Euch mehr , als ich je irgend ein Ding dieser Erde zu lieben vermochte . « » Ich habe manchen Schmerz um Euch empfunden , wenn ich in den Feldern herumging . « » Ich habe es ja nicht gewußt , Natalie , und weil ich es nicht wußte , so mußte ich mein Inneres verbergen und gegen jedermann schweigen , gegen den Vater , gegen die Mutter , gegen die Schwester , und sogar gegen mich . Ich bin fortgefahren , das zu tun , was ich für meine Pflicht erachtete , ich bin in die Berge gegangen , habe mir ihre Zusammensetzung aufgeschrieben , habe Gesteine gesammelt und Seen gemessen , ich bin auf den Rat Eures Freundes einen Sommer beschäftigungslos in dem Asperhofe gewesen , bin dann wieder in die Wildnis gegangen und zu der Grenze des Eises emporgestiegen . Ich konnte nur Eure Mutter , Euren Freund und Euren Bruder immer wärmer lieben ; aber , Natalie , wenn ich auf den Höhen der Berge war , habe ich Euer Bild in dem heitern Himmel gesehen , der über mir ausgespannt war , wenn ich auf die festen , starren Felsen blickte , so erblickte ich es auch in dem Dufte , der vor denselben webte , wenn ich auf die Länder der Menschen hinausschaute , so war es in der Stille , die über der Welt gelagert war , und wenn ich zu Hause in die Züge der Meinigen blickte , so schwebte es auch in denen . « » Und nun hat sich alles recht gelöset . « » Es hat sich wohl gelöset , meine liebe , liebe Natalie . « » Mein teurer Freund ! « Wir reichten uns bei diesen Worten die Hände wieder , und saßen schweigend da . Wie hatte seit einigen Augenblicken alles sich um mich verändert , und wie hatten die Dinge eine Gestalt gewonnen , die ihnen sonst nicht eigen war . Nataliens Augen , in welche ich schauen konnte , standen in einem Schimmer , wie ich sie nie , seit ich sie kenne , gesehen hatte . Das unermüdlich fließende Wasser , die Alabasterschale , der Marmor waren verjüngt ; die weißen Flimmer auf der Gestalt und die wunderbar im Schatten blühenden Lichter waren anders ; die Flüssigkeit rann , plätscherte oder pippte oder tönte im einzelnen Falle anders ; das sonnenglänzende Grün von draußen sah als ein neues freundlich herein , und selbst das Hämmern , mit welchem man die Tünche von den Mauern des Hauses herabschlug , tönte jetzt als ein ganz verschiedenes in die Grotte von dem , das ich gehört hatte , als ich aus dem Hause gegangen war . Nach einer geraumen Weile sagte Natalie : » Und von dem Abende im Hoftheater habt Ihr auch nie etwas gesprochen . « » Von welchem Abende , Natalie ? « » Als König Lear aufgeführt wurde . « » Ihr seid doch nicht das Mädchen in der Loge gewesen ? « » Ich bin es gewesen . « » Nein , Ihr seid so blühend wie eine Rose , und jenes Mädchen war blaß wie eine weiße Lilie . « » Es mußte mich der Schmerz entfärbt haben . Ich war kindisch , und es hat mir damals wohlgetan , in Euren Augen allein unter allen denen , die die Loge umgaben , ein Mitgefühl mit meiner Empfindung zu lesen . Diese Empfindung wurde durch Euer Mitgefühl zwar noch stärker , so daß sie beinahe zu mächtig wurde ; aber es war gut . Ich habe nie einer Vorstellung beigewohnt , die so ergreifend gewesen wäre . Ich sah es als einen günstigen Zufall an , daß mir Eure Augen , die bei dem Leiden des alten Königs übergeflossen waren , bei dem Fortgehen aus dem Schauspielhause so nahe kamen . Ich glaubte , ihnen mit meinen Blicken dafür danken zu müssen , daß sie mir beigestimmt hatten , wo ich sonst vereinsamt gewesen wäre . Habt Ihr das nicht erkannt ? « » Ich habe es erkannt , und habe gedacht , daß der Blick des Mädchens wohlwollend sei , und daß er ein Einverständnis über unsere gemeinschaftliche Empfindung bei der Vorstellung bedeuten könne . « » Und Ihr habt mich also nicht wieder erkannt ? « » Nein , Natalie . « » Ich habe Euch gleich erkannt , als ich Euch in dem Asperhofe sah . « » Es ist mir lieb , daß es Eure Augen gewesen sind , die mir den Dank gesagt haben ; der Dank ist tief in mein Gemüt gedrungen . Aber wie konnte es auch anders sein , da Eure Augen das Liebste und Holdeste sind , was für mich die Erde hat . « » Ich habe Euch schon damals in meinem Herzen höher gestellt als die andern , obwohl Ihr ein Fremder waret , und obwohl ich denken konnte , daß Ihr mir in meinem ganzen Leben fremd bleiben werdet . « » Natalie , was mir heute begegnet ist , bildet eine Wendung in meinem Leben , und ein so tiefes Ereignis , daß ich es kaum denken kann . Ich muß suchen , alles zurecht zu legen und mich an den Gedanken der Zukunft zu gewöhnen . « » Es ist ein Glück , das uns ohne Verdienst vom Himmel gefallen , weil es größer ist als jedes Verdienst . « » Drum lasset uns es dankbar aufnehmen . « » Und ewig bewahren . « » Wie war es gut , Natalie , daß ich die Worte Homers , die ich heute nachmittag las , nicht in mein Herz aufnehmen konnte , daß ich das Buch weglegte , in den Garten ging , und daß das Schicksal meine Schritte zu dem Marmor des Brunnens lenkte . « » Wenn unsere Wesen zu einander neigten , obgleich wir es nicht gegenseitig wußten , so würden sie sich doch zugeführt worden sein , wann und wo es immer geschehen wäre , das weiß ich nun mit Sicherheit . « » Aber sagt , warum habt Ihr mich denn gemieden , Natalie ? « » Ich habe Euch nicht gemieden , ich konnte mit Euch nicht sprechen , wie es mir in meinem Innern war , und ich konnte auch nicht so sein , als ob Ihr ein Fremder wäret . Doch war mir Eure Gegenwart sehr lieb . Aber warum habt denn auch Ihr Euch ferne von mir gehalten ? « » Mir war wie Euch . Da Ihr so weit von mir waret , konnte ich mich nicht nahen . Eure Gegenwart verherrlichte mir alles , was uns umgab , aber das dunkle künftige Glück schien mir unerreichbar . « » Nun ist doch erfüllet , was sich vorbereitete . « » Ja , es ist erfüllt . « Nach einem kleinen Schweigen fuhr ich fort : » Ihr habt gesagt , Natalie , daß wir das Glück , das uns vom Himmel gefallen ist , ewig aufbewahren sollen . Wir sollen es auch ewig aufbewahren . Schließen wir den Bund , daß wir uns lieben wollen , so lange das Leben währt , und daß wir treu sein wollen , was auch immer komme , und was die Zukunft bringe , ob es uns aufbewahrt ist , daß wir in Vereinigung die Sonne und den Himmel genießen , oder ob jedes allein zu beiden emporblickt und nur des andern mit Schmerzen gedenken kann . « » Ja , mein Freund , Liebe , unveränderliche Liebe , so lange das Leben währt , und Treue , was auch die Zukunft von Gunst oder Ungunst bringen mag . « » O Natalie , wie wallt mein Herz in Freude ! Ich habe es nicht geahnt , daß es so entzückend ist , Euch zu besitzen , die mir unerreichbar schien . « » Ich habe auch nicht gedacht , daß Ihr Euer Herz von den großen Dingen , denen Ihr ergeben waret , wegkehren und mir zuwenden werdet . « » O meine geliebte , meine teure , ewig mir gehörende Natalie ! « » Mein einziger , mein unvergeßlicher Freund ! « Ich war von Empfindung überwältigt , ich zog sie näher an mich und neigte mein Angesicht zu ihrem . Sie wendete ihr Haupt herüber und gab mit Güte ihre schönen Lippen meinem Munde , um den Kuß zu empfangen , den ich bot . » Ewig für dich allein « , sagte ich . » Ewig für dich allein « , sagte sie leise . Schon als ich die süßen Lippen an meinen fühlte , war mir , als sei ein Zittern in ihr , und als fließen ihre Tränen wieder . Da ich mein Haupt wegwendete , und in ihr Angesicht schaute , sah ich die Tränen in ihren Augen . Ich fühlte die Tropfen auch in den meinen hervorquellen , die ich nicht mehr zurückhalten konnte . Ich zog Natalien wieder näher an mich , legte ihr Angesicht an meine Brust , neigte meine Wange auf ihre schönen Haare , legte die eine Hand auf ihr Haupt , und hielt sie so sanft umfaßt und an mein Herz gedrückt . Sie regte sich nicht , und ich fühlte ihr Weinen . Da diese Stellung sich wieder löste , da sie mir in das Angesicht schaute , drückte ich noch einmal einen heißen Kuß auf ihre Lippen , zum Zeichen der ewigen Vereinigung und der unbegrenzten Liebe . Sie schlang auch ihre Arme um meinen Hals und erwiderte den Kuß zu gleichem Zeichen der Einheit und der Liebe . Mir war in diesem Augenblicke , daß Natalie nun meiner Treue und Güte hingegeben , daß sie ein Leben eins mit meinem Leben sei . Ich schwor mir , mit allem , was groß , gut , schön und stark in mir ist , zu streben , ihre Zukunft zu schmücken und sie so glücklich zu machen , als es nur in meiner Macht ist und erreicht werden kann . Wir saßen nun schweigend neben einander , wir konnten nicht sprechen , und drückten uns nur die Hände als Bestättigung des geschloßnen Bundes und des innigsten Verständnisses . Da eine Zeit vergangen war , sagte endlich Natalie : » Mein Freund , wir haben uns der Fortdauer und der Unaufhörlichkeit unserer Neigung versichert , und diese Neigung wird auch dauern ; aber was nun geschehen und wie sich alles andere gestalten wird , das hängt von unsern Angehörigen ab , von meiner Mutter und von Euren Eltern . « » Sie werden unser Glück mit Wohlwollen ansehen . « » Ich hoffe es auch ; aber wenn ich das vollste Recht hätte , meine Handlungen selber zu bestimmen , so würde ich nie auch nicht ein Teilchen meines Lebens so einrichten , daß es meiner Mutter nicht gefiele ; es wäre kein Glück für mich . Ich werde so handeln , so lange wir beisammen auf der Erde sind . Ihr tut wohl auch so ? « » Ich tue es ; weil ich meine Eltern liebe , und weil mir eine Freude nur als solche gilt , wenn sie auch die ihre ist . « » Und noch jemand muß gefragt werden . « » Wer ? « » Unser edler Freund . Er ist so gut , so weise , so uneigennützig . Er hat unserm Leben einen Halt gegeben , als wir ratlos waren , er ist uns beigestanden , als wir es bedurften , und jetzt ist er der zweite Vater Gustavs geworden . « » Ja , Natalie , er soll und muß gefragt werden ; aber sprecht , wenn eins von diesen nein sagt ? « » Wenn eines nein sagt , und wir es nicht überzeugen können , so wird es recht haben , und wir werden uns dann lieben , so lange wir leben , wir werden einander treu sein in dieser und jener Welt ; aber wir dürften uns dann nicht mehr sehen . « » Wenn wir ihnen die Entscheidung über uns anheim gegeben haben , so müßte es wohl so sein ; aber es wird gewiß nicht , gewiß nicht geschehen . « » Ich glaube mit Zuversicht , daß es nicht geschehen wird . « » Mein Vater wird sich freuen , wenn ich ihm sage , wie Ihr seid , er wird Euch lieben , wenn er Euch sieht , die Mutter wird Euch eine zweite Mutter sein , und Klotilde wird sich Euch mit ganzer Seele zuwenden . « » Ich verehre Eure Eltern und liebe Klotilde schon so lange , als ich Euch von ihnen reden und erzählen hörte . Mit meiner Mutter werde ich noch heute sprechen , ich könnte die Nacht nicht über das Geheimnis heraufgehen lassen . Wenn Ihr zu Euren Eltern reiset , sagt ihnen , was geschehen ist , und sendet bald Nachricht hieher . « » Ja , Natalie . « » Geht Ihr von hier wieder in die Berge ? « » Ich wollte es ; nun aber hat sich Wichtigeres ereignet , und ich muß gleich zu meinen Eltern . Nur auf kurzes will ich , so schnell es geht , in meinen jetzigen Standort reisen , um die Arbeiten abzubestellen , die Leute zu entlassen und alles in Ordnung zu bringen . « » Das muß wohl so sein . « » Die Antwort meiner Eltern bringt dann nicht eine Nachricht , sondern ich selber . « » Das ist noch erfreulicher . Mit unserm Freunde wird wohl hier geredet werden . « » Natalie , dann habt Ihr eine Schwester an Klotilden , und ich einen Bruder an Gustav . « » Ihr habt ihn ja immer sehr geliebt . Alles ist so schön , daß es fast zu schön ist . « Dann sprachen wir von der Zurückkunft der Männer , was sie sagen würden , und wie unser Gastfreund die schnelle Wendung der Dinge aufnehmen werde . Zuletzt , als die Gemüter zu einer sanfteren Ruhe zurückgekehrt waren , erhoben wir uns , um in das Haus zu gehen . Ich bot Natalien meinen Arm , den sie annahm . Ich führte sie der Eppichwand entlang , ich führte sie durch einen schönen Gang des Gartens , und wir gelangten dann in offnere freie Stellen , in denen wir eine Umsicht hatten . Als wir da eine Strecke vorwärts gekommen waren , sahen wir Mathilden außerhalb des Gartens gegen den Meierhof gehen . Das Pförtchen , welches von dem Garten gegen den Meierhof führt , war in der Nähe und stand offen . » Ich werde meiner Mutter folgen , und werde gleich jetzt mit ihr sprechen « , sagte Natalie . » Wenn Ihr es für gut haltet , so tut es « , erwiderte ich . » Ja , ich tue es , mein Freund . Lebt wohl . « » Lebt wohl . « Sie zog ihren Arm aus dem meinigen , wir reichten uns die Hände , drückten sie uns , und Natalie schlug den Weg zu dem Pförtchen ein . Ich sah ihr nach , sie blickte noch einmal gegen mich um , ging dann durch das Pförtchen , und das graue Seidenkleid verschwand unter den grünen Hecken des Grundes . Ich ging in das Haus und begab mich in meine Wohnung . Da lag das Buch , in welchem die Worte Homers waren , die heute die Gewalt über mein Herz verloren hatten es lag , wie ich es auf den Tisch gelegt hatte . Was war indessen geschehen . Die schönste Jungfrau dieser Erde hatte ich an mein Herz gedrückt . Aber was will das sagen ? Das edelste , wärmste , herrlichste Gemüt ist mein , es ist mir in Liebe und Neigung zugetan . Wie habe ich das verdient , wie kann ich es verdienen ? ! Ich setzte mich nieder und sah gegen die Ruhe der heitern Luft hinaus . Ich verließ an diesem Tage gar nicht mehr das Haus . Gegen Abend ging ich in den Gang , der im Norden des Hauses hinläuft , und sah auf den Garten hinaus . Auf einer freien Stelle , in welcher ein weißer Pfad durch Wiesengrün hingeht , sah ich Mathilden mit Natalien wandeln . Ich ging wieder in mein Zimmer zurück . Als es dunkelte , wurde ich zu dem Abendessen gerufen . Da Mathilde und Natalie in den Speisesaal getreten waren , und mich Mathilde mit einem sanften Lächeln und mit der Freundlichkeit , die ihr immer eigen war , ein , an ihrer Seite Platz zu nehmen . Dritter Band 1. Die Entfaltung Wir waren in dem nämlichen Zimmer zum Speisen zusammen gekommen , in dem wir die Zeit her , die ich im Schlosse gewesen war , unser Mahl am Morgen , Mittag und Abend , wie es die Tageszeit brachte , eingenommen hatten , der Tisch war mit dem klaren , weißen , feinen Linnen gedeckt , in das schönere und altertümlichere Blumen , als jetzt gebräuchlich sind , gleichsam wie Silber in Silber eingewebt waren , der Diener stand mit den weißen Handschuhen hinter uns , der Hausverwalter ging in dem Zimmer hin und her , und es war an der Wand der Schrein mit den Fächerabteilungen , in denen die mannigfaltigen Dinge sich befanden , die in einem Speisezimmer stets nötig sind ; aber heute war mir alles wie feenhaft . Mathilde hatte ein veilchenblaues Seidenkleid mit dunkleren Streifen an , und um die Schultern war ein Gewebe von schwarzen Spitzen . Sie kleidete sich jedes Mal , wenn ein Gast da war , zum Speisen neu an , hatte es bisher meinetwillen auch getan , und hatte es an diesem Abende nicht unterlassen . Mit dem feinen , lieben und freundlichen Angesichte , das durch die dunkle Seide fast noch feiner und schöner wurde , ließ sie sich in ihren Armstuhl zwischen uns nieder . Natalie war rechts und ich links . Natalie hatte nicht Zeit gefunden , ihr Kleid zu wechseln , sie hatte dasselbe lichtgraue Seidenkleid an , das sie am Nachmittage getragen hatte , und das mir so lieb geworden war . Ich getraute mir fast nicht , sie anzusehen , und auch sie hatte die großen , schönen , unbeschreiblich edlen Augen größtenteils auf die Mutter gerichtet . So vergingen einige Augenblicke . Es wurde das Gebet gesprochen , das Mathilde immer in ihrem Armstuhle sitzend stille mit gefalteten Händen verrichtete , und das daher die anderen ebenfalls sitzend und stille vollbrachten . Als dieses geschehen war , wurden , wie es der Gebrauch in diesem Hause eingeführt hatte , die Flügeltüren geöffnet , ein Diener trat mit einem Topfe herein , setzte ihn auf den Tisch , der Hausverwalter nahm den Deckel desselben ab und sagte , wie er immer tat : » Ich wünsche sehr wohl zu speisen . « Mathilde streckte den Arm mit dem dunkeln Seidenkleide aus , nahm den großen silbernen Löffel und schöpfte , wie sie es sich nie nehmen ließ zu tun , Suppe für uns auf die Teller , welche der Diener darreichte . Der Hausverwalter hatte , da er alles in Ordnung sah , das Zimmer nach seiner Gepflogenheit verlassen . Das Abendessen war nun wie alle Tage . Mathilde sprach freundlich und heiter von verschiedenen Gegenständen , die sich eben darboten , und vergaß nicht , der abwesenden Freunde zu erwähnen und des Vergnügens zu gedenken , das ihre Rückkunft veranlassen werde . Sie sprach von der Ernte , von dem Segen , der heuer überall so reichlich verbreitet sei , und wie sich alles , was sich auf der Erde befinde , doch zuletzt immer wieder in das Rechte wende . Als die Zeit des Abendessens vorüber war , erhob sie sich , und es wurden die Anstalten gemacht , daß sich jedes in seine Wohnung begebe . Mit derselben sanften Güte , mit der sie mich vor dem Abendessen begrüßt hatte , verabschiedete sie sich nun , wir wünschten uns wechselseitig eine glückliche Ruhe und trennten uns . Als ich in meinem Zimmer angekommen war , trat ich in der Nacht dieses Tages , der für mich in meinem bisherigen Leben am merkwürdigsten geworden war , an das Fenster und blickte gegen den Himmel . Es stand kein Mond an demselben und keine Wolke , aber in der milden Nacht brannten so viele Sterne , als wäre der Himmel mit ihnen angefüllt , und als berührten sie sich gleichsam mit ihren Spitzen . Die Feierlichkeit traf mich erhebender , und die Pracht des Himmels war mir eindringender als sonst , wenn ich sie auch mit großer Aufmerksamkeit betrachtet hatte . Ich mußte mich in der neuen Welt erst zurecht finden . Ich sah lange mit einem sehr tiefen Gefühle zu dem sternbedeckten Gewölbe hinauf . Mein Gemüt war so ernst , wie es nie in meinem ganzen Leben gewesen war . Es lag ein fernes , unbekanntes Land vor mir . Ich ging zu dem Lichte , das auf meinem Tische brannte , und stellte meinen undurchsichtigen Schirm vor dasselbe , daß seine Helle nur in die hinteren Teile des Zimmers falle und mir den Schein des Sternenhimmels nicht beirre . Dann ging ich wieder zu dem Fenster , und blieb vor demselben . Die Zeit verfloß , und die Nachtfeier ging indessen fort . Wie es sonderbar ist , dachte ich , daß in der Zeit , in der die kleinen , wenn auch vieltausendfältigen Schönheiten der Erde verschwinden und sich erst die unermeßliche Schönheit des Weltraums in der fernen stillen Lichtpracht auftut , der Mensch und die größte Zahl der andern Geschöpfe zum Schlummer bestimmt ist ! Rührt es daher , daß wir nur auf kurze Augenblicke und nur in der rätselhaften Zeit der Traumwelt zu jenen Größen hinan sehen dürfen , von denen wir eine Ahnung haben , und die wir vielleicht einmal immer näher und näher werden schauen dürfen ? Sollen wir hienieden nie mehr als eine Ahnung haben ? Oder ist es der großen Zahl der Menschen nur darum bloß in kurzen schlummerlosen Augenblicken gestattet , zu dem Sternenhimmel zu schauen , damit die Herrlichkeit desselben uns nicht gewöhnlich werde und die Größe sich nicht dadurch verliere ? Aber ich bin ja wiederholt in ganzen Nächten allein gefahren , die Sternbilder haben sich an dem Himmel sachte bewegt , ich habe meine Augen auf sie gerichtet gehalten , sie sind dunkelschwarzen gestaltlosen Wäldern oder Erdrändern zugesunken , andere sind im Osten aufgestiegen , so hat es fortgedauert , die Stellungen haben sich sanft geändert , und das Leuchten hat fortgelächelt , bis der Himmel von der nahenden Sonne lichter wurde , das Morgenrot im Osten erschien und die Sterne wie ein ausgebranntes Feuerwerksgerüste erloschen waren . Haben da meine vom Nachtwachen brennenden Augen die verschwundene stille Größe nicht für höher erkannt als den klaren Tag , der alles deutlich macht ? Wer kann wissen , wie dies ist . Wie wird es jenen Geschöpfen sein , denen nur die Nacht zugewiesen ist , die den Tag nicht kennen ? Jenen großen wunderbaren Blumen ferner Länder , die ihr Auge öffnen , wenn die Sonne untergegangen ist , und die ihr meistens weißes Kleid schlaff und verblüht herabhängen lassen , wenn die Sonne wieder aufgeht ? Oder den Tieren , denen die Nacht ihr Tag ist ? Es war eine Weihe und eine Verehrung des Unendlichen in mir . Träumend , ehe ich entschlief , begab ich mich auf mein Lager , nachdem ich vorher das Licht ausgelöscht und die Vorhänge der Fenster absichtlich nicht zugezogen hatte , damit ich die Sterne hereinscheinen sähe . Des anderen Morgens sammelte ich mich , um mir bewußt zu werden , was geschehen ist , und welche tiefe Pflichten ich eingegangen war . Ich kleidete mich an , um in das Freie zu gehen , und mein Angesicht und meinen Körper der kühlen Morgenluft zu geben . Als ich mein Zimmer verlassen hatte , suchte ich einen Gang zu gewinnen , der im südlichen Teile des Schlosses in der Länge desselben dahin läuft . Seine Fenster münden in den Hof , und von ihm gehen Türen in die gegen Mittag liegenden Zimmer Mathildens und Nataliens . Diese Türen , einst vielleicht zum Gebrauche für Gäste bestimmt , waren jetzt meistens geschlossen , weil die Verbindung im Innern der Zimmer hergestellt war . Ich hatte den Gang darum aufgesucht , weil er an der Westseite des Schlosses zu einer kleinen Treppe fühlt , die abwärts geht und in ein Pförtchen endet , das gewöhnlich des Morgens geöffnet wurde , und durch das man unmittelbar in die Felder auf breite , trockene Wege gelangen konnte , die den Wanderer unbemerkter ins Weite führen , als es durch den Hauptausgang des Schlosses möglich gewesen wäre . Die Bewohnerinnen der Zimmer , die an den Gang stießen , glaubte ich darum nicht stören zu können , weil das Steinpflaster des Ganges seiner ganzen Länge nach mit einem weichen Teppiche belegt war , der keine Tritte hören ließ . Außerdem hatte die Sonne auch bereits einen so hohen Morgenbogen zurückgelegt , daß zu vermuten war , daß alle im Schlosse schon längst aufgestanden sein würden . Da ich gegen das Ende des Ganges und in die Nähe der Treppe gekommen war , sah ich eine Tür offen stehen , von der ich vermutete , daß sie zu den Zimmern der Frauen führen müsse . War die Tür offen , weil man fortgehen wollte , oder weil man eben gekommen war ? Oder hatte eine Dienerin in der Eile offen gelassen , oder war irgend ein anderer Grund ? Ich zauderte , ob ich vorbeigehen sollte ; allein da ich wußte , daß die Tür doch nur in einen Vorsaal ging , und da die Treppe schon so nahe war , die mich ins Freie führen sollte , so beschloß ich , vorbei zu gehen und meine Schritte zu beschleunigen . Ich schritt auf dem weichen Teppiche fort und trat nur behutsamer auf . Da ich an der Tür angekommen war , sah ich hinein . Was ich vermutet hatte , bestätigte sich , die Tür ging in einen Vorsaal . Derselbe war nur klein und mit gewöhnlichen Geräten versehen . Aber nicht bloß in den Vorsaal konnte ich blicken , sondern auch in ein weiteres Zimmer , das mit einer großen Glastür an den Vorsaal stieß , welche Glastür noch überdies halb geöffnet war . In diesem Zimmer aber stand Natalie . An den Wänden hinter ihr erhoben sich edle mittelalterliche Schreine . Sie stand fast mitten in dem Gemache vor einem Tische , auf welchem zwei Zithern lagen , und von welchem ein sehr reicher altertümlicher Teppich nieder ging . Sie war vollständig gleichsam wie zum Ausgehen gekleidet , nur hatte sie keinen Hut auf dem Haupte . Ihre schönen Locken waren auf dem Hinterhaupte geordnet und wurden von einem Bande oder etwas Ähnlichem getragen . Das Kleid reichte wie gewöhnlich bis zu dem Halse und schloß dort ohne irgend einer fremden Zutat . Es war wieder von lichtem grauem Seidenstoffe , hatte aber sehr feine stark rote Streifen . Es schloß die Hüften sehr genau , und ging dann in reichen Falten bis auf den Fußboden nieder . Die Ärmel waren enge , reichten bis zum Handgelenke , und hatten an diesem wie am Oberarme dunkle Querstreifen , die wie ein Armband schlossen . Natalie stand ganz aufrecht , ja der Oberkörper war sogar ein wenig zurückgebogen . Der linke Arm war ausgestreckt und stützte sich mittelst eines aufrecht stehenden Buches , auf das sie die Hand legte , auf das Tischchen . Die rechte Hand lag leicht auf dem linken Unterarm . Das unbeschreiblich schöne Angesicht war in Ruhe , als hätten die Augen , die jetzt von den Lidern bedeckt waren , sich gesenkt , und sie dächte nach . Eine solche reine , feine Geistigkeit war in ihren Zügen , wie ich sie an ihr , die immer die tiefste Seele aussprach , doch nie gesehen hatte . Ich verstand auch , was die Gestalt sprach , ich hörte gleichsam ihre inneren Worte : » Es ist nun eingetreten ! « Sie hatte mich nicht kommen gehört , weil der Teppich den Fußboden des Ganges bedeckte , und sie konnte mich nicht sehen , weil ihr Angesicht gegen Süden gerichtet war . Ich beobachtete nur zwei Augenblicke ihre sinnende Stellung , und ging dann leise vorüber und die Treppe hinunter . Es erfüllte mich gleichsam mit einem Meere von Wonne , Natalien von der nämlichen Empfindung beseelt zu sehen , die ich hatte , von der Empfindung , sich das errungene , kaum gehoffte und so hoch gehaltene Gut geistig zu sichern , sich klar zu machen , was man erhalten hat , und in welche neue , unermeßlich wichtige Wendung des Lebens man eingetreten sei . Ich konnte es kaum fassen , daß ich es sei , um den eine Gestalt , die das Schönste ausdrückt , was mir bis jetzt bekannt geworden ist , eine Gestalt , die man wohl auch stolz geheißen , die sich bisher von jeder Neigung abgewendet hatte , in diese tiefe sinnende Empfindung gesunken sei . Ich dachte mir , daß ich , so lange ich lebe , und sollte mein Leben bis an die äußerste Grenze des menschlichen Alters oder darüber hinaus gehen , mit jedem Tropfen meines Blutes , mit jeder Faser meines Herzens sie lieben werde , sie möge leben oder tot sein , und daß ich sie fort und fort durch alle Zeiten in der tiefsten Seele meiner Seele tragen werde . Es erschien mir als das süßeste Gefühl , sie nicht nur in diesem Leben , sondern in tausend Leben , die nach tausend Toden folgen mögen , immer lieben zu können