Bauernbursche es entgelten , wenn man von den Kanzeln des Landes unsere heilige Kirche schmähen darf ? Soll es ihm hingehen , dem unreifen jungen Manne , dem lutherischen Candidaten , daß er sich auflehnte gegen das Gesetz seines Landes , gegen den Willen seines Königs , der unsere Gewissensfreiheit und unsere freie Religionsübung so gut wie die der Andersglaubenden zu schützen hat ? Wollen Sie es dulden , daß dieser freche anmaßende Mensch Ihren Entschließungen , Ihrem freien Willen auf der Kanzel Ihrer eigenen Kirche entgegentritt ? daß er Ihre Leute zur Beurtheilung Ihrer Handlungen aufreizt , daß er sie zu Ihren Richtern macht ? - Ich für meinen Theil habe gleich gethan , was meines Amtes war . Ich habe noch an demselben Tage dem Fürstbischof einen Bericht der Vorgänge eingesandt . Ich habe ihn aufgefordert , bei der Regierung Beschwerde über den Angriff zu führen , der durch den Candidaten gegen unsere freie Religionsübung vollführt ist , und es müßte keine Gerechtigkeit im Lande mehr zu finden sein , wenn uns unser Recht , und dem Gotthard nicht das seinige werden sollte . Es war selten , daß der Caplan sich also lebhaft äußerte , und dem Freiherrn fiel es daher auf . Er hatte in dem ruhigen Laufe der Zeiten es fast vergessen , daß sein alter Lebensgenosse noch etwas Anderes als nur sein Hausgeistlicher , daß er ein Mitglied jenes großen Clerus , jenes wundervollen Organismus sei , dessen Mitglieder , aus allen Schichten des Volkes hervorgehend , über die ganze Welt zerstreut , in sich vereinigt , und losgelöst von allen Banden der Familie , in Einem der Ihrigen gipfeln , der sich die höchste irdische und geistliche Machtvollkommenheit zuerkennt , von welcher ein Theil auch dem geringsten Angehörigen dieses Bundes übertragen wird , so daß ein jeder zur Befestigung und Stärkung des großen Ganzen mitwirkt , während er sich von demselben getragen , gehoben und beschützt weiß . Aber es war dem Freiherrn nicht willkommen , daß der Caplan ihn in diesem Augenblicke an seinen Zusammenhang mit seiner Kirche mahnte , daß er für seinen Theil Maßregeln getroffen und selbstständige Schritte gethan hatte . Er sah dies als einen Uebergriff in seine Rechte an und er war eben jetzt noch weniger als sonst gewillt , seinen Rechten etwas zu vergeben . Ohne daher auf die Anmahnungen des Caplans weiter einzugehen , sprach er kalt und ernst : Ehe wir daran denken dürfen , die Freiheit unseres Cultus zu vertreten , scheint es mir nothwendig , daß den Verbrechern ihre Strafe , daß Justiz geübt werde , wo gegen das Gesetz gefrevelt ward . - Was hat der Justitiarius gethan ? Der Caplan , der sich zurückgewiesen sah und dies für sich und mehr noch für die heilige Sache , der er diente , schwer empfand , ließ den Freiherrn seine Antwort eine kleine Zeit erwarten . Dann sagte er : Bei dem wüsten Angriffe , den man auf unsere unglücklichen Glaubensgenossen richtete , bei der Plötzlichkeit und Wildheit , mit der Alle zugleich über die Beklagenswerthen herfielen , war es nicht zu sagen , wer die That verübt . Jeder konnte , Niemand wollte der Mörder sein , und noch hatte der Justitiarius nichts entschieden , als Steinert von seinem Ausfluge zurückkam . Mit Einem Blicke übersah er , was geschehen war , mit Einem Satze war er vom Pferde , und rasch den Stephan aus Neudorf bei der Brust fassend , rief er : Wer ' s gethan hat , das weiß in diesem Augenblicke Gott allein , aber sein Theil Schuld wird dieser hier an all dem Unheil haben , denn ich habe sie oft genug von ihm gehört , die Redensarten gegen den Kirchenbau und gegen die Fremden und die Franzosen . Er wird auch jetzt wieder der Anführer gewesen sein ! Führt diesen hier vor allen Dingen weg , und dann wollen wir weiter sehen ; das Uebrige wird sich finden ! Und was dann ? fragte der Freiherr , dessen Miene sich belebte , da er hörte , daß eine entschlossene Hand über die Aufrührischen gekommen war . Steinert selbst übergab dann Stephan den beiden Amtsboten ; in dem Bestreben , sich zu rechtfertigen , zieh der Verhaftete Andere der Schuld , und auch diese hat man festgenommen ; es sitzen ihrer acht . Murrend und drohend gingen die Männer , weinend und schreiend gingen die Weiber aus einander . Steinert eilte nach Neudorf in die Pfarre . Ich war nicht im Stande , meine Reise an dem Nachmittage fortzusetzen , und hätte ich es vermocht , so wäre es doch nicht zulässig gewesen . Ich mußte bleiben , um die Stelle zu weihen , wo die Erschlagene ruhen sollte , und um sie zu bestatten , und in Beidem habe ich keine Störungen erlitten . Ich habe ihr Grab in der Nähe des zertrümmerten Standbildes graben lassen , damit die Leute es auf ihrem täglichen Wege vor den Augen haben . Der Caplan schwieg , der Freiherr hatte sich niedergelassen und den Kopf auf die Hand gestützt . Er schauderte zusammen , aber er sagte nicht , was ihn bewegte , bis er sich plötzlich mit dem Ausrufe : Gleich morgen muß ich hin , gleich morgen ! von seinem Sessel erhob . Um Ihre Rückkehr zu bitten , hatten sowohl Steinert als der Justitiarius mir auch aufgetragen ! meldete der Caplan , indem er gleichfalls aufstand . Und weshalb das ? fragte der Freiherr . Um zu begnadigen , wo jene nur Gerechtigkeit zu üben hätten ! Der Freiherr blieb vor ihm stehen . Und Sie würden mir rathen , dem Gesetze vorzugreifen ? Sie würden der Meinung sein , daß ich durch schwache Nachgiebigkeit ähnlichen Freveln Thür und Thor öffne ? Ich würde die höchste Strenge für den bewußten Urheber des Frevels fordern und Gnade üben .... Der Freiherr fuhr auf . Strenge fordern , wo ich nicht zu richten habe , und freveln lassen , wo ich Herr bin ? - Nein , Caplan ! Ich gehe nach Hause , morgen - aber sie sollen sich meiner Rückkehr nicht zu freuen haben , sie sollen sehen , daß ich der Herr bin ! Der Caplan versuchte , Einspruch zu thun , des Freiherrn Ansicht umzustimmen , aber es gelang ihm nicht . Ueberzeugung gegen Ueberzeugung ! sagte der Freiherr . Sie folgten Ihrem Gewissen , als Sie sich an den Fürstbischof wandten , ich folge dem meinigen , indem ich mich meines Rechtes bediene , mir selber Recht schaffe , und ich muß der verruchten Rotte zeigen , was sie vor meinem Willen und Belieben gilt ! Aber vor allen Dingen muß ich die Herzogin sehen ! - Und der Thüre zuschreitend , sprach er zu sich selber : Das ist ein schwerer , schwerer Gang ! Neuntes Capitel Der Tod und das gewaltsame Ende ihrer Kammerjungfer erschütterten die Herzogin nicht in dem Grade , in welchem der Freiherr es gefürchtet hatte . Die Revolution mit ihrer Schreckensherrschaft hatte die Menschen ihres Landes hart gewöhnt , und die Herzogin hatte mehr verloren , hatte unter dem Beile der Guillotine zahlreiche Opfer fallen sehen , die einen anderen Anspruch an ihr Herz und an ihr Mitgefühl gehabt , als ihre Dienerin , wie sehr dieselbe ihr auch ergeben und bequem gewesen war . Hätte die Herzogin sich in Richten befunden , hätte sie heute die Dienste von Mademoiselle Lise empfangen und sie morgen entbehren , morgen mühsam einen Ersatz für sie suchen müssen , so würde sie ihren Verlust schmerzlicher bedauert haben und von dem Ereignisse mehr ergriffen worden sein . So aber übte die Entfernung ihre abschwächende Kraft . Die Herzogin hatte daneben die Bemerkung gemacht , daß die junge Kammerjungfer der Baronin eben so brauchbar und weniger launenhaft als die alte Mademoiselle Lise sei , und die Herzogin machte niemals einen unnützen Gefühlsaufwand , wo sie nicht etwas Bestimmtes damit zu erreichen dachte . Sie nannte die Todte ein Opfer ihres frommen Glaubens , eine arme Martyrin , und kaum hatte sie diese Bezeichnung für sie gefunden , als sie dieselbe mit so viel Leichtigkeit handhabte , als wäre es der Eigenname der Erschlagenen gewesen . Sie war mit jedem Ereignisse fertig , sobald sie die Form gefunden hatte , in der sie es betrachten und den Anderen darstellen wollte , und wichtiger als alles Uebrige war ihr jetzt die Frage , ob sie den Freiherrn nach Richten begleiten oder in der Stadt zurückbleiben solle , um erst mit Angelika nach deren erfolgter Herstellung auf das Land zu gehen . Daß man der Kranken den Vorfall in Richten verbergen müsse , verstand sich von selbst . Indeß für die plötzlich beschlossene Abreise des Freiherrn mußte man ihr doch Gründe angeben , und während man überlegte , was man ihr sagen sollte , ging die Herzogin mit sich selbst zu Rathe . Angelika hatte seit ihrem Erkranken sich weniger als sonst die Mühe genommen , den Anschein eines guten Einvernehmens zwischen sich und ihrem Gaste aufrecht zu erhalten . Die Frauen sahen sich oft in mehreren Tagen nicht ; wenn die Herzogin sich entfernte , wurde also in ihrem Verhältnisse zur Baronin nicht eben viel verändert . Sie hatte neben ihr nicht zu gewinnen und nicht zu verlieren , aber dem Freiherrn konnte sie ihre Freundschaft beweisen , wenn sie sich erbot , ihn in einem Augenblicke zu begleiten , in welchem widerwärtige Ereignisse und unangenehme Pflichten ihn in Anspruch nahmen . Während er es noch mit gewohnter Rücksicht überdachte , wie er in seiner Abwesenheit am besten für das Behagen der Herzogin sorgen könne , hatte diese ihren Entschluß gefaßt , und sanft ihre Hand auf seinen Arm legend , sagte sie : Heute , mein Freund , behandeln Sie mich nicht nach meiner Würde , denn nicht nur in der Ehe , auch in der Freundschaft verbindet man sich für gute und für üble Tage . Sie können nicht glauben , daß ich hier verweilen werde , wo ich Niemandem von Nutzen bin , und daß ich Sie allein nach Richten gehen lasse , wo es mir vielleicht doch hier und da gelingt , Ihnen mit meinem Geplauder über eine verdrießliche Stunde fortzuhelfen , und wo Sie an mir wenigstens eine verständnißvolle Zuhörerin besitzen , wenn Sie sich zu irgend welchen Mittheilungen aufgelegt fühlen . Das muß feststehen unter uns , daß ich Sie jetzt begleite , und ich meine , auch unsere Kranke wird den Caplan ruhiger bei sich behalten , wenn sie weiß , daß Sie , mein Freund , deßhalb nicht ohne Gesellschaft bleiben müssen . Der Freiherr , der wie gar viele Menschen jedes Opfer , welches ihm die Seinigen brachten , als selbstverständlich ansah , aber die geringste Gefälligkeit , welche ihm von Fremden bewiesen ward , hoch anzuschlagen liebte , weil er darin eine doppelte Befriedigung seiner Eitelkeit fand , nahm das Anerbieten der Herzogin mit warmer Erkenntlichkeit auf und an , und nachdem man sich über diesen einen Punkt verständigt hatte , legte alles Uebrige sich leicht zurecht . Man sagte der Baronin , daß eine schwere Krankheit von Mademoiselle Lise den Caplan so lange in Richten zurückgehalten habe , daß die Kranke nach der Herzogin verlange , und daß diese sich bewogen fühle , den Wunsch ihrer vieljährigen Dienerin zu erfüllen . Allein reisen konnte man die Herzogin nicht lassen , und da der Caplan eben erst angekommen , der Freiherr aber lange von Richten entfernt war , so lag es nahe , daß der Letztere die Herzogin nach Hause geleitete und daß er den Vorschlag that , auch Renatus mit sich zu nehmen , für welchen man den Aufenthalt in der Stadt bei der heißen Jahreszeit nicht vortheilhaft glaubte . Die Baronin zeigte sich mit dieser Einrichtung einverstanden , ja , sie selber machte den Vorschlag , der Herzogin ihre Kammerjungfer ein für alle Mal abzutreten , da sie sich künftig von Mamsell Marianne bedienen zu lassen dachte , und Seba hatte kaum davon gehört , als sie sich erbot , die Pflege und Wartung der Baronin ausschließlich über sich zu nehmen , bis Marianne , die man sogleich benachrichtigen wollte , aus der Residenz bei ihrer Herrin eintreffen würde . Indeß dem Freiherrn wollte das nicht gefallen . Er war gerecht genug , die Dienste zu schätzen , welche Seba der Baronin bisher geleistet hatte , aber er konnte den Zusammenstoß nicht vergessen , den er um Paul ' s willen mit Seba gehabt . Allerdings hatte ihr ruhiges und gleichmäßiges Betragen ihm später keinen Grund zum Mißfallen gegeben , und wenn er die Angelegenheit nur von Seiten der Bequemlichkeit betrachtete , so konnte er es gar nicht besser wünschen . Beide Frauen , die Herzogin und Angelika , wurden zufrieden gestellt , beide wußte er bedient , wie sie es bedurften , die Abreise brauchte durch die Wahl einer Kammerjungfer für die Herzogin nicht um eine Stunde verzögert zu werden , und man hatte für die Zukunft eine angemessene Verwendung für Marianne gefunden , während man den Aufwand für die Bedienung der Baronin sparte . Aber mit der fortschreitenden Erholung seiner Frau regte sich in dem Freiherrn ein immer lebhafteres Bedenken dagegen , sie überhaupt in dem Hause des Juweliers zu lassen , weil Herbert in demselben wohnte . Er hatte augenblicklich daran gedacht , als die Baronin erkrankte , aber er hatte Herbert abwesend gewußt und sich damit beruhigt , daß Angelika das Haus verlassen haben werde , ehe jener in dasselbe wiederkehre . Nun , da er seine Gattin allein zurücklassen sollte , mußte er sich fragen , ob sie von jenem Umstande Kenntniß habe , ob und in wie weit Seba von den obwaltenden Verhältnissen unterrichtet sei und in wie fern er sich auf ihre Zurückhaltung verlassen könne . Mit Angelika jetzt von Herbert zu sprechen , hielt er nicht für rathsam , gegen die Flies ' sche Familie irgend eine Abmahnung zu äußern , hätte ihm eine Beleidigung seiner eigenen Ehre gedünkt , und nachdem er in seinem Geiste das Für und Wider schnell erwogen , gab ein Blick auf die Gestalt Angelika ' s für seine Entscheidung den Ausschlag . Er hatte immer nur von der baldigen und völligen Herstellung seiner Frau gesprochen , weil es ihm thöricht dünkte , sich unabweisliche Trübsal im Voraus zu vergegenwärtigen , aber jetzt , da er seine Entschlüsse danach zu fassen hatte , verbarg er sich es nicht , was selbst der Arzt ihm kaum verhehlen mögen : Angelika hatte keine völlige Herstellung zu erwarten , er hatte von der Zukunft dieser Frau nicht viel zu hoffen , nichts mehr zu befahren . Er konnte und mußte ihr zu seiner eigenen Genugthuung gewähren , was sie wünschte , was sie freute . Er gönnte ihr also auch die Gesellschaft Seba ' s , er gönnte ihr den Aufenthalt im Flies ' schen Hause , in dem man zu größerer Beruhigung der Scheidenden auch dem Caplan ein Unterkommen anbot , und zufrieden , sich allen Theilen gefällig zeigen zu können , durfte der Freiherr sich das Zeugniß geben , daß er unter diesen Umständen das Richtige thue , wenn er Angelika der Pflege Seba ' s überlasse , und sich getrösten , daß er auch in Richten das Nothwendige und Rechte zu thun nicht versäumen werde . Die Zurüstungen für die bevorstehende Abreise wurden denn nun schnell gemacht , und da die Baronin zuversichtlich hoffte , daß sie in nicht zu ferner Zeit den Scheidenden werde folgen können , trennte sie sich von ihrem Gatten und selbst von ihrem Sohne weniger schwer , als man es für sie gefürchtet hatte . Sowohl für den Freiherrn als für die Herzogin waren die Ereignisse traurig genug , welche ihre Abreise aus der Stadt veranlaßten , und doch athmeten beide freier auf , als sie sich auf dem Wege fanden . Keiner von ihnen vermißte die arme Kranke , jeder von ihnen fühlte sich fern von ihr erleichtert . Der Freiherr hatte doch gar manche Stunden , in denen er es sich nicht wegleugnen konnte , daß er , von aufgestachelter Eifersucht verblendet , eine schwere Ungerechtigkeit gegen seine Frau begangen habe , welche sie mit einer Ergebung trug , die ihm dieses Unrecht beständig ins Gedächtniß rief . Es kamen Augenblicke , in welchen er die Trennung , die er freiwillig und vermessen über sich und seine Frau verhängt hatte , als einen unheilvollen Schritt beklagte , und in denen Gewohnheit und aufwallende Neigung ihn zu ihr ziehen wollten ; aber wo in einer Ehe selbstsüchtiger Stolz einmal die Alles umfassende und tragende Liebe zurückgedrängt hat , wo das volle Vertrauen einmal anbrüchig geworden ist , da flüchtet die kleinste Mißhelligkeit sich in den Riß , nistet sich ein , schlägt Wurzel und wächst mit der nächsten noch unbedeutenderen Mißhelligkeit zusammen , bis sie stark genug werden , den Riß zu erweitern , und der Bruch wird vollends unheilbar , wenn , wie in dem freiherrlichen Hause , ein scharfes Auge und eine geschickte Hand bereit sind , dem natürlichen Lauf der Dinge arglistig nachzuhelfen . Der Freiherr wußte , daß seine Gattin unglücklich war , er fühlte sich auch nicht glücklich , aber die Herzogin verstand es , jede der Baronin günstige Stimmung in dem Freiherrn entweder zu verbittern oder zu unterdrücken , und was im Beginne nur ein müßiges Spiel für sie gewesen , war ihr allmählich zum Lebenszweck geworden . Sie hatte am Anfange weder für den Freiherrn noch für Angelika eine besondere Vorliebe gefühlt , aber die Leichtigkeit , mit welcher dieser sich für ihre selbstsüchtigen Zwecke benutzen und ausbeuten ließ , und das heimliche Widerstreben gegen ihren Einfluß , das zu allen Zeiten immer wieder in der Baronin rege geworden war , bis es sich zu einem entschiedenen Mißtrauen und einer nicht mehr verhehlten Abneigung gegen die Herzogin gesteigert , hatten auch die Empfindungen der letzteren bestimmt , und sie fand ein Wohlgefallen daran , es sich auszusprechen , daß sie ihrem guten Vetter , dem Freiherrn , eben so ergeben sei , als sie dessen kränkelnde , empfindsame und für ihn in keiner Weise passende Gemahlin hasse ! Ja , dieser Haß war ihr zum eigentlichen Genusse geworden , weil er eine starke , mächtige , sie immer belebende und antreibende Empfindung war . Sie liebte , sie pflegte diesen Haß in sich . Es versetzte sie in die beste Laune , nun einmal aller Rücksichtnahme für Angelika enthoben zu sein , und auch der Freiherr fand es leichter und angenehmer , die geistreiche , witzige , mit allen Dingen leicht und schnell fertige Herzogin zu unterhalten , als eine Kranke neben sich zu haben , deren kummervolles Herz , deren besorgter Sinn sich nicht von den Gegenständen abziehen ließen , mit denen sie erfüllt und beschäftigt waren . Das Wetter war schön , die Gegend , durch die man fuhr , zeigte sich im günstigsten Lichte , die Unbequemlichkeiten , welche das Reisen in jenen Tagen immer noch mit sich brachte , wurden bei der guten Jahreszeit wenig fühlbar , und die Herzogin hatte in ihrem Wanderleben so mannigfache Beschwerden und Entbehrungen ertragen lernen , daß diese Reise an des Freiherrn Seite ihr in der That Vergnügen bereitete . Seine Zuvorkommenheit und ihre Dankbarkeit , seine Galanterie und die heitere Gefallsucht , die geistvollen Frauen nie verloren geht und sie selbst im späten Alter den Männern noch zu erwünschten Gesellschafterinnen macht , steigerten sich an einander , und ihre Gleichaltrigkeit ließ sie beide immer leicht vergessen , daß die Tage der Jugend so fern hinter ihnen lugen . Der Freiherr betraf sich mehrmals bei dem Bedauern , daß er der Herzogin nicht vor zwanzig , vor fünfundzwanzig Jahren so nahe gestanden habe als jetzt ; auch sie selber dachte daran , daß es sich mit einem Manne von den Eigenschaften des Freiherrn wohl hätte leben lassen , wenn er ihr , wie ihr Gatte , einen Herzogstitel zu bieten gehabt hätte ; und wie die Kindheit es liebt , sich spielend in das Alter der Erwachsenen hinein zu denken , so gefielen die Reisenden sich darin , von ihren Erinnerungen die hellen Farben der Jugend zu entlehnen , um sich mit ihnen vor sich selbst zu schmücken . Sie spielten mit einander Jugend , wie die Kinder Alter spielen , und auf das beste unterhalten durch den Selbstbetrug , einander noch mehr angenähert als je zuvor , schwanden die Reisetage ihnen so anmuthig dahin , daß der Freiherr fast des Anlasses vergaß , der ihn in die Heimath zurückgerufen hatte . Indeß mit der Annäherung an seine Grenzmark konnte er sich der Gedanken , die er gern geflohen , doch nicht mehr entschlagen , und die Herzogin bemerkte , wie er still und stiller wurde . Es war spät am Nachmittage , als sie den Wald erreichten , der sich von der Grenze bis nach Neudorf hinzog . Die Hitze war während der letzten Wochen sehr groß gewesen ; die Sonne stand noch hoch . Wie mit rothem Golde übergossen , glühten die braunen Stämme der Kiefern , und über ihren breiten , grünen Dächern , auf ihren leuchtenden Wipfeln flammte das heiße Licht . Kein Lufthauch störte die Stille in dem weiten Walde , dessen mächtige , schlanke , von ihren reichen Kronen überwölbte Stämme sich wie die Hallen eines Tempels weithin vor den Reisenden ausdehnten . Man meinte es zu sehen , wie die brütende Hitze den harzigen Stämmen ihren balsamischen Duft entlockte und wie aus den einzelnen moorigen Wiesen , die sich zwischen dem Walde hinzogen , die letzte Feuchtigkeit entwich . Lautlos flogen die Vögel von Zweig zu Zweig , nur die Käfer summten , und langsam , wie beladen mit zu schwerer Bürde , flogen einzelne Bienen über den Wagen hin , während hellfarbige Schmetterlinge ihm in gaukelndem Fluge paarweise folgten . Auf den Befehl ihres Herrn hatten die Diener geschäftig den Wagen zurückgeschlagen , und in dem Walde umherschauend , sagte der Freiherr , indem er sich mit leichter Hand die Stirn trocknete : Ah , endlich auf eigenem Grund und Boden , endlich in freier , heimischer Natur ! Die Herzogin sah ihn an , als wolle sie sich überzeugen , ob er ernsthaft spreche , und sagte dann lächelnd : Gewisse Dinge kann ich auch meinen ältesten und besten Freunden immer nur mit Mühe glauben , und daß Sie , mein Cousin , sich wirklich an der rohen Natur erfreuen können , daß es Ihnen Vergnügen macht , das Gras auf einer Wiese und das Wasser in einem Bache zu betrachten , davon werden Sie mich nicht überreden . Ueberlassen wir das den Leuten , die , wie der Apostel der Uncultur , wie der grillenhafte , unerzogene Rousseau , in der Gesellschaft ihren Platz nicht zu behaupten und mit ihres Gleichen nicht zu leben verstehen . Wir , die wir in unserer Väter Schlössern geboren wurden , dünkt mich , sind nicht dazu gemacht , die Neigungen der gefiederten Waldbewohner und der in Hütten Geborenen zu theilen . Die Bewunderung der Natur ist mir ein zu bürgerliches Vergnügen , ist revolutionärer , als es scheint , und ich für meinen Theil - ich fühle sie nicht ! Der Freiherr , bei welchem solche Einfälle der Herzogin sonst einen schnellen Wiederhall fanden , nahm diesen nicht mit der erwarteten Bereitwilligkeit auf . Das verdroß sie ; sie lehnte sich in die Wagenecke zurück , in der Gewißheit , daß ihr Reisegefährte seine Unachtsamkeit bald zu vergüten streben werde . Aber ihre Voraussetzungen täuschten sie , und von der Wärme ermüdet , von der sanften Bewegung des Wagens gewiegt , ließ sie die Augenlider sinken , und bald hatte der Schlummer sie überwältigt . Dem Freiherrn kam das sehr gelegen . Seine Freude an dem eigenen Grund und Boden währte dieses Mal nicht lange . Schon als er nach der Stadt gefahren , hatte er mit Mißvergnügen gesehen , wie stark die Waldungen mitgenommen waren . Grade die mächtigsten Stämme , die Zierden und der Stolz des Waldes , waren mit diesem Theile der Waldungen der unbarmherzigen Axt erlegen , und jetzt , wo er , von der andern Seite kommend , in die Ferne sah , fand er die Gegend so verändert , daß sie ihm fast wie fremd erschien . Gleich am Eingange des Waldes konnte man die Neudorfer Kirche , welche sonst erst am Ausgange desselben sichtbar gewesen war , erblicken . Es nahm sich nicht übel aus ; es mochte auch vortheilhaft sein , daß man das große Terrain zur Seite des Weges gerodet hatte , denn es war schwerer Boden , der nach gehöriger Behandlung guten Ertrag versprach . Aber alle diese Aenderungen waren nicht freiwillig gemacht ; sie waren von einer Nothwendigkeit geboten worden , und es war nicht mehr das heitere Auge des zufriedenen Besitzers , mit dem der Freiherr auf den weiten , schönen Theil des Waldes blickte , der nach den abgeschlossenen Contracten im nächsten Herbste auf Betrieb des Käufers fallen mußte . Er genoß diese Natur nicht mehr rein , er berechnete ihren Ertrag . Er konnte sich nicht verbergen , daß er eine völlige Aenderung in seiner Lebensführung eintreten lassen müsse , wenn er erhalten wollte , was noch sein war , wenn er auf Renatus vererben wollte , was er überkommen hatte . Aber wie er auch darüber sann , er fand nicht , daß er ein Ungehöriges gethan , er hatte immer nur das von seinen Verhältnissen Geforderte geleistet , und er war so völlig mit seinen Gewohnheiten und Anschauungen verwachsen , daß ihm eine wirkliche Einschränkung unmöglich dünkte . Daß ein Edelmann von Haus und Hof vertrieben , wie seine Freundin heimathlos und flüchtig werden könne , das begriff er , und fast däuchte ihm dieses Loos erträglicher , als inmitten seiner Standes- und Lebensgenossen von seinen Gewohnheiten abzuweichen , oder eine Stufe von der Höhe hinunter zu steigen , auf welcher die Herren von Arten sich hierlands seit Generationen behauptet hatten . Er wiederholte es sich , daß er in seinem vollen Rechte sei , er versuchte endlich , sich es klar zu machen , daß im Grunde gar nichts geschehen sei , ihn zu beunruhigen ; denn was war es denn so Wichtiges , daß man ein altes , unbehagliches Haus verkaufte , oder daß man Wälder ausschlagen ließ , um die Mittel für einen großartigen Bau und für neue Cultivirungen zu schaffen ? Man konnte in der Residenz , wenn man es wollte , ein schöneres , bequemeres Haus erbauen , und die Herrschaft hatte des Waldes von allen Arten noch genug . Indeß wie oft er sich dies Alles auch wiederholte , es wollte ihm das Wohlgefühl nicht wiedergeben , mit welchem sonst der erste Schatten seines Waldes ihn erfüllt , und es waren lauter unerfreuliche Bilder , lauter trübe Vorstellungen , die sich in seinem Geiste entwickelten . Ein scharfer Luftzug schreckte ihn aus denselben empor . Er wurde achtsam , die Sonne schien nicht mehr durch das Laub . Er hörte den Ton des Regenpfeifers , und nicht fern vom Wege klopfte und hämmerte der Specht . Das Wetter hatte sich geändert , während sie durch den Wald gefahren waren . Es überlief den Freiherrn fröstelnd . Auch in seiner Seele klopfte und mahnte es heute gar vernehmlich , und sich in seinen leichten , weißen Reisemantel hüllend , sagte er halblaut und seufzend zu sich selber : Es ändert sich eben Alles ; es währt hienieden nichts ! - Aber er unterdrückte die Gedankenreihe , welcher der Ausruf entsprungen war , wie jene , welche sich an ihn knüpfen wollte . Von dem Luftwechsel erwachte die Herzogin . Man hatte das freie Feld erreicht ; einzelne Dohlen schwangen sich mit versuchendem Flügelschlage von dem Boden auf , hoben die Köpfe , als wollten sie sehen , woher der Wind komme , und flogen dann dem Walde zu . Krächzend und mit schallendem Flattern folgte ihnen die ganze Schaar . Wir bekommen ein Gewitter , sagte der Freiherr ; die Krähen suchen Schutz . Aber ich hoffe , daß wir Richten noch erreichen , bevor das Wetter aufkommt . Die Kutscher trieben die Pferde an , man fuhr schnell an den Gegenständen und an den Menschen vorüber . Auf den Wiesen war Alles in voller Thätigkeit ; man war in der Heu-Ernte und hastete sich bei dem heraufziehenden Wetter , wenigstens die wartenden Wagen noch voll zu laden , um sie womöglich trocken unter Dach zu bringen . Trotzdem erregte das Erscheinen der beiden Reisewagen ein großes Erstaunen . Niemand war von der Heimkehr des Freiherrn unterrichtet gewesen , und man hielt erschrocken mit der drängenden Arbeit inne . Die Mützen flogen bei dem Anblicke des Freiherrn mit gewohnter Unterthänigkeit von den Köpfen , aber die Gesichter lachten nicht so freudig wie sonst , wenn der Freiherr nach längerer Abwesenheit heimzukehren pflegte . Man fragte einander , was diese unerwartete Ankunft zu bedeuten habe , aber man war nicht begierig , die Antwort des Befragten zu vernehmen ; und daß die Herzogin bei dem Freiherrn saß , während die Baronin nicht mitgekommen war , das steigerte die unheimliche Angst , von welcher die Leute sich in der Erinnerung an ihre Missethat ergriffen fühlten . Jeder Einzelne wollte nicht gern besonders wahrgenommen werden , sondern trat lieber hinter seinen Nebenmann zurück ; denn sie dachten , wen der Herr ins Auge fasse , auf den richte sich sein Verdacht so wie sein Zorn . So geschah es , daß die Leute , Alt und Jung , zurückwichen , wo des Freiherrn Wagen vorüberfuhr , und sein scharfes Auge bemerkte das und wußte es zu deuten . Man fürchtete in ihm den Richter , das sollte und mußte so sein . Er war nach Hause gekommen , um strenges Gericht