war der leuchtende Gruß ihrer Augen ; - und die Marschallin konnte nicht hindern , daß ein flüchtiges Wort die unveränderte Gesinnung verrieth , welches Franziska , noch von leisen Hoffnungen genährt , anhören durfte . Aus dem Empfange , der Reginald von der ganzen Familie zu Theil ward , stieg eine unbeschreiblich zürnende , befürchtende Stimmung für die Marschallin auf ; und nach einer kurzen Ueberlegung mit dem Marquis de Souvré , der sie begleitet hatte , ließ sie den Vater Franziska ' s zu sich einladen . » Graf d ' Aubaine , « hob sie sogleich an - » ich habe Ihnen eine Entschuldigung zu machen , indem ich fürchten muß , daß Sie , bei der großen , unbedachtsamen Schwäche des Grafen und der verstorbenen Gräfin Crecy , für den jungen , unberufenen Menschen , den Sie Chevalier Ste . Roche nannten , mich beargwöhnen könnten , ich mache mich derselben theilhaft , indem ich seine Anwesenheit hier gut heiße . - Dem ist indessen nicht so . Ich habe diesen jungen Menschen , der gar keine Anrechte hat , sich in unsern Zirkel zu drängen , nicht allein stets so behandelt , wie es mir zukam , sondern auch jetzt darauf gedrungen , daß er sich hier nicht abermals in Ihr Haus eindränge und ihm der Befehl entgegen geschickt werde , direct nach Paris zu gehen . Der junge Mensch giebt indessen vor , diesen Befehl nicht erhalten zu haben , was ich genöthigt bin zu glauben , da es mein Enkel bestätigt ; so ist seine Anwesenheit zu erklären , und hoffentlich rechnen Sie mir diese unpassende Gesellschaft nicht ferner zu . « » Ich bin nicht wenig erstaunt , meine Gnädigste , « erwiederte Graf d ' Aubaine mit wirklicher Unruhe , » eine solche Erklärung über einen jungen Mann zu hören , den ich , wegen der Vorzüge , die man ihm in Ihrer Familie gestattete , allerdings durch seine Geburt für dazu berechtigt hielt . Ich kann nicht läugnen , daß ich es nicht ganz zu entschuldigen weiß , daß Graf Crecy mir darüber nicht früher einen Wink gab ; da ich ohne Zweifel seine Verhältnisse zu uns alsdann vorsichtiger gestellt haben würde . Doch sagen Sie mir , Frau Marschallin , wer ist dieser junge Mann ? « » Das mag Gott wissen , « sprach die Marschallin entschlossen ; - » irgend ein Findling , ein Sprosse unerlaubter Verbindung , über die meine Schwiegertochter oder mein Sohn Grund zu schweigen hatten . Sie wissen , daß Beide voll überspannter Ansichten waren . - Anstatt aus einer so dunkeln Kreatur einen Kammerdiener meines Enkels zu bilden , zogen sie es vor , einen Spielkameraden daraus zu machen , ihn endlich erziehen zu lassen , als habe er Ansprüche , und die Unschicklichkeit hinzu zu fügen , ihn zu den Gesellschaftskreisen ihres Sohnes zu erheben . « » Ich gestehe , « sagte Graf d ' Aubaine , aus mehr als einem Grunde gekränkt - » daß ich dies eben so wenig , wie Euer Gnaden billigen kann . Der junge Mensch selbst wird diese Ueberhebung zu büßen haben ! Er ist jetzt in dem Alter , wo seine Berechtigungen geprüft werden , und es ihn dann sehr überraschen wird , sie in Nichts zerfallen zu sehen . « » Mag er denn die Strafe seines Uebermuthes tragen , « erwiederte die Marschallin kalt , » wenn wir nur unsere Gesellschaft gegen solche Befleckungen rein erhalten ! Ich würde ihm befehlen , augenblicklich nach Paris abzureisen , wenn ich nicht dadurch gezwungen würde , von meinem bis jetzt gegen ihn befolgten Systeme , ihn überhaupt nie zu bemerken , abzugehen ; denn bis jetzt habe ich seine usurpirte Gegenwart noch durch keinen Blick , oder gar durch Worte anerkannt . - Da der Aufenthalt meines Enkels überdies nur zwei Tage dauern kann , weil die Zeit der großen Präsentation in Versailles damit herangerückt ist , so denke ich , beachten wir , wenn Sie bis dahin diesen Mißgriff zu lenken übernehmen , seine Gegenwart nicht ; und in Paris , bei der Stellung , die der junge Graf dort einnehmen wird , müssen sich ihre Wege von selbst trennen , und wir werden diesem Menschen nicht mehr begegnen . « » Wie , « rief der Graf d ' Aubaine , » nur so kurze Zeit wird die Anwesenheit des Grafen Crecy dauern ? Wissen Sie wohl , meine Gnädigste , « fügte er lächelnd hinzu - » daß wir bis dahin noch Viel zu thun haben ? « » So scheint es , mein lieber Graf , « erwiederte die Marschallin geschmeichelt ; - » und da ich Sie nicht mißverstehen kann und als Repräsentantin des Werbenden billig zuerst reden muß , so wollen wir uns , wenn es Ihnen beliebt , zur Gräfin d ' Aubaine begeben - ich will dort meinen Vortrag halten . « Er bot ihr den Arm , und Beide begaben sich , völlig eines Sinnes , zu dieser so wichtigen , so entscheidenden Zusammenkunft , die das Lebensglück zweier Menschen bestimmen sollte , ohne daß man ihrer Ueberzeugung nachgefragt hätte . Dem Grafen d ' Aubaine kam in der That nach dem , was er so eben vernommen , kein Zweifel über die Stellung ein , die er allein noch für passend halten konnte ; denn indem wir ihm das Zeugniß des besten Menschen und Vaters geben müssen , konnte er doch unmöglich seiner Zeit so entwachsen sein , um durch persönliches Verdienst den Standesunterschied für ausgleichbar halten zu können . Er fühlte mit Unwillen den Mißgriff , diesen jungen Mann ohne voran gegangene Sicherheit so nahe gezogen zu haben und dachte mit väterlicher Liebe daran , Franziska die Last der Beschämung zu erleichtern , die es ihr , wie er voraussetzte , machen mußte , wenn sie erfuhr , wie unberechtigt der Gegenstand war , dem sie Einfluß auf ihr Gefühl zugestanden hatte . Um jedoch seiner unvorbereiteten Gemahlin einen lenkenden Wink zu geben , hob er nach den Empfangsfeierlichkeiten sogleich an sie zu bitten , auch ihrerseits die Frau Marschallin über ihre Besorgnisse in Bezug auf den Begleiter des jungen Grafen Crecy zu beruhigen , indem er das herabsetzende Bild , welches die Marschallin entworfen , noch ein Mal vor seiner Gemahlin aufrollte . - Die Wirkung konnte bei ihr nicht viel anders sein , wie bei ihrem Gemahle . Die Marschallin hüllte sich in einen Schwall von Worten und schien weiter nichts zu sehn ; aber sie bemerkte sehr wohl den Blick , mit dem beide Ehegatten sich mit einer Art von Entsetzen verständigten , und sah darin die Bestätigung , wie nöthig dieser beeilte Schritt gewesen . Als die Eltern darauf in aller Form den Heirathsantrag ihres Enkels von der Marschallin entgegen genommen und ihre Einwilligung ohne weitere Beschränkung auf Franziska gegeben , ward der junge Graf Ludwig gerufen , und die Marschallin verkündigte ihm sein Glück , was er mit dem vollen Entzücken eines jungen , verliebten Mannes aufnahm . Damit mußte er sich jedoch vorläufig begnügen ; denn die Gräfin d ' Aubaine wollte ihre Tochter , wie sie sagte , erst auf den Besuch ihres Verlobten vorbereiten , und der junge Graf war genöthigt , die Abendtafel an der Seite Franziska ' s zuzubringen , ohne seine Gefühle verrathen zu dürfen . Als man sich für die Nacht getrennt hatte , beschied die Gräfin d ' Aubaine ihre Tochter nach ihrem Zimmer , und hier erfuhr die unglückliche Franziska , daß sie mit dem Grafen Crecy verlobt sei ! Die Gräfin d ' Aubaine sah , wie ihre Tochter unter ihren Worten erbleichte und mit trüben , hinsterbenden Blicken das mütterliche Auge suchte ; sie eilte daher , ihr Alles zu sagen , was sie für hinreichend hielt , die mißgeleiteten Wünsche derselben auszulöschen , und es erfolgte eine Erklärung über Reginald , nach der Angabe der Marschallin . Das war zu Viel ! Denn Franziska war in den Ansichten ihres Standes erzogen ; sie wußte , daß es gegen einen solchen Makel der Geburt , wie hier angedeutet war , keine Rettung gab - daß der Tod sie nicht sicherer trennen könnte , als solche Stellung zum Leben . Aber dieser Gewißheit gegenüber stand Reginalds Bild in einer Bevorrechtung der Natur , die jeden Vorzug , den ihr Herz und ihr Verstand ihm eingeräumt , so vollständig rechtfertigte , daß sie sich sagen mußte , ein Irrthum sei es nicht gewesen , nur ein entsetzliches Schicksal ! Dies Gefühl erfaßte sie mit vollster Stärke , und schluchzend stürzte sie zu den Füßen ihrer Mutter . Ob die sanfte Gräfin d ' Aubaine ihre Tochter ganz verstand , bleibt dahin gestellt ; vielleicht glaubte sie auch , Franziska weine aus Beschämung ; - und es waren milde , gütige Worte , die sie , mütterlich erweicht , ziemlich ins Ungewisse hinein über die heftig Weinende sprach . Jedenfalls erzeigte sie ihr die Wohlthat , ihre Thränen nicht durch voreilige Ermahnungen zu hemmen ; - und so weinte die Unglückliche die erste Herbigkeit des Schmerzes vor ihrer Mutter aus . Wie die Nacht gewesen , die dieser späten , traurigen Entdeckung folgte , war dem leicht zu errathen , der am anderen Morgen das bleiche Antlitz der schönen Franziska erblickte . Aber es ward theils mit Absicht , theils aus Unbefangenheit übersehen ; die Verlobung der beiden jungen Leute ging vor sich , und Franziska sah in einem träumerisch betäubten Zustande so ruhig und kalt , wie ihre Hand in die des ungeliebten Jünglings überging , als sehe sie einer fremden , ihr durchaus gleichgültigen Ceremonie zu . Wenn Etwas diesen Schritt Franziska erleichterte und Etwas dem Glücke des jungen Grafen Crecy fehlte , so war es die Abwesenheit Reginalds , die schon am Abende vorher bemerkt ward . Für den andern Morgen war die Abreise Beider festgesetzt , und sein plötzliches Verschwinden um so auffallender , da er Ludwig nichts darüber gesagt hatte und die Mittagstafel bereits vorüber war . Frostig ging Graf d ' Aubaine endlich auf die Bitten seines neuen Schwiegersohnes ein , nach dem jungen Manne auszusenden ; und da auch diese Boten gegen Abend , ohne Nachricht von ihm zu bringen , zurückkehrten , ließ sich Graf Ludwig durch Nichts abhalten , seine Nachforschungen selbst anzustellen . Auch sollten diese glücklicher sein ; denn Reginalds Vorliebe kennend , eilte der Graf zuerst in den Wald , der an den Park grenzte , und hier wohl bekannte Signale und Anrufungen gebend , erhielt er ungefähr in der Mitte des Waldes , an einen alten Steinbruch gelangt , die wohl bekannten Antworten . Außer sich vor Freude , stürzte er der Gegend zu , woher er die Antwort vernommen , und in demselben Augenblicke flog Reginald , aus der entgegen gesetzten Richtung des Waldes kommend , ihm entgegen . Beide stürzten sich in die Arme , als wären sie Jahre getrennt gewesen , und noch inniger selbst , als Ludwig , schien Reginald ' s Liebe und Zärtlichkeit von einer ungewöhnlichen Stimmung angeregt . » O , Ludwig , geliebter , theurer Ludwig , wie glücklich macht mich Deine Liebe , Deine Treue , selbst wenn sie Dir Sorge verursachte ! « - So beantwortete er die zärtlichen Fragen und Vorwürfe des Grafen , und Arm in Arm erreichten sie eben eine offene Stelle des Waldes , wohin der Mond mit Tageshelle schien . Hier hielt Reginald an und wendete den Grafen gegen den hellen Schein des Mondes , um ihn anzublicken , als habe er ihn noch nie gesehen ! - Zur selben Zeit bemerkte der Graf , wie bleich und verändert Reginald war - wie heftig bewegt sein Inneres - wie er kaum sich zu fassen wußte . » Reginald , « sprach er , » Dir ist etwas ganz Besonderes geschehen ! « » Morgen ! morgen ! « rief Reginald , und warf einen bedeutungsvollen Blick auf das Gefolge , das der Graf mit sich geführt , und besonders auf den Kammerdiener des Marquis de Souvré , der sie mit spähenden Blicken verfolgte . Doch Ludwig hatte dem geliebten Vertrauten selbst so Viel zu sagen , daß er befahl , man solle vorangehen und ihre glücklichen Erfolge den Herrschaften anzeigen . Aber auch , als Beide allein waren , schien es Reginald unmöglich , seinen Bericht zu machen . » Schone mich , Ludwig ! « sprach er - » ich habe so Ungeheures erfahren , daß ich wie verwirrt von der erlebten Aufregung bin ; doch sei gewiß , das , was ich erfuhr , kettet uns nur noch inniger , noch fester aneinander ; es bestätigt unsere innige Liebe und wird großes Unrecht versöhnen ! « - » Das bin ich gewiß , daß Nichts unsere Liebe beeinträchtigen kann , theurer Reginald - darum fragte ich nicht ; nur voll Erstaunen bin ich , daß Du etwas erleben konntest , was Dich so besonders betrifft ! « - » Es betrisst mich nicht besonders ! Es enthält Dein , wie mein uns bis jetzt vorenthaltenes Schicksal ! - Doch laß ' mich - es preßt mir das Herz ab . - Nur das Eine höre noch : ich mache Dir Bedingungen - die eine ist , daß wir Beide über Ste . Roche nach Paris gehen , daher noch in der Nacht abreisen - und daß wir über diesen Umweg das tiefste Schweigen beobachten ; denn erfährt die Marschallin oder Souvré unsere Absicht , würden wir auf jeden Fall daran gehindert werden . « » Das ist seltsam Reginald ! « rief Ludwig - » und nur ungern gehe ich darauf ein , da jede Heimlichkeit mir schwer wird . « - » Auch mir , theurer Ludwig ! Und doch habe ich es mir gelobt , Dich dahin zu bringen . Denke also , wie mich die Umstände bewältigen müssen , und löse mein mir selbst gegebenes Wort ! « » Das will ich - es sei beschlossen , und weiter keine Rede davon ! « rief Ludwig ; - » und da Du mir für den Augenblick so wenig zu sagen vermagst , so höre denn , was mich verlangt , Dir auszusprechen . Ich - Reginald , bin glücklich ! Seit heute Morgen ist mir Franziska verlobt , und Nichts hat meinem Glücke gefehlt , als Du - Deine Abwesenheit war mir fast unerträglich ! « Heftig fuhr Reginald an Ludwig ' s Seite zusammen - er blieb stehen - er blickte zu ihm auf . Der Weg , auf dem sie jetzt wandelten , war wieder dunkel - er sah den Glücklichen nur undeutlich , der ahnungslos den Liebling tödtlich getroffen . » Franziska , Franziska Dir verlobt ? « rief er gebrochen . » Es ist nicht möglich ! Noch gestern - nein , Ludwig - nein , Du neckst mich - es ist nicht möglich - nein ! Franziska kann Dir nicht verlobt sein - sage nein ! Sage die Wahrheit - der Scherz ist zu grausam ! « » Was ist das ? « rief Ludwig ahnend und tief erschrocken . - » Reginald fasse Dich ! Sprich offen , deutlich zu mir - Gott , welche Ahnung ! Warum erfüllt Dich mit Schreck und Schmerz , worin ich nur Veranlassung zur Freude für Dich wähnte ? « » Sage mir , « sprach Reginald - » verlobt bist Du ? Sie hat sich Dir verlobt - sie hat Dir ihre Liebe gestanden ? - Antworte , Ludwig , oder ich verliere den Verstand ! « » Nein , Reginald , nicht sie - sie hat sich mir weder verlobt , noch mir ihre Liebe gestanden - und jetzt fühle ich erst , was das sagen will - jetzt erst erkenne ich , wie mich die eigenen Wünsche verblendet haben ; da ich die von den Eltern vollzogene Verlobung für die Erfüllung meiner Wünsche hielt ! O Reginald , was haben wir gethan , so innig uns geliebt und doch das Wichtigste uns verschwiegen ! O , sage mir - sage , was ich ahne - Du besitzest mehr , als ich , in dieser Verlobung ? « » Ludwig , « rief Reginald , an seine Brust stürzend , » ich besaß ihr Herz ; - schon vor zwei Jahren gelobten wir uns Treue - schweigen mußte ich auch gegen Dich ; denn sie verlangte es so ! « » Aber jetzt , jetzt , « stammelte Ludwig - » sprachst Du sie nach Deiner Rückkehr ? « - » Noch gestern gestand sie mir ihr unverändertes Herz ! « - Ludwig wendete sich von ihm , und heiße Thränen stürzten aus seinen Augen . » Ich verstehe Alles , « sagte er gebrochen - » ihr todtenbleiches Angesicht - ihre leblose Ergebung - Gott , warum erkannte ich es nicht früher ! « Es entstand eine schmerzliche Pause - dann erhob sich Ludwig zuerst , und den Liebling suchend , sank er an seine Brust . » Ludwig , « sagte Reginald - » wir können jetzt keinen Entschluß fassen , als den einen , uns nicht fremd zu werden und gemeinschaftlich , treu und redlich mit jedem Opfer das theure Wesen zu schützen ! Wie es kommen mag , ich weiß es nicht ! Aber wenn sie ihren Eltern gehorsam sein muß , so rechne auf mich , ich werde dann allein zu leiden suchen ; - können wir ihr Herz retten , so verbinde Dich mit mir zu gleicher Verzichtleistung ! « » So sei es ! « rief Ludwig , erhoben und getröstet durch einen edeln Entschluß , der ihn nicht von dem Freunde trennte , sondern nur noch inniger mit ihm verband . Beide hielten hier inne ; denn ein Geräusch , wie das eines Davoneilenden , ließ sie fürchten , belauscht worden zu sein . Ihrem Anrufe erfolgte jedoch keine Erwiederung , und sie waren zu lebhaft durch sich selbst beschäftigt , um lange bei dieser Störung verweilen zu können . Sie kamen erst spät nach dem Schlosse von Ardoise zurück ; nur der Graf d ' Aubaine war noch im Gesellschaftssaale ; er empfing Beide etwas trocken und schien einige Worte der Entschuldigung von Reginald kaum zu beachten . Ludwig fühlte augenblicklich die Kränkung für den Freund und gewann dadurch mehr Sicherheit , dem Grafen ihre schnelle Abreise anzukündigen und ihm die Empfehlungen an die Damen zu übertragen . Es schien den Grafen d ' Aubaine sichtlich zu beleidigen ; und nachdem er einige Versuche gemacht , diesen Eindruck hervorzuheben , widersprach er ihrem Vorsatze nicht und nahm augenblicklich Abschied . So trennte man sich in sehr seltsamer Stimmung , und die des lebhaftesten Erstaunens , von Seiten des Grafen d ' Aubaine , war in mehr als einer Hinsicht gerechtfertigt ; denn die jungen Leute ahnten in ihrer großen Gemüthsbewegung nicht , wie auffallend ihr Betragen war . Schon ihr Aeußeres konnte befremden , da es bei Reginald besonders eine große Aufregung zeigte und solche tödtliche Blässe und Entstellung seiner Züge , daß der Graf ihn als einen Verzweifelten ansehen mußte und sehr betrübt war , wenigstens einen Theil dieser Stimmung auf Ludwig übertragen zu sehen , deren Ursache zu errathen , ihm allerdings mit einigem Widerstreben möglich ward . Auf ihren Zimmern angelangt , hörten die jungen Leute , Gräfin Franziska sei erkrankt , doch bereits in besserem Zustande . » Vor allen Dingen müssen wir fort , « rief Ludwig schmerzlich - » das sehe ich ein . In Paris müssen wir mit Fenelon und dem Vater Alles beschließen ! « » O , warum lebt Deine Mutter nicht mehr ! « seufzte Reginald schmerzlich . - - In derselben Nacht verließen die jungen Leute mit ihrem Gefolge Ardoise , und wechselten von da an in rastloser Anstrengung die Pferde , so oft sie deren finden konnten , um , wo möglich , noch am andern Abend Ste . Roche zu erreichen . Während dieser traurigen Reise versuchte Reginald seine Bewegung so weit zu überwinden , um seinem Freunde eine Erklärung dieses heimlichen und beeilten Schrittes geben zu können . Aber es ward ihm schwer ; denn er schien ganz überwältigt von besonders inniger Zärtlichkeit gegen Ludwig , und von einer Wehmuth - von einer innern Angst verfolgt , die ihn mehr geneigt machte , den Augenblick in stummer Hingebung zu durchleben . Gebrochen - in Zwischenräumen trat endlich hervor , was wir hier im Zusammenhange mittheilen wollen . An dem Abend , als Reginald zuerst vermißt ward , hatte ihm ein Diener des Hauses gemeldet , es sei so eben ein Bote im Schlosse gewesen , der ihn gesucht , um ihm zu sagen , daß im Walde am Försterhause Jemand auf ihn warte , der ihn beschwöre , augenblicklich dort hinzukommen . Da Reginald vor der Abendtafel keine Hoffnung hatte , Franziska d ' Aubaine im Salon zu sehen , so schien ihm der Waldweg eine anmuthige Zerstreuung ; auf das Geheimnißvolle dieser Aufforderung gab er sehr wenig Acht , dagegen bedenkend , daß er , um den Waldweg zu erreichen , den Theil des Schlosses berühren mußte , wo Franziska wohnte . Auch gelang ihm , was er gehofft ; die Thüren nach dem niedrigen Balkon waren geöffnet - von fern schon sah er den blaß-blauen Atlas ihres Kleides und die weißen Rosen in ihren dunkeln Locken . Diese Kleidung war an sich wie ein Zeichen der Treue ; denn er hatte sie zuerst darin gesehen , und sie wußte , wie sehr er sie liebe . Als sie ihn bemerkte , und er , von Zweigen gedeckt , aufs Knie sank und die Hände aufhob , wie um ein Zeichen ihrer Liebe bittend , sah er , wie sie eine von den Rosen löste , dann Härchen aus ihren Locken an einander knüpfte , an denen sie die zarte , weiße Rose langsam über den Rand des Altans herabschweben ließ , um dem Glücklichen Alles zu geben , was er glaubte nöthig zu haben . - Froh entfloh er in der Richtung nach dem Forsthause . Wir werden ihm vergeben müssen , daß er ganz vergessen hatte , was er dort sollte , und als er eintraf , sich erst besinnen mußte , was der Förster damit wollte , daß er ihn nach hinten hinaus , in ein kleines , abgelegenes Stübchen führte . Doch erkannte er , noch geblendet und deshalb nicht recht sehend , wenigstens sogleich die helle , schneidende Stimme mit dem breiten , entstellenden Dialekte , die augenblicklich anhob : » bloß um meiner Mutter gehorsam zu sein , bin ich hier ; denn die Art , wie Ihr mich das erste Mal abwieset , war gänzlich hinreichend , mich von solchen Sendungen abzuhalten ! « » Miß Ellen Gray ! « rief Reginald - » wie bin ich überrascht , Euch hier zu finden ! « » Ueberrascht oder nicht , « erwiederte sie schmollend ; - » es ist Eure Angelegenheit , nicht die meinige , um deretwegen ich hier bin - und ich heiße , wenn ' s Euch beliebt , nicht Ellen Gray , sondern Madame St. Albans . « - » Verzeiht , Madame , und seid meiner Dankbarkeit gewiß ! Auch rechnet mir nicht zu , wenn ich Euch beleidigt habe ; denn ich erinnere mich , daß Ihr mir vor meiner Abreise eine Mittheilung machtet , die meine unbedachtsame Jugend überhört hat . « - » Ja , ja , überhört ! « rief sie heftig - » überhört , weil natürlich eine so unbedeutende Person , wie Ellen Gray , nichts mitzutheilen haben konnte , was wichtig genug war , um es zu behalten . « » Vielleicht , « erwiederte Reginald , herzlich gelangweilt durch dies Betragen - » vielleicht kann ich jetzt gut machen , was ich damals verschuldete , und Euern ungerechten Verdacht widerlegen . « » Das will ich wünschen ! « rief sie , plötzlich in einen jener Thränenströme ausbrechend , die so leicht die Theilnahme entkräften , da sie ein Gemisch von Rührung und jener gewöhnlichen , weiblichen Empfindlichkeit sind , die , ohne Erweichung der Gesinnung , mehr ein fortgesetzter Versuch zu zürnen ist - » und glaubt mir , « fuhr sie fort , » es wird Euer Schade nicht sein ; denn « - und sie schluchzte noch immer - » meine Mutter , die Wärterin Eurer Kindheit , die Ihr so schön vergessen habt , daß Ihr auf ihre Bitten nichts geben wolltet das erste Mal , diese läßt Euch auffordern , mir augenblicklich nach dem Kloster Tabor zu folgen , bis wohin sie Euch entgegenkommen wird . « » Jetzt ? heute ? « rief Reginald erstaunt . - » Ist das wieder zu Viel verlangt ? Paßt es wieder nicht ? Habt Ihr gar keine Verpflichtungen , als Euch dort bei den hochmüthigen Leuten zu vergnügen ? « » Ihr thut mir Unrecht , Madame St. Albans ! Ich bin gegen die Verpflichtung , der Wärterin meiner Kindheit dankbar zu sein , nicht gleichgültig . Aber Ihr dürft , ohne ungerecht zu werden , nicht übersehen , daß meine Entfernung sehr unhöflich sein würde , da wir nur zwei Tage bleiben können . « » Ach , meine arme , arme Mutter ! « rief Madame St. Albans mit einem so wahren Ausdrucke von Schmerz , daß jetzt erst Reginald ' s Theilnahme erregt ward . - » Sie überlebt es nicht , wenn sie abermals getäuscht wird ! Herr , ich bitte Euch - überlegt , was Ihr thut ! Wenn Ihr die Frau kenntet , die Euch begehrt , da würdet Ihr gehen , so weit sie Euch riefe . Seht , sie sagt nie ein Wort umsonst , und Jeder , der sie kennt , gehorcht ihr . Da sie nun Euch fordert , wie noch nie einen Menschen - da sie mich schickt , Euch zu treiben - und so voll Todesangst ist , als hinge Euer Leben daran - da seid sicher , es ist wichtig . - Laßt Alles , Alles fahren und brecht auf mit mir ; ich habe im Walde ein kleines Fuhrwerk aus dem Kloster ; fahren wir gleich ab , können wir noch in der Nacht eintreffen , und Ihr könnt um Mittag wieder zurück sein ! « Reginald schwankte . Mit einem Male - er wußte selbst nicht , ob durch Ellen ' s Gründe oder ob aus freier Wahl - fühlte er sich getrieben - er sagte es ihr und wollte den Förster auf das Schloß schicken , ihn zu entschuldigen . Doch dem widersetzte sich Ellen auf das Bestimmteste . Niemand dürfe ihre Anwesenheit ahnen , das gerade habe die Mutter bestimmt geboten , und auch der Förster , der ihrer Mutter zugethan sei , werde nicht gegen ihre Befehle handeln . Nach einigen Minuten saß er neben Ellen in einem kleinen Wägelchen , in welchem die Mönche zu ihren Pfarrkindern fuhren , und rollte rasch dem Kloster Tabor zu , ohne von Ellen ' s Unterhaltung belästigt zu werden , die in einem übellaunigen Schweigen verblieb , gelegentlich ihre linkische Empfindlichkeit darthuend . Doch graute der Morgen bereits , ehe Beide das alte Kloster erreichten , von dessen Bewohnern sie freundlich empfangen wurden und benachrichtigt , daß Mistreß Gray bereits angekommen sei und ihrer in den Gemächern des Priors harre . - Als Reginald in das hohe , gewölbte Gemach eintrat , das vollständig den Reichthum bezeichnete , welcher dem Oberhaupte der Abtei zustand , sah er den ehrwürdigen Prior vor einer Frau stehen , die in einem hohen Lehnstuhle vor ihm saß , ein bleiches , abgezehrtes , strenges Antlitz zu ihm aufhob und , wie es schien , sehr mißfällig seinen Worten zuhörte . » Bedenkt und überlegt wohl , was ich Euch sagte , « sprach er , wie zum Weggehen bereit - » ein Wort ist bald gesprochen ; - aber das Gesprochene nie zu widerrufen . Sobald der Andere es vernommen , ist es sein Eigenthum mit allen seinen Gefahren , mit allen Folgen , die kein Wort mehr abzuhalten vermag . « Die Frau neigte kalt das Haupt . » Ihr habt Rath ertheilt , wie es Euch trieb , und Ihr hattet Recht dazu - ich thue gleichfalls , wie es mich treibt , und thue gleichfalls Recht ! « Der Prior hörte diesen schroffen Worten , die noch durch den trockenen Ton der Stimme und eine mangelhafte Aussprache verstärkt wurden , mit einem leisen Schütteln des Kopfes zu ; aber in seinem Blicke lag zugleich die Hoffnungslosigkeit , diesen festen Sinn zu ändern . » So sei Euch Gott gnädig und segne Eure Vorsätze ! « sprach er sie grüßend und blieb , indem er sich wendete , überrascht vor Reginald stehen , der an der Seite des Laienbruders , der ihn geführt hatte , im Hintergrunde des Gemaches stehen geblieben war . » Ich glaube , Mistreß Gray , « sprach er sich umdrehend - » dies ist Euer Zögling ! « Die unglückliche Frau folgte der Richtung , die der Prior ihr gab ; - und wie hätte sie ihn verkennen können , der in jedem Zuge Fennimor ' s Sohn war ! Sie richtete sich heftig in ihrem Lehnstuhle auf , als wollte sie ihm entgegen ; dann hielt sie sich plötzlich an seiner festen Lehne und starrte Reginald an , der sich ihr mit dem freundlichen Lächeln nahete , das ihn Fennimor nur noch ähnlicher machte . » Um Gott , Madame , « rief der Prior jetzt , » faßt Euch - und setzt Euch ! « - Die Gestalt der früh Gealterten wankte , und ihre Augen schlossen sich . Der Prior unterstützte sie beim