; « sprach er zu dem Knechte , der ihm das Pferd vorführte : » ich kehre erst zur Nacht zurück . Der Frau magst Du sagen , daß ich , meines Falkens Steigen zu erproben , ein wenig in ' s Freie geritten sey . Bleibe hübsch auf Deiner Hut , und hab ' Acht auf das Thor . « - Der Knecht nickte mit dem Kopfe , und der Junker ritt aus , und lenkte seinen Klepper gleich ausser der Burg auf versteckte Waldpfade , daß die auf dem Wartthurme sitzenden Weiber nicht das Geringste davon bemerkten . - » Ihr seyd also völlig wieder hergestellt ? « fragte Petronella das Fräulein mit erheuchelter Theilnahme : » Ihr werdet mir nun sagen können , ob der Luftzug über die Zinnen , oder mein arm , unschuldig Mährlein an Euerm Zufalle schuld gewesen ? « - » Keins , von beiden ; « versicherte Wallrade spitzig : » im Ganzen war es nur ein Übelbefinden , das mich öfter anwandelt ; ein Schwindel ; weiter nichts . Ihr kennt ja solche Zufälle , ob sie gleich bei Euch vom Alter ihren Ursprung nehmen , und bei mir das junge heiße Blut daran Ursache ist . « - Frau Else lachte , während das Fräulein von Leuenberg die Stirne verzog und die spitzige Nase rümpfte . - » Mag ich doch der Jahre so viele zählen , als der Erzvater Methusalem ; « sprach sie bitter : » ich bleibe doch immer jung gegen das Alter unsers adeligen Stammes . Nicht alle Leute können sich solcher Herkunft rühmen . « - » Nicht alle Leute mögen hoffärtige Armuth einem bequemen Bürgerthum vorziehen ; « versetzte Wallrade gereizt : » vergebt mir , Fräulein ; es mag alles wahr seyn , was Ihr mir von Euerm schönen Schlosse zu Gelnhausen zu erzählen für gut fandet , allein es ist wohl bessres zu finden , als schmale Kost und magre Mährlein , wie Ihr sie Euerm Vetter auftischt . Das wußte Eure Base Gretchen sehr gut ; sie scheute sich keineswegs dem Wohlleben eines Frankfurter Bürgers ein leeres Wappen zum Opfer zu bringen . « - » Dieses Opfer unbesonnener Jugend hat auch schier mein Herz gebrochen ; « erwiederte Petronella : » der Falk soll nie auf einem Finkenneste horsten . Merkt Euch das , gute Nichte . « - » Warum hatten doch eure Warnungen keine kräftigere Wirkung ? « fuhr Wallrade glühend und mit Spott fort : » Meinem Hause wäre viel Unfriede erspart gewesen , - und viele Schande . « - » Schande ? « schrie Petronella , erstickend fast vor Unwillen : » Welch böser Geist spricht denn heute diese Lästerungen aus Euch , da Ihr Euch noch gestern geberdet habt , wie ein reuiges Schäflein ? So man auch wollte , man könnte sich doch nicht mit Euch vertragen , denn Ihr seyd schlimm , wie ein schneidiges Messer . « - » Allerdings ; « gab Wallrade zu : » in ungeschickten Händen werde ich dazu , und das ist bei Euch der Fall . « - » Was sollen , denn die Stachelreden ? « fiel Else derb und heftig ein : » Wenn Verwandte sich also erzürnen , was sollen denn wildfremde Menschen thun ? Gebt Euch zufrieden . Beide seyd Ihr mir gleich liebe Gäste , - und , « setzte sie scherzend hinzu : - » das Fräulein von Baldergrün ist mir schier noch angenehmer , als Ihr , Leuenbergerin . « - » Weil das Fräulein mit goldnen Ketten und Geschmuck den gezwungnen Aufenthalt bezahlen muß ; « ergänzte Petronella . - » Und Ihr das erwünschte Traktament nur mit Mährlein ; « setzte Wallrade verhöhnend hinzu : » Ihr verdankt meinem Unglücke , das aber dennoch , wie Alles , ein Ende nehmen wird , ein Paar lustige Gelagwochen , Euer alter Kater ist schon in seinem Fett erstickt , und auch Eure hagre Gestalt beginnt sich zu runden . Während dessen aber muß der arme Bauersmann , der Euch gefahren , im Thurme verzweifeln . « - » Was kümmert mich der Mensch ? « fragte Petronella unwirsch : » Ich bin sammt meinem Vetter in Ehren geladen hieher gekommen , und es steht Euch schlecht an , mich für eine Schmarotzerin geltend zu machen . Der Hochmuth ziemt Eurer Lage nicht . Meinen Adel , meine Freiheit , mein gutes Gewissen habt Ihr doch nicht . Lacht nicht , mit dem Gewissen ist ' s wirklich nicht richtig ; die gestrige Ohnmacht , und die plötzliche Bekehrung , die darauf folgte , beweisen es , und der Mönch , der Eure Beichte anhörte , würde viel zu erzählen haben , wenn er anders erzählen dürfte . « - » Keine Beleidigung ! « zürnte Wallrade ; aber Petronella hätte unerbittlich fortgefahren , wenn nicht Frau Else dazwischen getreten wäre . » Ei , beim Wetter ! « rief sie : » Ist des Haders noch kein Ende ? Schämt Euch , Fräulein von Leuenberg . Euer Alter sollte vernünftiger seyn . Schämt Euch , noch einmal , - und nehmt Euch in Acht vor dem Vetter Veit , denn es scheint , als hätte er seine Nichte zu lieb gewonnen , als daß er Euch nicht den Kopf zurecht setzen wollte , wenn Ihr das Fräulein schmäht . « - » Das wolle Gott verhüten ! « seufzte Petronella mit niedergeschlagenen Augen : » Der Bruder wird doch nicht dem Beispiele der Schwester zu folgen trachten ? « - » Und wenn es wäre ? « entgegnete Wallrade mit verächtlichem Scherz . - » Mein Tod wäre es ; « fuhr Petronella giftig fort : » der letzte Nagel zu meinem Sarge . « - » So sterbt immerhin ; « sprach Wallrade höhnisch weiter , während Frau Else des Lachens kein Ende finden konnte : - » der Junker von Leuenberg macht mir den Hof , und hat geziemend um meine Hand geworben . « - » O der dumme Christoph ! « seufzte das alte Fräulein schmerzlich , und machte ihre Augen groß auf . - » Noch mehr ! « fuhr Wallrade schnell fort : » er wird mich befreien ; er hat ' s versprochen . « - » Befreien ? versprochen ? « stammelte Petronella und sank auf ihren Sitz zurück : » Ich bin verloren . Der undankbare Mensch kann seiner Muhme also vergessen ? mich würde er aus dem Hause stoßen wollen , um eines Bürgers Tochter in unser Schloß zu setzen ? Abscheulich ! Wo ist er , der Wütherich ? hören will ich ' s ; aus seinem Munde will ich ' s höre ! « - » Ihr erfahrt es früh genug ; « versicherte Wallrade . » Ich gebe Euch indessen mein Wort , daß ich mich lange besinnen werde , ehe ich zu Euers Vetters Zärtlichkeiten ein gutes Gesicht mache . « - » Und warum ? « fragte die Alte ereifert : » Ein junger Edelknecht von Veit ' s einnehmender Gestalt , ist Jungfrauen von zweideutigem Bürgeradel immer willkommen und wenn ich ' s beim Lichte besehe , so kann ich ' s nicht dulden , daß Ihr meinen Vetter ausschlagt . « Es wäre ein Schimpf für unser gutes Wappen , das Kaiser Karl der Große unserm wohlverdienten Ahnherrn gab . » Der Frosch soll sich ' s zur Gnade schätzen , mit dem Leuen auf dem Berge wandeln zu dürfen . « - » Ihr sprecht verwirrtes Zeug , Fräulein ; « fuhr Frau Else dazwischen : » das Alter und die Galle machen Euch thöricht vor der Zeit . Laßt das Ding nur seinen Weg gehen , und kümmert Euch nicht darum . Unser lieber Gast Wallrade hat mit Euch sich einen Scherz erlaubt . Der Vetter Veit wird sie weder zum Altar führen , noch befreien , ehe mein Alter nicht klingendes Geld dafür gewonnen . Riegel und Knechte bürgen uns für ihre Ruhe und stilles Verhalten , wenn die Freundlichkeit , womit wir die Gefangene behandeln , es nicht thut . Ich habe indessen - glaubt mir ' s Leuenbergerin - ein weit besseres Vertrauen zu des Leuenberger ' s Redlichkeit gegen uns , und zu des Fräuleins Aufrichtigkeit , als Ihr . Glaubt Ihr wohl , ich zögerte im Geringsten , die ehrsame Wallrade zu bitten , aus meinem Schreine die Stickarbeit zu bringen , die ich vor einigen Tagen begonnen , und ihr zu diesem Behuf meinen ganzen Schlüsselbund anzuvertrauen ? Hier habt Ihr diese theuern Schlüssel , mein Fräulein von Baldergrün . Eure Bereitwilligkeit bürgt mir dafür , daß Eure jungen Beine meinen ältern den Liebesdienst erweisen werden . « - In der Bitte der Frau Else lag ein Befehl ; Wallrade zögerte daher nicht , mit erkünstelter Freiwilligkeit zu thun , wozu sie sich nicht gerne hätte zwingen lassen . Schnell nahm sie die Schlüssel , verneigte sich boshaft vor der Base Petronella , und sprach : » Vergebt , edle Blutsfreundin , meiner vielgeliebten Stiefmutter , daß der Wunsch unsrer verehrten Gastfreundin mich hindert , Euch jetzt schon zu sagen , was der Frosch zu dem Leuen sagen könnte , wenn er mit demselben auf dem Berge lustwandelt . Dieses sinnige Gleichniß hoffe ich indessen später mit Euch abthun zu können , und diese Hoffnung wird nicht der geringste Beweggrund seyn , der mich zur Eile antreibt . « - Sie flog die Treppen hinab , und erschrack beinahe , da sie , an des Thurmes Pforte angelangt , den Herrn von der Rhön erblickte , der mit verschränkten Armen auf der Steinbank an der Kapellenthüre saß , und in tiefe Betrachtung versunken zu seyn schien . Die Geübte faßte sich jedoch schnell , warf dem Aufschauenden einen verächtlichen Blick zu , und ging stolz vorüber nach dem Wohngebäude . Bilger sah ihr nach , bis sie innerhalb der Thüre desselben verschwunden war , und ein schwerer Seufzer löste sich von seiner Brust . Unmuthig in der Erinnerung seiner Verirrung und seiner Leiden , wollte er in den verborgensten Winkel des Hofs entfliehen , um nicht zum Zweitenmale den Anblick der Frau ertragen zu müssen , die er einst für eine Heilige gehalten , und die er jetzo nur verabscheuen konnte , als über die Mauer herüber eine nicht unbekannte Stimme kam : » Gott grüße Euch , und gelobt sey Jesus Christus , frommer Vater ! « - Bilger sah den jungen Knecht über die Brustwehr lugen , mit dem er in verwichner Nacht geredet , und dankte ihm nach Art der Mönche . » Hochwürdiger Herr ! « fuhr der Geselle vertraulicher und leiser fort : » ich bin Euch viel Dank schuldig . Die Erlaubniß zu beten , die Ihr mir gabt , hat mich erquickt , und im Schlaf heute Morgen ist mir mein Mütterlein erschienen , und hat mich aufgefordert , wieder heimzukehren aus der ruchlosen Gemeinschaft . « - » Gott geleite Dich , mein Sohn ! « erwiederte Bilger : » Bete Du dann auch für mich . « - » Ach , Herr ! « meinte der Knecht : » frei seyn ist edler , denn Alles . Wie gerne wollte ich Euch frei machen , wenn ich ' s nur vermöchte « - Indem vernahm man ein Rennen und Laufen im Zwinger , und der Balken der Zugbrücke knarrte , wie der Riegel des Thors . - » Was gibt ' s denn da draußen ? « fragte der Herr von der Rhön den freundlichen Knecht . - » Denkt doch ! « flüsterte dieser herab : » das böse Zeichen ! der Gaul , auf dem heut der Herr fortgeritten , kömmt schon wieder gesattelt und gezäumt . Das Roß rennt wie toll am Abhang auf und ab , und hin und her . Die Knechte machen sich hinaus , um ' s einzufangen . Ach Herr ! was wäre das ein Augenblick des Heils für Euch , wenn das verdammte Gatterthor nicht wäre ? Brücke nieder , Thor auf , Knechte zerstreut , ein Pferd , halb beschlagen , steht verlassen an der Schmiede . Warum könnt Ihr nicht hinauf , und dann im Abendschein in den grünen Wald hinein ! « - So eben rief ein andrer Knecht den Plaudernden von dannen , und alles Getöse verlor sich in der Ferne . Bilger blinzelte durch das Gitterlein am Gatterthor , und sah , wie Recht sein junger Freund gehabt . Alles leer , auf der herabgelassenen Brücke ein einziger gaffender Knecht , ... der an der Schmiede verlassene Schimmel ruhig grasend , mit schleppender Trense . - Nach Freiheit klopfte des Gefangenen Brust , und mit leuchtenden Augen kehrte er sich , Groll und Kummer vergessend , zu Wallraden , die gerade mit Frau Elsens Stickerei aus dem Hause trat . - » Dort ... « stammelte er , mit dem Finger durch das Gitter zeigend : » ein Augenblick der Rettung ... wer zu dieser Pforte den Schlüssel hätte ! « - Wallrade stand betroffen , dann faßte sie schnell nach dem Schlüsselgebunde , schleuderte Frau Elsens Stickerei in die dunkle Hausflur zurück , und lief nach dem Thurme , dessen Pforte sie in einem Nu zuzog , und mit dem ihr bekannten Schlüssel sperrte . Wie ein entschloßner Held zauderte sie keinen Augenblick , den Schlüssel zu suchen , welcher das Gatterthor öffnete , und ein günstiger Engel leitete ihre Hand . Der zweite , mit dem sie es versuchte , schloß die Pforte auf . Bilger eilte ihr voraus in den Zwinger ; das Schlüsselgebund flog in den Nesselbusch am Eingange ; des Wildmeisters geübte Hand bemächtigte sich des Schimmels , und hob Wallraden schnell auf dessen Rücken . Trotz der Kutte und der unbehülflichen Holzsohlen sprang er nach , und der Gaul , begrüßt von Zungenschlag und Rippenstoß , entsetzt von der ungewohnten Doppellast , die sich ihm plötzlich aufgeschwungen , tobte wie rasend gegen das Thor , und war schon durch Gewölb und Blückenbogen , ehe dem wachhabenden aber in die Ferne schauenden Knechte es einfiel , » Halt ! « zu schreien . Dieser Ruf kam zu spät , denn schon verloren sich Roß und Flüchtlinge hinter Kieferstämmen und Buschwerk , als erst die im Weiten nach Bechtram ' s Renner laufenden Burgleute das Geschrei vernahmen . Der Schimmel verstand seinen gezwungenen Dienst auf ' s Trefflichste , denn er stand nur erst nach einer langen zurückgelegten Strecke still ; auf einem Waldplatze , der einsam zwischen hohen Bäumen lag , und auf welchem man nur schwach die Hornstöße vernahm , die von Neufalkenstein ' s Warte ertönten . Wallradens Gesicht überflogen , trotz der Ermüdung und Erschütterung , Streiflichter der boshaften Schadenfreude , da sie diese Nothtöne vernahm . - » Ein Mark Silbers gäbe ich darum , « stammelte die fast athemlos im Grase Ruhende , » könnte ich auf jenem Wartthurme Zeuge der Verwirrung der beiden niederträchtigen Weiber seyn . O , daß sie den Hals brächen von der Zinne herab ! Wie wird Bechtram fluchen bei seiner Heimkehr ! Er ist im Stande und mordet die Weiber mit eigner Hand ! Süße Wonne der Vergeltung , wenn diese Kunde mein Ohr berührte ! « - » Seyd doch nicht unversöhnlich und gehässig in der Stunde , da es gilt , den Himmel anzuflehen um völlige Befreiung ; « ermahnte Bilger sich aufraffend : » Eure ruchlosen Wünsche möchten leicht den Engel von uns scheuchen , der unsre allzukühne Flucht bis jetzt beschirmte ! « - Wallrade sah ihn finster an ; er übersah es jedoch , und drängte zur schleunigen Fortsetzung der Fahrt . - » Wir haben keinen Augenblick zu entmüßigen ; « sprach er heftig : » durch jene Büsche sehe ich im falben Abendglanz die Heerstraße schimmern . Die Sonne ist fast erloschen , und das Dunkel beginnt . Noch lange jedoch sind wir nicht auf befreundetem Boden , und ich fürchte , mit dem Pferde haben wir keine Zeit zu verlieren . Seht , wie es keucht und schnauft , als ob es dem Herzgespann unterliegen wollte ! « - » Wohlan denn ! « entgegnete Wallrade , aufgeregt von der Möglichkeit , wieder angehalten zu werden , und ließ sich wieder auf des Schimmels Rücken heben : » Kommt , und eilt , wenn auch das Thier in der nächsten Stunde zu Schanden gehen sollte ! « - Rasch brachen sie durch auf die Straße , und immer hastiger ging ' s voran . Der Herr von der Rhön hatte keinen andern Gedanken als den der Flucht , und alles übrige vergessend , hielt er mit dem rechten Arme Wallraden umschlungen , während die Linke den Gaul regierte , wie es sich eben mit dem unzulänglichen Zügelriemen thun ließ . Wallrade fand aber unter Gefahr und banger Furcht noch Zeit zum unbescheidnen Scherz . » Ihr thut ja so eifrig , und umschlingt mich so fest , « sprach sie , spöttisch lächelnd zu ihm zurückgewendet , » als wär ' ich nur erst Euer geliebtes Bräutlein , und nicht Eure verhaßte Ehefrau ! Oder vermeint Ihr etwa , mein rascher Rittersmann , mich wieder in den Arm zu nehmen , weil Euer wahres Lieb der Sensenmann umfangen ? « - Der unzarte Scherz griff eiskalt wie die Hand des Sensenmanns an Bilger ' s Herz , und von Wallradens schlankem Leibe wich schaudernd seine Rechte , und der schwache Zaum entsank seiner Linken , und alsobalb stürzte der Gaul , über Baumwurzeln stolpernd , nieder , um nimmer wieder aufzustehen . Ein Vorderfuß war gebrochen , und auch die keuchende Brust des Thiers , vom scharfen Ritte längst entwöhnt , war am Verathmen . - » Euerm Frevel folgt doch gleich der Fluch auf der Ferse ! « zürnte Bilger , und riß Wallraden unsanft in die Höhe : » Jetzt mag unsrer eignen Füße Kraft uns weiter tragen . « - » Feiger Mann ! « schalt Wallrade verächtlich entgegen : » Das schreckt Euch ? Jeder Weg ist gut , führt er zum Ziele . Mag auch Dorn und Kies meine Sohlen zerreißen , - gleichviel - entgehe ich nur dem schändlichen Bechtram , und dem noch schändlichern Montfort ! « - » Ho ! wer gedenkt hier meiner ? « rief sie ein Mann an , der zu Pferde um die , einen Schritt entfernte Waldecke bog , und Wallradens Knie brachen , denn selbst in der mächtig einbrechenden Dämmerung war des Grafen verwachsne Gestalt , die wie ein Kobold im Sattel saß , nicht zu verkennen . Der bestürzte Bilger ließ die Erbleichende aus seinem Arm , und dies war der Augenblick , in welchem sich der vom Roß springende Montfort der willkommnen Beute bemächtigte . » Ei , was seh ' ich ? « rief er schadenfroh und überrascht : » Ist das nicht die tugendsame Jungfrau , der ich so eben zu Hofe zu reiten im Begriff bin ? Wollte sie mir entgegeneilen , oder hättest Du es gewagt , lüsterner Klostermann , mein Täubchen zu entführen ? Fort mit Dir , soll ich mich nicht an Deiner Glatze vergreifen ! « - » Herr Graf ! « entgegnete Bilger trotzig : » Ihr werdet nicht so unedel seyn , dies Weib auf offner Straße zu rauben , da es mir angehört . « - » Der Teufel ist hier Graf , und Dir gehört auch nur der Teufel an ! « fuhr ihn Montfort an , indem er die bloße Wehr gegen ihn erhob : » Weiche , verdammter Kuttenträger , und erkühne Dich nicht , meinen Namen nur auszusprechen , weil er zu edel für Deinen Mund ist . « - Wallrade machte eine Bewegung um zu entkommen ; des Grafen Arm hielt sie jedoch fest ; den vor Zorn erglühenden Bilger hielt er mit dem vorgestreckten Schwerte zurück . - » Ich höre Schnauben von Rossen , und Stimmen von ferne ; « jammerte die neuerdings Gefangene , die aber die Besonnenheit nicht in dem Grade verlor , um zu vergessen , daß nur dann erst Alles verloren war , wenn beide wieder gefangen würden : » die Verfolger sind ' s ! Weicht der Übermacht , frommer Vater ! Rettet Euer Leben ! « - » Ja , fliehe , geschorner Wicht ! « donnerte ihm Montfort zu : » fliehe , weil ich Dir ' s vergönnen muß , da ich allein bin , und ohne Geleite . Fliehe , mir ist ' s nur um diese hier zu thun , an welcher die Welt nichts verliert , mag sie Dir vorgelogen haben , was sie will , gefälliger Beichtvater ! Kommen hingegen die Andern heran , denen Ihr entlieft , so möchte es Dir nicht gut gehen . « - » Flieht ! Ihr macht uns alle unglücklich ! « schrie ihm Wallrade zu , und deutete heftig nach der Gegend hin , wo Frankfurt lag , und da plötzlich Frau Elsens gellende Stimme auf der Höhe des Wegs laut sich vernehmen ließ , so fand Bilger ' s Unschlüssigkeit ihr Ende schnell , und mit der Schnelligkeit eines Hirsches warf er sich abermals in das dicke Forstgehäge hinein , wohin kein Pferd dringen konnte , und das Rauschen seiner Schritte verscholl , ehe noch der Troß herbeikam , welcher in der That aus Leuten von Neufalkenstein bestand , die je zwei und zwei auf einem Ackergaule oder Lastesel hängend , herbeiklepperten . An ihrer Spitze war Frau Else selbst , quer auf einer grauen Stute sitzend , einen runden kleinen Schild am linken Arme führend , und mit einem breiten Waidmesser bewaffnet , das an ihrer Hüfte hing . » Sah man den hinkenden Lauf ihres Rosses , das im aufgehenden Mondlicht erglänzende Regentuch , das um ihr Haupt flatterte , den im Abendwinde schwimmenden und wehenden Gürtel , und das abenteuerliche Häuflein , das ihr folgte , so war man versucht , sie für die wilde Hexen- und Waldfrau zu halten , von deren Spuck und Gespenstergeleite die Sagen des Thüringerwalds , und des Brockens so viel zu erzählen mußten . « - » Halt ! « rief sie ihrer Rotte zu , da sie gewahrte , daß ihre Beute eingeholt worden : » Halt ! herab von den Thieren ! Kreuz , Nagel und Dorn ! Grüß Euch Gott , so ich Euch recht erkenne , Herr Graf von Montfort . Der Teufel auf Euern verdammten Schlangenkopf , listiges Fräulein ! Haben wir Euch wieder ? Alle vierzehn heilige Nothhelfer mußten Euch gerade diese Straße führen , Herr Graf . Heda ! Bursche ; nehmt das Weibsbild , und bindet es recht fest mit Zweigen und Riemen , daß sich die falsche Hexe nicht rühren kann . « - » Frau Else ! « entgegnete Wallrade empört : » so Ihr dieses an mir thun laßt , so ersticke ich mich selbst . Das Unglück hat mich in Eure Gewalt gebracht , und kein Verbrechen ! « - » Seht doch ! « eiferte die Mann-Frau , indem sie die Fäuste in die Seite stemmte : » ist es kein Verbrechen , mein Vertrauen zu betrügen ? meine Leute zu verführen ? « - » Ich antworte Euch nicht mehr ; « versetzte Wallrade : » aber ich tödte mich , wenn Ihr mich mißhandelt ; verlaßt Euch darauf . « - » Verruchte Kröte ! « murrte Else in sich hinein , und der Graf sprach mit beißendem Spott : » Bedenkt doch , Frau von Vilbel ! es geht wahrlich nicht , daß wir eine Leiche mit heim bringen , statt der holden Verlobten , in deren Armen ich Ersatz für meine mühsame Reise zu finden hoffte . Überlaßt das Fräulein meiner alleinigen Obhut . Ich will es so zierlich , als ein Kämpe von der Tafelrunde in das so schnöde verlassne Kämmerlein zurückbringen , und Wallrade , die sanfte , reizende Wallrade wird meinen Schutz sicher nicht verschmähen . Nicht wahr , mein Fräulein ? « - Lächelnd hielt er ihr den Steigbügel seines Pferds , und Wallrade erwiederte , indem sie sich ungeduldig aufschwang : » Herr Graf ! unter solchen Umgebungen hat Eure Überredung eine so unwiderstehliche Gewalt , daß ich Euch noch hundertfach mehr verabscheuen müßte , als ich es wirklich thue , um nicht Eure Gesellschaft derjenigen einer wüthenden Frau vorzuziehen , die es mir nicht vergeben will , hübsch listig versucht zu haben , was sie selbst in ähnlicher Lage , - wenn auch gröber und unbehülflicher , in ' s Werk gesetzt haben würde . « - » Die Leuenbergerin hat Recht ; « entgegnete Frau Else bitter : » Ihr seyd ein schneidig Messerlein , dem nicht zu trauen ist . Traut ihr nur ja nicht , bester Graf . Den Leuenberger Veit hat sie verführt , daß er ihr durchgeholfen , und den Mönch hat sie mitgenommen . Er und der arme Gaul , der hier am Boden liegt , möchten in Gottes Namen seyn , wo sie können , wenn wir nur des ungetreuen Schirmvogts , des Leuenbergers habhaft würden . Der Vogel hat aber sicherlich die Gefahr davon gespürt , und ist auf und davon gegangen . « - - Wallrade schwieg hartnäckig und ergötzte sich im Stillen an dem falschen Verdachte der Alten , obschon die getäuschte Hoffnung ihr Gehirn und Brust zusammenpreßte , daß die Tropfen bittrer Thränen in ihre Augen traten . Stumm wurde der Zug nach der kaum verlassenen Veste zurückgelegt . Auf Frau Elsens Ruf öffnete sich die Burg ; als sie aber über die Zugbrücke zu dem Hofe ritten , entsetzten sich Wallrade und der Graf , und auch die rohen , des Bannfluchs gewohnten Knechte bekreuzten sich , und beteten einen Stoßseufzer , denn an den Thorpfeilern hingen zwei Leichname . Auf Befehl der strengen Hausfrau hatte hier der Thorwächter geendet , welcher Wallradens Flucht nicht auf der That gehindert , und der alte Schmied , der von dem Schimmel gegangen war , dessen sich Bilger bemächtigt hatte . - » Spiegelt Euch daran ! « sprach Frau Else hartherzig und trocken zu Wallraden : » Allen , die es mit Euch halten , geht es also , und müßte ich den Letzten mit eigner Hand aufhenken . Diese Schlüssel aber , - sie zeigte hohnlachend das wiedergefundne Gebund , - diese Schlüssel vertraue ich nimmer Eurer gefährlichen Hand , obschon es mit dem Einsperren im Wartthurm nicht so vieles auf sich hatte . Ihr habt vergessen , daß der Thurmwärter eine Axt , und die grobe Frau Else Fäuste besitzt , die allenfalls , mit Eisen bewaffnet , ein Schloß auch ohne Schlüssel zu öffnen verstehen . Euch jedoch soll fürder weder Axt noch Schlüssel zu Gebote stehen , bis mein Herr sich mit dem Grafen abgefunden , und Euer Schicksal entschieden hat . « - Der innere Raum der Veste wurde nun verrammelt , als ob ein die Acht vollstreckendes Heer des Kaisers vor derselben läge . Frau Else bewirthete ihren unvermutheten , aber längst erwarteten gräflichen Gast in der Trinkstube , und Wallrade betrat beschämt und von Zorn zerrissen , aber nicht verzweifelnd , das Frauengemach , das sie vor wenig Stunden auf ewig verlassen zu haben glaubte , und in welchem Petronella , vom Schreck über die plötzliche Flucht der Gefangenen , und die muthmaßliche Theilnahme ihres Vetters , zusammengeschüttelt , krank zu Bette lag , und die mit dem Geschick grollende mit den härtesten Vorwürfen empfieng . Zwölftes Kapitel . Hast du gethan , was nicht recht , so trage den Lohn mit Geduld , Laß ' vom verdienten Geschick nicht allzutief Dich beugen : Willst Du die zürnende Welt von Reue überzeugen , Wähle die Mittel nur gut , sonst mehrst Du die vorige Schuld . Anonymus . » Was bringt Ihr mir , würdiger Vater ! « sprach Frau Margarethe Frosch , da sie den Beichtvater Reinhold bei sich eintreten sah , und eilte ihm hoffend entgegen : » O sagt , - sagt , mein guter Herr , bringt Ihr Leben oder Tod ? « - Der Mönch machte das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne der angstvoll Harrenden , und entgegnete : » Liebe Schwester im Heiland ! die Kirche und ihr Diener bringen nie den Tod , so lange ein gläubiges Vertrauen in sie gesetzt wird ; wohl aber immer das wahre Leben durch den himmlischen Trost , wenn auch der beschränkte Menschenverstand dagegen ankämpft . Auf Euren Gatten , liebe Frau , hofft indessen nicht mehr . Er ist hart wie ein Fels , und will weder durch Eure Bitten , noch durch meinen Zuspruch , der Rührung Eingang verschaffen . Es haben sich böse Mächte seiner angenommen , die sein Ohr verstopfen , und seine Sinne umnebeln ; darum gieng ich auch nicht zum Äussersten , und habe ihm nichts entdeckt , was seine Wuth noch hätte reizen können . « - » Er weiß also nicht ? « fragte Margarethe mit langem Athemzuge , » er weiß nicht , und zürnt mir dennoch unversöhnlich ? « - » Schwerer Verdacht ; « versetzte der Mönch achselzuckend : » Sein Sohn Dagobert scheint ihm der Räuber seiner Ehre zu seyn , und sein Sohn Johannes eine Frucht unziemlichen Verständnisses . « - » So ist es denn nun herausgesagt , was ich ahnte ? « klagte Margarethe mit hervorquellenden Thränen : » und dennoch , bin ich unschuldig , unschuldig , wie die Sonne ! « - » Allerdings ; « stimmte Reinhold bei , » ohne Zweifel , ob ihr gleich den jungen Mann geliebt , wie niemand besser wissen kann , denn ich . Ihr habt Euch männlich herausgerissen aus den Schlingen , in die