; „ Du kannst ja da auch auf den Oheim lauern und stehst doch im Trockenen und ich bleibe bei Dir und gehe nie , nie wieder von Dir . “ — „ Ernestine ! “ rief Johannes und wollte sie umfangen . Von der raschen Bewegung erwachte er und fand sich allein . Er mochte kaum eine Viertelstunde geschlummert haben und doch konnte er nicht wieder einschlafen . Eine Zeit lang blieb er ruhend liegen , dann litt es ihn nicht mehr im Bette und er erhob sich , um dem entscheidenden Tag , der ihn erwartete , entgegenzugehen . Es war Abend geworden . Wie Tags zuvor saß Ernestine an ihrem Schreibtisch , aber heute war er leer , sein Inhalt gepackt , die Kiste , die sich gestern so langsam füllte , stand verschlossen und reisefertig da . Ernestine hatte müßig die Hände im Schoß und hörte mit einer Abspannung , die an Stumpfheit grenzte , zu , wie der Oheim der weinenden Willmers die Preise bezeichnete , welche sie nach seiner und des Fräuleins Abreise für die Einrichtung des Hauses fordern dürfe . „ Die physiologischen Werke und Apparate habe ich dem Schullehrersohn Walter zugedacht , “ sagte sie . „ Was ? “ rief Leuthold . „ Einen Wert von nahezu tausend Talern willst Du verschenken ? “ er hielt mit einem Blick auf die Willmers inne . Diese war taktvoll genug , sich zu entfernen . „ Jetzt , wo wir Bettler sind , “ fuhr er fort , „ wirfst Du das Geld zum Fenster hinaus ? “ „ Die tausend Taler , welche die Sachen wert sind , schützen mich kaum vor Hunger , dem jungen Manne aber werden sie eine Zukunft gründen . Er ist ein Talent , das nicht untergehen darf — und das ich retten kann , indem ich ihm das Material zu seiner Fortbildung gebe . “ „ Ist es denn möglich ? Hast Du die Pflicht , jedes verkommene Genie zu unterstützen ? “ „ Oheim ! “ sagte Ernestine mit schneidender Kälte . „ Ich ersuche Dich , mir Deine Ansichten über mein Tun zu ersparen . Die Gewohnheit , sich beherrschen zu lassen , legt sich , wie es scheint , leichter ab , als die zu beherrschen . Ich meinerseits habe seit gestern die meine von mir geworfen wie ein Kleid . Es wäre gut , Du tätest das Gleiche . “ „ Nun , einen Rat glaubte ich mir noch erlauben zu dürfen . “ bemerkte Leuthold . „ Ich werde Dich darum bitten , wenn ich eines solchen bedarf . Für diese Sache wird es Dir wohl genügen , wenn ich sage : Ich will es so ! “ Leuthold betrachtete die starre Gestalt mit einer Mischung von Furcht und Haß und dachte bei sich : „ Wenn ich Dich nur erst über dem Meere und in meiner Gewalt habe , dann sollst Du büßen für alle Martern , die ich um Deinetwillen ertragen mußte — schwer büßen ! “ Und geschäftig malte ihm sein rastloser Geist die Rache aus , die er in jener fremden Welt an ihr üben konnte . Ein häßliches Lächeln spielte um seine Lippen , als er an das Elend dachte , dem er diese stolze Natur entgegenschleppte . „ Sie wird verkommen , langsam , unrettbar verkommen ! “ frohlockte es in ihm . Ernestine erhob sich . „ Wir haben nur noch einige Stunden bis zur Abfahrt , “ sagte sie . „ Ich muß sicher sein , daß mein Wille vollzogen wird . “ Sie schritt in ihr Laboratorium und verpackte , so gut sie konnte , die Apparate , die sie Walter zugedacht hatte . Dann nahm sie der Willmers den Brief an Leonhardt noch einmal ab , dem sie noch die Zeilen hinzufügte : „ Was auch kommen möge , bewahrt mir diese Gegenstände und Bücher wie ein Heiligtum . Erhaltet sie mir , indem Ihr sagt , sie seien Euer , — sonst werden sie Euch und mir entrissen . “ So wußte sie ihr Geschenk auf alle Fälle vor gerichtlicher Beschlagnahme sicher . Sie kannte Leonhardt zu gut , um nicht zu wissen , daß dieser die Sachen nur behalten werde , wenn er glaube , sie für Ernestine zu bewahren . — Dann ließ sie Diener kommen und befahl ihnen , die Kisten mit dem Briefe in das Schulhaus zu schaffen . Als diese mit ihrer Last abgefertigt waren , ging sie in die Bibliothek und schickte sich an , auch die Bücher auszuwählen , die Walter haben sollte . Da eilte Leuthold herbei : „ Möllner kommt auf die Tür zu . Nun , Ernestine , nun nimm Dich zusammen ! “ Die Zähne schlugen ihm aufeinander , so rüttelte ihn die Angst . „ Sei stark , Ernestine , ein Menschenleben steht auf dem Spiele . Wenn Du mich nicht vor Möllners Rache und dem Gesetz rettest , bin ich des Todes ! Beim Haupte meines Kindes , das mir das Heiligste ist , schwör ’ ich Dir , ich begehe einen Selbstmord , ehe ich mich in die Züchtlingsjacke stecken lasse , danach richte Dich ! “ Ernestine sah ihn entsetzt an . Diesmal sprach er die Wahrheit . Nackte , blasse Verzweiflung stierte ihr aus dem verzerrten Gesicht entgegen . „ Oheim , “ rief sie , „ fasse Dich ! Ich werde Dich nicht zum Selbstmord treiben . Meine Hand darauf , mein Entschluß ist unerschütterlich . Willst Du nicht zugegen sein ? “ „ Nein , das wäre vom Übel . Ich will indessen Alles zur Abfahrt rüsten , damit wir nachher durch nichts aufgehalten sind . Also vergiß nur nicht : Wir haben uns verglichen , hörst Du ? Wirst Du das sagen ? “ „ Mein Wort darauf . “ „ Ich will gehen , ich will ihm nicht in die Hände laufen . Gesegnet sei Deine Zunge für jedes gute Wort , verflucht sei sie , wenn sie mich im Stiche läßt ! “ Er eilte hinweg und Ernestine blickte ihm bebend nach . Ein Menschenleben hing an ihrer Zunge , ein Fluch sollte sie treffen , wenn sie ein unbesonnenes Wort sprach . Sie stand allein , Hilflos dieser furchtbaren Verantwortung gegenüber , ein junges , unerfahrenes Geschöpf , das kaum für sich selbst eine Verantwortung tragen konnte . Sie spannte ihre letzten Kräfte zum Zerreißen an , um der entsetzlichen Aufgabe zu genügen , unter deren Wucht sie fast zusammenbrach . Da trat der Gefürchtete ein . „ Verzeihen Sie , Ernestine , “ sagte er , „ daß ich ohne Anmeldung komme . Die Willmers wies mich hierher . Es ist jetzt nicht mehr Zeit zu leeren Formen . Gehandelt muß werden — und , wenn es sein muß , gekämpft um Leben und Tod ! Ich sehe soeben , daß Sie Kisten zu Leonhardt schaffen lassen , ich eile herauf und erfahre durch die treue Willmers , daß Sie gehen — wirklich mit Ihrem Oheim gehen wollen . Ernestine , ich habe keine Worte für den Schmerz , der in diesem Augenblick mein Inneres zerreißt . Ich habe es ertragen , als Sie meine Werbung abwiesen , ich konnte Sie dennoch lieben , — aber Sie nicht mehr liebenswert zu finden , das , Ernestine , ertrüge ich nicht ! “ „ Und was würde mich denn in Ihren Augen so tief herabsetzen ? “ fragte Ernestine mit beleidigtem Stolz . „ Daß Sie sich nicht von einem Bösewicht trennen , wie vom Bösen selbst , daß Sie den Gedanken ertragen , mit einem vor Gott und Menschen Geächteten in die Welt hinauszuziehen auf immer , daß Sie nicht genug Abscheu vor dem Verbrechen haben , um einen Verbrecher zu meiden , wie jeder sittlich fühlende Mensch es tut . O , Ernestine , ich kann es noch immer nicht glauben . Wenn ich das an Ihnen erleben müßte — ich möchte es nicht überleben . “ „ Er hat sich vor mir zu entschuldigen vermocht , “ sprach Ernestine im Tiefsten verletzt . „ Er hat mich überzeugt , daß man keinen Menschen ungehört verdammen darf . Ich fühle mich nicht so vollkommen und unfehlbar , daß ich es wagte , zu richten und zu verurteilen . Das überlasse ich Größeren und Stärkeren , als ich es bin . Wohl ist das Band , welches zwischen ihm und mir bestand , zerrissen , aber ich habe den gleichen Weg zu gehen , wie er , — ich kann ihm nicht wehren , sich mir auf der gemeinsamen Straße zu gesellen . “ „ Und fürchten Sie die Schande nicht , welche Sie treffen kann im Verein mit einem dem Gesetz verfallenen ? “ „ Das Gesetz hat kein Recht mehr an ihn . Er hat mir genügende Rechenschaft über mein Vermögen gegeben — ich bin befriedigt und darauf kommt es ja doch wohl allein an . “ „ Mein Gott — hat er Ihnen denn irgend eine Bürgschaft geleistet ? Sie sind so unerfahren in solchen Dingen , er wird Sie wieder betrügen . Sagen Sie mir nur wenigstens , was er Ihnen geboten hat ? “ Ernestine richtete sich hoch auf . Die Angst schnürte ihr die Kehle zu und um sie zu verbergen , gab sie sich ein noch kälteres , strengeres Ansehen als gewöhnlich : „ Wenn ich Ihnen sage , ich bin zufrieden , so denke ich , können Sie sich dabei beruhigen . “ „ Ernestine , “ rief Johannes , „ in welchem Tone sprichst Du mit mir ? Ich handle und denke nur für Dich , für Dein Wohl — und Du trittst mir entgegen wie einem Feinde ? “ „ Was Sie für mich taten und tun , erkenne ich an und danke Ihnen für Ihre gute Absicht . Nun aber , mein Freund , bitte ich Sie , mir die Sorge für mein Schicksal selbst zu überlassen — ich fühle mich derselben vollkommen gewachsen . “ „ Und ich sage Ihnen , Ernestine , daß ich Sie von dem Abgrund wegreißen werde , an dem Sie schweben , ob Sie wollen oder nicht . Vorerst werde ich Ihren Reisegefährten in Sicherheit bringen . Er hat mir nicht die geforderten Garantieen für Ihr Eigentum beigebracht , die Frist , die ich ihm stellte , 103 ist verflossen — die vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit sind um . “ Er wandte sich nach der Tür . „ Johannes , was wollen Sie tun ? “ rief Ernestiue . „ Ihn seinem Richter übergeben . “ Ernestine stellte sich vor die Tür : „ Das werden Sie nicht tun ! “ „ Und weshalb nicht ? “ „ Sie werden mich nicht rächen wollen , wo ich verziehen habe . Sie werden sich nicht so weit in mein Schicksal eindrängen , daß Sie es mir unmöglich machen , ein Unrecht , das an mir begangen , zu strafen oder zu begnadigen , wie es mir gefällt . Es ist meine Angelegenheit , die Sie da in die Öffentlichkeit bringen wollen , und ich fordere das Recht , meine Geheimnisse nach Gutdünken wahren oder preisgeben zu dürfen . — Seit wann ist es erhört , daß ein Fremder — ja , ich sage ein Fremder — in das Leben zweier Menschen handelnd eingreift wie ein Abgesandter der heiligen Feme ? “ 104 „ Ernestine ! “ schrie Johannes auf . „ Ich wiederhole es , “ fuhr sie fort . „ Ich erkenne Ihre gute Meinung . Aber die beste Absicht wird zur Gewalttat , wenn sie einem bewußten Wesen das Recht der freien Selbstbestimmung streitig macht . Auf diesem heiligsten aller Rechte beharre ich , indem ich Ihnen jede fernere Einmischung in mein Schicksal verbiete , und da meines Oheims Los so eng mit dem meinigen verknüpft ist , daß Sie mich in ihm treffen , so hoffe ich , Sie werden Ritterlichkeit genug besitzen , um von seiner Verfolgung abzustehen . “ Sie lehnte sich einer Ohnmacht nahe an den Türpfosten . „ Ernestine , “ erwiderte Johannes sich gewaltsam fassend , „ Sie stellen meine Geduld auf eine harte Probe . Doch immer noch vergebe ich Ihnen , denn — Sie sind eben ein Weib ! “ Ernestine fuhr auf bei diesem Wort . Er machte eine abwehrende Bewegung . „ Sie sind ein Weib , leicht bestimmbar , leicht zu täuschen — und Ihr Oheim hat das zu nützen gewußt . — Sie ahnen immer noch nicht , was Sie tun , wenn Sie sich diesem Schurken anheimgeben . Ich glaubte , Ihnen gestern die Augen geöffnet zu haben , aber ich beging einen Fehler , ich machte Sie sehend , aber ich lehrte Sie nicht begreifen , was Sie sahen . Ich will es nachholen , will das Letzte versuchen und Ihnen sagen , was die Beweggründe zu der Handlungsweise Ihres Oheims waren . “ „ Ich teilte Ihnen bereits mit , “ erwiderte Ernestine , „ daß ich diese kenne , ich bedarf keiner weiteren Erklärung . Er hat gefehlt , schwer gefehlt , wer will es leugnen ? Er selbst nicht ! Aber er hat sich mir gewidmet mit einer Hingebung , wie sie wohl selten ist in unserer Welt des Egoismus . Er hat für mich gelebt , seit ich denken kann und alle seine Vergehen entsprangen der Sorge , mich zu verlieren . Sie mögen das unglaublich finden — weil Sie von Ihrem Standpunkte aus nicht begreifen werden , wie ein Mann in dem Interesse für einen weiblichen Geist aufgehen kann . Ihnen erscheint ein Leben , welches sich nur auf den geistigen Verkehr mit einer Frau beschränkt , als eine Unmöglichkeit ; deshalb bezüchtigen Sie den Mann , der ein solches jedem andern vorzieht der Falschheit . Ich weiß daher Alles , was Sie mir zu sagen haben können , und verzichte darauf , es zu hören . “ „ Ernestine , “ rief Johannes empört , „ Sie werden mich hören oder , so wahr Gott mir helfe — ich kenne Sie nicht mehr von dieser Stunde an ! “ Er schwieg einen Augenblick . Ernestine hatte betroffen die Wimper gesenkt und schien des Weiteren zu harren . „ Ja denn , ja — Sie haben vollkommen Recht : Es erscheint mir als eine Unmöglichkeit , daß ein Mann den einzigen Schwerpunkt seines Daseins in die Erziehung einer Frau verlege . Ich bin ein Mensch , der zu lieben vermag wie Einer — Sie wissen , daß ich Sie liebe , und wenn ich Sie besäße , ich würde Sie anbeten , würde Ihnen gehören mit Leib und Seele , treu und unwandelbar bis an mein Ende . Aber in der Liebe zu Ihnen aufgehen , mit all meinen Interessen und Lebenspflichten , in dem süßen Müßiggang mit Ihnen erschlaffen für jede männliche Berufstätigkeit — das würde ich nicht , wie wahr und heiß ich Sie auch liebe . Das ist Sache der Frau , nicht des Mannes , der neben seinen persönlichen auch Pflichten für die Öffentlichkeit hat . Einem Manne , der aus bloßer Verwandtenliebe ein solches Leben zu führen vorgibt , dem glaube ich nicht . Er hat irgend einen Sonderzweck dabei und ich werde Ihnen beweisen , daß der Ihres Oheims ein nichtswürdiger war , daß er , um ihn zu erreichen , Verbrechen an Ihnen beging , die nur Gott zu bestrafen vermag . Er ist ein Erbschleicher — ein Mörder an Leib und Seele . Halten Sie sich noch wenige Augenblicke ruhig — ich werde diese furchtbare Anklage begründen . Der Diebstahl , den er an Ihrem Vermögen verübt , war das Ziel , das er verfolgte , seit er Ihr Vormund ist . Der Besitz dieses Vermögens scheint die fixe Idee seines Lebens zu sein , denn er ließ es sich von Ihrem Vater testamentarisch verschreiben und gönnte Ihnen trotz seiner Zärtlichkeit nichts als das gesetzliche Pflichtteil . Heim brachte Ihren Vater dazu , das Testament umzustoßen und Sie wieder in Ihre Rechte einzusetzen . Er verfuhr dabei nicht energisch genug , denn das Dokument ließ den Wünschen des Betrügers noch immer zu viel Raum . Er wollte um jeden Preis das Verlorene wieder gewinnen und die Verhältnisse waren diesem Streben günstig . Ihr Vater hat , wie Sie aus der Abschrift ersehen können , in seinem Testament die Bestimmung getroffen , daß , wenn Sie unverheiratet sterben , Ihr ganzes Vermögen an Gleißert oder dessen Kinder fallen müsse . Als Ihr Vater verschied , standen Leutholds Sachen günstig , denn die kleine Ernestine war ein so zartes , kränkliches Kind , daß er sich in der süßen Gewißheit wiegte , der schwache Lebensfaden , an dem sein Erbe hing , werde baldigst reißen und das Letztere ihm in den Schoß fallen . Da spielte ihm die kleine , stille Ernestine den verteufelten Streich , sich zu erholen und zu gedeihen . Körper und Geist erstarkten gleich rasch bei dem ungewöhnlichen Kinde ; die Hoffnung auf sein Ende rückte immer weiter hinaus , aber die Hoffnung auf sein Geld ließ sich nicht so leicht aufgeben . War das Erbe unsicher , so wollte man sich wenigstens der Person versichern , an welcher es hing und Sie , Ernestine , vor allen Dingen vom Heiraten abhalten , weil Ihrem Oheim ja das Kapital nur zufiel , wenn Sie ledig starben . Sie mußten also von der Welt abgesperrt und , damit Sie dieselbe nicht vermißten , Ihrem umfänglichen Geiste eine andere , eine Gedankenwelt erschlossen werden . Deshalb verschwieg er Ihnen so ängstlich , daß Sie mündig sind , damit es Ihnen nicht einfiel , sich von dem Druck Ihres strengen Gewahrsams befreien und unter Menschen gehen zu wollen . — Dies war der Plan , nach dem Sie gebildet wurden , dies der Grund für die zärtliche Sorgfalt Ihres Oheims . Die Zeit und Mühe , die es ihn kostete , rechnete er zum Geschäft , sie war durch die Aussicht auf ein Vermögen von neunzigtausend Talern und sonstige Nebenvorteile reichlich aufgewogen ; in keinem Falle hätte ihm eine deutsche Professur ein so ergiebiges Einkommen gesichert . Dies ist freilich nur Erbschleicherei . Aber nun zur Anklage des Mordes ! Ich verstehe darunter keinen Mord mit Gift und Dolch , einen solchen traue ich Gleißert nicht zu , dazu ist er zu feige und zu klug , aber er bediente sich eines Giftes , welches , wenn es auch nicht so rasch wirkte wie Arsenik , doch den Vorteil hatte , daß kein Chemiker es nachweisen , kein Richter seinen Gebrauch bestrafen konnte : Er wollte den Leib durch den Geist vernichten ! Er wußte in Ihrer leidenschaftlichen Seele einen Ehrgeiz zu entfachen , den keine Anstrengung achtete , der in brennender Begierde , in fieberhafter Hast vorwärts strebte , unbekümmert , ob die physischen Kräfte Schritt halten könnten oder nicht . — O , der Plan war fein und dennoch gab es zwei gesunde Augen , die ihn durchschauten . — Es ist richtig , er stand nicht als strenger Schulmeister mit der Rute hinter Ihnen , Sie anzutreiben , er zwang Sie nicht , Ihre Nächte zu durchwachen und sich die einzige Erholung zu versagen , die Ihre zerrütteten Nerven stärken konnte , den Schlaf , aber er wußte dafür zu sorgen , daß Sie es freiwillig taten . Er sah Sie kränkeln und wollte es nicht bemerken . Er wollte Sie nicht umbringen , aber er drückte Ihnen das Gift in die Hand , womit Sie es selbst tun konnten , und als Ihre natürliche Lebenslust nach Hilfe verlangte , da verbot er Ihnen , den Arzt zu rufen , aus Furcht , dieser könnte Sie durch ein Gegengift retten ! So hat er Sie wissentlich , willentlich hinsiechen lassen — und nun schleppt er Sie nach Amerika , um Sie dort zu begraben ! Dies zur Begründung der Anklage auf physischen Mord ! Nun zu der des Seelenmordes : Ich sagte vorhin , Ihr Oheim habe Sie von der Welt abgesperrt , um sicher zu sein , daß Sie sich nicht verheirateten . Wodurch aber tat er das ? Dadurch , daß er Sie zu einem Gegenstand des Schreckens für die Gesellschaft machte und so diese von Ihnen abhielt ; daß er außerdem Ihr Gemüt verhärtete , damit sich kein Bedürfnis nach liebendem Verkehr in Ihnen rege . Beides vollbrachte er durch den Unglauben . Und wenn er kein Verbrechen an Ihnen verübt hätte als dieses allein , so wäre keine Strafe zu hart für ihn , keine Verachtung zu tief ! “ — „ Wenn das Alles ist , was Sie zu sagen haben , dann kann ich Ihnen nur erwidern , daß Sie sprechen wie ein Theologe , nicht wie ein Physiolog . “ sagte Ernestine vergebens bemüht , ihr Entsetzen zu verbergen : „ Möglich , daß Ihre übrigen Anklagen gegen Leuthold begründet sind , ich will darüber jetzt nicht entscheiden , diese aber ist es nicht , zum mindesten nicht in dem Grade , wie Sie es meinen . — Ja , er hat mir den Glauben genommen , — aber er hat ihn mir ersetzt durch jene Naturphilosophie , die das Endziel alles Denkens ist und in der allein der zweifelnde Geist Frieden finden kann ! “ „ O , des traurigen Irrtums , “ rief Johannes . „ Diese , hoffen Sie , könnte Ihnen den Glauben er ­ setzen ? Eine große Seele wie die Ihre sollte sich nur mit der Kenntnis der Gesetze begnügen , ohne Ihr Auge bewundernd zu der Kraft zu erheben , deren Ausdruck die Gesetze sind ? Verzeihen Sie , wenn ich als Theologe , oder besser , Teleologe spreche.105 Auch über diesen Punkt möchte ich mit Ihnen klar werden , bevor wir — scheiden ! Ich möchte Ihnen wenigstens Eines wiedergeben , das Ihnen Ihr Oheim geraubt , und das Ihr Frauen sonst stets vor uns voraus habt : Jene Fähigkeit , einen Himmel offen zu sehen , wo die Erde uns nicht genügt ! “ Ernestine starrte ihn in höchster Überraschung an : „ So sprechen Sie , Sie ein Mann der exakten Wissenschaft , die ja lehrt , wie alles Bestehende sich aus sich selbst entwickelt hat ? Was bleibt uns an diesem Gott , dem Sie das Wort reden zu wollen scheinen , noch zu bewundern übrig , wenn wir wissen , daß die Natur aus eigener Kraft alles getan ? “ Johannes schüttelte den Kopf . „ O , Ernestine , können wir denn nur an ihn glauben , wenn wir seinen Geist über den Wassern schweben und in sieben Tagen Himmel und Erde schaffen sehen ? Ich denke , diese grobsinnliche Anschauung haben wir von dem Wesen Gottes trennen gelernt ! — So allein können Glaube und Wissen Friede mit einander machen und ich leugne es nicht , ich gehöre zu den Wenigen , in deren Brust sie diesen Frieden geschlossen haben , wenn auch nicht ohne Kampf ! Ich kann meinem Glauben keine , konkrete Gestalt leihen , mir fehlt die Einfalt , mich mit einer aus menschlichen Eigenschaften und Verhältnissen abstrahierten Gottheit zu begnügen , aber der Drang , der meinen formlosen Gott schuf und inbrünstig festhält , dieser Drang ist mein Bürge . “ „ Das ist ein subjektives Gefühl , aber was beweist das ? “ „ Nichts ! “ sagte Johannes . „ Denn das Dasein eines Gottes läßt sich so wenig beweisen wie leugnen . Ich könnte sagen : Er verhält sich zur Welt wie die Seele zum Körper , auch die Seele können wir uns nicht in konkreter Gestalt vorstellen . Die Organe des Körpers arbeiten nach unwandelbaren Gesetzen , aber mit dieser gesetzmäßigen Arbeit stehen sie doch im Dienste der Seele und wenn wir noch so genau den Mechanismus nachweisen können , den sie bei ihrer Tätigkeit in Bewegung setzt , so erkennen wir doch daraus nicht , was sie denkt und will . Werden wir deshalb leugnen , daß sie denkt und will ? — Aber ich weiß , wie wenig mit solchen Gleichnissen getan ist — Sie würden mich immer wieder nach dem logischen Beweis der gezogenen Parallele fragen und den müßte ich Ihnen schuldig bleiben ! “ Ernestine versank in tiefes Sinnen : „ Ich hätte es nie , für möglich gehalten , daß ein Mann wie Sie glauben könne ! “ „ Wenn Sie es hören wollen , so will ich Ihnen erzählen , wie der Glaube auch in mein Herz kam . — Ich war ein ungestümer Bursche , der aus dem frommen Kinderwahn heraustretend , aber mit einem lebhaften Gottesbedürfnis in der Brust auf wissenschaftlichem Wege sich den Gott beweisen wollte , an den er nicht mehr glauben konnte . In diesem falsch verstandenen Drange verfiel ich in jene naturphilosophische Richtung , auf welche die heutige Wissenschaft mit Verachtung zurückblickt , und zerarbeitete mich eine Zeit lang — um mich der Worte du Bois ’ zu bedienen — an den nie gelösten Rätseln des menschlichen Daseins und der Gottheit ! Dabei hatte ich ein warmes Herz und liebte die Meinen , besonders aber meine kleine Schwester Angelika mit Inbrunst . Eines Tages erkrankte das Kind lebensgefährlich und , da es an mir hing , wie an Keinem von der Familie , pflegte ich es lange Nächte hindurch mit brüderlicher Zärtlichkeit . Das Kind litt fürchterliche Schmerzen und in einer Nacht besonders zerriß mir sein Jammergeschrei Ohr und Herz . Wir — meine Mutter und ich — standen ratlos an seinem Bettchen und in mir wütete die Verzweiflung , gar nichts zur Erleichterung des süßen Geschöpfes tun zu können . Da faßte die Mutter die kleinen Hände Angelikas , faltete sie und sagte : „ Bete , mein Kind , bete einmal zu Gott , daß er Dir helfe , vielleicht erhört er Dich ! “ Und das Kind unterdrückte sein Schluchzen und sprach : „ Lieber Gott , nimm meine Schmerzen von mir ! “ — Ich aber , ich stürzte auf die Kniee und betete mit , ich wußte nicht was , ich wußte nicht zu wem — gleichviel ich betete in meiner Seelenangst . Ich hörte meine Mutter mit fester Stimme Amen sagen und Amen flüsterten meine Lippen , ich wußte es selbst kaum . Als das Kind geendet hatte , ward es plötzlich ruhig . Es blickte mit einem unbeschreiblichen Vertrauen zum Himmel , dann lächelte es uns an , legte sein Köpfchen an meine Brust und schlief ein — schlief zum ersten Mal nach sieben bang durchwachten Nächten . Ich lauschte seinem Atem , er ging leicht und regelmäßig . Nun überkam mich ein Gefühl , wie ich es nie empfunden , heiße Tränen stürzten mir aus den Augen ; eine Welt hätte ich in meiner Freude umschlingen mögen — nein , eine Welt war mir nicht genug , ich mußte noch einen Gott dazu haben . — Was soll ich sagen , wie es mit Worten erklären ? Gleich dem blindgeborenen Mädchen in der Dichtung , das zu sehen glaubte , als es liebte — geschah es mir , ich liebte jetzt diesen Gott , zu dem ich gebetet und , weil ich ihn liebte , darum sah ich ihn mit dem Herzen ! “ — Er hielt inne und beobachtete Ernestine , die teilnehmend zuhörte . „ Das ist das eigentliche Wesen des Glaubens , “ fuhr er fort . „ Keine Vernunft kann ihn geben noch nehmen . Was Philosophie und Naturforschung nicht lehrten , das lehrte mich ein einziger Augenblick der Angst . Den Gott , den ich im Gedankenflug durch Erd ’ und Himmel nicht fand , ich fand ihn am Bette eines Kindes ! Von nun an lernte ich mich bescheiden , von nun an ward ich erst ein exakter Physiolog . Ich zerrte nicht mehr die Grenzen meiner Wissenschaft auf ein phantastisches Gebiet hinüber , verfälschte nicht mehr die reine Anschauung der Natur mit metaphysischen Begriffen , sondern hielt mich streng an das Gegebene und dies trat nie in Widerspruch mit meinen Empfindungen ; denn vor der Ergründung der letzten Ursache alles Seins bleibt auch die Naturforschung stehen und sagt : „ Bis hierher und nicht weiter “ — da aber , wo mein Wissen aufhört — da beginnt mein Recht , zu glauben ! “ „ Sie sprechen schön , aber Sie überzeugen mich nicht , “ sagte Ernestine traurig . „ Ich sehe jetzt , daß Sie nicht durch Wort noch Beispiel , daß Sie nur durch das Schicksal zu heilen sind . Ich prophezeihe Ihnen aber , wenn je ein Augenblick der Verzweiflung über Sie kommt , wird auch in Ihnen jenes Gottesbedürfnis erwachen , dessen Sie sich jetzt schämen . Wäre es nicht so , dann könnte ich Sie nur beklagen , denn ein Weib , das nicht beten kann , ist ein Falter , der die Flügel verlor . Ja , ich behauptete stets , es gäbe kein Weib ohne Glauben , denn es gibt kein Weib ohne Furcht ! Die Furcht aber gebiert sich ihren Gott , sei es als eine strafende Gerechtigkeit oder als eine schützende Macht , bei der sie Zuflucht suchen kann , wenn jede Hilfe dahin ! Sollten Sie allein diese Ansicht Lügen strafen ? “ „ Ich hoff ' es , “ sprach Ernestine stolz . „ Ich bin keines von den schwachen Wesen , die in jedem Dunkel Verderben wittern . Klar sehe ich jedem sogenannten Schrecknis in die Augen , ich erkenne ja seinen natürlichen Zusammenhang . Ich fürchte nichts und brauche keinen Gott ! “ „ Sie fürchten nichts ? “ fragte Johannes von einem plötzlichen Gedanken ergriffen , „ auch — zum Beispiel — nicht den Tod ? “ „ Auch ihn nicht . Ich weiß ja , daß ich aus dem