzählte ich das Vorgefallene in einem Tone , der ihn erraten ließ , wo ich hinauswollte . Lys , der ein ausdauernder Trinker war , aber alle Betrunkenheit schon an Männern verabscheute , empfand einen tiefen Verdruß und benutzte denselben überdies , weitere Vorwürfe oder unliebe Bemerkungen abzuschneiden . » Das ist eine saubere Geschichte ! « rief er , » sind das nun euere Heldentaten , ein unerfahrenes Mädchen berauscht zu machen ? Wahrhaftig , ich habe das arme Kind guten Händen übergeben ! « » Übergeben ! « erwiderte ich gereizt ; » verlassen , verraten willst du sagen ! « und ich übergoß ihn mit einer Flut von Vorwürfen , die über meine Berechtigung weit hinausgingen . » Ist es denn so schwer « , schloß ich vorläufig , » seinen Neigungen einen festen Halt zu geben und sich mit einiger dankbaren Treue an einer so reichen Gabe Gottes genügen zu lassen ? Muß denn die ganze Welt durcheinanderrennen und sich überall selbst im Lichte stehen und sich betrüben ? « Lys hatte sich indessen von den Dornen losgewickelt . Da er sah , daß er mich nicht einschüchtern konnte , ergab er sich und sagte ruhig , indem wir einer hinter dem andern weitergingen : » Laß mich zufrieden , du verstehst das nicht ! « Aufbrausend antwortete ich : » Lange genug habe ich mir eingebildet , daß in deiner Sinnesart etwas liege , was ich mit meiner Erfahrung nicht übersehen und beurteilen könne ! Jetzt aber gewahre ich nur zu deutlich , daß es die trivialste Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit ist , welche dich beherrscht , so leicht erkennbar als verabscheuungswert . Oh , wenn du wüßtest , wie tief dich diese Art entstellt und deinen Freunden weh tut , du würdest schon aus der gleichen Eigenliebe dich ändern und den häßlichen Makel von dir tun ! « » Ich sage noch einmal « , erwiderte Lys , sich halb nach mir umwendend , » du verstehst das nicht ! Und das ist in meinen Augen die beste Entschuldigung für deine unziemlichen Reden . Nun , du Tugendheld ! hast du jemals etwas anderes getan , als was du nicht lassen konntest ? Du tust es jetzt nicht und wirst es noch weniger tun , wenn du erst einmal etwas erlebst ! « » Ich hoffe wenigstens , daß ich zu jeder Zeit das lassen kann , was schlecht und verwerflich ist , sobald ich es nur als solches erkenne ! « » Du wirst jederzeit « , sagte Lys hierauf kaltblütig , indem er sich wieder vorwärts wandte , » du wirst jederzeit das lassen , was dir nicht angenehm ist ! « Ungeduldig wollte ich ihn nochmals unterbrechen ; allein er übertönte mich und fuhr fort : » Gerätst du einst zwischen zwei Weiber , so wirst du wahrscheinlich beiden nachlaufen , wenn dir beide angenehm sind , das ist einfacher , als sich für eine zu entschließen ! Und vielleicht wirst du recht haben ! Was mich betrifft , so wisse : Das Auge ist der Urheber und der Erhalter oder Vernichter der Liebe ; ich kann mir vornehmen , treu zu sein , das Auge nimmt sich nichts vor , das gehorcht der Kette der ewigen Naturgesetze Luther hat nur als Normalmensch gesprochen , wenn er sagte , er könne kein Weib ansehen , ohne ihrer zu begehren ! Erst durch ein Weib von solcher Reinheit von allem eigensinnigen , kränklichen und absonderlichen Beiwerke , durch ein Weib von so unverwüstlicher Gesundheit , Heiterkeit , Güte und Klugheit wie diese Rosalie könnte ich für immer gefesselt werden . Wie beschämt sehe ich nun ein , welch eine vergängliche Spezialität ich in jener Agnes mir zu verbinden im Begriffe war ! Du aber schäme dich ebenfalls , als ein leeres Schema in der Welt herumzulaufen wie ein Schatten ohne Körper ! Suche , daß du endlich einen Inhalt , eine ausfüllende Leidenschaft bekommst , anstatt andern mit deinem Wortgeklingel beschwerlich zu fallen ! « Mehrfach beleidigt schwieg ich einige Minuten . Ohne es zu wissen , hatte Lys mit den zwei Weibern , die er mir in Aussicht stellte , etwas Wahres getroffen , insofern ich ja noch als halbes Kind schon auf ähnlichen Wegen geirrt war . Und doch wollte ich mich nicht mit ihm vergleichen lassen ; der genossene Wein , die mehr als vierundzwanzigstündige mannigfache Aufregung taten auch das Ihrige , meine Streitlust zu entflammen , und ich begann daher wieder mit entschiedener Stimme : » Nach deiner vorhinnigen Äußerung zu urteilen , bist du also nicht sehr willens , dem Mädchen die Hoffnungen , die du ihr leichtsinnigerweise erregt , zu erfüllen ? « » Ich habe keine Hoffnungen gemacht « , sagte Lys , » ich bin frei und Herr meines Willens , gegen jedes Frauenzimmer sowohl wie gegen alle Welt ! Wenn ich übrigens für das gute Kind etwas tun kann , so werde ich ihr ein wahrer und uneigennütziger Freund sein , ohne Ziererei und ohne Phrasen ! Und zum letzten Mal gesagt Kümmere dich nicht um meine Liebschaften oder Nichtliebschaften , ich weise es durchaus ab ! « » Ich werde mich aber darum kümmern ! « rief ich , » entweder sollst du einmal Treue und Ehre halten , oder ich will es dir in die Seele hinein beweisen , daß du unrecht tust ! Das kommt aber nur von dem trostlosen Atheismus ! Wo kein Gott ist , da ist kein Salz und kein Halt ! « Lys lachte laut auf , da er antwortete : » Nun , dein Gott sei gelobt ! Dacht ich doch , daß du schließlich noch in diesen Hafen der Glückseligkeit einlaufen würdest ! Ich bitte dich aber jetzt , grüner Heinrich , laß den lieben Gott aus dem Spiele , der hat hier ganz und gar nichts zu schaffen ! Ich versichere dich , ich würde mit ihm wie ohne ihn ganz der gleiche sein ! Das hängt nicht von meinem Glauben , sondern von meinen Augen , von meinem Hirn , von meinem ganzen körperlichen Wesen ab ! « » Jedenfalls von deinem Herzen ! « rief ich zornig und außer mir ; » ja , sagen wir es nur heraus , nicht dein Kopf , sondern dein Herz kennt keinen Gott ! Dein Glauben oder vielmehr Nichtglauben ist dein Charakter ! « » Nun hab ich genug ! «