. Er erklärte es für unnötig einen Doktor holen zu lassen ; es sei seiner Überzeugung nach am besten , wenn man der Natur ihren freien Lauf ließe . Er sagte , jeder Nerv sei auf irgend eine Weise aufs höchste angespannt , und daß das ganze System eine Zeit lang in einer Art Betäubung verharren müsse . Es sei durchaus keine Krankheit . Er glaube , daß meine Genesung , wenn sie einmal begonnen , eine sehr schnelle sein werde . Diese seine Ansichten sprach er in wenigen Worten aus , mit einer leisen , ruhigen Stimme . Und nach einer Pause fügte er in dem Ton eines Mannes , der wenig an erläuternde Bemerkungen gewöhnt ist , hinzu : » eine ziemlich ungewöhnliche Physiognomie ; ganz entschieden trägt sie nicht das Gepräge der Gemeinheit oder der Gesunkenheit . « » Weit entfernt davon , « entgegnete Diana , » Ehrlich gesprochen , St. John – mein Herz zieht mich zu der armen , kleinen Seele . Ich wollte , daß wir ihr für die Dauer nützlich sein könnten . « » Das ist kaum anzunehmen , « lautete seine Antwort . » Ihr werdet finden , daß sie ein junges Mädchen ist , welches einen Streit mit seinen Angehörigen gehabt und diese dann unvernünftigerweise verlassen hat . Vielleicht gelingt es uns , sie jenen wieder zuzuführen , wenn sie nicht allzu eigensinnig ist ; aber ich sehe Linien in ihrem Gesicht , die auf Widerstandskraft schließen lassen und mich skeptisch in Bezug auf ihre Lenksamkeit machen . « Er stand und betrachtete mich während einiger Minuten , dann fügte er hinzu : » Sie sieht klug aus , aber sie ist durchaus nicht hübsch . « » Sie ist so krank , St. John . « » Krank oder gesund , häßlich wird sie immer sein . Jenen Zügen fehlt die Anmut und Harmonie der Schönheit durchaus . « Am dritten Tage fühlte ich mich besser ; am vierten konnte ich sprechen , mich bewegen , im Bette aufsitzen und mich umdrehen . Es war wie ich vermutete um die Mittagsstunde , als Hannah mir ein wenig Grütze und einige geröstete Brotschnittchen brachte . Ich hatte mit Appetit gegessen , die Nahrung war gut – ihr fehlte zum erstenmal der fieberische Beigeschmack , welcher bis dahin alles vergiftet , was ich gegessen . Als sie mich verließ , fühlte ich mich neu belebt und verhältnismäßig stark , und bald darauf wurde ich der Ruhe müde , empfand ich den Wunsch nach Bewegung , nach Thätigkeit . Ich wollte aufstehen ; aber welche Kleider sollte ich anlegen ? Nur meine feuchten , beschmutzten Gewänder , in welchen ich auf dem Erdboden geschlafen hatte und auf dem Moor gefallen war ? Ich schämte mich in solcher Kleidung vor meinen Wohlthätern zu erscheinen . Aber diese Demütigung blieb mir erspart . Auf einem Stuhl neben meinem Bette lagen all meine eigenen Kleidungsstücke , aber rein und trocken . Mein schwarzseidener Rock hing an der Wand . Die Spuren des Schlammes waren davon entfernt , die Falten , welche durch die Nässe entstanden , waren geglättet : es sah durchaus anständig aus . Sogar meine Schuhe und Strümpfe waren gereinigt und wieder brauchbar gemacht . Alle Gegenstände zum Waschen im Zimmer , sogar Kamm und Bürste , um mein Haar zu ordnen . Nach einem sehr langwierigen Verlauf , bei dem ich mich alle fünf Minuten ausruhen mußte , war es mir gelungen , mich anzukleiden . Meine Kleider hingen lose auf mir , denn ich war sehr abgemagert ; aber diese Mängel bedeckte ich mit einem Shawl , und endlich wieder sauber und anständig aussehend – kein Körnchen Schmutz , keine Spur von Unordnung , die ich so sehr haßte und die mich in meinen Augen tief erniedrigte , haftete an mir – kroch ich die steinerne Treppe hinunter , mich fortwährend am Geländer haltend ; ich gelangte in einen engen Korridor und fand gleich darauf meinen Weg in die Küche . Sie war voll von dem Duft frisch gebackenen Brotes , und ein großes , helles Feuer durchwärmte sie . Hannah war mit Backen beschäftigt . Es ist ja eine bekannte Sache , daß es am schwersten ist , Vorurteile aus solchen Herzen auszurotten , deren Boden niemals durch Erziehung urbar und fruchtbar gemacht worden ; dort wachsen und wuchern sie fast wie das Unkraut zwischen Felsgestein . Hannah war in der That anfangs kalt und steif gewesen ; seit kurzem hatte sie angefangen , ein wenig aufzutauen , und als sie mich nun sauber und anständig gekleidet eintreten sah , lächelte sie sogar . » Was ! Sie sind aufgestanden ! « rief sie aus . » Da sind Sie also endlich besser ? Wenn Sie wollen , dürfen Sie sich in meinen Stuhl am Herd setzen . « Sie zeigte auf den Schaukelstuhl . Ich nahm ihn . Sie wirtschaftete in der Küche umher und warf mir von Zeit zu Zeit einen prüfenden Seitenblick zu . Indem sie einige Brote aus dem Backofen nahm , wandte sie sich zu mir und sagte derb : » Haben Sie schon früher gebettelt , ehe Sie zu uns kamen ? « Einen Augenblick war ich empört ; aber glücklicherweise fiel es mir ein , daß ich mich nicht ärgern dürfe , und daß ich in ihren Augen allerdings wie eine Bettlerin erscheinen müsse ; daher antwortete ich ruhig , aber nicht ohne eine gewisse , markierte Schärfe : » Sie irren sich , wenn Sie meinen , daß ich eine Bettlerin sei . Ich bin ebensowenig eine Bettlerin wie Sie oder Ihre jungen Gebieterinnen , « Nach einer Pause sagte sie wieder : » Nun , das verstehe ich nicht . Sie haben doch kein Haus und kein Kupfer ? « » Daß ich kein Haus und kein Kupfer ( ich vermute , daß Sie damit Geld meinen ) besitze , macht mich noch immer nicht zur Bettlerin in Ihrem Sinne des Wortes . « » Sind Sie denn büchergelehrt ? « fragte sie gleich darauf . » Ja , sehr ! « » Aber Sie sind doch niemals in einer Pension gewesen ? « » Ich war acht Jahre hindurch in einer Pension . « Sie riß die Augen weit auf . » Und dann können Sie sich nicht einmal selbst erhalten ? « » Ich habe mich selbst ernährt und hoffe , es sehr bald wieder zu können . Was wollen Sie denn mit diesen Stachelbeeren machen ? « fragte ich , als sie einen Korb dieser Früchte herbeitrug . » Kuchen davon backen . « » Geben Sie sie mir , ich will sie auslesen . « » Nein , Ich mag nicht , daß Sie etwas thun . « » Aber ich muß mich doch mit irgend etwas beschäftigen ! Geben Sie sie nur her ! « Endlich willigte sie ein und brachte mir sogar ein reines Handtuch , um es über mein Kleid zu breiten , » damit es nicht schmutzig werde , « wie sie sagte . » Sie sind wohl nicht an Hausarbeit gewöhnt gewesen ; das sehe ich an Ihren Händen , « bemerkte sie . » Wahrscheinlich sind Sie Schneiderin . « » Nein , Sie irren . Und nun kümmern Sie sich nicht um das , was ich gewesen bin ; zermartern Sie Ihren Kopf nicht länger über meine Angelegenheiten ; sondern sagen Sie mir , wo ich mich eigentlich befinde , wie dieses Haus heißt . « » Einige Leute nennen es Marsh-End , andere nennen es Moor-House . « » Und der Herr , welcher hier wohnt , heißt Mr. St. John ? « » Nein , er wohnt nicht hier ; er hält sich hier nur für einige Zeit auf . Wenn er zu Hause ist , dann ist er in seinem eigenen Hause , und das ist der Pfarrhof von Morton . « » Das Dorf einige Meilen von hier ? « » Ja , ja . « » Und was ist er ? « » Er ist Prediger . « Mir fiel die Antwort der alten Haushälterin im Pfarrhofe ein , als ich gebeten hatte , mit dem Prediger sprechen zu dürfen . » War denn dies das Haus seines Vaters ? « » Ja , ja . Der alte Mr. Rivers wohnte hier , und sein Vater und sein Großvater , und sein Urgroßvater vor ihm . « » Der Name dieses Herrn ist also Mr. St. John Rivers ? « » Ja , ja . St. John ist so etwas wie sein Taufname . « » Und seine Schwestern heißen Diana und Mary Rivers ? « » Ja . « » Ihr Vater ist tot ? « » Vor drei Wochen gestorben . Schlagfluß . « » Sie haben keine Mutter ? « » Die ist schon lange Jahre tot . « » Sind Sie schon lange in der Familie ? « » Ich bin schon dreißig Jahre hier , Hab ' ja die drei Kinder allein auferzogen . « » Das beweist , daß Sie eine treue und ehrliche Dienerin sein müssen . Die Gerechtigkeit will ich Ihnen doch widerfahren lassen , obgleich Sie mich eine Bettlerin genannt haben . « Wieder sah sie mich ganz erstaunt an . » Am Ende glaube ich doch , daß ich mich in meinen Gedanken über Sie ein bißchen geirrt habe , « sagte sie dann ; » aber Sie müssen mir doch vergeben , denn es gehen ja so viele Betrügerinnen umher , daß man gar nicht vorsichtig genug sein kann . « » Und , « fuhr ich in ziemlich strengem Ton fort , » Sie wollten mich von der Thür fortjagen , in einer Nacht , wo Sie nicht einmal einen Hund hätten hinausjagen dürfen . « » Na ja ! Es war hart , – aber was kann der Mensch thun ? Ich dachte ja doch mehr an die Kinderchen , als an mich selbst . Die armen Dingerchen ! Für sie sorgt niemand als nur ich . Muß ich da nicht so ängstlich sein ? « Für einige Minuten hüllte ich mich in ernstes Schweigen . » Sie dürfen aber nicht allzuschlimm von mir denken , « fing sie dann wieder an . » Aber ich denke doch schlimm von Ihnen , « sagte ich , » und ich will Ihnen sagen weshalb . Nicht so sehr , weil Sie sich weigerten , mir Obdach zu geben oder mich für eine Betrügerin hielten , sondern weil Sie mir eben noch einen Vorwurf daraus machten , daß ich kein Haus und kein » Kupfer « habe . Einige der besten Menschen , die jemals auf dieser Erde gelebt haben , sind ebenso arm gewesen wie ich es bin ; und wenn Sie eine gute Christin wären , dürften Sie Armut nicht für ein Verbrechen halten . « » Nein , das dürft ich nicht , « sagte sie . » Mr. St. John sagt mir das auch immer , und ich sehe ein , daß ich Unrecht hatte – aber jetzt , meiner Seel , denke ich auch anders von Ihnen als früher . Sie sehen ja wirklich aus wie eine anständige kleine Person . « » Das ist genug – jetzt vergebe ich Ihnen . Geben Sie mir die Hand . « Sie legte die schwielige , mehlige Hand in die meine ; wieder zog ein Lächeln – diesmal sehr herzig und gutmütig – über ihr rauhes Gesicht , und von diesem Augenblick an waren wir Freunde . Hannah liebte es augenscheinlich sehr zu schwatzen . Während ich die Beeren auslas , und sie den Teig zu dem Kuchen machte , fuhr sie fort , mir allerhand Einzelheiten über ihren verstorbenen Herrn und seine Gattin und die » Kinderchen « mitzuteilen , wie sie die jungen Leute unabänderlich nannte . Der alte Mr. Rivers , sagte sie , sei ein einfacher Mann gewesen , aber ein Gentleman in jeder Beziehung , und aus einer so alten Familie , wie es kaum eine ältere gäbe . Marsh End hatte schon seit seiner Erbauung den Rivers gehört , und wie sie versicherte , » sei es viel älter als zweihundert Jahre , wenn es auch klein und bescheiden aussähe und sich in keiner Weise mit Mr. Ollivers großem Herrenhause da unten in Morton Vale vergleichen könne . Sie erinnere sich aber noch sehr gut , wie sie Bill Ollivers Vater als reisenden Nähnadelfabrikanten gesehen , und die Rivers seien schon Gentlemen in den Zeiten der Heinriche gewesen , wie jedermann sehen könne , wenn er sich nur die Mühe geben wolle , in den Kirchenbüchern von der Kirche zu Morton nachzublättern . « – Dennoch gab sie zu , » daß der alte Herr ganz wie andere Menschen gewesen sei , – nichts besonderes , aber toll im Jagen und in der Landwirtschaft und solchen Dingen . « Die Frau war anders gewesen . Sie beschäftigte sich viel mit Lesen und studierte immer , und die » Kinderchen « waren ihr ganz nachgeraten . Sie hatten ihresgleichen nicht in dieser Gegend ; von dem Tag an , wo sie sprechen konnten , hatten sie beinahe schon angefangen zu lernen , und sie hatten schon immer » was so Apartes gehabt . « – Als Mr. St. John größer geworden , hatte er auf die Universität gehen und Prediger werden wollen , und die Mädchen , sobald sie die Schule verlassen , hatten Gouvernanten werden wollen , denn wie sie ihr erzählte , hatte Mr. Rivers vor mehreren Jahren durch den Bankrott eines Banquiers , dem er sein Vermögen anvertraut , einen großen Teil desselben verloren . Und da er ihnen kein Vermögen mitgeben konnte , wollten sie nun selbst für sich sorgen . Seit langer Zeit waren sie nur selten mehr im alten Heim gewesen , und jetzt hatte der Tod ihres Vaters sie auch nur für einige Wochen hergerufen , aber sie liebten Marsh-End und Morton und all diese Hügel und Thäler und Moore und Haiden so innig . Sie waren in London und vielen anderen großen Städten gewesen , aber immer hätten sie gesagt , der Heimat käme doch nichts gleich , und dann hatten sie sich einander so lieb und zankten nie und machten keinen Lärm . Sie meine , eine solche Familie , was Einigkeit beträfe , sei gar nicht mehr zu finden . Nachdem ich mit meiner Arbeit des Beerenlesens zu Ende war , fragte ich , wo die beiden jungen Damen und ihr Bruder jetzt seien . » Nach Morton hinüber spaziert ; aber in einer halben Stunde werden sie zum Thee zurück sein . « Sie kehrten innerhalb der von Hannah angegebenen Zeit zurück und traten durch die Küchenthür ein . Als Mr. St. John mich sah , verbeugte er sich nur und ging vorüber ; die beiden Damen verweilten , Mary drückte in wenigen Worten freundlich und ruhig ihre Freude darüber aus , daß ich wohl genug sei , um herunter zu kommen , Diana schüttelte den Kopf , indem sie meine Hand ergriff . » Sie hätten meine Erlaubnis zum Herunterkommen abwarten sollen , « sagte sie . » Sie sehen noch so fürchterlich blaß aus – und so abgezehrt ! Armes Kind ! – armes Mädchen ! « Diana hatte eine Stimme , welche für mein Ohr wie das Girren einer Taube klang . Sie besaß Augen , deren Blick man nur mit Entzücken begegnen konnte . Ihr ganzes Angesicht war voll Reiz und Anmut . Marys Züge waren ebenso intelligent , – ebenso hübsch ; aber der Ausdruck war zurückhaltender , und ihre Manieren , obgleich sanft , doch viel reservierter . Diana blickte und sprach mit einem gewissen Autoritätsbewußtsein ; augenscheinlich hatte sie einen Willen . Es lag in meiner Natur , einer Überlegenheit wie der ihren mit Freuden nachzugeben und mich einem kräftigen Willen zu beugen , wo mein Gewissen und meine Selbstachtung es erlaubten . » Und was haben Sie hier zu thun ? « fuhr sie fort . » Dies ist kein Platz für Sie . Mary und ich sitzen zuweilen in der Küche , weil wir zu Hause gern einmal thun , was uns beliebt – aber Sie sind ein Gast und müssen ins Wohnzimmer kommen . « » Ich fühle mich hier aber sehr behaglich . « » Das kann nicht sein , mit Hannah , die umher wirtschaftet und Sie mit Mehl bestäubt . « » Außerdem erhitzt das Herdfeuer Sie auch zu sehr , « warf Mary hier ein . » Gewiß , « fügte ihre Schwester hinzu . » Kommen Sie . Gehorsam müssen Sie sein . « Und indem sie meine Hand noch immer hielt , ließ sie mich aufstehen und führte mich in das innere Zimmer . » Nehmen Sie dort Platz , « sagte sie , indem sie mich auf das Sofa niederdrückte , » während wir unsere Mäntel ablegen und den Thee bereiten , das ist noch eins von jenen Privilegien , das wir in unserem kleinen Ländchen ausüben : wir bereiten unsere eigenen Mahlzeiten , wenn wir Lust dazu haben , oder wenn Hannah Brot bäckt , Bier braut , wäscht oder bügelt . « Sie schloß die Thür und ließ mich allein mit Mr. St. John , der mir gegenüber saß mit einem Buche oder einer Zeitung in der Hand . Prüfend ließ ich meine Blicke durch das Wohnzimmer schweifen ; dann hefteten sie sich auf mein Gegenüber . Das Wohnzimmer war ein ziemlich kleiner , außerordentlich einfach ausgestatteter Raum ; aber es war gemütlich , weil die peinlichste Sauberkeit darin herrschte . Die altmodischen Stühle waren blankpoliert und der Nußbaumtisch glänzte wie ein Spiegel . Einige seltsame , alte Porträts von Männern und Frauen vergangener Tage zierten die gemalten Wände . Ein Glasschrank enthielt einige Bücher und ein altes , wertvolles Porzellanservice . Im ganzen Zimmer waren keine überflüssigen Luxusgegenstände – nicht ein einziges neumodisches Möbelstück , außer zwei Arbeitskasten und einem Damenschreibtisch von Rosenholz ; sonst sah alles , mit Einschluß des Teppichs und der Vorhänge aus , als sei es stets benutzt und stets geschont . Es war nicht schwer , Mr. St. Johns Äußeres eingehend zu prüfen ; er saß so still da , wie eins der dunklen Bilder an den Wänden . Sein Auge haftete fest auf den Zeilen , welche er las , und seine Lippen waren versiegelt . Wäre er eine Statue anstatt eines Mannes gewesen , so hätte man ihn nicht leichter besichtigen können . Er war jung – ungefähr zwischen achtundzwanzig und dreißig – groß und schlank ; sein Gesicht mußte jedes Auge fesseln ; es war ein griechisches Antlitz mit ernsten Linien , eine gerade , klassische Nase , Mund und Kinn eines Atheners . Es ist allerdings selten , daß ein englisches Gesicht der Antike so nahe kommt wie das seine . Es war nicht zu verwundern , daß er sich über die Unregelmäßigkeit meiner Züge entsetzt hatte , da die seinen so überaus harmonisch waren . Seine Augen waren groß und blau mit langen , dunklen Wimpern ; Locken blonden Haares fielen sorglos hie und da auf seine hohe Stirn , die fast so farblos wie Elfenbein . Nicht wahr , mein teurer Leser , dies ist eine zarte Schilderung ? Und doch machte der , den ich beschreibe , nicht den Eindruck einer sanften , nachgiebigen , eindrucksfähigen , milden Natur . Obgleich er so still dasaß , entdeckte ich doch Züge um seinen Mund , seine Stirn , seine Nase , welche meiner Wahrnehmung nach auf ruhelose , ungestüme , harte und heftige Elemente schließen ließen . Er sprach nicht ein Wort mit mir ; er warf nicht einmal einen Blick auf mich , bis seine Schwestern wieder eintraten . Als Diana bei den Vorbeitungen zum Thee aus- und einging , brachte sie mir einen kleinen Kuchen , der auf der Platte des Backofens gebacken war . » Essen Sie das jetzt , « sagte sie , » Sie müssen ja hungrig sein . Hannah sagt , daß Sie seit dem Frühstück nur ein wenig Grütze gegessen haben . « Ich weigerte mich nicht , denn mein Appetit war ganz und voll zurückgekehrt . Mr. Rivers schloß sein Buch jetzt , näherte sich dem Tische und heftete seine blauen , bilderähnlichen Augen voll und fest auf mich , indem er Platz nahm . Jetzt lag eine unceremonielle Gradheit , eine prüfende , bestimmte Festigkeit in seinem Blicke , welche mir zeigten , daß Absicht , nicht Gleichgültigkeit ihn bis jetzt von der Fremden fern gehalten . » Sie sind sehr hungrig , « sagte er . » Das bin ich , Sir . « Es war meine Art – es war stets instinktiv meine Art gewesen – dem Kurzen mit Kürze , dem Geraden mit Geradheit zu begegnen . » Es war ein Glück für Sie , daß ein leichtes Fieber Sie seit drei Tagen zum Fasten gezwungen hat ; es wäre sehr gefährlich gewesen , wenn Sie gleich dem Verlangen Ihres Appetits nachgegeben hätten . Jetzt dürfen Sie essen , aber immer doch nur mäßig . « » Ich hoffe , daß ich nicht lange auf Ihre Kosten essen werde , « war meine unhöfliche und durchaus unpassende Antwort . » Nein , « sagte er kalt , » wenn Sie uns den Wohnort Ihrer Angehörigen mitgeteilt haben werden , so können wir ihnen schreiben , und Sie werden Ihrer Familie wiedergegeben . « » Ich muß Ihnen rundweg erklären , daß es nicht in meiner Macht liegt , das zu thun , da ich weder ein Heim noch irgendwelche Anverwandte habe . « Die drei blickten mich an , aber nicht mißtrauisch ; ich fühlte , daß kein Mangel an Vertrauen in ihren Blicken lag , mehr eine Regung der Neugierde . Ich spreche besonders von den jungen Damen . Die Augen St. Johns , obgleich außerordentlich klar im buchstäblichen Sinne , waren im bildlichen Sinne schwer zu ergründen . Er schien sie mehr als Werkzeuge zu betrachten , um anderer Leute Gedanken zu erraten , wie als Mittel , seine eigenen zu verraten . Und diese Kombination von Zurückhaltung und Scharfsinn war bedeutend mehr geeignet , in Verlegenheit zu bringen , als zu ermuntern . » Wollen Sie damit sagen , « fragte er , » daß Sie vollständig allein im Leben dastehen ? « » Ja . Kein Land fesselt mich an irgend ein lebendes Wesen ; ich habe kein Recht , die Aufnahme unter irgend ein Dach in ganz England zu beanspruchen . « » Eine seltsame Lage in Ihrem Alter ! « Hier sah ich , wie er einen Blick auf meine Hände warf , die ich gefaltet vor mir auf den Tisch gelegt hatte . Ich wunderte mich über den prüfenden Blick . Aber seine Worte erklärten bald , was er suchte . » Sind Sie niemals verheiratet gewesen ? Sie sind Jungfrau ? « Diana lachte . » Aber sie kann ja kaum älter als siebzehn oder achtzehn Jahre sein , St. John , « sagte sie . » Ich zähle beinahe neunzehn , aber ich bin nicht verheiratet , nein . « Ich fühlte , wie eine dunkle Glut mein Gesicht überzog ; denn durch die Anspielung auf eine Heirat waren bittere und aufreizende Erinnerungen wieder in mir wach geworden . Alle sahen meine Verlegenheit und meine Bewegung . Mary und Diana kamen mir zu Hilfe , indem sie ihre Blicke von meinem glutübergossenen Gesichte abwandten ; aber der kalte , harte Bruder fuhr fort , mich anzustarren , bis der Kummer , den er mir dadurch bereitete , mir heiße Thränen entlockte . » Wo haben Sie zuletzt gelebt ? « fragte er dann . » Du bist zu neugierig und fragst zuviel , St. John , « murmelte Mary leise ; aber er lehnte sich über den Tisch und verlangte eine Antwort durch einen zweiten durchdringenden Blick . » Der Ort , wo , und der Name der Person , mit welcher ich lebte , sind mein Geheimnis , « entgegnete ich bestimmt . » Welches Sie nach meiner Ansicht ein Recht haben zu wahren , sowohl vor St. John wie vor jeder anderen Person , « bemerkte Diana ruhig . » Und doch vermag ich Ihnen nicht zu helfen , wenn ich nichts von Ihnen oder von Ihrer Lebensgeschichte weiß , « sagte er . » Sie bedürfen aber der Hilfe , nicht wahr ? « » Ja , ich bedarf ihrer und ich suche sie , insoweit Sir , daß ich einen wahren Menschenfreund suche , der mir Arbeit schafft , welche ich verrichten kann , und deren Ertrag mir die Mittel zum Leben giebt , wenn auch nur die allernotwendigsten . « » Ich weiß nicht , ob ich ein wahrer Menschenfreund bin ; aber ich bin Willens , Ihnen mit allen mir zu Gebote stehenden Kräften in der Ausführung eines so ehrlichen Vorsatzes zu helfen . Sagen Sie mir also vor allen Dingen , an welche Art von Arbeit Sie gewöhnt sind und was Sie leisten können . « Jetzt hatte ich meinen Thee getrunken . Er hatte mich mächtig erfrischt ; gerade so , als ob ein Riese Wein getrunken hätte . Er stärkte meine erschütterten Nerven und machte es mir möglich , diesem durchdringenden jungen Richter kräftig zu entgegnen . » Mr. Rivers , « sagte ich , indem ich mich zu ihm wandte und ihn ansah , wie er mich , offen und ohne Furcht , » Sie und Ihre Schwestern haben mir einen großen Dienst geleistet – den größten , welchen ein Mitmensch dem andern leisten kann ; Sie haben mich durch Ihre edle Gastfreundschaft vom Tode errettet . Diese mir erwiesene Wohlthat giebt Ihnen einen unbegrenzten Anspruch auf meine Dankbarkeit und bis zu einem gewissen Grade auch Anspruch auf mein Vertrauen . Ich werde Ihnen so viel von der Geschichte des Wanderers erzählen , den Sie beherbergt haben , wie ich es kann ohne meinen Seelenfrieden aufs neue zu gefährden – meine eigene geistige und körperliche Sicherheit so wie diejenige anderer . » Ich bin eine Waise ; die Tochter eines Geistlichen . Meine Eltern starben , bevor ich sie kennen konnte . Ich wurde in Abhängigkeit erzogen , in einer gemeinnützigen Anstalt erzogen . Ich will Ihnen sogar den Namen des Instituts nennen , in dem ich sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin zubrachte – das Waisenasyl von Lowood in – shire ; Sie werden davon gehört haben , Mr. Rivers . Der ehrwürdige Mr. Brocklehurst ist der Verwalter . « » Ich habe von Mr. Brocklehurst gehört und ich kenne die Schule . « » Vor ungefähr einem Jahre verließ ich Lowood , um Gouvernante in einer Familie zu werden . Ich hatte eine gute Stellung und war glücklich . Vier Tage bevor ich hierher kam , war ich gezwungen , die Stellung aufzugeben . Ich kann und darf die Veranlassung zu meiner Abreise nicht erklären , es wäre auch nutzlos – gefährlich , und würde überdies nicht glaubhaft klingen . Kein Tadel haftet an mir ; ich bin ebenso frei von jeder Schuld wie irgend einer von Ihnen dreien . Unglücklich bin ich und werde es auch noch eine lange Zeit bleiben ; denn die Katastrophe , welche mich aus dem Hause trieb , wo ich ein Paradies gefunden , war seltsamer und schrecklicher Art. Ich beobachtete nur zwei Dinge , als ich meine Flucht plante : Eile und Geheimnis ; um diese zu sichern , mußte ich alles zurücklassen , was ich besaß , mit Ausnahme eines kleinen Pakets , welches ich in meiner Eile und Seelenangst aus der Kutsche zu nehmen vergaß , die mich nach Whitecroß geführt hatte . So kam ich denn von allen Mitteln entblößt in diese Gegend . Zwei Nächte schlief ich draußen in Gottes freier Natur , und zwei Tage wanderte ich umher , ohne die Schwelle einer menschlichen Wohnung zu betreten . Nur zweimal während dieser Zeit kam etwas Nahrung über meine Lippen ; und als Sie , Mr. Rivers , es hinderten , daß ich vor Hunger und Mangel an Ihrer Thür umkam , indem Sie mich in Ihr Haus aufnahmen , hatten Hunger und Verzweiflung und Erschöpfung mich dem Tode nahe gebracht . Ich weiß , was Ihre Schwestern seitdem für mich gethan haben , denn während meiner anscheinenden Betäubung war ich nicht immer besinnungslos , und ihrem echten , freiwilligen , ungeheuchelten Mitleid verdanke ich ebensoviel , wie Ihrer christlichen Barmherzigkeit . « » Laß sie jetzt nicht mehr reden , St. John , « sagte Diana als ich innehielt ; » wie du siehst , ist sie noch keiner Art von Aufregung gewachsen . Kommen Sie jetzt hier aufs Sofa und setzen Sie sich , Miß Elliott . « Als ich dieses alias vernahm , schrak ich unwillkürlich zusammen ; ich hatte meinen neuen Namen fast vergessen . Mr. Rivers , dem nichts zu entgehen schien , bemerkte es sofort . » Sagten Sie nicht , Ihr Name sei Jane Elliott ? « bemerkte er . » Das sagte ich , und ich halte es für zweckmäßig , mich für den Augenblick so zu nennen ; aber in Wirklichkeit ist das mein Name nicht , und wenn ich ihn höre , klingt er meinem Ohr fremd . « » Sie wollen Ihren wahren Namen also nicht nennen ? « » Nein . Was ich am meisten fürchte , ist entdeckt zu werden ; und ich vermeide jede Mitteilung , die dazu führen könnte . « » Ich bin überzeugt , daß Sie daran ganz recht thun , « sagte Diana . » Jetzt aber , lieber Bruder , laß ihr in der That Ruhe . « Als St. John jedoch einige Minuten nachgedacht hatte , fing