ob es nicht zu eröffnen sei . Sie setzte die Spitze des Mineralienhammers in die Klappe , und da das Holz in der gewaltigen Hitze eingetrocknet war , so mochte die Klappe leicht aufspringen . Ungeduldig griff sie nach Papier , Feder und Tintefaß , sie fand alles und wollte die Klappe eben zulehnen , als eine Masse aufgeschichteter Papiere , denen sie die Unterlage genommen , herausfiel . Aufgebracht über die Nachlässigkeit des jungen Menschen , der ihr so viele unnütze Mühe gemacht , griff sie in die Masse und drückte sie hinein , als ihr etwas unnatürlich Kaltes die Finger berührte , sie sah hin und fand , daß jenes Bildnis in Gold gefaßt , das sie in jener Nacht dem beglückten Freunde zurückgelassen , wieder in ihre Hände gefallen sei . Erst glaubte sie einen Diebstahl zu entdecken , aber wie sie die Papiere in wilder Hast durchlas , deren jedes eine Feier jener Nacht , ein Lobpreisen des beglückenden Zufalls und der täuschenden Dunkelheit war , da stand in einem Augenblicke die ganze Wahrheit vor ihr , sie durchdrang das Unselige der Begebenheit und der wilde Geist , der ihre Seele lange von fern umlagert , und immer enger bedrängt hatte , zog als Herrscher ein und stellte sich triumphierend auf die höchste Zinne . Mitten in dem Ekel gegen den Mißbrauch ihres Leibes und ihrer zutraulichen Seele , der ihr Inneres empörte , fühlte sie deutlich , wie sie jede Äußerung des Grafen so falsch gedeutet , wie nun alles seine Reden , sein Betragen , einen verständigen Zusammenhang gewinne , was ihr bisher rätselhaft geschienen ; nur der Abschied am Morgen blieb ihr fremd , aber sie fühlte wohl , daß auch etwas Unbedeutendes hinter dem kleinen Geheimnisse für seine Frau verborgen sein könnte , sie fühlte den Grafen seiner Frau unauflöslich verbunden , auf ewig von sich getrennt . Ihre letzte Liebe erlosch ohne Tränen in der Wut , in der Rache , die jetzt ihre ganze Seele geißelte . Ruhig glaubte sie zu überlegen und sie war außer sich , ihre Augen rollten umher , und suchten nach Waffen , aber alles war da so friedlich von wissenschaftlichen Sammlungen umstellt . Die Sonne strahlte ihre grimmigen Glutpfeile ins Zimmer und machte sie immer geduldloser . So blickte sie umher , und bemerkte mit starrer Freude auf einer der Schubladen voll Mineralien den Totenkopf gemalt , der , wie wir uns erinnern , den Leichtsinnigen gegen eine Menge giftiger Metallkalke warnen sollte . Begierig griff sie danach , und fand sich so reich , als dieser Schatz in ihren Händen , sie eilte damit auf ihr Zimmer . Da stand noch der edle Tränenwein in dem Becher eingeschenkt , wie ihn der Graf am Morgen ungeleert hatte stehen lassen , und sie mischte den edlen Sonnenwein , der zu dem Dienste des Herrn bestimmt war , mit den Schrecken der Unterwelt , welche Habsucht und Neugierde der Menschen töricht ans Licht fördert . An den strengen Vater , der ihr den Becher geschenkt , dachte sie jetzt bis an ihr Ende , seine Natur trat jetzt in ihr ganz hervor , ihr Entschluß war gefaßt , er hätte eben so gehandelt , denn so war der Sinn seiner Gerechtigkeit , in der sie ihre Rache erdachte . Der Schreiber war mit seiner Jagdflinte weit umher geirrt , er war kein eigentlicher Jäger , er hatte erst unter der Anleitung des Grafen seine Flinte laden und abschießen gelernt und begnügte sich damit , kleine Vögel , die zum Auffliegen nicht Lust hatten , zu beschleichen und meist zu verfehlen . An dem Tage geschah es ihm , daß er einer Nachtigall von Baum zu Baum nachfolgte , bis er sie zum Schuß gebracht hatte , da ergriff ihn ein wunderliches Mitleid , er setzte das Gewehr ab , die Nachtigall schlug freudig und er sang : Sing Vöglein , das den Zweig bewacht , Ich leg nicht an zum Schießen , Du singest mir von guter Nacht , Du mußt mein Liebchen grüßen : O könnt ich mich so singen aus , Sie müßt es einmal hören , Sing Nachtigall hier ohne Graus , Ich will dich nicht mehr stören . So weich wie deine Federlein Bin ich von süßen Wehen , Ich gehe in den Wald hinein , Mag doch kein Blut mehr sehen . Ein Tränlein auf das Pulver fällt , Und löschet alles Feuer ; Dir Nachtigall , bin ich gesellt , Und traure in der Feier . Nun dachte er , wie es ihm noch so wunderbar gehen könnte ; die Gegend war so fremd , wohin er sich verirrt hatte , daß ihm viele Märchen seiner Jugend einfielen , von Elfenköniginnen , die sich bei schönen Mondscheinnächten in Jünglinge verliebten und sie zu sich hinaufzogen , das waren aber alles Ritter , kein Schreiber war darunter . Hier fiel ihm Eginhard , Karls des Großen Schreiber ein , wie den des Kaisers Tochter auf den eignen Schultern durch den Schnee getragen . In angenehmen Träumen verlor er sich über den Kreis der Wahrscheinlichkeit , er sah sich an der Seite der Fürstin als Herrscher des Landes , ließ alle seine Liebhabereien mitregieren , sammelte Säle voll alter Marmorinschriften , voll alter Handschriften ; ein kleiner schwarzer Hirtenknabe erweckte ihn , indem er sich zu ihm setzte , mit seinen Ziegen viel zu reden hatte , und zuletzt ein heitres Lied sehr spöttisch sang : Es war ein alter König , Der hat ' ne schöne Magd , Da freut er sich nicht wenig , Weil sie ihm wohl behagt . Er läßt die Ritter laden , Zu seinem Hochzeitfest . » Es wird dir wahrlich schaden ! « Spricht einer seiner Gäst . Da sprechen sie gleich alle : » Wir bleiben dir nicht treu , Wenn du uns aus dem Stalle Die Kön ' gin holst herbei . « Er nimmt vom Haupt die Krone , Er sieht sie schweigend noch an , Und wirft sie von dem Throne Auf ' n ersten besten Mann . Und ruft : » Wer sie gefangen , Der soll mein König sein , Ich hab nicht mehr Verlangen , Zu herrschen ledig allein . Es mag ein jeder werden , Was ich gewesen bin , Dieweil ich nun auf Erden , Erst lustig worden bin . « Auf den die Kron gefallen , Dem schlug sie ein das Hirn , Das war der eine von allen , Der mit der frechen Stirn . Ja wem die Kronen fallen , Dem fällt ein schweres Los , Doch vielen sie gefallen , So wird er sie bald los . Der Schreiber wußte nicht , warum ihn das einfache Lied so ängstigte , es war ihm so ein eigner Doppelsinn darin , der ihn in seiner Träumerei störte , er konnte sich selbst als einen Herrscher nicht mehr denken , er hörte es nicht ganz aus , sondern stand auf , der kleine Hirtenbube rief ihm ein sizilianisches Sprichwort nach : » Zum Hängen kommst du immer noch früh genug . « Es dunkelte schon etwas , und da er den Weg nicht genau wußte , so ängstigte er sich sehr ab , ehe er in die Nähe des Schlosses kam , und trat außer Atem und mit klopfendem Herzen in das Zimmer der Fürstin , die ihn gleich bei seinem Eintritte in das Gartenhaus zu sich geklingelt hatte . Wie er so eintrat , fielen die Sonnenstrahlen hell auf sie , sie sah sehr ernst aus und zeigte ihm schweigend jenes Bild , das ihn verraten . Erschrocken stürzt er ihr zu Füßen , und umfaßt ihre Kniee , sie hebt ihn auf , und spricht : » Ich hatte dir viel Gutes getan , dir und den Deinen , du hast mich betrogen , du hast meine Gunst nicht ritterlich gewonnen , sondern wie ein Dieb , aber die Liebe verzeiht der Liebe alles , du hast mich dir unterworfen , der du mein Untertan warst ; schwöre mir neue Treue , denn jene alte hast du gebrochen , schwöre mir bei diesem Becher , den ich mit dir treulich teilen will , ewige Treue im Tode . « - Er schwört ihr ohne Besinnung bei Seele und Seligkeit , sie leert die Hälfte des Bechers und gibt ihm den Rest , er leert ihn , ohne zu ahnden , ohne zu schmecken , welches Verderben er enthalte . Als er ihn geleert hat , glaubt er mit einer Umarmung seines Glückes sich versichern zu dürfen , die Fürstin stößt ihn zurück ; ehe er noch seine Verwunderung zu äußern vermag , bedrängen ihn innerlich heftige Schmerzen , und werfen ihn nieder . » Jetzt komme in meine Arme Verräter « , ruft die Fürstin , die ihren Zorn nicht länger zurückhalten kann ; » wendest du dich von mir , willst mich kriechend im Staube verehren , wie die Schlange ; hast du wieder genossen , was dich verdirbt , wie du meiner Schönheit Freude genossen hast in jener Nacht , die dich am Tage verdirbt ; keinen Tag siehst du mehr , dies sind die letzten Strahlen , die mir deine häßliche Gestalt zeigen , und mein Abscheu gegen dich hat keine Grenzen . « Der Schreiber ruft bange um Hülfe , aber erst als er mit raschem Schmerze dem Ausgange des Lebens nahet , tritt jemand zu ihnen ein , eben der schöne Fremde , den die Fürstin von sich gewiesen hatte , alle Leute des Schlosses waren mit der kranken Gräfin beschäftigt . » Wer Sie auch sind « , sagte die Fürstin zu ihm , » dieses Unglück ist nicht abzuwenden , hören Sie aufmerksam zu , damit Sie den Nachbleibenden , die uns verlassen haben , alles berichten können . « Ängstlich steht der Fremde bei den Leidenden , und kann zu keinem Entschlusse kommen , ob er sie verlassen solle , um Hülfe zu suchen , er hört die Erzählung der Fürstin und seufzt : » Ach so ist mein Traum doch eingetroffen , so war zu spät die Warnung ! « Wir werden diesen Fremden später näher kennen lernen , ihm verdanken wir die meisten Nachrichten von dieser Geschichte . Die Gräfin hatte inzwischen unglaublich gelitten , der Leibarzt der Herzogin gab wenig Hoffnung bei diesem unerklärlichen Zustande , jedermann wünschte und fürchtete die Ankunft des Grafen , die Herzogin sah von Zeit zu Zeit nach der Landstraße , und betete mit Ungeduld , daß er doch endlich zurückkäme , endlich sieht sie Staub , es kommt ein Reiter , aber auch eine Kutsche , und sie bedauert die Fremden , die zu solchem Jammer ankommen . Fröhlich jagt der Graf neben dem Wagen her , der den Minister mit seinen Begleitern in ungeduldiger heitrer Erwartung zum Schlosse führt ; der Minister hatte seine Reise so beschleunigt , daß er selbst seinem Briefe zuvorgeeilt war . Auf dem Wege , der in der Nähe des Gartenhauses vorbei führt , hört der Graf das Jammergeschrei der beiden Sterbenden , er springt vom Pferde , der Minister aus dem Wagen , der Fremde ruft aus dem Fenster ihm entgegen , er möchte eilen , ein großes Unglück sei geschehen . Ehe er ins Haus getreten , flehet ihn einer seiner herbeigeeilten Bedienten an , er möchte zu seiner sterbenden Frau eilen ; das Blut läuft ihm in schrecklicher Verwirrung durcheinander , aber der Gedanke an seine Frau führt ihn unbewußt nach dem Schlosse , während er dem Minister winkt , nach dem Gartenhause zu gehen . Der Minister eilt die Treppe hinauf , von dem Fremden geführt , er weiß nicht , was seiner wartet ; als er ins Zimmer tritt , findet er die Fürstin , seine verehrte Freundin und Beherrscherin , sehr entstellt auf dem Sopha liegen , ihr zu Füßen den Schreiber , der sich in letzter Todesverzweiflung noch an sie angeschlossen . Der Minister wirft sich bei der Fürstin nieder , und frägt abgewandt : » Was ist geschehn , wie ist zu helfen ? « - Die Fürstin erkennt ihn gleich und sagt : » Sie hier , mein alter Freund , mir ist nicht zu helfen , war der Graf nicht vor der Türe , ich glaubte , seine Stimme zu hören . « - Der Minister antwortete ihr , daß der Graf eben hätte eintreten wollen , als er zu seiner sterbenden Gattin gerufen worden . - Das Gesicht der Fürstin verzieht sich schmerzlich , sie seufzt : » Der Graf will mich nicht sehen , ich soll ihn nicht mehr sehen und die Gräfin stirbt ! Armer Vater , das ist mein Werk , aber nicht mein Wille . Ich kann nicht mehr aufstehen , der Mensch unten hält mich , gern möchte ich die Gräfin um Verzeihung anflehen . « - Der Minister versucht , den Schreiber fort zu schieben , aber vergebens , ihn hatte die zerstörende Neige des Giftes , die er begierig eingeschluckt , schnell erstarrt . Die Fürstin blickt hin und sagt » Ist er tot ? Wie konnte er so wenig Gift vertragen , und so große Schuld übernehmen - ihr letzten Zeugen meiner Leiden , ich bitt euch , sagt ' s aller Welt , ich habe ihn vergiftet , eingedenk des Vaters strenger Gerechtigkeit und seines hohen Stolzes ; ihm schwor ich auf dem Totenbette , des Hauses Ehre heilig zu bewahren , ich hab ' s getan . Der schnöde Sklave hatte trüglich meinen Leib zu seiner Lust mißbraucht . « - Zuckungen unterbrechen ihre Rede , sie stammelt mit Abscheu , wie sich alles ereignet , ihre Zuhörer sind von dem Schrecknisse festgehalten und gelähmt , nur der Kammerjunker eilt nach dem Schlosse , den Arzt zu rufen . Endlich unterbricht der Minister ihre Erzählung und bittet sie daran zu denken , wie bald sie werde stehen vor Gottes Angesicht , wo der arme Schreiber da mit ihr erscheine , wo alle Menschen gleich ; dem Minister war der Glaube seiner Kindheit in diesem Schrecknisse wieder erschienen . - » Gottes Angesicht « , ruft sie mit letzter Kraft , » wird er nie sehen , er hat geschändet den Leib Gottes , dessen Ebenbild auch ich war ! « - Dieses waren ihre letzten Worte , fast ohne Reue , hart und wild ausgesprochen , wie zu einem hoffnungslosen Kampfe , in welchem sie doch die gute Sache auf ihrer Seite glaubte , so starrte sie dem Tode entgegen , der Arzt kam zu spät . Ihre letzten jammernden Ausrufungen wollen wir nicht aufzeichnen ; sie gehörten ihr wohl nicht mehr , sie sind der bloße Schrei der allgemeinen menschlichen Natur , die sich von dem gewohnten Lebenskreise mit Mühe trennt . Der Minister überließ sich nicht gern seinem Gefühle , er vermied es aus einem gewissen Grundsatze der Selbsterhaltung ; jetzt , wo es ihn überraschte , konnte er es nicht ertragen ; die vordrängenden Tränen durchzuckten ihn schmerzlich , er wendete sich von der Sterbenden , die der Fremde in seinen Arm genommen , der sich ihr als ein ferner Anverwandter aus unglücklichem Stamme , als der Prinz von Palagonien angab ; ihm danken wir die meisten Nachrichten von dieser Geschichte , er ist der unglücklichste und edelste Mensch , den die Erde getragen . Der Minister trat ins Schloß , wo alle in dumpfer Betäubung umherschlichen , horchten , keiner ihn fragte , zu wem er wolle , wo keiner seine Fragen beantwortete ; er irrte umher und traf endlich auf die Herzogin , die er fragte , wo seine Töchter zu finden wären . Die Herzogin küßte ihm die Hand und sagte : » Mein teurer Vater , wie müssen wir uns wiedersehen ! Gehen Sie nicht weiter , im nächsten Zimmer liegt Ihre sterbende Tochter Dolores , die ich vor wenigen Stunden gesund verlassen ; sie ringt mit fürchterlichen unerklärlichen Träumen , die in einander sich vermehren und keiner mehr beschwichtigen kann . Ich habe mich einen Augenblick entfernt , denn meine ganze Seele ist zerrissen , und selbst dem himmlischen Troste ist mein erschüttertes Herz geschlossen . « - Bei diesen Worten sank sie schluchzend in des Vaters Arme . Die Sonne sank unter und das Geheimnis umschloß noch alle , da kam der geistliche Sohn Johannes , den eine Botschaft aus dem Schlosse hinberufen , und trat an seiner Mutter Bett . Bei seinem Anblicke kam ihr die Klarheit des Geistes wieder . O dieser schönen letzten Klarheit ; sie war so ganz bei sich , als sollte sie noch eine Ewigkeit unter den teuren Seelen leben , die sie so bald verlassen sollte , die sie aber wohl noch als ein allgegenwärtiger liebevoller Schutzgeist umwohnen mag . Die ersten Äußerungen ihres erwachten Bewußtseins waren Großmut und Aufopferung , sie sagte dem Grafen , daß sie nach ihrem Tode keine Frau wüßte , die ihm tröstlicher sein könnte , die ihm und ihren Kindern mehr zugetan wäre , als die Fürstin ; Deutschland würde ihn freudig empfangen . Der Graf hielt diese Äußerung noch für bewußtlose Schwärmerei und bat alle umher , von dem Tode der unseligen Fürstin zu schweigen ; die Gräfin aber hatte dies vernommen und erfragte allmählich die traurige Begebenheit , sie betrauerte der Fürstin Leiden und erfreute sich der unwandelbaren Liebe ihres Karls . Das Geheimnis seiner Reise , der Planetenring , den er ihr zum Ersatz des verlornen Verlobungsringes an den Finger steckte , durchdrang sie mit dem Vergnügen ihres ganzen Lebens , es war ein neuer Bund mit dem Geliebten und die Scheidende schien ihm noch so schön , wie in den ersten Stunden seiner Liebe . Nie fühlte sie sich ihm so nahe , ihre Fehler waren ihr ein fremdes abgelegtes Kleid , wie ihr Körper , sie fühlte sich durch ihre Buße ihrem Manne und der Welt versöhnt , sie scheute sich nicht eine Ewigkeit zu bleiben , wie sie in den Augenblicken geworden und ein Rückblick in das veränderliche sterbliche Leben machte ihr Schmerz . Noch gedachte sie ihres Vaters mit Sehnsucht und auch dieser Wunsch war ihr durch seine Nähe schnell gewährt . Sie fühlte sich sehr schwach und begehrte die letzte Ölung aus den Händen ihres Sohnes Johannes , der sie ihr mit Würde und Heiligung erteilte ; die Fackeln erhellten das stille Zimmer , in welchem nur das Schluchzen ihrer Lieben zuweilen die fromme Segnung unterbrach , draußen hatte Sturm die Himmelsfackeln ausgelöscht und die Schiffe wurden entmastet vorübergetrieben . Dolores betete mit Erhebung und segnete die Ihren , sie gedachte der am Morgen aufgefundenen Worte Christi : » Wahrlich ich sage dir , heute wirst du mit mir im Paradiese sein « ; da füllte ein Blutstrom den betenden Mund , ihr Tod war kein Kampf mehr wie ihr Leben , sondern der Anfang des Friedens . Sie starb den vierzehnten Juli , an demselben Tage , in derselben Mitternachtstunde , in welcher sie vor vierzehn Jahren die heilige Treue gegen Gott und ihren Mann gebrochen . Ewige Gerechtigkeit , warum mußte sie sterben ? Daß dir schaudre Mensch , vor der Gewalt der göttlichen Leidenschaft , der allmächtigen Liebe , welche von der Jugend so oft in törichtem Leichtsinne aufgesucht und ausgefordert wird ; - daß dir nicht graue vor dem Tode , sterblicher Mensch , denn er ist dir gewiß ; daß du gedenkest in ihm deines Lebens und dessen unerschöpflich reicher Erfahrung . Der Zukunft gehört alle Welterfahrung , möge keinem ihre gute Lehre zu spät kommen ; wer sich nicht verschließt , dem ist sie nicht verschlossen , in ihr lebt alles Vergangene ein vollkommenes Leben . Der Mensch steht aufgerichtet in der Welt , daß er sich umschaue mit offenen Augen ; oft will er sich begnügen mit seinem Kreise , aber die Not treibt ihn gewaltsam auf die Höhen , die seinen Blick erst beschränkten ; da strahlt ihm das Licht der Welt , sie liegt unter ihm , die dunkle Erde scheint leuchtend , oben umschließt ihn das ewige Blau . Zu dem Lichte möchte der Mensch dann aufsteigen , da beweist ihm die irdische Schwere schwindelnd in ihm ihre letzte Macht : Er fühlt , daß sie ihn stürzen kann , und er betet zu allem , was ihn erhoben , daß es ihn nicht zuschanden werden lasse . Da scheidet sich sein Wesen , das Blut aus tiefem irdischen Triebe aufwallend zur höheren reinen Luft füllt den betenden dürstenden Mund , der Mensch stürzt nieder , sein Göttliches steigt empor - dies ist der Tod auf den Höhen der Welt , so beschreiben ihn die Reisenden , die hohe Berge besteigen . Der Graf , die Herzogin , die Kinder , niemand wollte von der Sterbenden weichen ; Johannes stand allen bei mit heiliger Kraft , als die Verzweiflung über den unglücklichen Verlust sie beim Leichenbegängnisse ergriff . Die Nachricht ihres Todes verbreitete sich durch die Sterbeglocke der Schloßkapelle durch die ganze Insel , die Glocken läuteten , wie bei einem Erdbeben , alle fromme Seelen beteten für sie , viele dankbar für empfangene Wohltaten . Dem Grafen blieb nach dem unendlichen Verluste viel , seine Trauer und zwölf schöne Kinder , seiner Dolores Abbilder im Spiegel Gottes und eine liebende Mutter für alle , die Herzogin . Die Welt wünschte bald wegen der Kinder die Vermählung des Grafen mit der Herzogin ; aber es ziemte nicht dem Schmerze beider , nicht der Gewohnheit ihres Lebens , auch bedurften sie keiner anderen Vertraulichkeit miteinander , ihr Sinn und ihr Herz waren im Denken wie im Handeln eins . Nachdem Johannes die erste trübe Zeit dem Grafen mit Andacht geheiligt hatte , trat der Fremde , den wir als Prinzen von Palagonien kennen lernten , zu ihm ; es war das erste Unternehmen des unentschlossenen Prinzen , als er ihm seine Freundschaft so offen , so gutmütig antrug , daß der Graf sich ihm ganz erschlossen fühlte . Die beiden unglücklichen Freunde erheiterten einander mit der Erzählung ihrer Schicksale ; der ruhigere Prinz mäßigte die heftigen Ausbrüche des Schmerzes im Grafen , die rastlose Tätigkeit des Grafen zerstreute den von aller Welt zurückgezognen Prinzen durch wiederkehrende Berührung mit derselben . Oft glaubte der Graf , seine Dolores habe ihm aus dem Himmel diesen edlen Freund zugesendet , er schien ihm eine einsame Insel , die aus einem wilden Meere , das ihm alles entrissen , hervorgegangen , ihn freundlich aufgenommen und erhalten hatte . Lange verweilte der Minister bei der frommen Herzogin . Der Anblick seiner sterbenden Dolores hatte ihn tief gerührt , aber die Erinnerung war ihm nicht fürchterlich ; dagegen ließ ihm das Andenken an die Fürstin in Träumen keine Ruhe , oft erschien sie ihm auf einem glühenden Throne und flehte ihn an , daß er für sie beten möge . Er lebte vom Troste der Herzogin und konnte sich lange nicht zur Abreise entschließen . Der Kammerjunker mußte in Aufträgen von ihm den Erbprinzen aufsuchen ; die Erzählung des furchtbaren Ereignisses wirkte auf den leichtsinnigen jungen Mann , er entschloß sich von dem gewohnten Leben abzugehen . Seine Kameraden staunten und frohlockten über seine Verwandlung in einen Fürsten , jeder hoffte durch ihn seinen Vorteil , nur Furiosa , die sich durchaus in seine neuen Gesellschaften nicht finden konnte verließ ihn . Der Leichnam seiner Mutter , der Fürstin , wurde in einem halben Jahre von den morgenländischen Balsamen , womit ihn die Ärzte gegen Verwesung schützten , hinlänglich durchdrungen , um die warme Luft ertragen zu können . Die Sorge für diese geehrten Überbleibsel verpflichtete den Minister endlich zur Abreise nach Deutschland , der Abschied von seiner Tochter , von seinen Enkeln wurde ihm sehr schwer . Er selbst setzte sich in den Wagen , der den Sarg verschloß , und von allen Kirchen traurig bewillkommt wurde . Die Dichterin folgte ihm in einem anderen Wagen , sorgsam beschäftigt mit seiner Pflege ; er erkannte es , denn er war weich und milde geworden durch die harten Stöße des Geschicks . Als sie so durch die Pontinischen Sümpfe zogen , gedachte sie mit Leidwesen , wie die Wahrheit alles Schauerliche ihrer Dichtung vom Hylas übertroffen . Nachdem die Fürstin in der Gruft ihrer Väter beigesetzt worden , traf der Erbprinz in der Hauptstadt ein , er wußte von dem Lande nichts , hatte aber Kenntnis der Zeit , er überließ die meisten Geschäfte dem Minister , der aus Liebe zu ihm und zum Lande alles wieder übernommen hatte . Tage und Nächte voll Sehnsucht nach dem stillen Lande , das alles Verlorne wiederzugeben verspricht , vergingen dem Grafen leichter , seit ihm sein Freund , der Prinz , den Gedanken eines Denkmales auf die geliebte Dolores mitgeteilt hatte . Unablässig betrieb er die Arbeit , sie beschäftigte die geschicktesten Bildhauer , und ehe ein Jahr vergangen , erblickten die Seefahrer mit frommem Danke die übergroße Bildsäule der Gräfin , wie sie mit der einen aufgehobenen Hand warnend , mit der andern ausgestreckten segnend , von ihren zwölf Kindern umringt , auf der Spitze einer gefährlichen Klippenreihe , die bis dahin der Untergang mancher Hoffnung und manches Lebens geworden , milde aus dem Himmel herableuchtend ihnen erscheint . Ihre Augen und ihre gräfliche Krone , und die Augen und Kronen ihrer Kinder werden jede Nacht durch eine kunstreiche Einrichtung wie ein neues wunderbares Sternbild erleuchtet , das noch hell glänzt , während alle am Himmel hinter Wolken erloschen ; die Seeleute nennen diesen Leuchtturm » Das heilige Feuer der Gräfin « oder auch » Das heilige Feuer der Mutter « . So oft der Graf dieses Denkmal beschaute , mußte er des Verlobungsringes gedenken , welcher in der Meerfahrt verloren gegangen ; mit wunderbarer Sehnsucht wünschte er ihn zurück , der Ring hatte ihn an das Meer gebannt ; tagelang stand er traurend am Ufer , und suchte nach ihm im Sande . Vergebens waren alle versprochenen Belohnungen , den Ring aus der Tiefe zu hohen , die Stelle , wo er hinein gefallen , war unergründlich . Was keinem anderen möglich , gelang dem Freunde , der Prinz brachte ihn an einem heiteren Morgen freudig unserem Grafen zurück ; wie er ihn erhalten , bleibt ein Geheimnis . Alle Liebe , die der Graf mit diesem Ringe der Verstorbenen geschenkt hatte , wandte er nun zu dem ewigen göttlichen Vorbilde aller Leidenden , den dieser Ring in dem Kreise der Apostel darstellte , auch fühlte er sich durch den Anblick desselben wieder erfrischt , das Leben zu ertragen und es in allen seinen übrigen Wirkungskreisen zu vollenden , er fühlte sich gestärkt , bei dem Rufe seines bedrängten Vaterlandes , sich von dem Grabe seiner Dolores loszureißen , den Deutschen mit Rat und Tat , in Treue und Wahrheit bis an sein Lebensende zu dienen ; ihm folgten seine Söhne mit jugendlicher Kraft . Fußnoten 1 Hölderlin siehe Tröst-Einsamkeit S. 73. 2 Dieselbe Geschichte in Briefen ist erschienen Göttingen 1802 ; in diesem erzählenden Auszuge habe ich erhalten , was noch belehrend schien . 3 Die ganze Trauungsrede ist zu finden in dem braven Buche von Sailer : An Heggelins Freunde , München , Lentner , 1803 . 4 Viele einzelne Äußerungen dieser Briefe finden sich in einer schönen alten Sammlung christlicher Ermahnungen , die ich in einem Pergamentkodex besitze . 5 Vgl . Anhang zum ersten Bande des » Wunderhorns « , S. 438 . 6 Chymische Hochzeit Christiani Rosenkranz , Straßburg 1616 . 7 Für Unkundige wird bemerkt , daß echte Diamanten vor dem Brennspiegel verbrennen , Quarze dagegen bestehen .