, daß er nicht vor dies Tribunal gehöre , mußte dann hundert Angriffe und Sarkasmen aushalten . Außer diesem Umstande verursachte noch ein anderer eine Ungleichheit zwischen beiden Freunden . Lys , der wie Erikson um sechs bis sieben Jahre älter war als Heinrich , liebte das Gluck bei den Weibern und sah , wo er es fand , ohne bisher ein Gefühl für Treue und bindende Dauer empfunden zu haben . Er war höflich und aufmerksam gegen sie , ohne für sie eine allzu große Achtung in sich zu beherbergen , während Heinrich zurückhaltend , scheu und fast grob gegen sie war und doch eine herzliche Achtung für jedes weibliche Wesen hegte , das sich nur einigermaßen zu halten wußte . So seltsam vertraut und sinnlich sein Umgang mit Judith gewesen , hatte ihn doch der Instinkt der Jugend und die ganze Lage der Dinge vor dem Äußersten bewahrt , und diese Rettung , auf die er sich nun mit der Koketterie der Zwanzigjährigen viel zugute tat , betrachtete er nun als ein zu erhaltendes Glück und als eine Erleichterung , dem reinern Andenken Annas leben zu können . Denn obgleich er nun auch bereits merkte , daß jenes jugendliche Gelübde ein Traum gewesen sei , so war er doch weit entfernt , irgendeine neue Liebe zu hoffen und nahe zu sehen , und seine Sehnsucht ging mit ihren Bildern und Träumen daher immer in die Vergangenheit zurück . Dies gab seiner Denkungsart etwas Zartes und Edles , welches er wirklich fühlte und ihn über sich selbst täuschte . Wenn daher Ferdinand die Weiber beurteilte wie ein Kenner eine Sache , wenn er in galanten , eleganten und ausgesuchten , ja frivolen Dingen , Gerätschaften , Gesprächen und Gebräuchen sich gefiel , wenn er wirklich auf ein Abenteuer ausging oder von einem solchen erzählte , so wurde Heinrich in seiner Gesinnung betroffen und verlegen . Ferdinand besaß ein mit einem Schlosse versehenes Album , in welches er alle seine Liebesabenteuer in verschiedenen Ländern gezeichnet hatte . Man erblickte die bald empfindsamen , bald leichtfertigen Schönen in den verschiedensten Lagen , bald schmollend , zornig , weinend , bald übermütig und zärtlich in Ferdinands Armen , diesen aber immer mit der größten Sorgfalt ähnlich gemacht bis auf die Kleidungsstücke , und nicht zu seinem Nachteile , während den zornigen und schmollenden Schönen durch allerlei Schabernack , entblößte Waden oder triviale Faltenlagen in den Gewändern weniger ein Reiz als ein Anflug von Lächerlichkeit und Erniedrigung gegeben war . Dies Buch konnte Heinrich nicht ausstehen ; sein Freund schien ihm darin sich selbst herabgewürdigt zu haben ; aber weit entfernt , mit ihm darüber zu disputieren oder den Sittenrichter zu spielen , lächelte er vielmehr dazu . Anders als in den religiösen Fragen , wo er die Existenz seines Bewußtseins auf dem Spiele glaubte , zwang er sich hier , die Art und Weise anderer gelten zu lassen und sie sogar anzuerkennen . Es war ein Zeichen seiner gänzlichen geistigen Unschuld ; denn bei mehr Erfahrung hätte das Verhältnis gerade umgekehrt sein müssen . Aber alles zusammengenommen bewirkte , daß Heinrich glaubte , sich seinen eigenen Weg in jeder Hinsicht freihalten zu müssen , und für Ferdinands künstlerisches Beispiel unzugänglich wurde , zumal in dessen fertiger und bewußter Tüchtigkeit etwas von der Keckheit und Erfahrungsreife , von dem Liebesglücke Ferdinands zu liegen schien . Sonst waren die drei , Lys , Erikson und Heinrich , die besten Freunde von der Welt , und jeder gab seinen Charakter in der unbefangensten Weise dem andern zum besten . Sie waren um so lieber und unzertrennlicher zusammen , als noch ein besonderes gemeinsames Band sie vereinigte . Jeder von ihnen stammte aus einer Heimat , wo germanisches Wesen noch in ausgeprägter und alter Feste lebte in Sitte , Sprachgebrauch und persönlichem Unabhängigkeitssinne ; alle drei waren von dem Sonderleben ihrer tüchtigen Heimat abgefallen und zu dem großen Kern des beweglichen deutschen Lebens gestoßen , und alle drei hatten dasselbe , erstaunt und erschreckt über dessen Art , in der Nähe gesehen . Schon die Sprache , welche der große Haufen in Deutschland führt , war ihnen unverständlich und beklemmend ; die tausend und aber tausend » Entschuldigen Sie gefälligst , Erlauben Sie gütigst , Wenn ich bitten darf , Bitt ' um Entschuldigung « , welche die Luft durchschwirrten und bei den nichtssagendsten Anlässen unaufhörlich verwendet wurden , hatten sie in ihrem Leben nie und in keiner anderen Sprache gehört , selbst das » Pardon Monsieur « der höflichen Franzosen schien ihnen zehnmal kürzer und stolzer , wie es auch nur in dem zehnten Falle gebraucht wird , wo der Deutsche jedesmal um Verzeihung bittet . Aber durch den dünnen Flor dieser Höflichkeit brachen nur zu oft die harten Ecken einer inneren Grobheit und Taktlosigkeit , welche ebenfalls ihren eigentümlichen Ausdruck hatten . Sie erinnerten sich , niemals , weder in ihrer Heimat noch in fremden Sprachen , die in Deutschland so geläufigen Gesellschaftsformeln gehört zu haben » Das verstehen Sie nicht , mein Herr ! Wie können Sie behaupten , da Sie nicht einmal zu wissen scheinen ! Das ist nicht wahr ! « oder so häufige leise Andeutungen im freundschaftlichen Gespräche , daß man das , was ein anderer soeben gesagt , für erlogen halte - welches wieder auf einen andern noch tiefern Übelstand schließen ließ . Auch die allgemeine deutsche Autoritätssucht , welche so wunderlich mit der unendlichen Nachgiebigkeit und Unterwürfigkeit kontrastierte , machte einen peinlichen Eindruck auf die Deutschen vom Grenzsaume des großen Volkes ; einer donnerte , die Vorteile seiner Stellung benutzend , den andern an , und wer niemand mehr um sich hatte , den er anfahren , dem er imponieren konnte , der prügelte seinen Hund . Recht eigentlich weh aber tat den Freunden die gegenseitige Verachtung , welche sich die Süd- und Norddeutschen bei jeder Gelegenheit angedeihen ließen und welche ihnen ebenso auf ganz grundlosen Vorurteilen zu beruhen als schädlich schien . Bei Völkerfamilien und Sprachgenossenschaften , welche zusammen ein Ganzes bilden sollen , ist es ein wahres Glück , wenn sie untereinander sich etwas aufzurücken und zu sticheln haben ; denn wie durch alle Welt und Natur bindet auch da die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit , und das Ungleiche und doch Verwandte hält besser zusammen ; aber es muß Gemüt und Verstand in dem Scherzkampfe sein und dieser zutreffend auf das wahre Wesen der Gegensätze . Das , was die Nord- und Süddeutschen sich vorwerfen , ist tödlich beleidigend , indem diese jenen das Herz , jene aber diesen den Verstand absprechen , und zugleich kann es keine unbegründetere und unbegreiflichere Tradition und Meinung geben , die nur von wenigen der tüchtigsten Männer beider Hälften nicht geteilt wird . Wo im Norden wahrer Geist ist , da ist immer und zuverlässig auch Gemüt , wo im Süden wahres Gemüt , da auch Geist . Es gibt in Norddeutschland Unwissende und Strohköpfe unter den Gebildeten und in Süddeutschland unter den Bauern Witzbolde und Spekulanten . Wenn nun die drei so oft hören mußten , wie die Nordmänner die Süddeutschen für einfältige Leutchen , für eine Art gemütlicher Duseler ausgaben , und diese ihre nordischen Brüder hinter dem Rücken anmaßende Schwätzer und unerträgliche Prahlhänse schalten , so schnitt ihnen dies widerliche Schauspiel ins Herz , weil sie gekommen waren , den Herd des guten lebendigen deutschen Geistes zu finden , und nun eine große Waschküche voll unnützen Geplauders zu sehen glaubten . Wie es Fremdlingen oft zu ergehen pflegt , welche in einem Lande oder in einer Stadt im Genusse des Gastrechtes zusammentreffen , daß sie , dasselbe übel vergeltend , Geist und Sitten , welche sie vorfinden , mit der entfernten Heimat vergleichen und sich in gemeinsamem Tadel auf Kosten des gastlichen Landes einigen , übertrieben auch die drei Freunde vielfach ihren Tadel , nachdem sie einmal den Schmerz einer großen Enttäuschung empfunden zu haben glaubten , und sie redeten sich oft in einen großen Zorn hinein und sagten Deutschland feierlich ab . Erikson sagte , er wolle seiner Zwitternatur ein Ende machen und ein guter Däne werden ; Lys behauptete , man müsse an den Deutschen ihr Großes und Eigentümliches benutzen und sich im übrigen nichts um sie bekümmern ; nur der grüne Heinrich hing mit seinem ganzen Herzen an Deutschland . Er schmähte es zwar auch mit dem Munde und sprach vielleicht noch Stärkeres als die anderen ; er sagte , da er vor allem aus Schweizer sei , wünsche er manchmal ein Welscher zu sein , um nicht mehr deutsch denken zu müssen , und er sei beinahe versucht , französisch schreiben und denken zu lernen . Aber gerade weil es ihm hiemit bitterer Ernst war und mehr als den Freunden , war auch sein Verdruß tiefer und gründlicher . In der Sprache , mit der man geboren , welche die Väter gesprochen , denkt man sein ganzes Leben lang , so fertig man eine andere spricht ; und dies anders zu wünschen , die Sprache , in der man sein Geheimstes denkt , vergessen zu wollen , zeigt , wie tief man getroffen ist und wie sehr man gerade diese Sprache liebt . Aber dessenungeachtet ward er mit jedem Tage träumerischer und deutscher und baute alle Hoffnungen auf das Deutsche ; denn seit er in Deutschland war , hatte er die Krankheit überkommen , aller Einsicht zum Trotz das Gegenteil von dem zu tun , was er sprach und Theorie und Praxis himmelweit voneinander zu trennen . Fünftes Kapitel Die beste Gelegenheit , ihren Unmut und Groll zu vergessen und sich wenigstens an dem heraufbeschworenen Glanze frühe rer deutscher Herrlichkeit zu erheitern , fanden sie , als die ganze reichgeartete Künstlerschaft sich zusammentat , um in einem großen Schau-und Festzuge für die kommende Faschingszeit ein Bild untergegangener Reichsherrlichkeit zu schaffen ; denn es war ein wirkliches Schaffen , nicht mittelst Leinwand , Pinsel , Stein und Hammer , sondern wo man die eigene Person als Stoff ein setzte und in vielhundertfältigem Zusammentun jeder ein lebendiger Teil des Ganzen war und das Leben des Ganzen in jedem einzelnen pulsierte , von Auge zu Auge strahlte und eine kurze Nacht sich selber zur Wirklichkeit träumte . Es sollte das alte Nürnberg wiederauferweckt werden , wie es wenigstens in beweglichen Menschengestalten sich darstellen konnte und wie es zu der Zeit war , als der letzte Ritter , Kaiser Maximilian I. , in ihm Festtage feierte und seinen besten Sohn , Albrecht Dürer , mit Ehren und Wappen bekleidete . In einem einzelnen Kopfe entstanden , wurde die Idee sogleich von achthundert Männern und Jünglingen , Kunstbeflissenen aller Grade , aufgenommen und als tüchtiger Handwerksstoff ausgearbeitet , geschmiedet und ausgefeilt , als ob es gälte , ein Werk für die Nachwelt zu schaffen . Das Vollkommene hat in dem Augenblicke seinen ganzen Wert , wo es geworden ist , und in diesem Augenblicke liegt eine Ewigkeit , welche durch eine Dauer von Jahren nur weggespottet wird ; die Künstler empfanden daher in der sachgerechten und allseitigen Vorbereitung eine anhaltend wachsende Lust und Geselligkeit , welche wohl von der Freude der eigentlichen Feststunden überboten wurde , aber in der Erinnerung endlich der hellere und deutlichere Teil vom Ganzen blieb . Der große Festzug zerfiel in drei einzelne Hauptzüge , von denen der erste die nürnbergische Bürger- , Kunst- und Gewerbswelt , der zweite den Kaiser mit Reichsrittern und Helden und der dritte einen mittelalterlichen Mummenschanz umfaßte , wie von der reichen Stadt dem gekrönten Gast etwa gegeben wurde . In diesem letzten Teile , welcher recht eigentlich ein Traum im Traume genannt werden konnte , in welchem die in historische Vergangenheit sich Zurückträumenden mit den Sinnen dieser Vergangenheit das Märchen und die Sage schauten , hatten die drei Freunde ihren Raum gewählt , um als verdoppelte Phantasiegebilde dem Phantasiebilde der gestorbenen Reichsherrlichkeit vorzutanzen . Die Töchter , Schwestern und Bräute vieler Künstler hatten sich artig und froh ergeben , dem lebendigen Kunstwerke zum höchsten Schmucke zu gereichen , in manchem Hause waren die Hände geschäftig , schöne Frauenkörper in die weiblichen Prachtgewänder der alten Reichsstadt zu kleiden , und es war nicht das geringste Vergnügen der Künstler , auch hier die Hand anzulegen und , die alten Trachtenbücher und den Weißkunig vor sich , in Stoff , Schnitt und Schmuck die eigensinnigen Neigungen , den unkundigen Modegeschmack der Frauensleute im Zaum zu halten . Wo Liebe mithalf , da spielte der anmutigste Roman in den Sammet- und Goldstoffen und um die Perlenschnüre , und manche zur Probe Vollgeschmückte entzog sich den verlangenden Armen ihres augenseligen Geliebten mit einem Lächeln , welches den weisen Sinn der Schönen verriet , daß sie auf einen bessern Augenblick zu hoffen wisse , wann Pauken und Trompeten ertönten und die glänzenden Paarreihen sich schwängen . Heinrich sah solchem Glücke halb gleichgültig , halb sehnsüchtig zu und war , als frei und ledig und mit seinen eigenen Sachen handlich und ohne Geräusch bald fertig , anderen dienstbar in ihren vermehrten Geschäften . Es war sein mütterliches Erbteil , daß er still und rasch seine eigene Person zu versehen und zugleich alle Aufmerksamkeit anderen zu schenken wußte . Solche Züge verkünden ein tüchtiges Geblüt und weit mehr ein wahrhaft gutes Herkommen als alle angelernten Höflichkeiten und Anstandsformen . Wo sie sich , wie hier , in unwichtigen Dingen , sogar nur in Sachen des Vergnügens äußern , während ihre Ausbildung und Betätigung in den großen Lebenslagen stockt , da muß ein ernstes Schicksal , eine tiefe Verirrung im Anzuge sein , welche sich nur dem unkundigen Beobachter verbergen . Beide Freunde Heinrichs waren zwei reizenden Wesen für das kommende Fest verpflichtet . In einer vergessenen altertümlichen Gegend der Stadt lag ein ganz kleiner , gevierter sonniger Platz , wo zwischen anderen ein schmales Häuschen im Renaissancestil zierlichst sich auszeichnete , in der Breite ein einziges Fenster von den schönsten Verhältnissen zeigend . Beide Stockwerke bildeten zusammen einen kleinen Turm oder eher ein Monument und waren durch den Gedanken der Gliederung ein Ganzes ; die wohlgefügten , von der Zeit geschwärzten Backsteine zeigten eine scharfe und gediegene Arbeit , und selbst der Türklopfer von Erz , welcher ein schlankes , den schmalen Leib kühn hinausbiegendes Meerweibchen vorstellte , verriet die Spuren vortrefflicher Künstlerarbeit . Über der reichverzierten Tür ragte ein morgenländisches Marienbild von schwarzem Marmor , das auf einem stark im Feuer vergoldeten metallenen Halbmonde stand . So erinnerte das Ganze an jene kleinen zierlichen Baudenkmäler , welche einst große Herren für irgendeine Geliebte , oder berühmte Künstler zu ihrem eigenen Wohnsitze bauten . Hierher hatte Ferdinand seine Schritte zu lenken ; denn in dem reichgesimsten Fenster sah man ein dunkles Mädchenhaupt auf schmalem Körper schwanken , wie eine Mohnblume auf ihrem Stengel . Die Witwe eines Malers aus der vorhergegangenen Periode wohnte in dem Häuschen , eines Malers , der zu seiner Zeit oft genannt wurde , von welchem aber nirgends mehr die Werke zu finden waren ; sogar seine seltsame Witwe , die einst nur außerordentlich schön gewesen , hatte das letzte Fetzchen gefärbter Leinwand weggeräumt und dafür das alte Haus inwendig bekleidet mit allen Erzeugnissen der Modenindustrie und den Spielereien der Bequemlichkeit . Nur ihr pomphaftes Bildnis , wie der Verstorbene sie einst als geschmückte Braut gemalt in aller ihrer Schönheit , bewahrte sie an einem altarähnlichen Platze und betete das Bild unverdrossen an . Sonst war die achtzehnjährige Tochter Agnes der einzige ästhetische Nachlaß des Mannes , und man bedauerte bei ihrem Anblick den Ärmsten , daß er dieses sein bestes Kunstwerk nicht selber mehr sehen konnte , und man bedauerte um so tiefer , als die Witwe gar kein Auge für das liebliche Wunder zu haben schien , sondern , in die Betrachtung ihrer eigenen früheren Schönheit versunken , die zarte Blume des Kindes schwanken und blühen ließ , wie sie eben wollte . Von einer Schulter zur andern , mit Inbegriff beider , war Agnes kaum eine Spanne breit , aber Hals und Schultern waren bei aller Feinheit wie aus Elfenbein gedrechselt und rund wie die zwei kleinen vollkommenen Brüstchen und wie die schlanken Arme , deren Ellbogen bei aller Schlänke ein anmutiges Grübchen zeigten . Bis zu den Hüften wurde der Leib immer schlangenartiger , und selbst die Hüften verursachten eine fast unmerkliche Wölbung ; aber diese war so schön , daß sie beinahe mehr Kraft und Leben verriet als die breitesten Lenden . Das Gewand saß ihr schön und sicher auf dem Leibe ; sie liebte es ganz knapp zu tragen , so daß ihre ganze Schmalheit erst recht zutage trat , und doch berauschten sich die Augen dessen , der sie sah , mehr in dieser Erscheinung als in den reichen Formen eines üppigen Weibes , und wer einer vollen Schönheit kalt vorüberging , glaubte dies schmale Wesen augenblicklich in die Arme schließen zu müssen . Auf solchem schwanken Stengel aber wiegte sich die wunderbarste Blume des Hauptes . In dem marmorweißen Gesicht glänzten zwei große dunkelblaue Augen und ein kirschroter Mund , und das Rund des Gesichtes spitzte sich stark in dem kleinen reizenden Kinne zu , und doch war dies Kinn nicht so klein , daß es nicht noch die reizendste Andeutung einer Verdoppelung geziert hätte . Aber der breiteste Teil der ganzen Gestalt im wörtlichen Sinne schien das große volle Haar zu sein , welches sie krönte ; die gewaltige , tiefschwarze Last , vielfach geflochten und gewunden und immer mit grünem Seidenbande durchzogen , wuchtete rund um den kleinen Kopf , und da , wenn die schlanke Geschmeidige sich anmutig und leicht bewegte und das schöne Haupt senkte , dies unwillkürlich die Vorstellung erregte , das Gewicht des dunklen Haarbundes verursache das liebliche Schwanken und Beugen , so rief sie von selbst das Bild einer Blume hervor ; aber noch froher überraschte es , wenn sie sich unversehens frei aufrichtete und die schwere Krone so leicht und unbewußt trug wie ein schlanker Hirsch sein Geweih . In ihr geistiges Leben war noch kein sicherer Blick zu tun . Meist schien sie kindlicher zu sein , als es ihrem Mädchenalter eigentlich zukam ; gelernt hatte sie auch nicht viel und las nicht gern , ausgenommen komische Erzählungen , wenn sie deren habhaft werden konnte ; aber sie mußten gut , ja klassisch sein , und alsdann studierte sie dieselben sehr ernsthaft und verzog nicht den Mund . Manchmal schien sie entschieden beschränkten Verstandes und unbehilflich ; sobald aber Ferdinand da war , überfloß sie von klarem kristallenem Witze , der noch in der Sonne der Kindheit funkelte , indessen ihre Augen eine reife Sinnenwärme ausstrahlten , wenn sie neckend und zärtlich an seinem Halse hing . Er durfte aber alsdann nicht wagen , sie kosend ebenfalls zu umfassen , wie er überhaupt sich leidend verhalten mußte , wenn er sie nicht erzürnen und von sich scheuchen wollte . Wie Ferdinand in das Haus gekommen , wußte er selber kaum mehr zu sagen ; er hatte das seltene Gebilde im Rahmen des alten Fensters gesehen , und es war ihm nachtwandlerhaft gelungen , sich also gleich einzuführen und der tägliche Besucher zu werden . Aber bald mußte er in einen Zwiespalt mit sich selbst geraten , da das eigentümliche und rätselhafte Wesen nicht die gewohnte Art zuließ , das Glück bei Frauen zu erhaschen . Diese Erscheinung war zu köstlich , zu selten und zugleich zu kindlich und zu unbefangen , als daß sie durfte zum Gegenstande einer vorübergehenden Neigung gemacht werden , und auch wieder zu eigen und absonderlich unbestimmt , um gleich den Gedanken einer Verbindung für das Leben zu erlauben . Ferdinand sah , daß das Kind ihn liebte , und er fühlte auch , daß er ihr von Herzen gut war , noch über das leidenschaftliche Wohlgefallen hinaus , welches ihr Äußeres erregte ; aber er glaubte überhaupt nicht an seine Liebe , er bildete sich ein , nicht dauernd lieben zu können oder zu dürfen , und wußte nicht , daß Liebe im Grunde leichter zu erhalten als auszulöschen ist ; und gerade dieser verzweifelte Zweifel an sich selbst ließ keine tiefere Neigung in ihm reif werden . » Sie ist ein Phänomen ! « sagte er sich und glaubte zu erschrecken bei dem Gedanken , sich für immer ein solches zu verbinden oder , einfach gesagt , ein Phänomen zur Frau zu haben . Und doch war es ihm unmöglich , nur einen Tag vorübergehen zu lassen , ohne das reizende Wunder zu sehen . Nun beschuldigte er sich wieder , daß solches Bedürfnis nur die geheime Begierde sei , die Blume zu brechen , um sie dann zu vergessen , und da er fest gewillt war , sich treu und ehrlich zu verhalten , schon aus einer Art von künstlerischem Gewissen die Verpflichtung fühlend , dies außergewöhnliche Dasein nicht zu verwirren und zu stören , so hielt er sich standhaft in seiner passiven Stellung und suchte derselben einen brüderlich freundschaftlichen Anstrich zu geben . Er behandelte sie mehr als Kind und nahm scheinbar ihre Liebkosungen als diejenigen einer kleinen Freundin hin , suchte sie zu unterrichten und nahm hin und wieder ein kaltes und ernsthaftes Ansehen an . Ängstlich vermied er , das Wort Liebe auszusprechen oder es zu veranlassen , und vermied , mit dem Mädchen allein zu sein . So glaubte er als ein Mann zu handeln und seiner Pflicht und Ehre zu genügen und ahnte nicht , daß er echt weiblich zu Werke ging . Denn er war nun wirklich auf dem Punkte angelangt , wo liebenswürdige und geistreiche Männer gerade so auf eigennützige Weise mit weiblichen Wesen spielen , wie es tugendhafte Koketten mit jungen Männern zu tun pflegen . Auch wußte das ärmste Kind ihm keinen Dank dafür . Sie achtete nicht auf seinen Unterricht und wurde traurig oder unmutig , wenn er die väterliche Art annahm . Hundertmal suchte sie das Wort auf Liebe und verliebte Dinge schüchtern zu lenken ; allein er stellte sich , als kennte er dergleichen nicht , und der erwachende Trotz verschloß ihr den Mund . Hundertmal liebkoste sie ihn jetzt und hielt sich dann ein Weilchen geduckt und still , damit er das Kosen erwidern solle , und sie war nicht mehr bereit , zornig davonzufliehen ; allein er rührte sich nicht und ertrug das ungeduldige Spiel des schmalen schlangenähnlichen Körpers mit der größten Standhaftigkeit . Dennoch sah die Arme recht gut , daß er mit ganz anderen Gefühlen zu ihr kam als mit denen eines Bruders oder schulmeisterlichen Freun des , und sah wohl das verhaltene Feuer in seinen Augen , wenn sie ihm nahe trat , und das unablässig betrachtende Wohlgefallen , wenn sie umherging ; und sie war nur bekümmert , den Grund seines Betragens nicht zu kennen , und fürchtete , da sie die Welt nicht kannte , ihr verborgene , unheilvolle Dinge , die gar in ihr selbst lägen , dürften ihrem Glücke im Wege stehen . In dem Maße aber , in welchem sie täglich verliebter und trauriger wurde , gewann ihr Wesen an Entschiedenheit und Klugheit , und im gleichen Maße wuchs die Verlegenheit Ferdinands ; denn er sah nun ein , daß er nicht länger sich also verhalten durfte . Ihr verliebtes und sich hingebendes Wesen schreckte ihn durchaus nicht ab , weil er dessen Grund und Natur durchschaute und sie darum nur um so reizender fand ; dagegen mußte er nun gestehen , daß wohl eine artige und köstliche Frau aus ihr zu machen wäre , und schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken , sie je in eines andern Händen zu sehen , während der Unselige doch immer noch sich nicht entschließen konnte , seine Selbstherrlichkeit mit einem andern Wesen für immer zu teilen und noch für eine zweite Hälfte zu leben . Beide Waagschalen standen sich vollkommen gleich , und das Zünglein seiner Unentschlossenheit schwebte still in der Mitte , als das Künstlerfest herannahte . Agnes sollte daran teilnehmen ; Ferdinand war beflissen , ihre Gestalt vollends zu einem Feenmärchen zu machen , und faßte dabei den Vorsatz , es nunmehr darauf ankommen zu lassen , ob das Fest eine Entscheidung herbeiführe oder nicht ; er wollte eine solche weder suchen noch ihr widerstehen ; denn noch immer hielt er sich in seiner Selbstsucht für vollkommen frei . Wenn er aber das Mädchen nur ein einziges Mal geküßt habe , gab er sich das Wort , so solle sie unverbrüchlich die Seinige sein . Agnes aber hatte einen ähnlichen Plan in ihrem Herzchen ausgesponnen , der indessen sehr einfach war . Sie gedachte , in einem geeigneten günstigen Augenblicke ohne weiteres mit ihren Armen den Geliebten zu umstricken und zum Geständnis seiner Neigung zu zwingen und , falls dies noch nicht hülfe , die Aufregung der Festfreude benutzend , ihn so mit Liebeschmeicheln zu berauschen und förmlich zu verführen , daß er das Opfer ihrer Unschuld nähme . Dieser verzweifelte Plan gor und rumorte in ihrem pochenden Busen , daß sie wie eine Träumende umherging und nicht einmal bemerkte , wie Ferdinand starr auf ihren jungen Busen hinsah , als er einen Augenblick beim Probieren der schimmernden Festgewänder entblößt wurde . Sie war in ihrer Unschuld fest überzeugt , daß Ferdinand , wenn ihr Plan gelänge , alsdann für immer der Ihrige würde . In nicht so bedenklicher Lage befand sich Erikson , welchem sich alle Dinge , außer seinen Bildern , mühelos und körnig gestalteten ; er schritt auch mit ausreichenden Weidmannsschritten , obwohl nicht ohne die nötige Behutsamkeit , durch sein Liebesverhältnis und auf das Teil zu , das er oder das Schicksal sich erwählt . Eine reiche und schöne Brauerswitwe hatte bei der Verlosung der großen Gemäldeausstellung ein Bildchen von ihm gewonnen , welches ihm teuer bezahlt worden war . Die Dame stand nicht im Rufe einer besonderen Kunstfreundin , und Erikson hoffte , sie würde froh sein , ihm den Gewinst um einen ermäßigten Preis wieder abzutreten ; er gedachte dann das Bild anderwärts zu versenden zu erhöhtem Preise und so abermals eine Summe einzunehmen , ohne der Qual und Mühsal des Erfindens und der Ausführung eines neuen Gegenstandes ausgesetzt zu sein . Diese Aussicht gewährte ihm so viel Vergnügen , daß er sich unverweilt aufmachte und mit dem Wunsche , alle seine sauern Arbeiten noch einmal und immer wieder verkaufen zu können , das Haus der Witwe aufsuchte . Bald stand er auf dem Vorsaale des stattlichen Witwensitzes , dessen Pracht das Gerücht von dem unmäßigen hinterlassenen Vermögen des verstorbenen Bierbrauers zu bestätigen schien . Eine alte Aufwärterin , welcher er sein Anliegen mitteilen mußte , brachte ihm indessen gleich den Bericht , daß die Herrin das Bild mit Vergnügen wieder abtrete , daß er aber ein andermal vorsprechen möge . Weit entfernt , über diese Willfährigkeit und Geringschätzung empfindlich zu sein , ging Erikson ein zweites und drittes Mal hin , und erst das dritte Mal wurde er etwas betroffen und erbost , als dieselbe Aufwärterin endlich kundtat , daß die bequeme Dame das Bild um ein Viertel des angegebenen Wertes wieder verkaufe und die Summe für die Armen bestimme , daß der Herr Maler , um ihm nicht fernere Mühe zu machen , es am andern Tage bestimmt abholen und das Geld mitbringen möchte . Er tröstete sich indessen mit der Aussicht , nunmehr sicher ein Vierteljahr nicht malen zu müssen , und das Wetter betrachtend , ob es gute Jagdtage verspräche , machte er sich zum vierten Male auf den Weg . Die unvermeidliche Alte führte ihn in ihr kleines Wärtergemach und ließ ihn da stehen , um das Kunstwerkchen herbeizuholen . Dieses war aber nirgends zu finden ; immer mehr Bedienstete , Köchin , Kammermädchen und Hausknecht rannten umher und suchten in Küche , Keller und Kammern . Endlich rief das Geräusch die schöne Witwe selbst herbei , und als sie , die , nach dem kleinen wunderlichen Bildchen urteilend , gewähnt hatte , einen ebenso kleinen und dürftigen Urheber zu finden , als sie nun den gewaltigen Erikson dastehen sah , der mit der Stirn beinahe die Decke des niedern Verschlages berührte , indessen sein nordisches Goldhaar glänzend auf die breiten Schultern fiel , da geriet sie in die größte Verlegenheit , zumal er , aus einem ruhigen Lächeln erwachend , sie jetzt mit festem und wohlgefälligem Blick betrachtete . Sie war aber auch des längsten Anschauens wert kaum sechsundzwanzig Sommer alt , stand Rosalie liebreizend da , von der Rosenfarbe der Gesundheit und Lebensfrische überhaucht , von freundlichen Gesichtszügen , mit braunem Seidenhaar und noch brauneren lachenden Augen . Indessen , um ihre Verlegenheit zu endigen , lud sie den Maler ein , in das Zimmer zu kommen , und wie sie eintraten , sahen sie beide zugleich die kleine Gemäldekiste , welche als Fußschemel unter dem Arbeitstischchen der Witwe stand , dieser selbst unbewußt und vergessen , daß sie schon seit einigen Tagen mit ihren Füßchen mutwillig darauf getrommelt . Errötend lachte sie und zog das Bild eigenhändig hervor . Zugleich aber sagte sie , indem sie einen flüchtigen Blick auf Erikson warf , sie hätte sich eines anderen besonnen und bedaure , ihm das Bild nicht mehr für ein Viertel , sondern nur für die Hälfte des Wertes lassen zu können . Besorgt , sie möchte noch mehr den Preis steigern , zog er seine Börse und legte die Goldstücke auf den Tisch , indessen sie das Bild anscheinend aufmerksam betrachtete und wieder begann je mehr sie die Arbeit , welche sie bisher nur oberflächlich besehen , ins Auge fasse , desto besser gefiele sie ihr , sie müsse nunmehr wirklich die volle Summe fordern ! Seufzend bot er drei Vierteile der Summe . Allein die schöne Witwe war unerbittlich und sagte » Ihr Eifer , mein Herr , durch bares Geld Ihr eigenes Bild wiederzuerwerben , beweist mir den Wert , den ich erst verkannt habe . Ich fordere nun die doppelte Summe , die Freiheit der Frauenlaune benutzend , oder ich will