Ich bitte dich darum . « Damit trennten sie sich . Renate trat unter den Vorbau des Kruges und sah dem Wagen nach . Ihre Gedanken waren bei Tubal , und sie suchte sich das Bild desselben vorzustellen ; aber es waren immer die Züge Kathinkas , die sie sah . » Sind sie einander so ähnlich ? « fragte sie sich und stieg die Treppe hinauf . Eine Stunde später brachte die Krügersfrau das Essen , legte das Tischtuch und entschuldigte sich ein Mal über das andere , daß es so spät geworden sei , aber » der kräpsche Junge « habe nicht schlafen wollen . Sie wisse nicht , von wem er es habe , von seinem Vater sicherlich nicht , denn der schlafe zuviel . Ihre Sprechweise , während sie so plauderte , war über ihren Stand , dabei ziemlich zwanglos , und nur mitunter , wenn sie lebhafter wurde , entschlüpfte ihr ein plattdeutsches Wort . Tante Schorlemmer und Renate hatten Platz genommen und rückten einen dritten Stuhl an den Tisch . » Sie müssen bleiben « , sagte Renate , » und sehen , wie gut es uns schmeckt . Denn Sie führen eine gute Küche , das hab ich gleich gestern herausgefunden . Der Kleine schläft , da haben Sie Zeit und können uns etwas erzählen . Wir sind nun schon fast zwei Tage hier und haben noch nicht einmal Ihren Namen erfahren . « » Ich heiße Kemnitz ... das heißt mein Mann . « Sie sagte dies in einem Tone , der andeuten sollte , daß ihr väterlicher Name um einen Grad höher gewesen sei . Renate verstand es auch so und fuhr deshalb fort : » Sie sind gewiß aus der Stadt ? Aus Alt-Landsberg oder Müncheberg ? « » Nein , das nicht : ich bin von hier . Mein Vater hatte die Schule , und als ich bei Pastor Lämmerhirt eingesegnet war , da kam ich aufs Amt . Denn wir waren drei Mädchen , und ich bin die mittelste ; Christiane hatte den Marzahnschen Müller geheiratet , und Mariechen , was unsere Jüngste ist , ist noch zu Hause , denn unsere Mutter lebt noch . « » Und da sind Sie wohl immer auf dem Amt gewesen ? « fragte Renate . » Ja , bis vor anderthalb Jahren . Ich hatt es gut . Die junge Frau war das einzige Kind , und wir waren immer zusammen , und da sah und hört ich alles . Der jetzige Amtmann hielt es mit der Mutter und hat sich hineingeheiratet ; er war erst bloß Verwalter . Und man merkt es auch noch ; auf dem Hof hat er das große Wort , aber in der Stube ist er mäuschenstill , denn die Mutter hat das Regiment , und die Tochter lernt es jeden Tag besser . « » Und Ihr Mann , liebe Frau Kemnitz , der war wohl auch auf dem Amt ? « » Ja , er war der Meier . Er diente schon das siebente Jahr und sah mir immer nach den Augen , daß ich lachen mußte . Und erst wollt ich ja nicht , aber da sagte mir Pastor Lämmerhirt , ich sollte mich nicht um mein Glück bringen . Da nahm ich ihn denn , und es tut mir auch nicht leid , denn er ist gut gegen mich , und nun gar der Junge , Sie glauben nicht , wie er das Kind liebt . Da muß man denn schon ein Auge zudrücken . « » Das muß eine gute Frau immer « , sagte die Schorlemmer und hob in freundlicher Ermahnung ihren Zeigefinger . » Eine gute Frau muß die Augen immer aufhaben , aber sie muß sie auch zuzumachen verstehen , je nachdem . Sie muß alles sehen , aber sie muß nicht alles sehen wollen . « Die Krügersfrau , die nach Art der Dorfleute bei Sehen und Nichtsehen immer nur an Liebesgeschichten dachte , mißverstand die sehr anders gemeinten Worte Tante Schorlemmers und antwortete lachend : » Ach , so was ist es ja nicht ; da käm er mir auch recht . « » Nun , was ist es denn ? « fragte Renate neugierig . » Ja , was ist es , Fräuleinchen ? Ich schäme mich fast , davon zu sprechen . Er schläft immer , und das soll nicht sein . Des Abends , wenn die Gaststube leer ist , les ich ihm eine Gesangbuchepistel vor , so bin ich großgezogen , so war es bei meinem Vater selig , und so war es auch auf dem Amt . Und wenn auf dem Amt auch keiner recht hinhörte , so taten sie doch so . Aber mein Kemnitz schläft . Eine Zeitlang hab ich ihn lesen lassen , bis ich sah , daß es auch nicht ging . Er hat immer den Sandmann in den Augen . « » Das ist aber doch nichts Schlimmes , meine liebe Frau Kemnitz « , sagte Renate . » Doch , gnädiges Fräulein « , erwiderte die Krügersfrau . » Und wenn er bloß schliefe , wenn er schläft ; aber er schläft auch , wenn er wach ist . Und das ist das Allerschlimmste . Er vergißt alles , er hat gar keinen Merk . Sehen Sie , letztes Vogelschießen , da hatten wir das Haus voll , alle Stuben , und ich war oben und unten , in Küche und in Keller , und wir verschenkten einen halben Anker Wacholder . Ja , verschenkt haben wir ihn , denn mein Kemnitz vergaß die Kreidestriche , und als er sie zuletzt machte , so nach Gutdünken , weil er sich vor mir fürchtete , da waren sie falsch , und wir hätten noch Streit und böse Nachrede gehabt , wenn ich nicht , als der Lärm eben anfing , dazugekommen wäre . Da fuhr ich denn mit meinem Ärmel über die ganze Rechnung hin und sagte : Es ist alles frei gewesen , und brachte jedem ein Extraglas und tat , als ob es mich freute , denn die Bauern sind sehr schwierige Leute . Aber in der Nacht hab ich meine blutigen Tränen geweint . « Die Krügersfrau hatte sich so hineingesprochen , daß ihr noch in der Rückerinnerung wieder die Tränen in die Augen kamen , aber sie fühlte auch zugleich , daß Reden und Aussprechen der beste Trost sei , und so fuhr sie fort : » Und wenn es noch so wäre wie den vorvorigen Sommer . Aber da haben wir ja jetzt den Roten Krug , keine hundert Schritt vom Dorf , nach Taßdorf zu . Ostern fing er an zu bauen , Pfingsten war alles unter Dach , und Johanni zog er ein . Er heißt Bindemeier und ist ein verdorbener Stellmacher ; ein schlechter Mensch , der immer abbrennt und immer in Scheidung lebt . Er hat nun schon die dritte Frau ; aber die Kinder sind von der ersten , auch die Line , die morgen Hochzeit macht . « » Hochzeit , wen heiratet sie denn ? « fragte Renate . » Einen Dahlwitzer Bauerssohn . Erst sollt es ja nicht sein . Der Alte drüben wollte nicht , denn er ist geizig und hat den Bauernstolz . Aber da ging ja die Line nach Dahlwitz und hat den Alten so mitbehext , daß er jetzt Stein und Bein schwört , wenn der Junge sie nicht nähme , so wollt er sie selber nehmen , denn er ist ein Witwer . « » Ist sie denn so hübsch ? « » Nein , hübsch ist sie nicht ; aber sie hat so ein Wesen . Und von wem hat sie ' s ? Vom Vater hat sie ' s. Und das ist es ja eben . Denn sehen Sie , Fräuleinchen , er hat bloß die Schankgerechtigkeit und ist gar kein richtiger Krüger , wiewohlen er den Roten Krug hat ; aber das muß wahr sein , das Krügern versteht er . Und mein Kemnitz versteht es nicht . Der kreidet gar nicht an und der andere doppelt . Und keiner , der in den Roten Krug kommt , merkt es , weil er jedem zum Munde redet und immer eine Geschichte hat . « » Und möchten Sie tauschen ? « fragte jetzt Renate , » und einen Mann haben wie den im Roten Krug ? « » Um Gottes willen nicht « , erschrak die Krügersfrau , » da hätt ich ja keine ruhige Stunde mehr . « » Sehen Sie , da haben wir das Geständnis Ihres Glücks . Sie haben den Frieden des Gemüts , der das Beste ist . Lassen Sie Ihren Mann nur ruhig schlafen ; er ist ein guter Mann , und das ist gerade genug . Schläft er viel , so müssen Sie viel wachen ; das hebt sich dann . Etwas fehlt immer , und irgendwo drückt der Schuh einen jeden ; den einen hier , den andern da . « Die Krügersfrau seufzte : » Das hat mir Pastor Lämmerhirt auch gesagt « , und dabei erhob sie sich und schob die Teller zusammen . Aber auf ihr erstes Wort zurückkommend , setzte sie hinzu . » Ein schläfriger Mann ist doch nicht gut , das laß ich mir nicht nehmen . « Und damit verließ sie das Zimmer . - » Weißt du , an wen ich habe denken müssen ? « fragte Renate . » Gewiß ; an Maline . « » Nur daß der junge Scharwenka nicht schläfrig ist . Vielleicht zuwenig . « » Da drückt der Schuh am andern Ende « , schloß die Schorlemmer . Renate nickte , und müde von den Anstrengungen dieser Tage , warf sie sich auf ihr Bett , um eine Stunde zu schlafen . Die Schorlemmer deckte sie mit einem Mantel zu und ging in das andere Zimmer hinüber . Hier setzte sie sich zu Häupten Lewins und begann an einem Strickzeug zu stricken , das sie sich von der Krügersfrau geborgt hatte , denn ihre Hände konnten nicht ruhen . Als die Sonne schon im Sinken war , brachen Renate und die Schorlemmer auf , um einen Spaziergang zu machen , wozu die Luft und die Beleuchtung aufforderten . Sie gingen die nach Taßdorf führende Pappelallee hinunter , an dem » Roten Kruge « vorbei , wo schon alles in hochzeitlicher Vorbereitung war . Keines sprach ; endlich sagte die Schorlemmer , als ob sie wisse , daß Renatens Gedanken denselben Weg machten : » Und nun so weggenommen , ohne Vorbereitung und ohne Abendmahl , und nichts in Händen als ein französisches Buch . Daraufhin wird einem nicht aufgetan . « Sie waren stehengeblieben und sahen jetzt über einem dunkeln Waldstreifen den Mond aufgehen , blaß und silbern . » Dorthin liegt Guse « , sagte Renate . Die Schorlemmer bejahte . » Ich glaube , sie begraben sie jetzt . Mir ist , als hörte ich das Singen . « » Möge Gott ihrer Seele gnädig sein ! « Und beide falteten die Hände und gingen in das Dorf zurück . Drittes Kapitel » So spricht die Natur « Die Nacht über hatten abwechselnd die Krügersfrau und eine alte Frau aus dem Dorfe bei Lewin gewacht ; nun war es neun Uhr früh , und Renate und die Schorlemmer saßen wieder an seinem Bette . Er schlief unruhiger als die Tage vorher , und einzelne , freilich nur halb verständliche Worte kamen von seinen Lippen . In dem Zimmer lag ein heller Morgenschein , und das Eis schmolz von den Scheiben . Sonst war nichts hörbar als das Zwitschern eines Zeisigs und das Klappern von Tante Schorlemmers Nadeln . So verging eine halbe Stunde , während welcher die Frauen vor sich hin oder auf den Kranken sahen . Jetzt traf die Sonne sein Gesicht , und Renate flüsterte : » Sieh , er träumt . Und etwas Freundliches muß es sein . « Und ehe die Schorlemmer antworten konnte , gingen draußen die Glocken , und Lewin erwachte . Sein erster Blick fiel auf die Schwester . Er erkannte sie und sagte : » Renate . « Diese war aufgesprungen , nahm ihn in ihre Arme und rief ein Mal über das andere : » Mein lieber , lieber Lewin . « Tante Schorlemmer strickte weiter , aber ihre Lippen zuckten . Als Lewin sie bemerkte , nickte er ihr zu und gab ihr die Hand . Es war ersichtlich , daß er noch sehr matt war . Sie legten ihm ein Kissen in den Rücken , so daß er mehr saß als lag , und sein Auge lief nun im Zimmer umher , um sich zurechtzufinden . » Wo bin ich ? « Sie nannten ihm den Namen des Dorfes . Er schüttelte den Kopf , schien sich aber zu besinnen und fragte dann : » Wo ist Papa ? « » In Guse . « » In Guse ? Warum in Guse ? « Renate und die Schorlemmer sahen einander an und wußten nicht , was antworten . Aber Renate faßte sich bald und sagte ruhig : » Tante Amelie ist tot . « » So , so ... wie alt war sie ? « Es blieb bei der Frage , denn sein Bewußtsein begann wieder zu schwinden , und einen Augenblick später lag er abermals in tiefem Schlaf . Und doch war er dem Leben wiedergegeben , er hatte gesprochen , und beide Frauen reichten sich in freudiger Bewegung und wie zum Ausdruck ihres Dankes die Hand . So war eine halbe Stunde vergangen , als die Krügersfrau in sichtlicher Erregung eintrat . » Eben kommt der Zug « , rief sie und vergaß , was sie doch sonst immer tat , ihre Stimme zu dämpfen . » Die Orgel spielt schon . Und die Jungschen vom Amt sind auch mit dabei . Schlimm genug . Nur die Alte nicht , die hält zu uns . Jott , Jott , ich zittre . « » Aber so machen Sie doch , liebe Frau Kemnitz , daß Sie den Zug nicht versäumen oder wenigstens mit in die Kirche kommen « , sagte die Schorlemmer und drängte die Krügersfrau gutmütig auf die Türe zu . » Ich kann ja nicht « , lamentierte diese . » Wir sind ja Feindschaft . Und die Leute würden mit Fingern auf uns zeigen und sagen , daß wir ihnen das Glück wegwünschten . Nein , das geht nicht . « » Ich möchte die Braut schon sehen « , sagte Renate . » Ach , Fräuleinchen , deshalb komm ich ja eben . Hübsch ist sie nicht , aber , wie ich Ihnen schon sagte , sie hat so was . Und dann erzählen Sie mir nachher , wie sie aussah . Jott , ich weiß nicht , was ich drum gäbe . Ja , Fräuleinchen , Sie müssen die Braut sehen und die liebe Tante Schorlemmer , wenn ich Sie so nennen darf , auch . Vier Augen sehen mehr als zwei . Ach , da kommen sie schon ; das ist die Musik , und ich darf nicht einmal ans Fenster . Und wenn ich auch dürfte , der Zug kömmt ja nicht vorbei . Und warum nicht ? Bloß weil sie denken , wir haben ihnen Häcksel über den Weg gestreut . « Renate sah der Schorlemmer nach den Augen , ob sie es auch recht fände . » Geh nur , Kind « , sagte diese , » ich komme mit . In der Kirche sein bringt nie Schaden . Du siehst dir die Braut an , und ich weiß schon , was ich zu tun habe . « Die Krügersfrau war hocherfreut , lief hin und her und bedankte sich abwechselnd bei der Schorlemmer und bei Renaten . Dann brachte sie zwei dicke Porstsche Gesangbücher , die in Sammet gebunden und mit Metallzwingen zugehalten waren , und versprach ein Mal über das andere , bei dem Kranken bleiben zu wollen . » Hier hab ich was zu tun « , schloß sie , » und dabei vergeht mir die Zeit und ist mir am wohlsten . Es soll ihn keine Fliege stören . « Renate und die Schorlemmer aber nahmen ihre Mäntel um , sahen noch einmal auf Lewin , der ruhig weiterschlief , und verließen das Zimmer , während sich die Krügersfrau an das Fußende des Bettes setzte . Sie konnten noch nicht über die Straße sein , als die Glocken zum dritten Mal zu läuten begannen . Endlich aber wurd es still . » Nun singen sie « , sagte die Frau vor sich hin . » Jott , Jott , ich hätte sie so gern gesehen ; er soll ihr eine silberne Kette geschenkt haben mit Schloß und Schieber . Er kann es ; hat sie doch den Alten mit in der Tasche . Ein freches Ding , und dabei rotes Haar und Sommersprossen . Aber ich will nichts gesagt haben ; sie steht jetzt vorm Altar . Und vielleicht ist sie nicht so schlimm . Jott , gib ihr deinen Segen und uns auch . Denn auf Kemnitz ist kein Verlaß . Und ich kann ja doch nicht alles alleine machen . « Während sie noch diesen Stoßseufzer betete , schlug Lewin , ohne vorher einen unruhigen Schlaf gezeigt zu haben , beide Augen auf und sah die Krügersfrau freundlich an . Er war durch die letzte Stunde Schlaf ganz ersichtlich gestärkt worden . » Wo ist Renate ? « fragte er . » Ich meine das Fräulein . « » In der Kirche , junger Herr . Und die liebe Tante Schorlemmer auch . Ich bin eigentlich schuld , ich habe sie fortgeschickt ; das heißt , ich habe sie darum gebeten . Denn wir haben heute eine Trauung ; die Line vom Roten Krug . Sie hat einen Bauerssohn weggeschnappt , einen aus Dahlwitz . Na , ich gönn es ihnen . « So schwatzte sie weiter . Lewin hatte sich inzwischen aufgerichtet und schien Anteil an allem zu nehmen . Wer ihn aber schärfer beobachtet hätte , hätte sehen müssen , daß er mehr auf das Gezwitscher des Zeisigs als auf das Geplauder der Krügersfrau hörte . Endlich wandte er sich an diese und sagte : » Ich habe Hunger . « » Weiß schon « , antwortete die Kemnitzen , und als sie noch ein paar Fragen getan hatte , wußte sie ganz genau , was der Kranke wolle , und lief in die Küche . Hier brannte , wie herkömmlich , das Feuer auf dem Herd ; sonst aber hatte sie jegliches selbst zu beschaffen , da das Gesinde drüben in der Kirche war . Sie nahm eine Kasserolle vom Rauchfang , dann einen Mörser und begann mit viel mehr Lärm , als nötig gewesen wäre , zu klappern und zu stoßen . Sie schien sich in diesem Lärmen zu gefallen . Als sie nun aber durch die Küchentür wahrnahm , daß Kemnitz schläfrig hinter einem Fensterpfeiler hockte und auf die Dorfstraße sah , wo doch nichts zu sehen war , rüttelte und schüttelte sie ihn , zwang ihm ohne weiteres den Mörser in die Hand und rief ihm ärgerlich und auf plattdeutsch zu : » Stött en beten . « » Wat denn , Lene ? « » Rük et ; sunnst brukst du ' t nich to weeten . « Und hiermit war sie schon wieder bis an die Küchenschwelle . Kemnitz aber , in den verschiedenen Pausen , die er sich gönnte , konnte deutlich hören , daß sie sich draußen an dem Tellerschapp zu schaffen machte . So war eine gute Zeit vergangen , als das wiederbeginnende Orgelspiel anzeigte , daß die Zeremonie drüben zu Ende sei . Die Kirchentüren wurden geöffnet , und unter Vorantritt der Musik setzte sich der Hochzeitszug wieder in Bewegung . Mit unter den letzten , die die Kirche verließen , waren Renate und Tante Schorlemmer , die neben dem Orgelchor einen guten Platz gefunden hatten . Sie besprachen Pastor Lämmerhirts Rede , die der Schorlemmer nur wenig gefallen hatte . Renate dachte milder darüber . Als sie den Krug erreichten , fuhr auch Doktor Leist wieder vor . Dieser war dem Zuge begegnet und in bester Laune . » Das bedeutet Glück ! « rief er den beiden Damen zu und trat mit ihnen zugleich in den Flur . Das erste , was ihnen hier begegnete , war die Krügersfrau in Person . Sie kam die Treppe herunter und hielt ein Brett in Händen , auf dem Teller und Löffel lagen . » Wie geht es ? « fragte Renate . » Gut , Fräuleinchen . « » Ist er wach ? « » Ja , « » Nun erzählt , liebe Frau « , sagte Doktor Leist . » Was hat es gegeben ? « » Nun , das gnädige Fräulein waren noch nicht lange fort , und der Prediger drüben konnte noch kaum angefangen haben , da schlug er die Augen auf . Ich meine , der junge Herr . « » Und was sagte er ? « » Er fragte nach dem gnädigen Fräulein , und als ich ihm alles erzählt hatte , auch von der Line und ihrer Hochzeit , da sah er mich groß an und sagte : Ich habe Hunger . Und da dacht ich ja nu gleich an alles , was uns Doktor Leist gesagt hatte , und fragte bloß , was er haben wollte , und nannte ihm wohl zehnerlei . Es war aber immer nicht das Rechte , und er schüttelte den Kopf ein Mal über das andere und wurde verdrießlich . Zuletzt aber sagte er : Jetzt hab ich ' s. Und was war es ? Können Sie sich ' s denken , Fräuleinchen , eine Suppe war es . Und noch dazu eine Biersuppe . Und da fragt ich ihn bloß : Wie denn , junger Herr , mit Karwe oder mit Ingwer ? Und da lachte er still vor sich und sagte : Mit Ingwer . « » Mit Ingwer « , wiederholte der alte Leist . » Da haben wir die Genesung . Es war ihm nicht gleichgiltig , so oder so . Nein , mit Ingwer . Ja , meine Damen , so spricht die Natur . Ich gratuliere Ihnen und uns allen , und nun lassen Sie uns den Kranken sehen . « Sie stiegen nun wieder treppauf und fanden Lewin aufrecht im Bette sitzend . Er erkannte den Doktor ; als er aber die Linke heben wollte , um sie ihm zu reichen , sank sie matt auf das Bett zurück . » Wie geht es , Lewin ? « » Ich denke , gut . « » Ich denke , gut ! Das ist mir nicht gut genug . Wie schmeckte die Suppe ? « » Gut . « » Das ist recht . So muß es heißen . Nichts von Kopfweh ? « » Nein . « Der Doktor nahm jetzt selber die Hand und zählte den Puls . Als er damit geendet hatte , sah er , daß der Kranke vor Erschöpfung wieder eingeschlafen war . » Stören wir ihn nicht . « So verließen sie das Zimmer und nahmen erst draußen auf der Treppe das Gespräch wieder auf . » Es geht alles , wie es soll . Krisis überstanden ; alle Zeichen der Genesung da . Kein Fieber ; nur matt , matt . Aber jede Stunde Schlaf bringt ihn um eine Woche weiter . Morgen wird er aufstehen wollen , und übermorgen kann er reisen . « » Und wir ? « » Wir reisen morgen schon und bestellen ihm Quartier « , antwortete der Doktor . » Und schicken ihm Krist und den Planschlitten . « » Getroffen . Den wollt ich eben empfehlen . Und einen tüchtigen Häckselsack in den Rücken . Denn im Kreuz wird es wohl noch fehlen . « Damit hatten sie den Unterflur erreicht und standen vor der Gaststube , in der dem Doktor noch ein Warmbier vorgesetzt werden sollte . Aber er dankte , » denn er müsse noch bis Reitwein « . Und als die Krügersfrau nichtsdestoweniger fortfuhr , in ihn zu dringen , schnitt er endlich jede weitere Verhandlung durch das eine Wort » Wöchnerin « kategorisch ab . Das half . Tante Schorlemmer wurde noch verlegener als Renate . Unter dem Vorbau hielt bereits der Wagen des Alten . Er schickte sich eben an hinaufzusteigen , als er seinen Fuß von dem Tritteisen wieder zurückzog . » Der alte Leist wird alt ; hätte die Hauptsache beinahe vergessen « , und dabei begann er in den Tiefen seiner Manteltasche herumzusuchen . Endlich fand er ein dickes , rotledernes Notizbuch , das zugleich als chirurgisches Besteck diente , und nahm einen Brief heraus : » An Renate von Vitzewitz . « Nun erst stieg er auf . » Auf Wiedersehen in Hohen-Vietz . « Renate und die Schorlemmer erwiderten seinen Gruß . Der Brief aber war von Marie . Viertes Kapitel Genesen Und es kam alles , wie Doktor Leist gesagt hatte . Am andern Morgen verlangte Lewin aufzustehen und fühlte sich trotz aller Mattigkeit doch kräftig genug , das Zimmer zu verlassen und unten unter dem Vorbau von Renate und Tante Schorlemmer Abschied zu nehmen . Es war des Krügers Gespann ; Kemnitz selber fuhr . Er zeigte sich quicker , als seine Gewohnheit war , und als Renate auf ihn hinwies und der Krügersfrau ein gutgemeintes Wort über seine Raschheit ins Ohr flüsterte , sagte diese nicht ohne einen gewissen Stolz : » Oh , er kann schon . Aber er läßt es an sich kommen . Und das ist es eben . « In der nächsten Minute nahmen beide Damen ihre Plätze ; Kemnitz hakte das Schutzleder ein und stieg nun auch seinerseits über das Rad weg auf den Kutschersitz ohne Lehne . Noch ein Händedruck , und der Wagen verschwand an der andern Seite der Kirche . Lewin ging in sein Zimmer zurück . Er hatte sich mehr angestrengt , als seine Kräfte zuließen , und warf sich jetzt angekleidet aufs Bett , nicht um zu schlafen , wohl aber um zu ruhen . Allerhand Bilder zogen an ihm vorüber , wechselnd und phantastisch , aber immer eines aus dem andern sich gestaltend . Er sah Frau Hulens dunkle Küche und den kleinen Wachsstock , den er in der Herdasche mit so viel Mühe angezündet hatte , und aus dem Wachsstock ward eine Kerze , und aus der Kerze wurden zwölf Kerzen , und alle zwölf brannten zu beiden Seiten eines Sarges , darin lag die Tante , die schwarze Witwenhaube tief in die Stirn gerückt . Und neben dem Sarge standen kleine Zypressenbäume , die wuchsen und wuchsen hoch wie Pappeln , und nun war es eine Pappelallee , und zwischen den Pappeln kam ein Wagen rasch herangefahren , dem lief er nach und wollte rufen , aber die Stimme versagte . Alles dies kam und ging , und kam wieder , ohne daß es ihn ernstlich beunruhigt hätte . Ein Druck lag auf ihm , bleiern , aber schmerzlos , und unter dem Einfluß einer beinahe süßen Betäubung wurde das Nächstliegende wie in weite Ferne gerückt und das Wirkliche zum Traum . Erregungen der Phantasie , nichts weiter , und von Empfindungen nur eine : die Sehnsucht nach Hohen-Vietz . Und nun war wieder ein Tag und eine Nacht vergangen ; der helle Morgen schien in die Fenster , und es mochte die zehnte Stunde sein . Krist , der bald nach Mitternacht mit dem Planschlitten und einer ganzen Winterausstattung von Pelzröcken , Shawls und Filzstiefeln eingetroffen war , war bereits im Stalle beschäftigt , den beiden Braunen die Sielen und die Geläute aufzulegen , und die Krügersfrau stand in der Stalltür , ebensosehr , um selbst noch zu erzählen , wie um Hohen-Vietzer Neuigkeiten gegen ihre Bohlsdorfer einzutauschen . Lewin saß reisefertig in seinem Zimmer , während diese Gespräche geführt wurden . Er hatte schon einen Morgenspaziergang gemacht , nicht ins Freie hinaus , nur in die Kirche hinüber , um noch einmal den Grabsteinspruch zu lesen , den er längst auswendig wußte . Seit einer halben Stunde war er von da zurück und hielt ein zusammengefaltetes Blatt in Händen , dessen Inhalt ihn zu beschäftigen schien . Es war Marie Kniehases Brief , den er sich am Tage vorher , im Momente von Renatens Abreise , von dieser erbeten hatte . » Ich will ihn doch noch einmal überfliegen « , sagte er , beugte sich gegen das Fenster vor und las mit halblauter Stimme : » Liebe Renate ! Deinen Brief habe ich gestern abend , wo Doktor Leist bei uns vorfuhr , erhalten . Um mit ihm noch persönlich zu sprechen , dazu war keine Zeit ; er wollte bei der späten Stunde gleich weiter . Ich las und lief dann in meiner Herzensfreude zum Pastor , der kaum weniger freudig bewegt war als ich . Und doch ist es etwas Trauriges . Du schreibst : Warum er Berlin verlassen hat ? und fügst dann hinzu : Darüber habe ich nur Vermutungen , und auch diese kaum . Ach , meine liebe Renate , ich weiß es , und in Traum und Wachen habe ich diese Stunde kommen sehen . Hier ist alles still , viele Bauern und ihre Frauen sind zum Begräbnis Deiner Tante hinüber . Denn sie war doch auf ihre Art beliebt , und jeder sprach von ihr . Auch Seidentopf ist seit einer Stunde fort . Er will erst nach Guse , dann nach Küstrin und Hohen-Ziesar , und wir erwarten ihn erst am Schluß der Woche zurück . Welche seltsame Trauerversammlung wird um