, um ein Mal mir sagen zu können : Ich blieb immer treu , unwandelbar . Ja , ja , rief der König , das bestreite ich auch nicht ; aber sieh , daran habe ich nie gezweifelt , und darum hättest Du nicht zu kommen brauchen , aber nun thue mir die Liebe und geh . Leb ' wohl , leb ' wohl ! Es ist Alles gut , Alles gut zwischen Dir und Deinem König . Bristol gab jeden weiteren Versuch auf ; stumm küßte er noch einmal die Hand , womit der König nun unablässig zum Weggehn winkte und , sich gegen die Wand wendend , jede Unterredung abschnitt . Vor den Zimmern des Königs hatte sich Lord Richmond ruhig vor die Thür gestellt , die sich nach dem letzten Zimmer vor dem Schlafgemach des Königs öffnete , mit dem festen Vorsatze , hier die Zusammenkunft seines Großvaters mit dem Könige vor Störungen zu sichern . Doch , eingedenk der Warnungen des Marquis , hatte er den Degen unter dem Mantel , entschlossen , sich jeder Reizung gegenüber fest zu halten , und hoffend , sie werde ihm erspart bleiben . Doch was konnte früh oder spät in dem Palaste von Whitehall geschehen und dem verborgen bleiben , der seine besoldeten Aufseher in jedem Winkel desselben hatte . Richmond blieb , als er den Herzog von fern hörte , kein Zweifel , in welcher Absicht er komme . Schon im Vorzimmer hörte er das Bestreben , den dienstthuenden Kämmerer zu ängstigen und die Miene sorgloser Unbefangenheit anzunehmen . Nun , mein Kind , rief er dem alten Manne entgegen , wie steht es da drinnen ? Bist Du ungestört auf Deinem Platze geblieben ? Befand sich mein königlicher Herr ganz wohl diese Nacht ? Ohne die leise Antwort zu beachten , fuhr er fort : Ich hoffe den alten Herrn durch meinen frühen Besuch , den er nicht mehr erwartet , angenehm zu überraschen . Sieh , ich hatte Clervon mit seiner Harfe schon um sechs Uhr an meine Thür bestellt , um , so erweckt , in der rosigsten Laune von der Welt mein erstes Frühstück unter Jakobs Pantoffeln und ledernen Nachtwämsern zu verzehren . Na , so lache doch , bin ich denn nicht sehr spaßhaft , Alter ? Sehr , sehr , Euer Gnaden ! stotterte der alte Mann , von Buckinghams Hand sich etwas erleichternd , die , wie eine eiserne , den alten Mann fast zu Boden drückte . Nun , nun , lachte Buckingham , geh und laß Dir einen Morgentrank geben ; die Zunge klebt Dir am Gaumen . Oeffne mir die Thür , ich will Dich nicht aufhalten . Dies war das , was der alte Mann nicht durfte , denn der König hatte ihm sagen lassen , sie nicht früher zu öffnen , als bis er es ihm befehlen ließe . Seine Majestät - stammelte der alte Mann . Es ist schon gut , schrie Buckingham mit steigender Wuth , denn er wußte nun , daß ihm der Eingang versagt war ; schon gut , ich brauche Deinen Bericht nicht mehr , öffne mir die Thür , der König wird mir selbst das Weitere sagen . Eben Seine Majestät haben jeden Eingang verboten . - Verboten ? lachte Buckingham , ja , ganz recht ; aber was , denkst Du , daß mich das angeht ? - Seine Majestät haben keine Ausnahme befehlen lassen . - So will ich Dir über Deine Bedenklichkeiten weghelfen ; aber ich werde es Dir gedenken , daß Du mir gegenüber sie haben konntest ; und fort schleuderte er den alten Mann und stieß mit den Füßen die Thür auf . Voll Erstaunen gewahrte er hier die nächste Thür wieder bewacht , und das von seinem Widersacher vom vergangenen Tage . Dies überstieg seine Erwartung . Wer zum Könige gekommen , wußte er nicht , nur , daß der Marquis mit im Spiele sei , ahnete er , ohne sein Interesse für Bristol möglich zu halten . Bei Richmonds Anblick durchzuckten ihn zuerst unbestimmte Ahnungen , worüber er sich nähere Aufklärung zu verschaffen entschlossen war . Ohne Richmonds Stellung zu bemerken , ging er auf die Thür zu , als könne ihm kein Widerstand begegnen . Als er im Begriff war , die Hand an das Schloß zu legen , trat Richmond vor . Herr Herzog , sprach er , sich verneigend , der König hat für Jedermann den Eingang untersagt . Der Herzog trat zurück und betrachtete spöttisch den Grafen . Ach , sagte er , sich verneigend , ein neuer Page ? Ja so , das wußte ich nicht ; gab man Dir gestern Abend die Achselbänder , daß Du heute Morgen noch so laut krähst ? Sieh Kind , Du bist neu , darum habe ich Lust , Dir einen Rath zu geben : Ich bin der Herzog von Buckingham , für mich existirt nie ein Verbot der Art , als Du auswendig gelernt . Ich kenne den Herzog von Buckingham , sprach Richmond kalt , und habe ihn nicht nöthig zu erinnern , daß ich Degen und Sporen führe , also nicht Page bin . Aber beauftragt bin ich von Seiner Majestät , hier auch für den Herrn Herzog von Buckingham keinen andern Bescheid zu haben , als den vernommenen . Ich will Euch der Verantwortlichkeit überheben , diese Thorheit zu wiederholen , sagte Buckingham erbittert ; ich befehle Euch zurück zu treten , ich verlange den Eingang zum König . Der Herr Herzog sind zerstreut , erwiederte Richmond , hier ist nicht Buckinghams Palast , hier ist Whitehall , und dieß sind die Gemächer des Königs , worin nur ein Wille gilt , den ich Euch genannt , und den ich zu vertreten habe . Was ist das ? schrie Buckingham jetzt auf , soll das Wahrheit sein ? In diesen Räumen , vor dieser Thür , wagt ein Knabe mir den Weg zu verwehren ? Ich bitte Euch , Herr Herzog , rief Richmond schnell und warm , mäßigt Eure Ausdrücke , daß sie ein Edelmann ertragen kann , der wehrlos gemacht ist durch den Dienst für den König . - Und Ihr haltet es für möglich , im Dienst des Königs mir mit einem Worte entgegen sein zu dürfen . Ihr glaubt , Euer Wort , das Wort von ganz England , die Worte der Welt , die Worte des Königs und aller Könige der Erde würden Buckingham hier wegtreiben , wenn er einzutreten denkt ? Noch einmal , verlaßt diesen Platz und hindert keinen Augenblick länger mich in meinem Vorsatz , oder , bei Gott ! Ihr werdet es bereuen in Eurer Unwissenheit , wie ich noch zu Eurer Entschuldigung es nehmen will , hier gewesen zu sein ! - Entschuldigt mich mit nichts , Mylord , entgegnete Richmond , als mit meinem Willen , hier auf diesem Platz zu bleiben ; ich will von Euch nicht entschuldigt sein , denn ich bedarf es nicht ! Ha , Trotz ! rief Buckingham , Du stößt die Nachsicht zurück , die ich habe , so fühle denn ! Wüthend rannte er gegen die Thür und schlug mit dem Griff seines Degens auf das Schloß . Aber eben so sicher und gewandt unterlief Richmond den Herzog , und hielt ihn ruhig und eisern mit steifem Arm von der Thür ab . Zieh und vertheidige Dich ! schrie Buckingham , seinen Degen ziehend ; aber Richmond löste sein Degengehänge und schleuderte es mit dem Degen in die Mitte des Zimmers . Ich versprach , nicht zu ziehn , sagte er fest , jetzt steht es Euch frei , einen Mord zu begehen ; aber dieser erst eröffnet Euch den Eingang . Er schlug seinen Mantel von einander und stand so mit unbeschützter Brust vor Buckingham , der von so viel Festigkeit einen Augenblick überrascht ward , aber dann , von dem Gedanken des Widerstandes wie wahnsinnig gemacht , gegen die Thür und Richmond rannte . Buckingham war für einen Riesen an Kraft bekannt , und der Jüngling hatte seine volle Gewandtheit nöthig , den Herzog zu pariren und seinen Posten zu behaupten ; doch im selben Augenblick öffneten sich von Innen die Flügel , und der Prinz von Wales zeigte sich in der offenen Thür . Im Namen des Königs Frieden ! rief er dem erbosten Herzog entgegen und winkte ihn zurück , der auf nichts sinnend , als die Thür zu erreichen , sich sogleich hineinwerfen wollte . Der König , Herr Herzog . fuhr der Prinz gegen Buckingham fort , ist erstaunt , Euch noch in London anwesend zu hören ; er hatte geglaubt , daß die gestrige Audienz keinen Zweifel über Eure schnelle Abreise zuließe . Seine Majestät , entgegnete Buckingham überrascht , wird den Wunsch nicht verkennen , ihn noch ein Mal zu sehen , und da seine Majestät schon so früh Audienz gaben , setzte er höhnisch hinzu , den Marquis und Bristol hinter dem Prinzen gewahrend , durfte ich nicht zweifeln , auch ich würde empfangen worden sein , hätte hier nicht ein Unberufener die Rolle eines Thürwarts übernommen . Des Prinzen Auge streifte an Richmond , der sich tief verneigte . Dies hat mit dem Wunsche des Königs für Eure glückliche Abreise nichts gemein , sagte der Prinz , ich füge den meinigen hinzu und hoffe Euch unter glücklichern Umständen wieder zu sehn . Buckingham erstarrte vor Wuth . Er hatte die Anwesenheit des Prinzen nicht gewußt , er wagte nie , ihn so zu reizen , wie den König , da der Prinz seine Würde wohl kannte und sie , war er einmal entschlossen , vollkommen zu behaupten verstand . Auch legte der Marquis ihm Zwang auf , und nur sein lang genährter Uebermuth konnte ihn noch an Widerstand und Bosheit denken lassen . Ich weiß die Befehle dieses Mundes zu achten , hob er an , und bitte nur um die Gnade , mich in dem Schutze des Herrn Marquis wegbegeben zu dürfen , da ich in Wahrheit mir keine bessere Sicherheit in diesem von jungen Raufbolden bewachten Palast denken kann . Dies soll Euch gewährt sein , sprach der Prinz sehr ernst . Herr Marquis , ich entlasse Euch ! Mylord von Bristol lebt wohl ! Ich denke , wir werden uns wiedersehn . Seid indessen sicher , daß ich die Worte meines königlichen Vaters nicht überhört habe , und Ihr , Lord Richmond , folgt Eurem Verwandten . Ich verkenne nicht , daß Ihr die ersten Zierden eines männlichen Karakters , Muth und Mäßigung , in sehr jungen Jahren heute vereinigt habt . Nehmt Euren Degen auf , Ihr wußtet besser , wo er in dem Palast des Königs hingehört . Herr Marquis , wir werden den Grafen von Bristol mit unserm Gefolge aus Euerm Palaste abholen lassen , und er mag sich dann desselben bis zu seinem eigenen Schlosse bedienen . Der Prinz grüßte stolz und ging voran durch die jetzt mit Hofleuten angefüllten Säle , gefolgt von den so mühsam bezähmten Parteien ; er hielt , den Herzog grüßend , den Marquis mit einigen Worten zurück , bis jener mit seinem Gefolge über den Schloßhof sprengte . Noch saß die Herzogin von Nottingham , nachdem sie sich für die Nacht zurückgezogen hatte , träumend der allmälig sinkenden Glut ihres Kamins gegenüber und suchte der Sorge zu wehren , die für den geliebten Vater , je länger , je mehr ihr Herz erfüllte . Da öffnete sich die Thür hinter ihrem Rücken ; herein trat Lord Bristol und weckte die Sinnende mit leis aufgelegter Hand . Es war eine ernste , tief empfundene Freude der beiden schwer Geprüften , und Lord Bristol fühlte erst recht den Umfang des Erlebten in der Mittheilung an seine Tochter . Ich bin für immer von meinem königlichen Herrn geschieden , Arabella , so schloß er seine lange Erzählung , aber das Schwerste war mir , ihn von sich selbst geschieden zu sehn ! Und der Prinz ? sagte die Herzogin , an die Zukunft denkend . - Gott wird geben , daß seine ausgezeichneten Eigenschaften sich selbst zu ächter Thätigkeit überlassen bleiben , dann wird mein Vaterland zu beneiden sein . Ich selbst , Arabella , setzte er hinzu , ich werde in ihm nicht den Erben des Wohlwollens finden , welches Jakob zu meinem Freunde machte . Doch laß uns diesen trüben Gegenstand beendigen , ich habe Dir Freundlicheres vorzutragen . Anna Dorset bittet durch mich um Deinen Segen ! Sie ward in derselben Stunde , als ich London verließ , die Gemahlin Deines Sohnes . Daß Du mir diese Ueberraschung zugedacht , that mir wohl . Der Anblick eines glücklichen Familienkreises , worin wahrhaft menschliche Tugenden walten und ungestört sich entwickeln dürfen , ist der Balsam , der Noth thut , wenn der größere Schauplatz menschlicher Thätigkeit ein trübes Bild böslich sich durchkreuzender Leidenschaften darstellt . Darum , erwiederte die Herzogin , ist tugendhafte Behauptung des Rechts und der Ordnung im Schooße edler Familien so wichtig , weil aus ihnen die einzelnen Geister hervorgehn , die in das äußere Gewirre kleinlicher Interessen muthig eingreifen und ihrer Zeit den Karakter aufnöthigen , der das erdrückte Gute wieder belebt . Mit sicherer Hoffnung sehe ich auf die eben geschlossene Verbindung meines Sohnes ; er wird den ehrwürdigen Namen , den er trägt , in der Ehe mit einem Wesen , wie Anna Dorset , würdig fortpflanzen und seinem Vaterlande ein Repräsentant alt-adeliger Ehre und Sitte sein . - Ich habe die beste Meinung von meinem Enkel und freue mich seiner Nähe ; denn Du darfst sie erwarten , sie sehnen sich nach Deinem Segen . Ollony wird sie begleiten , und einige Wochen später denkt die Gräfin Dorset mit Lord Ormond ihnen zu folgen . - Und Richmond , fragte die Herzogin , darf ich ihn nicht erwarten ? - Richmond , erwiederte der Lord , scheint vorläufig ein anderes Interesse zu verfolgen , welches näher , als in einigen Andeutungen , zu erfahren , weniger Mangel an Vertrauen zu mir war , als es in unserer ungemein gedrängten Zeit lag . So viel ist gewiß , daß der edle Jüngling sich für gebunden hielt in allen eignen Wünschen und Handlungen , ehe erreicht war , was ich zu meiner Ruhe gewünscht . Ich habe dies errathen können und muß die edle Hingebung , die er mir bezeigt , um so mehr verehren , da jenes Andere kein unbedeutendes Interesse haben kann , indem er augenblicklich , nachdem ich mich befriedigt erklärt , sich ihm ausschließlich hingab . Er sendet Dir die ehrerbietigsten Grüße und läßt Dir sagen , daß Lord Membrocke plötzlich bei Hofe erschienen sei , und von ihm und Lord Ormond zur Rechenschaft gezogen , ihnen die Ueberzeugung gegeben habe , daß das Fräulein von Melville nicht mehr in den Händen des Lords sei , daß der Lord selbst aber nichts von ihr zu sagen wisse und in Bezug auf die ganze Sache die Verstimmung über einen gescheiterten Plan zeige ; daß er von unbekannter Hand eine Art von Notiz über ihr ferneres Schicksal erhalten , die er zu verfolgen denke , und nicht ruhen werde , bis er Dir über Deine Schutzbefohlene gute Nachricht bringen könne . Mein Sohn , fuhr die Herzogin mit schneidendem Tone auf , hätte , denke ich , abwarten können , bis meine Befehle ihn zum Ritter dieser Dame kreirt hätten . Mit Erstaunen und Unwillen sehe ich ihn aus eignem Willen eine Angelegenheit wieder aufnehmen , die ich für beendigt erklärt habe . - Meine Tochter , unterbrach sie der Lord mit einem sanften Lächeln , wir dürfen nie übersehen , daß eine Zeit für unsere Kinder eintritt , wo sie , von den Tugenden der Aeltern zur Entwickelung getrieben , diese erreicht haben und sich als selbstständig erkennen . Die Zeit tritt dann am entscheidendsten hervor , wenn das Herz von der gewaltigsten Macht über die Menschen ergriffen wird , ich meine , wenn die Liebe zuerst ihren Einzug hält . Großer Gott ! rief die Herzogin mit der ihr eigenen Heftigkeit , ich will nicht hoffen , mein Vater , Ihr sprecht von einem vorliegenden Falle ! Nein , Ihr habt nur im Allgemeinen bemerkt , nicht Richmond wähnt Ihr in diesem Falle , von ihm glaubt Ihr dies nicht ! - Und wenn ich eben ihn bezeichnet hätte , liebe Arabella , was erschreckt Dich daran so heftig ? Unmöglich kann Richmond eine unedle Wahl treffen , Melville ist ein alter Name , er nennt sie Deine Schutzbefohlene , er verweist mich an Dich , um über ihren Werth , ihre Tugenden Auskunft zu erhalten . Robert spricht mit Entzücken von ihr ; er treibt den Bruder zur Thätigkeit , - wie ? Legt dies nicht Alles ein gutes Zeugniß für sie ab ? - Laßt das , bester Lord ! sagte die Herzogin mit bebender Stimme und bleicher Stirn , laßt das und sagt , ich beschwöre Euch , sagt , was Ihr glaubt , ob Richmond eine solche Neigung bekannte , oder ob Ihr sie wahrgenommen ? - Richmond ist zart , fast jungfräulich in seinen Aeußerungen , aber dennoch glaube ich , er liebt das Fräulein , und Robert hat es mir bestätigt , und sein heißester Wunsch scheint diese Verbindung . Doch was ist ' s mit dieser jungen Person ? und Gott ! weshalb erschüttert Dich dies so heftig , meine Tochter ? - Die Herzogin hatte sich bei den letzten Worten des Lords erhoben , sie wollte ihre Verzweiflung dem väterlichen Auge entziehen , aber es strömte ein solches Uebermaaß von Schmerz und bangen Gedanken auf sie ein , daß sie nicht fähig war , Fassung zu behalten . Sie stützte sich betäubt auf die Lehne ihres Stuhles , unfähig , ein Wort auf die dringenden und besorgten Bitten des Vaters zu erwiedern . Mühsam wehrte sie endlich seinem Forschen mit der Bitte um Ruhe , und diese ihr als nothwendig erkennend , eilte der Lord , Mistreß Morton herbei zu rufen . Wir haben Lord Richmond , seit seiner letzten Anwesenheit in London , nur in öffentlichen Beziehungen wiedergefunden und kehren um so lieber zu ihm zurück , da uns durch die eben erwähnte Mittheilung des Grafen Bristol eine Andeutung über ihn zukömmt , die wir um so lieber verfolgen , da sie uns wieder mit unserer eigentlichen Schutzbefohlenen in Verbindung zu bringen scheint . Als er eines Abends spät nach dem Palaste seines Bruders zurückkehrte , meldete man ihm , es harre auf ihn ein Fremder , der nur ihm selbst seinen Namen sagen wolle . Richmond begab sich nach seinen Zimmern , und alsbald führte man den Fremden vor , der durch seinen würdigen Anstand , wie durch seine Kleidung sogleich den Geistlichen der herrschenden protestantischen Kirche verkündigte . Sein freundlich ernstes Gesicht und der ruhige Aufblick seiner Augen nahmen sogleich Lord Richmonds Theilnahme in Anspruch , und dieser führte ihn selbst in seine innern Zimmer , ihn hier verbindlich zu seinen Mittheilungen einladend . - Ich weiß nicht , Mylord , ob ich die Angelegenheit , die mich zu Euch führt , eine eigene oder eine fremde nennen soll ; gewiß aber bin ich dazu berufen , mich derselben mit allen meinen Kräften anzunehmen . Mein Name ist Brixton und Euch vielleicht in Bezug auf eine junge Dame nicht unbekannt , deren sich Eure verehrungswürdige Familie auf das Gnädigste angenommen hat . - Brixton , rief Richmond freudig überrascht , Ihr seid derselbe würdige schottische Geistliche , an den uns Lady Melville verwies , um näheren Aufschluß über ihre Verhältnisse zu erhalten ? - Derselbe , Mylord , entgegnete Brixton , der durch die unglücklichste Verflechtung von Umständen , durch eine lange Abwesenheit in Irland , an der großen und heilig gelobten Pflicht verhindert ward , dem Fräulein allen Beistand zu leisten , den ihre höchst unerwartete Lage nöthig machte . Erst als ich wieder in Edinburg war , erhielt ich die Briefe , welche man mir nachzusenden bei der Unstätigkeit meiner Reise für unmöglich gehalten hatte , zugleich aber die Erlaubniß meines ehrwürdigen Bischofs , mich nach Godwie-Castle selbst zu begeben . Hier stockte er und eine flüchtige Verlegenheit zeigte sich auf seinem Gesichte . Sodann fuhr er mit Höflichkeit fort : Ich habe die Ehre gehabt , die Frau Herzogin selbst zu sprechen , und von ihr die niederschlagende Nachricht erhalten , daß dies unglückliche verlassene Fräulein einen Schritt gethan hat , der sie nicht allein der Mißdeutung aussetzt , sondern wahrscheinlich auch in die unglücklichsten Verhältnisse gestürzt hat , wenn nicht bald etwas zu ihrer Rettung geschieht . Es gab eine Zeit , an die ich mit Schmerz als eine vorübergegangene denke , wo alle Macht und alles Ansehn der erlauchten Familie Nottingham sich vereinigt haben würde , um diese Rettung zu beschleunigen . Ich mache der Frau Herzogin aus ihrer Weigerung keinen Vorwurf ; ich konnte mich ihr nur mit halbem Vertrauen mittheilen , da ich durch frühere Versprechungen gehindert bin , mich über das ganze Verhältniß der jungen Dame genügend auszusprechen ; ich mußte daher auf eine Theilnahme rechnen , die sich vielleicht für sie hier vorfand , auf ein Vertrauen , welches mir , dem Fremden , um dieses Kleides willen vielleicht geschenkt ward . Frauen sind zu einer größeren Vorsicht bei Verschenkung ihres Vertrauens berechtigt ; auch sind die eignen Familienangelegenheiten ganz geeignet , das größere Interesse der Frau Herzogin in Anspruch zu nehmen . So habe ich allerdings sehr wenig Erläuterndes über den unglücklichen Schritt des Fräuleins erfahren können . Ich mußte mich darein finden und that es um so eher , da mir eine Reise nach London jedenfalls den Schutz zu gewähren verhieß , dessen ich bedurfte . Die Sache hatte sich hier jedoch anders gestaltet . Unfähig , die Personen zu erreichen , die ich als hülfreich kannte , bin ich von einer mir verborgen bleibenden Partei in allem , was ich vorhabe , beobachtet und gehindert ; ja , ich habe Ursache zu glauben , daß selbst meine persönliche Sicherheit gefährdet ist . - Sir , rief hier Richmond , dessen anschwellendes Herz aufathmete , diesem Manne , der wahrscheinlich in Godwie-Castle keine freundliche Aufnahme erfahren hatte , und der ihm doch so über Alles hinaus wichtig erschien , sein Wohlwollen bezeigen zu können , nehmt denn vor Allem den Schutz an , den dies Schloß und der Name Nottingham zu leihen vermögen ; mein Bruder , der diesen Namen von seinem verehrungswürdigen Vater erbte , trägt ihn nicht mit minderer Ehre . Freundlich sich neigend nahm der Geistliche diesen Antrag auf . Ich kann nicht läugnen , daß Eure Güte die Bitte erfüllt hat , die ich um so sicherer an Euch thun wollte , als ich mich selbst , setzte er lächelnd hinzu , für wichtig erklären muß ; doch , fuhr er ernster fort , ein Blättchen vorzeigend , ich hatte nicht den Muth , das Interesse Eurer Familie so fortdauernd in Anspruch zu nehmen , glaubte aber in einer unsichern Lage den von einem Unbekannten und anscheinend Wohlwollenden mir angezeigten Weg nicht verschmähen zu dürfen . Kennt Ihr die Handschrift ? Richmond nahm das Blättchen . In unorthographischer Schrift stand darauf : » Eure persönliche Freiheit ist bedroht , sucht das Palais der Nottinghams auf , Lord Richmond wird Euch Schutz verleihen . « Sonderbar ! rief Richmond , wer kann Eure Sicherheit bedrohen ? Habt Ihr darüber Vermuthungen ? - Ich kann in diesem Augenblicke nicht darüber urtheilen , Mylord ; es ist so Vieles , so Unerwartetes in meiner Abwesenheit geschehen , daß ich nicht im Stande bin , zu übersehen , welche Ausdehnung dadurch ein Mitwissen um Verhältnisse erhielt , die bisher wohl berechnet in ein wohlthätiges Dunkel gehüllt waren . - Und gehen diese Verhältnisse die junge Dame ausschließlich an , die sich Eure Schülerin nannte ? fragte Richmond . - Sie war bis zu dem entsetzlichen Augenblicke , der sie plötzlich aller ihrer Stützen beraubte , der Gegenstand der zärtlichsten Sorgfalt und Liebe , der stolzesten Hoffuungen , der glücklichsten Aussichten für die Zukunft ; und alle , die sie kannten , fühlten sich durch Pflicht und Liebe berufen , ihr die größte Verehrung zu weihn . Ach ! ich bin in diesem Augenblicke der einzige , der von so vielen und würdigen Personen ihr geblieben ist . Aber es lebt noch außer mir ein Wesen , bestimmt , ihr Schutz zu sein von Gott und Rechtswegen , und dies zu erreichen , ist die Absicht meines Hierseins . - Ihr sprecht von dem Oheime des Fräuleins , den wir vergeblich getrachtet haben ihr wieder zu finden , nach dem sie sich unablässig sehnte . Sagt , Sir , habt Ihr ihn entdeckt , lebt er hier , und können wir uns mit ihm vereinigen , das Fräulein aufzufinden ? - Wie sehr beklage ich , Mylord , Euerm wahren und aufrichtigen Eifer nicht mit dem vollen Vertrauen begegnen zu können , von dem ich mich zu Euch durchdrungen fühle ; aber , mag es zu Anfang unserer Bekanntschaft gleich ausgesprochen sein , daß ich Euch auf alle Fragen die Antwort schuldig bleiben muß , wenn sie gegen Verpflichtungen streiten , die ich nicht aufzuheben vermag . Könnt Ihr Euch entschließen , mir ohne dies Euer Vertrauen zu schenken , könnt Ihr Euch mit mir vereinigen , wo ich Hülfe bedarf , zur Rettung der unglücklichen jungen Dame , so darf ich Euch bei der Würde meines Amtes schwören , Ihr weihet Beides keiner unedeln Sache , vereinigt Euch mit keinem Unwürdigen . - Genug , Sir ; ich achte Eure Zurückhaltung und werde stets nur das Vertrauen von Euch verlangen , was sich mit jenen früheren Verpflichtungen verträgt . Glaubt indessen nicht , daß wir so schnell das Fräulein aus den Augen verloren . Ihr Weg ist verfolgt worden von einer Person , auf deren Treue wir uns verlassen konnten , und sie ist , von Lord Membrocke getrennt , in einem Schlosse in Nordhampton zurück gelassen worden , während der Lord seinen Weg allein fortgesetzt hat , doch zur Zeit noch nicht in London eingetroffen ist , wo er indessen von seinem Freunde , dem Herzog von Buckingham , erwartet wird , da er auf der Liste der Kavaliere steht , die dem Herzog nach Frankreich folgen werden . Mein Diener ist übrigens dem Lord Membrocke gefolgt , bis er von dem Aufenthalte des Fräuleins zu entfernt war , um seine Rückkehr dahin erwarten zu können . Unbezweifelt ist jedoch , daß auch dort ihre Gegenwart mit der größten Sorgfalt verhehlt wird , da es ihm bei seiner Rückkehr sogar nicht möglich ward , über die Anwesenheit der Lady die geringste Spur zu erhalten , viel weniger sie selbst zu sehen . Die Angelegenheiten meiner Familie legten mir eine Verpflichtung auf , die mich an London band ; sonst würde ich viel früher geeilt haben , die Spur zu verfolgen , die wir dadurch gefunden , und die mich wenigstens in der einen Beziehung beruhiget , sie nicht mehr in Lord Membrockes unmittelbarem Gewahrsam zu wissen , obwol ich ihn noch dabei im Spiele glauben muß , da der Edelmann , der Besitzer jenes Schlosses , ein Vertrauter des Herzogs von Buckingham ist . - Des Herzogs von Buckingham ! rief mit sichtlicher Ueberraschung Master Brixton . Wie ? Hat der Herzog Kunde von dem Fräulein ? Glaubt Ihr , Mylord , daß Lord Membrocke blos als Agent des Herzogs handelte ? Ich muß dies dahin gestellt sein lassen , erwiederte Richmond , doch rechne ich es mehr der verliebten Thorheit Membrockes zu , womit er das Fräulein , obwol Anfangs sehr zu ihrer Mißbilligung , verfolgte . Anfänglich ? erwiederte Brixton . Zweifelt nicht ; dieser Thorheit , wie Ihr es richtig nennt , unterlag die Lady auch später nicht , wie Ihr anzudeuten scheint . Auf eine andere Weise hat man sie zu diesem Schritte veranlaßt . Ich kenne sie zu genau , um nicht zu wissen , daß dringende Anforderungen an sie ergangen sein müssen , sie zu diesem gehässigen Schritte zu bewegen . Sir , rief Richmond bewegt , Ihr habt ein so festes Vertrauen ! Denkt Ihr auch ihrer Jugend , ihrer leicht gereizten heftigen Natur ? Diese Quelle ihrer eigenthümlichen Seelenschönheit ist zugleich einer Frau so verderblich , führt sie so leicht über die Grenzen hinaus , ach , die sie nicht mit ihren Augen überschreiten darf , ohne in Gefahr zu sein . Ich ehre Euer feines Gefühl für die heilige Atmosphäre der Sittlichkeit , worin Ihr die weibliche Ehre einhüllet , und theile diese Ansicht ganz , erwiederte Brixton ; aber Lady Maria ist die schönste Mischung kindlicher Unschuld und eines starken Bewußtseins von Recht und Unrecht ; sie hat für ihre Jugend eine Selbstständigkeit des Karakters , die man nur begreift , wenn man ihre Erzieher und den Zweck ihrer Erziehung kennt . Es ist wahr , Mylord , sie gehört nicht zu den schönen bewußtlosen Seelen ihres Geschlechtes , die aus dem Bereiche einer rein gebliebenen Empfindung alles unwillkürlich entfernt halten , was sie verletzen könnte , instinktartig sich bewahren und eine schöne ehrenwerthe Erscheinung bleiben . Lady Maria ist mit Absicht geweckt und zum Bewußtsein geführt worden . Was wahrhaft rein und vor Gott beständig ist , hat sie scheiden lernen von dem leeren , inhaltlosen Formenwesen , wohinter verkrüppelte Seelen sich mit allen Ansprüchen auf Achtung zu flüchten vermögen , und wobei das reinere und höhere Gefühl des Menschen oft mit erdrückter Ueberzeugung dem Banne der tyrannischen Gewalt unterliegt . Sie steht mit dem Maaße ihrer Hingebung oder Versagung stets vor dem Throne einer großen Idee , die , rein entwickelt , stets unerreichbar , sie demüthig erhält vor Gott , kalt und völlig abweisend gegen die von anderswo kommenden Weisungen der Menschen