Regierungsbefehle niemals zu viel amtliche Autorität und zu solcher niemals zu viel Mittel an die Hand geben könne , die bisherige Benennung Vogt aber die wahre Dignität und den großen Umfang ihres Amtes zu wenig ausdrücke , dieses vielmehr in seinem Wert , besonders gegen Fremde , um ein Großes herabsetze . So war auch der Vogt von Vaihingen an der Enz seit einem Jahre Oberamtmann geworden , als er eine Reihe von Protokollen mit dem folgenden begann : » Vayhingen . Actum den 7. Martii 1760 , vor dasigem Oberamt , in Gegenwart der beeden Gerichtsverwandten Mattheus Brechten und Joseph Luipoldten , als Urkunds-Persohnen . Gestern Abends , um ungefähr 5 Uhr , geschähe es , daß von dem Brucken-Thorwart , Christian Freppe , ein unbekannter Kerl , nachdeme ihm jener vorher die Pässe abgefordert , auf dem Pferdt sitzend , vor die Oberamtey geführt , und als er anfänglich von dem Oberamtsscribenten Heermann , und bald darauf auch von mir , dem Oberamtmann selbsten , unter dem Hauß gefragt wurde , wer er seye ? wo er herkomme ? und wohin er wolle ? darauff zur Antwort gab : daß er ein Crämer : von Pforzheim komme : bey dasigem Schwerdtwirth ein krankes Weib liegen habe , und nun , um einen Doktor zu consuliren , nacher Schozach oder Höfen reutten wolle ! da aber Oberamtmann , seiner ganz unverdächtig geschienenen Pässe ohngeachtet , ( deren 2 unter dem großen Stadtsigill von Straßburg , under dem 10. April und 14. Sept . 1759 , der dritte aber von Comburg und unterm 16. Januarii 1760 datirt und ausgefertiget waren ) eine gewieße Alteration an ihm wahrgenommen zu haben glaubte , und ihm deßwegen in faciem befahl , daß er absteigen und mit ihm in die Amtsstube heraufgehen solle , alsogleich das Pferdt umwandte und in vollem Galopp gegen dem Enzweihinger Thor zuritt , unter diesem Thor aber , auf das Rufen gedachten Scribentens , der ihn durch einen nähern Weg coupirt und mit ihm vor das Thor kam , von dem Pferdt abstieg , gegen den Schlosser Mathäus Brechten auf sein Zurufen : daß er ihm den Schmidhammer in Kopf werfe , wann er nicht halten würde ! eines seiner 2 unter dem Rock-Futher versteckt-gehabt-scharffgeladenen Pistöhlen hervorzog , solches , nachdem ihm Brecht hierauf auf den Leib sprang , und von hinten her umfasset , demselbigen an den untern Leib drückete , auch , nach seiner ungezweifelten Absicht , auf ihn abgefeuert haben würde , wo er nicht den Hahnen zu spannen vergessen , und durch Hülffe des bald darauff dazu gesprungenen Mezgersjungen , Schemels , und dessen Meisters , Leonhardt Arlets , überwältiget worden wäre . Nach diesem Vorgang wurde er in die Oberamtey geführet , stellte sich daselbst ganz betrunken , beklagte sich über das harte Tractament der Leuthe , die ihn beygefangen , und ließ weiter keine verständliche Antwortt von sich kommen , als daß er sagte , er sei ein kaiserlicher Deserteur , heiße Johannes Klein , die Pässe und das Pferdt gehören einem Mann , der ihm letzteres geliehen , etliche Stund vorausgegangen und heute früh bey Heilbronn Seiner erwartten werde ; Weil man nun über alles dieses nichts als : Kugeln , Pulver , Schwefelhölzlen , Feuerstahl , Stein , Zundel , ein Fingerlanges Wax-Kerzlen und ein hebräisches Wörterbuch bey ihm gefunden ; So wurde selbiger die Nacht über in dem Blockhaus auf das schärf feste geschlossen und angefesselt , anheute aber vorgeführet , und ihm oberamtlich zu erkennen gegeben , Daß er , allen Umständen nach , ein Räuber , Mörder , und einer der größesten Spitzbuben seye , der den Händen der Obrigkeit nimmer entgehen , und weiter nichts übrig haben werde , dann daß er , durch eine wahre Er- und Bekanntnuß seiner begangenen grosen Missethaten , seine Seele noch zu erretten suche , hisce praemissis aber befraget : Q. 1. Wie er heiße , woher und wie alt er seye ? - R. Er sehe nun schon , daß er in die Hände der Obrigkeit gefallen , wolle , durch Verläugnung seiner Persohn und begangenen Missethaten , seine Verschuldung vor Gott und der weltlichen Obrigkeit nicht noch gröser machen , seine Sünden unsrem Herrgott demüthiglich abbitten , den Landesfürsten um eine gnädige Strafe anflehen , und hiemit frei bekennen , daß er der sogenannte Sonnenwirthle seye , eigentlich aber Friedrich Sehwahn heiße , von Eberspach , Göppinger Amts , gebürtig , 31 Jahre alt und von Profession ein Mezger seye , auch nicht nur an dem sogenannten Fischerhanne zu Eberspach einen Mord begangen , sondern auch sich sonsten hie und da auff vielerlei Arth schwehrlich versündiget habe ; welches er alles gewissenhaft bekennen und darunter weder Seiner selbsten , noch derjenigen im Geringsten verschonen wolle , welche an seinen Verbrechen Theil gehabt , und zum Theil in Garlsruhe und Stein , Durlachischer Herrschaft , wirklich in Verhaft genommen seyen , und das um so mehr , als ihm sein so sündliches als elendes Lehen ( bei dem er unterdessen wenig gute Tage gehabt , auch von Hunger , Kälte , und seinen sich dabei gemachten Strapazen entsetzlich viel erlitten ) schon lange entlaidet , wie er dann aus diesem Grund nicht nur an den Durlachischen Beamten zu Stain , erst vor 8 Wochen , mit aigner Hand , unter dem Namen Gillch , ein weitläufiges Schreiben , so ihm auch vermuthlich richtig werde belüfert worden seyn , des Inhalts habe ergehen lassen , daß wann man ihm Gnade versprechen und erteilen wolle , er ihme , dem Herrn Beamten , auf etlichen Jahrmärkten eine damals in der Nähe geweßte Partie von sechzig Mann , so lauter Juden geweßt , und dann wiederum eine andere Partie Spitzbuben von eben so gros- oder noch gröserer Anzahl , welche sich dieß-und jenseits dem Rhein , bei Gannßheim , Moßhardt und Oberacherach , in den Wäldern auffhalten , und ihre besondere Hüttinen darinn haben , ohne allen Anstand in die Hände lüffern , und dadurch die ganze Gegend von diesem Gesindel reinigen wolle , sondern auch , da er gehöret , daß seine Herzogliche Durchlaucht in der Retour aus der letzten Campagne durch Mergenthal passiren werden , er sich zu dem Ende in dem Orth begeben habe , um sich Höchstdemeselben zu Füßen zu werffen , sich zu erkennen zu geben und um Gnade zu bitten ; Weil aber Seine Durchlaucht die Stadt nicht passiret , so seye ihm die Gelegenheit dazu abgeschnitten worden . - Q. 2. Ob seine beede Eltern noch im Leben ? R. Sein Vatter sey noch im Leben , und ohngefähr 75 Jahr alt , seine rechte Mutter aber schon vor 15 Jahren gestorben ; Nach ihrem Tod habe sich sein Vatter wiederum an eine Frau verheurathet , die wenig Liebe vor ihne und seine Geschwistrigte bezeugt , sehr böß und vortheilhaftig , und eben deßwegen viel daran schuld gewesen seye , daß , da er sich in ihren Kopf nicht schicken können , ein Excess aus dem andern bei ihm darüber entstanden , und er zuletzt auf die unglückseligste Abwege gerathen . - Daß vorstehende Aussage auf beschehenes Vorleßen von dem Inquisiten nochmalen bestätiget worden , Ein solches bezeugen die Urkunds-Persohnen : Matheus Brecht , Joseph Luypoldt . « Der wichtige Fang wurde von dem Oberamtmann sogleich untertänigst einberichtet und , da nach wenigen Tagen die Resolution einlief , daß die Untersuchung in Vaihingen , als in foro deprehensionis , geführt werden solle , mit derselben fortgefahren . So war denn der Verbrecher aus verlorener gesellschaftlicher Stellung nach kaum dreijähriger Laufbahn ein lebensmüder Gefangener und Verräter seiner Mitschuldigen geworden . Dieser letztere Zug darf am wenigsten übergangen werden , denn es handelt sich hier nicht darum , durch den Aufputz eines Helden der Vorstellung des Lesers zu schmeicheln , sondern die innere Welt eines Menschen aus dem Volke darzulegen , damit , wer da will , sich daran spiegeln möge . Zum Glück ist das Protokoll des Oberamtmanns von Vaihingen nicht die einzige Quelle hiefür . Er war , im Geiste seiner Zeit , ein gewissenhafter Beamter , persönlich ein Menschenfreund und Ehrenmann , dessen Nachkommen noch heute stolz darauf sind , daß er nicht wie fast alle Regierungsdiener um ihn her , seine Stelle vom Herzog erkauft habe , sondern eher den Dienst aufgegeben als sich zum » Schatullieren « erniedrigt haben würde ; aber eine innerliche Auffassung des Lebensbildes , das die Untersuchung vor ihm entrollte , in den Akten niederzulegen , war nicht seines Amtes , und gleich das erste Protokoll zeigt , daß er Inquirent genug war , sich das überraschend freiwillige Entgegenkommen seines Gefangenen - dem er nicht so leicht beigekommen wäre , wenn dieser nicht selbst , gebrochenen Gemüts , ihm seine Seele in die Hände gelegt hätte - nach den Quadrangeln des Inquisitionsprozesses zurecht zu machen ; ein Verfahren freilich , das ihm weniger als seiner Zeit und seinem Amte angehört . Der Oberamtmann hatte einen Sohn , der den Verbrecher täglich , wenn er ins Verhör geführt wurde , sah , die allgemeine Teilnahme der Stadt an den vielen freundlichen Seiten im Wesen des Unglücklichen mitempfand und sich häufig mit ihm unterhielt . Die Familiensage erzählt von ihm , daß er schon als Knabe , wie später noch im Mannesalter , für Cato und Brutus , als die größten Männer , geschwärmt habe . Aus dem Munde dieses Knaben erfuhr der gefallene Sohn des Volkes ohne Zweifel zum erstenmal in seinem Leben , daß es in der Geschichte Bürger gegeben habe , welche die Retter oder Verderber ihres Vaterlandes wurden . Als der Knabe ein Mann geworden war und an der hohen Schule seines Herzogs junge Männer bilden half , erinnerte er sich des armen Friedrich Schwan und zeichnete nach der Erinnerung seine Geschichte auf , wie er sie aus seinem Munde und aus der Nacherzählung erwachsener Männer vernommen hatte . Seine römischen Helden schwebten ihm auch bei dieser Aufzeichnung vor , und er beginnt die ersten Zeilen derselben mit den Worten , der junge Friedrich sei mit außerordentlichen Anlagen des Geistes ausgestattet gewesen , habe den Keim jeder großen Tugend und jedes großen Lasters in sich getragen , und nur von der äußerlichen Lage habe es abgehangen , ob er Brutus oder Catilina werden sollte . Ach , die äußerliche Lage war , wie auch die Umstände beschaffen sein mochten , jedenfalls von der Art , daß er das eine wie das andere nur in sehr beschränktem Sinne werden konnte . Auch in anderen Dingen ist diese Geschichte nach dem mangelhaften Geist und Geschmack der Zeit geschrieben ; doch verhält sie sich zu den Akten wie ein farbiges Gemälde zu einem grauen Umriß ; und nur aus beiden zusammen ist es möglich , ein Bild von den letzten Lebensjahren des verlorenen Sohnes von Ebersbach zu geben . Der scharfsinnige Plan , der an der Waldecke bei Wäschenbeuren gefaßt wurde , war nur sehr unvollkommen ausgeführt worden . Das Sprichwort , daß nicht alles Gold ist , was glänzt , hatte sich auch bei dem Eintritte Schwans in die Genossenschaft der Gauner bewährt . Es ist nicht wahr , daß die Spitzbuben ehrlich gegeneinander sind und daß sich auf diese Eigenschaft eine feste gesellige Ordnung unter ihnen gründen ließe . Neid , gegenseitiger Betrug und nie ruhender Verdacht , selbst unter Verwandten , verbitterten ihm das von Hause aus arglose Gemüt gegen diese neue Welt bald noch stärker als gegen die alte , die ihn ausgestoßen hatte . Er zog meist mit der schwarzen Christine , die er sich beigesellte , allein in den Landen umher . Dieses ungewöhnliche Weib , von welcher der Geschichtschreiber » eines Räubers « und » einer Räuberin « sagt , sie habe alle Gaben der Natur in reichem Maße besessen und mit einer sehr schönen Körperbildung eine große Tätigkeit und Anlage des Geistes verbunden , hing an ihm mit einer Leidenschaft , wie sie die alten Sagen jenen Hünenweibern beilegen ; aber sie quälte ihn durch eine unbändige Eifersucht , und als die blonde Christine , trotzdem daß es ihr geglückt war , in einem Dienste unterzukommen , dem Zuge ihres Herzens folgend , ihn einst besuchte , so duldete die Zigeunerin sie nicht , sondern trieb sie gegen seinen Willen nach kurzem Zusammensein wieder fort . Dem Scharfsinn und der Gewandtheit dieses Weibes verdankte er seine glücklichsten Tage , wenn man es ein Glück heißen kann , von gestohlenem Gute zu leben . Aber man trifft nicht jeden Tag einen Markt , um die Taschen zu füllen , auch gelang nicht jeder Marktbesuch . Christine wurde mehrmals gefangen ; auch die Ehehändel trennten das Paar oft wochenlang . Wenn es gut ging , so zog er als Krämer mit Paß und Kramkiste durch das Land , verkaufte seine Waren um billige Preise von Haus zu Haus , mied jede verrufene Gesellschaft , herbergte in den besten Gasthäusern und war , wie er in der Untersuchung sagte , auf der ganzen Straße von Mergentheim bis Straßburg als der ehrlichste Kerl bekannt , so daß die Wirte , wie er hinzufügte , sich entsetzlich verwundern würden , wenn sie erführen , daß sie unter dem Namen des ehrsamen Krämers Johann Sigmund oder auch Hermann den Sonnenwirtle aufgenommen haben . Daß seine äußere Erscheinung ihn hiebei aufs beste unterstützte , gestand ihm nicht bloß der Spiegel , sondern sogar ein gedruckter Steckbrief , den zwei Schultheißen einst in der Schenke miteinander lasen , während er selbst ihnen , an ihrem Gespräche über den Sonnenwirtle teilnehmend , gemütlich über die Schulter in das Papier blickte : » Und ist vorgemeldter Erz-Gauner « , hieß es darin , » fünf Fuß , sieben Zoll groß , gedrungener Gestalt , hat gelbliches Haar , dicken Kopf , feines weißes Gesicht , dicke , runde Backen , volle Waden . « Im Bewußtsein dieses ehrbaren Aussehens wagte er einst einem pfälzischen Schultheißen und zwei Jägern , die ihn im Spiel betrogen und ihm seine Pistolen nehmen wollten , mit gerichtlicher Klage zu drohen und dem Schultheißen , als er sich hiedurch nicht schrecken ließ , den Hund , den dieser an ihn hetzte , niederzuschießen . Aber nicht immer liefen die Abenteuer so lustig ab . Oft versiegten alle Erwerbsquellen , oder er wurde von Diebshehlern , welchen er auf seinen Irrfahrten um die gefangene Christine seine Kramkiste anvertrauen mußte , um den Inhalt derselben bestohlen . In solchen Zeiten mußte er Hunger und Kummer leiden und , wie jeder , der sich dem Teufel ergibt , die Erfahrung machen , daß dieser ein Filz ist und daß man mit der Ehrlichkeit auch im schlimmsten Fall so weit kommt als mit dem Gegenteil . Dann griff er zu gefährlicheren Unternehmungen : er ließ sich von den Judenbanden im Gebiete des deutschen Ordens anwerben oder sammelte vorüberziehende Genossen zu Einbrüchen unter seiner eigenen Hauptmannschaft , welche aber nie länger dauerte als das einzelne Unternehmen selbst . Auf der Straße hat er nie geraubt . Sein Geschichtschreiber sagt , er habe sich gegen das Ende seiner Laufbahn Grausamkeiten aus Raubsucht erlaubt ; doch habe er auch in seinen schwersten Verbrechen Spuren übriggebliebener Menschlichkeit , Mitleiden gegen Arme und Unterdrückte gezeigt , den Grundsatz , nie einen Dürftigen zu berauben , durchgeführt , sehr große Almosen gegeben , und den Armen geschenkt , was er den Reichen gestohlen habe . Von wirklichen Grausamkeiten findet sich aber nichts in den Akten , die sehr genau in seine Verbrechen eingehen . Wohl sind Grausamkeiten von den Genossen seiner Taten angeführt , nicht aber von ihm . Auch verdient hervorgehoben zu werden , daß Einbrüche , die seine Genossen ohne ihn unternahmen , mehrmals von scheußlichen Mordtaten begleitet waren , wogegen bei Überfällen , die er leitete oder unterstützte , nie ein Mord begangen worden ist , mit einer einzigen Ausnahme , an welcher er unschuldig war , welche aber seine Heimat noch einmal in Furcht und Schrecken setzen sollte . Ein Jahr nach dem Tode des Fischers , um Ostern , wagte er sich wieder in die Gegend von Ebersbach , schickte die schwarze Christine in die Sonne und trug ihr auf , seinem Vater zu sagen , sie habe einen Unbekannten auf der Straße getroffen , der ihn grüßen lasse . Als er in den folgenden Tagen wieder mit ihr zusammentraf , erfuhr er von ihr , daß sein Vater seine Kinder zu sich genommen habe . Inzwischen aber hatte er sich selbst in Ebersbach zu Gaste geladen und hiedurch den Tod eines Menschen veranlaßt , dem er nichts weniger als übel wollte . In der Gegend umherschweifend , war er am Rechberg hinter einer Hecke hervor , unvermutet von einem Kameraden , dem sogenannten Jägerkasperle , angeschrien worden , der ihm klagte , er habe keinen Kreuzer hinter sich und vor sich , und ihn fragte , ob er keine Gelegenheit wisse . Da fiel ihm sein Vormund ein , mit dem er noch ein Hühnchen zu pflücken hatte . Schon die nächste Nacht fand die beiden Spießgesellen in dessen Laden . Während aber Schwan die erste Beute in einem benachbarten Gäßchen absetzte , kam der Fleckenschütz zu seinem Unstern des Weges daher . Er hatte mit einem Bekannten bis über Mitternacht im Branntweinhause gezecht , sah den Laden offen und taumelte hinein , um zu sehen , was es gebe . Der Räuber schrie ihn an , er solle sich packen . Da aber der Schütz ihn anstarrte und noch näher auf ihn zuging , so gab der Räuber , der seinen Stock für eine Flinte hielt , ohne weiteres Feuer und sprang seinem Genossen zu . Ein Nachbar , der von dem Schuß erwachte , sah zum Fenster heraus und rief , da er jemand im Gäßchen erblickte : » Was ist das für ein Schuß ? Hat man nach des Sonnenwirts Frieder geschossen ? « » Ja , ja ! « antwortete dieser und machte sich mit dem andern davon . Daß der Getroffene der Schütz war und daß die Kugel ihm das Leben gekostet , erfuhr er erst später und prügelte seinen ungeschickten Kameraden dafür und für einen Einbruch bei einem Kaufmann in Winnenden , den er als einen ehrlichen Mann nicht bestohlen wissen wollte , tüchtig durch . Dieser , der die Schläge als verdient anerkannte , ließ den Verdruß darüber an einem Dritten aus , der ihn zu dem Einbruch in Winnenden verleitet hatte , und hieraus entstand eine Feindschaft , welche so tödlich wurde , daß man einander mit Schüssen zu Leibe ging und daß der Verführer des kleinen Kaspars , als geschworener Gegner des » Sonnenwirts « , von den rheinischen Gaunern den Namen » Konterwirt « erhielt . Der Tod des Schützen aber wurde in Ebersbach als eine neue Meucheltat der schädlichen bösen Wurzel angesehen , und der Vogt ließ Sturm schlagen und alle Bürger unter das Gewehr rufen , als ob eine ganze Armee von Gaunern im Anmarsch wäre . Der Kirchenkonvent von Ebersbach , unter dem Vorsitze des Pfarrers und Amtmanns , beschloß , dem jüngsten Kinde des verunglückten Schützen eine kleine Unterstützung auszusetzen und zugunsten der übrigen Hinterbliebenen desselben ein untertäniges Memorial bei der Herrschaft einzureichen , strafte aber zugleich den Zechbruder des Erschossenen um ein Pfund Heller , weil er demselben beim Schnaps Gesellschaft geleistet und dadurch mittelbar Gelegenheit zu dem Unfall gegeben habe . Dennoch sollte der Räuber , so sehr er seine Hand rein von Blut zu erhalten strebte , noch einen dritten Mord , den zweiten und letzten , den er selbst beging , auf seine Seele laden . Im Löwen zu Jöhlingen , einem Dorfe in der unteren badischen Markgrafschaft , hatte er einst mit der schwarzen Christine nebst einem Knecht und einer Magd , die das Paar bei sich im Dienste hatte , Herberge genommen . Sooft er seinen Stern mit Christinens Stern verband , konnte er im Wohlstande leben . Der Knecht war ein gelernter Gauner und in die Unternehmungen seiner Herrschaft eingeweiht ; die Magd aber , die anfänglich als Wärterin für ein inzwischen wieder gestorbenes Kind Christinens angenommen war , hatte bloß häusliche Dienste zu verrichten und alles eigenmächtige Stehlen war ihr von ihrem Herrn strengstens untersagt worden , weil sie , wie er sich ausdrückte , als ein Mensch von schlechter Kleidung und Person leicht darüber ins Unglück kommen könnte . Herrschaft und Gesinde speisten ruhig miteinander und achteten nicht darauf , daß zwei Männer in die Stube traten , sie eine kleine Zeit aufmerksam beobachteten und sich dann einer nach dem andern wieder entfernten . Die Gesellschaft war aufgefallen , sei es , daß ihre jenische Sprache Verdacht erregt , oder daß man sie auf einem benachbarten Markte gesehen hatte . Plötzlich fiel auf der Straße ein Schuß . Sie fuhren auf , aber zu gleicher Zeit drangen die beiden Männer wieder in die Stube und auf sie ein . Schwan machte sich von ihnen los und stürzte hinaus , sah aber die Treppe mit Bewaffneten besetzt , unter welchen er den Ratsschreiber des Orts mit angelegtem Gewehr erblickte . Die Not gab ihm Kraft , eine Türe auf dem Gange einzudrücken und sich in eine andere Stube zu werfen , die aber keinen Ausweg hatte . Einer seiner Verfolger kam herein und faßte ihn an den Haaren . Er drohte ihn niederzuschießen , wenn er nicht gehe , und da jener nicht abließ , so zog er die im Rockfutter versteckte Pistole , die er stets vermittelst einer Schnur am Arm hängen hatte , und jagte dem Angreifer die tätliche Kugel in die Seite . Hierauf griff er nach der anderen Pistole und erschien an der Treppe mit dem Ruf , wer ihn anrühre , den schieße er über den Haufen . Der Schuß und die drohende Haltung des kühnen Räubers schüchterten die Bürgerwachen völlig ein . Sie drückten sich an die Wand und an das Treppengeländer , so daß er mitten durch sie hinunterkam . Erst als er aus dem Hause hinausstürzte , sendeten sie ihm einige verlorene Schüsse nach . Er war frei , aber Christine blieb mit der reichgefüllten Kramkiste und mit Knecht und Magd in den Händen der Gerichte zurück , und diesmal war sie unter Umständen gefangen worden , die ihn nicht zweifeln ließen , daß sie einer schwereren Haft als gewöhnlich entgegengehe . Auch sah er sie nicht eher wieder als in der Vaihinger Gefangenschaft , die er schon ein halbes Jahr nach dieser Verhaftung seiner Gefährtin betrat . Arm an Hoffnung und bald auch an Barschaft schleppte er sich den Winter über hin und wagte während dieser Zeit nur einige wenige Unternehmungen , die ihm mehr Gefahr als Beute brachten . Er war überall und nirgends , aber von seinen hastigen Streifzügen kehrte er immer wieder nach einem vertrauten Hofe in der Nähe des Amtsfleckens zurück , wohin Christine abgeliefert worden war . Auf und bei diesem Hofe , der zugleich ein Vergnügungsort für die Honoratioren der Umgegend war , hielt er sich wochenlang auf und erlauschte eines Tages von der Küche aus die Kunde , die der Amtsschreiber den anderen Gästen im Wirtszimmer mitteilte , der Knecht und die Magd werden bald loskommen , das Weib aber scheine ein tüchtiger Fang zu sein ; neulich sei ihr das Spiel von den Fleischmännern garstig versalzen worden , sie habe ausbrechen wollen und dann dem Amtmann auf seinen Vorhalt hierüber zur Antwort gegeben , ein grüner Wald sei ihr lieber als ein gemalter Turm . In dieser Zeit wurde einst zu Steinbach bei Baden in einer Scheune eine nächtliche Gaunerversammlung gehalten , zu welcher sich die Zigeuner , die in den niederelsässischen Wäldern in Hütten hausten , von dem Sohne eines Fergen über den Rhein herüberführen ließen und zu welcher auch Schwan geladen war . Der Leutnant der überrheinischen Zigeuner , Mockel , trat hier mit einem Vorschlag auf , wobei es sich um nichts Geringeres handelte , als an dem Markgrafen Karl Friedrich von Baden-Durlach ein Exempel zu statuieren . Dieser pflichteifrige Fürst , dessen Land den Angriffen der Gauner am meisten ausgesetzt und der durch einen empörenden Einbruch des Konterwirts in Mühlburg ( an dem nämlichen Orte , wo ein früherer badischer Fürst , der regierende Markgraf Eduard Fortunat von Baden-Baden , als gemeiner Straßenräuber an einen westfälischen Roßkamm Hand gelegt hatte ) zu nachdrücklichen Maßregeln gegen das Gesindel herausgefordert war , hatte , sehr im Gegensatze gegen den Deutschmeister und andere Nachbarn , den Grundsatz gefaßt , nicht nur gegen alle , die auf seinem Boden betreten würden , aufs schärfste zu verfahren , sondern auch die Gefangenen von anderen Herrschaften , welche lässiger verfuhren , um Geld an sich zu kaufen . Infolge dieser Maßregel waren die Gefängnisse von Karlsruhe mit selbstgefangenen und eingehandelten Gaunern überfüllt . Die Versammlung , Männer und Weiber , brach in die entsetzlichsten Drohungen gegen den Markgrafen aus und wollte auf Mockels Antrag den Beschluß fassen , das ganze Land anzuzünden und einen Schrecken zu erregen , der dem Fürsten die Lust zur Ausrottung der Kochemer vertreiben sollte . Sein Gestüt bei Reichenbach sollte nebst den Orten Grötzingen und Wilfertingen den Anfang machen , dann ein Einfall in das Frauenalbische folgen , und über den geeignetsten Zündstoff war man ebenfalls einig , als Schwan in diesem furchtbaren Parlament als Hauptsprecher gegen den Antrag auftrat und es durch seine Beredsamkeit und durch sein Ansehen unter den Räubern wenigstens dahin brachte , daß die Ausführung desselben verschoben wurde . Er bediente sich eines Verwerfungsgrundes , der seine Wirkung bei der Versammlung nicht verfehlte , denn er machte geltend , daß die Gefangenen zu Karlsruhe und seine in Stein liegende Frau selbst darunter leiden müßten und nur eine desto härtere Todesstrafe zu gewarten haben würden . Aber er glaubte nicht , daß der Plan aufgegeben sei , und in seinem Verhör zu Vaihingen sagte er , es werde gewiß noch geschehen , und man werde vielleicht deshalb an ihn gedenken , wenn er schon tot sei . Es geschah jedoch nicht , denn sein Verrat verbreitete unter den Räubern denselben Schrecken , den sie dem badischen Lande zugedacht hatten , und die vielen Randzeichen des Vaihinger Untersuchungsprotokolls zeugen von den ebensovielen Mitteilungen , welche der tätige Oberamtmann an die benachbarten Ämter und Gerichte ausgehen ließ , um ihre Arme gegen die noch auf freiem Fuß befindlichen Genossen seines Gefangenen in Bewegung zu setzen . Der Verbrecher , der seinen Vaterort täglich durch Drohungen mit Mord und Brand geängstigt hatte , verließ mit Abscheu die Versammlung , die der Ausführung solcher Taten fähig war , und enthüllte in dem Briefe , den wir bereits kennen , dem Amtmann von Stein den verruchten Mordbrennerplan . Freilich war die gute Regung , die man nach seiner ganzen Beschaffenheit nicht an ihm bezweifeln kann , mit sehr menschlichen Absichten vermischt : er wollte Gnade für sich und hatte unter den badischen Beamten den von Stein ausgewählt , weil er durch seine Unterhandlung mit diesem günstig auf Christinens Schicksal einzuwirken hoffte . Dennoch würde selbst im Falle ausschließlicher Eigensucht seiner Enthüllung ein Verdienst nicht ermangeln ; denn wenn jene politischen Blutegel , wie ein zeitgenössischer Beamter und Schriftsteller die zu Tausenden umherstreifenden Gauner nannte , Raum gefunden hätten , als geschlossene Macht aufzutreten , so wäre bei dem Zustande des Reiches und der von Preußen geschlagenen Reichsarmee mehr als viel auf dem Spiele gestanden . Er erhielt jedoch von dem Amtmann keine Antwort , merkte aber bald , daß derselbe ihm auf der Spur sei , denn als er nach dem Hofe bei Stein zurückkehrte , vernahm er , daß das Gerücht von seiner Anwesenheit verbreitet sei , und hatte Not , sich durch die aufgebotenen Streif wachen durchzuschleichen . Unstet und flüchtig irrte er nach anderen Gegenden . Nach dem vergeblichen Schritte bei dem Amtmann von Stein faßte er den noch abenteuerlicheren Gedanken , in der Residenz des Deutschmeisters , auf neutralem Boden also , wie er meinte , vor seinem aus dem Felde heimkehrenden Herzog zu erscheinen und zu versuchen , ob er nicht sein Herz rühren könne . Dieser Einfall verrät eine Treuherzigkeit , die man einem Gauner und Räuber fürwahr nicht zutrauen sollte . Serenissimus kam aus der bekannten Schlacht von Fulda , die ein Laufen , kein Schlachten zu nennen war und in der er seinem auf preußischer Seite fechtenden Bruder nicht bloß das Feld , sondern auch eine reichbesetzte Tafel nebst einem Teile seiner Armee , während er mit dem Rest entrann , hinterlassen hatte . In der Laune , die er mit diesen Lorbeeren heimbrachte , wollte ihn der gefürchtetste Bösewicht seines Landes um den außerordentlichsten Sonnenschein oberherrlicher Gnade ansprechen ! Der Zufall ersparte ihm eine Enttäuschung , führte aber dafür einen Sendling der jüdischen Leutnants in seinen Weg , der ihn zu einer neuen Unternehmung anwarb und eine halbe Zusage von ihm erhielt . Zuerst aber drängte es ihn wieder nach dem Hofe bei Stein . Die Gegend schien sicherer geworden zu sein , und er blieb wieder einige Zeit dort stille liegen , bis die Not ihn aufscheuchte , um das Anerbieten der Juden bei herannahender Frist anzunehmen . Von Christinen , nach welcher er sich in Gestalt eines Hanfhändlers erkundigte , war nichts Tröstliches zu vernehmen ; vielmehr schien das Gericht Verdacht gefaßt zu haben , daß sie sein Weib sei , und in diesem Falle mußte er eine ewige Trennung von ihr gewärtigen . Seine geistige Kraft war noch früher als die körperliche gebrochen , obgleich auch diese durch Entbehrungen jeder Art auf eine harte Probe gesetzt war . Daß er sich der nahen württembergischen Grenze zuwandte , einer Gegend seines Vaterlandes , die ihm unbekannt war und wo er sicher zu sein hoffte , beweist , daß der trotzige Mut , mit dem er allen Gefahren seines Bekanntseins in der Markgrafschaft die Stirne geboten hatte , von ihm gewichen war . Im großen Hagenschießwalde , der sich von Pforzheim