Amte gewiegte , in seinen Unternehmungen von guten Erfolgen begleitete Beamte : Herr von Asselyn ! Ich suchte Sie gestern Abend überall vergebens - mein Vater ist angekommen - in dem Drang seiner Angelegenheiten begaben wir uns sofort zu Nück - eine Viertelstunde und die Verständigung war gemacht - ich danke das ohne Zweifel Ihrer Vorbereitung ! Machen Sie meinem Vater das Vergnügen , heute im Englischen Hofe mit uns ein Frühstück einzunehmen - Auch Sie , Herr de Jonge , sind vielleicht zugegen - obgleich Sie die Nacht nicht geschlafen haben ! setzte er nach einer leichten Verbeugung lächelnd hinzu . Woher wissen Sie das ? fragte Thiebold mit nicht erkünstelter Kälte . Benno , um Reibungen zu vermeiden , hielt sich an die Ueberraschung , die ihm die Ankunft des Rittmeisters und Landraths von Enckefuß verursachte . Er wiederholte einigemal : Ich war bei meinem Vetter - im Schnuphase ' schen Hause - sieh , sieh - nun ist mir das schnelle Arrangement erklärlich ! Thiebold bereute indeß seine Aufwallung ... Um eine Coalition der Hypothekengläubiger zu sprengen , fuhr der Assessor fort , reiste Herr Kattendyk noch in dieser Nacht nach Witoborn ab - man hat Sie in aller Frühe im Bahnhof gesehen , Herr de Jonge - also vermuth ' ich , daß ich richtig errieth - indessen bis zwölf Uhr , wo uns mein guter Alter erwartet , könnten Sie noch ausgeschlafen haben und es wird Sie freuen , Herr de Jonge , ich habe ausdrücklich die Käuflichkeit der Mühle für meinen intimen Feind , Herrn Remigius Hedemann , beim Vater und bei Nück ausbedungen - auch zu dem Preise , für den sie der Gläubiger ablassen wollte ! Daß diese Sorgen hinter mir liegen , dank ' ich Ihnen , Herr von Asselyn ! Also ich hoffe , Sie kommen ! Benno schützte , wenn er ausbleiben sollte , die Abhängigkeit von Bonaventura vor . Thiebold , rasch jetzt erwärmt und versöhnt , rückte mit seinem Stuhle dem Assessor näher , zeigte ihm das auf dem Platz so zunehmende Gewühl , daß schon Militärwache berufen wurde , die Leute vom Eindringen in das Haus , wo die That begangen war , zurückzuhalten , und fragte nach seiner Ansicht über den Vorfall . Das ist eine traurige Affaire ! sagte der Assessor . Die Alte wurde mit einer Schlinge erwürgt , gerade wie man einem Stier den Hals zuschnürt und ihn dann niederzieht ! Sie muß von ihrer Stube bis hinten in die Küche geflüchtet sein , wo der Mörder sie am Feuerherd festhielt und so vollends - Und keine Vermuthung ? fragten beide Hörer zu gleicher Zeit . Gesindel haben wir genug in der Stadt ! sagte der Assessor und lehnte die angebotene Theilnahme am bescheidenen Frühstück nicht ab . Sie wissen ja von dem Knecht aus dem Weißen Roß , der in St.-Wolfgang den Sarg erbrochen ! Der Mensch soll hier in der Stadt gesehen worden sein ! Uebrigens war diese Frau berüchtigt durch ihren Geiz . Seit Jahren ging sie nicht mehr aus . Dennoch fehlte es um sie her nicht an Verkehr . Sie nannte sich eine Frau Hauptmann von Buschbeck , während ihr nur ein anderer Name gebührt - er steht in den Acten . Geldmittel erhielt sie mit großer Regelmäßigkeit von unserer Freiherrlich Wittekind-Neuhof ' schen Kameral-Verwaltung bei Witoborn . Vor vielen Jahren war sie in Diensten des alten Freiherrn von Wittekind ! Benno hörte mit beklommenem Herzen die Bestätigung der Beziehungen der Ermordeten zu Schloß Neuhof ... Die Alte , fuhr der Assessor fort , kam vor sieben oder acht Jahren hieher und brachte bald die Polizei mit sich in Berührung . Kein Dienstbote blieb länger als einige Wochen bei ihr , mancher kaum einige Tage . Sie quälte und mishandelte sie so lange , bis niemand mehr zu ihr ziehen wollte . Bei dem Geiz ihrer Lebensweise hätte sie für sich allein auskommen können , ohne Bedienung , aber wahrscheinlich hatte sie das Bedürfniß der Gesellschaft . Sie half sich zuletzt , wie ich gehört habe , durch einen Rath Ihres in allem kundigen Procurators ! Nück ' s ? fragte Benno sinnend und keineswegs erstaunt ... Die Klugheit desselben war ihm geläufig . Sie deponirte ein Testament mit Nück ' s Hülfe und bekam von ihm oder von seinem damaligen Gehülfen Hammaker - Benno bemerkte ein momentan aufblitzendes , wenn auch nur ganz kurzes Leuchten in den Augen des Assessors - Von Hammaker , glaub ' ich , den Rath , einer geistlichen Schwesterschaft ein Legat auszusetzen und sich von dieser dann die Dienstboten besorgen zu lassen . Der Vermittler ist Schnuphase - Sie kennen ihn ja - ! Daß unser gefälliger und so zartfühlender Herr Maria die Auszahlung des Legats durch eine am Halse der Alten angebrachte Schlinge hat befördern wollen , ist nicht anzunehmen ... Ebenso wenig wie von einer der durch die Schwesterschaft zugeführten Mägde ... ergänzte Thiebold mit jener aufwallenden Empfindlichkeit , die hier zu Lande bei der geringsten Reizung religiöser Beziehungen üblich ist . Meine Herren , sagte der Assessor lächelnd , ich werde Sie schonen und Ihr Ohr auch nicht mit der Ansicht beleidigen , daß die bekannte Schwesterschaft zu den Nothhelfern die Alte hat umbringen lassen ... Und fast verdrießlich lehnte er eine zweite Tasse Kaffee ab und wollte sich entfernen . Ihm genügte , die Einladung gemacht zu haben zum Frühstück mit seinem lebensfrohen und jetzt , wie es schien , ganz sorglos gewordenen Vater . Benno versicherte , daß Thiebold ohne Vorurtheile und vollkommen neugierig genug wäre zu vernehmen , welche Rolle bei diesem tragischen Vorgang die Schwesterschaft zu den Nothhelfern spielte . Meine Herren , sagte der Assessor , ich gehöre Ihrer Kirche nicht an , aber wenn Sie es hören wollen , so versichere ich Sie , daß Hamlet ' s Wort zu Horatio : » Es gibt Dinge unter dem Monde , die unsere Schulweisheit sich nicht träumen läßt ! « hier am Platze ist . Diese Frau bekam vor drei Jahren keinen Dienstboten mehr ; seitdem sie aber mit Hammaker , wollt ' ich sagen mit Nück gesprochen , geht alles . Die Schwesterschaft beauftragt Schnuphase , die Mädchen vom Lande zu holen . Lebensfrohe passen natürlich für diese Stellung nicht und solche , die zuletzt in ein Kloster gehen , entdeckt schon ein so kundiger Blick wie der des Herrn Wachslichterfabrikanten . Die Aufgabe , die Klöster , zu bevölkern , ist von Rom gestellt . Wir haben der Klöster noch immer mehr , als mit der Richtung und dem Geschmack des neunzehnten Jahrhunderts im Einklang steht . Was ist zu thun ? Man muß ihnen einen Zuwachs künstlich erwerben . So werden die Wallfahrten in Aufnahme gebracht , so fangen die wunderthätigen Heiligenbilder an Blut zu schwitzen und Thränen zu weinen , so werden Vereine gestiftet , Gesellen- , Meister- , Lehrlingsvereine , Vereine für Erkrankung und Beerdigung , Vereine für Bildung und Unterhaltung , Nähvereine für die Mädchen , alles unter kirchlichen Formen und mit geistlicher Assistenz und vor allem hat Rom den Beweis zu führen , daß wirklich für die Klöster eine nicht mehr zu hemmende Sehnsucht im Volke vorhanden wäre . So lockt man die Gemüther in die Bahn der Entsagung , fesselt sie durch entsprechende Vorbereitungen , macht sie mit den auch dem Klosterleben nicht fehlenden Annehmlichkeiten vertraut und die Folge ist , daß - Doch nicht etwa , fiel ungeduldig Thiebold ein , die Person da drüben von Jesuiten oder sonst einem Eurer Gespenster umgebracht ist ? Der Assessor erhob sich und nahm zwar nur die Miene an , als wenn ihn der zunehmende Lärm auf dem Platze zwänge zu seinen Amtsgeschäften zurückzukehren , aber es vertrieb ihn eine unverkennbare Aufwallung und Entrüstung . Rasch abbrechend und aufs neue an die Hoffnung erinnernd , beide Freunde um zwölf Uhr im Englischen Hof bei seinem Vater zu finden , verließ er ohne viel Förmlichkeit das Zimmer . Und mit einem Ausdruck , als wollte er sagen : Freund , wenn Sie sich doch nicht in Dinge mischten , die Sie nicht verstehen ! begann nun Benno : Da haben Sie jetzt die Antwort auf Ihren Witz und Ihren gewohnten Scharfsinn ! Nein aber auch unglaublich , was diese Menschen herausspioniren ! polterte Thiebold . Seien Sie versichert , mein Bester , sagte Benno , daß der Assessor von Enckefuß die Jesuiten für keine Gespenster zu halten vollkommen berechtigt ist ! Die Bewegung auf diesem Gebiete ist für den , der im Dunkeln sehen kann , die eines Ameisenhaufens ! Ich habe , wie Sie wissen , an und für sich meine Freude daran . Nicht weil ich dieser Pfafferei und dem römischen Wesen den Sieg gönne , sondern weil in die dumpfe Stille unserer Zustände , in die Stagnation jedes politischen Lebens , in die niedergehaltene patriotische Kraft und nationale Gesinnung denn doch irgendetwas hereinbricht und der geistigen Sklaverei , der Bureaukratie , dem in allen Maßnahmen vorausgesetzten » beschränkten Unterthanenverstande « ein Ende macht ! Ich gehe nicht so weit wie Nück , dem die Religion Bagatelle ist und der sich nur vergnüglichst die Hände reibt , weil die Minister , die z.B. so erbittert seine Assisen und seinen Rechtscodex hassen und verfolgen , nun doch einmal von der sonst loyalsten Seite aus und innerhalb einer gar nicht zu bestreitenden Berechtigung jetzt in die ärgsten Verlegenheiten gerathen - diesen Cynismus der Gesinnung besitz ' ich nicht - wie Sie denn überhaupt in Kocher am Fall , bester Freund , meine Verehrung vor dem verbitterten und die Sackträger um ihr Kegelschieben beneidenden Mann unerlaubt übertrieben haben ! Von Ihrer ganzen Auffassung meines Herzens und meiner Lebensansichten werd ' ich überdies die Ehre haben , Ihnen einfach zu sagen , daß Sie sich irren , lieber alter Freund ! Ich habe einen unverwüstlichen Trieb zur Gerechtigkeit und wer den hat der wird andern immer kalt erscheinen ! Seine Prüfung , niemanden Unrecht zu thun , wird immer länger dauern als der flackernde Enthusiasmus der minder Bedenklichen . Von meiner persönlichen und Privat-Lebensstimmung will ich gar nicht reden , aber die Zeit selbst wird so ernst , lieber Freund , die Umstände , die uns umgeben , wachsen zu solcher Bedeutung heran , daß wir mit unserm blos so dreinfahrenden natürlichen Instinct die größten Thorheiten und sogar Sünden gegen den Heiligen Geist begehen können ! Lassen Sie mir nur mein Sibirien im Herzen , lieber Freund ! Es ist so kalt nicht , daß ich nur mit Pelzhandschuhen zu tractiren wäre ! Aber auch wenn es drin Sommer werden sollte , wird eine gemildertere Temperatur immer gut sein Ihren Extremen gegenüber , Ihren Aufwallungen , Ihren unbedachten , frevelhaften , höchst maliciösen - Benno mußte sich schon zurückziehen ... Denn Thiebold war so vollkommen aufgelöst vor Zerknirschung , Reue , Seligkeit , Stolz , einen solchen Freund zu haben , vor so merkwürdiger Ueberraschung , » dergleichen zu hören « , vor so aufrichtiger Dankbarkeit , » dergleichen zu lernen « , daß ihm schon mit beiden zur Versöhnung ausgestreckten Händen das Schrecklichste der Schrecken , eine Umarmung , drohte ... Benno fuhr sich retirirend fort : Ihre Extreme sind immer das Echo des letzten energischen Eindrucks , den Sie irgendwo empfangen haben ! Wettert der Oberst gegen die Misbräuche unserer Kirche , so sind Sie zum Ketzer reif ! Hier dem Assessor gegenüber sehen Sie keine Jesuiten und rennen vielleicht heute noch vor Ekstase in einen Beichtstuhl ! Nie ! Nie ! Seit neun Jahren nicht ! Auf Ehre ! versicherte Thiebold , nun wieder wie ein zweiter Huß und Wiclef . Dann schämen Sie sich , fuhr Benno fort , daß Sie dem vernünftigen Mann seine Fährte durchkreuzten , die gerade doch auf einen Menschen hinauszukommen scheint , der sich dem bösen Weibe unter gewissen religiösen Vorspiegelungen und Intriguen zu nähern wußte ... Indem trat Benno ' s Schreiber ein , ganz erfüllt von dem Vorfall , dem die Bewegung schon der halben Stadt galt ... Benno nahm von Thiebold ' s sich selbst anklagenden lyrisch-sentimentalen Vorwürfen Abstand und sagte : Ich will arbeiten , wenn der verdammte Lärm mich dazu kommen läßt ! Sie aber , de Jonge , gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus und lassen Sie sich Punkt halb zwölf Uhr wecken ! Ich bin begierig , den alten Haudegen , den Rittmeister von Enckefuß , kennen zu lernen ! Ja Sie müssen schon deshalb dabei sein , um sogleich an Hedemann schreiben zu können ! Vielleicht erzählt uns auch des Assessors Vater , was Hedemann gegen ihn so speciell auf dem Herzen hat ! Damit wurde denn Thiebold fast gewaltsam von Benno zur Thür hinausgedrückt , und er ging ; im Hochgefühl , seinen starken und festen Freund wieder ganz so zu haben , wie er seiner bedurfte . Zwar knirschte er an seiner Kette , lag aber doch mit solcher Wonne an ihr , daß er jetzt jedem , der ihm etwa auf der Straße und bis zu den Holzhöfen seines Vaters hinauf von Bekannten begegnete , die » Ideen « ( freilich als die seinigen ) wiederholt haben würde , die er soeben von Benno gehört hatte . Ja er würde jetzt keinen Anstand genommen haben , anzudeuten , daß die Frau Hauptmännin von Buschbeck ein » nächtliches Opfer der Jesuiten « war . Für Benno , der sich zur sofortigen Abfassung erst eines discret vorbereitenden Briefes an den Onkel in der Dechanei und dann zum Arbeiten setzen wollte und von dem Schreiber die wirren Gerüchte , die er theilweise schon kannte , wiederholt erhielt , war es ein seltsamer Eindruck , beim nochmaligen Hinunterblicken auf die Straße , wo jetzt der Zudrang der Menschen von einem Piket Soldaten abgesperrt wurde , den Assessor von Enckefuß über die leergewordene Mitte des Platzes , allgemein sichtlich , dahinschreiten zu sehen mit jenem Manne , den er einige male in nächtlicher Weile von der Treppe des Hauses gegenüber hatte herniedersteigen sehen , Jodocus Hammaker ... Er kämpfte mit sich , nicht den Verdacht auf diesen Mann irgend jemanden schon auszusprechen ... Denn Hammaker war der Vertraute seines Principals in einem Grade , der schon seit einer Reihe von Jahren um so mehr das Erstaunen der Stadt war , als sich gegen die Rechtlichkeit des vielbewunderten , vielgesuchten und so außerordentlich reichen , deshalb auf Umtriebe nicht im mindesten angewiesenen Schwagers Piter Kattendyk ' s , Dominicus Nück , nicht das Mindeste einwenden ließ . 2. Zur selben Stunde klopfte es im Kattendyk ' schen Hause auf das allerheftigste an jene Thür , hinter welcher Treudchen Ley heute nur zwei Stunden hatte schlafen können . Denn schon um sechs Uhr glaubte sie aufstehen zu müssen . Gut und gern hätte sie sich bei dem Befinden ihrer Herrschaft und der Freiheit ihrer Mitdienenden noch eine Stunde gönnen dürfen , um die durch ein Misverständniß verlorene Nachtruhe wenigstens um einen Traum mehr nachholen zu können . Freilich war sie mit einem Traum erwacht , nach dem sie nie mehr wieder anders hätte träumen mögen . Sie hatte geträumt leibhaftig ihre Mutter zu sehen ... nicht etwa als Lebende , wie sonst , sondern als Todte , Erstandene , als seliger Geist und wirklich vom Jenseits her sie anredend und begrüßend ... Eben , wie sie der Thurmschlag der sechsten Stunde , wie sonst die Thurmuhr der alten braunen Stadtkirche in Kocher am Fall weckte , sprach doch gerade die Mutter mit ihr wie aus einer sie verklärenden Wolke heraus , streckte förmlich ihr die Arme dar und lachte fast , unter Thränen und vor Wonne , sie nun gleich mit einer einzigen nur noch ein wenig weiter auszudehnenden Bewegung umfangen zu können ... Und sie selbst hatte das Wort : Mutter ! wie einen Jubelton gerade auf den Lippen ... wollte gerade in dem ganzen Ueberschwall des Herzens mit den Armen die geliebte , seltsamerweise nur im Oberkörper sichtbare Gestalt umfangen , den freundlichen , lebenswarmen Mund an ihre Lippen drücken , da gerade erwachte sie und sie erwachte auch vielleicht nicht ... sie war vielleicht vorher schon wach und dieser Traum war die ganz wirkliche Erscheinung eines seligen Geistes gewesen . Glücklich durch diese immer mehr sich befestigende Ueberzeugung , glaubte Treudchen nun , daß die Mutter in irgendeiner Form leben könnte und wach sein und ganz dicht um sie und über sie und ihre Geschwister , die im Waisenhause der Stadt waren , schweben ... Die Pein des Fegfeuers mußte sie also glücklich und schnell überstanden haben , dank der gründlichen Versehung mit den letzten Heilsmitteln durch den geliebten Priester , der täglich und stündlich von ihr und ihrer hochverehrten Freundin und Beschützerin Lucinde Schwarz erwartet wurde . Nachdem sie sich eben aus ihrem Danae-Zustande - Danae muß blond gewesen sein , weil ihre Schönheit Jupitern auf den Gedanken brachte , sie gerade in ihrer eigenen Gestalt zu überraschen - in die erste nothwendigste Kleidung geworfen und ihr auch Jupiter-Piter ' s Zudringlichkeit dabei nicht mit allzu grellem Schrecken eingefallen war , fuhr sie nur zusammen bei dem schnellen Ersteigen der Treppe draußen , das sie hörte , und bei dem Klopfen an ihre Thür . Sie öffnete ... Es war das so liebe gute herzige Fräulein Lucinde ! Sie kam in ihrer täglich jetzt an ihr gewohnten schwarzseidenen vornehmen Tracht , die ihr doch gerade stand als wollte und könnte sie alle Tage Aebtissin werden . Kind ! rief Lucinde , heute in einem ganz weltlichen Tone , den sie noch gar nicht an ihr vernommen hatte ; das Aller-Allerneueste ... ich komme schon aus der Frühmette ... Treudchen konnte nichts Schlimmes erwarten ; denn Lucinde war zwar erglüht vor Aufregung , aber nicht gerade wie über einen Unglücksfall ... Die ganze Stadt ist in Bewegung - fuhr jedoch Lucinde , sich erst etwas erholend , fort ; diese Nacht ist ja die Frau , Kind , bei der du dienen solltest , ermordet worden ! Nun stand sie freilich starr ... Daß das ein ängstlicher Dienst gewesen wäre , wußte Treudchen schon von dem Stadtpfarrer Hunnius , der unbedingt auf Lucindens Verlangen die Aenderung des Schnuphase ' schen Engagements getroffen hatte .... Schnuphase hatte auf dem Lande ein anderes Opfer suchen müssen , ein Opfer , bei dem immer sozusagen zwei Fliegen , ja oft drei mit Einer Klappe getroffen wurden : Eine Magd für die gottselige Testatorin , die Frau Hauptmännin von Buschbeck ; eine Nähterin entweder für die Schwesterschaft zu den Nothhelfern oder für seine eigenen heiligen Gewand-Stickereien oder für einen mysteriösen Weißwäsch-Handel seiner Töchter ; und zuletzt drittens , da alle diese Institute ohnehin schon über die Sprachgitter der Klöster hinausführten , manchmal auch noch eine der von Rom so dringend verlangten Bräute des Himmels für diese Klöster selbst ... Aber die Freude , die Genugthuung , die Lucinde über dies traurige Ende zu empfinden schien , konnte sie ihr denn doch nicht nachfühlen . Ich komme die Straße daher , erzählte Lucinde und raffte sich aus ihren wie jetzt ganz lebendig gewordenen und um sie her just wie in einem Krebskorb drängenden Kindheitserinnerungen , den Zwetschenkernen , den Tauben , den Mäusen auf ; ich komme die Straße daher und will zur Kathedrale ! Da hör ' ich ja das lebhafte Reden der Menschen , das Rennen nach einer bestimmten Gegend hin , und an einem Platz , wo ich , seitdem ich hier bin , täglich zu den Fenstern habe aufschauen müssen , weil ich wußte , da wohnt der schlimme Drache , erfahr ' ich , was ihm begegnet ist ! Es hat sie einer umgebracht ! Hinauf durft ' ich nicht , aber ich höre , sie liegt - kalt in der Küche am Feuerherd ... Lucinde erzählte das mit sichtlichem Behagen . Aber jetzt bekam sie doch einen Schauer , als überliefe sie Eisesluft ... Da , wo sie einst meinen Tauben den Hals umdrehte ! rief ein ganzer Chor von schadenfrohen Dämonen in ihrer Brust und die schüttelten sie . Wer es gewesen ist , fuhr sie fort , weiß man noch nicht ! Schildwache und Polizei stehen am Hause ! Treudchen ! Treudchen ! Wenn du bei ihr gedient hättest ! All ihr Heiligen ! So würd ' es vielleicht nicht geschehen sein ! sagte die Kleine und klagte sich nun gar selber an ... Was ? Es hätte dich mittreffen können ! berichtigte Lucinde und streichelte die Fülle des goldenen Haares , die Treudchen sich bei alledem ihr Anziehen nicht vergessend mit einer kühnen Schwenkung um den weißen Nacken warf . Treudchen fand sich in die Auffassung ihrer Gönnerin . Und was wirst du nun heute beginnen ? Wie war die Nacht ? Ist dein Nachbar fort , der junge Herr ? fragte Lucinde in Eile und den Tod der Buschbeck gleichsam wie ein fertiges und bereits eingebundenes Buch in die Bibliothek ihres Lebens stellend . Ich will sehen , daß ich meine Geschwister im Waisenhause besuchen kann - ! erwiderte Treudchen , die über die Erwähnung der Nacht und des Nachbars über und über erröthete ... Lucinde bemerkte aus den hervorgestotterten Antworten nichts Besonderes und es drängte sie ja auch mit Macht , jetzt zu sagen : Der Pfarrer von St.-Wolfgang ist angekommen ! Auf den freudigen Ausruf Treudchens fuhr sie fort : Ich erfuhr es schon gestern Abend bei der Commerzienräthin ... die Domherren sprachen davon ... Wirst du hingehen , ihn zu begrüßen ? ... Ich dächte doch ! ... Thu ' es ja ! Ich hoffe , Madame Delring läßt mich ein Stündchen ausgehen ! Indem klingelte es einige Zimmer weiter und sogar zweimal ... Lucinde war schon auf dem Sprunge zu gehen ... Aber Treudchen sagte : Nein , das gilt dem Bedienten ! Einmal geklingelt das bin ich ! Dreimal ist unten die Kathrine , die Köchin ! Die Herrschaft will jedoch von jetzt an allein zu Mittag speisen ! Das Treppensteigen wird der Madame zu beschwerlich ! Lucinde schüttelte den Kopf , als wollte sie sagen : Nein , das ist nicht der Grund ! ... Sie hielt aber an sich und ließ dadurch Treudchen Zeit aufs neue zu dem Erlebniß mit der ermordeten alten Frau zurückzukommen . Ihrem größten Triumphe konnte Lucinde gar nicht einmal Worte geben ; denn wem gönnte sie mehr diese Demüthigung als der Herrin der Dechanei zu Kocher am Fall , Petronella von Gülpen ? Hätte sie nur die Verwandtschaft noch ein wenig bestimmter gewußt ! Der Name » Fräulein von Gülpen « für die Hauptmännin von Buschbeck schien hier niemanden geläufig wie einst ihrem Stadtamtmann damals in der Stadt , wo sie bei ihr gedient hatte . Selbst Schnuphase , durch den doch die gewiß erst von der äußersten Noth und Verzweiflung abgerungenen frommen Spenden der Ermordeten gingen und den die Schwesterschaft zu den Nothhelfern in Bewegung setzte , um mitzuhelfen das ausgesetzte Legat zu erwerben , selbst Herr Maria hatte nichts gewußt von dieser ursprünglichen Herkunft und so nahen Verwandtschaft seiner Schutzbefohlenen mit der hochverehrten Dame in der Dechanei . Doch selbst wenn Lucinde über die Verwandtschaft ganz sicher gewesen wäre , hätte sie vielleicht ihren innern Jubel , der jede Leidenschaft natürlich , Liebe wie Liebe und Rache wie Rache nahm , gemäßigt . War doch ihr fester Vorsatz , in diesem Hause , das ohnehin so wirr und geräuschvoll auf sie einstürmte , und überhaupt in ihrem ganzen Benehmen sich auf ein Nichts zu stellen ... Dein bischen Verstand willst du an die Kette legen ! Das hatte sie sich schon gesagt , als ihr Schnuphase zur Seite saß und in seinem von ihm selbst gefahrenen Wägelchen genugsam ihre Satire herausforderte . Du willst nicht lachen über die Devotion des Mannes , nicht über seine Sprechweise , nicht über den Durst seines Gaules , der immer auch den seinigen involvirte , wenn er auf ihrer fast einen Tag dauernden Reise abstieg ! Sie ließ ihn erzählen von den Bienen , von seinen Töchtern , von allen offenen und geheimen Schwester- und Brüderschaften , von Gespenstern und Geistern und Wundern , von Rückkehrenden aus dem Jenseits , die berichteten , welchen Vorzug dort oben die Rechtgläubigen genössen , von den Nonnen , die wieder die blutenden Male des Erlösers zu zeigen anfingen , von allem ließ sie ihn reden und staunen und hütete sich wohl ihrer Art so den Zügel schießen zu lassen , wie etwa an der Maximinuskapelle über die Heiligenbilder Napoleone Biancchi ' s oder die alten Münzen und die seltsame Production der Jahrhunderte beim Wirthe zum Weißen Roß . Sie glaubte alles , selbst an die Frömmigkeit der Frau Hauptmännin und an die andächtigen Lieder , die diese zu ihrer Guitarre mit zwei Saiten abendlich singen sollte . Sie glaubte an das Glück aller der Mädchen und jungen Männer , die Herr Maria schon überredet hatte in die Klöster zu gehen . Sie glaubte an einen Krieg , den Oesterreich erklären würde , wenn dem Kirchenfürsten nur irgendein Härchen gekrümmt würde ... Immer nur hörte sie und blinzelte mit den Augen und nahm sich vor , durch Denken , Urtheilen , Aufblicken niemanden in der Welt mehr aufzureizen . Auch im Hause der Kattendyks , vor der unruhigen , ewig agitirten Frau Commerzienräthin , vor der anspruchsvollen noch ledigen Tochter , vor der eiteln Frau Procurator Nück , vor den Hausfreunden blieb sie sich in dem System , ungefährlich zu erscheinen , gleich . Sie antwortete nur , wenn sie gefragt wurde . Und gewiß war das ein eigener Eindruck , die hoch aufgeschossene Gestalt mit dem so ausdrucksvollen schwarzäugigen Kopfe , der vorgeneigten Stirn , den behenden ebenmäßigen Gliedern , weltkundiger Art des Benehmens , doch in dem Hause so an den Wänden entlang schleichen zu sehen , jedem ausweichend , niemanden ansehend . Und diese Rolle war nicht einmal ganz Verstellung . Sie hatte wirklich in tiefster Ueberzeugung die Ansicht gewonnen , daß in ihr besonders für die Frauen etwas Herausforderndes und Verletzendes läge und daß sie es jetzt ganz gut , ganz klug treffen würde , wenn sie sich um jeden nur irgendwie auffallenden Effect lieber gleich selbst brächte . Ihr Bangen dabei war Bonaventura ' s Ankunft und - seine mögliche Begegnung mit dem Mönche Sebastus ! ... Diese Furcht mehrte nicht wenig die Angst und Sorge ihres in der That eingeschüchterten und bitter vergrämelten Gemüths . Den Mönch hatte sie noch nicht entdecken können , aber täglich hörte sie von ihm reden und seine Flugschriften und die Aufsätze bewundern , die er in die Welt streute . Mit dem Wandeln , den Topf in der Hand , wie Beda Hunnius geschildert , mag es doch wol nicht so weit her sein ! hatte sie sich schon spottend gesagt ; aber kaum entdeckte sie , daß sie am Abendtisch der Commerzienräthin , vor dem silbernen Theeservice , bei einem solchen Einfall über des Mönches Heiligkeit die Miene verzog , unterdrückte sie auch schon den Zweifel und horchte und lauschte nur und schien überhaupt immer nur still vor sich hin zu beten ... Die Gesellschaft der Commerzienräthin staunte über so viel Frömmigkeit . So oft von dem Domvicariate , das zu besetzen war ( von Bonaventura ' s möglicher Designation schien man noch keine Ahnung zu haben ) , die Rede ging , ergoß sich über ihr ganzes Sein ein warmer Strom , in ihren Adern fing es an zu rinnen und merkte das denn doch z.B. der alte Ex-Schauspieler Pötzl , der eigentlich nur die Aufsicht über zwei Bologneserhündchen der Commerzienräthin zur einzigen Lebensaufgabe hatte , und sagte dergleichen , so war es nur ihre Theilnahme für den neuen Glauben gewesen . Ach , ihr neuer Glaube war : Hier in dieser großen Stadt erhört dich Bonaventura doch noch und nennt dich seine einzige und wahre Liebe ! Als sie den Domherrn Taube und sogar zweifelnd berichten hörte , die Gräfin Paula von Dorste-Camphausen zu Westerhof bei Witoborn hätte neuerdings wieder Visionen gehabt und verrichtete sozusagen Wunder und als im Gegentheil der Medicinalrath Goldfinger vom Standpunkte einer gotterleuchteten Naturwissenschaft an dieser Möglichkeit gar nicht im mindesten zweifelte und auch die Commerzienräthin schon die Hände faltete und alle Schäden ihres Leibes und ihrer Seele überlegte , die sie vielleicht der » Seherin von Westerhof « , wie man sogleich den Titel feststellte , zur Begutachtung und Heilung vortragen könnte ( von Piter ' s Reise gerade dorthin auf Witoborn zu konnte nicht gesprochen werden , da Piter nicht mehr » der Mann « war über seine Schritte im Hause irgendjemanden Rechenschaft zu geben ) , da erwachte schon wieder die alte glühende Eifersucht in Lucinden und ihr , der Aufgeklärten , ihr , die z.B. zu Treudchen ' s Erzählung , sie hätte eben ihre Mutter gesehen und ordentlich mit ihr gesprochen , tief überzeugt entgegnen konnte : Kind , die Todten sind todt ! stand fest , daß Paula bereits die Annäherung Bonaventura ' s in ihren Lebenskreis merkte und in Ekstase gerathe nur durch das von ihr geahnte Näherkommen dessen , mit dem sie im magnetischen Rapporte stand . Auch Treudchen gegenüber blieb Lucinde bei den Schleiern , die sie über ihr ganzes Wesen deshalb ziehen zu müssen glaubte , um nicht neue Dolche in ein Herz gestoßen zu bekommen , das ihr für neue Täuschungen keine Kraft mehr zu haben schien . Und als es nun unten im ersten Stocke lebendiger zu werden anfing und sie leise auf den Corridor hinaustrat , um lieber gleich über Piter ' s luftige Treppe auf den Schauplatz ihres Wirkens zurückzukehren , sagte sie noch : Kind ! Die Commerzienräthin möchte gern manches wissen , was Madame Delring thut ! In welchen Büchern sie läse ? Ob sie betete ? Ob sie lange mit ihrem Mann allein spräche ? Die Frau will ihr Kind im Glauben ihres Mannes , der Protestant ist , taufen lassen ! Das ist ein