» Wir nehmen , seit die Nachricht kam , von jedem Blatt sechs Exemplare « , antwortete er , » aber dennoch ist nie eins zu erreichen . Die Stammgäste halten sie fest , als wären es Heiligtümer . « Robert blickte auf . » Welche Nachricht ? « fragte er . » Nun , die von der Kriegserklärung natürlich . « Auf Roberts Gesicht malte sich unverkennbares Erstaunen . » Eine Kriegserklärung ? « wiederholte er . » Wo ist denn Krieg ? « Der junge Mann schüttelte den Kopf . » Sie kommen wohl aus den Goldminen « , antwortete er , » aber das macht nichts , Sie werden schon genug davon zu hören bekommen . Uns - ich meine natürlich unseren König in Berlin - ist von Frankreich der Krieg erklärt worden , und alles was deutsch spricht , marschiert an den Rhein , um die Grenzen zu schützen . « Er entfernte sich mit seinen Tellern und Schüsseln und ließ Robert in größter Aufregung zurück . Deutschland war von Frankreich der Krieg erklärt worden - das war ein kühnes , gewagtes Spiel , das hieß alles auf eine Karte setzen . Robert fühlte , wie ihm das Herz klopfte . Fast ehe er selbst wußte , was er beabsichtigte , war er zu einer der Gruppen an den anderen Tischen getreten und hatte in deutscher Sprache gebeten , ihm von dem großen Ereignis doch mehr zu erzählen . Noch wußte er ja keine Einzelheiten , sondern nur die Tatsache selbst . Die Leute wandten sich erstaunt um und musterten prüfend die Erscheinung des braungebrannten jungen Menschen . » Wahrhaftig « , sagte einer , » ich glaube , das ist ein Halbindianer . Wenigstens sind Mütze und Gürtel Comanchenarbeit . « » Hallo « , rief der zweite , » kamt Ihr nicht heute früh mit noch einigen anderen aus den Gebirgen herab ? Ich denke , daß ich Euch wiedererkenne . « Robert nickte . » Ihr habt recht « , erwiderte er , » aber - « » Alle Teufel , was tut Ihr denn bei den Rothäuten ? « unterbrach der Mann . » Ein so junger Bursche kann doch unmöglich daran denken , Trapper zu werden ? « Robert konnte seinen Ärger schlecht verbergen . » Ich glaube « , antwortete er nachdrücklich , » daß das meine Sache ist . Aber Sie scheinen nicht die Absicht zu haben , mir das zu sagen , was ich gern wissen möchte . Ich will Sie nicht länger stören ! « Vom anderen Tisch herüber wurde ihm ein Bierglas gereicht . » Auf Deutschlands Sieg ! « rief ein stämmiger Mann , dessen Äußeres deutlich den » Digger « verriet . » Warst wohl in Lenchi oder Idaho , was ? Hast gute Beute gemacht und bist mit den Rothäuten hierhergekommen , um die teure Reise auf der Bahn zu sparen , denke ich . « Robert unterdrückte seinen Unwillen und nahm das dargebotene Glas . » Ich danke Ihnen , Sir « , sagte er . » Sie haben wirklich das Richtige getroffen . Die Comanchen sind mir gute Freunde , ich achte sie ebenso wie alle anderen Menschen . « Die Männer lachten . » Es wollte auch niemand von uns die Rothäute beleidigen « , hieß es , » aber man wundert sich doch , einen Weißen zu sehen , der ständig mit ihnen zusammenlebt . « » Du « , rief wieder der Digger , » willst du jetzt nach Deutschland und dich freiwillig zu den Soldaten melden ? Dann können wir zusammengehen . « Dunkle Röte färbte Roberts Wangen . » Ist es Wahrheit mit der Nachricht von der Kriegserklärung ? « fragte er nochmals . Nun endlich wurde ihm von allen Seiten Auskunft gegeben . Er nahm gedankenlos die Zeitung , die man ihm reichte - sein erster Blick fiel auf den Erlaß des Kriegsministeriums in Berlin , bei allen Truppenteilen den Eintritt Freiwilliger zu gestatten . Es wirbelte in seinem Kopf , das Blut pochte in den Schläfen , - ein einziger Gedanke verdrängte alle andern . Das Vaterland war in Gefahr , - der König erwartete , daß keiner zurückbleiben werde , wo es galt , die Heimat zu schützen . Aller Zwiespalt war vorüber , alle Zweifel gelöst . Es gab für ihn keine persönlichen Interessen mehr , keinen Trotz gegen seinen Vater oder gekränkte Eigenliebe , - das bedrohte Deutschland rief , und er mußte folgen . Seine Augen suchten den Goldgräber . » Ich gehe mit dir ! « antwortete er fest . » Bravo ! Trotz deiner Jugend bist du ein ganzer Kerl . Komm , laß uns anstoßen . « Die übrigen bestellten Wein , und die Gläser klangen aneinander . Der Begeisterungsrausch , der damals ganz Deutschland ergriffen hatte , zeigte sich selbst hier , jenseits des Atlantischen Ozeans . Man trank , bis die Köpfe erhitzt waren . Robert , der nie einen Tropfen zuviel über seine Lippen kommen ließ , war rechtzeitig gegangen , um zunächst dem Trapper mitzuteilen , daß er mit dem morgigen Postdampfer nach San Franzisko abreisen und sich von dort für Hamburg anmustern lassen werde . » Nicht wahr « , sagte er , » du verstehst das , Jaguar , du würdest es ebenso machen ? « Der Trapper fuhr sich mit der Hand über die Stirn . Er schwieg lange Zeit , während der er alte , trübe Erinnerungen zu bekämpfen schien . Die Nachricht Roberts mußte ihn offenbar sehr ergriffen haben . » Komm « , sagte er endlich , » komm , der Jaguar will seinem weißen Bruder die Geschichte erzählen , von der er neulich schon gesprochen hat . Komm ! « Robert folgte ihm , und die beiden gingen langsam hinaus bis vor den Ort , wo endlich der Jaguar , als sie ganz allein waren , von seiner Jugend erzählte . Wir wissen aus dem Gespräch zwischen ihm und dem fliegenden Pfeil bereits , daß er derjenige war , den sein eigener Vater verfluchte , als er sich weigerte , das Indianerdorf wieder zu verlassen und seine Eltern zu begleiten , aber wir wissen nicht , wie schrecklich der damals noch junge Mann vom Schicksal für diesen Ungehorsam bestraft wurde . » Ich war verblendet « , sagte der Trapper , » ich hielt meine Ehre für bedroht und fand Freude am Trotz gegen meinen alten Vater . Der fliegende Pfeil ging mit mir auf die Jagd , ich lebte in seinem Wigwam ohne Sorge und Arbeit , ich konnte tun , was ich wollte , anstatt dem strengen Vater zu gehorchen und über alles , was ich tat , Rechenschaft abzulegen . Das verlockte mich , zumal da dieser Streit zwischen ihm und mir keineswegs der erste war . Während ich die alten Leute weiterziehen ließ , ohne mich um ihr Schicksal zu kümmern , ging es mir selbst eine kurze Zeitlang ausgezeichnet . Ich heiratete Kirschblüte , die Schwester des fliegenden Pfeils , und wohnte in den Felsen , wo sie begraben liegt , aber - nur für wenige Wochen . Der Große Geist hatte den Fluch des beleidigten Vaters gehört , er sandte das Verhängnis , das ihn erfüllen sollte , er schlug das Auge des Jaguars mit Blindheit , daß er sein Liebstes nicht erkannte . - Drei Tage und drei Nächte hatte er den grauen Bären verfolgt , den gefährlichsten , blutdürstigsten der ganzen Gattung , drei Tage und drei Nächte lang hatte er nicht geschlafen und fast ohne Speise und Trank nur an das Raubtier gedacht , das ihn immer wieder zu necken und zu täuschen schien . Aber gerade das reizte den Trotz des Jaguars . Er dachte an nichts anderes , als nur an diesen Bären , der den Felsen umkreiste , der beständig in der Nähe war und dessen er doch nicht habhaft werden konnte . Sein Blut strömte heiß durch die Adern , seine Ruhe war dahin , er schlief nicht eher , bis ihn die letzten Kräfte verließen . Doch schon nach kurzer Zeit taumelte er wieder empor , um das Raubtier zu verfolgen . Wenn er meilenweite Strecken zurückgelegt hatte und erschöpft auf das Moos des Weges sank , dann trabte hinter ihm gewiß der Bär und schien seinen ohnmächtigen Gegner verspotten zu wollen . Kugel auf Kugel pfiff harmlos an ihm vorüber - das Tier war offenbar gefeit . Zuletzt sah ihn der Jaguar in heller Mondnacht durch das Gebüsch kriechen , als er sich zufällig ganz in der Nähe seiner Höhle befand . Er schoß nicht , - es graute ihm bereits vor dem Klang der niemals treffenden Büchse - aber er schlich nahe und näher heran , er wollte seinen Todfeind von Angesicht zu Angesicht sehen und empfand das wahnwitzige Verlangen , Brust an Brust mit ihm zu ringen , ihm womöglich das Jagdmesser ins Herz zu stoßen und sich an seinen Qualen zu weiden . Lautlos schlich er heran . Der Bär zeigte sich im hellen Mondglanz nur für wenige Sekunden , er sah in das Auge des Jaguars , und dann verschwand er , als habe ihn die Erde verschlungen . Der Jaguar rührte sich nicht , er starrte nur immer auf die eine Stelle und wagte kaum zu atmen , aus Furcht , daß ihm sein Feind entgehen möchte . Stunde um Stunde verrann , die Einsamkeit und Totenstille der Umgebung drückten auf das Gehirn des Jägers , aber er widerstand dem Schlafe , um immer nach jenem Gebüsch zu sehen , um im gleichen Augenblick , wenn das Raubtier zurückkehren würde , ihm die Todeskugel in das Herz zu schicken . Und dann , - dann kam das Verhängnis . Der Jaguar weiß nicht , ob er wenige kurze Augenblicke lang vielleicht geschlafen hat , er hörte plötzlich ein Knistern und Rauschen , er sah , wie sich ' s an jener Stelle hinter den Zweigen regte und daß etwas wie grauer Pelz durch die Blätter schimmerte . Diesmal stand das Tier , es schien seinen Feind zu erwarten , es blieb auf demselben Platz , regungslos , wie der Jaguar selbst . Wilde Freude ergriff den Jäger , er hob lautlos die Büchse , - der Schuß krachte , daß ihn das Bergecho donnernd zurückwarf , aber - noch ein anderer , schwacher Laut mischte sich in das Getöse - Es klang wie das leise Wimmern eines Menschen - - Der Jaguar taumelte auf . Eiseskälte rann durch seine Glieder , sein Herz schlug stürmisch , er stürzte halb besinnungslos zu der Stelle , wohin er geschossen hatte , und bog die Zweige auseinander - - Da lag Kirschblüte , das Licht seines Auges , sein junges , schönes Weib , und aus ihrer Brust strömte das Blut über das Moos dahin . Nur zu sicher hatte diesmal des Jaguars Kugel ihr Ziel getroffen . « Der Trapper hielt inne , überwältigt von der Macht der schrecklichen Erinnerung , unfähig , weiterzusprechen . Er stützte den Kopf in die hohle Hand und sah starr vor sich auf den Weg . Robert versuchte kein Wort des Trostes . Was hätte auch gesagt werden können , einem so vernichtenden Schmerz gegenüber ? » War Kirschblüte tot , Jaguar ? « fragte er nach einer Weile . Der Trapper nickte . » Sie hat den Jaguar kaum noch erkannt « , fuhr er fort , » sie hat ihm nicht mehr erzählen können , weshalb sie dort in das Gebüsch gegangen war , aber er weiß , daß sie ihn aufsuchen wollte , weil er während des ganzen vorigen Tages und der Nacht nicht nach Hause gekommen war . Es war das Verhängnis , - der Fluch , der auf des Jaguars Haupt lastete . Und dann begann für ihn eine schreckliche Zeit . Die Comanchen wollten den Leichnam der erschossenen Kirschblüte nach Art ihres Volkes bestatten und im dichten Wald ein Gerüst aufschlagen , um den Körper , in Felle genäht , von der Luft zerstören zu lassen . Aber der Jaguar verweigerte die Herausgabe seines toten Weibes . Da , wo sie gelebt hatte , begrub er Kirschblüte nach der Weise des Christentums , in dessen Lehren er erzogen worden war , und wenig kümmerte es ihn , was dazu die roten Männer sagten . Doch sollte die Strafe auf dem Fuße folgen . Der fliegende Pfeil grub die Streitaxt aus dem Boden , die Comanchen verfolgten den Jaguar wie ein reißendes Tier , das in ihre Hürden eingebrochen war und ihr Eigentum geraubt hatte . Er mußte in die Wälder flüchten , heimatlos , ganz allein , er hatte kein Dach , das ihm Schutz gewährte , kein Feuer , an dem er sich wärmen durfte , und der Zorn des Ewigen schwebte über seinem Haupte . Einmal kam er in die Nähe einer Minenstadt , hungernd , frierend , ermüdet zum Sterben , - da sah er eine Hütte und darin ein Feuer , an dem Kinder spielten , er sah den Rauch vom Bratspieß zum Himmel steigen und erblickte harmlose , zufriedene Menschen . Es hatte geregnet , der Jaguar in seinen abgetragenen Kleidern war bis auf die Haut durchnäßt , er fühlte Fieber in den Adern und seine Füße bluteten , - schon wollte er sich der Hütte der Goldgräberfamilie nähern und um einen Platz an ihrem Feuer bitten , da sah aus dem einzigen kleinen Fenster ein alter Mann . Das Haar war grau und das bleiche Antlitz von tiefen Furchen durchzogen , die Augen blickten dunkel und trübe - - Dieser Mann , den wenige Monate zum Greis gemacht hatten , war des Jaguars Vater . Nahe , ganz nahe stand der Sohn , dem er geflucht hatte , ein Bettler in Lumpen , hungernd und frierend , mit Fieber in den Adern . Und dieser Sohn dachte an das Bibelwort von dem Verlorenen , der zurückgekehrt war , an die Verheißung , daß dem Reuigen verziehen werden soll , es stritten wilde , böse Mächte in seinem Herzen , aber der Trotz behielt den Sieg . Wäre er ein wohlhabender Mann und ein glücklicher Mensch gewesen , ja , dann hätte er mit tausend Freuden die Seinigen begrüßen können , aber zu ihnen als heimatloser , fluchbeladener Bettler zurückzukehren , sie zu bitten , ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen ? - Nie ! - Er wandte sich ab und lief fort , wie von bösen Mächten verfolgt . Und Jahre vergingen , bis sein Trotz gebrochen war , bis er sich mit den Comanchen wieder aussöhnte und in ihrem Dorf seinen Wigwam erbaute . Er hat das Antlitz des Großen Geistes im Zorn gesehen und in der Versöhnung , er hat seine Stimme kennengelernt in der Natur und in den Ereignissen , die ohne menschliches Dazutun aus den Wolken herab sprechen . So wußte er auch , als sich seine und seines weißen Bruders Kugel im Fluge trafen , daß das ein Wahrzeichen sei und daß er einen Freund gefunden habe , dem die Kunde dessen , was er gesündigt und was er erlitten hatte , als Warnung dienen könne . Möge der junge weiße Fremdling des Jaguars gedenken , sooft ihn das heiße Blut zum Widerstand treibt , möge er sich allzeit erinnern , daß es ein anderes ist um die schnelle , trotzige Tat und um den langen , mahnenden Weg der Reue . « Er schwieg , und Robert drückte ihm erschüttert die Hand . Er dachte an das stille Grab Mohrs an der Küste der kubanischen Insel . Und die Gestalten dieser beiden Männer , das traurige Antlitz des Geistersehers und das ernste des Trappers , standen ihm noch vor Augen , als er längst in das Wirtshaus zurückgekehrt war und zum erstenmal wieder in einem Bett schlief . Am anderen Morgen nahm er Abschied von den Comanchen , denen der Trapper erzählt hatte , um was es sich handelte , und deren völlige Zustimmung er ihm ins Englische übersetzte . Sie alle begleiteten Robert bis an das Postschiff , das ihn nach San Franzisko bringen sollte . » Grüße Mongo und Gottlieb « , bat er mit etwas unsicherer Stimme , » und versprich ihnen Briefe von mir . Auch dir darf ich schreiben , nicht wahr , Jaguar ? « Der Trapper nickte . » Unter dem Namen des Wirtes , bei dem wir wohnen « , antwortete er . » Wenn ich im Herbst noch lebe , so erhalte ich dort den Brief meines jungen Freundes . « » Gut also ! Aber jetzt läutet die Glocke zum drittenmal , - leb wohl , Jaguar , - leb wohl und noch einmal Dank für alles ! « Der Trapper trat , während die Matrosen die Haltetaue lösten , auf die Landungsbrücke . Er hielt noch immer Roberts Hand und sah ihm fest ins Auge . » Leb wohl « , sagte er in deutscher Sprache , » leb wohl , und der allmächtige Gott segne dich ! « Das Schiff begann sieh zu drehen , die schrille Pfeife zerschnitt die Abschiedsworte , und die Hände lösten sich . Noch einmal grüßte der ernste Mann vom Lande herüber , noch ein Lächeln schwebte um die Lippen , die nach dreißig langen Jahren das erste deutsche Wort gesprochen hatten , - und dann traten andere Menschen dazwischen , dann sah Robert nur noch wie im Fluge die hohe , spitze Mütze und die schlanke Gestalt des Trappers . Als er sich auf die Zehenspitzen erhob , war alles verschwunden . So schnell zerrissen das Band der letzten Monate , so ganz allein wieder unter Fremden , - das Gefühl war sonderbar wehmütig . Der Deutsche , den er gestern getroffen hatte , war ebenfalls auf dem Dampfer und wollte wie er zur Armee nach Deutschland gehen . Robert hatte also einen Reisebegleiter , mit dem er über Vergangenes und Künftiges sprechen konnte , einen Mann , der die Verhältnisse in den Minenlagern kannte , aber auch aus früheren Jahren her im Militärischen bewandert war . Es ließ sich herrlich mit ihm plaudern , bis der Dampfer die Suisunbai und die Pablobai durchquert hatte und in San Franzisko landete . Dort trennten sich ihre Wege , da der Goldgräber mit dem nächsten Dampfer nach Deutschland ging , während sich Roberts Angelegenheiten nicht ganz so schnell regeln ließen . Er war , wie wir wissen , sehr sparsam , und wollte daher keineswegs als Passagier nach Europa reisen , sondern vielmehr auf der Überfahrt noch ein gutes Stück Geld verdienen , um sich in Hamburg einen neuen Seemannsanzug zu kaufen und bei seinen Eltern nicht so abgerissen anzukommen . Er besaß außerdem kein Stück Wäsche , sondern außer seinem Lederanzug nur noch den Brustbeutel des Spaniers mit der Nähnadel aus einer Fischgräte , - also mußte er noch vieles zusammenkaufen . Zunächst erstand er eine Seekiste mit festem Schloß und verwahrte darin den Comanchengürtel , dann versorgte er sich mit dem nötigsten wollenen Unterzeug und neuen , derben Seestiefeln , zog den Betrag für einen vollständigen Anzug und weiße Wäsche noch außerdem ab , und rechnete dann heraus , was ihm in Hamburg bleiben würde . Mit der Heuer , die er zu verdienen hoffte , etwa zweihundert Taler , also nach Abzug des Betrages , den er seinem Vater schuldete , noch hundert Taler , - das genügte ihm , um auf seinem Besuch in Pinneberg unabhängig zu sein . Er wechselte das Geld in Banknoten um und legte es zu dem Gürtel in die Kiste , dann aber machte er sich auf , um ein Schiff zu suchen , und schon am folgenden Tage war er unterwegs nach Hamburg . Heimkehr In Europa waren inzwischen die ersten siegreichen Schlachten gegen Frankreich geschlagen worden . Robert ersah aus den Zeitungen , die in England an Bord kamen , daß die deutsche Armee überall vorrückte , und freute sich darauf , bald selbst Soldat sein und seine Pflicht für das Vaterland tun zu dürfen . An Bord eines Kriegsschiffes dem Feind gegenüber zu stehen und sich mit ihm auf hoher See im Gefecht zu messen , - welch ein Erlebnis mußte das sein ! Niemand von der Mannschaft kannte die Pläne , mit denen er sich trug , niemand beachtete den stillen , schweigsamen jungen Matrosen , der seinen Dienst an Bord ordnungsgemäß erfüllte und in den wenigen Freistunden träumend auf das Wasser hinaus blickte , immer nachdenklicher und ernster , je mehr sich das Schiff der Heimat näherte . Jetzt war Helgoland in Sicht , dann Brunshausen und endlich Cuxhaven . Der Lotse kam an Bord , neue Siegesnachrichten verbreiteten sich unter den Passagieren und Matrosen , das Schiff lief in die Elbmündung ein , - es war Holsteins Küste , die sich dort in letzter Abenddämmerung von fernher abhob . Tief bewegt suchte Robert mit den Augen das geliebte Land . Holstein ! - Er sah wie im Traum die grünen Ufer , hinter denen , nur wenige Meilen entfernt , sein Elternhaus lag . Wie würde , er es finden , das niedere , alte Dach , - und wie die Menschen darin ? Ein Schauer überlief ihn . Wenn der Vater unbeugsam blieb ? Wenn er ihm die Tür wies und alle Leute es erfuhren , daß Robert Kroll im Elternhause ein Ausgestoßener war ? Er verscheuchte gewaltsam die trüben Gedanken und ging wieder an die Arbeit , während das Schiff die Elbe hinauffuhr und endlich am späten Abend in Hamburg vor Anker ging . Für die Nacht war an eine Auszahlung der Heuer nicht zu denken , und auch am folgenden Vormittag verzögerte sie sich , da mit einem Teil der Mannschaft unterwegs Zwistigkeiten entstanden waren . Erst abends um sieben Uhr konnte Robert , nachdem sich sein silberner Schatz um vierzehn Taler vergrößert hatte , an Land gehen . Mit welchen Gefühlen er aus der Jolle sprang und die Treppenstufen hinaufstieg , kann man kaum schildern . Sein Herz klopfte bis zum Hals . Einige Minuten lang stand er im Menschenstrom am Hafen regungslos still , um erst wieder etwas ruhiger zu werden , dann aber nahm er sich zusammen und ging mit der Kiste auf der Schulter in das nächste beste Logierhaus , um dort sein Hab und Gut in Sicherheit zu bringen , während er selbst einen Anzug und Wäsche kaufte und vor allem ein Bad nahm , um erst einmal wieder richtig sauber zu werden . Als er zurückkam , braungebrannt und frisch , mit einem kühnen Bärtchen auf der Oberlippe , ganz in frische Wäsche und den neuen Anzug gekleidet , erregte er mit seiner schlanken , hochgewachsenen Gestalt und seinem sicheren Auftreten überall Aufsehen und unverkennbares Wohlgefallen . Für heute war es zu spät , noch nach Pinneberg zu fahren , er mußte daher seine Ungeduld zügeln und versuchen , den Rest des Abends so gut wie möglich zu verbringen . Im Gastzimmer seines Logierhauses saßen die Menschen Kopf an Kopf . Unter ihnen befanden sich einige fremd aussehende Männer , die Robert auf den ersten Blick als französische Kriegsgefangene erkannte . Es waren Offiziersburschen , deren Herren in Privathäusern aufgenommen worden waren , und die man in nahegelegenen Wirtschaftslokalen untergebracht hatte , um sie ständig überwachen zu können . Auch einer der Offiziere war darunter , er saß für sich an einem Tisch , anscheinend ohne auf die lebhafte Unterhaltung der Gäste zu achten . Manchmal schrieb er in ein Buch einige kurze Bemerkungen , und dann durchlief sein Blick wie zufällig den Kreis der Umsitzenden , zu denen auch die Gruppe der Burschen gehörte . Einer von ihnen mußte sich sehr langweilen . Er malte bald mit dem Zeigefinger auf der Tischplatte , bald sprach er zu einem fast schwarzen Zuaven hinüber oder zu dem Kellner , der ihn durchaus nicht verstehen konnte , und in den Zwischenpausen zog er ein französisches Buch aus der Tasche , um einzelne abgebrochene Worte vor sich hin zu murmeln . Die Stammgäste am Nebentisch besprachen währenddem lang und breit das Neueste vom Kriegsschauplatz , wo die Armeen der Deutschen standen , die Kriegsschiffe lagen , welche Küstenplätze , man als bedroht ansehen müsse und wo die Gefahr am größten sei . Robert beobachtete das ganze Treiben , ohne ihm irgendein Interesse abgewinnen zu können . Er wandte sich an den Wirt und fragte ihn , ob in dieser Gegend noch eine Schenke sei , deren Eigentümer Peter Volland heiße , und ob er ihm den Weg dahin zeigen könne . Der Mann in Hemdsärmeln schien sich zu besinnen . » Peter Volland ? « wiederholte er fragend . » Ach ja doch , nun hab ' ich ' s , Peter Volland ! - Der sitzt im Zuchthaus ! « Ein plötzlicher , leiser Ausruf hinter ihm veranlaßte Robert , sich umzusehen . Es war ihm , als beuge sich der Franzose , der so unruhig sprach , noch tiefer als vorhin auf sein Buch herab . Sonst bemerkte er nichts . » Im Zuchthaus ? « wiederholte er . » Wie ist das möglich ? « Der Wirt zuckte die Achseln . » Da passierte vor drei Jahren eine dumme Geschichte « , sagte er . » Es wurde in seinem Hause ein Seemann so schwer verwundet , daß er bald darauf starb , und bei der Gelegenheit kam denn so manches andere mit heraus . Volland hatte noch ein kleines Nebengeschäft als Seelenverkäufer , indem er Jungen vom Lande an Schiffe vermittelte , auf denen geschmuggelt wurde oder manchmal noch Schlimmeres , Sie wissen schon , - hohe Versicherung , Ladung von Steinen und ein Korallenriff , an dem der Schoner verunglückte . Was gemacht werden kann , wird gemacht . Volland hatte auch noch einen Mitschuldigen , aber der war nicht aufzuspüren . « » Kerl « , hörte in diesem Augenblick Robert die Stimme eines der Gäste , » Kerl , ich glaube , du verstehst deutsch , - du lauerst auf das , was gesprochen wird ! « Eine Faust schlug derb auf die Tischplatte , und unter den Gästen entstand allgemeine Unruhe , während welcher sich der Offizier vom anderen Tisch unbemerkt entfernte . » Dieser Kerl versteht deutsch « , rief der Gast , auf den schon erwähnten Franzosen deutend , » er ist bei dem , was er reden hörte , bald rot , bald blaß geworden . « Roberts Blicke folgten der allgemeinen Richtung . Da saß der Offiziersbursche und schien unbekümmert zu lesen , wenigstens hielt er das bärtige Gesicht tief gesenkt , obgleich ganz offenbar seine Hände leise zitterten . Die übrigen Franzosen flüsterten miteinander . » Du ! « rief der Wirt , die Schulter des Mannes berührend , » du , verteidige dich , wenn du kannst , oder gib Rede und Antwort wie ein ehrlicher Kerl . Hast du verstanden , was gesprochen wurde ? « Jetzt mußte der Franzose aufblicken . Er tat es , aber nur einen Augenblick lang ruhte sein Auge auf dem Gesicht des Wirtes , dann wandte es sich wie von unwiderstehlicher Macht angezogen Robert zu . Etwas wie eine flehende Bitte schimmerte in den eingesunkenen Augen . Robert erschrak , ohne zu wissen , weshalb . Wo hatte er dies Gesicht schon früher gesehen ? Der Franzose stammelte in seiner Sprache einige Worte , die niemand verstand , die aber einem Blitzschlag gleich Robert alles erklärten . Als er die Stimme hörte , erkannte er den Mann . Eine unwillkürliche Bewegung der Hand verriet vielleicht diese Entdeckung , ein Name trat auf seine Lippen , aber der Blick der bittenden Augen hielt ihn zurück . Robert konnte nicht zum Verräter werden , auch jetzt nicht , als ihm der Mann gegenüberstand , der ihm soviel Unrecht zugefügt hatte . Er dachte nur : » Georg ! - Georg ! « - aber er sprach es nicht aus . Und der französische Gefangene las ihm seinen Entschluß von der Stirn . Er sah dreister um sich und fragte mit lauter Stimme , was man von ihm wolle . Der Wirt schüttelte den Kopf . » Sie irren sich « , beruhigte er den entrüsteten Gast . » Dieser Mann versteht kein Wort . « Um Roberts Lippen kräuselte sich ein verächtliches Lächeln . So tief war Georg gesunken , daß er dem Feind diente ? - Das konnte er ihm weniger verzeihen als den Diebstahl , zu dem ihn damals die bittere Not getrieben haben mochte . Er ging hinaus und suchte durch einen weiten Spaziergang an der Elbe entlang wieder ruhiger zu werden , er dachte über die ernste Lehre nach , die ihm dieser Abend gegeben hatte , und daß es doch wahr sei , was ihm so oft gepredigt worden war und was er immer wieder in den Wind geschlagen hatte , daß jede Schuld auf Erden ihre Strafe findet . Peter Volland im Zuchthaus , Georg ein Kriegsgefangener , der sein Vaterland und seine Sprache verleugnen mußte , und endlich - er selbst ? Was erwartete ihn vielleicht zu Hause in Pinneberg ? Er nahm sich vor , es zu ertragen wie ein Mann und sich nichts zu vergeben , auch nicht seinem Vater gegenüber . Je näher der Augenblick des Wiedersehens heranrückte , desto stärker wurde sein Trotz , mit dem er sich auf sein Geld berief . Wieder in das Logierhaus zurückgekehrt , legte er sich sogleich ins Bett und wollte möglichst die ganze Zwischenzeit bis zur morgigen Abreise ohne Unterbrechung verschlafen . Aber schon nach fünf Minuten wurde er durch einen unerwarteten Besuch gestört . Im Türrahmen stand Georg . Er wagte wie ein armer Sünder keinen Schritt über die Schwelle . Robert sah das eingesunkene , blasse Gesicht des ehemaligen Seilers , die ganze kümmerliche Haltung und das Beschämende