, billige , darzustellen wußte . Und in dieser Absicht regte er auch besonders junge Leute auf , sich zu überheben , die ihnen gezognen Schranken zu verkennen , natürliche , ihnen gemäße Lebenslose mißzuschätzen , so sich innerlich zugrunde zu richten , und sich zu einem gärenden Stoffe der Zeit zuzubereiten . Das war endlich der Grund , warum er Hermann in so törichte Pfade verlockte . Auch er sollte ein Opfer dieser Künste werden , die Herde der Mißvergnügten , Zerstörten mehren . Ach , mir entsinkt die Feder ! Ich habe das dunkle Bild entworfen , erlaßt mir , es auszumalen ! Nur so viel noch . Seine eignen Andeutungen und einige Blätter , welche er mir in ausforschender Absicht , wie ein Spiel des Witzes , übergab , liehen mir die Züge dar . Die Schrift war nach Art und in der Form des » Fürsten « abgefaßt , und hieß : » Das Volk « . Er hatte , wie Machiavell , darin eine finstre Theorie nach allen Richtungen kapitelweise behandelt . Genug ! Genug ! - O , und doch ist das Schlimmste noch zurück ! - Wirst du es denn glauben , junge arglose Seele , die du diese Bekenntnisse liesest , daß wir unsre Brust , heißer Liebe voll , an die Brust eines Mannes legen , und daß er , kalt berechnend , während der Umarmung uns zu einem Hebel in dem Getriebe seiner Entwürfe , zu einem Werkzeuge ausersehen kann ? Es ist fürchterlich , sich an dem Gefühle einer Frau zu versündigen , denn der Frevler tötet darin ihren Gott ! - Tausendmal ist es gesagt worden : Wir haben nichts als die Liebe , aber es geht damit , wie mit allen uralten Wahrheiten ; niemand achtet ihrer . Zwar merkte ich an Medon , als es ihm gelungen war , mein Herz zu überwältigen , oft eine gewisse Unruhe , ein Zerstreutsein , was wie Kälte aussah , aber ich schob diese Dinge auf Verwicklungen , aus früherer Zeit herrührend , auf das Unbehagen , welches auch ihm das Haus des Herzogs erregte , auf momentane Stimmungen , auf das Gefühl des Nichtbefriedigtseins endlich , wovon ausgezeichnete Menschen immer von Zeit zu Zeit heimgesucht werden . Wie hätte ich in meiner Hingebung und bräutlichen Trunkenheit die Wahrheit ahnen können ? Aber als wir die Ringe gewechselt hatten , als ich sein Haus teilte , und nun Einrichtungen getroffen wurden , welche auf die Absicht einer Sonderung aller Lebensverhältnisse schließen machten , als er sein Zutraun still und höflich zurückzog , die Zeichen und Beweise freundlicher Neigung immer sparsamer und erzwungner wurden , überhaupt unsre Ehe nach und nach die Gestalt eines gewöhnlichen Konvenienzbündnisses unter abgeflachten Personen der höchsten Stände annahm , ohne daß von meiner Seite diese Wandlung durch etwas andres verschuldet war , als durch wachsende Innigkeit , und steigende Sehnsucht , im Hause mein Alles zu finden , da befiel mich ein Grauen , ich fing an zu argwöhnen , daß ich schwer hintergangen sei , und fühlte die Notwendigkeit , einem schlimmen Geheimnisse auf die Spur zu kommen . Was mich am meisten erschreckte , war die Art , wie Medon sich gegen mich vor andern benahm . Unsre Zimmer hatten sich nach und nach mit den bekanntesten Personen der Hauptstadt gefüllt , ein glänzender Kreis umgab uns , der mir wohlwollend und achtungsvoll begegnete . Medon erschöpfte sich vor diesen Zeugen in Aufmerksamkeiten gegen mich . Aber sobald die Menschen uns verließen , sobald die Kerzen ausgelöscht wurden , verschwand auch er , und barg sich in seinen Gemächern . Ich hatte mir anfangs vorgenommen , ihn zu beobachten , insgeheim zu forschen und den Falten seiner Seele nachzuspüren . Bald aber verwarf ich diese kleinlichen Mittel als meiner unwürdig , und erkannte , auf welche Weise es sich einzig und allein für mich zieme , in dieser Sache zu verfahren . Eines Tages , da ich mich ruhig genug glaubte , erklärte ich Medon zwar mit zitternder Stimme , aber durchaus fest und gesammelt in mir , daß mich sein Wesen befremde , daß es nicht das eines Gatten sei , und daß er mir die Wahrheit zu sagen habe , welche ich sofort , ganz , im unumwundensten Geständnisse von ihm verlange . Die Kraft der Unschuld und des Rechts muß wohl sehr groß sein , da sie selbst das schwache Weib zur Meisterin des starken Mannes macht . Medon , der sonst jeglichem standhalten konnte , ward durch meine Anrede überwunden . Zwar versuchte er , mir in ausweichenden Antworten zu entgehn , als ich ihm aber erklärte , daß ich diese verwerfe , vielmehr fordre , er solle seine Pflicht erfüllen , und als meine Augen , welchen die himmlischen Helfer in dieser schweren Stunde weichliche Tränen fernhielten , nicht abließen , ihm , der unruhig hin und her ging , zu folgen , so brach seine Fassung zusammen . Er stürzte mir zu Füßen , barg die errötenden Wangen in meinen Händen , und stammelte , so demütig niedergebeugt , seine Bekenntnisse . Er gestand mir , daß er mich nie geliebt habe , daß er überhaupt keine Frau werde lieben können , weil sein Haupt gänzlich von dem öffentlichen Interesse eingenommen sei , daß er allerhand Plane mit den Menschen verfolge , daß er aber eingesehen habe , wie niemand selbständig auf viele wirken könne , der nicht ein Haus mache , weil jeder ledige Mann über kurz oder lang aus dem Mittelpunkte der Beziehungen an die Peripherie gerate , zum Anhange fremder Verhältnisse werde . » Unglücklicher ! « rief ich vorahnend aus , » und deshalb bedurftest du einer Frau , um deren Sofa sich die Gäste versammeln sollten , die ihnen den Tee einzuschenken bestimmt war , du mußtest eine Wirtin für dein Intrigenstück haben . Und so hast du kalt und lauernd mit meinem Herzen gespielt , betrügerischen Glimmer für mein reines Gold gezahlt , welches ich dir aus überströmender Fülle verschwenderisch hinschüttete ! Hast mich mir selbst entfremdet , nicht aus Leidenschaft , nein , wie der Vogelsteller mit süßgiftigem Tone die Nachtigall aus ihrer grünen Laubzelle in seine Netze lockt ! « Er konnte nichts erwidern und nickte nur seine schweigende Bejahung , dann ging er still und gebückt , ohne die Augen vor mir aufzuschlagen . Bald erhielt ich einige Zeilen von ihm , worin er mir sagte , daß , nach dem , was ich nun wisse , er keine Macht mehr über mich haben wolle , und daß es von mir abhange , unser Verhältnis aufzulösen . Ich antwortete ihm darauf , daß man die Frauen in Europa nicht so von Tag zu Tage nehme und entlasse , daß ich überlegen und zu seiner Zeit das Nötige beschließen werde , daß aber vorderhand unsre Scheinehe fortdauern müsse . Diese Entdeckungen waren kurz vor Hermanns Ankunft geschehen . Es hatte sich eine dunkle Nacht über mich und mein Leben ausgebreitet . Seine Erscheinung war der erste Lichtstrahl in dieser Finsternis , sie gab mir wieder die Möglichkeit einer Hoffnung , einer Zukunft . Ich glaube , daß ich nur durch ihn die Stärke zu dem Entschlusse gewonnen habe , den ich nachmals ausführte , als Medon bei der herannahenden Gefahr mich in seine Irrbahn wieder mit fortreißen wollte ; mein Geschick nämlich von dem seinigen durch rasche Flucht für immer abzusondern . Hier schließe ich . So kann eine Frau für die edelsten Regungen büßen . Und von solchem Falle kann sie wieder erstehn . In der freudigen Rührung , die mich immer ergreift , wenn ich meines gewendeten Schicksals denke , werde auch dem Verirrten ein entschuldigendes Wort nachgerufen . Er schläft fern in dem fremden Lande , jenseits des Weltmeeres . Klima und Kummer zehrten ihn dort auf , nachdem seine phantastischen Verbrechen hier gescheitert waren . Er hat schwer gefehlt , es ist wahr . So übel stehn unsre Angelegenheiten nicht , wie er sich einbildete , und seine Denkungsweise war übler , als das Übelste . Aber man erwäge , daß vieles bei uns zusammentrifft , gerade die lebendigen , strebsamen Geister in unheilbaren Trübsinn zu versenken , aus welchem denn auch wohl Frevel der seltensten Art hervorgehen können . IX. Der Herausgeber an den Arzt Sie haben mir durch die Mitteilung der beiden Bekenntnisse große Freude bereitet . Diese Frauen stellen gewissermaßen die Pole der weiblichen Natur dar . Die eine zieht sich keusch in ihr Innerliches zurück und steigert sich bis zu einer krankhaften Zartheit , welche freilich die nächsten Verhältnisse zerstört , ihre Umgebungen unglücklich macht . Die andre , mit heitern Sinnen gegen die Welt gewendet , wird Patriotin aus Lebhaftigkeit . Besonders anmutig erscheint mir Johanna , und es ist gar lieb und schön , wie sie das scheinbar der Frau ganz Widerstrebende in ihrer weichen Brust verarbeitet . Amor , mit den Waffen des Mars spielend , ist ein reizendes Bild , und ähnlich dem Eindrucke , den diese Zusammenstellung erregt , ist die Empfindung , die man hat , wenn man ihre weißen , feinen , schmalen Hände ( bekanntlich die schönsten , welche Gott je in seiner besten Laune einer Frau gegeben ) mit den strengen , geschichtlichen , politischen Begriffen gebaren sieht . Daß sie eine Zeitlang ein Opfer ihrer geistigen Weite und Freiheit werden konnte , ist ebenso tragisch , als anziehend . Der Briefwechsel , wenn er ein wahrer ist , vertritt die Stelle des Gesprächs , und dieses besteht aus Rede und Gegenrede . Lassen Sie mich Ihnen also erzählen , was Sie , damals von * entfernt , nicht so genau wissen können ; wie nämlich Johanna sich herstellte . Der Krieg ist nicht so schlimm , als seine Folgen es sind . Man könnte , wenn man Lust an auffallenden Reden hat , sagen : der Krieg mordet erst im Frieden . Außerordentliche Kräfte ruft er hervor , und in denen , welche die Kugel des Feindes nicht trifft , regt er unendliche Erwartungen an . Wie sollten diese auch geringer sein , da jeder ein Unendliches , das Leben , auf das Spiel zu setzen gewohnt war ? Nun können aber jene Erwartungen auch nicht im entferntesten befriedigt werden ; der schleppende Gang der wieder eintretenden Gewöhnlichkeit hemmt die Seelen und ist doch nicht imstande , sie zu fesseln , dadurch entsteht in feurigen Geistern eine Art von Verzweiflung ohne Gegenstand , welche manchen hinrafft , ohne daß sich eine äußere Ursache entdecken läßt . So viel ist gewiß , die eigentlichen Helden einer denkwürdigen Periode überleben sie selten lange . Zu den Opfern des Krieges im Frieden gehörte unser alter würdiger Freund , der General . Auf seinem Rosse , kühner Reiter , verwegner Reiterführer , war ihm das Leben in jenen unruhigen Zeiten ein tägliches Glücksspiel gewesen . Wo sich ein Widerstand gegen den Unterdrücker auftat , hatte sein Degen geblitzt , so gingen ihm zehn Jahre in der beständigen Abwechselung der Schlachten und Belagerungen , der Nachtund Tagemärsche hin . Seine Locken waren sparsam geworden und erbleicht , aber seine Augen scharf geblieben , als die letzten Donner des großen Völkergewitters in Paris verhallten . Nun kehrte er zurück , Lorbeeren auf dem Haupte , Orden auf der Brust , im Munde des Volks als einer der unermüdlichsten Streiter hoch emporgetragen . Aber wie es zu gehn pflegt , die Menge vergißt sehr bald ihre Begeisterung und erinnert sich derselben erst wieder bei dem Leichenbegängnisse , und die Machthaber werden von großen Verdiensten , die nicht ganz in der Stille geblieben sind , immer nur belästigt . Man lobte ihn , ließ es an leeren Auszeichnungen nicht fehlen , in den wesentlichen Dingen aber fing man binnen kurzem an , ihn zu vernachlässigen . Er wurde so umhergestoßen , wo es eigentlich nichts zu tun gab , endlich schob man ihn sacht beiseite . Der alte feurige Mann wurde nicht sobald dieser gesetzlichen Unbilden inne , als ihn ein tiefer Verdruß ergriff . Zu stolz , sich zu beschweren , schlang er den Ingrimm hinunter , und zehrte dadurch nur noch mehr an seiner Seele . Von Stufe zu Stufe im Mißmute versinkend , hatte er zuletzt weder Hoffnung , noch Aussicht vor sich , und fühlte diesen trostlosen Zustand um so herber , als ein beschäftigtes , zerstreutes Leben ihm die allgemeinen Hülfsmittel , wodurch sich sonst der geschlagne Mensch aufrichtet , nicht zugänglich gemacht hatte . Er verzagte an sich und an dem Vaterlande , und war in dieser trüben Stimmung im Begriff , seinen Abschied zu fordern , und die reinerhaltne , tapfre Kraft als Mietling irgendwo zu vergeuden . Damals kamen Johanna und die Herzogin nach der Hauptstadt , von Ihnen zur Heilung bedenklicher Nervenleiden dorthin gesendet . Nur mit Widerstreben hatte Johanna Ihrem Befehle gehorcht , sie scheute sich , den Ort aufs neue zu betreten , der so manche traurige Erinnerung in ihr weckte . Sie mied Gesellschaften , und konnte selbst von dem Anblicke ehemaliger Freunde schmerzlich berührt werden . Die Herzogin hielt sich ebenso zurückgezogen , man sah beide Frauen nur auf einsamen Spaziergängen , doch auch dort von dem Auge der Neugier beobachtet . Eines Tages konnte ihnen der General , der auch fern von den Menschen zu wandern liebte , einen Dienst leisten . Er empfing den artigen Dank der Damen und versetzte , Johanna scharf ins Auge fassend , daß , wenn ihm Dank für die unbedeutende Gefälligkeit werden solle , er ihn nur darin zu finden wünsche , daß er sie nicht zum letzten Male gesehen habe . Er sprach dies mit der Galanterie eines alten Manns , aber kurz , trocken , soldatisch . Sie , der alle solche Töne zum Herzen dringen , antwortete ebenso entschieden , er möge nur kommen , sie werde sich nicht vor ihm verleugnen lassen . Dem ersten Besuche folgte der zweite , diesem der dritte usw. Aus kurzen Zusammenkünften wurden lange , aus Gesprächen allgemeinen Inhalts vertrauliche Unterredungen . Sie kam dem feurigen Greise mit der Unbefangenheit einer Tochter entgegen , er lebte in ihr , in ihrem adlichen , glänzenden Wesen ein neues Leben . Dennoch blieb er seinem Vorsatze getreu , und entdeckte ihr in einer hingebungsvollen Stunde , daß er entschlossen sei , dem Vaterlande den Rücken zu wenden . Als sie das Nähere von ihm erfahren , und gehört hat , wie dieser edle Charakter mit sich , seiner Jugend und seinen Erinnerungen uneins zu werden im Begriff stehe , ist sie in eine große Bestürzung verfallen , und weder Bitten , noch Tränen sind gespart worden , den verehrten Helden von seinem Vorsatze abzubringen . Er bleibt indessen fest , und fragt bitter , was ihn denn eigentlich in diesem Staate halten solle , wo man seiner nicht mehr bedürfe ? - » Ihre Taten , Ihre Ehre , Sie selbst « , versetzte Johanna . » Die Taten sind getan , meine Ehre nehme ich überall mit hin , und was mich selbst betrifft , so weiß ich kaum , wenn ich die jetzigen Emporkömmlinge betrachte , ob ich der nämliche noch bin , von dem man einmal geredet hat . « - Er geht bis zur Türe , dann wendet er sich , und sagt mit niedergeschlagnen Augen , aber festem Tone : » Es gibt ein einziges , was mich an diesen undankbaren Boden fesseln könnte , und das wäre , wenn Sie , Johanna , sich entschließen möchten , die Tage eines alten Soldaten zu teilen . Meine Seele würde dann eine Beruhigung finden , und die Ungerechtigkeiten zu ertragen vermögen , unter welchen sie jetzt daniedersinkt . « - Ohne eine Antwort abzuwarten , verläßt er rasch das Zimmer . Am andern Morgen empfängt er einen Brief von ihr , worin sie ihm sagt , daß sie keine Leidenschaft für ihn empfinde , aber ihm herzlich ergeben sei , daß sie überhaupt vielleicht nicht mehr in dem Sinne zu lieben imstande sei , wie die Welt dieses Wort nehme , am wenigsten einen Jüngling , daß ihr ganzes Wesen vielmehr seine Erfüllung nur in einem zweiten , reichen , gehaltvollen , durchgeprüften Leben finden könne . Wenn ihm diese Geständnisse genügten , so sei sie die Seine , sobald eine natürliche Lösung ihres früheren Verhältnisses eintrete , denn zu öffentlichen Schritten gegen Medon könne sie sich nicht verstehen . Vor allen Dingen aber habe er zu bleiben und zu haften am Herde seiner Väter und Fürsten . Der alte Held war überglücklich durch diese Zeilen . Er eilte zu ihr , versicherte ihr , daß sie ihm sein Dasein zurückgegeben habe , und daß er nicht mehr an seinen Vagabunden - Einfall denke . Sie habe über die Gestaltung der Zukunft allein zu bestimmen . Hierauf haben beide die Entwicklung der Dinge ruhig abgewartet . Medons Tod machte endlich Johannen frei , und nachdem die Erschüttrung , welche dieses Begebnis in ihr erregen mußte , überstanden war , reichte sie dem Generale ihre Hand . Ihre Seele wurde dadurch völlig hergestellt , ihr Schicksal gesichert . Kein schönerer Anblick , als die beiden hohen Gestalten , die eine unter dem Schnee des Alters blühend , die andre in reifer Fülle prangend , nebeneinander zu sehen . Die liebenswürdige Patriotin hat als Frau ihre Lebensaufgabe gelöst ; indem sie einem verdienten Feldherrn häusliches Behagen gab , erhielt sie ihn bei seiner Pflicht , und leistete dadurch dem Gemeinwesen selbst einen Dienst . Er , sobald er nur wieder fröhlicher und mitteilender wurde , auch von neuem bemerkt , erlebte es , daß man ihn bei einigen Gelegenheiten , die dem Kriege ähnlich sahen , und wo » die hohlen Namen und die Figuranten « es nicht tun wollten , hervorsuchen mußte . Die Scham , welche zuweilen die Menschen ergreift , wenn sie ihrer Verschuldungen sich bewußt werden , brachte es hierauf dahin , daß seine Stellung in der ehrenvollsten Weise geordnet wurde . An seiner Gemahlin hängt er mit der eifersüchtigen Zärtlichkeit eines Liebhabers , und daß an der Seite einer schönen vielumworbnen Frau seine Empfindung etwas von der des Danville hat gibt dem Bündnisse nur noch einen Reiz mehr . Nun aber möchte ich von Ihnen wieder allerhand wissen . Ich müßte mich sehr täuschen , oder Sie denken über den Geistlichen und dessen Verfahren etwas anders , als die gute , fromme Herzogin . Wie erklären Sie ihre Phantasmen , besonders das auf dem Hügel ? Was vermochte sie , an Hermann den harten Brief zu schreiben ? Ließen Sie sich zugleich bewegen , in die Geschichte des Herzogs und Hermanns einzugehen , auch über sich das Nötige beizubringen , so rundeten sich diese Mitteilungen allgemach aus . Die Flut der Offenherzigkeit ist einmal hereingebrochen , das Dämmen hilft doch nichts mehr , lassen Sie sie ungehindert und ganz strömen . X. Der Arzt an den Herausgeber Ja freilich habe ich eine von der Verehrung unsrer lieben Kränklichen verschiedne Meinung über den saubern Heiligen und Priester , der die arme Frau beinahe in das Erbbegräbnis geliefert hätte . Zuvörderst muß ich über ihn anführen , daß der lose Vogel keinesweges so frisch , wie ein neugebornes Kind nach Rom gelangte , was man aus seiner Erzählung von dem hölzernen Hergottswunder , erlebt im Kloster , man weiß selbst nicht recht , wo ? heraushören soll . Vielmehr hatte derselbe zu seiner Zeit , wie man zu sagen pflegt , nichts verbrennen lassen , und die Ehemänner wußten von ihm zu erzählen . Dazwischen war denn allerhand Ästhetik getrieben worden , so daß der ganze Kerl nicht viel über fünfundsiebenzig Pfund wog , als er durch die Porta del Popolo seinen Einzug hielt . Dort über den Sieben Hügeln vollendete der Katholizismus , was die Liederlichkeit angefangen hatte , und brachte ihn einer Nervenschwindsucht nahe , vor welcher ihn ein wackrer deutscher Arzt nur mit Mühe durch die sorgfältigste Kur bewahrte . Sein Geist aber ging unrettbar unter in leistenartigen und sozusagen klebrigen Begriffen . Ob er ein elfenbeinernes Christusbild in einem groben hölzernen Futterale entdeckt , oder dies dem Hermann nur vorgelogen hat , um seine sogenannte Bekehrung nazarenisch aufzustutzen , weiß ich nicht ; ich würde mich aber jedenfalls schämen , von einer solchen groben Handgreiflichkeit meine Wiedergeburt zu datieren . Mir ist alle bewußte und sich vortragende Religiösität in der Gegenwart ein Greuel , denn sie tritt , wo sie sich zeigt , aus dem Rahmen der Kirche , welcher sie angehören will . Sie entbehrt sonach des einzigen Zusammenhangs , durch welchen sie sich als echt beglaubigen könnte . Es gab oder es gibt wenigstens jetzt durchaus keine andre aufrichtig - fromme Menschen , als die es unwillkürlich , und ohne viel Wesen davon zu machen , sind . Wie mich der Anblick des Siechlings , der sich denn auch , um die Sache bis zur Spitze zu treiben , die Tonsur hatte scheren lassen , anwiderte , da ich das Schloß betrat ! - Ich erwartete gleich wenig Gutes von ihm . Dieser unglückselige Mensch hatte sich nach und nach gewöhnt , alles in der Welt unter der Verknüpfung von Schuld und Buße anzusehen , und sich so die große , grenzenlose Mannigfaltigkeit , welche durchaus verlangt , daß man vieles mit leichtem Blicke als gleichgültig und läßlich betrachte , in einen grauen , ekelhaften Brei zusammengerührt , von dem zu dieser Stunde eine Kelle voll als Schuld , und zu der nächsten eine zweite als Buße einzunehmen sei . Die natürlichen Folgen , die zufälligen Ereignisse waren für ihn nicht mehr vorhanden , in jedem Zahn- und Kopfschmerz sah er ein göttliches Strafgericht . Daß ein solcher devoter Taugenichts bei Gelegenheit , wenn es eben an Sünde gebricht , auch wohl darauf ausgehen kann , selbige künstlich zu verfertigen , um wieder Stoff für die Pönitenzmühle zu liefern , haben Sie in seinem Verhalten gegen Hermann , was ziemlich nach Kuppelei schmeckt , richtig geschildert , obgleich Sie sonst den Patron viel zu milde behandeln . Ihm fiel die arme Schwache in die Krallen , als sie sich mit ihren erträumten Gewissenslasten im stillen plagte . Bei Durchlesung und Vergleichung der beiden Bekenntnisse habe ich gefühlt , daß eine , um mich des Ausdrucks zu bedienen , robuste Sittlichkeit diejenige ist , welche uns zu unsrer und andrer Freude durch das Leben geleitet . Auch die Tugend kann kränkeln , scheinbar in ihrer höchsten Blüte vorhanden sein , gleichwohl aber das Geschöpf von einem Irrtume in den andern jagen . Was ist es mehr , daß eine junge verheiratete Frau einige Augenblicke an einen jungen Mann mit größerem Interesse denkt , als an den Gemahl , und wie bald heilen Entfernung , Pflicht und Verhältnisse solche leichte Seelenwunden aus ! Sie zu einem Gegenstande ängstlicher Betrachtung machen , heißt aber , nach und nach dahin arbeiten , unter lauter Pflichterfüllungen , guten Werken und Andachtsübungen Gatten und Haus aufzugeben . Doch trägt die Hauptschuld an der ganzen Wendung der Dinge der neophytische Priester . Wäre er , wie ein unschuldiger Mann und Diener Gottes es getan hätte , tröstend und beruhigend zu der schönen Selbstquälerin getreten , so würde sie sich in seinem Zuspruche bald ausgeheilt haben . So aber stürzte er sich auf ihr wundes Gemüt , wie der Geier auf die Beute , und es ist nicht zu beschreiben , mit welcher kasuistischen Grausamkeit er ihr Inneres zerlegt , der fiebernden Einbildungskraft Schrecknisse aus dem ganzen Gebiete der Möglichkeit vorgeführt , und sie so völlig mit sich uneins , verworren und elend gemacht hat . Unsre Bestürzung können Sie sich denken . Ohne daß irgend etwas vorgefallen war , floh uns , verbarg sich vor uns die geliebte Herrin , welche als belebende Sonne unsern Kreis erwärmt hatte . Das ganze Hauswesen des Schlosses neigte sich einer Auflösung entgegen , denn die Frau bleibt ja immer und ewig die innerste Seele aller der gemütlich - traulichen Beziehungen , welche verschiedne Menschen zwischen vier Mauern zusammenhalten . Der Jammer des Herzogs war groß . Die Liebe zu seiner Gemahlin war vielleicht der einzige recht menschliche Punkt an ihm , da er sonst freilich wohl nur aus Aristokratie und Repräsentation bestand . Nun behandelte ihn diese angebetete Frau mit Kälte , die zuletzt in einen unverhüllten finstern Widerwillen ausging . Nach und nach konnte ich mir aus einzelnen Symptomen wohl zusammensetzen , daß der junge Fremde an den Gewissensskrupeln der Herzogin schuld sein möge , und in einer unvorsichtigen Stunde , in der guten Absicht , mit dem Gemahle einen vernünftigen Heilplan festzusetzen , entdeckte ich ihm meine Vermutung , welcher ich jedoch die Beteurung hinzufügte , daß ich fest , wie von meinem Leben , von der völligen Vorwurfslosigkeit der Büßenden überzeugt sei , und das Ganze nur für eine Folge überstrenger Begriffe halte . Ich hatte aber diese Mitteilung zu bereuen . Denn er , nach seiner Sinnesweise vermutlich unfähig , eine Pein um nichts zu begreifen , ließ mich durch seine schwermütigen Blicke , seine verfallenden Züge , seine gebeugte Haltung schließen , daß er mehr , daß er wahre Fehltritte argwöhnte . Alle Versuche , die Schmarotzerpflanze von dem schönen , schlanken Stamme , an welchem sie sich festgesogen , abzureißen , wurden mit konvulsivischer Heftigkeit zurückgewiesen . Meine Mittel nahm die Kranke , aber was konnten die helfen ? Das beste wäre gewesen , dem geschäftigen Seelsorger eine Dosis Bilsenkraut einzugeben , wozu ich nicht selten , Gott verzeihe mir die Sünde ! bei mir die stille Anwandlung verspürte . Denn wer mir an das Heiligste und Wunderbarste , an den menschlichen Leib , die frevelnde Hand legt , der greift als Feind in des Arztes Gebiet , den hasse ich bis in den Tod . Da nun aber eine Vergiftung sich doch für mich nicht wohl schickte , so ersann ich ein andres , nämlich ein Abführungsmittel . Es war mir bekannt , daß der Oberhirt der Diözese , seine und seiner Kirche Stellung mit Klarheit überschauend , und wohl wissend , daß dem Katholizismus nur noch durch eine heitre Verständigkeit zu helfen ist , trübliche Fanatiker durchaus nicht liebte , und alle Versuche , eine gemachte Devotion und Rigorosität früherer Zeiten wieder hervorzubringen , bei jeder Gelegenheit streng zurückgewiesen hatte . Hierauf mich verlassend , und mit raschem Entschluß meinen Polacken besteigend , war ich nach einem tollen schweißtriefenden Ritte in der Metropole . Im Offizialate angelangt , ließ ich mich zu einem der ehrwürdigen Herrn führen , von dessen derbem naturfrischem Wesen ich viel gehört hatte . Ich fand ihn , seltsam genug , in einer kahlen Arbeitszelle , die kurze Pfeife im Munde , hinter der Flasche und dem grünen Weinrömer , Akten lesend . » Wundern Sie sich nicht « , rief er mir mit heisrem Lachen entgegen , indem er eine dicke Rauchwolke von sich blies , und den Römer füllte , » mich unter solchem Rüstzeuge zu finden ! Den Arbeitern im Weinberge des Herrn wird oft schwach zumute , und sie bedürfen dann leiblicher Erstärkung . « Ich versetzte , daß gerade diese Umgebung mir Mut mache , mein Anliegen vorzutragen , weil ich ihn für einen von denen halte , welche den Herrn in Freudigkeit suchten ; eröffnete ihm darauf , ich sei Doktor und der Leibarzt der Herzogin von * . Die Dame kranke , meine Kur könne aber nicht anschlagen , weil ein andrer , ein Seelendoktor entgegenoperiere . Wie es nun ein Gesetz der Stereometrie sei , daß , wo ein Körper , sich kein zweiter befinden könne , so gelte ein Ähnliches auch in der Medizin , und deshalb wolle ich ihn , als Beisitzer der höchsten geistlichen Behörde , um abhülfliche Maßnahmen angehen . Das Sokratesgesicht verzog sich wieder zu einem faunischen Lachen , er schürzte seine Nasenflügel empor und fragte ungefähr mit den Worten des Patriarchen im » Nathan « ( obgleich diesem im Gemüte ganz unähnlich ) : » Ist solches ein Problema , oder ein wirklicher Casus ? « Ich erzählte ihm darauf , was ich wußte , und wie ich nun aus dem Memoire ersehe , die Sache bis auf Nebenumstände ziemlich richtig und vollständig . Der alte rechtschaffne Mann , dessen treuer Wandel nach den Geboten Gottes und nach dem Beispiele der Heiligen allgemein bekannt war , ließ mich kaum zu Ende reden , warf seine kurze Pfeife auf den Boden , daß der Kopf zerbrach , und rief in Selbstvergessenheit : » Den soll ja der Teufel holen ! « Darauf sich kreuzigend und den verpönten Fluch mit üblichem Spruche bereuend , fügte er hinzu : » Zu solcher Sünde hat mich der Zorneifer fortgerissen . Doch nur Geduld , es ist gerade eine Stelle in der wilden Eifel offen , wo er unter den Haferbauern seine Künste versuchen mag . Ihr Herzog hat ihn zwar zu seinem Hauskaplane gemacht , da er aber zugleich die Pfarrei des Orts versieht , so ist er unsrer Gewalt unterworfen . Er soll in Bälde versetzt werden . « Nach einigen Gesprächen wurde ich mit dem derben Alten ganz vertraut . » Diese neumodischen , aufgespreizten Überläufer geben uns viel zu tun « , sagte er . » Sie wollen uns Alten vorbeirennen , es immer besser machen , als gut , damit nur ja niemand an der Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung zweifle , und bringen solchergestalt manche Unruhe zuwege . Sie laufen umher , stänkern , rühren den Dreck , mengen allerhand Subtilitäten in das Dogma , verfälschen dadurch selbiges , und verführen eine Quälerei und Deutelei , davon unsre Kirche gar nichts weiß , noch wissen will . Wir müssen jetzt dahin streben . Geistliche zu bekommen , die alert , aufgeweckt , sich helfen können , und nicht , wie leider Gottes bis jetzt der Fall