. - So klug war wohl Prometheus auch , aber er konnte nicht sterben . Das Leben allein ist schwer , und der Tod ist unmöglich . Wenn ich nur schlafen könnte ! Graue , graue Tage sind vorübergeschlichen , vorübergekrochen ; ein kleines Geschöpf hat sich meiner erbarmt , ein Mäuschen , und nun bin ich nicht mehr allein . Ich kann eigentlich diese kleinen Tiere nicht leiden , aber in der Wüste hören die feinen Unterschiede auf , ist das kleine Ding doch ein lebendig Wesen , das unabhängig von mir seine Bewegungen macht , und durch diese Selbständigkeit in meine Öde und Leere Abwechselung , ich möchte sagten objektive Abwechselung bringt . Wenn ich so ruhig auf meinem Schmerzenslager liege , dann wagt sie sich immer weiter vor , um die kleinen Brotkrumen zu suchen , die ich zerstreut habe . Fehlen diese , so knubbert sie an meinen Stiefeln , als wüßte sie , daß ich keine Stiefeln mehr brauche ; gläsern ist das kleine Auge , aber die Bewegungen des Körperchens deuten auf Wohlbefinden und Behaglichkeit - soll ich das Tier beneiden ? Pfui , wie schwach ! Wer aus dem Kreise seiner Existenz heraus will , hat seine Existenz schon verloren . Aber ein Sperling setzt sich zuweilen auf die Spitze des Blechkastens , er gewährt keine Unterhaltung , da er nicht lange bleibt , aber er gewährt mir Freude und bringt mir die Märchenwelt . In diese hüll ' ich mich wie in weiche endlose Gewänder , mit denen man auch Augen und Ohren verschließt , um in eine ganz fremde Welt zu sinken ; Traum und Glaube sind so gefällige Träger , wenn unser Geist keine Hilfe hat , ich reite sanft auf dem Rücken des Vogels Rok , hoch über die südlichen Wüsten , Gebirge und Wasser dahin , nachts zwischen den Sternen umher , bald links grüßend , bald rechts . Auf den Sternen nämlich wohnen verteilt alle die Menschen , die mir jemals wert gewesen sind , sie reichen mir die Hand beim Vorüberfliegen , und wünschen mir glückliche Reise - ach , es wäre dem Herrgott doch eine Kleinigkeit , was im Märchen möglich ist , in Wahrheit möglich zu machen , und wie neu und interessant wäre die Welt , was gäb ' s für Kombinationen , und die Dichter herrschten , denn die Phantasie herrschte . Vielleicht ist die nächste Zukunft die Märchenzukunft . Wenn ich jetzt stürbe , müßt ' ich sie finden . Dann ist kein Gefängnis mehr möglich , als Fliege , als Sperling flög ' ich davon . Wo bin ich ? So wechselt ' s im Menschenherzen , und das stete Erwachen in diesem schmutzigen Loche ist so unnennbar schmerzhaft ! Manchmal , wenn mich ein fester Schlaf und Traum beglückt , wache ich rüstig auf , und erkenne dann mit Entsetzen wieder , wo ich bin - Traum und Märchen , sie könnten vor Blasiertheit und vor Kerker retten , kommt , kommt ! Steigt herunter auf goldenen Wolken ! Es laufen Gedanken in mir herum , Darunter auch jenes Wort , Der Welten tiefes Mysterium , Hasch ' ich , so fliegt es fort ! Ich lausch ' oft ganze Stunden lang , Ob es ein Geist mir nennt , Ich höre nur verworrnen Klang : » All Wissen hat bald ein End ' ! « Und sprech ' ich laut , was ich empfand , Was mir durchs Herze zieht , So wird daraus solch bunter Tand , Ein klein armselig Lied . Unglaubliches ist geschehen , und die Veränderung ist groß ; von den alten , längst gelesenen Büchern , die ich im ersten Gefängnisse hatte , sind mir einige verabreicht worden . Für Lektüre helfen sie nun zwar nichts , aber ich schreibe jetzt alle weißen Plätzchen voll , welche die Ränder des Gedruckten bilden , und die Titel- und Schlußblätter bieten hoffnungsreichen Raum . Die Freude war groß , und es ereignete sich noch Größeres . Als ich heut morgen noch im Bette lag , um den Vormittag kürzer zu machen , höre ich hinter der Wand neben mir Geräusch und Stimmen . Ich unterscheide , daß ein Gefangener neben mir eingebracht wird , ich sehe die Hoffnung deutlich zu mir herantreten , daß eine Verbindung , vielleicht gar ein Gespräch möglich zu machen ist , der Verkehr mit einem Menschen tritt mir nahe , ich bin außer mir . Um nichts zu übereilen , ließ ich mehrere Stunden vergehen . Alles ist still und tot wie sonst , ich klopfe leise an die Wand , und erschrecke selbst vor diesem signalartigen Geräusche - alles bleibt still ; ich fasse mir ein Herz , und da die Wache auf dem Korridor gerade abwärts schreitet , klopfe ich stärker - alles bleibt still , leise , ganz leise , wie aus weiter Ferne hör ' ich Erwiderung des Klopfens . Vorsichtig , langsam gesteigert setzen wir die Versuche fort , bis wir den Winkel , in welchem mein Bett steht , als den leichtest schallenden aufgefunden . Ich wage es sogar , die heiser gewordene Stimme da hineinzuschicken , aber die Wache verhindert große Höhe und Stärke , wir müssen oft lange still sein , aber in den Bemühungen hab ' ich allen Jammer vergessen , mein Kerker hat einen belebten Winkel , alles andere existiert im Augenblicke nicht mehr für mich , es ist gegen Abend , ich habe den Tag gewonnen , und ich weiß bereits den Namen meines Nachbars , und daß er schon drei Monate sitzt ; mehr freilich war noch nicht zu verstehen , und ich weiß nicht , wieviel ihm von meiner Mitteilung deutlich geworden ist , aber ich bin selig , und wenn wir nicht mehr haben können als das Klopfen , es verbürgt doch eine Menschennähe , die Todeseinsamkeit ist vorüber . Es hat lange an Papierlappen gefehlt , dafür hat sich mit meinem Nachbar eine Unterhaltung eingerichtet , wobei zwar manches Wort verloren geht , die aber doch Anknüpfung an ein wirkliches Leben ist . Gott , was ist ' s für Trost um eine Menschenstimme , um ein Gespräch nach solchem Grabesschweigen ! Wer nie gefangen saß , der weiß es nicht zu schätzen , was Menschennähe sagen will . Ich liege jetzt den größten Teil des Tages auf meinem Bett , das Gesicht nach unten kehrend , weil ich in dieser Stellung , so unbequem sie auf die Länge ist , meinen Nachbar am besten verstehen kann . Der Glückliche hat drei Bücher , den Faust , Dr. Katzenbergers Badereise und die Gerichtsordnung seiner Heimat ; er hat die Sachen schon fünfmal durchgelesen , und beginnt jetzt den sechsten Kursus , aber es ist doch ein Anhalt an gegebene Dinge , und der ist von so großem Werte , wie es jener Punkt war , den Archimedes außerhalb der Erde und seiner Umgebung suchte , um den Erdball in eine andere Bewegung zu setzen . Er liest mir vor , und obwohl die Wand manches verschlingt , und in je zwei Minuten eine Pause eintreten muß , wenn die Wache vorüberschreitet , so genieß ' ich doch manches davon . Freilich müssen wir sehr aufpassen , daß nicht einer der Wärter oder Aufseher nahen kann , ohne daß wir ' s bemerken , denn sonst hat unsere Herrlichkeit schnell ein Ende . Wir sind aber schon so eingeübt , wie ein paar Wilde , die durch die stillen Urwälder flüchten und auf große Entfernung hin den Tritt eines Hirsches oder Panthers , einer Rothaut oder eines Weißen unterscheiden . Wir haben auch ihren Signalruf angenommen , und wer von uns zuerst etwas nahen hört , oder die Möglichkeit einer Gefahr wittert , der ruft » Hugh ! « und der andere schweigt sogleich . Beneide mich um die Romantik , welche in meine Öde gekommen ist , aber stähle mir auch die Nerven dafür . Kannst Du ein Bett zurechtmachen ? Unterrichte Dich ja beim nächsten Kammermädchen , es sollte mich sehr wundern , wenn Du , ein wirklich egoistischer Feind des Menschenvereins , dem Gefängnisse entgingest , und dort ist solche Kenntnis nötig . Anfangs kam ich mir wie ein zu Weibern des Harems erniedrigter Bettelsardanapal vor , wenn ich abends vor dem zerwühlten Lager stand und meine eigenen Hände gebrauchen sollte - das gibt sich mit der Zeit ; zwischen diesen vier traurigen Wänden schwindet alle Illusion und gemachte Ehre , das Notwendige verhöhnt und drängt so lange das Herkömmliche , bis man nur noch das nächste Bedürfnis hört . Ich bin noch weiter gediehen : es wird selten und oberflächlich ausgekehrt , abgestäubt gar nicht , so was ist Luxusartikel , und der Wärter , dem dreißig Gefangene obliegen , hat dafür auch wirklich keine Zeit ; der Schmutz ist also arg , und das bleibt ein lähmender Schmerz für mich ; für Wäsche kann ich nur wenig vom schmalen Kostgelde , das der Wärter auslegt , absparen , was bleibt mir also übrig , als bisweilen mein graues Blechhandbecken herzunehmen und Taschen- oder Handtücher zu waschen ? Und der Weltverbesserer bedürfte des Unterrichts von einem alten Weibe ! Das Leben hat alle Taschen voll Ironie ! Jetzt , da wir ' s einander erzählen , mein Nachbar und ich , wird es spaßhaft : wenn ein zweiter derselben Notwendigkeit folgen muß , dann wird sie dadurch auf der Stelle legitim , und sie kann als ein gerechtfertigtes Objekt zu allem ausgebeutet werden . Soll ich Dir nun das Schlimmste gestehen : in den vierzehn Tagen hat sich unser Gespräch und unsere Bekanntschaft schon sehr abgenutzt , wir sind schon mitunter auf dem Trocknen . Er hat mehr Aussicht , einmal wieder loszukommen , als ich ; aber ihn kümmert dafür eine andere Sorge , aus der ich ihm ein Lied gemacht habe . Es singen drei Gefangene : Es zogen wohl drei Schwäne Vom Süden nach dem Nord , Sie suchten alte Freunde - Die Freunde waren fort . Es zogen wohl drei Schwäne Vom Norden nach dem Süd , Sie suchten die alten Ufer - Die waren verwüstet , verblüht . Sie hatten nicht mehr Heimat , Nicht Freunde in der Welt - Da haben an den Felsen Sie sich die Köpfe zerschellt . Und wenn wir einst befreiet , So kennt uns niemand mehr , Es bleibt uns nur zu sterben , Die Welt ist wüst und leer . Der Sommer scheidet , kalter Wind Fällt auf die Dächer nieder - Des blauen Himmels Farben sind In Grau verblichen wieder . Als ich die Welt zum letzten sah , Da war sie hell und milde , Ich weiß nicht , was seitdem geschah , Ich sah sie nur im Bilde . Ich fühl ' auch heut nur kalten Wind , Seh ' keine Blätter fallen - Wenn ferne Lieben gestorben sind , Hören wir Glocken hallen . Du wunderst Dich vielleicht , daß ich über das , worin der Mittelpunkt meines Elendes ruht , über den Staat selbst , so wenig denke und zusammenstelle ; ich wundere mich manchmal selbst darüber ; aber es ist nicht anders . Was sollt ' ich ? Einen Staat konstruieren wie Sieyès , von dem man sagt , daß er immer mehrere Exemplare des Staates in den Taschen gehabt ? Dies Definieren aus der Luft ist nicht meine Sache , und Du glaubst nicht , wie die Gedanken , zaumlos freigegeben wie die Pferde der Ukraine in den unabsehbaren Steppen , Du glaubst nicht , wie sie in der Irre müde werden . Man denkt im geschäftlichen Leben , wo des Tags kaum zwei einsame Stunden gewährt sind , viel mehr Darstellbares ; unser Inneres braucht Abwechselung , Anregung ebensogut , um zu schaffen , wie der Körper , um sich kräftig zu entwickeln . Es gibt kein abgesondertes Innere als die Schwärmerei . Und soll ich toben , daß der Staat Gefängnisse braucht ? Würden wir einen Staat erhalten ohne sie ? Mein moralisches Gefühl , das , was man innerste Ehre nennen kann , verlangt jetzt gerade von mir die größte Milde , weil ich selbst hart betroffen bin und die Rache mir etwas Unehrenhaftes dünkt . Die Gefängnisse selbst anbelangend , würde ich eine unabhängige Kommission der Humanität im Staate errichten , welche die Gefängnisse kontrollierte , und , unabhängig vom Gericht und von der Regierung , wenn auch mit Rücksicht auf den jedesmaligen speziellen Fall des Gefangenen , verfügte . Die Untersuchungsarreste sind der wunde Fleck ; sie erheischen strengste Aufsicht und sollen doch noch nicht strafen , meist sind sie aber schmerzhafter als der Strafarrest ; jedenfalls sind sie zu sehr über einen Leisten und dem mitbeteiligten Untersuchungsrichter zu sehr überlassen , der zur Erreichung seiner Zwecke seine Torturgrade dadurch in der Gewalt hat . Du siehst , das ist ein bloß Administratives und hat mit der Staatsspekulation im großen gar nichts zu schaffen , man hält sich eben immer an das Nächste , wenn man klug wird . Wäre ich das früher geworden , dann säße ich schwerlich im Loche . Alle Kenntnis und Förderung sonstiger Politik ist mir jetzt benommen , die Politik selbst also liegt tot in mir ; ich möchte auch nie einen Staat aus dem Gefängnisse erfinden . Ist die politische Fluktuation der neuen Zeit ein Übel , so ist sie ' s eben darum , weil man den Staat erfinden will , statt ihn werden zu lassen , wachsen zu machen . Soll er echt sein , muß er sich historisch entwickeln wie der Mensch , wie die Pflanze . - Es ist wieder ein großes Ereignis dagewesen : man hat mir einige von den Büchern gegeben , die ich mitgebracht habe . Freilich hab ' ich sie schon gelesen , aber es sind doch Bücher , ich werde doch überall wieder Mensch ; hinter der Wand eine halbe Gesellschaft , auf dem Tische ein gedrucktes Buch ! Welcher Fortschritt ! Schlegels Philosophie der Geschichte ist dabei , ein Buch , welches zur Demütigung der Menschen geschrieben ist - wozu hätte mir Gott den Stolz und die kühne Kraft gegeben und damit soviel des Besten verwoben , wenn ich sie nur vernichten sollte ? Ich fühl ' s , einen größeren Gott zu haben , dem mein Bewußtsein irgendwelcher Tüchtigkeit wohlgefällig ist . Auch in meiner Verlassenheit überhebe ich mich dieser kläglichen Ansicht des entmutigten Schlegel . Aber ich finde in dem Buche Beschreibungen der indischen Einsiedler und Heiligen , welche mir von großer Beschäftigung sind , weil sie auch mit der äußersten Einsamkeit zusammenfallen . Was kann der Mensch , den ein fanatischer Glaube , treibt ! Ich erschrecke davor ; wie klein sind wir , denen die skeptische Kultur jeden solchen unerschütterliches Anhalt genommen ; ein guter Fanatiker erobert ein Stück Gottheit und ein Stück Tier zugleich . Diese Leute stellen sich auf die Einsamkeit eines hohen Postamentes , mitten in die verzehrende indische Sonne hinein , strecken den Arm in die Höhe , bis er erstarrt , verwächst in dieser Richtung , sehen in die blendenden Sonnenstrahlen unverwandt , bis die Augen erblinden , und denken nur den Gottesgedanken , um ganz in die Gottheit zu versinken , was ihnen denn wohl am Ende gelingt , denn welcher Menschengeist versänke nicht am Ende dabei ! So werden sie wirklich halbe Bildsäulen , die Vögel bauen Nester auf ihnen , die Wallfahrer beten im Anschauen dieser Heiligen ! Und ich kann zehn Schritte umhergehen , kann liegen , kann sitzen , denken , was ich will : wie bequem hab ' ich ' s neben dieser Menschenart , und doch sind ' s auch Menschen . Ich stelle mich jetzt manchmal eine Zeitlang unter meine Fensterblende , sehe in den Himmelsstreifen , strecke den Arm aus , denke einen Gedanken , bis ich wirblig werde und erschöpft zusammensinke . Dann empfinde ich , daß mein Los noch beneidenswert ! Welch ein kalter Strom hat sich wieder an meine Einsamkeit hergewälzt ! Ich habe kaum Fassung , Dir zu schildern . Gestern kam der entschlossene , klirrende Schritt des Ordonnanzsoldaten neben unserem Wächter den Korridor entlang , und über jeden von uns legte sich das atemlose Beben , daß der Schritt vor seiner Zelle halten , seinen Namen rufen werde - das ist so schreckhaft ! Denke Dir , wie sehr unsere Nerven schon zerstört sind : das Verhör allein kann uns fördern , den traurigen Zustand ändern , wenn nicht in einen besseren verwandeln , denn im schlimmsten Falle ist Strafgefängnis eine Erholung gegen den Untersuchungsarrest - und doch fürchten wir alle das Verhör , wenigstens die Ankündigung desselben , das Klopfen , den Namensruf , das hastige Ankleiden , den Gang durch die dunklen Korridore . Wenn man den Tritt der Ordonnanz hört , da wünscht man stets , er möge vorübergehen , man denkt an den Henker , welcher ein Todesurteil bringt , und bebt . Nur Ungestörtheit , unbeachtetes Zusammenkauern in den traurigen Kerkerschmutz wünscht die furchtsame Seele - so wird die Furcht in Körper und Seele gebracht , wie man den Mut hineinbringen kann ; ich habe jetzt eine deutliche Vorstellung von den Blödsinnigen , welche in den Winkel kriechen , sobald sich ihnen irgend etwas naht . Du glaubst nicht , wie sehr man , wie krampfhaft man die Erinnerung an einen stolzen Menschen , der man einst war , zusammenhalten , in sich hinein klammern muß , um nicht der kläglichste Wicht zu werden ! Der Sporenschritt des Ordonnanzsoldaten hielt still vor meiner Türe , mein Atem stockte und jagte ; es ward geklopft , mein Name ward gerufen - wir schritten durch den Korridor . Die Ordonnanz ist ein bärtiger , freundlicher Mann , er sagte , ich sei sehr blaß geworden , und mein Bart sei lang , sehr lang - er hat mich seit mehreren Monaten nicht ins Verhör geholt . An der Tür flüsterte er mir zu : » Ich bringe Sie heut vor einen andern Richter . « Neuer Schreck . - Wer ist ' s ? - » ' s ist der Herr Oberrichter ! « An der langen grünen Tafel saß er , schwarz gekleidet , mit dem Rücken nach der Tür , durch welche ich eintrat , neben ihm der Protokollführer , sonst war niemand in dem großen Zimmer , es war ganz still ; ohne umzublicken wies er mit der Hand auf einen Sessel ; ich ging dahin , sah den Oberrichter und stand wie vom Schlage getroffen - es war Konstantin ! Er sah mich nur zuweilen mit halbem Blicke an , und inquirierte vortrefflich : als einstiger Jakobiner kennt er alle Gedankengänge , Pläne und Zustände sehr gut ; es war ein interessantes Verhör ! Der Stil , die Ausdrücke , die Wendungen , welche wir früher gemeinschaftlich aufgesucht , geübt , wurden jetzt gegen mich benützt ! Beim letzten Worte schellte er , und eh ' ich noch meinen Namen unterzeichnet hatte , war die Ordonnanz wieder im Gemache , und ich ward abgeführt . - Wir haben sonst nicht ein Wort miteinander gesprochen . Aber alle Leidenschaft und mit ihr alle Stärke war mit diesem Eindrucke wieder in mich eingekehrt : heute hört ' ich mit Begierde den Tritt der Ordonnanz , das Klopfen an meiner Tür , den Namensruf - o Zorn , du machst noch straffer und tüchtiger als die Liebe , darum sind die feindlichen Taten meisthin soviel gewaltiger . Heute empfing er mich in einem Vorderzimmer , das auf einen offenen Teil der Stadt sieht ; das Licht blendete mich , in der Ferne erblickte ich harmlos , freigehende Menschen , die Wintersonne in allem Glanze schien mir entgegen , ich hätte niedersinken mögen , bestürmt von dem plötzlichen Eindrucke , oder durch die Fensterscheibe springen im trunkenen Drange nach Freiheit . Er war allein und ging im Zimmer umher . Folgendes war seine Rede : » Es spricht heute nicht der Richter zu Ihnen , sondern der Jugendbekannte . Ich kenne Ihren Gedankengang und weiß , daß Sie sich in einem gewissen Stolze meiner überheben , da Sie der Unterdrückte vor mir stehen , welcher ich eben Gewalt und Macht über Sie habe ; daß Sie den Anfängen meiner Lebensgeschichte nach , die ich mit Ihnen gemeinschaftlich erlebt habe , glauben , diese meine jetzige Stellung könnte mit einer Unwürdigkeit meines sittlichen Menschen zusammenhängen , weil sie mit dem Beginn meiner damaligen Lebensansichten auf den ersten Anblick nicht harmoniert . Um einer solchen Folgerung zu widersprechen , welche Ihrem inneren Schicksale eine falsche Richtung geben und mich in eine falsche Position bringen könnte , will ich Ihnen mit zwei Worten meine Lebensentwicklung mitteilen . Warum ich dies auf so förmliche Weise und nicht im wiederangeschlagenen Tone unserer früher kordialen Bekanntschaft beginne , wird Ihnen erklärlich sein , wenn Sie bemerken , daß ich eben Persönliches aller Art der Form unterordne , wenn es sein muß , gewaltsam und schonungslos unterordne , daß ich eben in der Ansicht zu meinem jetzigen Punkte gekommen bin , die Form sei alles , sei die eigentliche Bildung , der losgelassene , seiner ganzen Innerlichkeit freigegebene Mensch sei ein ewiger Feind des Zusammenlebens . Als Jakobiner , als Vergötterer aller Revolution kam ich nach Paris und erkannte langsam , aber sicher , daß die Gesellschaft darin zugrunde gehen müsse , wenn jeder Regung des unbändigen Menschen Folge gegeben werde . Der erfindende Mensch , das Genie , ist wild und grausam , es entspricht dem reißenden Tiere , bei welchem sich ebenfalls die größte Potenz der Tierwelt , vorfindet , welches nur zum Nachteile seiner Umgebung lebt und überall auf den Tod verfolgt werden muß . Dagegen ist die Schranke erfunden , welche man Form nennt , und je eiserner diese ist , desto besser wirkt sie . Am äußersten Endpunkte der Revolution wird nichts gewonnen als ein anderer Herr , ein anderer Diener ; wenn ' s hoch kommt , ein gelinderes Verhältnis zwischen diesen . Ein Verhältnis also wieder , eine Form wieder , die just durch ihre Entstehung bedroht ist . Hat man früher die Heiligkeit der Form zerreißen dürfen , warum nicht später auch ? So wird die Auflösung geboren , und just der Wildheit ist das Tor geöffnet , weil sie im Erfinden am mächtigsten ist . Und halten Sie das gelindere Verhältnis für einen Gewinn ? Es führt zu nichts als zur Überhebung des Niedrigeren : weil er seltener und weniger zu gehorchen , Leichteres zu leisten habe , ist ihm jede Lösung und Nichtbeachtung um so näher gelegt . Erwarten Sie von der Masse die seine Sonderung des Erlaubten , weil Sie sein Verhältnis seiner gemacht ? Dann müßte die Roheit von der Erde weichen , und doch ist sie ein Urelement derselben . Dieses Hinaufexperimentieren bringt entweder immerwährenden Wechsel , da jeder Mensch einen Schritt weiter verlangt , als er gestellt ist , oder es bringt die Blasiertheit . Warum ? Die ganze Welt ist in großen Unterschieden begründet , sie sind erforderlich , damit wir einen Drang , ein Interesse haben ; wenn diese aufhören , dann beginnt die Öde . Dies war mein Los in Paris , und es ist das , was ich mein Lebtag nicht mehr verwinden werde ; denn mein Verstand hat sich zwar einen anderen Kreis , eine andere Existenz geschaffen , die in Schluß und Notwendigkeit fest begrenzt ist , aber mein Herz stammt aus der Geburt einer anderen Welt , weil meine Jugend revolutionär war , mein Herz ist verarmt , und wird nur durch künstliche Mittel aufrecht erhalten . Die Revolution hat mein Leben verschlungen ; mein Automatenschatten , der ißt und trinkt , küßt und spricht , lauft allein noch weiter - mißverstehen Sie mich nicht : mein Herz hängt nicht etwa noch an der Revolution , o nein , ach ich beneide jeden Schwärmer , für ein schwunghaftes Leben ist sie unbezahlbar , die Schwärmerei , sie richte sich , auf was sie wolle . In den unnatürlichen Gegensätzen aber , wohinein ich geriet , ist alles drängende Leben in mir getötet worden ; wenn ich phantasierte , so täte ich ' s in einem künstlichen Wahnsinn , dem ich mich selbst bewußtvoll in die Arme stürzte , und der sich meiner dann bemächtigte , stärker werdend als ich selbst . An Dämonen möchte ich mich schließen , um von einer stärkeren Macht geschwungen zu sein , aber mein kaltes Herz isoliert mich auch von diesen . So verödet gewann ich Julia , das schöne Mädchen , weil sie Gesetz und Maß in mir fand , was sich beides damals in seiner Geburt um so stärker herausdrängte , weil sie einen Schutz suchte vor der Wildheit Hippolyts . Sie ward meine Frau und hat nie jemand anders geliebt , als ihn , den tobenden Hippolytos ; das reizende Geschöpf war in die Form hinein verzogen , sie hatte das umgekehrte Unglück : ihre natürlichen starken Kräfte waren von Hause aus zusammengeschnürt und erstickt worden , sie hatte keinen Mut mehr zur dreisten . Kraft und Freude , an denen ein Teil zur wirklich elastischen Existenz nötig ist , sie konnte sich nur noch freuen , wo die Freude jedem anständigen Weibe erlaubt ist , und verlor so jede eigene persönliche Lust . Sie und Hippolyt hätten sich vielleicht ergänzt und ein gelungenes Paar gebildet ; mit mir , dem gegen seine Anlagen formell Gewordenen mußte sie versteinern , mich mußte sie versteinern , da dasjenige , was sie in meine Arme führte , der Mord meines eigentlichen Lebens , der Mord ihres Lebens war . Ob ich sie geliebt ? Später erst habe ich eingesehen , daß ich von da an , wo der große Lebenswechsel in mir eintrat , wo ich mein Herz auf Kosten der Bildung erwürgte , gar nicht mehr lieben konnte . Wir stellten uns so , weil es für solches Verhältnis in der Form ist , zärtlich zu sein , und weil die Sinne da noch zu Hilfe kommen ; glücklicherweise wußten wir nichts von dieser Verstellung , das war unser einziges Glück , das uns je geblüht hat . Wir haben Kinder gezeugt und ein Haus gemacht und gelten für ein musterhaftes Paar - gegen die Welt haben wir in alle Wege recht , und dies ist das Opfer und der einzige Trost , an dem ich wie an einer Drahtschnur weitergehe ; gegen uns selbst haben wir unrecht , und die Welt mit ihrer schwer zu fügenden Ordnung trägt die Schuld . Sie sehen , ich bin so sehr ein Opfer , wie Sie , ich habe mir ein größeres , ebenso trauriges Gefängnis bereitet , aber mit mir gedeiht der Staat , mit Ihnen verdirbt er . Könnte man mir diesen Glauben nehmen , so gäbe man mir den Tod . Das Gefängnis , groß und klein , ist für die Menschenerfindung , den Staat notwendig . Das Nächste , was mir zu entgegnen , wäre vielleicht dies : Sie haben Ihren Wechsel in Staatsansichten gewaltsam übereilt , Sie haben mit einem Male den geistigen Blutumlauf Ihres Herzens gewendet und dadurch den Keim des Todes in Ihr Herz gelegt . Wohl , es interessiert mich in meiner Blasiertheit einen Augenblick zu wissen , ob es bloß die Manier gewesen ist , die mich gestört hat ; ich habe zu dem Ende Ihre Verhaftung bewirkt , und diese in die strengsten Grenzen eingedrängt , jetzt will ich sehen , was aus Ihren Meinungen geworden ist . In unserm damaligen Umgange lag der Fruchtknoten meines Lebens , der jetzt verdorrt ist ; den kleinen Reiz , dessen ich noch fähig bin , gewährt mir von meinem ganzen Leben nur das Verhältnis zu jener Zeit . Sagen Sie mir , auf was für einem Standpunkte der Meinung sind Sie jetzt ? « Gott weiß , was ich ihm in meiner Entrüstung gesagt habe . Am ärgsten betroffen schien er von meiner Versicherung zu sein , daß ich kein eigentlicher Revolutionär mehr gewesen sei , als ich das Gefängnis betreten , daß ich niemals in eine Verzweiflung meiner Ansichten geraten , daß ich auch jetzt darin besonnen und ruhig sei . Ich habe ihn lange und habe ihn totenbleich gesprochen ; als wir schieden , war es dunkel . Von dem wenigen , was er erwiderte , erinnere ich mich nur der öfters wiederkehrenden Worte : » Befreien kann ich Dich jetzt selbst nicht mehr , es ist ein eingeleitet Verfahren . « Ermiß , welchen Sturm ich danach mehrere Tage lang in meinem engen Käfig durchgelebt habe . Wohin gerät der Mensch , wenn er das Heil nur immer in den äußersten Gegensätzen sucht ! Der Mangel an Papier hat alle Folgerung jener Szene , die reichlich in mir gärte , aufgehoben ; jetzt bewegen mich schon wieder ganz andere Dinge . Es ist mir eine Freistunde , freilich nur einen Tag um den andern bewilligt worden ; o , das war ein Ereignis ! Ich wurde in einen kleinen Hof geführt , der mit hohen Mauern umgeben ist , ein Aufseher schlug mir Feuer für die Pfeife . Wie habe ich den Mann beneidet um sein großes Stück Schwamm , von welchem er mir ein kleines Endchen anbrannte ! Der Instinkt ließ mich alsbald ein klein , ganz klein Stückchen abreißen , um es für meinen dunklen Kerker zu sparen . Noch eine Wache ist außer dem Aufseher bei uns ; an der andern Seite des Hofes geht ein zweiter Gefangener hin und her , er ist bärtig und bleich wie ich , aber er bläst aus seinem Stummel anscheinend besten Mutes Rauch in die Lüfte . Niemand darf ein Wort sprechen . Die Luft war dick und düster , es regnete und schneite ; meine Gesellschafterin , die Maus , hat wirklich ein Loch in