, und hinter uns aus einem , von einem Mädchen für Alles gezogenen Wägelchen ein feines Stimmchen erschallt , welches den beredtesten Commentar zu den staatsökonomischen Abhandlungen der kleinen Frau liefert ! Albert stöhnte , als ob er sich auf dieser imaginären Promenade den Fuß an einen sehr reellen Stein gestoßen hätte . Er sprang von dem Sopha auf und ging , die Arme auf dem Rücken , nachdenklich im Zimmer auf und ab . Die Karten sind fertig , sagte er , vor seinem Zeichentische stehen bleibend : Anna-Maria hat mich abgelohnt ; ich habe eigentlich hier nichts mehr zu thun , und die Frage der gnädigen Frau , wenn ich abzureisen gedächte , war auch ziemlich deutlich . Wie ich diese stolze , nichtsnutzige Brut hasse - Alle , keinen und keine ausgenommen , nicht einmal die schöne hochnasige Helene , die mich immer mit so kühler Verachtung aus ihren großen Augen ansieht ; und am wenigsten meinen edlen Freund Felix , der , glaube ich , nicht übel Lust hätte , mir Hörner aufzusetzen , ehe ich noch zu diesem Schmuck ein legitimes Recht habe . Könnte ich doch Euch Allen , wie Ihr da seid , einen recht gründlichen Schabernack spielen , daß Ihr Euer Leben lang an mich denken solltet ! Euch zum Beispiel den Erben von Stantow und Bärwalde in der Person - ja , in welcher Person ? hic haeret aqua . Aus den Briefen , die ich habe , ist wohl etwas , aber nicht viel zu machen . Ich kann noch nicht einmal die vortreffliche Anna-Maria damit in ' s Bockshorn jagen . Fände ich nur Gelegenheit , den Koffer der alten Mutter Clausen durchzustöbern ! Es ist bei mir zur fixen Idee geworden , daß da etwas zu finden sein muß . Aber vergebens , daß ich die Gelegenheit gründlich studirt habe , daß ich Tag und Nacht um ' s Haus geschlichen bin , einen Moment abzuwarten , wo die Alte sich einmal daraus entfernt ; sie sitzt darin fest wie eine Kröte unter dem Stein . - Ad vocem dieses liebenswürdigen Jünglings ! Ich habe schon daran gedacht , ob man ihn nicht nolens volens zum Prätendenten machen könnte ; denn die ganze Farce als einen lustigen und nebenbei lukrativen Maskenscherz anzusehen , wird ihm wohl seine dumme Ehrlichkeit nicht erlauben . Es ist merkwürdig , wie ehrlich die Leute sind , denen es an nichts fehlt ! Und dieser Stein ist gar nicht einmal so glücklich situirt . Er hatte kein Vermögen - warum sollte er sich sonst mit anderer Leute Kindern plagen ? Er wäre gerade der Mann , ein anständiges Vermögen durchzubringen . Und es paßt so weit Alles . Er hat genau das erforderliche Alter ; er hat , wie er mir gesagt hat , seine Mutter kaum und andere Verwandte , excepto patre , gekannt . Und überdies hat er eine zufällige , aber frappante Aehnlichkeit mit der älteren Grenwitzer Linie . Ich wollte , ich wäre er , das heißt mit meinem Hirn dazu . In welcher fragwürdigen Gestalt wollte ich bald vor Euch hintreten . Ein schüchternes Klopfen an der Thür unterbrach Albert ' s Meditationen . Da auf sein Herein ! Niemand eintrat , ging er selbst und öffnete . Ein kleiner , blondköpfiger , barfüßiger Bauerknabe stand da , und schaute mit nicht allzu klugen Augen fragend zu ihm auf . Zu wem willst Du , Kleiner ? Sind Sie der Candidat auf dem Schlosse ? Ja wohl ! sagte der alle Zeit zu Scherz und Kurzweil aufgelegte Albert . Mutter Clausen hat mich hergeschickt - Wer ? Mutter Clausen hat mich hergeschickt - Komm herein , Kleiner ; sagte Albert , den Knaben bei der Hand in das Zimmer führend , und die Thür hinter ihm schließend : Was will denn Mutter Clausen von mir ? Mutter Clausen liegt auf den Tod , und hat mich hergeschickt zu dem Herrn Candidaten , er soll doch noch einmal zu ihr kommen . Der Knabe athmete tief auf , als er die Bergeslast seiner Commission vom Herzen hatte . Albert griff nach seiner Mütze . Ich komme gleich mit Dir , oder lauf nur voran , und sag ' : ich käme gleich . Und höre ! wenn Dich Jemand im Schlosse fragt , woher Du kommst , sag ' nur : Du hättest Deine Bestellung schon ausgerichtet . Hier hast Du einen Silbergroschen und nun mache , daß Du fortkommst ! Der Knabe entfernte sich , über Albert ' s großmüthigem Geschenk Albert ' s wohlüberlegten Befehl , sich möglichst schnell davon zu machen , vergessend . Er setzte sich , unten auf dem Schloßhofe angekommen , auf den Rand des Brunnens der Najade , und überlegte , den Groschen in der Hand herumdrehend , ob er sich jetzt gleich die ganze Welt , oder vorläufig nur den Stieglitz kaufen sollte , welchen ihm ein anderer Bauerknabe heute Morgen angeboten hatte ? Er mochte wohl eine Viertelstunde da gesessen haben , bis er zuletzt , vom vielen Umherlaufen ermüdet , einnickte . So fand ihn Oswald , der von einem einsamen Spaziergange zurückkehrte . Da das Bild des auf dem Rande des Brunnens schlafenden zerlumpten Knaben ihn interessirte , trat er näher . Der Knabe fuhr in die Höhe und rieb sich verwundert die Augen . Wie kommst Du hierher , Kleiner ? fragte Oswald . Mutter Clausen hat mich hergeschickt ! sagte jener , der in diesem Augenblicke nicht wußte , ob er seine Bestellung schon ausgerichtet hatte , oder nicht . Was ist mit Mutter Clausen ? fragte Oswald , der sofort ahnte , es müßte seiner alten Freundin etwas zugestoßen sein . Mutter Clausen hat mich hergeschickt , wiederholte der Knabe ; sie liegt auf den Tod , und läßt dem Herrn Candidaten sagen , er möchte - Mehr hörte Oswald nicht . - Die gute , alte Frau , an der er im Anfang so lebhaftes Interesse nahm und die er doch in der letzten Zeit so ganz vergessen hatte , im Sterben , vielleicht allein , ohne Hülfe , ohne daß ihr eine freundliche Hand das Kissen glättete - er eilte , was er konnte , durch das kleinere Thor auf dem Wege hin , der zu den Häuslerwohnungen führte , denselben Weg , welchen Albert eine Viertelstunde zuvor , mit nicht geringerer Eile zurückgelegt . Albert war , als der Knabe sich entfernt hatte , durch den Garten nach dem kleinen Thor geschlichen . Niemand hatte ihn fortgehen sehen . Die Familie war ausgefahren ; Oswald glaubte er auf seinem Zimmer . Fortes fortuna juvat ; dachte er , während er unter den Weidenbäumen , mit denen der Weg besetzt war , hinlief . Es ist jetzt noch Alles auf dem Felde . Die Alte hätte sich keine passendere Stunde zum Sterben aussuchen können . Ich will nur hoffen , daß sie schon todt ist , wenn ich komme , und ich so aller unnöthigen Auseinandersetzungen überhoben bin . In wenigen Minuten hatte er das Dorf erreicht ; aber er vermied die Hauptstraße , sondern lief an den Gärtchen , die hinter den Hütten lagen , entlang , bis er zu der Wohnung Mutter Clausens kam . Hier sprang er über den niedrigen Zaun und trat durch die offene Hinterthür auf den kleinen Flur . Er horchte , ob sich etwas im Hause rege . Er hörte nichts , als das Ticken der großen Schwarzwälder-Uhr aus der Stube Jochen ' s , und von der Dorfstraße her das Lachen von ein paar Kindern - Mutter Clausen ' s kleinen Pflegekindern - die sich in der Abendsonne im Sande balgten . Jetzt nur um Himmelswillen keine mitleidige Seele bei der Kranken in der Stube , murmelte Albert , leise die Thür , die zu dem Stübchen der Alten führte , aufdrückend . Er trat auf den Fußspitzen ein . Es dunkelte schon in dem niedrigen engen Raum . Alberts erster Blick fiel auf die große Lade , die noch wie damals in der Ecke stand ; sein zweiter auf die Gestalt der Alten . Sie saß auf dem großen Lehnstuhle , » in welchem Baron Oscar gestorben war . « Sie hatte ihren Sonntagsstaat angelegt ; ihr Eichenstock lehnte neben ihr - man hätte glauben sollen , sie hätte sich bereit gemacht , nach Faschwitz in die Kirche zu gehen und sei nur eben noch ein wenig eingenickt , sich auf den langen , langen Weg vorzubereiten . Bist Du es , Junker ! sagte sie mit zitternder Stimme , und sie hob das Haupt mit dem schneeweißen Haar empor und blickte nach der Thür . Tritt näher - ganz nahe , daß ich Dich mit der Hand berühren kann . Wo bist Du ? Es ist dunkel um mich her , ich sehe Dich nicht . Scheint nicht der Mond durch die Bäume ? hörst Du , wie die Nachtigall singt ? horch ! wie süß , wie schön ! Oscar , Du darfst die Liese nicht verlassen ; sie weint sich sonst die alten Augen aus . Und dem Harald mußt Du sagen : daß er die arme Marie nicht so quält . Sonst muß sie hinaus in die wilde Nacht . Leb ' wohl , liebes Kind ! Ja , ja , ich will Alles verbrennen ; es liegt sicher in der Lade . Mutter Clausen kann nicht lesen ; es kommt der Rechte schon zur rechten Zeit . Der Kopf der Sterbenden sank herab auf die Brust . Albert glaubte sie todt . Er trat an die Lade , hob den schweren Deckel und durchwühlte hastig und doch methodisch genau den Inhalt . Es lagen Frauenkleider darin , die nicht der Mutter Clausen gehört haben konnten , städtische Kleider , wie sie junge Mädchen vor fünfundzwanzig Jahren trugen ; verwelkte Blumensträuße , verblichene Bänder , ein paar einfache Schmucksachen : ein Band von rothen Korallen , ein kleines goldenes Kreuz an einem schwarzen Sammetbande . Das Alles mochte für einen Andern von hohem Interesse sein , aber für Albert hatte es nicht das mindeste . Er wurde ungeduldig , als er , ein Stück nach dem andern herausnehmend , nichts von dem fand , was er suchte . Endlich - da ! auf dem Boden des Koffers , in der Ecke , unter einer schwarzseidenen Robe versteckt - ein ziemlich bedeutendes Packet - Briefe , Papiere - das war ' s ! - Er ließ es in die Tasche seines Rockes gleiten ; er nahm mit beiden Armen , was er aus dem Koffer genommen hatte , stopfte es hinein , so gut es gehen wollte , drückte den Deckel wieder zu - und , wie er sich jetzt von den Knieen aufrichtete , waren das nicht Schritte , die eilig näher kamen ? Im Nu war er an dem Fensterchen , das von der Stube aus in das Gärtchen hinter dem Hause führte . Er riß es auf , er zwängte sich mit einer Schnelligkeit hindurch , die dem gewandtesten Gauner zu hoher Ehre gereicht haben würde ; kroch auf allen Vieren durch die Johannisbeerbüsche , sprang über den niedrigen Zaun und war im nächsten Augenblick in den goldenen Wogen eines Roggenfeldes verschwunden . Als Albert seinen Rückzug durch das Fenster eben bewerkstelligt hatte , trat Oswald , athemlos von seinem raschen Lauf , in das Zimmer . Er glaubte schon zu spät zu kommen , er kniete neben der Alten nieder und nahm ihre welken , erkalteten Hände in die seinen . Und diese Berührung schien die Sterbende noch einmal zum Leben zu erwecken . Sie richtete sich gerade auf und sagte , dem vor ihr Knieenden die Hände auf ' s Haupt legend , mit einer Stimme , die schon von jenseits des Grabes herüberzutönen schien : Der Herr segne und behüte Dich ! der Herr gebe Dir Frieden ! Amen ! murmelte Oswald . Die Hände der Alten glitten sanft auf ihren Schooß . Oswald blickte empor . Der Schein der untergehenden Sonne fiel durch das niedrige Fenster ; das Antlitz der Alten war wie verklärt in dem rosigen Licht . Aber das rosige Licht verschwand ; und der graue Abend schaute herein auf das bleiche Antlitz einer Todten . Oswald drückte ihr die Augen zu . - Von drüben her schallte durch die offene Thür das monotone Tik-tak der Wanduhr ; von der Straße tönte das Lachen und Jauchzen der spielenden Kinder . Was weiß das Leben vom Tode ? was der Tod vom Leben ? was die Ewigkeit von Beiden ? murmelte Oswald , als er sich nach einigen Minuten von der Seite der Todten aufrichtete , und die Thränen abwischte , die ihm heiß von den Wangen rollten . Fünfzigstes Capitel Am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück war Herr Timm abgereist . Er hatte den Baron gebeten , ihn bis nach B. , dem nächsten Städtchen fahren zu lassen , von dort wolle er Extrapost nehmen . Der gastfreundliche Baron fragte : ob es denn so große Eile habe ? ob er sich nicht ein paar Tage von seiner angestrengten Arbeit ausruhen wolle ? Da Albert indessen gestern Abend einen bedeutenden Auftrag erhalten zu haben vorgab ( der Postbote hatte ihm in der That einen Brief gebracht ) , so ließ sich dagegen allerdings nichts einwenden , und der Baron befahl dem schweigsamen Kutscher , die schwerfälligen Braunen anzuspannen . Herr Timm sagte Allen flüchtig Lebewohl und fuhr von dannen . Es vermißte ihn Niemand - Niemand , mit Ausnahme der kleinen Genferin . Aber sie vergoß ihre heißen Thränen in der Stille ihres Stübchens und die Gesellschaft sah von ihrem Kummer nichts , als die rothgeweinten Augen , die sie durch heftigen Kopfschmerz erklären zu können hoffte , wenn sie Jemand darnach fragte . Es fragte sie aber Keiner . Hatten doch Alle genug mit sich selbst zu thun ! war doch Jeder vollauf mit dem , was ihm zunächst am Herzen lag , beschäftigt ! Der Tod der alten Frau war für Oswald ein neuer Schlag . Es war , als ob sein verdüstertes Gemüth nicht zur Ruhe kommen , als ob an seinem Himmel der letzte helle Streifen verschwinden , und gänzliche Nacht ihn umgeben sollte ! Er hatte Mutter Clausen nur selten gesehen , aber es war jedesmal unter so eigenthümlichen Verhältnissen gewesen ; er hatte jedesmal einen so tiefen , ja erschütternden Eindruck von diesen Begegnungen davongetragen , daß ihm jetzt war , als hätte er eine Ahne verloren , deren zärtliche Liebe er mit Gleichgültigkeit und Undank vergolten hatte . Wie bestimmt hatte er sich vorgenommen , als er das letzte Mal mit Albert in ihrer Hütte gewesen war , die alte Frau nicht wieder aus den Augen zu verlieren ; nachzufragen , ob er ihr in irgend einer Weise dienen , irgendwie ihr einsames Alter erfreuen könne ? Sie hatte seiner in ihrer letzten Stunde gedacht ; er hatte in allen diesen Tagen keine Minute Zeit gehabt , an sie zu denken . Sie hatte nicht sterben mögen , ohne ihm ihren Segen zu geben : was hatte er im Leben Gutes gethan , diesen Segen zu verdienen ? - Was half es nun der Todten , daß er für ihr Begräbniß Sorge trug ? daß er mit Bruno hinter dem Leiterwagen herging , auf dem man ihren schmucklosen Sarg über die Haide nach Faschwitz fuhr , ihn auf dem dortigen Friedhofe in die Gruft zu senken ? daß er nach Grünwald schrieb und eine kleine Marmortafel bestellte , auf daß ihr Grab nicht wie einer Geächteten Grab sei ? Wie hätte ihm die Lebende für den geringsten Theil all der Mühe , die er sich jetzt um die Todte gab , so herzlich gedankt ! Und war es , weil er ihn so wenig verdient hatte , daß der Segen der Sterbenden nicht in Erfüllung ging ? Der Frieden , den sie für ihn herabflehte mit dem letzten Hauch ihres Mundes , wollte nicht einziehen in sein Herz . Wie ein Verzweifelter kämpfte er mit der rasenden Leidenschaft , die sich wie ein Orkan über ihn gestürzt hatte , aber jeder neue Tag mußte ihn nur immer mehr von seiner Ohnmacht überzeugen . Brachte ihn doch jeder neue Tag oft auf lange Stunden in die Gesellschaft des schönen Mädchens ; trat sie ihm doch mit einem freundlichen Lächeln auf den stolzen Lippen entgegen , sobald der leuchtende Sommermorgen die kurze und für ihn so lange Nacht verdrängt hatte ; saß er ihr doch bei Tische gegenüber ; brachten die Unterrichtsstunden , gemeinsame Spaziergänge , hundert andere Gelegenheiten , die in einem so kleinen Kreise auf dem Lande beinahe unvermeidlich sind , ihn wieder und immer wieder mit der Herrlichen in Berührung ! Und wohl mochte es einem leidenschaftlichen Herzen schwer fallen , von so viel Schönheit , Anmuth und Geist nicht gerührt zu werden . Empfanden doch Alle , die mit Helene in Berührung kamen , den wunderbaren Zauber ihrer Persönlichkeit ; schien es doch fast unmöglich , nicht mit Heftigkeit für oder gegen sie Partei zu nehmen ; gab es doch selbst in der Gesindestube unter den Leuten lebhafte Scenen , da der schweigsame Kutscher , auf die junge Baronesse anspielend , brummte : es sei nicht Alles Gold , was glänze , worauf die alte brave Köchin erwiederte : zu schlechten und mißgünstigen Menschen kämen die lieben Engel allerdings nicht , was denn eine unerquickliche Debatte über schlechte Menschen im Allgemeinen und Besondern herbeiführte , bei der es von beiden Seiten ziemlich scharf herging und verschiedene helle Streiflichter auf die Familienangelegenheiten der gnädigen Herrschaft geworfen wurden . Denn selbst in diesen Regionen war man so ziemlich darüber einig , daß der Baron Felix sich nicht blos zum Vergnügen so lange auf Schloß Grenwitz aufhielt ; ja Felix ' Kammerdiener behauptete : es gäbe gewisse Leute , die über gewisse Dinge eine ziemlich gewisse Auskunft geben könnten , daß aber Verschwiegenheit die erste Pflicht eines guten Bedienten sei . Er wolle nur so viel sagen , daß sein Herr eine Sache , die er angefangen habe , auch zu Ende bringe , und daß er selbst der unmaßgeblichen Meinung sei , es gebe kein Mädchen auf Erden , das seinem Herrn auf die Dauer widerstehen könne - eine Behauptung , die von dem weiblichen Theil der Gesellschaft mit großer Entrüstung zurückgewiesen wurde . Was den Blicken dieser Leute nicht entging , konnte Oswald ' s durch die Liebe hundertfach geschärftem Auge nicht verborgen bleiben . Mußte er doch täglich wahrnehmen , wie Baron Felix Alles aufbot , sich die Gunst seiner schönen Cousine zu erwerben : alle Gewandtheit , die er sich in tausend Intriguen auf den glatten Parquets großstädtischer Salons angeeignet , allen Witz , mit dem ihn die Natur keineswegs kärglich versehen hatte ; alle Vortheile , die ihm sein Verhältniß als naher Verwandter gestatteten . Mußte er doch sehen , mit welcher Umsicht die Baronin diese Bemühungen auf jede Weise unterstützte , und Felix in jeder Hinsicht eben so unermüdlich wie geschickt secundirte . Zwar sagte er nein ! oder schwieg , wenn Bruno nach Tische , nach einem Spaziergang mit zornigem Antlitz diese oder jene Frechheit von » dem Affen , dem Felix « erzählte ; aber er wußte recht gut , daß der Knabe nicht falsch gesehen oder gehört hatte , und sein einziger Trost war , daß Helene ' s Stolz in die Verbindung mit einem ihrer so ganz und gar unwürdigen Mann nun und nimmermehr willigen werde . Was Fräulein Helene selbst betraf , so ging sie ihren stillen Weg , ohne scheinbar weder nach rechts noch links zu blicken , nur daß in der letzten Zeit ihr Betragen noch zurückhaltender , ihre Miene noch vornehmer , ihr Lächeln noch seltener geworden war . Sie wußte sehr wohl , daß sie in dem Kampfe , der ihr drohte , vergeblich an das Herz der kalten , egoistischen Mutter , vergeblich an die Einsicht des alten , schwachen Vaters , vergeblich an die Ritterlichkeit des frivolen , zügellosen Felix appeliren würde , und daß sie sich auf Niemand verlassen könnte , als auf sich selbst . Aber dieses Bewußtsein diente nur dazu , den Muth des hochherzigen Geschöpfes anzuschüren und zu entflammen . Die Annäherung , die zwischen ihr und der Mutter stattgefunden hatte , war nur eine scheinbare gewesen . Zwischen der Baronin , die nur weltliche Zwecke kannte und verfolgte , und ihrer Tochter , die einem vielleicht übertriebenen , immer aber hochsinnigen Idealismus huldigte , war auf die Dauer keine Vereinigung möglich . Das sprach Helene wiederholt in den Briefen aus , welche sie jetzt häufig an ihre liebste Freundin und einzige Vertraute , Miß Mary Burton , nach Hamburg schrieb . Dearest Mary , hieß es in einem derselben , wie oft hast Du Dich über das grausame Geschick beklagt , welches Dich mit Reichthum überschüttete , um Dir alle Verwandte zu rauben , Eltern , Geschwister , Cousins und Cousinen - alle jene Freunde und Freundinnen , die uns die Natur selbst mit auf den Lebensweg giebt . Aber , glaube mir , liebes Mädchen , es giebt noch ein schlimmeres Loos , als das Deine . Die Wehmuth , die Dich bei dem Gedanken erfaßt , allein dazustehen in der Welt , ist nicht ohne eine gewisse Süßigkeit . Wie oft sprachst Du mit Entzücken von Deinem Bruder Harry , der Dir in der Blüthe seiner Jahre geraubt wurde , von Deiner Schwester Kitty , der holden Blume , die so früh verwelkte - Du sagtest , sie seien Dir nicht gestorben , könnten Dir nicht sterben , denn sie lebten schöner und herrlicher in Deiner Erinnerung fort . Die Schatten der lieben Todten umschwebten Dich überall , sie seien Dir eine liebe Gesellschaft , in der Du Dich unendlich wohler fühltest , als oft , sehr oft in der kalten , egoistischen , die Dich umgiebt . O gewiß : das Leben ist der Güter höchstes nicht ; aber die Liebe ist es . Das Leben ohne Liebe ist ganz werthlos . Deine Verwandten sind gestorben , aber sie leben Dir ; meine Verwandten leben , aber für mich sind sie todt . - Es ist ein grauses Wort , theuerste Mary , aber ich streiche es dennoch nicht wieder aus , denn es ist wahr , und wir haben ja geschworen , uns nie die Wahrheit zu verhehlen , koste uns ihr Bekenntniß noch so viel . Ja , sie sind todt für mich , meine Verwandten , und ob ich gleich die Hälfte meines Lebens hingeben möchte , sie ins Leben zu rufen - mit frommen Wünschen ist hier nichts gethan . Wer leidet denn für uns ? Doch nur die , in deren Herzen wir allezeit eine sichere Zufluchtsstätte finden vor allem Leid , das uns bedrängt , vor allen Zweifeln , die uns ängstigen ; die nichts wollen , als unser Glück , und unser Glück nicht in der Erfüllung ihrer eigenen Wünsche , in der Befriedigung ihrer eigenen Selbstsucht erblicken . Und ist dies nicht der Fall bei den Meinigen ? kann ich ihnen mein Herz erschließen ? muß ich nicht stets fürchten , bei ihnen anzustoßen , wenn ich spreche , wie ich denke ? fragen sie nach meinen Neigungen ? ängstigen sie mich nicht vielmehr mit Zumuthungen , mit Andeutungen , die mir das Blut erstarren machen ? Freilich mein guter alter Vater - er würde , wenn es zum Aeußersten käme , mich nicht verlassen ; aber großer Gott , ist denn die Furcht , es könne bis dahin kommen , nicht schlimm genug ? und ist denn der Beistand , den man sich ertrotzen muß , etwas , worauf wir mit vollem Vertrauen , mit gläubiger Zuversicht blicken können ? Ach , Mary , ich kann Dir nicht sagen , wie fremd , wie unheimlich mir der Geist ist , der in meinem elterlichen Hause waltet , wie sehr ich mich zurücksehne nach unserm stillen Pensionsleben , wo wir , wenn uns auch die Welt draußen verschlossen war , in unseren Träumen und ach ! vor allem in unserer herzlichen Freundschaft eine schönere und reichere Welt fanden . Hier hab ' ich Niemand , dem ich einen Blick in diese Welt verstatten möchte , Niemand , als einen Knaben , bei dem ich auf Verständniß nicht rechnen kann , und einen Mann , den ich lieben könnte , wenn er mein Bruder wäre , und von dem mich jetzt eine unübersteigliche Kluft trennt . Du weißt , von wem ich spreche . Ich will Dir nicht verschweigen , daß ich in letzterer Zeit an diesem Mann ein Interesse genommen habe , das ich nie für möglich gehalten hätte - ein Bekenntniß , welches Deinen Spott herausfordern wird und das ich Dir dennoch , kraft der Heiligkeit unseres Covenant , schuldig bin . Vielleicht fühle ich mich nur deshalb zu ihm hingezogen , weil er unglücklich ist . Er steht , wie Du , allein , ganz allein in der Welt ; seine Mutter hat er kaum gekannt , seinen Vater schon vor Jahren verloren , Brüder und Schwestern nie gehabt . Er ist noch jung , aber reiche Herzen erleben viel in kurzer Zeit und er muß viel erlebt und viel gelitten haben . Es liegt eine Schwermuth auf seiner hohen Stirn , in seinen tiefblauen großen Augen , die für mich etwas unendlich Rührendes hat ; manchmal zuckt es so schmerzlich um seinen Mund , daß ich viel , sehr viel darum geben könnte , dürfte ich zu ihm treten und sprechen : sage mir , was Dich quält ; vielleicht kann ich Dir helfen , und vermag ich auch das nicht , kann ich doch mit Dir fühlen . Wir Beide , theure Mary , sind in der Ueberzeugung aufgewachsen , daß die unteren Stände mit dem Adel der Geburt auch des Adels der Gesinnung entbehren , daß wir bei ihnen auf ein Verständniß dessen , was uns hoch und theuer ist , in keinem Falle rechnen können . Ich gestehe , daß ich seit meiner Ankunft in Grenwitz von diesem Vorurtheil - denn so muß ich es jetzt bezeichnen - in manchen Punkten zurückgekommen bin , daß ich wenigstens jetzt eingesehen habe , wie sich zu der Regel doch auch Ausnahmen finden . Stein ist eine solche Ausnahme . Ich habe noch kein Wort aus seinem Munde gehört , das den Plebejer verrathen hätte , dagegen viele , sehr viele , die mir aus der Seele gesprochen waren , die ein lautes Echo in meinem Herzen fanden . Er spricht mit einer Anmuth , wie ich es noch von keinem Menschen gehört habe , mit einer reichen Modulation der Stimme , die wie Musik in meinem Ohre klingt , so daß ich oft noch stundenlang nachher versuche , die Art und Weise , den Tonfall , mit dem er dieses oder jenes sprach , in meiner Erinnerung zurückzurufen . Es liegt für mich ein unendlicher Zauber in einer schönen klangreichen Stimme ; es ist mir immer , als sprächen die Menschen mit dem Herzen ; als könnte ich , oft schon nach wenigen Worten , sagen : dies ist ein guter , dies ist kein guter Mensch . Und bei Stein wenigstens trifft es zu . Ich habe schon manche Proben von seiner Herzensgüte gesehen . So starb vor ein paar Tagen in unserem Dorfe eine alte Frau , die früher Wirthschafterin auf dem Schlosse gewesen war und von dem Vater eine kleine Pension hatte . Niemand kümmerte sich um sie , nur Stein , der auch nach ihrem Tode für ihr Begräbniß Sorge trug , ja , sie zu ihrer letzten Ruhestätte , mit Bruno , den weiten Weg bis zum Friedhofe begleitet hat . Das ist ihm im Schlosse sehr übel ausgelegt worden und ich mußte sehr lieblose Bemerkungen darüber mit anhören ; besonders von einer gewissen Person , die Gott danken sollte , wenn er sie nur einmal auf den Gedanken einer so guten That kommen , geschweige denn eine solche wirklich ausführen ließe . Aber ich will dieser Person nicht die Ehre anthun , noch mehr Worte über sie zu verlieren . Ich habe beschlossen , daß sie in Wirklichkeit für mich nicht existiren soll , und so soll sie es auch nicht in Worten . Dieser Brief , in welchem sich Fräulein Helene so unumwunden über die Personen ihrer Umgebung aussprach , wurde nie beantwortet , denn er gelangte nie an seine Adresse . Einundfünfzigstes Capitel Es war in der Nachmittagsstunde . Der alte Baron schlief in dem Wohnzimmer . Er saß in dem großen Schaukelstuhl ; die Zeitung , in welcher er gelesen hatte , war ihm aus der welken , herabhängenden Hand geglitten . Er sah recht verfallen aus in diesem Augenblicke ; recht wie ein alter Mann , der nicht mehr viele Jahre zu leben hat und dessen Leben die leichteste Krankheit ein rasches Ende machen kann . - So dachte Anna-Maria , die ihm gegenüber auf ihrem gewöhnlichen Platze gesessen und ihn eine geraume Zeit , in tiefes Nachdenken verloren , aufmerksam betrachtet hatte . Jetzt erhob sie sich leise und trat vor die Pendeluhr über dem Kamin . Es war bald vier , die Stunde , in welcher nach der unwandelbaren Ordnung des Hauses der Kaffee getrunken werden mußte - im Garten , wie stets , wenn das Wetter es erlaubte . Die Baronin stand im Begriff ihren Gemahl zu wecken , sie besann sich indessen eines anderen , schritt durch die offene Thür in den Garten hinab , und fragte den Bedienten , welcher das Kaffeeservice in die Laube trug , ob Baron Felix schon gerufen sei ? - Noch nicht , gnädige Frau ! - So gehen Sie hinauf ; ich ließe ihn bitten , doch