in dieser Zwischenzeit war eine emsige Geschäftigkeit der Frauen bemerklich , und als der Tag der Abreise erschien , erstaunte der Graf über die Menge der Schachteln , Kartons und Körbchen , die er mitnehmen sollte , welche die Geschenke für die junge Mutter und den Neugebornen enthielten , die die Freundinnen sendeten . Ich bin doch oft , sagte der Graf lächelnd , mit Frauen gereist und habe es immer unwahr gefunden , wenn sie beschuldigt werden , so unermeßlich viele kleine Bedürfnisse in kleinen Behältern mit sich zu führen , daß sich das Reisen mit ihnen leicht in eine Qual verwandeln könne , und nun soll ich allein reisen , und werde zum ersten Mal so mit Schachteln und Körben umgeben , daß es nur Dübois Genie möglich sein wird , dieß alles so zu ordnen , daß noch ein völlig erwachsener Mensch Raum daneben im Wagen findet . Ist es nicht ungerecht , sagte die Gräfin lächelnd , die kleine Beschwerde nicht ertragen zu wollen ? Hat uns nicht selbst , wie wir das Leben bewußtlos und hülflos betraten , die liebende Sorge zärtlicher Freunde begrüßt ? Liegt nicht etwas Rührendes darin , wenn wir uns vorsorgend um ein neugebornes Wesen beschäftigen , so daß alles bereit ist , dessen es in der Zukunft in seiner Hülflosigkeit bedarf ? Ich wenigstens kann mir nichts Traurigeres denken , als wenn der Mensch schon beim Beginne seines Lebens Liebe und Theilnahme entbehrt . Wohl , sagte der Graf ernsthaft , ich werde dem Neugebornen die Geschenke überbringen und ihm nichts von dem entziehen , was sein aufdämmerndes Leben verschönern soll und ihn doch oft nur quält , indem Mutter und Amme ihn mit Dingen zu putzen streben , die er gar nicht zu würdigen versteht . Dübois hatte während dieser Unterredung Alles geordnet , und der Graf fand zu seiner eigenen Verwunderung für Alles hinreichenden Raum in dem vorgefahrnen Wagen , der ihn bald aus dem Gesichtskreise der Frauen entführte und den Bergen entgegen rollte , die den alten Sitz seiner Ahnen umgaben . V In Hohenthal herrschte die reinste Freude . Mit lautem Entzücken wurde der Graf bei seiner Ankunft von seinem ihm entgegen eilenden Vetter begrüßt , und an der Thüre des Saales empfing ihn der Obrist , der ihm auch hatte entgegen gehen wollen , aber seine vom Alter geschwächten Kräfte waren nicht mehr hinreichend zur eiligen Bewegung . Er streckte dem Grafen die zitternden Arme entgegen , der gleich bei der Begrüßung bemerkte , daß der Greis in dem letzten Jahre , seit er ihn nicht gesehen , sich mit starken Schritten dem Grabe genähert habe , und ein Blick auf den Arzt , der sich im Saale befand und von dem Obristen unbemerkt leise die Schultern zuckte , bestätigte die schnell gemachte Bemerkung . Der Graf sendete der jungen Mutter alle mitgebrachten Geschenke und ließ ihr seine Ankunft melden , weil er durch keine Ueberraschung ihre Gesundheit in Gefahr bringen wollte . Der Arzt übernahm vorsichtig selbst die Anmeldung , und der Graf erneuerte gegen den Obristen seine freudigen Glückwünsche . Der Herr hat mir alles gegeben , sagte der Greis , um was ich in ängstlichen Stunden inbrünstig flehte ; mein Kind ist erhalten und Gott hat ihr einen Sohn geschenkt , an dem sie so viel Freude und Trost erleben möge , wie sie mir selber gewährt hat . Er hatte , indem er diese Worte sagte , die vor Alter zitternden Hände gefaltet und richtete den thränenfeuchten Blick nach oben . Der Graf betrachtete gerührt die hinfällige Gestalt , und Graf Robert , der den Blick verstand , drückte mit trauriger Miene die Hand seines Oheims . Der Arzt kam zurück und meldete , die junge Frau Gräfin sei zum Empfange des Herrn Oheims bereit , und die Männer begaben sich nach den inneren Zimmern . Es war dem Grafen wunderbar zu Muthe , als er das ehemalige Schlafzimmer seiner Gemahlin betrat , und mit annmuthiger Gebehrde und holdseligem Lächeln die liebliche Therese , den neugebornen Sohn in den Armen , ihm entgegentrat . Sie wollte ihn anreden , doch die heilige Rührung der ersten Mutterliebe machte , daß ihr die Stimme versagte . Sie reichte ihm das Kind entgegen und der Graf , von Gefühl überwältigt , neigte sich herab und drückte einen leichten Kuß auf die unschuldige Stirn des dem Leben bewußtlos entgegen schlummerden neuen Bürgers der Erde . Indem seine Lippen das zarte Kind berührten , zuckte das schmerzliche Gefühl durch seine Brust , daß der Himmel ihm das höchste menschliche Glück versagt habe , und er wendete sich ab , um dieß Gefühl nicht bemerken zu lassen . Der Graf Robert wollte seinen Sohn der Mutter aus den Armen nehmen , weil er jede Anstrengung für sie noch für zu angreifend hielt , aber die Frau Professorin trat hervor und vereitelte seine Absicht . Es geht nicht an , sagte sie ziemlich trocken , daß Sie mit dem Kinde so viel herum handthiren . Bloß deßhalb sind die ältesten Kinder so oft nervenschwach , weil die jungen Eltern mit ihnen wie mit einem Spielzeuge umgehen . Ein Kind muß vor allen Dingen Ruhe haben und in den ersten sechs Wochen seines Lebens nichts anderes thun , als Nahrung nehmen und schlafen , dann werden gesunde Menschen daraus . Während dieser Rede hatte sie den Neugebornen zur Ruhe in sein Bettchen gebracht , und nun erst richtete sie ihre tiefste , ehrerbietigste Verbeugung an den Grafen , die dieser höflich erwiederte , ohne indeß sein begonnenes Gespräch mit der Mutter des Grafen Robert abzubrechen , der er sich , indeß die Frau Professorin sprach , hatte vorstellen lassen . Diese schüchterne , sanfte Frau hatte ihr Leben ohne alle Freude verblühen sehen ; ihre Jugend war im Hause ihrer Eltern aus Mangel an Liebe traurig dahingeschwunden , Ihr Vater dachte nur an Handel und Gewinn , und nur sein Stolz verband sie mit dem Grafen , den er weder achtete , noch liebte . Im Hause ihres Gatten war ihr Leben eine Kette von Bekümmernissen und Kränkungen , die theils aus Mangel , theils aus dem Hochmuth der Freunde und Verwandten ihres Gatten , theils aus dessen eigenem Charakter entsprangen , den sie nicht achten konnte , obwohl sie sich ihren Gemahl zu lieben zwang . Armuth nöthigte sie , sich von dem Sohne zu trennen , den sie mit Leidenschaft liebte , und die vernachläßigte Erziehung ihrer Töchter zu beweinen , deren traurige Zukunft sich gar nicht berechnen ließ . Diese ganze drückende Last der Schmerzen war nun von ihr genommen , aber ihr Herz zitterte noch lange in den Nachwehen der Leiden , als sie schon täglich Gott mit Thränen für die glückliche Wendung ihres Schicksals dankte . Nach langen kummervollen Jahren war sie nun der peinvollen Sorgen der Armuth entledigt , und sah sich und die Ihrigen mit allen Zeichen der Wohlhabenheit umgeben . Der Sohn , den die Abwesenheit seit den Kinderjahren ihr entfremdet hatte , war ihr von Neuem mit inniger Liebe zugewendet , die sich täglich mehrte , je mehr er das reine , liebevolle Gemüth der Mutter erkannte . Seine Gattin hatte sich ihr ganz in Zärtlichkeit hingegeben , und die verwilderten Töchter hatten das knabenhafte Toben längst mit den besseren Sitten sich entwickelnder Jungfrauen vertauscht . Der alte Obrist endlich hing mit dankbarer Freundschaft an dieser liebreichen Frau und sagte oft , indem er ihre Hand drückte : Wenn ich sterbe , ist mein Kind darum noch nicht verwaist , denn ihr bleibt eine Mutter , wenn der Vater scheidet . Dieses ruhige , sich in sanftem Wechsel kaum merklich bewegende Leben schien ihr nun von Neuem bedroht . Sie hatte die Ankunft des Grafen gefürchtet , auf die sich alle übrigen Glieder der Familie freuten , denn es schien ihr kaum möglich , daß ein reicher , vornehmer Mann ohne die Anmaßung auftreten sollte , die ihr schon bei minder begüterten und minder ausgezeichneten Mitgliedern der Familie ihres verstorbenen Gatten so drückend geworden war . Sie war in dieser Meinung bestärkt worden , denn sie hatte sich herabgelassen , die Base des Arztes über die Persönlichkeit des Grafen auszufragen , weil sie sich gescheut hatte , diese Fragen an die Mitglieder der Familie zu richten , und diese hatte in ihrer Beschreibung vor Allem die stolze , vornehme Haltung des Grafen hervorgehoben . Sie rüstete sich also mit Geduld und beschloß mit Sanftmuth die Anmaßungen des Wohlthäters ihrer Kinder zu ertragen . Um so angenehmer wurde sie also überrascht , als der Graf zwar mit aller Feinheit der Sitten , die durch das Leben in der großen Welt erworben wird , sich ihr näherte , aber sie vor Allen mit der Höflichkeit und Achtung behandelte , die aus dem Gefühl entspringt und einen wohlwollenden Charakter bezeichnet . Bald fand sich also der Graf nur von dankbaren , liebenden Freunden umringt , und er bemerkte mit Vergnügen auch den jungen Gustav , der die Ferien der Universität benutzt hatte , um seinen großmüthigen Freund und Beschützer , den Grafen Robert , zu besuchen . Auch mit diesem Jüngling war eine große Veränderung vorgegangen . Er hatte sich männlicher ausgebildet und eine gewisse Aengstlichkeit im Betragen abgelegt , die durch das Drückende seiner früheren Verhältnisse entstanden war . Er nahm jetzt seine Stelle in der Gesellschaft mit anständiger Bescheidenheit ein ; auch nannte ihn Niemand mehr Gustav , sondern nach seinem Familiennamen Herrn Thorfeld . Der Prediger hatte sich bald nach des Grafen Ankunft auf dem Schlosse eingefunden , und es wurde verabredet , daß die Taufe des Neugebornen am andern Tage Statt finden sollte . Da der Graf nicht lange im Kreise seiner Freunde verweilen wollte , so fühlte Niemand die Neigung , die wenigen Stunden des Beisammenseins durch geräuschvolle Gesellschaften zu verkümmern , und deßwegen sollte die Taufhandlung nicht durch laute , prunkende Feste verherrlicht werden , sondern die im Schlosse versammelten nächsten Verwandten schienen den jungen Eltern die würdigsten Taufzeugen . Man versammelte sich des andern Tages im Saale des Schlosses . Der Obrist erschien in der Uniform mit dem von Friedrich dem Zweiten erhaltenen Orden pour le merite , und seine Gestalt erschien in der vollen Kleidung noch hinfälliger . Der Prediger saß abgesondert , sich zur Rede , die er beabsichtigte , sammelnd . Alles zur Feierlichkeit Erforderliche war geordnet , und die Taufhandlung sollte beginnen . Man reichte dem Obristen seinen neugebornen Enkel . Er wollte ihn in den Armen empfangen , aber die vor Alter und Rührung zitternden Glieder versagten ihm dem Dienst . Er deutete auf den Grafen und eilte mit bebenden Händen die Thränen zu trocknen , deren er sich schämte , weil er fühlte , daß die Kraftlosigkeit des Alters eben so viel Antheil an ihnen hatte , als die Rührung der Liebe . Der Neugeborne wurde Walther genannt , nach seinem würdigen Großvater . Die Feierlichkeit war beendigt ; die mannigfaltigen in den Herzen aller Theilnehmer angeregten Empfindungen schwanden nach und nach , und gaben einer ruhigen Heiterkeit Raum , die es gestattete , daß sich das Gespräch auch auf Geschäfte richtete . Der Prediger verließ nach der Mittagstafel das Schloß . Die Schwäche des Obristen erforderte Ruhe , deren die junge Mutter ebenfalls bedurfte , und der Graf schlug seinem Vetter einen Spaziergang vor , den dieser benutzen wollte , um den Oheim zugleich mit den Verbesserungen in der Bewirthschaftung bekannt zu machen . Ihr Weg führte die beiden Verwandten auch zu dem Besitzthume des Arztes und seiner Base . Der Bau war schon weit fortgeschritten . Der Graf lobte den etwas veränderten Plan , den das Treibhaus nöthig gemacht hatte , das nach des Arztes heftigem Wunsche mit dem Hause in Verbindung stehen sollte . Er lächelte , als er die Anlage zu dem Balkon bemerkte , der so viele Streitigkeiten veranlaßt hatte , und rieth dann seinem Vetter ernsthaft , den Bau des Hauses so sehr als möglich zu beschleunigen , damit er bald möglichst die Frau Professorin aus dem Schlosse auf eine freundschaftliche Weise entfernen könne . Denn Sie werden bemerken , setzte der Graf hinzu , daß der sanfte Charakter Ihrer Mutter und die schüchterne Jugend Ihrer Gemahlin der wohlmeinenden Herrschsucht dieser Frau zu viel Raum geben , und deßhalb dieß Verhältniß , wenn es noch lange fortbesteht , am Ende sich nothwendig auf eine unangenehme Weise auflösen muß . Der Graf Robert sah die Richtigkeit dieser Bemerkung um so mehr ein , da ihm mehr als ein Mal die rücksichtslose Dreistigkeit dieser Frau unangenehm gewesen war , die um so schroffer hervortrat , da sie nicht mehr durch den Grafen und seine Gemahlin in Schranken gehalten wurde , und für die übrigen Mitglieder der Familie nicht die gleiche Ehrfurcht empfand ; da sie sich nun bewußt war , daß sie es wohl meinte , und immer das Gute und Verständige wollte , so kümmerte sie sich wenig darum , in welcher Form sie ihre Meinung ausdrückte . Der Graf Robert fühlte sich heiter befriedigt durch die Anerkennung des Oheims , der allen Bestrebungen seines Vetters , die Bewirthschaftung der Güter zu verbessern , vollkommene Gerechtigkeit widerfahren ließ , und die Verwandten setzten ihren Weg fort , alles Geschehene und alles noch Erforderliche besprechend . Es war ein heiterer , milder Herbsttag , und auch der herannahende Abend behielt den milden , sommerlichen Charakter . Die beiden Freunde beschlossen den Rückweg über die nahen Hügel zu nehmen und schlugen deßhalb einen Fußpfad ein , der bei einer einsamen , in einem engen Thale liegenden Mühle vorbeiführte . Als sie über die schmale Brücke des Mühlbachs schreiten wollten , blieben Beide unwillkührlich stehen . Die scheidende Sonne vergoldete das enge Thal , und des Abendhimmels Purpur und Gold spiegelte sich auf dem brausenden , schäumenden Mühlbach , der seinen funkelnden Schaum eilig hinunterstürzte und erst später als dunkelblaue Fluth , den blumigen Ufern schmeichelnd , sich durch das Thal schlängelte . Beide Freunde gaben sich den Eindrücken des schönen Abends hin , und die Erinnerung an die Mühen des Lebens entschwand ihrem Gedächtniß . Sie erstiegen die waldbewachsenen , noch reich belaubten Hügel und lächelten , wie ein durch die Tritte der Wanderer aus dem hohen Grase aufgescheuchtes Reh an ihnen vorüber sprang und sich im Fliehen mit klugen Augen nach den vermeintlichen Feinden umschaute . Sie gingen weiter , und ein nahes Rauschen im seitwärts liegenden dichten Gebüsch erregte in ihnen die Vermuthung , daß ein zweites Wild dem ersten folgen würde . Sie blieben stehen , ihre Blicke auf das Gebüsch gerichtet . Die Zweige desselben wurden auseinander gebogen und eine dürre Hand streckte sich hindurch . Ein bleiches Gesicht , das dunkles , verwildertes Haar und Bart noch bleicher erscheinen ließ , zeigte sich und stierte mit dunkeln , glanzlosen Augen die beiden Verwandten an . Die bleichen , dünnen Lippen bewegten sich , doch blieb es ungewiß , ob sie zum Lächeln oder Reden die in dem abgemagerten Gesicht sehr lang erscheinenden Zähne entblößten . Spuren einer Uniform zeigten sich in den Lumpen , die den vorgestreckten Arm bedeckten . Der Graf starrte dieß Bild menschlichen Elends mit Entsetzen an ; der Graf Robert aber rief , nachdem er noch einen Augenblick mit höchster Spannung die Erscheinung betrachtet hatte , die Hände zusammenschlagend : Heiliger Gott ! es ist Wertheim ! Der Genannte bejahte durch eine Senkung des Kopfes mit beinah wahnsinnigem Lächeln . Graf Robert sprang auf ihn zu . Einen Bissen Brodt , sagte er mit hohler , wie aus dem Grabe klingender Stimme , und auch für jenen , wenn es noch Zeit ist . Der jüngere Graf und sein Oheim waren durch das Gebüsch gedrungen und warfen einen Blick des Entsetzens auf die mit scheußlichen Lumpen nur unvollkommen bedeckten Glieder des als Wertheim Erkannten . Dieser deutete auf einen bewegungslos im Grase liegenden Gegenstand . Die Grafen wollten sich diesem nähern . Er wird todt sein , sagte Wertheim dumpf ; es ist Lehndorf . Um Gottes Willen , einen Bissen Brodt ! Ich werde Hülfe schaffen , rief der Graf Robert und wollte in Verzweiflung fortstürzen . Bleiben Sie hier bei Ihren Freunden , sagte sein Oheim , ihn zurückhaltend , ich weiß hier in der Nähe Hülfe . Der Graf eilte auf einem Fußpfade quer durch den Wald und erreichte bald die versteckt liegende , einsame Hütte eines Waldwächters . Der Bewohner selbst war in den Forst gegangen , und nur sein Weib und ein Knabe von etwa zwölf Jahren waren im Hause . Der Graf erforschte dringend und eilig , zum Erstaunen des Weibes , welche Nahrung die Hütte bieten könnte , und entraffte ihren Händen einen Krug Milch , den er dem Knaben gab , indem er ihm eilig zu folgen befahl . Er wollte schon die Hütte verlassen , als er sich besann , dem Weibe ein Geschenk gab und ihr befahl , so eilig als möglich einen kleinen Wagen zu bespannen und damit auf der nahe gelegenen Stelle des Waldes zu erscheinen , die er ihr bezeichnete und die sie sehr wohl kannte . Der Graf schritt so hastig voran , daß der Knabe , der den Milchkrug in Händen hatte , ihm kaum zu folgen vermochte , und so erreichten sie , ganz erhitzt , sehr bald den Platz , wo der Graf Robert mit Todesangst die Rückkehr seines Oheims erwartete . Es war die letzte Kraftanstrengung gewesen , mit welcher Wertheim sich den beiden Verwandten zu nähern gesucht hatte . Er war dem Grafen Robert in die Arme gesunken , so wie dessen Oheim , um Hülfe zu suchen , enteilte . Ich sterbe , hatte er kaum hörbar hervor geächzt , als der bekümmerte Freund ihn sanft auf den Boden niedersenkte . Ein leises Stöhnen des andern Elenden zeigte , daß auch dieser noch lebe . Der Graf Robert brachte Reisig zusammen , breitete seinen Mantel darüber und suchte nun beide unglückliche Freunde in eine bequemere Stellung zu bringen , indem sie neben einander mit den Köpfen auf dieser Erhöhung ruhten . Das kraftlose Aechzen der Verschmachtenden zerriß sein Herz . Mit entsetzlicher Angst erwartete er die Rückkehr des Oheims , denn er fürchtete , jeder Augenblick könne der letzte der Leidenden sein . Endlich erschien der Graf , selbst sehr erhitzt , und ihm folgte mit von der Eile glühendem Antlitz der Knabe . Die matten Blicke der Sterbenden richteten sich dem Retter entgegen . Der Graf nahm den Krug aus den Händen des Knaben , der mit weit geöffneten Augen die Schreckbilder menschlichen Elends anstarrte . Er neigte sich zu Wertheim , dessen vor Begierde zitternde Lippen sich dem Rande des Kruges näherten , den die abgemagerten Hände mit krampfhafter Gewalt umspannten und nicht wieder lassen wollten . Der Graf , der das Gefährliche des Uebermaßes nach langer Entbehrung kannte , brach mit Gewalt die Finger des gierig Schlürfenden aus einander und wendete sich zu dem Leidensgefährten desselben , der in kaum vernehmbaren Tönen über die Selbstsucht des Freundes klagte . Als auch dieser erquickt war , sendete der Graf den Knaben dem Fuhrwerk entgegen , das auch nicht lange ausblieb . Die beiden Unglücklichen wurden auf den mit Stroh gefüllten kleinen Leiterwagen gehoben , mit den Mänteln der Grafen bedeckt und Graf Robert begleitete dieß Fuhrwerk , das sich auf den Waldwegen nur langsam fortbewegen konnte , indeß sein Oheim auf Fußpfaden voran eilte , um den Arzt von dem Geschehenen zu benachrichtigen und die Aufnahme der Kranken im Schlosse vorzubereiten . VI Nach den ersten Ausrufungen des Erstaunens ergriff der Arzt schnell einige stärkende Mittel , die er gleich anzuwenden gedachte , und wollte den Kranken entgegen eilen , doch plötzlich blieb er stehen , betrachtete mit blinzelnden Augen den Grafen und sagte : Vor Allem muß ich für Sie sorgen , das ist das Dringendste . Ich bin gesund , sagte der Graf , ich bedarf keiner Hülfe . Sie sind furchtbar erhitzt , erwiederte der Arzt , und Sie sind in dem Alter , wo Schlagflüsse anfangen das Leben auch des Gesundesten zu bedrohen . Ueberlassen Sie mich nur meinem Schicksale , sagte der Graf lächelnd , mein Blut wird sich von selbst wieder abkühlen . Nein , rief der Arzt mit Heftigkeit , und Thränen funkelten in den kleinen Augen , nie würde ich es mir verzeihen , hätte ich meine Pflicht gegen Sie versäumt , und wie könnte je mein Gewissen sich wieder beruhigen , wenn durch meine Nachläßigkeit das Leben eines erhabenen Menschenfreundes , des Schöpfers meines Glücks , auch nur um eine Stunde verkürzt würde ? Der Graf fühlte sich bewegt durch die Liebe des Arztes , wenn sie sich auch auf eine etwas wunderliche Weise kund that . Er ließ sich also dessen Verordnungen gefallen , und bald fühlte er , daß seine Pulse wieder regelmäßig schlugen , und das Blut nicht mehr gewaltsam zum Kopfe und zum Herzen drängte . Der Arzt hatte , ehe er den Kranken entgegen eilte , seiner Base einen Wink gegeben , die sich sogleich mit Mägden und Bedienten in laute Thätigkeit versetzte , um das für die Kranken bestimmte Zimmer mit allen erforderlichen Bequemlichkeiten zu versehen . Die Dämmerung des Abends hatte schon die Gegend rings umher in tiefe Schatten gehüllt , als das elende Fuhrwerk , auf dem die Kranken lagen , von dem Grafen Robert und dem Arzt begleitet , das Schloß erreichte . Mühsam wurden die beinah Leblosen vom Wagen gehoben , und sie empfanden eine schmerzliche Wollust , als sich die entkräfteten Glieder nach so harten Entbehrungen zum ersten Mal wieder auf ein bequemes Lager streckten . Der Arzt war von heftiger Rührung ergriffen , als er die beinah vernichteten , in widrige Lumpen schmachvoll gehüllten Gestalten betrachtete . Wie groß kann das menschliche Elend sein ! rief er klagend . Hier ist die größte Vorsicht nöthig , und Gott ! wie werde ich den alten Dübois vermissen ! Er ist zwar ein eigensinniger , hochmüthiger Mann , der sich auf seine Aussprache des Französischen viel zu viel einbildet , aber einen trefflicheren Krankenwärter habe ich niemals kennen gelernt . Und Wer wird nun diese hier bewachen , daß sie meine Vorschriften genau befolgen , woran doch ihr Leben hängt . Nun , nun , rief die Frau Professorin , ich will den Herrn Dübois nicht lästern , aber ich werde doch wohl auch im Stande sein , Kranke zu pflegen , und ich will den sehen , der mir was Böses nachredet , wenn ich diese Christenliebe an jungen Männern ausübe . Der Arzt war hoch erfreut , daß seine Base sich zu diesem Dienste erbot , und er dankte ihr mit einer Innigkeit , als habe sie ihm die größte Wohlthat erwiesen . Na , was sind das nun für Weitläuftigkeiten , sagte die gutherzige Frau barsch , um ihre Rührung zu verbergen . Was geschehen muß , das darf man mir nur sagen , und ich bin gewiß , daß sich Keiner unterfangen wird , um ein Haar breit davon abzuweichen . Der Arzt war nun beruhigt . Seine Mittel stärkten die Kranken sichtlich , und er konnte schon am folgenden Tage ein stärkendes warmes Bad wagen , wodurch zugleich die Spuren des Elends von den Unglücklichen abgewaschen wurden , die nun wieder das Ansehen von zur besseren Gesellschaft gehörigen Menschen gewannen . Nach einigen Tagen der aufmerksamsten Behandlung schienen auch ihre geistigen Fähigkeiten zurückzukehren , denn sie gaben zusammenhängende Antworten auf die an sie gerichteten Fragen , und der Arzt verkündete mit lauter Freude , daß er Beide mit Hülfe seiner Base wieder herzustellen hoffe , die für die Befolgung seiner Vorschriften eben so eifrig , wenn auch nicht eben so sanft , wie Dübois , sorge . Der Graf Robert hatte während dieser Zeit viel mit seinem Oheim über die Sicherheit seiner Freunde gesprochen , die ihm gefährdet schien , da sie zu den Truppen Schills gehörten , die so unglücklich endeten . Der Graf suchte ihn zu beruhigen , indem er ihm vorstellte , daß die preußischen Behörden gewiß keinen Eifer anwenden würden , die Theilnehmer an dieser Unternehmung auszuspüren , wenn sie ihnen nicht bestimmt als solche angezeigt würden , daß es also nur der Klugheit bedürfe , jede Theilnahme der Unglücklichen an Schills Plänen vorsichtig zu verschweigen und für die müßigen Nachbarn , die nicht ermangeln würden , mit Fragen einzustürmen , eine wahrscheinliche Fabel zu ersinnen , um ihren kläglichen Zustand genügend zu erklären . Der Arzt hatte den Prediger gleich den nächsten Tag in der Bewegung seines Gemüths mit dem traurigen Zustande bekannt gemacht , in welchem die beiden jungen Edelleute , ehemalige preußische Offiziere , nach dem Schlosse waren gebracht worden , und jener erschien sogleich , um das Wie und Warum zu erfahren , und als ihm der Graf Robert mit einiger Verlegenheit antwortete , die Kranken wären noch so schwach , daß man sie nicht um ihr Geschick befragen könne , und daß es überhaupt menschlicher sein würde , schmerzliche Erinnerungen aus ihrem Gemüthe zu entfernen , als durch Fragen zu erregen , erwiederte der Prediger verdrüßlich und spöttisch : So wird es uns damit vielleicht gehen , wie mit der Begebenheit des Herrn St. Julien , der beinah in demselben Zustande in dieß Schloß gebracht wurde , und niemals hat man die Veranlassung seines Unglücks erfahren . Des Grafen Wangen röthete der Zorn . Sie wissen , Herr Prediger , sagte er mit einiger Heftigkeit , wie nah mit mir der Obrist St. Julien verbunden ist , und wenn ich die Gründe ehre , die ihn bestimmen , über diesen Gegenstand zu schweigen , so dächte ich , dieß könnte eine Regel für alle meine Freunde sein . Der Prediger fühlte , er war zu weit gegangen . Ein verdrüßliches Schweigen herrschte im Saale . Endlich begann der Geistliche von Neuem : Beinah hätte ich es vergessen , Ihnen mitzutheilen , daß der alte Lorenz einen so schändlichen Gebrauch von dem ihm durch des Sohnes Tod zugefallenen Vermögen gemacht hat , daß ich glaube , er wird bald wieder in drückender Armuth sein . Woher schließen Sie das ? fragte der Graf gleichgültig . Weil mir diesen Morgen ein jüdischer Handelsmann einen Brief von ihm brachte , in dem er mich ersuchte , Sie dahin zu vermögen , ihm eine schriftliche Zusicherung der Pension auszustellen , die Sie ihm bewilligt haben , wie er schreibt , um Lebens und Sterbens Willen , wie mir der Israelit vertraute , damit er sie diesem verkaufen könne . Man wendete sich an mich , fügte der Prediger hinzu , weil man nicht wußte , daß Sie sich jetzt gerade hier befinden . Ich rieth dem jüdischen Kaufmann , sich mit diesem Gesuch gerade an Sie zu wenden , und ich zweifle nicht , daß er bald auf dem Schlosse erscheinen wird . In der That wurde , nachdem kaum eine Viertelstunde verflossen war , Herr Moses gemeldet , der dem Grafen des alten Lorenz Gesuch vortrug , mit der Versicherung , daß er aus Menschenliebe bereit sei , dem Greise die Pension abzukaufen und ihm den Ertrag einiger Jahre voraus zu bezahlen ; obgleich es möglich sei , daß der Alte früher stürbe und er sich Verlust dadurch zuzöge , so wollte er es auf die Gefahr hin wagen , damit nur der Greis nicht des Obdachs beraubt würde , denn er könne sich bei diesen schweren Zeiten , bei den drückenden Abgaben ohne diese Unterstützung nicht im Besitze des Gutes erhalten . Der Graf erwiederte auf die lange Rede des menschenfreundlichen Israeliten , daß ihm dieß leid thue . Da aber die dem alten Lorenz von ihm bis jetzt ausgezahlte Pension ein freiwilliges Geschenk sei und er sich die Freiheit vorbehalten wolle , es ihm nach Umständen zu geben oder zu entziehen , so sei er nicht geneigt , sich schriftlich eine Verbindlichkeit aufzulegen und eine Handlung der Güte in eine Pflicht zu verwandeln . Nach dieser Erklärung empfahl sich Herr Moses , nachdem er geäußert hatte , daß er sich unter solchen Umständen auf kein Geschäft mit dem alten Manne einlassen könne . Nachdem er den Saal verlassen hatte , sagte der Graf : Wie ist es nur möglich , daß der alte heillose Sünder in der kurzen Zeit , seit er das Erbe seines Sohnes empfing , so viel Geld ausgegeben hat ? Es thut mir leid es sagen zu müssen , erwiederte der Prediger etwas kalt , weil er des Grafen frühere Heftigkeit noch nicht hatte vergessen können , daß ihm nicht bloß die schlechte Gesellschaft von seinem Gelde geholfen hat , sondern auch die sogenannte gute . Der unselige Alte hat sich der Völlerei und dem Spiele ergeben , und manche haben es nicht verschmäht , große Summen von ihm zu gewinnen , die recht bedeutende Ansprüche in der Welt zu machen gewohnt sind . Aber gedenken Sie ihm nun Ihre Unterstützung zu entziehen , da er wieder in Noth geräth , die Sie ihm zukommen ließen , wie er ihrer nicht bedurfte ? Keineswegs , sagte der Graf ; da ich aber voraussehe , daß dieß bald seine einzige Hülfsquelle sein wird , so will ich sie ihm erhalten ; denn hätte ich ihm die Möglichkeit gegeben , seinen künftigen Unterhalt zu verkaufen , so , glaube ich , würde dieß seinen Fall kaum einige Monate hingehalten haben . Das ist sehr wahrscheinlich , sagte der Prediger , und es wäre gut , daß man ihn , wenn er alles Uebrige verloren hat , gewissermaßen unter Aufsicht nähme , denn die ewige Trunkenheit hat seine Verstandeskräfte geschwächt , ihn unfähig gemacht , sich selbst zu regieren , ja , er ist völlig kindisch geworden . Denken Sie nur , er ließ sich von Leuten , die ihn verspotteten , überreden , ein Bad zu besuchen , dort den großen ,