gebracht ; um die Krippe von Bethlehem sind sie aufgeblüht . Und weil sie diese wundervolle Abkunft haben , deshalb sind sie so edel , daß sie mit Geld und Gut und irgend einem Besitz von geschaffenen Dingen sich nicht vertragen ! so geistig , daß sie die innerste Freiheit von jeder Kreatur , die Trennung von dem Liebsten auf Erden , die Losschälung der feinsten Bande von Fleisch und Blut begehren ; so erhaben , daß sie mit den gewöhnlichen Wegen der Menschen nichts zu schaffen haben und nur den Weg gehen , den sie vom Jesukind gelernt haben gehorsam bis zum Tode am Kreuz . Uriel ! ein einziger Mensch , der in der Vollkommenheit nach den evangelischen Räten lebt - und aus ihnen drei Nägel macht , mit denen er sich an das Kreuz des Herrn heftet , überwiegt weit alle Größe aller Menschen zusammen genommen , welche die Welt groß nennt ; denn der himmlische , nach Christus gebildete Mensch ist größer in ihm . Und davor grauet Dir ? und das flößt Dir Entsetzen ein ? Ach , Uriel ! ich will Dir sagen , woher das kommt : Du denkst nicht an die Menschwerdung Gottes , an dieses süße , liebeselige Geheimnis , welches die Kirche jetzt im Advent andächtig betrachtet und welches gleichsam der immerblühende Rosenstrauch ist , aus dem sich fort und fort alle anderen heiligen Glaubensgeheimnisse wie göttliche Rosen entwickeln . Dem Gottessohn , der sich liebebesiegt durch unser Elend , zum Sohn der seligsten Jungfrau macht , und als das gebenedeite Jesukindchen zu Bethlehem auf unserer armen Erde erscheint : dem müssen wir zuerst , zum gerührten Dank für eine so göttliche Liebe , unser Herz schenken - und ist das geschehen , ach ! wie weiß er es dann festzuhalten , und wieder zu gewinnen , und sich darum zu bewerben , und es an sich zu ziehen , und es zu berauschen mit seinen Myrrhen und seinem Blut , so daß sich das Herz endlich auch liebebesiegt ihm anschmiegt und dann sein Genügen hat - für die Ewigkeit . « » Dazu muß das Herz besonders begnadet sein , Regina ! « wendete Uriel ein . Das Herz bildet sich allmälig um nach seiner Liebe ; das ist deren Gesetz , so mächtig ist sie . Liebt der Mensch irdisches Gut , so wird er irdisch . Liebt er gemeine Genüsse , so wird er gemein . Liebt er Schlechtes an Menschen und Dingen , so verschlechtert er sich und wird mehr und mehr unfähig zum Guten . Liebt er Gott , so vergöttlicht er sich , so geht aus dem trauten und beständigen Umgang mit dem unendlich Schönen und Guten auch etwas Gutes und Schönes in seine Gedanken , Gefühle , Bestrebungen und Handlungen über . Je besser das Herz wird , um so mehr liebt es Gott , und je mehr es ihn liebt , desto größere Gnaden empfängt es . Er ist ein Herr von unendlicher Milde und Großmut und kommt der leisesten Liebesregung zärtlich entgegen . « » Dennoch , Regina , muß das Herz besonders begnadet sein , um sich innerlich und vollständig von allen Geschöpfen - und von dem Glück und den Freuden , welche sie bringen , abzutrennen . Es gibt sündlose Freuden und Verhältnisse voll geheiligtem Glück . « » Gewiß ! « entgegnete sie lebhaft . » Nicht Jeden beruft Gott zum vollkommenen Aufgeben des Irdischen ; allein er verlangt von jedem , daß dasjenige , was in dem sündlosen Glück und den erlaubten Freuden irdisch ist , durch Beziehung auf Gott mehr und mehr gereinigt und verklärt werde . Willst Du also Irdisches besitzen und in Deiner Freude darüber das rechte Maß inne halten und Dich nicht besinnungslos darin verlieren ; willst Du Menschen lieben und in ihnen Dein Glück finden : so darfst Du es doch nur als etwas von Gott Geliehenes besitzen , das Du allzeit bereit bist , mit Gleichmut ihm zurück zu geben . Tust Du das nicht , so wirfst Du dein Herz der Irdischkeit zu Füßen . Tust Du es aber , so lebst Du gewissermaßen auch nach den evangelischen Räten , arm im Geiste , bereit zur Entsagung , willig zum Gehorsam - und in dieser Weise heiligen sich unzählige Seelen . « » Und warum , Regina , hast Du diesen leichteren Weg nicht gewählt ? « » Weil ich ihn für einen gefährlichen und mühseligen Umweg halte . Mein Ziel ist Gott : danach verlange ich . Mein Ende ist Gott : darüber frohlocke ich . Weshalb sollte ich bei der Kreatur mich aufhalten ? Überdas setzt es ein Streben nach höherer Vollkommenheit voraus , wenn man den Entschluß nach den evangelischen Räten zu leben , durch die Klostergelübde besiegelt und sich durch sie , an Hand und Fuß himmlischer Weise gebunden , wehrlos das süße Joch und die sanfte Bürde Jesu auflegen läßt . « » Immer der alte , hohe , energische Schwung ! « rief Uriel . Sie unterbrach ihn , wie sie jedesmal tat , wenn sie fürchtete , daß er von Lob oder von Liebe sprechen wolle , und fragte : » Bist Du denn wirklich all diese Jahre in der Welt umher geschweift ? « » Ja ! « erwiderte Uriel . » Ich wollte die eine Liebe vergessen und eine andere finden ; dazu braucht man Zeit und allerhand Kenntnis . « » Im Grunde nur - Erkenntnis ! « sagte Regina . » Nun , wohin bist Du denn mit Deinen Kenntnissen gelangt ? « » Daß ich nichts habe finden können , das größer als mein Herz und folglich meiner Liebe würdig wäre . Die Höhen des Tschimborasso , und die Weiten der Wüste und die Tiefen des Ozeans und der Donnersturz des Niagara füllen die Abgründe meines Herzens nicht aus - und all das Lebensgewimmel voll Tätigkeit und Geschäftigkeit , voll Klügeleien und Betrügereien , voll Berechnung und Täuschung , voll Anstrengung und Nüchternheit gibt meinem Herzen auch nicht einen einzigen rascheren Schlag . « » Das begreift sich ! « sagte Regina . » Das Menschenherz ist ein goldener Kelch , den Gott mit Opferwein gefüllt haben will . Soll er den schalen Wein der täglichen Mahlzeit oder der irdischen Feste aufnehmen , so entspricht er nicht seiner Bestimmung . Er wird entweiht - und das Herz , das ein lebendiger Kelch ist , wendet sich ab von der Entweihung - wenn es sie begreift - und bleibt lieber leer . Weißt Du wohl , daß dies eine große Gnade ist ? « » Zu der Erkenntnis hab ' ich es noch nicht gebracht , « antwortete Uriel mit einem Anflug von Bitterkeit . » Der Trank aus trüben Cisternen genügt Dir nicht ; aber Du verschmachtest , « entgegnete Regina . » Nun wohlan , Uriel ! wende Dich zu den Wassern des ewigen Lebens , wende Dich zu dem Born , aus dem sie in unergründlicher Fülle strömen . Durchschweife nicht länger den Erdball . Geh ' in das erste beste Kirchlein , knie nieder vor dem Tabernakel . Sieh ! dort in dem engen , dunkeln , kleinen Raum , dort wohnt der , der einzige , welcher größer ist , als Dein Herz und folglich dessen Leere füllt . Dann hast Du , was Du brauchst , was Du ersehnst , was Dir genügt . Meinst Du , daß uns die Klostermauern und die enge Zelle süßer wären , als das liebe Vaterhaus , wenn Er nicht im Tabernakel unter uns wohnte ? Er ist der göttliche Magnet , der uns fesselt ! er ist der himmlische Kompaß , der unseren Weg bestimmt . Der geheimnisvolle Gott im Tabernakel ist die Vervollständigung des Jesukindchens in der Krippe und des bittern Leidens auf Golgatha : so liebt uns Gott - der König der Ewigkeit . Wer das erkennt , dem wird eine namenlose Seligkeit das Herz durchfluten , so geliebt zu sein . Dann werden sich die Fluten senken und das Herz in seiner eigenen Armseligkeit zurücklassen und traurig wird es sprechen : Ach Herr ! zu lieben verstehe ich dich nicht , dazu bin ich zu gering ! aber dienen will ich dir alle Tage meines Lebens bis zum letzten Atemzug auf dem stillen langen Kreuzweg von Bethlehem bis zum Tabernakel . Und dann sei versichert , Uriel , Du hast den gefunden , der Dein Herz erfüllt . In der Enge , in der Stille , in der Abgeschiedenheit begegnest Du dem Gott , den Du auf Deinen Weltfahrten nicht begegnet bist . « » Regina ! Regina ! « rief Uriel , » in diese Enge , in diese Stille muß man ein wunderbar reines und friedliches Herz bringen ; sonst reibt es sich auf . « » Ach ! « sagte sie , » es bringt jeder sein elendes Herz mit , das unruhig ist , weil es in menschlicher Brust schlägt . Beginnt nur erst seine stille Kreuzigung durch die praktische Ausübung der evangelischen Räte , so wird es nach und nach gefriedigt . Jeder hat seine Kämpfe zu bestehen , seine Versuchungen zu überwinden , in seinen Prüfungen sich zu läutern .. « » Und das alles ohne das erleichternde Gegengewicht großer Tätigkeit ! « » Ach , Uriel , wir haben hier mehr zu tun , als je die Tante Isabelle , Corona und ich auf Windeck zu tun hatten . « » Ist Gebet - Tat ? « fragte er . » Meinst Du nicht ? « fragte sie zurück . » In stiller Nacht geht der göttliche Heiland in die Einsamkeit der Berge und betet für die sieche Menschheit . Ist das weniger Tat , als wenn er am Tage ihre Gebrechen heilt ? In stiller Nacht kniet Franziskus , der seraphische , vor einem Kruzifix und betet : Mein Gott und mein Alles . Das war vielleicht mehr Tat , als seine ergreifendsten Predigten , durch die er Tausende zur Buße bekehrte . Das Gebet ist eine ungeheuere Tat , Uriel , ist das Fundament von allem , was auf Erden zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen geschieht . Nur setzt sie , statt der Hände und Füße , die höchsten geistigen Kräfte in Bewegung . Sie ist der Atemzug des Gedankenlebens . Die Wissenschaft mit ihren Entdeckungen und Erforschungen , die von so unberechenbarem Einfluß auf die Menschheit sind , wirkt in der Sphäre des Verstandes etwa so , wie das Gebet in der höheren und umfassenderen geistigen Sphäre : sie erfindet , was andere ausführen . Das Gebet lenkt und unterstützt , was anderen frommt . Am jüngsten Tage wird es dereinst offenbar werden , was wir dem Gebet frommer Seelen zu danken haben . Unser Gebet hier ist nun freilich zu gering , um große Erfolge zu haben . Wir sind sehr unvollkommen und gehören nicht zu jenen Lieblingen Gottes , deren Bitten und Wünsche er gern hört und gern erfüllt . Wir sind jedoch in äußerer Praxis auch nicht so untätig , wie Du zu glauben scheinst ! In einer armen Familie hat jedes Mitglied das Seine zur Erhaltung des Hauswesens beizutragen , der eine verrichtet dies und der andere jenes . Wir bilden eine arme Familie mit einer geistlichen Mutter und zwölf Töchtern . Die Zahl ist festgesetzt zu Ehren des göttlichen Meisters und seiner heiligen Apostel . Sie ist groß genug , um allen Verpflichtungen nachzukommen ; sie ist klein genug , um ohne Lärm und Tumult das stille Grottenleben des Karmels führen zu können . Die eine hat die Haushaltung zu besorgen , die andere die Bedürfnisse der Sakristei . Die dritte ist Krankenwärterin , die vierte spielt die Orgel und leitet den Gesang . Alle stehen auf zum gemeinsamen nächtlichen Chor und beten die Horen zu den bestimmten kanonischen Stunden . Ist das nicht alles eine höchst geziemende Beschäftigung ? in stiller Zurückgezogenheit , die überall den Frauen so wohl ansteht , werden die häuslichen Pflichten des geistlichen Familienlebens erfüllt - und erfrischend und beseelend , wie ein schöner Strom durch einförmige Fluren , schlingt und windet sich das Gebet durch all unser Tun und läßt uns nicht allzuweit aus der Gegenwart Gottes uns verlieren . So vergehen Tage , Wochen , Jahre . Können wir nicht in Wahrheit mit König David selig ausrufen : Kommt vor Sein Angesicht mit Jubel . Wir sind Sein Volk und die Schäflein Seiner Weide . Gehet ein mit Frohlocken in Seine Tore . Preiset Ihn , lobet Seinen Namen ; denn lieblich ist der Herr . Und zu einer so süßen Gegenwart gesellt sich eine noch süßere Hoffnung . Dereinst kommt ein Stündlein , ach , das gebenedeite , glückselige Sterbstündlein . Dann heißt es : Der Bräutigam kommt ! Dann spricht die Seele : Tritt ein , o Herr , bei deiner Magd ! längst hat mein Herz zu dir gesagt : Dein Antlitz such ' ich ! - Und dann spricht er , der unendlich milde und liebliche Herr : Stehe auf , meine Freundin , und komm ' . Der Winter ist vorüber ! - Sieh , Uriel , so lebt man und stirbt man auf dem Karmel . « Er hörte ihr zu . Sie hätte stundenlang sprechen können und er würde des Zuhörens nicht müde geworden sein . Ihm zerschmolz das Herz vor diesen Frühlingslüften aus einer übernatürlichen Welt . Sie sagte das alles mit einer Einfachheit und Geistesstille , welche deutlich zeigten , wie heimisch sie in jener war . Wie von lindem Balsam überflossen und geschmeidigt löste sich die Spannung , die Unruhe , die ihm die Brust zerkrallten . Er vergaß , daß er sie geliebt , daß er sie verloren hatte . Er war bei ihr , er war glücklich . » Regina , Königin meiner Seele ! « rief er mit einem Ausbruch von namenloser Wonne . » Willst Du zur Königin der Seelen sprechen , « entgegnete sie sanft , » so mußt Du sie nennen Maria Regina , die gebenedeite Gottesmutter . Die Regina , welche Du im Sinne hattest , ist ja längst tot . O wende Dich doch nicht den Schatten und dem Tode zu , wenn ein göttliches Leben Dich ruft und Deiner harrt . Lerne Gott lieben , indem Du ihm dienst : das ist mein Wunsch und mein Gebet für Dich . « Er hörte , daß sie vom Stuhle aufstand . » O warte noch ! « rief er in heftiger Bewegung ; » erfülle mir erst eine Bitte ! sie ist gering . Du hast am Tage Deiner Einkleidung hier am Gitter zu der ganzen Familie gesagt : Auf Wiedersehen im Himmel ! aber ich war nicht dabei . Wohlan , Regina , öffne das Gitter , schlage den Schleier vom Antlitz zurück , damit ich Dich noch einmal auf Erden sehe , Dich - die Du alles bist , was ich je geliebt habe ! und dann sprich auch zu mir : Auf Wiedersehen im Himmel . « » Es geht nicht , « antwortete sie zögernd ; » ich tue es nie . « » Ich will es nicht verraten , « sagte Uriel flehend , » nicht dem Vater , nicht an Corona , nicht an Hyacinth . « » O , Hyazinth wünscht so etwas nicht ! « rief sie . » Er war nie hier - und es wäre doch ihm und mir ein Trost gewesen . Aber er will nicht den irdischen Trost . Sein Herz ist so recht ein Opferkelch . In den heiligen fünf Wunden bin ich immer mit ihm vereint ; denn nichts verknüpft die Seelen so innig , Uriel , als die Entsagung . « » Ja , er ist eben Hyazinth , « sagte Uriel sanft . » Wirf mir nicht vor , daß ich anders bin . Einmal , nur ein einziges Mal laß mich Dich sehen in dem wunderbaren Leben , das Du von himmlischen Geistern gelernt haben mußt . Einmal tritt heraus aus den Wolken , Du Morgenstern meines Lebens - und dann bleibst Du mein Polarstern . Einmal , Du seliges Geschöpf , laß mich den Abglanz Deines Glückes schauen und meiner Seele einprägen . « » Genug , « sagte sie . » Warte hier , ich komme wieder . « Sie kam wieder und sagte : » Uriel ! es war eine besondere Eingebung Gottes , daß ich mir vornahm , als ich den Schleier empfing , er solle mir nun auch wirklich alle Gestalten der Erde verschleiern . Aber heute ist ' s ein besonderer Fall ! « » O Dank , Regina ! Gott Dank ! « frohlockte er . » Versprich mir aber eines , « sagte sie feierlich . » Der Vater und Corona dürfen nie erfahren , daß Du mich gesehen hast . Versprich es mir bei dem gekreuzigten Herrn und Heiland . « » Bei dem gekreuzigten Herrn und Heiland ! « wiederholte Uriel mit einer Stimme , die vor Bewegung zitterte . Der innere Laden wurde aufgeschlossen , der dunkle Vorhang zurückgeschoben , endlich das Gitter weit geöffnet . Da standen drei Karmelitessinnen in ihrem dunkelbraunen Habit mit dem weißen Skapulier und dem schwarzen Schleier . Zwei von ihnen hatten ihn tief über das Antlitz herabgesenkt . Die dritte hatte ihn ganz zurückgeschlagen ; nur weißes Linnen umgab ihr Gesicht . Das war Regina ; schlank und hoch stand sie zwischen den Ordensschwestern und blickte ruhig zu Uriel hinüber . Er hielt die Augen geschlossen , bis all die Vorbereitungen gemacht waren ; dann schlug er sie zu Regina auf . Als habe er einen Todesstoß mitten im Herzen empfangen - so taumelte er vom Gitter zurück , brach zusammen , sank auf die Knie , schlug beide Hände vor ' s Gesicht und rief mit einem ächzenden Schrei : » Ah ! Ah ! Regina - ist das die Milde und Großmut Gottes ! « » Seine Barmherzigkeit ist ' s , die mir schon auf Erden mein Purgatorium - seine Liebe ist ' s , die mir Anteil am Kreuz gönnt , « entgegnete sie ruhig . Leichenblaß und abgezehrt waren ihre Züge , eine fürchterliche Wunde klaffte an ihrer linken Wange und zog sich zu der Schläfe hinauf - und wie Kerzen in einer Gruft standen ihre Augen , noch größer , noch strahlender als sonst , mit stillem Glanz über der grausigen Zerstörung . » Das Gitter zu ! den Schleier herab ! « rief Uriel in namenloser Verzweiflung . » Ich halt es nicht aus ! ich sterbe vor dem Anblick . « Der Vorhang rauschte zusammen und sie sagte : » Sieh , Uriel , das ist die Regina , die Du geliebt hast - und Du schauderst vor ihr zurück ! Wirst Du nun die Fügungen Gottes preisen ? « » Nein ! « rief er , und seine Verzweiflung löste sich in Tränenströmen - das ist sie nicht ! Das Lamm Gottes , das Opfer , das sich lächelnd und selig langsam am Kreuz schlachten und verbluten läßt : das ist die Regina , die ich liebe . O Du gottbegnadetes Geschöpf , welch einem großen Herrn dienest Du ! « » Es ist der , welcher gesagt hat : ich liebe , die mich lieben ; und der mir zum Beweis seiner Liebe seine Dornenkrone aufgesetzt hat . « Uriel drückte mit beiden Händen die Tränen aus seinen Augen , nahm alle Kraft zusammen , um seine Aufregung zu bemeistern , blickte auf das Kruzifix , das ihm noch nie so verständlich , so lebendig gewesen war , sammelte sein Herz in seinem Willen und sagte gefaßt : » Wohlan , Schwester Therese vom Lamm Gottes , der Herr , der Deine Liebe mit einem solchen Lohn auf Erden vergilt , dessen Liebe muß etwas über alle Begriffe Großes , Süßes , Göttliches sein , welches das Maß meines Herzens überfüllt . Das hab ' ich verlangt , das hab ' ich gesucht ! nun ist es gefunden : dem Herrn will ich fortan dienen . « Da teilte sich der Vorhang . Regina erschien in ihre Schleier verhüllt und nichts von ihrem Antlitz war sichtbar , als ihre Augen , die wie aus dem Jenseits schimmernd ihn anblickten . Mit unbeschreiblicher zärtlicher Freude sagte sie : » Auf Wiedersehen im Himmel ! « und verschwand . - Am Abend dieses Tages suchte Uriel in der Stadt den Superior der Karmelitessen auf , nannte sich ihm und fragte ihn , nachdem er in einigen Worten den Vorgang mitgeteilt hatte , wie denn eigentlich dies furchtbare Leiden über die blühende kräftige Regina gekommen - und ob nichts zu ihrer Herstellung versäumt sei . « » Letzteres ist gewiß nicht der Fall , « erwiderte der Geistliche . » Wir haben hier äußerst geschickte Aerzte und keine Mittel , auch die schmerzlichsten nicht , sind unversucht geblieben . Aber dies Übel ist ja fast immer unheilbar ! - Als die Gräfin bei den Karmelitessen eintrat , siechte eine Laienschwester daran hin und die demütige Novize bat um Erlaubnis , die Kranke pflegen zu dürfen . Ansteckend ist es nicht ; nur heißt es , daß der Krankheitsstoff , wenn er auch nur durch ein Minimum in das Blut des Gesunden übergehe , dieses vergifte . Die Gräfin empfing mit Freuden die Erlaubnis und besorgte ihr Geschäft mit solcher Andacht , daß die Oberin mir sagte , ihr fielen dabei die Legenden von der heiligen Elisabeth von Thüringen und der heiligen Katharina von Siena ein . Kaum war die Laienschwester tot , so zeigte sich das Übel bei der Gräfin ; aber sie kannte dessen Entstehung nicht und beachtete es nicht , hielt es für vorübergehend , vielleicht erzeugt durch die veränderte Lebensweise und mochte nicht davon reden , aus Furcht , man werde sie , die noch Novize war , zurückschicken , damit sie sich im Vaterhause herstellen lasse . Bemerken konnte es niemand , da der Halsschleier die Wangen zur Hälfte bedeckt , da sie immer ganz heimlich die Linnen wusch , welche sie auf die Wunde legte und nie die leiseste Unruhe oder Bekümmernis kund gab . Nachdem sie Profeß abgelegt hatte und somit ganz sicher war , daß man sie behalten müsse - wie sie unbefangen sagte - da sprach sie denn endlich von dem Übel und sogleich wurde ein geschickter Arzt zu Rate gezogen . Er meint , sie könne einen Nadelstich , einen feinen Riß an der Hand gehabt - und durch denselben , bei dem Verbinden der Laienschwester , den Giftstoff im Blut aufgenommen haben . « » Und so ist sie verloren - rettungslos verloren ! « sagte Uriel tonlos . » Nur für die Erde , Herr Graf , von der sie ja , der Sehnsucht nach , längst abgeschieden ist ; droben ist ihr ein herrlicher Platz bereitet . Die heilige Therese sagt : Nach dem Maß der Liebe , mit der wir unserem guten Jesus nachgefolgt sind , werden uns die himmlischen Wohnungen eingeräumt . Da ist denn wohl zu hoffen , daß der gute Jesus die Schwester Therese vom Lamm Gottes liebevoll empfangen werde , wenn sie vor seinem Thron erscheint . Ein Blutbräutigam , wie die heilige Schrift ihn nennt , ist er ihr hienieden gewesen ; in seinen Wunden hat er sie sich anvermählt ; zu einem lebendigen Schlachtopfer hat er sie auserkoren ; und sie hat , wie das Lamm , das zur Schlachtbank geführt wird , gänzlich dem Willen des göttlichen Bräutigams sich hingegeben , nie den Mund zur Klage , viel weniger zum Widerspruch geöffnet und so gelitten , in stiller , schweigender Liebe , wie die ganz guten Kinder Gottes leiden . O Herr Graf ! das gibt eine selige Sterbestunde - und wenn wir uns einer solchen erfreuen , so haben wir ja unsere Bestimmung erfüllt und unser Ziel erreicht . « Uriel ließ sich noch mancherlei erzählen von ihrer heldenhaften Geduld , von ihrer großmütigen Ergebung . Der Arzt hatte ihr jede Anstrengung untersagt - auch Orgelspiel und Gesang , auch das gemeinschaftliche Chorgebet ; gerade alles , was ihre süßeste Beschäftigung war . Die schlaflosen Nächte wurden ihr zuweilen so lang und gern hätte sie sich dann zum Tabernakel geflüchtet und Kraft gesucht in der wesenhaften Gegenwart Gottes ; aber sie durfte nachts nicht die Zelle verlassen : so wollte es der Arzt - und sie fügte sich mit einer Bereitwilligkeit , als habe sie auf Genesung gehofft . Uriel fragte , ob sie noch ein langes Leiden vor sich habe ? Der Geistliche erwiderte , das könne der Arzt nicht bestimmen . Es gehöre Zeit dazu , bis eine so kräftige Natur aufgerieben sei . Manchmal trete ein Stillstand in der Krankheit ein - und das sei eben jetzt der Fall - dann erscheine sie , der Stimme und den Bewegungen nach wie eine Gesunde . Aber nach solchen Pausen im Leiden erhebe es sich jedes Mal mit verstärkter Gewalt . » Ich war ahnungslos über ihren Zustand , bis ich sie sah , « sagte Uriel . » Ja , sie ist eine Heldin im Leiden , « entgegnete der Superior . » Sie ist viel näher bei Gott , als bei sich selbst . Sie hängt mit Christus am Kreuz und schweigt , wie er . Nur dauert ihre Passion länger , als von der Sext bis zur Non . Betrüben Sie sich nicht , Herr Graf ! den Auserwählten sollen wir nachahmen , nicht nachweinen . « Das fühlte Uriel . Ihm war zu Mut , als sei der Nachen seines Lebens vom Ufer und von dessen Untiefen und Klippen weit hinweg und auf die hohe See geschleudert , damit er endlich mit vollen Segeln gehen und den Gestaden der übernatürlichen Welt zusteuern lerne . Ein Orkan war durch seine Seele in wenigen Minuten geflogen und hatte sein Inneres zu einem Chaos gemacht ; aber so , wie einst die Sündflut die Schöpfung verheerte , damit eine neue Erde aus ihr hervorgehe . Die Taube mit dem Ölzweig schwebte ihm zu . Alle Bitterkeit war geschwunden , alle Härte zerschmolzen - denn die sind irdisch und Himmlisches hatte sich ihm genaht . Martyrer sind Wundertäter . Das empfand er . Er dachte daran , daß er einst vor Jahren zürnend zu Regina gesagt habe , sie müsse für ihn leiden , weil sie ihm so viel Leid bereite . Das war nun geschehen . Er sagte , wie der heilige Johannes von Gott vor einem Kruzifix zu sagen pflegte : » Deine Dornen sind meine Rosen und Deine Leiden mein Paradies . « So kam er nach Windeck zurück . Die Baronin empfing ihn wie eine zärtlich besorgte Mutter . Er sagte ihr nur , dankbar und beruhigend : » Es ist alles gut , liebe Tante , alles gut - mit ihr und mit mir ! « Aber in Levins Arme sank er und sagte : » Ich habe gefunden , was mein Herz ausfüllt : Liebe zum Leiden , aus Liebe zu Gott . « Der Kreuzweg » Also dies ist die berühmteste Ruine der Welt ! « sagte Judith und blickte sinnend umher . » Ja ! dies ist die Weltruine ! « entgegnete Lelio . » Dies ist die Ruine , welche Tyrannenmacht verherrlichen sollte - und ihrer spottet ! « rief Florentin . » Sie ist höchst malerisch ! « bemerkte Madame Miranes . Sie standen im Koliseum zu Rom . » Was sagt Graf Orestes ? « fragte Judith , zu ihm sich wendend . » Nichts , « erwiderte er . » Er hört und sieht - Sie . « Das war begreiflich ! Von Kopf zu Fuß in schwarzen Sammt gekleidet , mit dem dunkeln Auge in dem schönen farblosen Antlitz , glich sie jenen Statuen aus hadrianischer Zeit , die freilich nicht mehr im reinen Stil der Antike , aber vielleicht umso überraschender - nicht geistiger , aber sinnlich lebendiger sind : deren Gewandung ist aus dunkelm Marmor ; Hände , Füße , Antlitz - aus weißem Marmor und das Auge aus schwarzer Emaille . » Sie sehen aus wie ein Götterbild , das aus alter Zeit vergessen hier stehen geblieben wäre , « setzte er hinzu . » Nein ! « rief Lelio ; » sondern wie eine ächte Tochter Sions , die im Trauergewande auf dieser Stätte stehen muß . Hier erfüllte sich das Schicksal Ihres Volkes in seiner ganzen Herbe . Während hier 12000 gefangene Juden auf Kaiser Vespasians Geheiß Block auf Block zu diesem Riesenbau hinwälzten und zusammentürmten und bei der Anstrengung und Mühsal umkamen , wurde ihr eigener Tempel von den Römern zertrümmert , so daß kein Stein auf dem andern blieb . Sie mußten sklavisch zur Verherrlichung der Göttin Roma beitragen , während Rom das Volk Gottes samt dem Gottestempel vernichtete . Seitdem ist es auseinandergefallen in wandernde Stämme , an denen sich noch nicht die Verheißung des Propheten erfüllt : Israel zieht hin zu seiner Ruhe . « » Wie das schön klingt ! « sagte Judith : » Israel zieht hin zu seiner Ruhe ! « weit schöner als Opernarien und Freiheitshymnen ! Wer spricht so , Lelio ? « » Ein Mann Ihres Volkes ; aber keiner von denen , welche die modernen Opern komponieren und die modernen Freiheitshymnen dichten . Der Prophet Isaias spricht so , ein Gottgesandter , der die Ankunft des Messias und die Erlösung verkündete und den ein gottloser König ums Leben brachte , weil göttliche Wahrheit dem irdischen Sinn verhaßt ist . « » Warum kennen wir nicht die Schriften unserer größten Männer ? « fragte Judith ihre Mutter . » Bestes Kind , « erwiderte diese , » woher sollten wir Zeit nehmen , uns mit der alten Literatur zu