zornig und nahm den Stockdegen und ging - mit ihm . Als beide durch das kleine dunkle Vorzimmer des Kellers gingen , sah Albano in einem Spiegel seinen eignen Kopf in einen Flammen-Ring gefasset . - Sie kamen aus der Stadt ins Freie . Der Kahle ging voraus . Der Himmel war sternenhell . Dem Grafen war , als hör ' er die unterirdischen Wasser und Feuer der Erdkugel und der Schöpfung brausen . Kaum erkannt ' er draußen den Weg nach Blumenbühl . Plötzlich lief der Kahle links feldein ; die magere Tischlerin stand auf der Blumenbühler Straße ganz starr und sah vertieft eine Leiche ziehen , die unsichtbar vorüberging , und hörte die ferne Glocke , die der Stumme trägt , der Tod . So schien es . Da folgte Albano dem Kahlkopf verwegner nach , die Geisterfurcht tötet die Menschenfurcht . Beide gingen stumm nebeneinander . In der fernen Tiefe schien es , als schwebe ein Mensch , ohne zu schreiten und rege zu sein , fest und langsam in den Lüften weiter . Am Kahlen zuckte unaufhörlich die weiße Haut , und eine unsichtbare Faust nach der andern zog sich aus dem Ton seines Gesichts und zeigte den Griff ; einmal lief auf ihm das Gesicht des Vaters des Todes160 vorüber . Plötzlich hörte Albano um sich das dumpfe Gemurmel und Durcheinandersprechen eines Gewimmels ; nichts war um ihn . » Hört Ihr nichts ? « fragte er . » Es ist alles still « , sagte der Kahle . Aber das Gewimmel murmelte und lispelte begierig und heiß fort , als könne es nicht fertig und einig werden ; - der kühne Jüngling schauderte , die Tore des Schattenreichs standen weit offen in die Erde , Träume und Schatten schwärmten aus und ein und flogen nahe ans helle Leben . Beide traten ans Laubgehölze vor Lilar ; da half sich ein Knabe mit einem unförmlich-großen Kopfe auf zwei Krücken heraus und hatte eine Rose , die er dem Jüngling nickend anbot . Albano nahm sie , aber der Kleine nickte unaufhörlich , als woll ' er sagen , er möge doch daran riechen . Albano tats - und plötzlich zog ihn die Theaterversenkung des Lebens , ein bodenloser Schlummer , in die dunkle Tiefe . Als er belastet erwachte , war er allein und ohne seine Waffe in einem alten bestäubten gotischen Zimmer - ein mattes Lichtlein streuete nur Schatten umher - er sah durch das Fenster - Lilar schien es zu sein , aber auf die ganze Landschaft war Schnee gefallen und der Himmel weiß bewölkt , und doch stachen sonderbar die Sterne durch . Was ist das , steh ' ich im Larventanz der Träume ? fragt ' er sich . Da ging eine Tapete auf - eine verhangne weibliche Gestalt mit unzähligen Schleiern auf dem Angesicht trat herein - stand ein wenig - und flog ihm an sein Herz . » Wer ists ? « fragte er . Sie drückte ihn heftiger an sich und weinte durch die Schleier hindurch . » Kennst du mich ? « fragt ' er . Sie nickte . » Bist du meine unbekannte Schwester ? « fragt ' er . Sie nickte und hielt ihn mit festen Schwesterarmen , mit heißen Liebestränen , mit ungestümen Küssen an sich fest . » Rede , wo lebst du ? « Sie schüttelte . » Bist du gestorben oder ein Traum ? « - Sie schüttelte . - » Heißest du Julienne ? « - Sie schüttelte . » Gib mir ein Zeichen deiner Wahrhaftigkeit ! « - Sie zeigte ihm einen halben goldnen Ring auf einem nahen Tisch . » Zeige dein Gesicht , damit ich dir glaube ! « - Sie zog ihn vom Fenster weg . » Schwester , bei Gott , wenn du nicht lügst , so hebe die Schleier ! « - Sie wies mit dem ausgestreckten langen umwickelten Arme nach etwas hinter ihm . Er bat immer fort , sie deutete heftig nach einem Orte hin und drückte ihn von sich ; endlich folgte er und kehrte sich seitwärts - Da sah er in einem Spiegel , wie sie schnell die Schleier aufriß und wie darunter die veraltete Gestalt erschien , deren Bild ihm sein Vater auf Isola bella mit der Unterschrift gegeben . Aber als er sich umkehrte , fühlt ' er auf seinem Gesicht eine warme Hand und eine kalte Blume ; und sein Ich zog wieder ein Schlaf hinunter . Als er erwachte , war er allein , aber mit seiner Waffe und an der Waldstelle , wo er zum ersten Male eingeschlafen war . Der Himmel war blau , und die lichten Bilder schimmerten - die Erde war grün und der Schnee verwischt - den halben Ring hatt ' er nicht mehr in der Hand - um ihn war kein Laut und kein Mensch . War alles der verwehte Wolkenzug der Träume gewesen , das kurze Wirbeln und Bilden in ihrem Zauberrauch ? Aber das Leben , die Wahrheit hatte ja so lebendig an seiner Brust gebrannt ; und die Schwestertränen lagen noch auf seinem Auge . » Oder wären es nur meine Brudertränen ? « sagte sein verwirrter Geist , als er aufstand und in der hellen Nacht nach Hause ging . Alles war so still , als schlafe das Leben noch fort - er hörte sich und fürchtete , es zu wecken - er schauete seinen gehenden Körper an : ja , dacht ' er , dieses dichte , um uns gewickelte Bette spielt uns eben die Qualen und Freuden des Lebens zu . So wie wir schlafend unter herüberfallenden Bergen zu ersticken glauben , wenn das Deckbette sich auf unsere Lippen überschlägt , oder über klebendes Glut-Blech zu schreiten , wenn es mit zu dicken Federn die Füße drückt , oder als nackte Bettler zu frieren , wenn es sich kühlend verschiebt : so wirft diese Erde , dieser Leib in den siebzigjährigen Schlaf des Unsterblichen Lichter und Klänge und Kälte , und er bildet sich daraus die vergrößerte Geschichte seiner Leiden und Freuden ; und wenn er einmal erwacht , ist nur wenig wahr gewesen ! » Gott , warum kommst du so spät - und so blaß ? « fragte Schoppe , der in Albanos Zimmer lang ' auf ihn gewartet hatte . » O , frag mich heute nicht ! « sagte Albano . Dreiundzwanzigste Jobelperiode Liane 95. Zykel Nie fuhr sich Schoppe mit mehr Flüchen an als am Morgen unter Albanos Erzählung , und zwar darüber , daß er nicht geblieben war , um dem Kahlen , dem Schwungrad so vieler Geister-Bewegungen , mitten unter dem Drehen in die Speichen zu fahren . Er flehte inständig den Grafen an , doch bei der nächsten Erscheinung - zumal in Italien - dem Kahlen ohne Schonung die Larve abzureißen , und bliebe das Leben darin hängen . Den Jüngling hatte die Nacht zu stark bewegt ; daher sprach er ungern und flüchtig davon . Da in ihm alle Empfindungen sich ernster und übermächtiger regten als in Roquairol : so hatt ' er nicht wie dieser Freude an ihrem Malen , sondern Scheu davor . Er suchte das kleine alte Schwesterbild auf , das ihm sein Vater auf der Insel gegeben ; - welcher treffende Widerschein des nächtlichen Spiegelbildes ! Dieses Alter-Moos an einer Schwester mußte , bloß um damit ihre Ähnlichkeit zu überdecken , durch Kunst gesäet sein . Die Vermutung auf Julienne gab er nach dem Nein der Verschleierten und bei der Unwahrscheinlichkeit einer solchen Nachtrolle wieder auf und setzte die Höhen-Berechnung aller dieser unbegreiflichen Lufterscheinungen auf die Hülfe seines so nahen Vaters hinaus . Ach über allen seinen Gedanken zog in Geier-Kreisen unaufhörlich eine ferne dunkle Gestalt , der Würgengel , der auf die hülflose Liane hungrig niederfliegen wollte ! Das Starren der Leichen-Seherin auf dem Blumenbühler Weg - zumal nach dem trüben Blatte der Fürstin - gaukelte jetzt in den dunkeln , durcheinanderkreuzenden Laubgängen , worein sein Lebensweg getrieben war , als ein flatterndes Schreckbild fort . Ein neuer , einziger Entschluß stand jetzt in seiner Seele wie ein starrer Arm am Wege fest , der immer nach einer Richtung zeigte , auf die Blumenbühler Straße : » Du mußt zu ihr « - sagte der Entschluß - » sie darf nicht in dem Wahne deines Zürnens und deiner alten Härte sterben - du mußt sie wiedersehen , um ihr abzubitten , und dann weinest du , bis ihr Grab aufgeht und sie wegnimmt . « - O , wie werd ' ich dann , sagt ' er zu sich , vor dem Sterbethrone dieses Engels mein hartes , stolzes , wildes Herz zerknirschen und alles , alles , womit ich die sanfte Seele in Lilar blind und wund gemacht , zurücknehmen , damit sie nicht zu sehr verachte die kurzen Tage ihrer Liebe und damit doch ihr Herz verscheide mit einer kleinen letzten Freude von mir ! - Und das , o Gott , bescheide uns ! Vergeblich trug Schoppe darauf an , daß er mit ihm die Expeditionsstube der Nacht-Wunder , die so wahrscheinlich im gotischen Tempel anzutreffen sein mußte , suchen sollte ; noch an diesem Tage wollte er vor die bleiche Geliebte dringen . Auffallend bestand Schoppe auf dem Besuch von Lilar fort und verlangte diesen zuletzt , voreilig befehlend ; - aber jetzt war es verdorben und Albanos Nein verpanzert . » Verflucht ! wozu lass ' ich mich denn in diesen Tränentöpfen kochen « , sagte Schoppe und fuhr hinaus . Aber nach kurzer Zeit kam er wieder , mit einem Blatte von Gaspard , worin dieser auf heute Relais-Pferde von der Post verlangte , und mit einem Vorschlag von sich selber , dem Vater entgegenzugehen . Wie erfrischend wehte die väterliche Nähe über Albanos schwüle Wüste ! - Gleichwohl sagte er das zweite Nein : das lange Wollen und Streiten und jede Stunde hüllte ihm Lianen immer finsterer in ihre Wolke , und er dachte bange an seinen Traum über sie auf Isola bella161 ; - und am Ende stutzte er argwöhnisch über das bedenkliche Zurückzerren . Und darin irrt ' er nicht ; Schoppe handelte nach ganz andern Begebenheiten , als er noch erfahren hatte . Der Lektor nämlich , der mit alter kluger Redlichkeit über den abtrünnigen , aber von ihm überall gelobten Jüngling von fernen Wache hielt durch den stellvertretenden Schoppe , hatte diesem den aufgetürmten bleischweren Wolkenbruch gezeigt , der sich nun gesenkt gegen das Haupt des edlen Jünglings herbewegte ; nämlich Lianens ganz nahen Tod . Früher war der Streit mit den Eltern , gleichsam diese poetische Härte für Lianens Nerven , noch Eisenwein gewesen , die nachher im weichen Wasser der Entsagung , Herbstruhe und Andacht schmolzen . Es gibt eine warme Windstille , welche Menschen wie Schiffe zerlässet ; eine Wärme , worin das Wachsbild des Geistes zerrinnt . Täglich kam noch dazu der fromme Vater und breitete ihre Schwingen aus , lösete sie ab von den Erden-Hoffnungen und Erden-Bangigkeiten und führte sie in den Glanz des göttlichen Thrones . - Die schönen Frühlingslüfte ihrer geendigten Liebe ließ sie wieder wehen , aber in höherer Stelle , es waren dünne , milde Äther-Zephyre , Blumen-Hauche . - Sie wußte jetzt zugleich , sie sterbe und liebe Gott . Sie stand wie eine Sonne schon ruhig und fern an ihrem Himmel , aber wie eine Sonne schien sie folgsam um den kleinen Tag ihrer Mutter zu gehen und wärmte sie sanft . - Ihre Tränen entflossen so süß wie Seufzer , wie Abendtau aus Abendrot - Wie man selig-wogend sinkt in heitern Träumen , so floß sie mit schwimmendem Körper-Gewand auf dem Todesflusse , lange getragen , langsam angezogen . Nur ein einziger irdischer Widerstand hatte bisher den süßen Fall gebrochen - die heiße Erwartung der kommenden Romeiro , dieser ihr so innig befreundeten Freundin ihrer Freundin Julienne . Endlich erschien ihr diese und ergriff ihre Phantasie zu sehr ; denn gerade die Flügel der Phantasie waren an diesem sanften , steten Schwane162 zu stark . Wie stellte sich die Kranke unter diese glänzende Göttin herunter ! Wie fand sie sich unwürdig der vorigen Liebe für Albano ! - So wenig hatte Spener , der nur vor Gott demütig war , sie hindern können , zwei Kleinode aus ihrem vorigen Leben in ihr jetziges verklärtes heraufzunehmen , die alte Demut vor Menschen und das alte bekümmerte Sorgen für Geliebte . Julienne mocht ' ihr noch so oft abgeraten haben , sie schlang sich doch an einem Abende - wo sie Albanos Wegziehen nach Italien vernommen - um Lindas Herz und sagte ihr mit gewöhnlicher Überwallung , nur Albano verdiene sie . Linda antwortete bewundernd : sie fasse eine Liebe nicht , die sich selber vernichte ; in Ihrem Falle würde sie sterben . » Und tu ' ichs denn nicht ? « sagte Liane . Julienne bat gleich darauf Lianen , die verlegne edle Gräfin darüber zu schonen . Liane schwieg unbeleidigt ; aber der neue Wunsch ergriff sie nun , ihren verlornen Albano noch einmal wiederzusehen und ihm ihre vorige Treue und seinen Irrtum zu beweisen und ihm mit sterbendem Herzen ein neues großes zu vermachen . Sie war sehr offenherzig mit allen letzten Wünschen ihrer heiligen Seele . Solange die Mutter und Augusti konnten , hielten sie ihr die Hand , damit sie sich eine so giftige schwarze Blume , als die Freude eines solchen Wiedersehens sein müßte , nicht ans kranke Herz steckte . Aber sie versicherte ihre Mutter , was könn ' es ihr in diesem Jahre schaden , da sie ja erst im künftigen - nach Karolinens Weissagung - von hinnen gehe . - Indes suchte man ihr das letzte Ziel immer hinauszurücken , in der Hoffnung , daß Gaspard den Grafen wegführe , und mit dem Vorsatz , nur im Notfalle aller verlornen Hoffnungen ihr diese tödliche zu stillen . Da wandte sie sich mit ihrem Wunsche an ihren Bruder ; aber dieser , halb aus erbitterter Eitelkeit , halb aus Liebe gegen die Schwester , schilderte Albano von der kältern Seite , sagte , er ziehe in ein frohes Land , verschmerze sie leicht u.s.w. Wie entrüstete sich beinahe die sanfte Seele , weil sie daraus mit weiblicher Scharfsicht einen nahen Bruch der Liebe gegen Albano und Rabette und eine Wiederkehr der Neigung für die dableibende Linda entdeckte ! Sie hatte schon längst die lange Unsichtbarkeit Rabettens untersucht . Denn diese arme Seele war seit ihrem Falle , seit dem Begräbnis ihrer Unschuld , durch keine Bitten und Befehle zu zwingen gewesen , vor die Freundin der ewigen Unschuld mit dem niedergeworfnen Sünder-Auge zu treten ; und jetzt war es ihr vollends unmöglich , seit ihr durch Lindas Ankunft und Besuche auch das kleinste schillernde Gewebe ihres fliegenden Sommers zertreten war und ihr Mund voll Qual dumpf am hereingezognen Leichenschleier erstickte . » Bruder , Bruder , « ( sagte Liane begeistert ) » bedenke , was unsere armen Eltern von uns Kindern haben ! Ich erfülle ihnen keine Hoffnung ; auf dir ruht jede ; ach wie wird unser Vater zürnen ! « setzte sie mit alter Scheu und Liebe dazu . Der Bruder hielt es für recht , die Wahrheit ( über Rabettens Hinab- und Wegstoßen ) , welche diesesmal die Gestalt einer bewaffneten Parze haben würde , von ihr zu entfernen , und setzte an die Stelle der Wahrheit seine Bruder-Liebe . Daher hatt ' er bisher die einzige Gelegenheit , mit der Gräfin zu sprechen , entbehrt - Lianens Krankenstuhl . » Du mußt sterben , « ( sagte er einmal im Enthusiasmus zu ihr ) » es ist gut , daß dein Gewebe so zart ist , damit es das Durcheinandergreifen so vieler Tatzen entzweireißet - Was hättest du bis in dein 70. Jahr nicht leiden können unter Menschen und Männern ! « Auch er glaubte - aus eigner Erfahrung - , daß es mehr Weiber- als Männerschmerzen gebe , so wie es am Himmel mehr Mond- als Sonnenfinsternisse gibt . So stand es bis in die Nacht , wo Albano den Kahlkopf , die Spiele der Finsternisse und die verschleierte Schwester sah ; in dieser sprang eine Saite nach der andern in Lianens Leben , sie wurde schnell verändert , und am frühen Morgen empfing sie schon das Abendmahl aus ihres Speners Hand . Der Lektor bekam diese trübe Nachricht von der Ministerin um 9 Uhr morgens . Darum sucht ' er mit solchem Eifer durch Schoppe den Jüngling vom Anblick einer verscheidenden Braut zu verdrängen . Später kam Gaspards Billett , welches beide auf den Gedanken brachte , ihn zum Entgegenfahren zu locken und - durch eine Nachricht an den Vater - diesen zu bereden , wenigstens auf einige Tage mit Albano vor dem nahen Erdfall umzukehren , damit dieser sinke , ehe ihn der Sohn betreten . Aber auch das , wie schon erzählt worden , schlug fehl ; Albano bekannte Schoppen geradezu seinen Argwohn irgendeiner unheimlichen Begebenheit . Dieser wollte eben eine Antwort geben , als sie ihm ersparet wurde durch einen keuchenden Boten aus Blumenbühl , der an Albano folgendes Blatt von Spener überbrachte : » P.P. Ew . Hochgeboren Gnaden soll in aller Eile melden , daß das todkranke Fräulein von Froulay noch heute mit Denenselben zu sprechen sehnlichst verlangt , daher Sie um so mehr zu eilen haben , da selbige nach eigner Aussage höchst wahrscheinlich ( und um so mehr , als Patienten dieses genre immer ihren Tod richtig vorauszusagen wissen ) den heutigen Abend schwerlich überleben , sondern aus dieser Leiblichkeit einziehen wird in die ewige Herrlichkeit . Ich für meine Person brauche Ew . Gnaden als einen Christen wohl nicht erst zu vermahnen , daß wohl ein sanftes , stilles , frommes Betragen und Gebet bei dem Sterbebette dieser herrlichen Braut Christi , von deren Tod jeder wünschen wird : Herr , mein Tod sei wie dieser Gerechten ! , nicht aber grausame weltliche Trauer sich gebühre und gezieme , der ich mit sonderbarem Respekte verharre Ew . Hochgeboren Gnaden Untertäniger Joachim Spener Hofprediger P.S. Kommen Dieselben nicht sogleich mit dem Expressen : so bitte sehr um einige Zeilen Antwort . « * Albano sagte kein Wort - gab das Blatt seinem Freunde drückte leise dessen Hand - nahm den Hut - und ging langsam und mit trocknen Augen auf die Gasse hinaus , auf den Weg nach dem Bergschloß . 96. Zykel Schaudernd lief er draußen um die Stelle vorbei , wo in der vorigen Nacht die Leichen-Seherin gestanden hatte , um ihre in schwarze Menschen verwandelten Träume langsam von der Bergstraße herunterziehen zu sehen . - Es war ein stiller , warmer , blauer Nachsommer-Nachmittag - das Abendrot des Jahres , das rotglühende Laub , zog von Berg zu Berg - auf toten Auen standen die giftigen Zeitlosen unverletzt beisammen - auf den übersponnenen Stoppeln arbeiteten noch Spinnen am fliegenden Sommer und richteten einige Fäden als die Taue und Segel auf , womit er entfloh - der weite Luft- und Erdkreis war still , der ganze Himmel wolkenlos - und die Seele des Menschen schwer bewölkt . Albanos Herz ruhte auf der Zeit wie ein Kopf auf dem Enthauptungsblock - - Nichts sah er im weiten Himmelsblau als die darin fliegende Liane , nichts , nichts auf der Erde als ihre liegende leere Hülle . Er zuckte , da ihm plötzlich auf der Blumenbühler Höhe das weiße Bergschloß entgegenglänzte . Er rannte hinab - wild vor dem verhaßten entstellten Blumenbühl vorbei - und draußen in den tiefen Hohlweg hinauf , der zum Bergschloß führet . Da aber dieser sich in zwei aufsteigende Täler spaltet : so verirrte sich der vom Schmerz verschleierte Mensch in das linke und eilte zwischen dessen Wänden immer heftiger , bis er nach langem Treiben auf die Höhe heraustrat und das schimmernde Trauerschloß hinter sich erblickte . Da war ihm , als rühre sich die weite hinabliegende Landschaft wie ein stürmendes Meer durcheinander mit wogenden Feldern und schwimmenden Bergen ; und der Himmel schauete still und hell auf das Bewegen nieder . Nur unten am westlichen Horizonte schlief eine lange dunkle Wolke . Er stürmte wieder bergab und kam in wenigen Minuten im kleinen Blumengarten des Trauerhauses an . Als er heftig durch ihn schritt , sah er oben an den Schloßfenstern mehrere Menschenrücken ; wenn sie sich umkehren ( sagt ' er ) , so wird sogleich die Sage umlaufen : der Mörder kommt . Jetzt trat die Ministerin an ein Fenster , wandte sich aber schnell um , da sie ihn erblickte . Er stieg schwer die Treppe hinauf , der Lektor kam ihm gerührt entgegen , sagte zu ihm : » Fassung für Sie und Schonung für andere ! Sie haben keinen Zeugen Ihrer Unterredung als Ihr Gewissen « und machte dem stummen Jüngling das stille Krankenzimmer auf . Vom Schmerz belastet und gebückt , trat er leise hinein . In einem Krankenstuhl ruhte eine weißgekleidete Gestalt mit weißen , tiefen Wangen und ineinandergelegten Händen und lehnte den Kopf , den ein bunter Grasblumenkranz umzog , an die Seitenlehne . Es war seine vorige Liane . » Sei mir willkommen , Albano ! « sagte sie mit schwacher Stimme , aber mit dem alten , aufgehenden Sonnen-Lächeln und reicht ' ihm die mühsam gehobne Hand entgegen ; das schwere Haupt konnte sie nicht erheben . Er trat hin , sank auf die Knie und hielt die teuere Hand , und die Lippe zitterte stumm . » Sei mir recht willkommen , mein guter Albano ! « wiederholte sie noch zärtlicher in der Meinung , er hab ' es das erstemal wohl nicht gehört ; und alle Tränen seines Herzens riß die bekannte wiederkommende Stimme in einem Regen nieder . » Auch du , Liane ! « stammelte er noch leiser . Mühsam ließ sie ihr Haupt auf die andere , ihm nähere Lehne herüberfallen ; da schaueten ihre lebensmüden blauen Augen recht nahe seine feurigen nassen an ; wie fanden beide ihr Angesicht von einem langen Schmerz entfärbt und veredelt ! Rotwangig und vollblühend und Schmerzen tragend war Liane in das kalte fremde Totenreich der schweren Prüfung für die höhere Welt gegangen , und ohne Farbe und ohne Schmerzen war sie wiedergekommen und mit himmlischer Schönheit auf dem irdisch-verblühten Gesicht - Albano stand vor ihr , auch bleich und edel , aber er brachte auf dem jungen kranken , eingefallnen Angesicht die Kämpfe und die Schmerzen zurück und im Auge die Lebens-Glut . » Gott , du hast dich verändert , Albano « - fing sie nach einem langen Blicke an - » Du siehst ganz eingefallen aus - Bist du so krank , Lieber ? « - fragte sie mit der alten Liebes-Bekümmernis , die ihr weder der fromme Vater noch der letzte Genius , der den Menschen erkältet gegen das Leben und Lieben , eh ' er es entrückt , aus dem Herzen nehmen konnten . - » O , wollte Gott ! - Nein , ich bins nicht « , sagte er und erstickte aus Schonung den innern Sturm ; denn er hätte so gern seinen Jammer , seine Liebe , seinen Todes-Wunsch ausgerufen vor ihr mit einem tödlichen Schrei , wie eine Nachtigall sich zu Tode schmettert und vom Zweige stürzt . Ihr erkältetes Auge ruhte , sich erwärmend , lange auf seinem Angesicht voll unaussprechlicher Liebe , und sie sagte endlich mit schwerem Lächeln : » So liebst du mich also wieder , Albano ! - Du hattest dich auch in Lilar ganz geirrt . Erst nach langer Zeit wird mein Albano es erfahren , warum ich von ihm gewichen bin , nur zu seinem Wohl . Heute , heute an meinem Sterbetage sag ' ich dir , daß mein Herz dir treu geblieben . - Glaub es mir ! - Mein Herz ist bei Gott , meine Worte sind wahr - Sieh ! darum bat ich dich heute zu mir - denn du sollst sanft , ohne Reue , ohne Vorwurf auf deine erste Jugendliebe herübersehen in deinem künftigen langen Leben . - Heute wirst du nicht böse über die kleine Linda , daß sie vom Sterben spricht - Siehst du wohl , daß ich damals recht hatte ? - Hole mir das Blatt dort ! « Er gehorchte ; es war ein mit zitternder Hand gemachter Umriß von ihr , der Lindas edeln Kopf vorstellte . Albano sah das Blatt nicht an . » Nimm es zu dir « , sagte sie ; er tat es . » Wie bist du so willig und gut ! « ( sagte sie ) » Du verdienst Sie - ich nenne sie dir nicht - als den Lohn deiner Treue gegen mich . Sie ist deiner würdiger als ich , sie blüht wie du , siecht nicht wie ich ; aber tu ihr nie unrecht - Deine Liebe zu ihr ist mein letzter Wunsch Wirst du mich betrüben , festes Gemüt , durch ein heftiges Nein ? « - » Himmels-Seele ! « - ( rief er und blickte sie bittend an und brachte ihr das Totenopfer des erstickten Neins ) » ich antworte dir nicht - Ach vergib , vergib der frühern Zeit ! « - Denn nun sah er erst , wie demütig , leise und doch innig die zarte , stille Seele ihn geliebt , die noch jetzt im zerfallenden Körper ganz wie an Lilars schönen Tagen sprach und liebte , so wie die schmelzende Glocke im brennenden Turm noch aus den Flammen die Stunden tönt . » So lebe nun wohl , Geliebter ! « ( sagte sie ruhig und ohne Träne , und ihre matte Hand wollte seine drücken ) » Reise glücklich in das schöne Land ! - Habe ewigen Dank für deine Lieb ' und Treue , für die tausend frohen Stunden , die ich dort erst verdienen will163 , für Lilars schöne Blumen ... Die Kinder meiner Chariton haben sie mir aufgesetzt164 ... Je ne suis qu ' un songe - - Was wollt ' ich dir sagen , Albano ? Mein Lebewohl ! Verlasse meinen Bruder nicht ! - O , wie du weinst ! Ich will noch für dich beten ! « - Die Sterbenden haben trockne Augen . Das Gewitter des Lebens endigt mit kalter Luft . Sie wissen es nicht , wie ihre lallende Zunge einschneide in die weit aufgerissenen Herzen . Die sanfteste Seele wußt ' es nicht , wie sie ein Schwert nach dem andern durch ihren Albano stieß , der es nun fühlte , daß er der Heiligen , der schon die Frühlingswinde , die Frühlingsdüfte des ewigen Ufers entgegenzogen , nichts mehr sein , nichts mehr geben konnte , nicht einmal die Demut nehmen . Als sie es gesagt , richtete ihr Haupt mit der Blumenkrone sich begeistert auf , sie zog ihre Hand aus seiner und betete laut mit Inbrunst : » Erhöre mein Gebet , o Gott ! und lasse Ihn glücklich sein , bis er eingeht in deine Herrlichkeit . Und wenn er irret und wankt , so schon ihn , o Gott ! und lasse mich ihm erscheinen und ihm zureden . - Dir aber allein , du Allgütiger , sei Preis und Dank gesagt für mein frohes , stilles Leben auf der Erde , du wirst mir nach der Ruhe droben schenken den schönen Morgen , wo ich arbeiten kann .... Wecke mich früh aus dem Todesschlafe .... Wecket mich , wecket ! ... Mutter , das Morgenrot165 liegt schon auf den Bäumen . « - Da stürzte die Mutter ins Zimmer mit andern Menschen . Der todesschlaftrunkne Blick und das Irrereden sagten an , daß nun der kalte Schlaf mit offnen Augen komme . » Erscheine mir , du bist ja bei Gott ! « rief Albano sinnlos . Umsonst wollt ' ihn Augusti wegführen ; ohne Antwort , ohne Regung stand er eingewurzelt fest . Liane wurde immer blasser , der Tod schmückte sie mit dem weißen Brautkleid des Himmels an ; da hörte sein weinendes Auge auf , die Qual gefror , und das weite , schwere Eis der Pein füllte die Brust . Unverrückt hing Lianens Blick an einer lichten Stelle des sanft bezognen Abendhimmels , wie forschend und erwartend , daß der Himmel aufgehe und die Sonne gebe . Gleichgültig gegen alle stürmte ihr Bruder jammernd herein : » Geh nicht zu Gott , ich seh ' dich sonst nie mehr - sieh mich an , segne , heilige mich , gib mir deinen Frieden , Schwester ! « - Sie war still in die lichter aufbrechende Sonnenwolke vertieft . » Sie hält dich für mich « ( sagte Albano zu Karl wegen ihrer ähnlichen Stimmen ) » und gibt dir keinen Frieden ! « - » Stiehl meine Stimme nicht « , sagte Karl zornig . - » O , lasset Sie in Ruhe « , sagte die Mutter , aus deren gebückten Augen nur kleine , sparsame Tränen auf den Kranz der Tochter zitterten , deren mattes , nach dem Himmel aufblickendes Haupt sie an sich angelehnt mit beiden Händen hielt . Auf einmal , als die Sonne die Wolken wie Augenlider aufschlug und hell herunterblickte , erschütterte sich die stille Gestalt ; Sterbende sehen doppelt , sie sah zwei Sonnenkugeln und rief , an die Mutter geschmiegt : » Ach Mutter , wie groß und feurig sind seine Augen ! « - Sie sah den Tod am Himmel stehen . » Bedecket mich mit dem Leichenschleier « ( flehte sie ängstlich ) » meinen Schleier ! « Ihr Bruder griff nach ihm und deckte damit die irren Augen und die Blumen und Locken zu ; auch die Sonne zog schonend wieder das Gewölke über sich . » Denk an den allmächtigen Gott ! « rief ihr der fromme Vater zu . » Ich denke