der Satan und die » Hen « . Einige niedrige Wesen bemühten sich , die Leiche der » Shen « auf die Seite zu schleppen . Zwischen den Trümmern des Tores stürzten sie hervor , die Unglücklichen , die weder sahen noch hörten , sondern nur den einen Gedanken hatten , sich in Sicherheit zu bringen . Sie quollen in eng zusammengedrängter Masse heraus , mit verzerrten Gesichtern , heulend und schreiend , sich stoßend , drängend und treibend . In ihrer blinden Angst bemerkten sie die drei am dunklen Felsen Stehenden nicht , denen sie den Verlust des Paradieses verdankten . Nur vorwärts , vorwärts strebten sie , obgleich infolge dieser fürchterlichen Panik Viele in den Abgrund stürzten , der auf der andern Seite gähnte . Da gab es Europäer , Amerikaner und Asiaten , weiße , schwarze , rote und gelbe Menschen , Kaukasier , Mongolen , Indianer , Neger und alle Arten von Mischlingen . Sie alle waren im Paradiese gewesen , und sie alle wurden nun aus demselben vertrieben , weil sie nicht der himmlischen » Shen « , sondern dem von der » Hen « verführten Menschengeiste gehorcht hatten . Ihre Scharen füllten die Wege und breiteten sich nach allen Seiten über das öde , wüste Land , weiter , nur immer weiter , bis sie ganz draußen , da , wo die Hinterwand abschloß , in der dort beinahe undurchsichtbar gewordenen Luft verschwanden . Denn die Atmosphäre war diejenige eines Unwetters , eines Erdbebens , einer ganz unbeschreiblichen Katastrophe . Da , wo ganz vorn , hinter den Bäumen und Sträuchern der Pflanzengruppe , das Paradies zu vermuten gewesen war , schien Alles in hellen , verzehrenden Flammen zu stehen . Die glühende Hitze schleuderte die zersprengten , schieferigen Reste des Gesteines hoch in den Lüften herum . Schwefelgelb , von orangenen Blitzen durchschossen , schlug die Lohe heraus und warf über die Gruppe am Felsen und die verzerrten Gesichter der Fliehenden ein , ich möchte sagen , alle Hoffnung verzehrendes Licht . Dieses Gelb verwandelte sich in immer tiefer werdendes , diabolisches Rot , welches sich schließlich zu einem häßlich schmutzigen Violett verdichtete , in dem weder Mensch noch sonst etwas mehr zu unterscheiden war . Bis hierher durfte ich mich in der Beschreibung dieses Bildes wagen , weiter aber nicht ; die Gründe habe ich bereits angegeben . Auch über die Wirkung will ich nur das Eine sagen , daß es mir unmöglich ist , sie in Worte zu fassen . Ich hatte unter dem gewaltigen Eindruck dieses Meisterwerkes ein innerlich bohrendes , verzehrendes Gefühl , eine Empfindung , als ob ich selbst auch als einer dieser Unglücklichen dazu verdammt worden sei , die Erde nun für die Hölle und die Menschen für Teufel zu halten . Ich war so ergriffen und innerlich so tief gepackt , daß ich erst nach und nach die Akkorde beobachtete , welche , als ob sie hierzu gehörten und von den Bildern unzertrennlich seien , durch den Saal erklangen . Oder hatten grad sie mit dazu beigetragen , das , was ich sah , zu erfassen und zu vertiefen ? Da wurde dieser eine Vorhang wieder vorgezogen , und der andere bewegte sich von seiner Stelle . Gleich der erste Blick zeigte mir , daß ich mich in ganz genau derselben Gegend befand , in späterer , später , vielleicht gar zukünftiger Zeit . Ein herrliches , reines , orientalisch heiliges Sonnenlicht fiel auf das Land des alten Erdenfluches . Kann man an Luft und Licht erkennen , daß heut nicht Werktag , sondern Sonntag sei ? Gewiß , wenn der Maler wirklich ein Künstler ist ! Es war hier Feiertag , am Tag des Herrn , in Gottes Morgenfrühe ! Und durch das Land der Hölle kamen sie gezogen , die jetzt nun wirklich Menschen waren , in allen Rassen , allen Farben und jeder Tracht , die es auf Erden gibt . Erst einzeln , langsam , zagend , mit bangen Fragen im Gesicht . Dann zu zweien , dreien , ferner mehr und immer mehr , einander rufend , winkend , zujubelnd . Hierauf weiter mehr und mehr , in Gruppen , in Haufen , endlich gar in Scharen . Der Horizont ist dunkel von Unzähligen , die zu entfernt sind , als daß sie sehen könnten , was am Tor des Paradieses geschieht . Aber sie hören , und sie glauben , und der Glaube ist der Weg zur Seligkeit . Und Allen voran , an der Spitze der noch Zagenden , geht er , der Menschengeist . Wie bescheiden - - wie demütig - - wie gering und arm ! Ein Bettler - - doch wohl wissend , daß seine Bitte nicht vergeblich sein , daß sein Gebet Erhörung finden werde . Er schaut zwar still und unterwürfig drein , jedoch auch hoffnungsvoll , fast scheint es , zuversichtlich ! Denn gar nicht weit von ihm steht Gottes Pforte offen , das Tor des Paradieses , das neu erstanden ist , und hinter seinen aufgeschlagenen Flügeln erscheinen die Gestalten heiliger Wächter , die er , der Vater , dem einst verlorenen , nun aber zurückkehrenden Sohne entgegensandte , ihm seine Tür zu öffnen . Und grad vor dieser Tür , und grad in diesem Augenblick geschah , was jene alte Sage schon seit Jahrtausenden der Welt versprochen hatte : Da stand der Satan , und da stand die » Hen « . Sie hielten sich gefaßt und deckten mit ihren Gestalten den schwarzen Felsen und das Grab , in welches damals » Shen « , die Himmlische , verborgen worden war . Was stand da wohl auf ihren Gesichtern geschrieben ? Haß und doch Anbetung , das ganze Entsetzen der letzten , höchsten Angst und dennoch aber die Freude , daß endlich , endlich nun Alles vorüber sei , daß Hölle und Teufel auf ewig verschwinden müsse und die Menschheit nun nicht mehr belogen und betrogen werden könne ! Denn es war Einer sogar dem Menschengeiste vorangeschritten , den Weg zur Seligkeit herauf , und hier bei ihnen stehen geblieben . Der Einzig-Eine , dem niemals Jemand widerstehen konnte und widerstehen wird . Er trug das arme , dürftige Gewand der Nazarener , aber auch die vier Nägelmale , von denen kein Teufel hören kann , ohne zu zittern ! Als er die beiden stehen sah , hob er gebieterisch die Rechte gegen sie und deutete mit der Linken nach dem Abgrund , der damals so viele Unglückliche verschlungen hatte . » Fort mit Euch von hier ! « gebot er ihnen . » Ich bin der Geist ; sie aber ist die Seele ; gebt Raum für sie : für meine Nächstenliebe ! « Da geschah , wie damals , ein Blitz und hierauf ein Donnerschlag , so daß die Erde bebte . Der Satan flog mit seiner » Hen « dem Abgrund zu und verschwand in dessen Tiefe ; der Felsen aber warf die Steine des Grabes aus , und dann trat sie hervor , die Himmlische , zu dem Erlöser hin , nach dessen Geist die Seele ewig strebt . Der schlug den Arm um sie , wendete sich mit ihr zurück zu denen , die da kamen , winkte ihnen , ihm und ihr zu folgen , und schritt sodann dem offenen Tore zu ! Ich saß noch lange , wie festgebannt , unter dem Eindrucke des Ganzen . Dann stand ich auf und ging das Gemälde ab , um die Schönheiten auch im Einzelnen zu genießen . Die Saiten des Si-Yangtschin hörten jetzt auf , zu klingen , und als ich die hintere , schmale Wand erreichte und dort nach Yin suchte , um mich bei ihr zu bedanken , war sie fort . Es führte da eine Tür hinaus , durch welche sie gegangen war . Zwischen den Pflanzen aber stand das Instrument , mit dem sie sich für mich beschäftigt hatte . Dann ging ich wieder nach vorn . Der Pfarrer war nicht mehr da . Doch als ich hinauskam , saß er auf seiner Bank , um auf mich zu warten . Er ging erst noch einmal hinein , um nun auch den zweiten Vorhang niederzulassen , und dann führte er mich durch das Castle nach der Straße hinaus , auf welcher wir in kurzer Zeit das höchste Gebäude der Besitzung , die Kapelle , erreichten . Unter ihr lag , wie schon einmal erwähnt , das Atelier . Wir gingen vorüber . Das war , wie der Geistliche sagte , ein Heiligtum , in welchem meist nur geistig Hohes geboren wurde . Darum äußerten selbst bevorzugte Personen niemals den Wunsch , es zu betreten . Yins eigene Aufforderung war der einzige Schlüssel , es für Andere zu öffnen . Als er mir » seine « Kapelle , wie er sie in rührendem Stolze nannte , gezeigt hatte , setzten wir uns unter eine der Riesentannen , von denen sie flankiert wurde , und hielten ein Gespräch , im Verlaufe dessen er mich einen tiefen Blick in sein reiches Herz und in sein armes Leben werfen ließ . Der Arme war erst dann reich geworden , als die Reichen ihn verwarfen . Jetzt aber galt für ihn das Ideal erreicht , welches ihm von dem Berufe , den Pflichten und den Erfolgen eines christlichen Seelsorgers vorgeschwebt hatte . Er sagte hierüber : » Nun befinde ich mich endlich , endlich , endlich in dem gelobten Lande . Ich bin in Jebus-Salem , der Stadt des Friedens , angekommen und kann hinüberschauen nach Bethlehem , wo er , der Einzig-Eine , den Ihr vorhin im Bilde sahet , genau so für die Armen geboren wurde wie jetzt und hier in dem Lande der verachteten Mongolen . Dort , in Kanaan , wurde sein Erscheinen Jahrhunderte vorher von den Propheten kundgetan ; hier aber hat das stille und doch so große Werk der Shen ihm alle Herzen vorbereitet . Wer nicht an die Propheten glaubt , wird nimmermehr den Heiland sehen können . Und wer sich gegen die Shen vergeht , dem großen Menschheitsbund der Bruderliebe , der wird den gelben Mann niemals zum Christen machen . Das versichere ich Euch bei meinem Priesterwort ! « Er stand auf , ging einige Male hin und her und blieb dann stehen , um hinüberzuschauen , wo am dunkeln Rande des Waldes , an den vom Luftzuge bewegten Zweigen , goldene Sonnenfunken spielten . In seinen Augen schimmerte etwas Aehnliches ; es glänzte über sein Gesicht , und es verlieh seinem langen , weißen Haar einen rötlich silbernen Hauch . » Als ich in dieses Land berufen worden war , « fuhr er fort , » kam ich hier an , als man sich anschickte , den Grundstein zur Kapelle da zu legen . Ich wurde gebeten , mich mit einer kurzen Rede hieran zu beteiligen , und bereitete mich also rasch auf diese vor . Aber als ich kam und die beiden Tafeln sah , welche Sir John und Fu gewidmet hatten , damit sie unter den Grundstein versenkt würden , da verzichtete ich auf alle diese erst aufgeschriebenen und dann einstudierten Sätze und ließ nur ganz allein die Stimme meines Herzens sprechen . Es waren zwei kleine , nur vierzeilige Strophen , die ich auf diesen Tafeln las . Sir John hatte ein altes , christliches Gebetlein meißeln lassen , Fu aber eine eigene Antwort dazu . Ihr wißt wohl , daß er sich im Besitze der höchsten literarischen Ehren befindet und also gar wohl zu dichten versteht . Auf der ersten Tafel stand : Christi Blut und Gerechtigkeit Ist mein Schmuck und Ehrenkleid ; Damit will ich bei Gott bestehn , Wenn ich in den Himmel werd ' eingehn . Amen ! Die zweite Tafel war chinesisch ; aber man sollte es in alle Sprachen übersetzen , obgleich es Vielen , Vielen nicht gefallen würde . Es lautete : Werft von Euch fort den falschen Heil ' genschein , Und borgt nicht mehr auf des Erlösers Namen . Laßt uns vor allen Dingen Menschen sein , Damit wir Christen werden können . Amen ! Fu hat da nicht etwa allein für sich gesprochen , sondern im Namen seines ungeheuer großen Landes , im Namen der ganzen mongolischen Rasse , wahrscheinlich auch im Namen Aller , die nicht Kaukasier sind , und endlich ganz gewiß im Namen aller Derer , die Christi Gebot noch nicht vergessen haben , daß wir unsern Nächsten lieben sollen wie uns selbst ! Alle diese Leute werden das Christentum nicht etwa nur auf sein Verhalten zu Gott hin prüfen , sondern vor allen Dingen dahin , ob es Den , dem es angeboten wird , in seinen angeborenen Menschenrechten schütze und ihn vor innerer und äußerer Vergewaltigung bewahre . Durch diese zweite Tafel wurde ich sofort nach meinem Eintreffen hier in die Anschauung dieses ganzen Reiches und seines Volkes eingeweiht . Wer anders schreibt und anders spricht , der kennt die Chinesen nicht , selbst wenn er Jahrzehnte lang bei ihnen gelebt hat . Die Volksseele offenbart sich nicht Jedermann , aber wenn sie es tut , dann ganz , mit einem Male ! « Als er jetzt wieder schwieg und hinüberschaute nach dem Sonnenspiel am Waldesrande , da schien er mir dem malajischen Priester so genau zu gleichen , als ob sie beide Brüder seien , die Söhne einer und derselben Mutter . Welche Mutter wäre da wohl gemeint ? Er trat ganz an den Abhang , hob den Arm gegen Westen und sprach , als ob er da hinauszureden habe zu vielen , vielen Leuten in der Ferne : » Ich wiederhole es , das ernste , schwere Warnungswort : Werft von Euch fort den falschen Heil ' genschein , und borgt nicht mehr auf des Erlösers Namen . Laßt uns vor allen Dingen Menschen sein , damit wir Christen werden können . Amen ! Das liegt hier eingemauert unter der Kapelle . Das ist hier in China der einzige , der allereinzige Boden , auf dem Ihr Eure christliche Kirche errichten könnt . Das sollte in riesengroßer , meilenweit zu lesender Schrift über allen Meerengen stehen , durch welche Ihr zu segeln und zu dampfen habt , wenn Ihr vom Westen nach dem Osten kommt , um Eure Seligkeit hier auszubreiten ! Nur Menschen können Christen werden . Wer trotz aller seiner äußeren Kultur im Innern doch noch Anthro-Bestie ist , der bleibe ja daheim , denn es würde ihm ergehen , wie es morgen den Fan-Fan ergehen wird : Er macht sich lächerlich ; er blamiert und schädigt seine eigene Rasse , sein eigenes Vaterland und seine eigene Religion , das herrliche , das ewig unvergleichliche Christentum ! « Nun wendete er sich mir und der Kapelle wieder zu und sagte unter einem so rührend glücklichen Lächeln : » Wie habe ich dies mein kleines Bethaus lieb , so lieb ! Es ist die Pforte zu meinem großen , großen , unsichtbaren Gotteshaus , dessen Dach sich wölbt , so weit mein altes Auge reicht , und dessen Säulen ragen allüberall , wo ich ein Herz gezeigt und dafür mir ein anderes gewonnen habe . Hier begann ich , über die Gottmenschheit Christi eigentlich erst richtig nachzudenken . Er kam zu uns und ging , um uns ein Beispiel dazulassen . Wir sollen sein wie er , an Liebe , Demut und Erbarmen reich , und stark , wie er es war , an Wundertaten . Genau dieselben Wunder , die er als Gott verrichtete , sind uns ermöglicht durch die Menschlichkeit , die uns das Göttliche im Menschen zeigt und deutet . Hierbei muß ich Euch sagen : Während Ihr beim Essen saßet , war Euer Diener hier , Sejjid Omar , der Muselmann . Was für ein Mensch ist das ! An ihm ist auch ein Wunder geschehen - - - durch die Menschlichkeit ! Er gibt seinen Kuran und seinen Mohammed gewiß niemals her , aber wie er seinen Jesus , Mariens Sohn , verehrt , so weit hinauf reicht ihm sogar der Islam nicht . « » Ihr habt also bereits mit ihm gesprochen ? « fragte ich . » Jawohl . Fast eine ganze Stunde . Und ihn schnell liebgewonnen ! Er hat eine so eigene Weise , die aber überzeugt , obgleich man aufpassen muß , ihn zu verstehen . Er sprang mitten in einer Erklärung auf , die ich ihm zu geben hatte , und bat mich , still zu sein , denn es sei ihm da ein Gedanke gekommen , über den er sofort nachdenken müsse , um ihn seinem Sihdi zu sagen . Damit rannte er in großer Eile fort . « » So ist er , « nickte ich . » Die Folgen dieses seines Nachdenkens werden mir auf keinen Fall erlassen bleiben . « Indem ich dieses sagte , hatte ich wohl recht . Denn als ich dann hinab ins Castle kam , hockte er in meinem Zimmer vor dem aufgeschlagenen Koffer , denn die Bagage war soeben angekommen , sprang aber , sobald ich eintrat , auf und sagte : » Ich habe es , Sihdi ! « » Was ? « fragte ich . » Das wirst du gleich hören ! Also , ich habe sie zusammengezählt , den Christen , den Moslem und den Heiden . Das kam mir in den Sinn , als ich mit Reverend Heartman sprach ; da lief ich fort . Ich hätte aber auch sitzen bleiben können , denn das Nachdenken ging viel schneller , als ich dachte ; dann war ich sogleich fertig ! « » Nun ? Was kam heraus ? « » Entweder gibt es gar keine Christen und gar keine Heiden , sondern bloß Menschen . Oder es gibt entweder nur Christen oder nur Heiden , die aber auch alle Menschen sind . Also , ob es Nichts gibt , oder ob es Alles gibt , Menschen gibt es auf jeden Fall ! « » So ! - « lachte ich . » Daß es Menschen gibt , und zwar auf jeden Fall , das wußte ich beinahe auch ! « » Ja , aber nicht so , wie ich es meine ! « behauptete er . » Ich bitte dich , mich anzuhören , aber nicht dazu zu lachen ; das macht mich irr ! Du hast mich die Worte von Isa Ben Marryam62 gelehrt , daß wir Gott lieben sollen , das ist das erste und das vornehmste Gebot , und daß wir unsern Nächsten lieben sollen , das ist diesem ersten Gebote ganz gleich . War diese Liebe zu Gott und zu dem Nächsten schon vor dem Erlöser da oder nicht ? « » Es ist gewiß , daß es schon vor ihm Menschen gab , die Gott , und auch welche , die ihren Nächsten liebten . « » Du sagst es , folglich ist es richtig ! Und noch Eines : Wieviel Nächsten muß man lieben , um Christ zu sein ? « » Jedenfalls alle , ohne Ausnahme , auch die Feinde ! « » Ja . Wenn ich sie alle liebe , bin ich ein vollkommener Christ . Wenn ich nur Einen liebe oder nur einem einzigen Feinde Gutes tue , so bin ich auch ein Christ , allerdings nur für diesen Einen ! Wenn der Heide auch nur einen einzigen Menschen liebt , einem einzigen Feinde verzeiht , so handelt er christlich . Und wenn der Christ nur einen einzigen Menschen haßt oder sich an einem einzigen Feinde rächt , so handelt er heidnisch . Es gibt keinen Menschen , der nicht wenigstens einmal liebt und nicht wenigstens einmal verzeiht . Und so hat es auch keinen Menschen gegeben und wird niemals einen geben , der nicht wenigstens einmal gehaßt und nicht wenigstens einmal seinem Zorn den Willen gelassen hat . Also die Menschen haben , schon gleich seit es welche gibt , und bis auf den heutigen Tag , alle zusammen , ohne Ausnahme , bald christlich und bald heidnisch gehandelt . Sobald sie Gutes tun , sind sie alle zusammen Christen , und sobald sie Böses tun , sind sie alle zusammen Heiden . Isa Ben Marryam ist gekommen , um uns zu gewöhnen , niemals Böses zu tun , sondern immer nur Gutes . Das Böse kommt vom Teufel ; das Gute kommt von Gott . Dazwischen steht der Mensch ! Wer nichts als Gutes tut , der ist Gott . Wer nichts als Böses tut , der ist Teufel . Wer bald Böses und bald Gutes tut , der ist Mensch ! Hierauf frage ich dich : Sind die Heiden Gottheiten oder Teufel ? Keines von beiden ! Was folgt hieraus ? Daß sowohl die Christen als auch die Heiden bloß nur Menschen sind , die nichts Besseres tun können , als einander Gutes zu erweisen . Dadurch heben sie einander empor . Dadurch werden sie Gott immer ähnlicher . Das ist es , was Isa Ben Marryam wollte und was er lehrte . Dieses Streben , Gott zu lieben und sich ihm immer mehr zu nähern , indem man allen Menschen , sogar den Feinden , unausgesetzt nur Gutes erweist , ist die Religion , die er gründete , und die nach ihm genannt wird : Christentum ! - - - So , das kommt heraus , wenn man einen Christen , einen Muhammedaner und einen Heiden zusammenrechnet und dann mit der Drei hineindividiert , nämlich ein Mensch . Und wieviel ist dieser Mensch wert ? Das kommt ganz auf die Mischung an . Wenn ich dieses Exempel mache mit einem guten Heiden , einem guten Muhammedaner und einem schlechten Christen , so kommt noch ein Mensch heraus , der wenigstens zweimal besser ist als so ein Christ ! Sihdi denke hierüber nach , ohne daß ich dich dabei störe ! Ich gehe darum fort und lasse dich hier bei dem Koffer und bei allen diesen deinen Sachen stehen ! « Husch , war er schnell zur Tür hinaus , denn er glaubte , im höchsten Grade klug gesprochen zu haben . Ich wußte , daß er sofort zurückkehren und die unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen werde , sobald ich das Zimmer verlassen habe . Darum ging ich fort , um mich bei Doktor Tsi nach Waller zu erkundigen . Fang war bei ihm . Sie waren in ausgezeichneter Stimmung , ihres Patienten wegen . Dieser hatte bald nach Mittag die Augen aufgeschlagen und war seitdem so munter gewesen , als ob er im ganzen Leben nicht wieder einschlafen wolle . Er las in dem früher so verpönten Buche » Am Jenseits « , und wenn er der Augen wegen eine Pause machen mußte , bat er Mary , von da an , wo er aufgehört hatte , laut vorzulesen . Er hatte den Vorsatz ausgesprochen , die Augen nicht eher wieder zu schließen , als bis dieses Buch zu Ende gelesen sei , und so kam es , daß Mary uns Andern sagen und sich entschuldigen ließ , sie könne nicht beim Abendessen erscheinen . Wir hatten ein längeres Gespräch über diesen , uns vorliegenden Fall , und ich fand da wieder einmal Gelegenheit , den Umfang des geistigen Besitzes dieser beiden Männer und die Klarheit ihrer Einsicht zu bewundern . Das Feld , auf dem wir uns bewegten , war die Psychologie , und wenn ich sage , daß sie die Begriffe Geist und Seele scharf zu definieren und den Unterschied zwischen beiden ganz genau anzugeben wußten , so brauche ich nur noch hinzuzufügen , daß sie auch den Mut und die Energie besaßen , aus diesen Ueberzeugungen und Kenntnissen die ganz natürlich sich ergebenden Konsequenzen zu ziehen . Bei Tafel fehlten dann nicht nur Waller und Mary , sondern auch Fu , welcher telephonisch nach Ocama zurückgerufen worden war , weil der Kapitän des Opiumschiffes aus Binh-Dinh sich wieder eingefunden hatte und für morgen gewisse Vorbereitungen zu treffen begann , welche den Hafenmeister zwangen , ihn und seine Bewaffneten einzusperren . Dilke war nicht mit dabeigewesen . Uebrigens , hätte es sich nur um den verpönten Opiumhandel und nicht zugleich auch um einen Gewaltstreich nebenbei gehandelt , so wäre der Pu-Schang an sich Manns genug gewesen , » Seine Exzellenz , den Europäer « vorausgesagter Weise aus dem Hafen schaffen und draußen verbrennen zu lassen . Unser Kreis am Tisch war nicht sehr groß . Rechts von mir saß Pfarrer Heartman , links der Oekonom von Raffley-Castle , ein hochgebildeter Chinese , der seine Studien in England , Frankreich und Italien gemacht hatte und sich wiederholt bei mir entschuldigte , daß er nicht auch in Deutschland gewesen sei . Mir gegenüber saß Yin . Man wird sich erinnern , daß ich auf Sumatra zum Governor sagte : » Dieses Portrait der Yin ist ein Rätsel , ein neues , ein schönes , ein entzückendes Rätsel , an dessen Lösung ich mein Leben setzen würde , wenn ich Maler wäre ! « Nun hatte ich das Original des Bildes gerade vor meinen Augen . Wie stand es um das Rätsel ? War es noch da ? Verdichtete es sich ? Oder begann es bereits , sich aufzulösen ? Ich will da einmal sehr wichtig tun und den Geheimnisvollen spielen . Bekanntlich ist dem Schriftsteller viel , sehr viel erlaubt ; ich aber gehe noch weit über dies hinaus und erlaube mir etwas , was sich noch keiner dieser Herren je gestattet hat , nämlich - - zu schweigen ! Ich beschreibe unsere Yin auch heut noch nicht und jedenfalls auch morgen und übermorgen nicht ! Und ich habe ein Recht dazu , denn alle meine bisherigen Reiseerzählungen sind nur Vorstudien , Uebungen und Skizzen , bei denen ich lang oder kurz , breit oder schmal sein kann , ganz wie es mir beliebt . Ich habe ja bereits gesagt , daß ich kein Künstler bin , und fühle mich also frei von jedem Zwang , unter dem - - - bald hätte ich gesagt : die Kunst zu seufzen hat . Als ob die wahre Kunst , der wahre Künstler irgend einem Zwange zu gehorchen hätte ! Im Gegenteile , die Kunst ist die Bezwingende ; sie macht sich alles , alles untertan ! Ich saß ihr heut gegenüber , ihrer schönsten , ihrer überzeugendsten Personifikation - - unserer Yin . Aber man glaube ja nicht , daß sie viel erzählt und viel erklärt und überhaupt viel gesprochen habe ! Und man glaube auch nicht , daß ich erzählen werde , wovon wir uns unterhielten ! Ich hoffe , nun bald über die Zeit der Vorübungen und Studien hinaus zu sein . Und ich hoffe , daß meine Leser mit mir bis hierher gegangen sind , wo sie mich nun wohl begreifen , oder doch wenigstens begreifen wollen . Dann hören wir mit diesen Etuden und Vorarbeiten auf und gehen an das eigentliche Werk . Die Leinwand wartet ja schon längst darauf . Und Yin , die einzig wahre Kunst , wird uns den Stift , wird uns den Pinsel führen ! Sie hat es mir an diesem Abend versprochen , und ich weiß , sie hält ihr Wort ! Wir saßen da wohl bis Mitternacht beisammen . Da wurde John an den Fernsprecher gerufen , um von Fu eine Meldung zu empfangen . Er führte uns dann hinaus auf den Söller und zeigte uns ein Licht , welches weit , weit draußen am östlichen Himmel glühte , fast wie ein Stern , der aber flackerte . Es brannte ein Schiff auf der Reede von Ocama . » Das ist Seine Exzellenz , der Europäer , dem es an das Leben geht , « erklärte er . » Fu meinte , daß er wohl kurzen Prozeß mit ihm machen werde , und das ist nun geschehen . Eine Warnung für die Fan-Fan ! Wir können unbesorgt zur Ruhe gehen . « Ich war am andern Morgen soeben aufgestanden , da klopfte es an meine Tür . » Wer ist ' s ? « fragte ich . » Ich , dein Sejjid Omar . Kann ich hinein ? « » Ja ; es ist offen . « Er war ganz atemlos , als er eintrat . » Sihdi , weißt du , was heut ist ? « fragte er . » Dienstag , « antwortete ich . » Nein , sondern Revolution ! Du siehst , daß ich es besser weiß ! Das macht , weil ich so gut chinesisch reden kann ; ich gattere alles aus ! Die ganzen Diener , die es hier gibt , wollen von mir arabisch lernen , weil sie sich nicht so gut chinesisch mit mir ausdrücken können , und da erzählen sie mir alles , was geschieht . Diese Revolution ist aber eine , bei welcher nicht geschossen wird , auch nicht gehauen oder gestochen , sondern es wird nur gelacht , weiter nichts , weiter gar nichts . Begreifst du das ? « » Ja . « » Was ? Das begreifst du ? « fragte er verwundert . » Ich habe es nicht begriffen . Bei einer Rebellion muß man doch alles totschlagen ! Den Vizekönig , die Pascha ' s , die Generäle und ganz besonders Jedermann , der im Ministerium ist . Das weiß ich von Aegypten aus , wo sie so gemacht würde , wenn eine wäre . Aber es gibt keine . In Stambul machen sie bloß den Sultan tot ; das ist dann eine ! Aber hier kommen sie über die Grenze herüber , um große Reden zu halten . Sie werden zum Essen eingeladen und bekommen viel , sehr viel Samschu zu trinken . Das ist ein starker Schnaps , von dem sie einschlafen . Das ist dann eine ! Und wir sitzen dabei und lachen ! Glaubst du wirklich , daß das eine ist