und zuletzt noch zwei Paar Pistolen aus den Wohnungen einiger Officiere , die man mit Hülfe des Adreßkalenders in der unmittelbarsten Nähe ausgekundschaftet hatte . Die Waffen wurden vertheilt , und jedem Schützen sein Posten auf der Barricade angewiesen ; jeder Schütze hatte einen Mann als Lader bei sich ; in der Küche des Erdgeschosses eines der nächsten Häuser wurden unter Aufsicht eines alten einäugigen Mannes , der schon die Befreiungskriege mitgemacht und sich zu diesem Posten erboten hatte , Kugeln gegossen ; Straßenjungen , die lustigen Sturmvögel des Barricadenkampfes , sollten die Kugeln den Kämpfern zutragen . Die Viertelstunde , die Oldenburg als die längste Zeit , in welcher man fertig werden müsse , bestimmt hatte , war verlaufen ; und schon der nächste Moment bewies , wie richtig er gerechnet . Die Büchsen waren kaum geladen und die Männer eben an ihre Posten getreten , als ein Bataillon Infanterie die Straße heranmarschirt kam . An seiner Spitze ritt ein Major . Er ließ in einiger Entfernung von der Barricade seine Truppe Halt machen und ritt bis auf wenige Schritte heran . Es war ein alter grauhaariger Mann mit einem gutmüthigen Gesicht , dem offenbar bei Erfüllung seiner blutigen Pflicht nicht sonderlich wohl war . Seine Stimme klang hohl und zitterte ein wenig , als er jetzt , so laut er vermochte , rief : Ihr da ! ich muß hier mit meinen Leuten durch , und wenn Ihr das Ding , das Ihr da gebaut habt , nicht gutwillig wegräumt , so muß ich von der Schußwaffe Gebrauch machen . Das sollte mir Eurethalben leid thun ! Oldenburg trat auf die Barricade . Im Namen der Männer hier , sagte er , seinen Hut höflich gegen den Major lüftend ; erkläre ich Ihnen , daß wir entschlossen sind , Einer für Alle und Alle für Einen zu stehen und die Barricade zu halten , so lange es uns möglich ist . Oldenburgs Erscheinung und seine Rede imponirten dem alten Krieger sichtlich . Sie sind der Anführer von den Leuten ? Ich habe die Ehre . Sie scheinen ein verständiger Mann . Da müssen Sie doch einsehen , daß das Ding da nicht lange halten kann und daß Ihr mit Euren paar Schüssen nicht weit kommen werdet . Reißt das Ding herunter und die Sache ist gut . Es thut mir leid , Ihnen diesen Gefallen nicht thun zu können und meine erste Entscheidung wiederholen zu müssen . Nun denn , rief der alte Mann mehr verdrießlich als zornig , so soll Euch Alle der Teufel holen ! Mit diesen Worten warf er sein Pferd herum und galoppirte zu seiner Truppe zurück . Oldenburg war froh , daß die Unterredung zu Ende war . Sein schneller Blick hatte ihm gezeigt , daß das gütige Zureden des Majors seinen Einfluß auf die Menge nicht verfehlt hatte und daß mehr als Einer unentschlossen und zaghaft dreinschaute . Er wandte sich um und rief : Ist Einer unter Ihnen , der es süßer findet , für das Vaterland und die Freiheit leben zu bleiben , als zu sterben , der möge es jetzt sagen ! Noch ist es Zeit . Die Männer standen regungslos und lautlos . Wohl mochte manches Herz stärker gegen die Rippen pochen ; aber Jeder fühlte , daß der Würfel geworfen und daß jetzt umzukehren , schimpflicher Verrath sei . Da schlugen drüben die Trommeln den Sturmmarsch und ihr eherner Klang schmetterte die letzten Bedenken weg . Jeder Mann an seinen Posten ! rief Oldenburg mit einer Stimme , die hell wie Trompetenton das Rasseln der Trommeln übertönte ; kein Schuß fällt , kein Stein wird geschleudert , bevor ich das Zeichen gebe . Oldenburg blieb auf der Barricade stehen und sah die Colonne im Sturmschritt heranrücken . In der Mitte die Tambours und der Major , der mit seiner Grabstimme commandirte : Bataillon halt ! Legt an ! Feuer ! Die Salve krachte , die Kugeln hagelten in die Barricade und gegen die Wände der Häuser . Gewehr rechts , Marsch , Marsch ! Hurrah ! schrieen die Soldaten , indem sie sich mit gefälltem Bajonnet gegen die Barricade stürzten . Hurrah ! schrie Oldenburg , indem er noch immer auf der Barricade stehend , den Hut schwenkte . Und die Büchsen der Barricadenvertheidiger krachten und die Steine prasselten von den Dächern auf die Köpfe der unglücklichen Soldaten hinab , und als der Rauch und Staub sich verzog , sah man die Compagnie , die in kriegerischer Ordnung heranmarschirt gekommen war , in wilder Verwirrung sich zurückziehen , vorauf ein reiterloses Pferd und zwischendurch kleine Truppen von drei , vier Mann , welche Todte oder Verwundete eiligst aus dem Bereiche der Barricade trugen . Von den Männern des Volkes war nur einer , und selbst der durch keine feindliche Kugel verwundet . Der alte Carabiner war bei dem ersten Schusse gesprungen , und ein Stück davon hatte den Nebenmann des Schützen leicht am Kopf gestreift . Dieser Unfall trug indessen nur zur Erhöhung der guten Laune bei . Man schrie Hurrah , man gratulirte einander , man lachte , man scherzte , man war in der besten Stimmung . Oldenburg theilte die Siegesfreude nicht . Von der Nothwendigkeit des Kampfes war er ebenso überzeugt , wie ihm ein glücklicher Ausgang desselben problematisch war . Er hatte die Februartage in Paris mit durchlebt und durchfochten , und der Unterschied der beiden Revolutionen konnte ihm nicht entgehen . Dort hatte er ein Volk gesehen , das mit dem vollen Bewußtsein der Unhaltbarkeit der Regierung , gegen welche es sich auflehnte und mit dem vollen Verständniß der Situation in den Kampf zog - hier fand er die größte Unklarheit über die endlichen Ziele , und zum Theil die naiveste Unkenntniß in Betreff der gegenwärtigen Lage . Aber , sagte er sich , ist es doch nicht immer die freie , geistgeborene That , deren der Genius der Menschheit zu seinen Zwecken bedarf . Wirkt er doch auch in dem dunklen Triebe , der aus geheimnißvollen Tiefen unaufhaltsam zum Lichte drängt . Wenn diese harmlosen und im Grunde wenig politischen Menschen , welche die geringsten Zugeständnisse zur rechten Zeit befriedigt haben würden , nicht für den freien Staat der Zukunft , sondern nur gegen die brutale Herrschaft einer einzelnen Kaste fechten - die großen Folgen können nicht ausbleiben , und wer ein krankes Glied abschneidet , rettet dadurch vielleicht den ganzen Körper . So suchte sich Oldenburg die schweren Bedenken , die ihm die Physiognomie dieser Revolution einflößte , weg zu philosophiren . Er war auf dem Platze vor dem Schlosse gewesen , als die verhängnißvollen zwei Schüsse , die das Signal zum Ausbruch wurden , fielen und das Militair seine ersten Attaquen auf das wehrlose Volk machte . Er und andere wackere Männer hatten vergeblich dem Blutvergießen Einhalt zu thun gesucht , indem sie sich mit Gefahr des Lebens durch die Soldaten drängten und den commandirenden Officieren den Wahnsinn dieser Metzeleien klar zu machen sich bemühten . Offener Hohn und im besten Falle mürrisch grobe Abweisung war Alles , was man ihren Gründen entgegenzusetzten hatte . Als Oldenburg sah , daß er so nichts mehr nützen könne , und daß es bis zum Aeußersten gekommen sei , hatte er Melitta ' s Wohnung unter den Akazien zu erreichen gesucht , um sie und die Kinder vor dem hereingebrochenen Sturm in Sicherheit zu bringen . Aber er hatte einen weiten Umweg machen müssen , denn schon hielt das Militair alle Zugänge von der Schloßseite her besetzt , und nur mit Mühe entging er mehrmals der Gefahr , verhaftet zu werden . So kam es , daß er erst in dem Augenblick im Hotel anlangte , als bereits die Sturmglocken ertönten , von der Schloßseite her die Gewehrsalven krachten und einzelne Kanonenschläge die Fenster klirren machten . Er ließ sich eben nur so viel Zeit , im Hotel nach Melitta zu fragen , wo er denn zu seiner Freude vernahm , daß sie schon seit einer Stunde mit den Kindern zu Frau Doctor Braun ( in eine Vorstadt , bis zu welcher der Aufstand schwerlich dringen konnte ) gefahren sei , und dann hatte er sich , von seiner einzigen Sorge befreit , mit ausgebreiteten Armen in den Strom der Revolution geworfen . Und jetzt stand er , nachdem der erste Sturm glücklich zurückgeschlagen war , mit über der Brust gekreuzten Armen auf der Barricade an einer sichern Stelle , von wo er zugleich die Bewegungen des Feindes und den Raum hinter der Verschanzung überschauen konnte , und erwartete voll Ungeduld die Rückkehr Berges , der sich mit einer Patrouille aufgemacht hatte , um wo möglich noch mehr Waffen aufzutreiben und sodann die Verbindung mit den nächsten Barricaden herzustellen . Denn bis jetzt fehlte es noch gänzlich an einer Organisation des Aufstandes . Kein gemeinsamer Plan machte ein gemeinsames Handeln möglich ; an jeder Barricade wurde eine isolirte Schlacht geschlagen . Dazu kam , daß es bereits stark zu dunkeln begann , und die Nacht , wenn sie auch dazu beitragen mochte , das Militair über die Stärke seines Feindes im Unklaren zu lassen , doch auch schon die nur allzu große Verwirrung auf Seiten des Volks noch steigern mußte . Berger , der in diesem Augenblicke kam , brachte noch einige Gewehre , aber sonst wenig tröstliche Kunde . Die nächsten Straßen waren zwar ebenfalls verbarricadirt , aber die Barricaden meistens sehr schwach construirt und noch schwächer besetzt , zumal die in der unmittelbar benachbarten Schwesterstraße . Ich glaube , sie werden sich dort nicht allzulange mehr halten , sagte Berger , und dann sind wir verloren , weil uns das Militair durch diese enge Gasse hier - er deutete auf die Gertrudenstraße , welche in einer flachen Curve aus der Langenstraße in die Schwesterstraße führte - in den Rücken kommen kann . Wir müssen nothwendig auch diese Gasse sperren und besetzten , was mit leichter Mühe geschehen wird ; ich habe Oswald und Schmenckel den Auftrag gegeben , diese Arbeit auszuführen . Wem ? sagte Oldenburg , der keine Ahnung hatte , wie Oswald hierher kommen sollte , und sich deshalb verhört zu haben glaubte . Aber er hatte keine Zeit , Bergers Antwort abzuwarten , denn schon ertönte wiederum der Sturmmarsch , und die zweite Compagnie rückte heran . Diesmal ritt der Major nicht auf seinem Schimmel mit . Der alte Mann , den bei dem ersten Sturm eine Kugel am Kopf verwundet hatte , war bereits auf dem Wege in ' s Lazareth . Der zweite Sturm war hartnäckiger , wenn auch nicht erfolgreicher als der erste . Der commandirende Hauptmann ließ in rascher Folge drei Salven hinter einander geben , und dann warfen sich die Soldaten mit großem Ungestüm auf die Barricade . Aber da Oldenburg mit vollem Bedacht sein Feuer bis zu diesem Moment aufgespart , so war der Anprall höchst verderblich für die Stürmenden , die in allernächster Nähe von den Kugeln und Dachziegeln so arg mitgenommen wurden , daß sie abermals , ihre Todten und Verwundeten mit sich schleppend , eilend den Rückzug antraten . Aber diesmal hatten auch die Vertheidiger ihre Verluste . Ein junger Mann , der sich unbesonnen ausgesetzt hatte , wurde durch die Brust geschossen und war auf der Stelle todt , einem Andern hatte eine von der Mauer zurückprallende Kugel den Arm zerschmettert . So hatten die Barricadenmänner die Bluttaufe bekommen , und jetzt erst fühlten sie sich mit der Sache der Revolution unauflöslich verbunden . Männer , die sich heute zum ersten Male sahen , schüttelten einander die Hände und gelobten sich , zusammen auszuharren und bis in den Tod gegen die Tyrannei zu kämpfen . Frauen gingen zwischen den Kämpfern umher und reichten ihnen Wein und Brod . Unter diesen Samariterinnen zeichneten sich mehrere durch ihre stattliche Erscheinung oder sorgfältige , ja elegante Toilette aus . Es waren Damen aus der guten Gesellschaft , die sonst jedem Volkshaufen sorgsam auszuweichen pflegten und die heute Abend die Leidenschaft der Nächstenliebe , die sie sonst nur im stillen Kreise ihrer Familie geübt , auf dem hallenden Markt des Lebens im größeren und heiligeren Sinne bethätigen durften . Und nun wurden auf Oldenburgs Rath , der die Vortheile dieser Maßregel von Paris her kannte , in den Fenstern aller Häuser , die von der Barricade beherrscht wurden , Lichter entzündet und so eine feierliche Illumination improvisirt , zu welcher der volle Mond , der klar und mild aus dem blauen Frühlingshimmel herabschaute , reichlich beisteuerte . Es war ein seltsamer Gegensatz : die hehre Ruhe dort oben in den himmlischen Gefilden und hier unten die in dem Fieber der Revolution zuckende Stadt , in welcher sich das Geheul der Sturmglocken mit dem Krachen der Kanonen , dem Geprassel des Kleingewehrfeuers und dem Hurrahrufen und Wuthgeschrei der Kämpfer vermischte . Und um das grausige Bild noch grausiger zu machen , wälzten sich jetzt über die Dächer fort lange glühende Rauchwolken . Es war an mehreren Stellen zugleich Feuer ausgebrochen , welche die Stadt einzuäschern drohten ; - wer hatte heute Nacht Zeit , zu löschen und zu retten ! Oldenburg suchte mit den Augen Berger , der aber nirgends zu entdecken war . Er wollte ihn fragen , was es mit Oswald zu bedeuten habe , denn es fiel ihm jetzt ein , daß er vorhin eine Gestalt gesehen , die ihn flüchtig an Oswald Stein erinnerte . Da ertönte lautes Geschrei aus der Gertrudengasse her , und einige Schüsse krachten . Oldenburg , der nicht anders glaubte , als daß das Militair die Barricade der Schwesterstraße genommen habe und jetzt durch die Gertrudengasse herandringe , raffte eilig einen Theil seiner Leute zusammen und stürzte mit ihnen die Gasse hinein . In der That war hier ein Ueberfall im Werke gewesen und die Gefahr nur durch Schmenckels Riesenkraft und Oswalds und Bergers todesmuthige Tapferkeit abgewendet worden . Oswald hatte sich den Barricadenbauern in der Gertrudengasse angeschlossen , um Oldenburg , den er zu seiner nicht geringen Verwunderung mitten in dem Volksgewühl auf der Treppe des Eckhauses als Redner und hernach als Anführer der Barricade erblickt hatte , aus den Augen zu kommen . Es war ihm unmöglich , dem Manne , den er bald wie ein höheres Wesen verehrt , und bald als seinen schlimmsten Feind gehaßt hatte , jetzt gegenüberzutreten und so den alten Streit in seinem Busen von neuem anzufachen . Er war so müde , so sterbensmüde ! Der Sturm um ihn her war wie Wiegengesang für sein müdes , krankes Herz , und während er bei dem ersten Sturm auf die Barricade , den er noch mit abschlagen half , die Kugeln um sich pfeifen hörte , dachte er nichts , als : möchte doch eine davon für dich bestimmt sein ! Er sprach dieses Gefühl gegen Berger aus , als sie , auf der fertigen Barricade der Gertrudengasse sitzend , sich einen Augenblick von ihren ungeheuren Anstrengungen ausruhten . Nein , erwiederte Berger , so ist es nicht recht . Der Tod als solcher bezahlt die Zeche nicht ; er zerreißt die unbezahlten Rechnungen nur und wirft sie den Gläubigern vor die Füße . Aber der Tod für die Freiheit , ja - der bezahlt sie . Er ergriff Oswalds Hand , sich scheu umsehend , wie um sich zu vergewissern , daß ihn Niemand höre : Ich fürchte mich vor dem Leben , Oswald . Eine schauerliche Zufluchtsstätte ist der Tod , aus dem man wieder erwachen kann . Der Tod des Selbstmörders ist nach meiner Philosophie solch ein Tod ; wäre er das nicht , so hätte ich mir schon längst das Leben genommen . Denn sterben , um vor sich selbst zu fliehen , ist leichter , als für Andere zu leben . Ich habe es jetzt erfahren . Ich habe aus dem Kelch des Menschensohnes , der sich zu den Zöllnern und Sündern setzt , getrunken ; aber der Trank ist grauenhaft bitter , Oswald ! Im Anfang hatte ich noch Muth und Kraft ; aber jetzt , nachdem ich dies Leben kaum ein halbes Jahr geführt , ist mein Muth geschwunden und meine Kraft gebrochen . Meine Nerven ertragen es nicht mehr . Darum habe ich diesen Tag , an dem das Volk sich endlich emporgerafft hat aus seiner schmachvollen Apathie , mit namenlosem Jubel begrüßt . Wenn ich für mein Volk sterben kann heute , wo ich es zum ersten Male seit einem Menschenalter nicht verächtlich finde - so ist dies ein Glück , wie ich es so groß und schön nimmermehr gehofft habe . Und dann , fuhr er nach einer Pause fort , ist mir heute auch noch viel anderes Glück beschieden . Ich habe meinen ältesten und am meisten gehaßten Feind und meinen jüngsten und am meisten geliebten Freund wiedergefunden . Er drückte Oswalds Hand , der lächelnd sprach : Den ältesten Feind wiedergefunden ? das nennen Sie ein Glück ? Berger erzählte Oswald mit wenigen Worten seine Begegnung mit dem Grafen Malikowsky heute Morgen , und daß Schmenckel , der mit ihnen gewaltig an der Barricade gearbeitet , der Vater des Fürsten Waldernberg sei . Der Proletarier eines Fürsten Vater , der Fürst eines Proletariers Sohn - das gäbe einen hübschen Stoff zu einem modernen Romane , sagte er mit düsterem Lächeln . Vielleicht kann ich Ihnen ein Pendant zu Ihrer Geschichte geben , erwiederte Oswald ; und er theilte Berger die Entdeckungen mit , die er vor wenigen Stunden in Betreff seiner Geburt gemacht hatte . Das ist wunderbar , sagte Berger : sehr wunderbar . Und sagtest Du mir nicht , daß Du Helene geliebt hast ? Mehr als mein Leben . Und hast die Welt und ihre Herrlichkeit doch von Dir gewiesen , um treu zu bleiben Deiner alten Fahne ? Oswald schüttelte den Kopf . Nein , Berger , sagte er ; ich bin nicht so gut und so groß , wie Sie in Ihrer Güte und Größe glauben . Sie konnte nie die meine werden . Es war zu viel geschehen , das sich nie vergiebt und noch weniger vergißt . Ich hatte ihr eine Andere vorgezogen und sie mir einen Andern . Eben jener Fürst Waldernberg war ihr Verlobter . Ist er es denn nicht mehr ? Nein . Ich fand sie im Begriff , die Stadt zu verlassen . Sie hat sich noch in der zwölften Stunde darauf besonnen , daß sie ein Herz im Busen trägt , dessen Sehnen aller Reichthum der Welt nicht stillen könnte . Wunderbar , wunderbar ! murmelte Berger , Ihr Beide , der Baronensohn , der sich zu den Proletariern hält , der Proletariersohn , der unter den Fürsten sitzt , Nebenbuhler um die Gunst derselben Dame ! und sie Dich verschmähend , weil sie von Deiner noblen Abkunft keine Ahnung hat , und den Fürsten wählend , weil sie glaubt , daß in seinen Adern dasselbe Blut rollt , auf das er so stolz ist . Schade , schade , daß dies die Welt nicht weiß und wissen darf . Sie würden dann vielleicht dahinter kommen , was es mit dem Unterschiede von adeligem und bürgerlichem Blut auf sich hat ! Sie scheinen es mit diesem Unterschied jetzt allerdings nicht mehr so genau wie früher zu nehmen ; ich erinnere mich einer Zeit , wo Sie es für eine moralische Unmöglichkeit erklärten , der Freund eines Adligen zu sein . Du spielst auf meine Freundschaft zu Oldenburg an , sagte Berger ruhig . Ich sage Dir , Oswald , wenn es je einen Menschen giebt , der es verdiente , daß man ihn liebt und ehrt , so ist es Oldenburg . Wenn ich mich je vor einem Menschen demüthigen und meinen Herrn und Meister in ihm erkennen könnte , so wäre es wiederum Oldenburg . Ich weiß , daß Du ihm grollst , weil die Frau , die Du verlassen hast , in ihm schließlich ihre Welt fand . Das ist nicht recht , Oswald ! Oldenburg hat stets mit Freundschaft von Dir gesprochen . Es wäre mir sehr lieb , Oswald , wenn ich Euch versöhnt wüßte , bevor ich von Euch auf immer scheide . Erst kommt die Reihe an mich , sagte Oswald ; wissen Sie , Berger , was Sie in Grünwald sagten ? Du wirst vor mir sterben , sagten Sie , die große Schlange hat ein zähes Leben , und Du bist weich , viel zu weich für diese harte Welt . Das war damals . Dies letzte Jahr hat die große Schlange alt und stumpf gemacht . Doch , was ist das ? Ein Lärm , der aus einer Kellerkneipe , deren Treppe nicht weit von ihnen mündete , herauftönte , machte die beiden Männer von ihren Sitzen auffahren . Sie ergriffen ihre Waffen und eilten , gefolgt von anderen Männern , die mit ihnen die Barricade besetzt hielten , dem Keller zu , wo jetzt rasch hinter einander mehrere Schüsse fielen . Es waren dies dieselben Schüsse , die auch Oldenburg aus seiner momentanen Ruhe auf der Barricade in der Langen Straße emporgeschreckt hatten . Fünfzigstes Capitel Albert Timm war nach dem heftigen Wortwechsel mit Oswald stehen geblieben und hatte dem Enteilenden mit einem so grellen Lachen , daß die Vorübergehenden ihn verwundert anschauten , nachgeblickt ; dann war er in einer andern Richtung davongeeilt , heftige Worte vor sich hinmurmelnd , mit den Zähnen knirschend und die Fäuste ballend . Albert Timm war wüthend , und er hatte Ursache dazu . Seine Lage war eine verzweifelte . Die Schulden , die er in Grünwald und anderswo hinterlassen hatte , drückten ihn nicht besonders ; aber auch mit der geringen Baarschaft , die er mit nach der Residenz genommen , war er schon seit mehreren Tagen zu Ende , und wenn selbst das nicht so viel sagen wollte , so waren doch all die herrlichen Aussichten auf eine glänzende Zukunft , wie sie ihm seine lebhafte Phantasie vorgegaukelt hatte , zerstoben wie bunte Seifenblasen . So hatte er , sich und die ganze Welt verfluchend , schon mehrere Straßen zurückgelegt und kam jetzt in Quartiere , wo die Revolution schon ihre Fahne erhoben hatte . Er freute sich dessen , nicht weil er irgendwelche Sympathien für die Sache des Volks und der Freiheit gehabt hätte , sondern aus dem instinctiven Bewußtsein , daß er , der Abenteurer , der Heimatlose , in einer Zeit der Verwirrung und des Umsturzes zwar nichts verlieren , möglicherweise aber viel gewinnen könnte . Das gab ihm seine ganze Elasticität wieder ; er schrie lustig Hurrah mit der Menge , stimmte aus voller Kehle in den Ruf : Zu den Waffen ! auf die Barricaden ! ein und hatte ordentlich seine Freude daran , als der Lärmen und Tumult , je weiter er nach dem Dustern Keller - dem Ziel seines Weges - kam , in rascher Progression wuchs . So gelangte er in die Lange Straße , gerade in dem Augenblicke , als auch Oswald und Berger von einer andern Seite dort eintrafen . Er bemerkte die Beiden wohl , auch Herrn Schmenckel , der , halb Berger suchend , halb sich von dem Strome der Revolution treiben lassend , ebenfalls bis hierher gekommen war . Durchaus nicht gewillt , sich vor seinen beiden Feinden sehen zu lassen , drückte er sich auf die Seite und wollte eben in die Gertrudengasse hineinbiegen , als er sich von Jemand am Rockschoß festgehalten fühlte . Als er sich umsah , erblickte er seinen Freund und Gönner , Ehren Jeremias Gutherz . Nun , wie ist ' s abgelaufen ? fragte der geheime Polizist , der mittlerweile Timms Freundschaft sich erworben und in die Intriguen desselben vollkommen eingeweith war . Alles vergebens ! erwiederte Timm ärgerlich , Mühe und Arbeit umsonst , ganz umsonst ! Ich könnte die beiden Schufte - er deutete auf Oswald und Schmenckel - - in der Hölle braten lassen . So , so ! sagte der Mann ; das müßt Ihr mir in Ruhe erzählen . Kommt mit zu Rosalien ; aber erst wollen wir doch noch hören , was der verrückte Professor dort zu sagen hat . Kennt Ihr den ? fragte Timm . Still ! wir kennen ihn ! - belogenes Volk - sehr gut ! - zu den Waffen - ausgezeichnet ! warte ! Dich wollen wir kriegen ! Und da kommt ja auch noch der lange pommersche Baron , der in den Volksversammlungen so aufrührerische Reden führt - da haben wir ja das ganze Nest zusammen ! - Barricaden bauen - bravo ! Hurrah ! alle Mann an die Barricade , hurrah ! schrie der Polizist und schwenkte seinen Hut in vortrefflich gespielter Begeisterung . Dann griff er Timm beim Arm und sagte : Nun wollen wir machen , daß wir wegkommen , sonst bauen uns die Kerle noch mit in die Barricade hinein . Die beiden Spießgesellen drückten sich in die Gertrudengasse und verschwanden im Dustern Keller . Frau Rosalie Pape empfing sie mit ungewöhnlicher Herzlichkeit : Nun , Ihr Schäfchen , kommt Ihr mit vollem Beutel ? hat ' s gefleckt , he ? Ein ander Mal ! sagte der Geheime , jetzt schaff ' uns Bier , wir müssen bald weiter . Ohne mir gesagt zu haben , wie ' s steht mit - ; sagte die Frau entrüstet und machte mit Daumen und Zeigefinger die Bewegung des Geldzählens . Herr Timm zuckte statt der Antwort mit den Achseln und zog die beiden leeren Taschen seines Beinkleides heraus . Frau Pape war eine cholerische Natur , und das Fehlschlagen so großer Hoffnungen erfüllte sie mit einer Entrüstung , die sich in einer Fluth von Schimpfwörtern Luft machte . In diesem Augenblick ertönten die Salven von dem Sturm auf die Barricade in der Langen Straße . Und fast unmittelbar darauf erschallte großer Lärm vor den Kellerfenstern . Man begann die Barricade zu bauen , welche die Gertrudengasse sperren sollte . Der geheime Polizist und Timm , die durch eines der Fenster verstohlen herausschauten , sahen Oswald , Berger , Schmenckel und andere Männer bei der Arbeit . Sie retirirten , gefolgt von der Wirthin , tiefer in den Keller hinein . Das sieht reizend aus ! sagte der Polizist , wir sind von allen Seiten eingeschlossen , und wenn sie uns hier finden , schlagen uns die Schufte wo möglich todt . So schlimm steht es noch nicht , sagte das Weib , ich will Euch glücklich hinausbringen . Kommt nur mit ! Sie führte die Beiden aus dem letzten Zimmer durch eine Thür ein paar Stufen hinab in einen noch tieferen Keller , der als Vorrathsraum diente . An der Mauer brannte ein Gasflämmchen . Das Weib drehte die Glasflamme höher . So ! sagte sie , nun geht durch die Thür ! - sie deutete auf eine eiserne Thür der Wand gegenüber ; Ihr kommt dann auf einen langen schmalen Hof ; auf dem haltet Euch links ; so kommt Ihr durch das Haus von meinem Bauer auf die Schwesternstraße . Adieu ! Ist sie immer offen ? fragte Timm , als er fand , daß die eiserne Thür nicht verschlossen war . Nur heute , erwiederte Röschen , wir müssen noch mehr Bier herein haben . Die Kerle sind ja wie die Schwämme . Als die Beiden durch die eiserne Thür auf den Hof des Nachbarhauses , von diesem in das Haus und so schließlich oberhalb der Barricade auf die Schwesternstraße , die an diesem Theil schon von Militair besetzt war , gelangt waren , blieben sie stehen und blickten sich an . Ein und derselbe Gedanke schoß Beiden durch den Kopf . Das wäre eine famose Mausefalle , sagte Albert . Wenn Ihr dabei helfen wollt , erwiederte der Geheime , so habt Ihr bei dem Präsidenten gewonnen Spiel . Wir brauchen solche Leute wie Ihr . Ich habe schon auf alle Fälle über Euch mit dem Alten gesprochen . Und Rache an den verdammten Schuften hätten wir obenein . Die Sache ist freilich nicht ohne Gefahr , meinte der Andere . Wer nicht wagt , nicht gewinnt , sagte Timm ; der Gedanke , meine Freunde auf eine so angenehme Weise zu überraschen ist zu spaßhaft . Wenn Ihr nicht von der Partie sein wollt , thu ' ich es allein . Nun denn , kommt , sagte der Polizist , wollen sehen , ob die Herren vom Militair darauf eingehen . Und die Beiden schritten geradenwegs auf den Oberst zu , der wüthend über den hartnäckigen Widerstand der Barricaden in der Langen- und Schwesternstraße , die er zu nehmen commandirt war , umgeben von seinen Officieren , in einiger Entfernung hielt . Als Frau Rosalie , nachdem sie ihren Freunden fortgeholfen , in das Schenklokal zurückgelangte , fand sie Herrn Schmenckel mit zehn oder zwölf andern Barricadenmännern , die sich hier nach den Strapazen gütlich thun wollten . Es waren meistens alte Kunden des Dustern Kellers , dieselben haarbuschigen Gesellen , die schon so manche Nacht vorher hier die Köpfe zusammengesteckt und auf die » verrotteten Zustände , die schändliche Polizeiwirthschaft , die verthierte Soldateska « geschimpft hatten . Herr Schmenckel hatte immer in hohem Ansehen bei diesen Leuten gestanden ; jetzt , wo man gesehen , daß er nicht blos freimüthig reden , sondern auch muthig handeln konnte , war er der gefeierte Held des Tages . Unter diesen Umständen hielt Rosalie es für gerathener , die Ausführung ihrer Rache lieber noch etwas aufzuschieben und die Bedienung der Barricadenmänner dem hübschen Elischen zu überlassen , während sie selbst sich an das Comptoir setzte . Das hübsche Elischen wollte Herrn Schmenckel ganz besonders wohl . Sie hatte vorhin einen Theil des Gesprächs zwischen der Wirthin , Timm und Gutherz mit angehört , und es war ihr sehr verdächtig vorgekommen , daß sich die Beiden durch die Hinterthür entfernt . Elischen glaubte ihrem Liebling von dem Geschehenen Mittheilung machen zu müssen , und wäre