schwebte in der Luft , und ein Bauer , der vorbeiging , sagte : » Es gibt heut Haarrauch . « Er fragte den Mann nach dem nächsten Wirtshause , welches ihm in einiger Entfernung auf einer Höhe gezeigt wurde . Sein Weg lief über ein hohes , braunes Heideland , in geringer Entfernung in der Tiefe sah er aber grüne Wiesen , durch welche sich der Fluß , der sie speiste , in zwanzig Windungen schlängelte . Scharen von Landleuten waren mit dem zweiten Hiebe auf den Wiesen beschäftigt . Auf manchen Wiesen wurde die Grummet auch schon gewendet . Im Wirtshause heilte sich der Jäger von seinen Kopfschmerzen durch das kalte Wasser , in welches er sein brennendes Antlitz eintauchte . Aber er blieb nichtsdestoweniger unwohl . In der Brust fühlte er ein eigenes Drücken und Wühlen , was ihn zwar nicht ängstlich machte , aber ihn doch an den Blutsturz erinnerte , den er als Achtzehnjähriger gehabt hatte und dem ähnliche Empfindungen vorhergegangen waren . Sein Arzt auf der Universität hatte ihn damals nach der Herstellung gewarnt und ihm gesagt , er müsse sich vor unordentlichem Leben und Gemütsbewegungen in acht nehmen , denn so vollsaftigen Konstitutionen , wie der seinigen , droheten beständig Rückfälle des Übels , wenn es einmal sich Bahn gebrochen habe . Nun war seine Lebensweise in den letzten Wochen freilich nicht die ordentlichste , seine Stimmung aber nur eine Gemütsbewegung gewesen . Er nahm Speise und Trank um dadurch die erregten Lebensgeister zu beruhigen . Wirklich fühlte er sich auch danach besser . Er fragte nach dem Schlosse , wo es liege ? Da hörte er nun seltsame Dinge . - » Sie müssen bald fertig sein da droben , der alte Herr Baron und das gnädige Fräulein und der fremde Herr « , sagte der Wirt . » Denn man sieht sie kaum noch außer dem Hause . Das sieht auch ganz gefährlich aus , und der Landbaumeister , der gestern hier vorsprach , sagte , wenn nicht bald repariert werde , so müsse die Obrigkeit Einsehen haben und auf Abtragung des Dinges dringen , welches jeden Tag einstürzen könne . « Der Jäger verwunderte sich über diese Reden , die mit Lisbeths Beschreibungen in so großem Widerspruch standen . Die Anwesenheit eines Fremden in dem sogenannten Schlosse kam ihm störend vor ; er fragte den Wirt : was für ein Fremder das sei ? » Oh « , versetzte der Mann , » diesen Menschen kann keine Menschenseele beschreiben ; ich glaube aber , daß er Gold macht . « Der Jäger schüttelte den Kopf über die närrischen Nachrichten , die er hier empfing und machte sich rasch auf den Weg , denn ihn drängte es , das Geschäft , was seiner Liebe beigesellt war , zu Ende zu bringen . An diese dachte er mit aller Freude des Herzens und dennoch - schlich ein tragischer Hauch über die reinen Wellen , welche in seinem Busen wallten . Denn so ist es mit der Liebe . Am Tage nach der süßesten Erklärung wirst du , all dein Glück inniglich durchfühlend , verlegen sein , außer Fassung , in Zwiespalt mit dir und der Welt . Du wirst es nicht sagen , weder laut noch leise , aber einen Gedanken wirst du haben und zürnen , daß du ihn nicht unterdrücken kannst - den Gedanken : Wäre es noch vorgestern ! - Das ist keine Reue , das ist kein Wankelmut , aber du fühlst , vorbei sei das alte Leben , ein neues beginne . Und was dieses dir bringen werde , wissen nur die Spinnerinnen , deren Gesang du hörst , deren Werk aber erst in deiner Todesstunde offenbar wird . In so unruhiger Bewegung machte der Jäger seinen Weg . Er glaubte einen Nachtraum seines Traumes zu erleben , als er auf einmal nicht weit von der Straße drei junge Leute unter einem Baume sitzen sah , in welchen er , wenn nicht alle Ähnlichkeiten trogen , die drei Unbefriedigten wiedererkannte , von welchen in dem Briefe an seinen Freund Ernst im Schwarzwalde die Rede gewesen ist . Sie trugen noch , wie damals in Stuttgart , grüne Sammetröcke , grüne Sammethosen und große grüne Sammetschirmkappen , und ihre Gesichter waren im Gegensatz zu dieser hoffnungsfarbigen Tracht auch noch so bleich und leidend wie damals . Der Jäger stand einen Augenblick still und hörte den einen zu den andern sagen : » Mut , Brüder , wir sind am Ziele , oder alle Zeichen , die wir eingesammelt haben und die auf unseres Meisters Nähe deuten , trogen . « - Der Jäger wollte sich ihnen nahen , denn er hatte hin und wieder mit diesen Unbefriedigten sich in Stuttgart unterhalten . Er wollte sie fragen , was sie so unvermutet in diese Gegend führe ? Aber da standen sie alle drei auf und schlugen einen anderen Weg ein . Ihnen nachzugehen hatte er aber keine Lust . Vielmehr verfolgte er seine Straße . Er war jedoch nicht lange gegangen , so sah er einen neuen Bekannten , oder wenigstens einen Landsmann , wie das erste Grußwort ihm den Wanderer als solchen zu erkennen gab . Ein untersetzter Mann , der einen Packen auf dem Rücken trug , kam ihm derben Schrittes entgegen . Da er sich schwäbisch angesprochen hörte , so blieb der Jäger bei dem Landsmanne stehen und fragte ihn nach Herkunft und Gewerbe . » Ei « , versetzte der Packenträger , » ich bin ja der Ehinger Spitzenmann . Ja , die Ehinger wandern überall umher , mußt ' einmal auch diese Gegend besuchen . Zudem hab ' ich noch ein apartes Geschäft hier , wann ich meine Spitzen bei einigen Bauern herum ausgeboten hab ' . Ich such ' was oder wen in dem Schloß nah ' zu , darf nicht davon reden , denn die Sach ' betrifft eine Ehinger Heimlichkeit , aber wie ich mein ' , ist die Spur nach dem Schloß richtig . « Der Ehinger Spitzenkrämer trennte sich darauf von dem Jäger . Letzterer hatte abenteuerliche Gedanken über den Fremden im Schlosse , der ein Goldmacher sein sollte und den sein Landsmann suchte , konnte jedoch denselben nicht lange nachhangen , denn bald fesselte ein Anblick der unerwartetsten Art seine Aufmerksamkeit . Der Weg kreuzte die große Heerstraße , welche den Osten Deutschlands mit dem Westen verbindet , und auf dieser sah er ein wundersames Fahrzeug sich langsam heranbewegen . Gezogen wurde es von zwei Ochsen mit Bügeln , woran Schellen klingelten , den Wagen selbst aber hätte man von weitem für einen sogenannten überdeckten Wurstwagen halten können . Er war dieses aber nicht , sondern ebenfalls ein östliches oder wenigstens ostartiges Gefähr . Auf Stützen ruhte ein Dach von rotem Tuch mit gelben Troddeln über einem weitläuftigen Kasten , den schmale Borde umschlossen . In diesem Kasten lagen orientalische Polster , und auf den Polstern saß mit gekreuzten Beinen ein Türke und hielt den Bernsteinknopf seiner Pfeife am Munde . Nicht allein war dieser Türke in dem Kasten , sondern verschiedenes anderes Getier teilte denselben mit ihm ; ein Paar Affen in Käfichen und drei oder vier Papageien . Neben den Ochsen ging ein junger Neger in weißen Hosen und roter Jacke , lenkte sie , wo es nötig war , trieb sie jedoch nicht sonderlich an , so daß das Fuhrwerk sich nur langsam fortschob . Der Jäger begriff nicht , wie der Orient plötzlich hieher komme , sein Erstaunen wuchs aber , als der Türke , dessen blasses und geistreiches Gesicht etwas ungemein Gelangweiltes offenbarte , ihn in reinem Deutsch nach der Entfernung des Schlosses fragte , dem der junge Liebende ebenfalls zustrebte . Als er den Fremden bei der Antwort näher ansah , schoß ihm plötzlich eine Erinnerung durch den Kopf . Ein sehr ähnlicher Kupferstich , den er kurz vor seiner Abreise aus Schwaben gesehen hatte , fiel ihm ein , und es wurde ihm klar , daß er so glücklich sei , zwischen den Affen und Papageien den berühmtesten Reisenden der Gegenwart zu erblicken , den Liebling aller modernen Damen und Herren . Als der Jäger bescheiden seine Vermutung aussprach , wurde ihm die Bestätigung aus dem Munde des deutschen Türken und Semilasso gab sich sogleich mit dem jungen Grafen in ein geistreiches Gespräch . Er erzählte ihm , daß er aus dem Morgenlande zurückkehre , um den Abend jetzt mit seinen gewonnenen Erfahrungen aufzuklären . - » Die Journale haben verbreitet « , sagte er , » daß ich noch eine Zeitlang in Smyrna verweilen werde ; ich pronierte auch dieses Gerücht und reiste in der Stille ab , teils um den Okzident zu überraschen , teils um einen Streit unter den Gelehrten anzufachen über die Frage , wo ich nun eigentlich sei , ob in Ost oder in West ? Die einen werden sich auf Augenzeugen berufen , die mich in Smyrna gesehen , die anderen werden meine Karte abdrucken lassen , die ich ihnen sandte . Es kann « , sagte Semilasso mit feierlicher Leichtigkeit und anmutigem Gähnen , » eine interessante Debatte werden , welche das Publikum ein paar Monate lang beschäftigt , denn das will immer angeregt und gekitzelt sein . « - Der Jäger befragte ihn über seine Reiseroute , worauf Semilasso versetzte : » Ich bestieg in Smyrna ein österreichisches Schiff , fuhr quer durch das Mittelländische Meer an den Säulen des Herkules vorbei , um Portugal herum durch die Biskayische See , lenkte in den Kanal ein und debarkierte in Havre . Die gerade Linie ist so langweilig ; es lebe die krumme ! Mein Dromedar und der Hengst von Dongola folgen mir um einen Tagemarsch . Mein Kammerdiener geht , armenisch gekleidet , als Furier voraus , und so haben die Leute an jedem Orte , den die Reise berührt , drei Tage lang von mir zu reden , einen , wo der Furier ankommt , einen , wo ich ankomme , und einen , wo der Dromedar und Hengst ankommen . « Der Jäger sah verwundert das Ochsengefähr an . Semilasso erriet seine Gedanken , lachte und sagte : » Meine Ochsen sind Ihnen auffallend . Ich kaufte sie in der Normandie ; im Orient fährt man fast nur mit diesen Tieren , sie paßten in meine jetzige Liebhaberei und in mein System . Denn seit alle Welt sich blitzschnell fortbewegt , ist es bei mir Prinzip geworden , nur Schritt zu fahren , habe daher , um mich nicht von der plebejischen Eile verführen zu lassen , diese Ochsen vorgespannt und mache so täglich höchstens vier Meilen . Von Havre bin ich drei Wochen unterwegs . Theodor Mundt wird - if possible - an dieses Schrittfahren tiefsinnige Untersuchungen über Weltfragen und wichtige Probleme der Zivilisation knüpfen . In diesem Theodor erlebe ich überhaupt mein eigentliches Reflexions- und spekulatives Leben . Ich kann sagen , daß ich manches aus Laune und in unbewußten Anstößen getan habe . Aber Theodor rückt alles welthistorisch und bedeutend zurecht - im kleinen auf seinem Studierstübchen . Theodor und ich stellen eine umgekehrte telegraphische Anstalt dar . Ich mache da droben im Freien wunderbar arbeitende Bewegungen , welche die Hand Theodors , des Telegraphisten , regieren , so daß sie unten im Turmgemache ein niedlich Figürchen meiner Winkel und Charaktere nachzeichnet . Er hat mich sogar zu einem Stilmuster gemacht . Darüber habe ich doch lachen müssen . Denn an meinen Stil glaube ich nicht . Ich will eher glauben , daß Theodor eine Komödie machen könne , als daß ich glaube , ich schreibe einen Stil . Wie käme ich zu Stil ? Gehöre ich denn zur Rotüre ? Meine Wappenvögel fliegen über allen Stil hinaus . - Aber , passons là dessus , Theodor sagt , ich habe Stil , es mag also drum sein . - Wenn er mich nur nicht kopierte ! Ich habe ihm ausdrücklich gesagt , als ich ihn bei der ersten Bekanntschaft zum Handkuß zuließ , daß er sich nicht unterstehen solle , nun auch offiziell reisen zu wollen . Dennoch hat er sein Wort gebrochen und ist auch ein Spaziergänger und Weltfahrer geworden . Nichts lassen diese Leute einem über . Was will so ein Ding erspaziergängern und erweltfahrern ? C ' est un singe , qui a fait ses études . « Der Halbtürke Semilasso hatte sich in einen solchen Ärger über seinen getreuesten Anhänger hineingeredet , daß ihm die Pfeife ausgegangen war . Er faßte sich jedoch bald wieder und sprach von dem Zwecke seiner heutigen Reise . Abermals vernahm der Jäger mit Erstaunen von einem , der mit ihm dasselbe Ziel hatte . Auch Semilasso wollte auf dem Schlosse seinen Besuch abstatten . Als der junge Jäger fragte , wen Semilasso dort kenne oder zu finden hoffe ? glitt der berühmte Reisende darüber hin und sprang , wie es schien , von einer plötzlichen Erinnerung überwältigt , zu Betrachtungen allgemeiner Art ab , die mit seinen vorigen Äußerungen keinen erkennbaren Zusammenhang hatten . - » Ich habe immer « , rief er angenehm lebhaft , » im stillen lachen müssen , wenn man sich , wie es jetzt Mode ist , den Kopf darüber zerbricht , durch welche styptische Mittel der allgemeinen Erschlaffung des Menschengeschlechtes entgegenzutreten sei . Das Abnüchtern und Versanden der Jetztlebenden ist ein ziemlich konstatiertes Faktum . Das will man nun mit Religion , Patriotismus , Philosophie , Naturbetrachtung , mit , was weiß ich noch ? hemmen . Es hilft nichts , da liegt der Trost nicht , er steckt ganz woanders , ist mit Händen zu greifen , und niemand hat ihn gefaßt , es geht damit wie mit dem Ei des Kolumbus . Wie entstehen die Menschen ? Wie entstehen sie denn , mein Bester ? Der Schwächling heiratet die kräftige Jungfrau , der kräftige Mann die Bleichsüchtige , häufig kommen auch Hektik und Hektik zusammen . Was für Kinder muß das geben ? Auf das Physische wird gar nicht mehr gesehen , es ist , als ob wir nichts als Geist , Rücksicht , Verhältnis , Geld wären . Daher rührt denn das matte , aschgraue , totlebendige Geschlecht . Sehen wir uns dagegen unter den Tieren um ! Gehen wir in die Stammschäfereien , in die Gestüte , ja , besuchen wir nur einen tüchtigen Ökonomen , der auf sein reines friesisches Vieh hält . Wie macht man es denn da ? Man hält auf Vollblut . Und eine edle Rasse folgt der andern . Da sitzt es . There ' s the rub . Will man wieder ein munteres , geistreiches , poetisches , lebensfrisches Menschengeschlecht haben , so muß man vor allen Dingen für Vollblut sorgen , man muß Rasse stiften . Reine Kreuzungen , reine Kreuzungen , junger Freund , darauf kommt es an ! Daß aber diese nicht möglich sind , wenn wir gewisse veraltete Meinungen und Formalitäten festhalten , leuchtet ein . Lange mit diesen Ideen beschäftigt , fand ich in Ägypten das Genie , welches sie befruchtete . Ich sage nichts , qui a compagnon , a maître , aber unter uns : Haben mich hier meine Vermutungen nicht getrogen , so werden Sie binnen Jahresfrist von einem Institute unter den Kassuben auf meiner Herrschaft hören , gegründet nach dem Muster von Trakehnen . Suffit ! Ich kann sagen , ich schwärme dafür , mein Dromedar ist mir nicht so lieb wie dieser Gedanke , von dessen Ausführung ich mir ungeheure Resultate verspreche . « Semilasso , der diese Gedanken mit großem Feuer vortrug , ließ unerörtert , ob er auch bei seinen Standesgenossen Vollblut zu schaffen für möglich halte , Vollblut , nicht im aristokratischen , sondern im physischen Sinne . Aber mit graziösem Lächeln setzte er hinzu : » Ich bedaure nur eins , daß ich nicht mehr in den Jahren bin , um selbst praktisch die Sache angreifen zu können , ich werde mich leider auf die Verwaltung beschränken müssen , auf die trockene Verwaltung . « Zweites Kapitel Eine Überraschung eigener Art Den jungen Jäger widerten diese Auseinandersetzungen an . Sobald es die Höflichkeit erlaubte , machte er Semilasson eine Verbeugung und eilte , dem langsamen türkischen Fahrzeuge voranzukommen , was auch seinen raschen Füßen gelang . Der Deutschtürke blieb im Schritte , so daß der Jäger ihn bald weit zurückgelassen hatte . Dieser sah nach einer Stunde das sogenannte Schloß auf seinem kahlen Hügel liegen . Schon die Straße mit den ausgerissenen Steinen und den grundlos gewordenen Geleisen hatte ihn sonderbar überrascht , noch mehr aber setzte ihn das Ansehen des Gebäudes in Erstaunen . Er zweifelte einen Augenblick , ob er auch an der rechten Stelle sei . Als er aber die beiden Wappenlöwen sah , den stehenden und den liegenden , so mußte er sich davon überzeugen . Nun schritt er über den Schloßhof auf das Haus zu . Es war ganz still in demselben und um dasselbe her ; nur die Bachstelzchen liefen an der Pfütze im Hofe auf und nieder . Er klinkte an der Türe ; sie war zwar nicht verschlossen , aber von innen verrammelt , und Lärmen wollte er doch nicht gleich zur Eröffnung der Bekanntschaft machen . Er ließ also von weiteren Versuchen gegen diesen Eingang ab . Das Loch neben der Türe war ebenfalls mit Tonnen und Kisten verstellt ; auch hier hätte er nur polternd und ungestüm eindringen können ; er glaubte das gleichfalls unterlassen zu müssen . Selbst die Fenster des Hauses , nämlich die praktikabeln , nicht die mit Brettern oder Läden geblendeten Fensterhöhlen waren sämtlich verschlossen , nur eins stand offen , und er hörte in dem Zimmer , zu dem es gehörte , heftig schnarchen , ein Beweis , daß ein Lebendiger in dem Zimmer war . Eine Leiter stand in der Nähe , so daß die Möglichkeit vorhanden war , sich mit diesem Lebendigen in Verbindung zu setzen . Indessen konnte ihm auch dies nicht recht anständig vorkommen . Er beschloß daher , geduldig in einem Hofe der Nachbarschaft zu warten , bis das verwünschte einsame Kastell zugänglich werden würde . Vorläufig aber setzte er sich auf einem Stein , der im Hofe lag , zur kurzen Rast nieder , denn der Weg seit früh morgens - und jetzt ging es schon auf Mittag - hatte ihn ermüdet . Von diesem Steine überblickte er den Schauplatz . Er sah den verwilderten unordentlichen Platz voll Nesseln , Disteln und Wegerich , die zerstörte Pforte , das elende , klüftige , verfallene Haus mit dem durchlöcherten Dache . Alles das sah in dem nun schon heranwehenden grauen Haarrauche noch unheimlicher und jammervoller aus , als gewöhnlich . Und dennoch ergriff unseren jungen Jäger bei dem Anblicke dieses bettelhaften Elendes eine fromme Rührung , welche die zwiespältigen Empfindungen in seiner Brust verwischte , die von den sonderbaren Begegnissen des Morgens hervorgerufen worden waren . Denn er erinnerte sich an die anmutigen Beschreibungen , die ihm Lisbeth von dieser Zerstörung gemacht hatte , die er nun vor Augen sah . - » So gibt es denn Gemüter , für welche das Häßliche nicht da ist , weil sie in allem nur das Schöne erblicken ! « rief er freudig aus . » So blüht eine Unschuld des Geistes , welche rosengleich auch den ödesten Schutt überwächst und zudeckt . - Ich las einmal in einem Aufsatze von Ranke , der alte , ehrwürdige Pius sei ein Charakter gewesen , der in allem nur das Tröstliche gesehen habe . Ich las das damals , wie man manches liest , ohne mir dabei eben viel zu denken . Nun aber habe ich etwas Ähnliches erlebt und nicht an einem alten Manne , sondern an einem jungen Mädchen , und was das Süßeste bei der Sache ist , an meinem Mädchen . « Drittes Kapitel Die drei Unbefriedigten treten mehr in die Handlung ein Kaum hatte der Jäger einige Minuten den Hof verlassen , als derselbe von neuen Wanderern betreten ward . Die drei Jünglinge in grünem Sammet kamen nämlich aus den Dornen neben dem Garten und krochen durch eine Öffnung der Hofmauer , weil sie ihre Brillen nicht aufgesetzt hatten und wegen Kurzsichtigkeit die offene Pforte nicht sahen . Das Haus erblickten sie indessen notdürftig , sie näherten sich demselben , versuchten zu öffnen , aber auch ihnen wollte das nicht gelingen . Sie seufzten und klagten , daß vielleicht nur wenige Schritte sie von ihrem ersehnten Meister trennten , und eine verrammelte Türe ihrem Drange ein Ziel setzte . Traurig gingen sie vor dem Schlosse auf und nieder . Die Geschichte dieser drei unbefriedigten Jünglinge in grünem Sammet war einfach aber lehrreich . Sie waren Brüder , Söhne eines reichen Bankiers in Hamburg und hießen Karl Emanuel , Karl Nathanael und Karl Gabriel . Ihr Vater hatte ihnen die sorgfältigste Erziehung geben lassen , weil er wünschte , drei ausgezeichnete Männer erzeugt zu haben . Sie wuchsen in geistreicher Gesellschaft heran , denn in dem Hause des alten Bankiers versammelte sich alles , was auf den Namen eines klugen Mannes Anspruch machen konnte . Die Fähigkeiten der drei Knaben entwickelten sich auch früh in der entschiedensten Weise . Karl Gabriel lief jeden Abend in die Komödie , hatte in seinem vierzehnten Jahre einen kleinen Roman mit der Tänzerin Rosamira , stand in den Zwischenakten am Büffet , aß Eis oder trank Punsch und gab danach Kritik von sich . - Karl Nathanael ging dagegen auf das Kaffeehaus , las Zeitungen und spekulierte , als er den Cornelius Nepos exponierte , in den Fonds , Karl Emanuel war ein stiller Junge , der am liebsten zu Hause saß , gern Bratäpfel aß und bei allen Dingen nach dem : Warum ? fragte . - Der alte Bankier beobachtete diese Erscheinung , ließ eines Tages , als er seine Tasse Morgenschokolade trank , die Söhne vor sich treten und sagte zu Karl Emanuel : » In dir steckt ein Philosoph « ; zu Karl Nathanael : » Aus dir wird ein Staatsmann « ; zu Karl Gabriel : » Du bist zum Dichter geboren « . Dieser Beruf war ihm nicht ganz erwünscht . Er hätte lieber einen großen Maler in der Familie gehabt , weil die Maler jetzt besser bezahlt werden als die Dichter . Indessen ließ er sich , da es nun einmal nicht anders sein sollte , auch den Dichter gefallen . Die drei Brüder aber hielten sich nach jenem Tage für das , wozu sie der Vater bestimmt hatte , und wurden in ihrer Meinung von einigen Schauspielern , Doktoren der Philosophie und von einem dimittierten Legationssekretär unterstützt , welche Personen bei ihrem Vater offenes Couvert hatten . Karl Gabriel studierte in Berlin , um durch keinen Natureindruck von der Poesie abgezogen zu werden , Karl Nathanael in München , der tiefen politischen Weisheit wegen , welche er da immer vor Augen haben konnte , Karl Emanuel in Göttingen , weil er glaubte , daß Mettwurst die Spekulation stärke . - Als sie in die Jahre gekommen waren , worin der Mensch seine Taten zu vollbringen anfängt , schrieb ihr Vater an sie drei gleichlautende Billette des Inhalts , er erwarte jetzt von ihnen Großes . Karl Emanuel setzte sich darauf hin , um ein neues System zu erfinden , Karl Nathanael griff zur Feder , um eine nie erhörte politische Wahrheit zu offenbaren , Karl Gabriel ging im Tiergarten spazieren , um ein Trauerspiel zu ersinnen , welches die Reformation der Bühne bewirken sollte . Sie gaben sich die größte Mühe jeder in seinem Fache , aber sie war umsonst . Nicht einmal den Titel zu einem Trauerspiele fand Karl Gabriel trotz seiner vielen Spaziergänge im Tiergarten , er begriff nicht , wie einen geborenen Dichter die Musen so im Stich lassen konnten . Karl Nathanael brachte nach langem Sinnen den Satz heraus : » Die Staaten teilen sich in Monarchien , Aristokratien und Demokratien . « Aber ein kundiger Freund , dem er davon sprach , riet ihm , mit dieser politischen Wahrheit nicht hervorzutreten , weil sie kaum ganz neu zu nennen sei . Karl Emanuel machte es , wie Karl Gabriel , nämlich , er machte nichts . Als sie die Vergeblichkeit ihrer Bestrebungen einsahen , zerfielen sie mit dem Leben . Gabriel nannte die Quelle der Dichtung überhaupt versiegt und knüpfte in diesem Unmute ein kurzes verdrießliches Verhältnis mit Gervinus an , bis sie sich auch wieder trennten , weil ein Malcontenter dem anderen bald unausstehlich wird ; Emanuel hatte einen Augenblick Lust , fromm zu werden , konnte aber dazu nicht recht gelangen , weil sein Gedächtnis schwach war und die Frommen viele Redensarten auswendig behalten müssen . Am glücklichsten war noch verhältnismäßig Nathanael , er resignierte und legte sich in seinem zweiundzwanzigsten Jahre auf den reinen Papierwucher . Freilich klagte auch er , wie seine Brüder , daß der Himmel dumm und die Erde abgeschmackt sei , indessen machte er doch guten Profit . Die drei Brüder hatten sich , als ihre Hoffnungen scheiterten , zusammengetan . Sie klagten einander vor , wenn ihr Gähnen es zuließ . Auch darin waren sie unglücklich , daß niemand sonst ihr Weh mitempfand . Emanuel pflegte zu sagen : » Nichtiges Dasein « ; Nathanael : » Nüchterne Zustände « ; Gabriel : » Kahles , vernutztes Leben « . - Viele Leute hielten sie für Narren . Ich aber sage : Es ist ein großes Mißgeschick , wenn ein Jüngling kein reformatorisches Trauerspiel machen , kein neues philosophisches System erfinden , keinen Umschwung in den politischen Ideen des Zeitalters hervorbringen kann . Als sie am tiefsten herunter waren , stand ihnen jedoch die Hülfe am nächsten . Sie lernten nämlich einen Mann kennen , einen wunderbaren Mann , einen Mann , der mehr zu sein schien als ein Mensch . Nach wenigen Unterredungen , die in geheimnisvollen Worten geführt wurden , hörten sie , daß dieser übermenschliche Mann das Mittel besitze , ein klassisches Trauerspiel zu verfertigen , dem Philosophen aber und dem Politiker auch zu helfen . Die Existenz dieses Mannes war ein Geheimnis und ein Wunder . Sie erfuhren in einer Stunde der Weihe von ihm , was sie vor Erstaunen beinahe starr machte . - Der Umgang mit dem Meister übte auf die drei Unbefriedigten den wohltätigsten Einfluß . Damals war es , wo sie grünen Sammet anlegten , das Kleid der Zukunft und der Erwartung . Karl Gabriel fand sogar den Titel und die Begeisterung zu einem Trauerspiele , welches » Das Trauerspiel « heißen und das Tragische an und für sich ohne Rücksicht auf ein bestimmtes Ereignis behandeln sollte . Aber die Hülfe blieb nicht nahe , sondern verschwand in die Ferne . Seit diesem Trauertage liefen die drei Unbefriedigten umher wie Frauen mit falschen Wehen . Die falschen Wehen leiteten indessen nach einiger Zeit auf die wahre Spur , die wahre Spur jedoch leider nur bis zu einer verrammelten Türe vorderhand . Über dieses symbolische Ereignis ergingen sich die drei grünen Sammetröcke in Betrachtungen . Karl Gabriel sagte , er wolle den Helden seines Trauerspiels : » Das Trauerspiel « , auf eine erschütternde Weise an einer verrammelten Türe niederstechen lassen , in welche er hineingewollt , aber nicht hineingekonnt ; Karl Emanuel behauptete , alle Philosophie bestehe eigentlich darin , zugemachte Türen nicht aufzumachen , wogegen Karl Nathanael versicherte , die höchste Maxime der Staatsweisheit sei , alte Tonnen und Kasten von innen vorzuschieben , wenn Schloß und Riegel nicht mehr halten wollten . Als sie , ich weiß nicht zum wievielsten Male vor dem Schlosse und vor der Fronte seiner Baufälligkeit auf und nieder gegangen waren , stieß der Dichter mit seiner Nase an die gegengelehnte Leiter und entdeckte dadurch dieses Motiv . Der Philosoph setzte die Brille auf und sah das oben offenstehende Fenster , der Staatsmann aber , der von dieser doppelten Entdeckung hörte , schlug vor , auf der Leiter emporzuklimmen und zum Fenster einzublicken . Denn auch sie hörten oben schnarchen und zogen daraus den Schluß , daß dort jemand sein müsse , der schnarche . Vielleicht ließ er sich erwecken und möglich , daß man dann mit ihm über die Eröffnung des Schlosses unterhandeln konnte . Diese Idee war wohl eine glückliche zu nennen und sie wurde sogleich ausgeführt . Karl Gabriel stieg zuerst die Leiter hinauf , die andern Brüder folgten und alle drei reckten sich oben so hoch empor , daß sie in das Zimmer sehen konnten . Als dieser Moment gekommen war , ließ sich ein dreifaches » Ach ! « des Entzückens von ihnen hören . Mit sanfter Stimme riefen sie nun einen großen Namen vergebens , darnach riefen sie lauter , jedoch umsonst ; endlich schrieen sie , es war indessen fruchtlos . Dieser Schlaf schien ein Totenschlaf zu sein . Karl Gabriel , der kühne Dichter , schlug darauf vor , den Schlummernden mit einigem Kalk zu bewerfen , wogegen sich aber Karl Emanuel und Karl Nathanael erklärten , indem sie sagten , daß man einen solchen Mann nicht mit Kalk werfen dürfe . - » Bisweilen kommt es mir vor « , sagte Gabriel , » als blinzle er . « - » Optische Täuschung , mein Bruder « , versetzte Nathanael , » warum sollte er sich gegen uns , seine treuesten Anhänger , verstellen ? « Als Nathanael das gesagt hatte , knackte es unter ihnen . Die alte Leiter , welche über die Jahre hinaus war , das Gewicht von drei Unbefriedigten tragen zu können , bekam einen gefährlichen Sprung und eiligst stiegen sie und erschrocken hinab , nicht gewillt von der Höhe ihres Standpunktes zu stürzen . Sie gingen in den verwilderten französischen Garten , um dort das Weitere zu erharren . Viertes Kapitel Ein chronischer Schläfer und ein seltenes Beispiel von Bediententreue Während dieser Begebenheiten saß der alte Baron , unwissend noch über die Verrammelung