den kürzesten Weg ; er sagt , wir sollen uns nirgendwo aufhalten , denn das ist Unfriede ; der grade Weg zum Himmel ist Geist , das ist die Straße , die hinüber führt , daß man alles versteht und begreift , wer gegen sein Schicksal murrt , der begreift es nicht , wer es aber in Frieden dahinnimmt , der lernt es auch bald verstehen ; was man erfahren und gelernt hat , das ist allemal eine Station , die man auf der Himmelsstraße zurückgelegt ; ja , ja ! Das Schicksal des Menschen enthält alle Erkenntnis , und wenn man erst alles verstanden hat auf dieser irdischen Welt , dann wird man ja doch wohl den lieben Gott können begreifen lernen . Niemand lernt begreifen , denn durch Eingebung vom heiligen Geist ; durch eigne Offenbarung lernt man fremde verstehen ; - ich erkenne gleich in jedes Menschen Herz , was ihn sticht und was ihn brennt , und weiß auch , wann die Zeit kommt , die ihn heilt ; ja ich muß noch täglich weinen über meinen lieben Sohn , der erfroren ist , aber weil ich weiß , daß er die irdische Straße zurückgelegt hat , so hab ich nichts dawider , ich lese auch täglich in diesem Buch , da stehen diese großen Wahrheiten alle geschrieben . « Sie gab uns einen alten Gesang zu lesen : » O Herr ! Du führst mich dunkle Wege , am Ende aber seh ich Licht « ; in diesem stand zwar nichts von dem , was sie uns mitgeteilt hatte , als nur einzelne Hauptworte . Im Nachhausegehen vertrieben uns die Gießener Studenten die Grillen , sie hatten sich am Abhang des Berges in großen Weinlauben gelagert , sie sangen , sie jauchzten , Gläser und Flaschen flogen hinab , sie tanzten , walzten und wälzten sich den Berg hinunter und durchschallten das Tal mit ihrem grausamen Gebrüll . * * * Die Ammenburg So nenne ich die kleine Wohnung , die grade so groß ist , den einfachsten Bedürfnissen eines einzelnen Menschen in schöner wohltuender Ordnung zu genügen , sie ist mit roten Steinen oben auf eine mit samtnen Rasen bekleidete , kegelrunde Bergkuppe aufgemauert . Vor drei Jahren stand sie noch nicht hier , da war die Liebe der einzige Schutz gegen Wind und Wetter , da kamen sie häufig zusammen vom Frühling bis zum Herbst , von Sonnenuntergang bis zu Sonnenaufgang lagen sie , vom Mond belacht , auf Blumenrasen zwischen silbernen Bergquellen , im Winter rief ihn die Kriegstrompete , Armide blieb allein , aber nicht lange , da kam Amor das Kind , sie legte ihn in die Wiege , sie nährte es mit der Milch ihrer Brüste und noch ein anderes dazu . Für den Ammenlohn kaufte sie sich diesen Fleck und baute das kleine Haus und wohnt jetzt mit ihren goldlockigen Bübchen hier oben , wo sie weit durchs Tal in die Ferne sieht und bei Windstille auch hören kann , wenn die Trommel sich rührt oder die Trompete zwischen den Felswänden schmettert . Vielleicht kehrt er zurück und erkennt an dem lustigen , buntbemalten Schornstein , der auf das Häuschen aufgepflanzt ist , daß das freudige Liebesglück nicht in Reue zerschmolzen ist . * * * Heute zogen wir nach einer andern Burg . Sie liegt vier Meilen entfernt , ihre stolzen , wohlerhaltenen Türme streckt sie gen Himmel , als ob sie sie zum Schwur emporhebe ; man sieht sie schon von mehreren Meilen , jede Viertelstunde macht sie eine andere Miene , bald treten Wälder hervor , die sie umkleiden , bald weiche Hügel , oft auch schwimmen Dörfer in den fruchtreichen Bahnen ihres langen und weiten Flurengewandes , die aber bald in seinen Falten wieder versinken . Wir waren alle beritten und zur Jagd gewappnet . Im Wald machten wir Mittag , ein Fuchs wurde verfolgt , das hielt unsere Reise auf . Da wir ankamen , stieg der Mond zwischen beiden Türmen herauf , wir aber ritten im finstern Tal durch die kleine Stadt mit holperigen Straßen ; in einer großen Eisengießerei übernachteten wir . Am Morgen , vor Tag , eilte ich hinaus , ich wollte meine Schöne , die Natur , noch mit verschloßnen Augen überraschen , ich wollte sehen , wie sie auf dieser Seite , in dieser süßen Lage sich ausnähme . O Freund , alle Blumenkelche voll Tauspiegel , ein Gräschen malt sich im Perlenschmuck des andern , ein Blümchen trinkt sein Bild aus dem Kelche des Nachbarn , und Du ! - und Dein Geist , der erquickende , was kann er mehr sein , was kann er anders sein als reiner Himmelstau , in dem sich alles in reinster Urschönheit spiegelt ; Spiegel ! - Tiefe weisheitsvolle Erkenntnis ist Dein Geist , in dem selbst Du nur Dich spiegelst , und alles Liebe , was der Menschheit durch Dich angetan , ist Spiegel ihrer ( Idealität ) reinsten unverkümmerten Natur . Und nun kam ich von meinem Weg um die Burg , die ich zweimal in beflügeltem Lauf , wie Pindar sagt , umkreist habe , sie liegt auf runder kurzbegraster Kuppe , die Schafherde drängte sich wie ein Pelzkragen um ihre Zwinger : ein blökender Pelzkragen ! Ich hatte Brot bei mir , das ich unter sie teilte , wie Deutschlands Kaiser unter die Tiroler , aber sie drängten mich auch wie jene den Kaiser und schrien : » Mehr Brot ! Mehr Brot ! - blä ! blä ! « - Ich hatte keins mehr wie der Kaiser auch ; ich war in Gefahr , umgerissen zu werden wie er ; ich riß mich durch und im vollen Galopp den Berg hinunter , die ganze Herde hinter mir drein , mitsamt dem bellenden Hund kam ich am Fuß des Berges vor dem Wirtshaus an , dort weckten sie die ganze Reisegesellschaft mit ihrem Geblök , und ich sage Dir , sie wollten mit Gewalt in die Wirtsstube , ich mußte sie zuriegeln , ich glaub , der Bock hätte sie sonst mit seinen Hörnern aufgeklemmt . Ei , hätten ' s die Tiroler auch so gemacht , der Kaiser hätte Brot schaffen müssen ; die machten ' s aber wie der Schäfer , der blieb verdattert auf dem Berge stehen und sah seine Herde davoneilen . » Du kannst tausend Dummheiten in einen kleinen Raum einpferchen , wie der Schäfer die Herde « , sagte der Bruder Franz , da er mich mit der nachgeeilten Herde angekommen sah . Bis alles sich reisefertig gemacht hatte , ging ich in den Kuhställen umher . Das Gehöfte ist unendlich groß , man könnte ein Vorwerk drin anlegen , sie rufen von der entferntesten Scheune zur andern mit einem Sprachrohr . Der Kuhstall inmitten bildet ein Amphitheater , ein Halbkreis von spiegelglatten Kühen , an jedem Ende durch einen Bullen abgeschlossen . An dem Ende , wo ich eintrat , ist der Ochs so freundlich , zärtlich , daß er jeden , der ihm nahe kommt , mit der Zunge zu erreichen sucht , um ihn zu belecken ; er muhte mich an in hohem Ton , ich wollte ihn nicht vergeblich bitten lassen , mußte mein Gesicht von seiner schaumigen Zunge belecken lassen ; das schmeckte ihm so gut , er konnte nicht fertig werden , er verkleisterte mir alle Locken , die Deine Hand immer in so schöne Ordnung streichelt . - Jetzt beschreib ich Dir die Burg , aber flüchtig ; denn wo ich nicht in Worten liebkosen kann , da verweile ich nicht lange . - Sie ist besser erhalten wie alle andern , auch selbst die Gelnhäuser ist lange nicht so ganz mehr , und ich begreife nicht , daß man keine Rücksicht darauf nimmt . Sie gehörte ehemals den Herren von Griesheim , jetzt ist sie an die Grafen Stolberg gefallen . - Die Burg ist in ihrem Hauptgemäuer noch erhalten , nur innen ist manches eingestürzt , der Söller ist noch ganz , auf diesem kann man rund um die Burg gehen . Nach allen Seiten sieht man ins Fruchtland , das in der Weite wieder an andern Burgruinen hinaufsteigt . So blüht und reift der ewige Segen zwischen Gräbern und verlaßnem Gemäuer , und der Mensch braucht nur sich einzufinden , so ist er auch da und umwandelt und umkleidet ihn . Die Sonne schmeichelt ' s dem lieben Herrgott ab , daß er seinen Menschenkindern hundertfältige Ähren reifen läßt ; die Sonne und der Gott liebkosen einander , und dabei haben die Menschen gutes Spiel , und wer liebt , der stimmt ein in die Liebe Gottes , und durch ihn und in ihm reift auch der göttliche Segen . In der Kapelle stehen noch etliche Säulen mit ihren gotischen Kapitalen ; etliche liegen an der Erde , aber noch ganz erhalten , eins , was ich nur unvollkommen Dir hier abzeichne . Die Mondessichel hebt das Wappen in der Luft und bildet so das Kapitäl , unter ihr zwei Drachen , die sich verschlingen . Die Leute sagen , sie haben goldne Schaumünzen im Rachen gehabt , so sind sie in einer alten Chronik verzeichnet . Ein anderes ist noch viel schöner ; ich wollt es auch abzeichnen , aber es war so kalt und feucht da unten ; Rosen , wunderschön in Stein gehauen , bilden einen Kranz , Schlangen winden sich durch und strecken ihre gekrönte Köpfchen aus und bilden so einen zweiten Kranz ; es ist gar zu schön , hätt ich ' s mitnehmen können , ich hätte Dir ' s gebracht ! Während ich ' s durchzeichnen wollte , kam eine kleine Schlange unter dem Gras hervor und richtete sich vor mir auf , als wollte sie zusehen , wie ich das Bild ihrer Ahnen nachzeichnete , und das erschreckte mich in der Einsamkeit , so daß ich mit einem Schauder davoneilte . In dem äußeren Burgtor sind noch die Türangeln , über dem innersten Burgtor auf dem Söller ist ein Steinherd mit einer kleinen Brandmauer umgeben , die wie eine Nische gebildet ist . Da haben sie das Pech glühend gemacht und durch ein Loch über der Mitte des Tores durchgegossen ; alles wurde betrachtet , beachtet , erklärt , zurechtgerückt , noch manches blieb unerklärt , die Verwundrung über vorige Zeiten , und daß sie mit ihren Resten noch so derb in unsre hineinreichten , machte uns zu einfältigen Leuten ; ja , mir ward angst , diese alte grobknochige Zeit könne plötzlich über den Augenblick der Gegenwart kommen und ihn verschlingen . O Goethe , mir ist nur eins wichtig , mein Dasein in Dir ! Und nach diesem komme das End aller Dinge . Soll ich Dich denn noch weiter mitnehmen auf meinen Streifzügen , oder ist ' s genug der eingefallnen Mauern , der Wildnis , die alles überwuchert , des Efeus , der aus dem kalten Boden hervorsprießt , unermüdlich hinaufklettert an der öden Mauer , bis er die Sonne erblickt , und dann gleich wieder hinabsteigt , mit weit reichenden Ranken nach der feuchten , düsteren Tiefe verlangt ? Gestern war der Himmel blau , heute rubinfarb und smaragden , und dort im Westen , wo er die Erde deckt , jagt er das Licht im Safrangewand vor sich her aus der Schlafstätte . Einen Augenblick kann sich die sehnende Liebe ergötzen daran , daß die ganze Natur schlummernd saugt ; ja , ich fühl ' s : wenn die Nacht einbricht , daß jedes Würzelchen trinkt , in jedem liegt Begierde , Sehnsucht nach Nahrung , und diese Anziehungskraft zwingt die Erde , die ihre Nahrung nicht versagt jedem lebenden Keim ; und so liegt in jedem Blumenhaupt schwärmende Begeistrung , die aus dem Licht der Sterne Träume herabzieht , die es umweben ; geh über einen Wiesenteppich in stiller sternenflimmernder Nacht , da wirst Du , wenn Du Dich herabbeugst zur Flur , die Millionen Traumbilder gewahr werden , die da wimmeln , wo eins oft vom andern Eigenheiten , Farben und Stimmungen entlehnt ; da wirst Du es fühlen , daß diese Traumwelt sich hinaufschwingt in den Busen des Beschauenden und in Deinem Geist sich als Offenbarung spiegelt ; ja , die schöne Blume des Gedankens hat eine Wurzel , die saugt aus dem warmen , verborgnen Boden der Sinne ihre Nahrung und steigt aufwärts zum göttlichen Licht , dem sie ihr Auge öffnet und es trinkt und ihm ihren Duft zuströmt ; ja die Geistesblume ersehnt sich die Natur und die Gottheit , wie jede Erdenblume . Bruchstücke aus Briefen in Goethes Gartenhaus geschrieben . Anno 18 Ich habe Dich heute nur wenig Augenblicke gesehen , und mir deucht , das ganze Leben gehöre dazu , um Dir alles zu sagen . Musik und Kunst und Sprache , alles möcht ich beherrschen , um mich drin auszusprechen . Ich sehne mich nach Offenbarung ; Du bist ' s ! - Nach Deinem Innern strebt die Liebe , sie will sich in seinen Tiefen empfinden . Deine Gegenwart erschüttert mich , weil ich die Möglichkeit empfinde , Dir eine Ahnung meiner Sehnsucht zu geben . Deine Nähe verändert alles äußerlich und innerlich , daß der Atem , den Du aushauchst , sich mit der Luft mische , die auch meine Brust trinkt , das macht sie zum Element einer höheren Welt ; so die Wände , die Dich umfassen , sind magnetisch ; der Spiegel , der Dein Bild aufnimmt , die Lichtstrahlen , die an Dir hinstreifen , Dein Sitz , alles hat eine Magie ; Du bist weg , aber diese bleibt und vertritt Deine Stelle , ich lege mich an die Erde , wo Deine Füße standen , an diesem Fleck und an keinem andern ist mir wohl . - Ist das Einbildung ? - Tränen fühl ich in der Brust , Deiner so zu denken , wie ich jetzt denke , und diese Wehmut ist mir Wollust , ich fühle mich in ihr erhoben über ' s ganze Erdenleben , und das ist meine Religion . - Gewiß ! Der Geliebte ist das Element meines zukünftigen Lebens , aus dem es sich erzeugt , und in dem es lebt und sich nährt . - O hätte ich Geist ! - Hätt ich den , was für Geheimnisse wollt ich Dir mitteilen ! Offenbarung ist das einzige Bedürfnis des Geistes ; denn das Höchste ist allemal das einzigste Bedürfnis . Geist kann nur durch Offenbarung berührt werden , oder vielmehr : alles wird zur Offenbarung an ihm . So muß sich der Geist sein Paradies begründen . - Nichts außer dem Geist . - Himmel und Seligkeit in ihm . - Wie hoch steigt Begeistrung , bis sie zum Himmel sich steigert ! Wenn das ganze Leben des Geistes Element wird , so hat er Gewalt über den Himmel . Der Schlüssel zum höheren Leben ist die Liebe , sie bereitet vor zur Freiheit . - Freiheit ist Geisterleben . Denken ist Inspiration der Freiheit . - Der hat Geist oder ist geistig , der mit sich selbst zusammenkommt . Inspiration dringt darauf , daß der Mensch zu sich selbst komme . - Wenn Du mich begeisterst , so forderst Du Dich selber von mir , und meine Begeistrung geht darauf aus , Dich Dir selber zu geben . - Wahre Liebe gibt dem Geliebten sich selber . - Wie wahr ist dies , da ich Dich nur denken kann und doch Dir alles geben muß . Was ist Lieben ? - Der Wächter auf der Zinne ruft die nahe Morgenstunde . Der regsame Geist ahnet schlummernd den Tag , er bricht aus seiner Traumwelt hervor , und der junge Tag umfängt ihn mit seinem Licht , - und das ist die Gewalt der Liebe , daß alles Wirklichkeit ist , was vorher Traum war , und daß ein göttlicher Geist dem in der Liebe Erwachten das Leben erleuchte , wie der junge Tag dem aus der Traumwelt Erwachten . Liebe ist Erkenntnis , und die ist Besitz . Liegt der Same in der Erde , so bedarf er der Erde . Nun er zum Leben angeregt ist , müßte er sterben , wenn er ihr entnommen würde . In der Erde erst wandelt sich der Same um ins Leben , und die Erde wird erst Geist im Samen . - Wenn Du liebst , dringst Du ans Licht wie der Same , der in der Erde verborgen war . - Warum verbirgt die Natur den Samen im Schoß der Erde , eh sie sein Leben ans Licht entläßt ? - Auch das Leben liegt im geheimen Schoß des Geistes verborgen , ehe es als Liebe ans Licht dringt . - Der Boden , aus dem die Liebe entsteigt , ist Geheimnis . Geheimnis ist Instinkt der Phantasie ; wessen Geist diesen Instinkt hat , der hat den befruchtenden Boden für den Samen der Liebe . - Phantasie ist die freie Kunst der Wahrheit . Und hier wär ein Gewaltiges mitzuteilen , wenn die Müdigkeit mich nicht überwältigte ; es muß mir genügen , daß ich ' s empfinde , wie die Phantasie die Vermittlerin ist zwischen der himmlischen Weisheit und dem irdischen Geist . Jeder Gedanke hat Flügel und fliegt zu dem , der ihn eingibt ; jeder Atemzug ein Gedanke , der zum Geliebten fliegt , nur was liebt , ist Gedanke und fliegt . - Ja , Gedanken sind geistige Vögel . Wenn ich nicht im Bett wär , so schrieb ich noch mehr , aber so zieht mich das Kopfkissen nieder . In Deinem Garten ist ' s so schön ! Alle meine Gedanken sind Bienen , sie kommen aus Deinem duftenden Garten zum Fenster hereingeflogen , das ich mir geöffnet habe , und setzen da ihren Honig ab , den sie in Deinem blütenreichen Garten gesammelt haben . - Und so spät es ist , nach Mitternacht schon , so kommen sie doch noch einzeln und umsummen mich und wecken mich aus dem Schlaf ; und die Bienen Deines Gartens und die Bienen Deines Geistes summen untereinander . Liebe ist Erkenntnis , Schönheit ist das Geheimnis ihrer Erkenntnis , und so tief ist dies Geheimnis , daß es sich keinem mitteilt als nur dem Liebenden . Glaub ' s nur ! Keiner besitzt das Geheimnis von Dir , wie ich es besitze , das heißt : keiner liebt Dich , wie ich Dich liebe . Wieder ein Bienchen ! - Deine Schönheit ist Dein Leben - es wollte noch mehr summen , aber der Wind jagte es wieder zum Fenster hinaus . - Daß ich in Deinem Garten schlafe eine Nacht , das ist wohl ein groß Ereignis . - Du hast oft hier herrliche Stunden verlebt , allein und mit Freunden ; und nun bin ich allein hier und denke dem allen nach und seh im Geist dem allen zu . Ach , und wie ich heute , eh ich ins stille verlassene Haus eintrat , noch den Berg hinaufging zum obersten Baum , der so mit mannigfachem Grün umwachsen ist , das all von Deiner Hand geleitet wurde , der seine Äste schützend über den Stein verbreitet , in den die Weihe der Erinnerung eingegraben ist ! - Dort oben stand ich ganz allein , ein wenig Mondlicht stahl sich durch den Baum , ich fühlte an der Rinde des Baumes nach den eingeschnittenen Buchstaben . Ach , gute Nacht . - Stehle ich dem Schlaf noch länger die Träume , so werden meine Gedanken Schäume . * * * Da oben sah ich Dein Haus erleuchtet . Ich dachte : wenn Du bei diesem Licht meiner harrtest , und ich käm herab den frischen Mondscheinweg mit so wohl vorbereitetem Herzen , und ich träte ein bei Dir , wie freundlich Du mich aufnehmen würdest . Bis ich herabkam , hatte mir meine Einbildungskraft weisgemacht , es könne möglich sein , daß Du da seist , und obschon ich wußte , daß dies Licht allein in meiner Kammer brenne , denn ich hatte es ja selber angezündet , so öffnete ich doch mit Zagen die Tür ; und wie ich diese stille Einsamkeit gewahrte , auf dem Tisch die getrockneten Pflanzen , und an den Wänden die Steine und die Muscheln , und die Schmetterlinge , und das erhabene Dunkel , was mit den Strahlen der Lampe spielte ; und wie ich da eintrat , da blieb ich am Türpfosten angelehnt stehen und holte erst Atem . Und nun lieg ich in diesem Bettchen zum Schlafen , es ist hart , das Bett , ein einziger Strohsack und eine wollne Decke drüber , und zum Zudecken eine graue Decke mit bunten Blumen , und kein Mensch weiß , daß ich die Nacht hier zubringe , als nur Du . Irdische Jugend ist bewußtlos , sie steigt aus ihrer Knospe , ihre Entfaltung ist ihr Ziel . Bewußtsein der Jugend ist schon übersinnliche Jugend . In Dir bin ich meiner Jugend bewußt . Ich sehe sie alle , die goldnen Tage , die ich in Dir verlebte , gekrönt ein jeder mit wunderbaren Blüten . Stolz erhaben einherschreitend feurigen raschen Geistes ; unberührt , keusch , vor der Gemeinheit sich flüchtend in höhere Regionen ; ein milder Schimmer durchglänzt sie , es ist der Abendschein Deines Lebens . Ach , und der heutige Tag ist auch ein solcher , er schließt sich an die Reihe der verflossenen an , majestätisch , triumphierend ; obzwar ich allein bin hier im verlassenen Haus , ohne Einrichtung , mich zu empfangen , hier sind noch die Spuren des vergangenen Winters . Der Geist taucht unter in der Jugend als in einem Meer . Jugend wird sein Element , in ihm wird der Geist zur Liebe . Jugend bereitet den Geist vor zur Ewigkeit , die ewige Jugend ist . Ich glaub an Deine Gegenwart in diesem einsamen Gemach , ich glaub , daß Du mich hörst , mich empfindest ; ich spreche mit Dir . Du fragst , ich antworte Dir . Jeder strebt nach Jugend , weil das Bedürfnis des Geistes Entwicklung in der Liebe ist . Nachdem ich schon ein Weilchen geschlafen habe : Nichts ist dem Genius neu , alles ist ihm Element . In der Liebe ist einer dem andern Genius und wird einer dem andern Element . Du bist mir Element , und ich kann die Flügel regen in Dir , und das ist das einzige Erkennen , das einzige Empfinden , das einzige Haben . Und Du magst Dich tausendfach aus Dir heraussehnen , nie wirst Du Dich selbst finden , als indem Du Dich in einen andern ergießest ; nie wirst Du im andern sein , als wenn er in Dir ist . Denken sieht und berührt , es ist innigste Berührung mit dem Geist des Bedachten . Wenn der Geist zur Musik wird , dann wird Philosophie zur Empfindung . Schon hundertmal hab ich mich in die graue Decke eingehüllt , und wollte ich schlafen , so muß ich die Hand ausstrecken , um eine Zeile zu schreiben . Wenn es wahr ist , daß es eine Magie des Lebens gibt , die vermöge der Selbsterleuchtung sich erzeugt , wer wollte dann außer ihren Kreisen stehen ? Gute Nacht ! - Zu Deinen Füßen verschlaf ich sie . Ja , ich will glauben , daß Du da bist , und will keine Hand nach Dir ausstrecken , damit ich Dich nicht verscheuche , und doch berührst Du mich , die Luft verändert sich , der Schimmer der Lampe , die Schatten , alles gewinnt Bedeutung . * * * Am 28. August Den übergehen wir mit Stillschweigen . Du bist mir von Ewigkeit her . Wer wollte leugnen , daß die Sterne uns regieren . Du warst ihrem Einfluß willig , und so haben sie Dich zu sich erhoben , ich weiß alles : heimlich regieren sie Dich auch , daß Du mir geneigt bist . Ich seh ' s an Deinem Blick , Du bist mit mir zufrieden . Du sagst nichts . Du schließest Deine Lippen so fest , als habest Du Furcht , sie mögen gegen Deinen Willen plaudern . Goethe ! Es ist mir genügend , was Dein Blick sagt , auch wenn er nicht auf mir weilt . Gestern , wie ich hinter Dir stand und mit dem Papier rauschte , da sahst Du Dich um , ich merkte es wohl ; ich ging leise hinaus und schob die Tür nicht ganz zu , da sah ich Dich rasch den Brief ergreifen , dann ging ich weg , ich wollte Dich nicht länger belauschen , mich überlief ein leises Frösteln , wie ich mir vorstellte , daß Du jetzt lesen werdest , was ich zu Dir gedacht hatte in letzter Mitternacht . - Wie selig , Goethe ! - denken : jetzt nimmt er diese Schmeicheleien auf , jetzt spricht sein Geist freundlich nach , was ich für ihn erdacht habe . Es ist schön , was ich Dir sage , es sind die Liebesgeister , die mit Dir sprechen , sie umkreisen jubelnd Dein Haupt . Weißt Du , wie ich Dich mir denke heute an Deinem Geburtstag ? - Am Meeresstrand , auf goldnem Thronsessel im weißen wollnen Gewand , den Purpur untergebreitet ; in der Ferne die weißen Segel auf hoher See , geschwellt vom Wind , rasch aneinander vorüberfliehend , und Du , ruhend im Morgenlicht , gekrönt mit heiligem Laub , mich aber seh ich zu Deinen Füßen , mit der reinen Flut , die ich am Meer geschöpft , um sie zu waschen . - So denk ich mich zu Deinem Dienst in tausend Bildern , und es ist , als sei dies die Reife meines Daseins . Hast Du schon in die untergehende Sonne gesehen , wenn sie schon milder leuchtet , so daß ein scharfes Aug von ihrem Glanz nicht mehr geblendet wird ? - Hast Du da schon gesehen , wie sich ihr eigen Bild von ihr ablöst und vor ihr am Horizont niedertaucht in die rote Flut , und nach diesem Bild immer wieder ein anderes in leisen Brechungen der Strahlen immer wieder sich anders färbt ? - Meine Seele , wenn der gewaltige Glanz Deiner vollen Erscheinung nicht mehr so stark blendet und die Ferne sanfte Schleier über Dich webt , sieht solche Bilder , die eins nach dem andern von Dir abstrahlen , sie tauchen alle unter in meiner Begeistrung wie im Feuerschoß der Natur , und ich kann mich nicht sättigen in dieser schönen Fülle . * * * Den 3. September So müde wie ich war am späten Abend , so fest wie ich schlief am frühen Morgen , hab ich drei Tage nicht geschrieben . Du hast nicht nach mir gefragt in dieser Zeit , und heut am Abend bin ich zum erstenmal hinausgegangen und überlege hier auf der Bank , daß Du mich vergißt . Die Vögel sind schon gewohnt , daß ich hier sitze unbeweglich still . - Wie ist ' s doch so wunderlich hier im fremden Land ! - Hierher bin ich gekommen an den verlassenen Ort , um tief in mich selbst zu versinken . Da seh ich Bilder , Erinnerungen früherer Tage , die sich an den heutigen anschließen . Heute , wie sie in der frühen Morgenstunde vor dem römischen Haus Musik machten , und wie der Herzog hervortrat und die großen Hunde ungeduldig den Menschen zuvoreilten und ihm an den Hals sprangen , das kam mir so feierlich vor , wie er sich freundlich ihren ungestümen Liebkosungen preisgab und über sie hinaus dem Volk winkte , das ihn mit Jauchzen begrüßte . Da teiltest Du plötzlich die Menge , das Vivat verdoppelte sich bei Deiner Erscheinung ; die beiden hohen Freunde miteinander auf und ab schreiten zu sehen , hoch an Geist und Milde , das war dem Volk ein heilig Schauspiel , und sie sagten alle : » Welch seltnes Paar ! « - Und viel Schönes wurde von Euch gesprochen , jede Eurer Bewegungen wurde beachtet : Er lächelt , er wendet sich , der Herzog stützt sich auf ihn ! Sie reichen einander die Hände ! Jetzt lassen sie sich nieder ! - So wiederholte das Volk mit heiligem Schauer alles , was zwischen Euch beiden vorging . Ach , mit Recht , denn aus Euer beider vereinten Liebe ging sein Glück hervor , das wissen sie alle ; und wie Ihr lange miteinander Rede führtet , da harrte die Menge schweigend , als ob der Segen von Jahrhunderten auf es herabgerufen werde . Ich auch , Goethe ! - Ich glaub dran , daß Euch beiden als Wesen höherer Geschlechter Macht gegeben ist , Segen für die Zukunft zu versichern , denn in des Herzogs Brust ist die Milde schon lange als Frucht gereift , das hast Du selbst gesagt , und Dein Geist strömt Licht aus , Licht der Weisheit , die Gnade ist und alles gedeihen läßt . Als Du weg warst , da ließ der Herzog mich rufen , er fragte , ob Du mich gesehen und begrüßt habest , das mußte ich verneinen , denn Du hattest mich ja übersehen . Erinnerst Du Dich noch an jenen Geburtstag ? - Am Abend , wo ich hinter dem Pfeiler stand , Du suchtest mich mit dem Blick und fandest mich auch , ach , wie durchglühte das mein Herz , wie ich Dein Spähen belauschte , da reichtest Du mir Dein Glas , daß ich draus trinken sollte , und keiner merkte es in der Menge . - Heute bin ich allein , viele Tage sind seitdem vergangen , dort liegt Dein Haus , ich könnte zu Dir gehen und Dich von Angesicht zu Angesicht sehen , doch zieh ich ' s vor ,