allein im Fürstenzelt . Auch der Leibarzt mußte sich entfernen , bevor Malimmes dem Herzog half . Als man nach Regensburg aufbrach , brannte das Fieber des Kranken noch immer ; er mußte kurze Tagesmärsche machen und lange Ruhepausen halten ; aber mit jedem Morgen wurden seine Pulse ruhiger , und am vierten Tage fühlte er sich körperlich so sehr gekräftigt , daß er den Tragsessel nimmer nötig hatte , sondern reiten konnte . Der Leibarzt , der ein bißchen kleinlaut geworden war , hielt sich immer in der Nähe des schmuck gekleideten , nach Art eines ritterlichen Herrn gewaffneten Söldners . Endlich kam er mit der Frage : » Wie hast du dem Fürsten geholfen ? « Mißlaunisch schüttelte Malimmes den Kopf . » Jedem das Seine , Ihr seid ein Medikus , ich bin ein Kriegsmann . Alles im Leben ist Handel . Weiset mir einen Bolz , mit dem man einen im Küraß auf tausend Gang aus dem Sattel schießt , so will ich Euch weisen , wie man die Müden munter macht . « In der Abenddämmerung , nicht weit hinter Landshut , überholte Herzog Heinrichs klirrender Reiterschwarm den gemächlich reisenden Zug der Herzöge von München . Herr Heinrich begrüßte die Vettern mit lebhafter Herzlichkeit . Der Gegengruß war minder freundlich . Herzog Wilhelm und Prinz Albrecht blieben stumm ; im Gesicht des Prinzen war eine heiße Zornflamme ; und Herzog Ernst lachte in seiner schwerfälligen Art. » Warum so wunderlich , meine lieben Vettern ? « fragte Herr Heinrich mit dem Anschein eines Gekränkten . » Solltet Ihr noch nicht vernommen haben , wie kräftig wir euch bei Dachau zu Hilfe kamen ? « » Vernommen ? « sagte Herzog Ernst . » Ob das ein zutreffendes Wort ist ? Sollte man nicht sagen : wahrgenommen ? Ja , Vetter Heinrich ! Wir haben wahrgenommen . Deine klugen Taten sind wie stille Seufzer . Man hört nicht viel von ihnen . Aber sie werden ruchbar . « Herr Heinrich legte den Kopf zurück . » Sehr höfisch redest du nicht , mein derber Vetter ! Ich hätte wohl besser das Eisen im Leder gelassen . Jetzt muß ich an ein Wort meines Schwagers Zollern denken . Wenn er Gutes tat und Undank erfährt , pflegt er zu sagen : Es ist mein Schicksal , mißverstanden zu werden . « Er nickte einen Gruß . » Ihr reiset langsam . Ich habe Grund zur Eile . In Regensburg ! « Herzog Heinrich rasselte mit seinem Schwarm davon . Er überholte während der beiden folgenden Tage noch manchen Reiterzug , der von Städten , Burgen oder Klöstern kam . Die Reise ging vorüber an Feldern , auf denen die Ernte faul geworden , vorüber an öden Kohlstätten verbrannter Dörfer und an gebrochenen Mauern . Überall lungerte das Elend neben der Straße , und in der schönen , milden Sonnenluft waren üble Gerüche . In den Stauden und Gräben kauerten müde oder kranke Menschen , die aussahen , als wären sie hinter einem Wanderzuge erschöpft zurückgeblieben . Niemand kümmerte sich um die Niedergebrochenen ; jeder , den die Füße noch trugen , hatte mit sich selbst zu schaffen ; unter den Schrecken dieses Kriegsjahres war die Barmherzigkeit abgestumpft , das Erbarmen erloschen . Wer sterben mußte , blieb liegen , wo er lag , und war umschwärmt von Ungeziefer , von Krähen und Geiern . Am letzten Reisemorgen geriet Herr Heinrich in lange Züge von wandernden Menschen und mußte vorsichtig reiten , weil diese Müden und Erschöpften die Straße nur langsam räumen konnten . Als der ungeduldige Reiterschwarm des Herzogs solch einen Hauf von grau verstaubten Wandersleuten zerkeilte , verhielt Malimmes plötzlich den schönen , feurigen Schimmel , den ihm der Herzog geschenkt hatte . In einem Trupp , der neben dem Straßengraben rastete , war ihm ein langer , magerer Bauer aufgefallen . » Höi ! Du ! Bist du nicht der Fischbauer vom Hintersee ? « » Was denn sonst ? « Da fand Malimmes seit dem Tage von Dachau das erste heitere Lächeln . » Guck , der Seppi Ruechsam ist noch allweil lebendig . Die Guten sterben nit . « Er sah den Bauer an , der ihn mißtrauisch betrachtete . » Mensch ? Was tust denn du in Regensburg ? « » Du mußt mich ja nit hintragen . « » Willst du am End gar zum deutschen König ? « » Was denn sonst ? « Malimmes wollte nach Mutter und Bruder fragen . Doch schweigend gab er dem Schimmel die Sporen und jagte dem Schwarm des Herzogs nach , wieder mit jener stumpfen Trauer in den Augen . Um die Mittagsstunde , als die Scharen der Wandernden immer dichter wurden , sah man von einer Waldhöhe in das liebliche Tal der Donau hinunter , das zärtlich begleitet war von lind geschwungenen Hügeln und herbstlich gefärbten Buchenwäldern . In ihrer Mitte , wie ein feiner Kern in der Schale , lag das von Mauern und Wällen umschlossene Dächergewirre der freien Stadt mit schlanken Kirchtumspitzen und plumpen Streittürmen . Ein dumpfes Murren von Bumbardenschüssen und ein sanft verschwommenes Tönen vom Geläute vieler Glocken . Es war zu der Stunde , in der die edlen Geschlechter und der große und kleine Rat von Regensburg mit Pomp und Jubel ausrücken wollten , um auf der Nürnberger Straße den König Sigismund und die Königin Barbara feierlich einzuholen . Den deutschen König , den Kaiser zu empfangen , hatte die alte , freie Donaustadt sich schön gemacht mit Gewinden der letzten Herbstblumen , mit bunten Tüchern und wehenden Fahnen . In den letzten Nächten hatte man große Schweineherden durch die Stadt getrieben , damit die braven , für Reinlichkeit sorgenden Tiere alles verschlingen möchten , was bequeme Bürgersfrauen an üblen Dingen aus ihren Fenstern auf die Straße zu werfen pflegen . Und was die Schweine zu entfernen verschmähten , wurde in fleißiger Nachlese von den ruhelos umherwandernden Buttenknechten gesammelt . Man hatte das Stadthaus gesäubert und geziert , hatte Trommler und Ausrufer durch die Stadt geschickt , um die strengen Festtagsgesetze zu verkünden und das Volk zu gesittetem Verhalten zu ermahnen . In alle Häusern , die zu Quartieren für hohe Gäste und ihr Hofgesinde bestimmt waren , hatte man rastlos gefegt und gescheuert , das Silber geputzt und die Zinngeschirre blankgerieben . Und unter den Betten , in denen die Fürstlichkeiten ungestörten Schlummer finden sollten , hatte man Flohfallen aufgestellt und Leimruten für sonstiges Ungeziefer . Während die schöne Herbstsonne über den Gassen und um die steilen Dächer funkelte , rauchten alle Schornsteine , und überall spürte man den Duft von Honigkuchen , Schmalzgebackenem , Gewürz , Wacholder und Räucherwerk . Unter dem Donner der Regensburger Kammerbüchsen und dem Geläut der Glocken waren die engen Straßen und der große Marktplatz , auf dem sich der Zug zur Einholung des Königs ordnete , von einer farbigen , freudig erregten Menschenmenge erfüllt . Um die städtischen Standarten und die vielen Kirchenfahnen ein Gewimmel von Geistlichen in prunkvollen Ornaten , von reichgekleideten Ratsherren und wappenfähigen Geschlechtern , von gepanzerten Stadtknechten , Söldnern und Schützen , von Frauen mit Blumenkränzen im Haar , von geputzten Jünglingen und Jungfrauen mit gebänderten Stäben und von vielen , vielen kleinen Mädchen und Knaben mit langen Birkenreisern , an denen die herbstlich gefärbten Blätter in der Sonne wie kleine , goldene Herzen flimmerten . Und rings um diesen farbigen Prunk herum , hinter den Zäunen der Spießknechte , staute sich die graubraune Masse des mühsamen Volkes mit kreischenden Kinderschwärmen ; da hatte jede Mutter , die in reifen Jahren war , einen Ring von struwweligen Köpfen um sich her ; und manche mußte flink die Augen bewegen , wenn sie verläßlich wachen wollte über das Dutzend ihrer Knospen . Dieser fröhliche Lärm und dieses Festgepränge ließ nichts von den Schrecken des Krieges gewahren , der seit Jahresfrist die bayerischen Lande mit blinder Zerstörungswut durchtobte . Wie Augsburg und Nürnberg , so hatte es auch Regensburg durch kluge Politik verstanden , sich fern von den Wirren dieses Krieges zu halten , und hatte das Aufblühen der Stadt gefördert , während außerhalb ihrer schützenden Mauern die trotzigen Burgen fielen und die Kräfte des Rittertums vor dem Ansturm der Söldnerscharen und unter den Streichen der Bürger- und Bauernfäuste versagten . Tausend Dörfer waren in Flammen aufgegangen , und der Verzweiflungsschrei eines namenlosen Elends durchschrillte alles offene Land , über das der Fürstenzank mit Eisen , Feuer , Galgen , Büchsen , Hunger und Seuchen seine sinnlose Verwüstung hatte hinrollen lassen , wie ein Bergsturz mit springenden Trümmern alles blühende Leben verschwinden läßt unter seinem Schutt . Doch in den ummauerten , von fester Kraft geschützten und mit kaiserlichen Freiheitsbriefen begnadeten Städten war unbedrücktes Atmen , rühriger Handel , wachsender Wohlstand und friedsame Arbeit , bei der ein Umschwung aller Dinge im Reich und neue Zeiten sich vorbereiteten , die Zeiten eines machtvollen Bürgertums . Zu Regensburg , in dieser sonnenschönen , feierlichen Mittagsstunde , mischte sich mit dem frohen , alle Gassen und den Marktplatz füllenden Festlärm ein fernes , dumpfes Sausen , das der brausenden Stimme eines gewaltigen Stromes glich . Es war das Stimmengewirr der dreißigtausend zugewanderten Bauern , denen man den Einlaß durch die Mauer verweigert hatte , um die friedliche , gesunde Stadt vor allem zu behüten , was da ah Armut und Zorn , an Aufruhr und Mordgefahr , an Unsitten und Krankheit zusammenströmte aus allen Weiten der verwüsteten Lande . Auf dem großen Anger vor dem Ostentore lagerte dieses graue Heer des Elends und der Sehnsucht , des stumpfen Grames und der seufzenden Erschöpfung , des suchenden Lasters und eines quirlenden Leichtsinns , der alle Not und Trauer betäubte mit lachendem Schrei . Während die von Süden ankommenden Fürstlichkeiten durch Gepanzerte des städtischen Heeres empfangen und in die Stadt geleitet wurden , irrten ruhelose Scharen der ausgesperrten Volksmenge an den Wällen und Mauern entlang , kamen zum Ufer der Donau und kehrten zurück zum Ostenanger . Mit jeder Minute vermehrte sich das graue Heer durch neue Zuzüge von allen Landstraßen . Die vom Stadtrat aufgestellten Zehrbuden , Brothütten und Schankzelte konnten den Hunger der vielen Tausende nicht stillen , wurden geplündert und niedergerissen . Das Gelärme der Ungeduldigen schmolz zusammen mit dem festlichen Dröhnen der Kammerbüchsen und dem Freudengeläut der städtischen Glocken . Und plötzlich brauste über den wimmelnden Aufruhr ein wilder , tausendstimmiger Schrei erneuter Hoffnung hin : » Der König kommt ! Der Kaiser ist da ! « Das tosende Gewühl begann sich vorwärts zu schieben , gegen das Ufer der Donau hinunter . Tolle Neugier und leidende Sehnsucht keilten sich gegeneinander . Die Ellenbogen wühlten , und die Fäuste droschen . Schwachgewordene wurden niedergestoßen : und zertreten . Und weil den Ausgesperrten auch der Zugang zur Steinernen Brücke verwehrt blieb , rissen sie bei den Fischerhäusern die Kähne und Fähren los , um die Donau zu übersetzen , und dem deutschen König entgegenzuziehen ; an die dick mit Menschen gefüllten Boote klammerten sich noch Dutzende an und ließen sich von den abwärtstreibenden Schiffen durch das Wasser schleifen ; und wenn eine ermattete Faust die Finger öffnen mußte und ein Mensch in den schießenden Wellen versank , so war ' s für die anderen , wie wenn im herbstlichen Wald ein welkes Blatt zwischen Moos und Stein verschwindet . Hunderte kamen über den Strom , und viele Tausende füllten dichtgedrängt die schmale Schiffslände zwischen dem Fuß der Stadtmauer und dem Ufer der Donau . Über dem Strome drüben und hinter der befestigten Vorstadt Am Hofe sahen sie auf den falben Wiesenhügeln , über welche die Nürnberger Straße herunterkam , das feine Funkeln und Farbenleuchten des Königszuges , der seiner Einholung wartete . Und während auf der Steinernen Brücke , deren Türme und Türmchen von bunten Tüchern flatterten , die festliche Menge der Städter mit Standarten und Fahnen , mit zwei purpurnen Traghimmeln , mit Zinkengeschmetter und Pfeifenklängen dem König entgegenzog , streckten auf der Schiffslände die vielen Tausende des zugewanderten , eng zusammengepferchten Volkes in gläubiger Hoffnung jenem fernen Königsgeglitzer die Arme entgegen und schrien immer wieder mit rauh gewordenen Stimmen : » Der König ist kommen , der Kaiser ist da ! « Die Worte verstand man nicht . Doch flehende Sehnsucht war in dem wogenden Gebrüll . Es klang , wie wenn eine riesige Wallfahrtsmenge von Leidenden , Verzweifelten und Besessenen litaneit : » Allmächtiger , erhöre uns ! Allmächtiger , beschütze uns ! Allmächtiger , erlöse uns von allem Übel ! « 10 In den großen Zelten , die auf der Wiesenhöhe der Nürnberger Straße für das Königspaar und sein Gefolge errichtet standen , hatten Herr Sigismund und Frau Barbara die verstaubten Reisekleider abgelegt und für den Einzug in Regensburg sich angetan mit dem Schmuck der Herrscherwürde . Während die Königin , die immer geraumer Zeit bedurfte , um sich schön zu machen , noch vor dem silbernen Reisespiegel saß , hatte der König schon das Zelt verlassen und stand in der milden Sonne . Noch trug er die Krone nicht . Doch seine hohe Gestalt , in der sich Majestät und Anmut paarten , war schon umflossen von den starren Falten des schwer mit Gold bestickten und mit Hermelin verbrämten Purpurmantels . Darunter schimmerte der lange , bis zum Gürtel geschlitzte Reitrock von mattgrüner , mit Perlenblumen benähter Seide . An den Füßen glitzerten die goldgespornten Schnabelschuhe ; und die großen , bunten Emailglieder des Gürtels trugen das breite Schwert , an dessen Knauf ein grüner Smaragd von der Größe einer Welschnuß funkelte - ein Stück geschliffenen Glases - den echten kostbaren Schwertstein hatte Herr Sigismund zu Nürnberg verpfänden müssen , um Geld für die Regensburger Reise zu beschaffen . Dieses Geld war auch schon wieder ausgegeben , war auf der langen Reisestrecke in die flehenden Hände des verarmten Volkes geflossen , das überall in hoffendem Glauben die Straße des schönen , hilfreichen Königs belagert hatte . Er kam zu seiner treuen Reichsstadt Regensburg mit einer Tasche , die so leer war wie ein junges Grab , aus dem der Schaufelmann soeben herausgestiegen . Von den widerlichen Sorgen , die seine häusliche Wirtschaft bedrückten , war in seinen hellen , heiteren Augen kein Schatten zu gewahren . Er schwatzte munter und stand unter dem reinen Himmel wie ein menschgewordener Sonnenstrahl . Das kurzgelockte Braunhaar des Vierundfünfzigjährigen war noch ohne grauen Faden . Ein sorgsam gepflegter , in zwei Spitzen geteilter Vollbart mit lichterem , hübsch geschwungenem Schnauzer umrahmte das längliche , edelgeformte Gesicht , das frische , gesunde Farben hatte . Doch rings um die frohen Augen waren viele feingerissene Faltenzüge ; sie erzählten von Blutstürmen und von Dingen , die nach Meinung der Frommen vor Gott kein Wohlgefallen finden . Wer nicht dicht vor dem König stand , sah diese Runenschrift eines wild durchrüttelten Lebens nimmer , sah nur den fürstlichen Kopf , diese herrliche , anmutsvoll bewegte Mannesgestalt , diesen König von unverwüstlicher Jugend und Schönheit , dem die Herzen des Volkes entgegenjubelten , wenn er lächelte und freundlich grüßte . Neben ihm stand der päpstliche Legat Branda in scharlachfarbener Kardinalstracht mit einem wie aus Marmor geschnittenem Greisenkopf . Den beiden las der junge Kanzler Schlick eine Botschaft vor , die aus München gekommen war . Der Bote , der sie gebracht hatte - Lampert Someiner - , stand bei den Herren des Hofes , grau verstaubt nach einem jagenden Ritt , in den Augen ein ruhiges Leuchten . Während der Kanzler mit halblauter Stimme las , wurde ein Imbiß eingenommen . Wie beim Mahl auf einer Falkenbeize stand man zwischen angepflöckten Rossen oder saß auf Wiesenbuckeln und aß aus kleinen , billigen Zinnschüsseln . Das goldene Reisegeschirr der Majestät war zu Nürnberg bei dem großen Schwertsmaragd zurückgeblieben . Der König hörte die Botschaft , die da gelesen wurde , mit Lächeln an . Eine leichte Röte auf seiner Stirn verriet den Zorn , den er stumm bezwang . Der Kardinal erregte sich : » Die Fürsten zu München sind begabt mit versöhnlichen Seelen . Sie verzeihen dem Ingolstädter flink . Rom wird zögern müssen mit seiner Güte . « » Wie immer ! « Herr Sigismund sah zu einer Herrengruppe hinüber , die den zwerghaften , großköpfigen Narren des Königs umstand und in schallendes Gelächter ausgebrochen war . » Was ist da drüben ? Laßt euren sorgenvollen Herrscher mitlachen ! « Einer kam : » Wir sprachen von heißblütigen Frauen . Da sagte der Narr : In den Leib jener Frauen , die als Liebende unersättlich sind , müßte von ungefähr ein Pantherhaar geraten sein , das sich nimmer entfernt und ruhelos kitzelt . « Die Majestät wurde verdrießlich . » Unser Narr kennt die Frauen , wie der Neid die Freude . « Und in böhmischer Sprache , die der Kardinal nicht verstand , sagte Sigismund seufzend zum Kanzler : » Wenn der Wirrsinn des Narren Wahrheit wäre , müßte unsere Königin einen ganzen Panther verschluckt haben . « Da griffen plötzlich viele Herren nach ihren Waffen . Hinter dem Lagerplatz jagte auf der Nürnberger Straße eine dicke Staubwolke heran . Als man die Reiter und zwei braun und weiß gefleckte Hunde erkennen konnte , flüsterte Schlick : » Der Ingolstädter , mit dem Pienzenauer und Törring . « Stumm , in aufbrennendem Zorne , wandte sich der König und trat so hastig ins Zelt , daß sich der Purpurmantel wie eine schwere Fahne hinter ihm herbauschte . Der Kanzler ihm nach . Im Zelt schrie Herr Sigismund : » Ich will ihn nicht sehen . Er hat wider uns und das Reich gesündigt . Ich muß ihn von der Herrschaft stoßen . « Da stand der zwerghafte , großköpfige Narr bei ihm , zupfte am Mantel des Königs und pisperte mit seinem Kastratenstimmchen : » Vetter , überschrei dir die Lunge nicht ! Sonst wirst du zu Regensburg vor den schönen Frauen husten müssen , statt daß du gewinnend redest . « Diese Stimme floß wie Öl auf den Zorn des Herrschers . Ratlos sagte er zu Schlick : » Was soll ich tun ? « Lächelnd flüsterte der junge Rat : » Eine gütige Strenge wählen , die für heute zu nichts verpflichtet . Und warten , bis Vetter Heinrich sprach . Der Schatzturm von Burghausen hat eine Stimme , auf die man in knappen Zeitläuften hören muß . « Alles Redliche in Sigismund wallte auf . » Schlick ! Das ist ein Grauenvolles an meinem Leben . Immer will ich das Gute und Gerechte und muß es biegen und beschmutzen - « » Warum ? « piepste der Zwerg . » Weil wir sonst den Schneid der , Schuster und Bäcker nicht bezahlen können . « » Schweige , Narr ! Deine Spaße lügen . Den König belügen alle . Vor dreißig Jahren hat mir einer , den ich vom Schwert zum Leben begnaden wollte , ins Gesicht gerufen : Ich nehme nichts geschenkt von dir , du böhmisches Schwein ! Und hat seinen Kopf auf den Block gelegt . Seit damals hat mir keiner mehr die Wahrheit gesagt ! - Nur einer . Wo ist er ? Narr ! Hole mir den Fritz ! « Das großköpfige Männlein zappelte davon . Dann trat mit ihm ein kraftvoller Mann von fünfzig Jahren in das Zelt , schwer und schmucklos gepanzert , ohne Helm , mit dem roten Adler zwischen den schwarzweißen Gevierten des Waffenrockes . Der Kopf hatte in der Art des Braunhaares und des geteilten Vollbartes eine leichte Ähnlichkeit mit der Majestät , doch das sonnverbrannte Gesicht war gröber , fester und ruhiger ; dazu ein Mund , der gerne und kräftig lachte , und kluge , graublaue Augen wie blanker Stahl - Friedrich von Zollern , der Burggraf von Nürnberg , der neue Herr der Brandenburger Mark . In Erregung fragte der König : » Weißt du , wer kommt ? « » Er ist schon da . « Der Markgraf lachte . Er redete laut und rasch . » Rom setzt ihn bereits auf glühende Kohlen und röstet ihm das christliche Fundament . Ich besorge , man wird ihn um mancher Sünde willen brennen , die er nicht beging . « » Hinter deinen Worten ist Erbarmen . Bist du nicht sein Feind ? « » Ich ? Nein ! Ich keines Mannes Feind . Schlägt einer her , so schlag ich hin , um ein gut Teil gröber als der andere . Kann er sich vertragen , so bin ich friedsam . Oheim Ludwig ist ein Baum mit Ästen , die gut sind . Die maßlos aufgeschossenen sind ihm gestutzt worden . Jetzt mögen die gesunden treiben . Das sollte die Majestät in Güte fördern . « » Du weißt nicht , was bei München geschehen ist . Schlick ! Gib ihm das Blatt zu lesen ! « Der Markgraf nahm das Pergament . Als er las , bedeckte sich seine Stirn mit harten Falten . » Ein garstiges Ding ! Macht Waffenruhe mit mir , vertrödelt den wohlgemeinten Friedenshandel mit Landshut und nützt die unbedrängten Ellenbogen , um ruhige Leute zu puffen . Die gesunden Hiebe von Alling vergönn ich ihm . Das Leben hat heitere Gerechtigkeiten . Ich merke , daß er mich täuschte . Aber das haben die Münchener wettgemacht . Das friedsame Wort , das ich ihm sagte , soll gelten . « » Lies weiter ! Da wirst du von deinem Schwager Heinrich hören . Der Kleine hat wieder flinke Arbeit getan . Und sein treues Glück ist mit ihm gelaufen . « » So ? « Der Markgraf schien das gerne zu vernehmen . Doch als er weiterlas , fuhr ihm eine dunkle Blutwelle ins Gesicht . Die Lippen vorschiebend , faltete er das Pergament zusammen , bot es dem Kanzler hin und schwieg . » Rede ! « mahnte der König ungeduldig . » Das fällt mir schwer . Der eine täuschte mich , der andere tat ' s noch übler . Man muß da immer wieder lernen , von neuem zu glauben . Die Majestät möchte mich eines Ratschlages entbinden ! Den einen will ich nicht tiefer hinunterstoßen , als er fiel . Und ich kann nicht reden wider den Bruder meines Weibes , das mir eine tapfere Hausfrau ist und mich beschenkte mit dem Besten des Lebens , mit gesunden Jungen . « Sigismund , der ohne Sohn war und dieses Wort mit Mißvergnügen gehört hatte , rief ärgerlich : » Versagst du auch ? Was soll ich tun ? « Hinter dem Rücken der Majestät guckte der Kanzler mit verständlicher Trauer in seine Gürteltasche . » Ach so ? « Für den Markgrafen schien die Stunde plötzlich an Ernst verloren zu haben . Er nickte . » Freilich , der Fink muß Hanf haben , wenn er nicht unschön pfeifen soll . An schöne Lieder bei Darbenden glaub ich nicht . « » Was soll ich tun ? « wiederholte der König gereizt , während man vor dem Zelt einen heftigen Wortwechsel zwischen dem Kardinal Branda und Herzog Ludwig vernahm . » Was soll ich tun ? « » Was kein Verständiger schelten darf . Geld kann man von den Juden borgen . Wenn ' s nicht billiger geht , um hohen Zins . Man braucht sie drum nicht zu verbrennen . Man kann sie auch bezahlen . Das ist minder schmerzhaft . Ich will gutstehen . Und der Fink kann pfeifen , wie er soll . « » Gutstehen ? « fragte Sigismund freundlicher . » Selber geben kannst du nicht ? « » Nicht jetzt . Die Majestät möge verzeihen . Ich bin erschöpft . « » Du schüttest zu viel in den Sand deiner Mark . « » Ohne Samen kein Weizen . « Der König lächelte auf eine Art , die dem Markgrafen zu mißfallen schien . » So muß ich schauen , wo Samen sich findet . « Vor dem Zelt die erregte Stimme des Kardinals : » Um Euretwillen wurde Glockenläuten , Gesang und Gottesdienst zerschlagen . « Dann die zornbebende Stimme des Ingolstädters : » Warum sperrt Ihr um meinetwillen die Kirchen ? Laßt sie offen für die anderen ! Dann könnt Ihr läuten , singen und Messe lesen nach Herzenslust . Belagert nicht meinen Weg ! Ich will zum König . Wozu das Reich , wozu der Herrscher , wenn die beiden sich verschließen vor der Not eines Deutschen ? « Im Zelt sagte Sigismund heiter : » Oh ? Wo bleibt Paris ? Mein Land ist reicher geworden um einen deutschen Mann . « Da stürmte Herzog Ludwig in das Zelt , mit Staub bedeckt , das Gesicht von Gram zerstört , in den Augen den zerbrochenen Stolz . Schweigend biß er die Zähne übereinander und beugte das Knie . Die Majestät trat zurück , blieb stumm und streckte abwehrend , mit einer anmutsvollen Geste , die schönen Hände vor sich hin . Herzog Ludwig drückte den starren Nacken noch tiefer hinunter und harrte zitternd auf ein gütiges Wort . Weil es nicht kommen wollte , erbarmte sich der Markgraf dieses Gebeugten , wollte ihm mit einem freundlichen Scherz über den bösen Augenblick hinüberhelfen und sagte freundlich : » Oheim ? Ihr habt keine gute Farbe . Seid Ihr ein so strenger Christ , daß Ihr im Übermaße fastet ? « Die gute Absicht dieses Scherzes mißverstehend , fuhr Herzog Ludwig vom Boden auf , mit brennender Stirne , mit Trauer und erneutem Haß in den Augen . » Willst du mich höhnen ? Du ? Der verschlang , was in meines großen Ahnherren goldenem Kessel gekocht wurde für Witteisbach ? « » So ist es nicht . Aber wenn es so wäre , könnt ich nicht leugnen , daß es mir mundet . « Noch heißer gereizt durch diese lächelnde Ruhe , wandte sich der Herzog an die Majestät . » König ! Leidende haben ein helles Gesicht . Laß dich warnen vor diesem allzu Gesunden . Er wird dir die deutsche Krone nehmen , wie er meinem Hause die Mark genommen . « » Die gab ich ihm doch . Als Dank für redliche Dienste . « » Laß dich warnen ! « Die Stimme des Herzogs war rauh von Zorn . » Seine Federn sind schwarz und weiß wie die der Elster . Was eine richtige Elster ist , die läßt ihr Hüpfen nicht . « Herr Sigismund lachte heiter . Dennoch war es ihm anzumerken , daß diese Warnung bei seinem leicht erregbaren Mißtrauen ihr Ziel nicht völlig verfehlt hatte . Des Königs achtete der Markgraf in diesem Augenblick nicht . Er sah nur den von Zorn und Leid durchwühlten Herzog an und sagte ernst : » Leidende haben kein helles Gesicht , sie haben verschleierte Sinne . Dieses Wissen versöhnt mit ihnen . Ihr seid ein vergrämter Vogel , Oheim ! Man merkt es an Eurem verstimmten Gesang . Ich habe schon bessere Lieder von Euch vernommen . Seht zu , daß Eure Kehle sich bald wieder bessern möge . « Er neigte sich vor der Majestät und ging im Geklirr seines schweren Panzers aus dem Zelt . Die Augen des Königs , die ihm folgten , hatten eine unmutigen Blick . Dann sagte er zu Herzog Ludwig mit jener gütigen Strenge , deren Ton er glücklich zu treffen wußte : » Oheim , du bist ein männlicher Fürst . Auch warst du ein Mächtiger an Barschaft . Das haben Wir zu Unseren Gunsten oft erfahren . Wir schulden dir viel . Des wollen Wir gedenk bleiben . Aber dir ist es ergangen , wie es allen ergeht , die mehr Vertrauen in sich selbst haben als in Gott . « Während immer das ferne Glockenläuten summte und das Zinkengeschmetter des festlichen Zuges näher und näher tönte , zwang Herr Ludwig die Worte heraus : » Was ich habe , will ich geben . Jetzt bin ich arm . Reichtum wird wiederkommen . Die Majestät verspreche mir nur , mich ungeschädigt bei meiner ererbten Herrschaft zu halten . Was ich erbitte , ist mein fürstliches Recht . « » Der Schuldige muß empfangen , was ihm zugesprochen wird , um christlicher Güte willen . Du bist besiegt durch die Kraft der anderen und durch die eigene Torheit . « Das Gesicht des Herzogs entstellte sich . » Mich besiegte einer , den ich nicht nenne . Man kann einen Menschen beugen . Sein Recht bleibt stehen . Ich fordere mein Recht . « » Wer fordert und nicht die Macht hat , seinen Willen durchzusetzen , ist ein Narr . « Bei diesem Worte nahm die heiter gewordene Majestät dem Herzog die pelzverbrämte Mütze vom Kopf und setzte ihm die Schellenkappe der Narren auf . Herr Ludwig stand unbeweglich . Draußen erscholl ein süßer , lieblicher Gesang von tausend Kinderstimmen . » Wir werden entscheiden im Rat der Fürsten ! « sagte Sigismund . » Unsere treuen Regensburger kommen . « Er wandte sich . » Meine Krone ? « Unter spöttischem Grinsen brachte der Zwerg das von edlen Steinen funkelnde Königsgeschmeid : » Nimm , barmherziger Vetter , das ist deine Narrenkappe ! « » Meinst du , Wir hätten nicht den klugen Kopf , den sie verlangt ? « » Den hast du , leider ! Du versäuerst mir mein hartes Brot , das wir zuweilen schuldig bleiben . Oft bist du witziger als ich . « Der Narr hörte das Rauschen eines seidenen Kleides und schmunzelte . » Die Funken deines Witzes erlöschen nur , wenn du Ehemann wirst . Und da kann ich meinen Witz nicht zeigen . Weil ich außerhalb des Türchens bleibe , hinter dem du klein und töricht wirst . « Königin Barbara , die zweite Gemahlin der Majestät , trat aus der Zeltkammer , in milchblaue Seide gekleidet , die jede Form des schönen Körpers nachzeichnete . Funkelnd thronte das Krönlein über dem kupferroten Haar , und wie ein Glitzerhauch umfloß der