Mädchen , » sie wollen ja nur mein Kind wieder nehmen . « Der Doktor schüttelte ernsthaft mit dem Kopfe . » Oder , « fuhr Katharine fort , » können sie es auch noch auf andere Art , mit List , versuchen . « » Das ginge eher . - Aber auf welche Art ? « » Der Garderobegehilfe , von dem ich Ihnen früher sprach , und der zuweilen den Meister Schwemmer besucht , will an einem gewissen Abend hingehen und ihnen von seinen Geschichten erzählen . Er thut das oft , und der Meister Schwemmer , sowie die übrigen Gesellen , die wohl da sind , machen sich alsdann über den alten Herrn Schellinger lustig , und es gibt bisweilen kleine Streitigkeiten , die aber , weil er als ein alter schwacher Mann natürlicherweise nachgeben muß , bald zu Ende gehen . An dem Abend aber will er einen ernstlichen Streit herbeiführen , will nicht nachgeben und sich so lange mit Ihnen herumzanken , bis ihn Einer von den Leuten anfaßt , - dann schreit er um Hilfe , und der Zimmermann und seine Freunde , die schon lange um das Haus herum versteckt warten , eilen nun herbei , befreien ihn und halten dann ein klein wenig Haussuchung . « » Das ist schon eher etwas , was sich hören läßt , « sagte lächelnd der Doktor . » Es ist freilich von dem alten Herrn ein gefährliches Unternehmen , in ein solches Wespennest hinein zu stechen ; aber am Ende könnte die Sache auf diese Art doch gelingen . « » Und Sie , Herr Doktor , halten es für kein Unrecht , für keine Sünde , wenn ich einen solchen Versuch mache , mein Kind wieder zu erhalten ? - Sie werden mir nicht davon abrathen ? « » Zwischen abrathen und Ihnen zugeben , daß ich es für kein Unrecht oder keine Sünde halte , ist ein großer Unterschied . Was das Letztere betrifft , so sage ich aus voller Ueberzeugung , daß ich es am Ende sogar für verzeihlich halte , wenn Sie alle Schritte thun , Ihr Kind wieder zu bekommen . - Aber Ihnen rathen zu einer That , die , wenn auch mit List begonnen , doch sehr gewaltthätig enden kann , das mag ich nicht . « » Das ist ja auch mein Hauptkummer , « entgegnete Katharine nach einer kleinen Pause , » daß Andere , die ich eigentlich gar nichts angehe , für mich handeln , ja vielleicht für mich leiden sollen , denn Sie haben Recht : es könnte da eine schlimme Geschichte entstehen . Aber wenn ich bedenke , daß mein Kind in Kummer und Noth zu Grunde gehen soll , und daß ich es vielleicht auf diese Art zu retten vermag , - o Herr Doktor , da kann ich nicht lang überlegen ; ich nehme die mir dargebotene Hilfe an . « » Wenn es gelingt , « versetzte er nachdenkend , » so könnte es zu einer hübschen Strafe für jenes Volk werden . - Und ich will Ihnen etwas sagen , « fuhr er lächelnd fort , » da Sie mich nun einmal um Rath gefragt und zum Vertrauten Ihres Geheimnisses gemacht , so will ich Ihnen dazu helfen , soweit meine Kräfte reichen und Ihren Plan etwas ändern , wenigstens , so denke ich , verbessern . « » O wie danke ich Ihnen für Ihre freundlichen Worte ! « rief das Mädchen und wollte seine Hand ergreisen , um sie zu küssen . Doch zog er sie hastig zurück und sagte : » Thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich es ein paar Tage vorher wissen , wenn die bewußte Sache vor sich gehen soll . Ich will dann irgend Jemand veranlassen , in der Nähe zu sein , damit , wenn Ihr tapferer Schneider und seine Zimmerleute Hilfe gebrauchten , diese zur rechten Zeit nicht fehlt . Aber sprechen Sie jetzt mit Niemand mehr über diese Sache , gehen Sie ruhig nach Hause und wie gesagt , versäumen Sie es ja nicht , mich zur gehörigen Zeit zu benachrichtigen . « Damit erhob sich der Doktor , Katharine stand zu gleicher Zeit auf , sprach noch einige innige Worte des Dankes und versicherte , sie werde gewiß nicht vergessen , den Tag und die Stunde genau anzugeben . Sie wandte sich hierauf zum Weggehen , und der Doktor begleitete sie freundlich bis an die Glasthüre , die er öffnete und hinter ihr wieder verschloß . Dann ging er zu seinen Kindern , sah ihren Verband nach und befühlte ihnen Stirne und Hände ; doch schliefen sie ruhig , alle Aufregung hatte sich gelegt , und nur die weißen Binden um den Kopf stachen seltsam ab von den frischen blühenden Gesichtern . Als der Doktor die beiden Kinder so ruhig vor sich schlafen sah und bemerkte , wie behaglich sie in ihren warmen Bettchen ausgestreckt lagen , da dachte er wieder an jene arme Person , die ihn eben verlassen , und er begriff besser , als es der Geistliche gethan , daß eine Mutter , die sich vorstellen muß , ihr Kind , von fremden Leuten festgehalten , werde jetzt mißhandelt und müsse leiden unter Frost und Hunger , leicht zum Aeußersten zu bringen sei und sich gern zu den gewaltsamsten Maßregeln verstehe . Nach diesen Betrachtungen schritt er kopfschüttelnd in sein Arbeitszimmer zurück , zog seinen warmen Paletot wieder an , nahm Hut , Stock und Hausschlüssel und ging die Treppen hinab , nachdem er vorher die Köchin beauftragt , es Madame , die noch nicht zurückgekehrt war , zu berichten , daß er den Rest des Weihnachtsabends bei seinen Eltern zubringen werde . Neunundvierzigstes Kapitel . Reiche und arme Leute . In dem Hause des Kommerzienrathes war es seit langen Jahren der Brauch gewesen , daß sich die ganze Familie am Weihnachtsabend zur Bescheerung dort versammelte . Als dies eingeführt wurde , hatte man auch an zukünftige Kinder gedacht , und sollten diese von der ganzen Familie ebenfalls mitgebracht werden . Nun aber beschränkte sich die Nachkommenschaft auf die beiden Sprößlinge des Doktors , welche wohl in den ersten Jahren erschienen , dann aber wegbleiben mußten , weil es , wie Marianne versicherte , ihren Mann , den Herrn Alfons , nie so schmerzlich berühre , daß er selbst keine Nachkommen habe , wie an diesem Abend , wo er die Lust und das Vergnügen der anderen mit ansehen müsse . Der Doktorin war es schon recht , daß sie ihre Kinder nicht mehr mitzubringen brauchte , denn hiedurch hatte sie nun auch zuweilen einen Vorwand , um zu Hause bleiben zu können . Daß durch diese Maßregel die Weihnachtsabende im Hause des Kommerzienraths an großer Heiterkeit gewonnen , wollen wir gerade nicht behaupten . - Im Gegentheil ! Die lustigen Kinderstimmen hatten anfangs doch einige Abwechslung in die feierliche und manchmal frostige Unterhaltung gebracht . Die alte Räthin , welche die ganze Bescheerung , wie überhaupt fast Alles im Hause , leitete , ließ für jedes ihrer Kinder - darunter war diesmal auch der Schwiegersohn verstanden - einen sehr hübschen Baum machen , vor welchem ein Tischchen stand , worauf die Geschenke ausgebreitet waren . Diese Bescheerung wurde im Wohnzimmer der Räthin abgehalten , und wenn Alles bereit war , so setzte sie sich in ihre Sophaecke , läutete nach einiger Zeit mit der Klingel , der Bediente öffnete die Thüre und die Kinder traten herein . Der Kommerzienrath zählte sich an solchen Abenden auch mit darunter , und er war es in der That allein , der seine Freude noch mit einem gewissen Anflug von Kindlichkeit kundgab . Gewöhnlich blieb er wie geblendet unter der Thüre stehen , und rief fast jedesmal aus : » Ah ! das übertrifft heute alle früheren Jahre ! - unbedingt alle früheren Jahre ! Mama , du hast wahrhaft verschwendet in vergoldeten Nüssen und Wachskerzen . - Kinder , « fuhr er dann lustig fort , nachdem er seiner Frau dem Herkommen gemäß zuerst die Hand geküßt , » bedankt euch bei Mama , denn die Tische scheinen mir sehr schön besetzt zu sein . « Jedes wußte , wo sein Platz war , und nachdem alle dort die meistens sehr schönen Sachen flüchtig übersehen , folgten sie dem Beispiel von Papa und küßten der Kommerzienräthin ebenfalls die Hand . Die Bescheerungen bestanden für die Damen aus schweren seidenen Stoffen zu Kleidern und Mänteln , oder aus kostbaren Schmucksachen , aus bisher noch fehlenden Stücken zum Silbergeschirr , aus einem Fußteppich , aus Bronzegegenständen aller Art oder aus Stickereien . Letzterer Artikel aber wurde von Jahr zu Jahr seltener . Arthur , als der Jüngste , erschien natürlicherweise auch zuletzt , um Mama die Hand zu küssen , doch blickte die Räthin , als er heute vor sie hintrat , wie unabsichtlich in den leeren Raum hinaus , und mit ihrer Hand , statt sie dem Sohne darzureichen , faßte sie das Sacktuch und führte es an die Lippen , da sie gerade leicht hustete . Der Maler ließ sich aber durch dieses Zeichen einer fortdauernden Ungnade nicht abschrecken , sondern wartete geduldig eine ziemliche Zeit , bis Hand und Sacktuch wieder auf dem Tische ankamen , dann ergriff er Beides zugleich und drückte seine Lippen auf die Hand der Mutter . Die Räthin warf ihm dabei einen Blick zu , der nicht übermäßig freundlich war , aber auch nicht mehr so finster und zornig , wie er es in den letzten Tagen nach jener unglückseligen Probe der lebenden Bilder gewohnt war . » So ist ' s recht , Mama , « flüsterte der Kommerzienrath seiner Frau über die Schultern zu , » laß den Groll fahren ; man kann doch nicht immer so fort machen ; und gewiß hat Arthur sein Unrecht eingesehen . « Die Räthin hob ihren Kopf etwas empor , die spitze Nase und die grauen Augen wandten sich ziemlich drohend gegen den Gemahl , als sie erwiderte : » Das Letzte kann ich nicht glauben , denn wenn Jemanden seine Handlungsweise leid ist , so thut man Schritte , um sein Unrecht wieder gut zu machen . Und das hat Arthur nicht gethan . « » Aber Mama ließen mich ja seit jenem Tage nie über diese Angelegenheit zu Worte kommen , so oft ich das auch versuchte , « versetzte der Maler . » Sie wünschen ja beständig , ich solle darüber schweigen . « » Allerdings wünschte ich das , « antwortete die Räthin , » denn alle deine Reden , die du an mich hieltest , zielten darauf hin , gegen mich den Beweis zu führen , daß du doch nicht so Unrecht gehabt und daß ich die Sache zu ernst genommen . - In solchen Fällen aber , « fuhr sie strenger fort , » besonders wo es den Anstand des Hauses betrifft , den ich nie ungestraft verletzen lasse , verlange ich , wenn dies doch einmal geschehen , daß man rückhaltslos sein Unrecht einsehe . « » Ja , ja , Arthur , « nahm der Kommerzienrath das Wort , » und daß man sich alsdann auf Gnade und Ungnade ergibt . « Die Räthin trommelte leise auf den Tisch , und ihre Blicke schweiften mit außerordentlicher Majestät durch das Zimmer . » Du aber hast kapituliren wollen und sogar Bedingungen vorgeschrieben , « bemerkte Herr Alfons lachend . » Mama war so gütig , dich für den begangenen faux pas nicht sogleich vor der ganzen Gesellschaft bloßzustellen , nun aber hättest du nach der Probe die Angelegenheit mit deiner schönen Doktorin bestens arrangiren sollen . « » Das konnte ich nicht , « sagte Arthur bestimmt ; » ich mag Niemanden , am allerwenigsten meine besten Freunde , vor den Kopf stoßen . Bin ich voreilig gewesen , so thut es mir leid ; aber wenn Mama die lebenden Bilder zur Ausführung bringt , so kann das Decamerone von Winterhalter in der gleichen Besetzung wie bei der Probe nicht fehlen ; wenigstens ich für meinen Theil kann nichts dazu thun . « » Wenn man aber mit dem Doktor spräche ? « meinte Alfons . » Hast du vielleicht Lust dazu ? « fragte Arthur . » Es wäre das nicht meine Sache ; aber wenn vielleicht Papa - « » Nein ; ich muß für solche Kommissionen danken , « entgegnete der Kommerzienrath . » Der Tausend auch ! was ich nicht eingebrockt , das esse ich auch nicht aus . « Die Räthin hatte ihren Mund fest zusammen gezogen und schien das Gespräch ohne alle Theilnahme anzuhören ; doch wer den Blick ihrer Augen kannte , wußte , daß dieß nicht der Fall war . » Die Frau hätte aber leicht merken können , wie unangenehm es Manchen der Mitwirkenden war , als du ihr so unverhofft diesen ausgezeichneten Platz anwiesest . « » Bah ! « sagte Arthur , » das freut Keine von einer Anderen , und ihr möchtet hinstellen , welchen Maler ihr wollt , er fände kein passenderes Gesicht für diese Königin , als gerade das der Doktorin F. , umgeben von all ' den schönen Mädchen , die wir zusammengelesen . - Ach , Mama , « wandte er sich schmeichelnd an die Räthin , » seien Sie diesmal nachsichtig , lassen Sie meinetwegen , um mit Papa zu reden , Gnade für Recht ergehen . - Denken Sie doch nach , wer hat sich eigentlich über diese Geschichte beleidigt gefühlt ? - Die alte Frau v. W. , die es Ihnen , Mama , nie verzeihen kann , daß Sie so prächtige Soiréen zu arrangiren im Stande sind . Und dann vielleicht die Töchter des Oberregierungsraths D. mit ihrem schlackeligen Bruder , - eine hochmüthige Familie , die ja schon früher einmal mit uns im Unfrieden lebte , weil sie sich gegen uns so außerordentlich herausfordernd benommen . « Arthur manövrirte ziemlich klug , und man sah , wie sich die Nase der Räthin bei der Erwähnung der Familie des Oberregierungsraths D. immer höher erhob . Die Anspielung auf eine Streitigkeit zwischen beiden Häusern war allerdings zutreffend und es konnte diesseits niemals vergessen werden , daß die Frau Oberregierungsräthin vor einigen Jahren in einer Soirée , als von Vorfahren die Rede war , die Frechheit gehabt hatte , zu behaupten , der Urgroßvater des Kommerzienraths sei wirklich ausübender Barbiergehilfe gewesen ; wogegen derselbe in Wahrheit als wundärztlicher Gehilfe bei einem renommirten Arzte seiner Zeit fungirt haben sollte , wie die Ueberlieferungen des Hauses des Kommerzienrathes deutlich besagten . » Also ich unterwerfe mich auf Gnade oder Ungnade , « fuhr Arthur lachend fort , » aber dann thun Sie mir für dieses Mal den Gefallen , Mama , belassen Sie die Sache , wie sie ist und bringen Sie mich nicht in den unangenehmen Fall , gegen den Doktor und seine Frau Schritte thun zu müssen , die von höchst ernsten Folgen sein könnten . - Gewiß , Mama , Ihre Soirée muß glänzend werden ; man soll davon noch Jahre lang sprechen , und Sie können mir glauben , alle Bilder müssen superb gelingen , und das Decamerone wird sich nicht am schlechtesten ausnehmen . « » Würde sich vielleicht nicht am schlechtesten ausnehmen , willst du sagen , « entgegnete streng die Räthin ; » von wird kann nicht die Rede sein , da ich beschlossen habe , daß die ganze Soirée unterbleiben soll . « » Ah ! das ist etwas Anderes , « erwiderte Arthur mit kaltem Tone , indem er sich von dem Tische zurückzog ; » dann habe ich freilich nichts mehr zu bitten . Verzeihen Sie , Mama ! « Es entstand jetzt eine unangenehme Pause , und obgleich sich alle Anwesenden mit dem Beschauen ihrer Sachen zu beschäftigen schienen , so hörte man doch keine Ausrufe der Freude , kein lautes gegenseitiges Mittheilen : Jedes sah stumm auf seinen Platz nieder und man vernahm während mehrerer Minuten nichts als das Picken der Standuhr oder das Knistern der kleinen Wachskerzen an den Bäumen . » Wo ist denn deine Frau ? « fragte endlich Mama ihren Sohn . - » Heute Abend hätte ich sie sicher erwartet . Soll ihr Tisch dort wieder unberührt stehen bleiben ? « » Ich muß um Verzeihung bitten , « erwiderte der Doktor , während er an das Sopha trat , » daß ich Bertha nicht schon längst entschuldigte . Die Kinder hatten ein kleines Malheur , - ziemlich unbedeutend : der Tannenbaum gerieth in Brand und versengte etwas Weniges Oskars Haare . - Nun muß doch Jemand bei den Kindern bleiben , und Bertha - « » Deine Frau als gute Mutter blieb zu Haus , « warf Alfons mit einem unangenehmen Lächeln dazwischen . » Ja , das kann ich mir denken ; eine Mutter läßt ihre Kinder nicht gerne allein . « Die Kommerzienräthin blickte ihrem Sohne forschend in die Augen und fragte darauf ziemlich theilnehmend : » Und weiter ist es nichts ? « Der Doktor schwankte einen Augenblick und war wohl versucht , die Scene , die er heute Abend mit seiner Frau erlebt , den Eltern zu schildern . Doch bemerkte er den lauernden Blick seines Schwagers und mochte nun um Alles in der Welt diesem nicht das Vergnügen bereiten , das er immer empfand , so oft er etwas Unangenehmes aus des Doktors Haushalt erfuhr . » Es ist in der That nichts weiter , « versicherte aus diesem Grunde Eduard . » Morgen springen die Kinder wieder herum und werden schon in aller Frühe kommen , um ihre Geschenke abzuholen . « Nachdem die Bescheerung in dem Hause des Kommerzienrathes auf die eben beschriebene Art stattgefunden , war es der Brauch , daß die Familie gemeinschaftlich ein kleines Souper einnahm . Das geschah denn auch heute ; doch kalt und frostig , wie der Weihnachtsabend begonnen , endete er auch für diese reichen und in ihren Kreisen vornehmen Leute . Der Kommerzienrath war wohl der Einzige , der sich dies nicht besonders anfechten ließ ; er fand das Souper vortrefflich , sprach über die kommenden Feiertage , und fürchtete Schnee und Regen , wobei er mehrmals das Sprichwort zitirte , daß grüne Weihnachten weiße Ostern brächten . Hie und da redete er auch Einiges über Politik , über das muthmaßliche Fallen und Steigen der Papiere oder über irgend eine großartige Spekulation , die hier oder dort gelungen oder mißlungen sei . Alfons allein gab der Mutter zusammenhängende und richtige Antworten , die Uebrigen schienen alle mehr oder minder zerstreut zu sein . Die Räthin saß aufrecht in ihrem Stuhle und nickte jedesmal dankend mit dem Kopfe , so oft der Bediente eine Schüssel präsentirte . Sie aß nur einige Löffel Kompott und trank etwas rothen Wein mit Wasser dazu , im Uebrigen aber hustete sie oftmals in ihr Sacktuch hinein , machte auch kleine Trommelversuche , die sie aber alsbald wieder einstellte , denn das Tischtuch dämpfte jeden schönen Klang . Am einsilbigsten war Arthur ; die Unterredung mit der Mutter hatte ihn verstimmt und betrübt , das Aufgeben der Soirée mußte nothwendiger Weise auf das feine und richtige Gefühl der Doktorin einen peinlichen Eindruck machen . Dabei schien sich der Maler heute Abend im Kreise der Familie auch noch aus andern Gründen sehr unbehaglich zu fühlen und sich sobald als möglich hinweg zu sehnen . Er soupirte mit außerordentlicher Hast , ohne deßhalb den Gang des Ganzen auch nur im Geringsten beschleunigen zu können , und dabei blickte er häufiger als gerade nothwendig war , auf die Standuhr seinem Platz gegenüber , die , so langsam ihr Zeiger auch fortschritt , doch schon halb Zehn anzeigte . - » Spät ! spät ! « murmelte er ungeduldig in sich hinein . Selbst Marianne , die oftmals bei ähnlichen Veranlassungen die Kosten der Unterhaltung allein trug , und bald mit Diesem , bald mit Jenem plaudernd , einiges Leben hinein brachte , war nachdenkend , blickte häufig starr auf ihren Teller und fuhr wie erschreckt empor , wenn sie der Papa etwas fragte . Doch war es nicht die allgemeine Langeweile , die auch sie bedrückte , sie war ja an der Seite ihres einsilbigen und oft mürrischen Mannes , sowie auch , da sie im Hause wohnte , und sich viel in Gesellschaft der Mutter befand , dergleichen schon gewöhnt . Heute Abend war etwas besonders Eigenthümliches passirt . Vor ein paar Stunden ging sie absichtslos mit leisen Schritten bei dem Zimmer ihres Mannes vorbei und sah durch die ein wenig geöffnete Thüre , daß er ein Paket Damenhandschuhe - Frauen pflegen sich darin nicht zu irren - sauber in weißes Papier einschlug , mit einer rothen Schnur umgab , siegelte und überschrieb . Anfänglich dachte sie , es sei das eine Ueberraschung für den heutigen Abend . Aber wozu dann siegeln und überschreiben , wenn man im gleichen Hause wohnt ? - Sie konnte das nicht vergessen , und als sie an den Tisch trat , wo ihre Sachen lagen , war ihr erster Blick nach den Handschuhen ; aber unter all den Sachen war nichts , was jenem Paketchen ähnlich gesehen hätte . - Sie schüttelte den Kopf und konnte es nicht vergessen . - Wenn uns der geneigte Leser freundlich folgen will , so verlassen wir das reiche Eßzimmer des Kommerzienraths , den kostbar servirten Tisch mit seinem Silbergeräthe , seinem feinen Kristall und Porzellan und seinen verdrießlichen Gesichtern , - wir verlassen es , schauen uns aber unter der Thüre nach Arthur um , der , den Blick auf Mama geheftet , nicht erwarten kann , bis sie ihre Serviette hinlegen und so das Zeichen zum Aufbruch geben wird . - Wir verlassen das Haus und wandeln durch die stiller gewordenen Straßen nach der Balkengasse , wir treten in ein uns schon bekanntes Haus ; doch ehe wir die Treppen hinauf steigen , wollen wir uns erlauben , einen Blick rückwärts zu thun , rückwärts in der Zeit nämlich , um zu sehen , wie unsere Freunde hier den heiligen Christabend zugebracht . Da Herr Staiger , wie wir bereits wissen , nur zwei Zimmer bewohnte , die noch obendrein so gelegen waren , daß man durch das eine mußte , um in das andere zu gelangen , so würde es außerordentlich schwer gewesen sein , im Geheimen die Vorbereitungen zur Weihnachtsbescheerung zu treffen , wenn sich Clara nicht wie in allen Dingen , so auch hierin sehr gut zu helfen gewußt hätte . Im Vorzimmer nämlich traf sie alle ihre Anstalten ; dort stand der kleine Tannenbaum , den sie für weniges Geld gekauft , und dort wurde er mit einigen Aepfeln , mit Flittergold und ein paar Kerzchen aufgeputzt und besteckt . Damit nun diese Vorbereitungen von den Kindern nicht gesehen würden , hatte die ältere Schwester ihnen eingeschärft , stets die Augen zu schließen oder nach der rechten Seite zu sehen , wenn sie durch dieses Zimmer gingen . » Der liebe Christ , « sagte sie , » wird daran euren Gehorsam erkennen , und da er augenblicklich erfährt , wenn eines von euch hinter den Ofenschirm gesehen , so würdet ihr alsdann an Zuckerwerk und Spielsachen gar nichts finden , wohl aber eine große Ruthe , welche außerordentlich fähig ist , kleinen Kindern einen gewissen Theil des Körpers zu bearbeiten . « Wir müssen aber auch gestehen , daß Clara für den heutigen Weihnachtsabend schon ein Uebriges gethan hatte , und sie hatte hierzu nicht einmal , wie sonst immer , ihrer eben erst erhaltenen Monatsgage zuzusprechen gebraucht ; denn der Vater war vor ein paar Tagen mit einem höchst zufriedenen Gesichte von seinem Verleger , dem Herrn Blaffer , zurückgekehrt , und hatte triumphirend eine Rolle mit fünfzig Gulden auf den Tisch gelegt . Nicht nur war ihm sein Honorar bedeutend erhöht worden , sondern der edelmüthige Verleger hatte ihm auch noch von früheren Arbeiten her eine Zulage Zusammengerechnet und baar eingehändigt . Woher diese Gelder eigentlich kamen , wissen wir besser als der alte Herr und seine Tochter . - Genug , sie waren da und wurden auf ' s Beste verwendet , was beinahe den ersten kleinen Streit seit langen Jahren zwischen Vater und Tochter hervorgerufen hätte . Clara behauptete nämlich , ein neuer Winterrock sei für den Vater unbedingt nothwendig , er dagegen meinte , ein Mantel für Clara sei noch viel nothwendiger ; doch siegte der Oberrock , indem Clara sagte , sie halte es für eine Sünde , für die paar Gänge , die sie zu Fuß zu machen habe , das viele Geld auszugeben . Daß der Winterrock einen Hauptbestandtheil der heutigen Bescheerung bilden sollte , verstand sich von selbst . Obgleich Herr Staiger seine Tochter Clara ohne Einschränkung alle Kassengeschäfte besorgen ließ , so hatte er doch diesmal mit pfiffigem Lächeln einige Gulden aus der Rolle für sich behalten und nach langem Zögern und vielen Ausflüchten seiner Tochter anvertraut , es sei doch nicht mehr als schicklich , daß er auch seinem Freunde Arthur , der ja am Weihnachtsabend kommen werde , etwas Weniges unter den Christbaum lege . - Von den Pelzmanschetten , die er für Clara kaufen wollte , sagte der alte , lügenhafte Mann natürlicherweise nichts und freute sich wie ein Kind , daß ihm sein Betrug so gut gelungen ; denn als er Arthur ' s Namen genannt , da hatte ihr Auge geglänzt und sie ihm zugestimmt und versichert , das sei ein ganz glücklicher Gedanke ; wenn sie selbst auch - eine unbedeutende Cigarrentasche für den Bekannten ihres Vaters gestickt , so sei dieß doch nicht der Rede werth und würde auf dem großen Teller allein gar zu mager , zu unbedeutend aussehen . Als der heilige Abend herangekommen war , da wurden die Kinder zu einer Nachbarin geschickt und ihnen auf ' s Strengste eingeschärft , erst nach einer Stunde und zwar bei völlig eingebrochener Dunkelheit zu erscheinen . Wenn sie auch nicht zu früh kamen , so hörte man sie doch mit ungeheurer Pünktlichkeit zu der angegebenen Zeit die Treppen heraufsteigen und nach der Wohnung eilen . Clara trat ihnen aber im Vorzimmer entgegen und hielt sie auf . » Aber wir kommen doch nicht zu früh ? « versetzte das kleine Mädchen ; » wir sind so lange ausgeblieben , als du es gesagt , liebe Clara . « » Ja , und jetzt möchten wir auch sehen , was das Christkindchen für uns mitgebracht hat . « » Das wird nicht zu viel sein , « sagte die ältere Schwester , indem sie ihrem Bruder die Mütze abnahm und diese auf eine Stuhllehne hängte . » Das Christkind hat sich bei uns erkundigt , und wenn wir euch auch nicht gerade sehr verklagten , so mußten wir ihm doch Einiges sagen , weil es darnach gefragt . « » Und was hat es denn von mir wissen wollen ? « fragte der kleine Bube mit ziemlich langem Gesicht . » Allerlei Sachen , « entgegnete Clara , » ob du folgsam und in der Schule artig und aufmerksam seiest , ob du auch gleich nachher nach Hause kommest oder ob du dich mit anderen Buben auch wohl Stunden lang auf den Schleifen herumtreibest und Schneeballen machest , ob du beim Mittagessen Alles thuest , was man dir sagt , ob du deine Suppe essest und nichts davon verschüttest und ob du ruhig sitzen bleibest und nicht zu viel sprechest . « » Und was hast du geantwortet ? « Clara zuckte mit ernsthafter Miene die Achseln . » Ja , « sagte sie , » so lieb ich dich auch habe , Alles konnte ich nicht leugnen ; doch habe ich nicht vergessen , daß du mir gestern noch versprochen , du wollest von jetzt an sehr artig , sehr lieb und folgsam sein . - Und das hat das Christkindchen gern gehört . « » Und du meinst , es werde mir nicht böse sein , und doch etwas bringen ? « » O , ich glaube das bestimmt , namentlich wenn du jetzt recht artig bist und dich mit Marie hier noch eine Zeit lang aufhältst , bis ich euch rufe ; denn ihr wißt , das Christkindchen schickt heute Abend die Sachen , und erst , wenn sie da sind , kann ich sie euch geben . « » Aber wenn es sie heute Abend erst schickt , so kommen sie ja hier durch das Zimmer und dann sehe ich sie zuerst , « meinte Karl . » Da irrst du dich sehr , « bemerkte die kleine Marie , » es kommt drüben an ' s Fenster geflogen und reicht da Alles herein . « » Aber das möchte ich einmal sehen . Clara , kannst du mich nicht rufen , wenn es geflogen kommt ? « » Nein , nein , « entgegnete lachend die Tänzerin ; » das wäre noch schöner ! Da dürfen keine kleinen Kinder zusehen , sonst fliegt es vorbei und bringt gar nichts . - Also wollt ihr recht brav hier auf dem Bänkchen sitzen bleiben , bis ich euch rufe ? « » Ja gewiß , « sagte Marie . » Und ich will dem Karl was erzählen , dann wartet er gerne und schläft auch nicht ein . « » O , ich werde nicht schlafen ! « versetzte bestimmt das Bübchen . Und dann gingen die beiden Kinder mit einander zu einem Fußschemel , und setzten sich darauf hin . Marie nahm die rechte Hand ihres Bruders , und dieser strampelte mit den Füßen und sagte : » Wenn das Christkind nur bald kommt ! « Clara war unterdessen mit leisen Schritten nach dem anderen Zimmer zurückgekehrt und half ihrem Vater noch ein paar bunte Papierstreifen , sowie auch ziemlich dünne Talglichtchen