Forbeck unter der Tür . Während Werner das junge Paar betrachtete , streifte Tassilo zärtlich die Hand über das Haar der Schwester . Im Speisezimmer , dessen Tisch zum Frühstück gedeckt und mit Blumen geschmückt war , fanden sie Gräfin Anna und die Kleesberg . Und da wollte nun Kitty , die das Heim ihres Bruders an diesem Morgen zum erstenmal betrat , vor allem sehen , » wie das Glück wohnt ! « Es wohnte schön - in Räumen , welche Zeugnis gaben von vornehmem Kunstsinn und erlesenem Geschmack . Kitty faßte ihr Entzücken in das Urteil : » Das ist keine Wohnung , die man eingerichtet hat . Das kommt mir vor , als wäre das gewachsen , ganz von selbst , wie ein Baum , wie eine Blume . Ihr beide müßt so wohnen ! Ich kann es mir gar nicht anders denken . « Nur im Zimmer der Gräfin vermißte sie etwas - das Allerwichtigste . » Anna ? Wo ist dein Flügel ? « » Der steht , wo sein Platz ist , « fiel Tassilo lächelnd ein , » in meinem Zimmer ! Komm ! Da sollst du auch noch was anderes sehen . « Er öffnete die Tür des anstoßenden Raumes . Ein leiser Schrei glücklichster Überraschung . An der Wand , im vollen Licht der beiden Fenster , hing ein großes Gemälde : aus dem schimmernden Farbenzauber der Leinwand leuchtet eine weiße Mädchengestalt heraus ; die Schatten des nahenden Sturmes umdrohen sie , doch sicher und lächelnd , von Sonne umschmeichelt , ruht sie auf den starken Mannesarmen , die sie fahrlos hinübertragen über den Steg des tobenden Wildbaches . » Hans ! « stammelte Kitty . » Und das hast du mir verschwiegen ! Oder hast du selbst nicht gewußt - « Ihre Augen suchten den Bruder . » Tas ? Wie kamst du zu diesem Bild ? « » Durch gütige Vermittlung der Post . Und dann kam aus Capri ein Brief , in dem ein gewisser Hans Forbeck sich entschuldigte , daß sein Hochzeitsgeschenk den Umweg über Berlin genommen hätte . « » Hans ! « jubelte Kitty . Und dann stand sie stumm an seine Schulter gelehnt und trank mit glänzenden Augen den Zauber dieser Farben . Immer heißer glühten ihre Wangen . » Hans ! « Sie schlang die Arme um seinen Hals . » Ich bin stolz auf den Namen , den ich tragen werde ! « Dann flog sie auf die Gräfin zu . » Eine Bitte , Anna ! Die mußt du mir erfüllen ! Sing mir das Lied vom Jasminstrauch ! « Gräfin Anna öffnete den Flügel . Eine Flut von Tönen rauschte durch den Raum , und die herrliche Stimme klang . Grün ist der Jasminenstrauch Abends eingeschlafen . Als ihn mit des Morgens Hauch Sonnenlichter trafen , Ist er schneeweiß aufgewacht . Was geschah nur über Nacht ? Seht , so geht es Bäumen , Die im Frühling träumen . Als Gräfin Anna die schlanken weißen Hände in den Schoß sinken ließ , war es lange still im Zimmer . - Und einige Stunden später das wirre Getriebe des Bahnhofes , das Pfeifen der Lokomotive , das dumpfe Schlagen der Räder , die sich unter dem gleitenden Wagen drehten , immer schneller und schneller . Kitty und Gundi Kleesberg reisten nach Hubertus . Wohl hatte Tante Gundi , die » das Äußerste « gern noch verschoben hätte , eine » Ruhepause « von einigen Tagen gewünscht . Aber Kitty wußte die Weiterreise durchzusetzen - sie wollte ihr Glück entschieden wissen , und Tassilo hatte ihr beigestimmt . Eine Depesche meldete nach Hubertus , daß die Damen mit dem letzten Zug eintreffen würden , und daß der Wagen sie bei der Station erwarten sollte . Für Kitty wurde die Reise zu einem fliegenden Traum . Sie kam sich vor wie ein Kind , dem eine Flüsterstimme zärtliche Märchen erzählt . Und immer sah sie farbig schimmernde Bilder vor den geschlossenen Augen . Wie sonderbar ! Daß sie an Märchen denken konnte ! Jetzt , vor dieser Begegnung mit dem Vater ! Aber war nicht alles , was sie in diesen Tagen erlebt hatte , das echte , rechte Märchen ? Der Flug dieser Heimreise ? Das blühende Wunder von Ravello ? Ihre Liebe und ihr Glück ? Immer spähte sie nach den von Wolken umlagerten Bergen , die näher und näher rückten und mit jeder Minute wuchsen . Diese Wolken , die sich dunkel herwälzten über die noch mit Schnee gesprenkelten Gipfel , trugen schweren Regen in sich , vielleicht ein Ungewitter . Im Bahnwagen brannte die Lampe schon , und draußen sank die Dämmerung . Die schwermütigen Dorfmoore hatten gelblichen Schein ; in tiefer Schwärze stiegen die Bergwälder auf , und durch das blaugraue Gewölk , wenn die treibenden Massen sich zuweilen klüfteten , leuchtete ein Fetzen Himmel gleich einer rot brennenden Fackel . In Kitty erwachte eine beklemmende Erinnerung . Ein ähnlicher Abend war es gewesen , als sie von der versäumten Hochzeit ihres Bruders nach Hause fuhr ! Tiefer und tiefer sank die Dämmerung ; dann ein Pfiff der Lokomotive , und das Ziel war erreicht . Vor dem Bahnhof stand die Kalesche . Der Kutscher war einsilbig und musterte die Damen mit scheuem Blick . Es wurde finster , bis der Wagen durch das Parktor von Hubertus lenkte . In der Tiefe der Allee stand eine funkelnde Säule : die von den Laternen der Veranda beleuchtete Fontäne . Im Adlerkäfig kein Laut , nicht das leiseste Geflatter . » Seltsam ! « murmelte Kitty . » Wie still sie heute sind ! « Der Wagen hielt , und Fritz , mit der Lampe in der Hand , trat zum Schlag . Er sprach nicht , sein Gesicht war blaß , und die Lampe klirrte . Verwundert sah ihn Kitty an und wollte sprechen . Da gewahrte sie noch einen anderen . Auf den Stufen der Veranda stand der Pfarrer . » Hochwürden ? « stammelte Kitty . » Man hat mich gerufen , um Sie zu empfangen , gnädiges Fräulein ! « Der Ton dieser Worte nahm ihr die Sprache . » Kommen Sie , mein gutes Kind ! Ich will Ihnen Stütze sein beim Eintritt in das väterliche Haus , auf das der Herr in unerforschlichem Ratschluß seine schwere Hand gelegt hat . « Kitty zitterte , als der Pfarrer sie führte . Im Billardzimmer hatte sie ein Gefühl , als versänken die Wände . Dazu hörte sie immer Worte , Worte . Es war schon ausgesprochen , das Furchtbare - und sie konnte es nicht fassen . Dann streckte sie unter schluchzendem Laut die Hände und stürzte aus dem Zimmer , durch den Flur - zur Kruckenstube . Eine Hängelampe erleuchtete die getünchten Mauern , auf denen sich die Gemsgehörne durch ihre Schatten verdoppelten . Die Beine von einer Wildschur umwickelt , saß Graf Egge im Lehnstuhl , das graue Haupt mit dem steinernen Gesicht und den toten Augen ein wenig zurückgeneigt . Kein Laut kam über Kittys Lippen . Einen Schritt nur tat sie und stand wieder wie gelähmt . Kaum merklich bewegte sich Graf Egge ; seine Finger zogen sich ein , und zwischen den schmal geöffneten Lippen blinkten die Zähne . » Geißlein ? « Das klang wie aus weiter Ferne . Da schrie sie , als hätte man ihr einen glühenden Stahl ins Herz gebohrt , stürzte auf den Vater zu , umschlang ihn , brach in die Knie und drückte schluchzend das Gesicht in seinen Schoß . Ein Schüttern ging durch den Körper des Blinden . Mit beiden Händen tappte er , bis er das zuckende Haupt seines Kindes fand . » Sei gut , Geißlein ! Mach ' keinen Unsinn ! Es ist nun einmal so . Ich hab ' ausgejagt . Das ist nimmer zu ändern . Hoffentlich hat dir ' s der Pfarrer löffelweis eingegeben . « Sie schluchzte . Er streichelte ihr das weiche Haar und befühlte ihre kleinen Ohren . » Eine harte Sache , Geißlein ! Die Lichter hin . Alles schwarz vor den Augen . Kein Berg und kein Wald . Nimmer Grün und nimmer Blau . Nur Schwarz ! Und dich lieb ' ich auch . Und soll dich nimmer sehen . Und es sehnt mich nach deinem Anblick . Hat dir die Sonne da drunten wohlgetan ? Bist du gesund geworden ? Hast du rote Wangen ? Laß mir die Kleesberg kommen ! Die soll mir sagen - « Er verstummte . Wie in Schmerz verzog er den Mund , während er den rechten Arm streckte und die Finger bewegte , als empfände er eine Spannung an der Hand . Kitty fuhr auf . Sie konnte den Anblick nicht ertragen - die welken Züge , die starren , vorgequollenen Augen mit dem roten Kreis um jeden Apfel . Stöhnend barg sie wieder das Gesicht . Alles zu Ende . Auch ihr Glück , ihre Liebe ! Alles vernichtet , versunken ! Sie war gekommen , mit dem Vater zu ringen um ihr Glück - wenn es sein müßte , ihn zu verlassen ! Und da lag sie zu seinen Füßen , an ihn geschmiedet mit allen Banden einer Kindersdeele ! Nur noch die Liebe zu ihm , aller Jammer , der sie erschütterte , alles Erbarmen , das ihr das Herz zerriß ! Und das andere zu Ende - das schöne , selige Märchen , verklungen , versunken ! Nur dieser Blinde noch , nur diese starren , toten Augen , die trocken waren , ohne Glanz und ohne Tränen - - - Es pochte an die Fenster ; schwere Tropfen schlugen gegen die Scheiben . Dann ein Sausen , das von weit her tönte und im nächsten Augenblick schon alle Mauern von Hubertus umringte , ein helles Geprassel , wachsend zu einem dröhnenden Geknatter . Die Fenster wurden weiß , es trommelte auf dem Dach und brauste durch alle Wipfel des Parkes nieder auf die Erde . Der echte , wilde , zügellose Frühlingsregen der Berge , der alle faulen Zweige von den Bäumen schlägt , die Täler und Höhen säubert , den letzten Schnee ersäuft und die Felsen befruchtet ! Ein fahler Blitz , ein matt verrollender Donner , dann wieder Finsternis und Ströme über Ströme . Bäche rannen auf allen Straßen des Dorfes , der See überstieg die Ufer , und in das Geprassel des Regens mischte sich immer mächtiger das Rauschen der Ache und der schwellenden Wildbäche . An allen Häusern waren die Fenster hell . Über die roten Scheiben huschten die schwarzen Schatten der Weiber , die mit Lumpen alle Lücken der Fensterrahmen verstopften . Und hinter den Flurtüren das Geschrei der Mägde , die das eingedrungene Wasser von den Dielen schöpften . Ein einziges Haus war öd und finster . Das Brucknerhaus . Und doch belebt : die beiden Kühe brüllten im Stall und zerrten an den Ketten . Sie hungerten . Im Seehof kreischender Stimmenlärm ; die Schifferschwemme mit Gästen angefüllt ; kein Lied , kein Zitherklang ; nur das Gewirr der lauten , erregten Stimmen ; und die erleuchteten Fenster von Qualm verschleiert . Auf der gedeckten Terrasse stand der Seewirt ; die Fensterhelle warf seinen Schatten lang auf die überschwemmte Lände hinaus . Jetzt Stimmen vom Waldsaum her , und das Geplätscher watender Schritte . Vier Holzknechte betraten die Terrasse , schüttelten die triefenden Wettermäntel und schleuderten das Wasser von den schwammigen Hüten . » Was is ? « fragte der Seewirt . » Gschieht in der Nacht noch was ? « » Nix mehr ! Die Bescherung droben muß liegenbleiben , hat der Schandari gsagt , bis morgen die Grichtsleut alles gesehen haben . Aber dös arme Madl werden s ' in der Nacht noch runterbringen . Wie der Regen anfangt hat , sind s ' mit der Tragbahr in der Almhütt untergstanden . « Die Holzknechte suchten ins Trockene zu kommen . Als die Tür der Schwemme geöffnet wurde , quoll der dicke Pfeifenqualm heraus . Der Seewirt faßte einen der Knechte am Lodenzipfel . » Geh , Steffel , mach den Sprung zur Förstnerin aussi ! Sie weiß schon , daß ihrem Buben nix gschehen is , aber dös arme Weibl tut wie verruckt . Geh , mach dös Katzensprüngl ! Ich zahl dir a paar Maß Bier . « » Meinetwegen ! « Der Knecht stapfte durch die Pfützen und verschwand im Grau des strömenden Regens . Stunde um Stunde verrann . Um Mitternacht machte der Seewirt Kehraus in der Schwemme . Laut schwatzend torkelten die Letzten nach Hause . Der Regen war dünner geworden und ging in feines Geriesel über ; das hatte keinen Laut mehr ; und das Rauschen der Bäche wurde eintönig . Droben im Bergwald gaukelten die Lichter zweier Fackeln ; sie verschwanden , um auf dem tieferen Gehäng wieder aufzublitzen . Durch die hängende Wolkendecke stahl sich das erste Grau ; aus den Wäldern dampften bleiche Nebel und schwebten unruhig hin und her , jedem Wechsel des Windes folgend . Ein starker Geruch von zerriebenem Laub und aufgewühlter Erde füllte die Luft . Es tropfte von den Bäumen ; die hatten ihre Blättchen in dieser Nacht zu Blättern ausgeschoben . Ein junger Apfelbaum , der hinter dem Zaun eines stillen , öden Gehöftes stand , hatte weißen Blütenschimmer . Und eine Drossel schlug . Das war der erste Laut dieses Morgens . Dann klirrende Schritte auf dem Steig , der vom Waldhang gegen die Lände führte . Zwei Holzknechte erschienen unter den triefenden Bäumen ; der eine schob mit dem Bergstock das Fallholz und die Steine aus dem Weg , der andere trug die Büchse und den Hüttensack eines Jägers ; ihnen folgten zwei Männer mit einer Reisigbahre : die Stangen am Fußende trug ein alter Bauer , während die Traghölzer zu Häupten der Bahre in Franzls Händen lagen . Sein Gang war mühsam , seine Arme zitterten . Die drei anderen hatten sich von Stunde zu Stunde abgelöst ; nur Franzl hatte immer den Kopf geschüttelt , wenn einer der Knechte ihm die Stangen aus den Händen nehmen wollte . Das nasse Gewand klatschte an seinem Körper . Tastend suchte sein Schritt den Weg , während seine Augen an dem Mädchen hingen , das auf dem Reisig der Bahre gebettet lag , mit Franzls Wettermantel unter dem Kopf , mit zerschnittenem Mieder und gelöstem Haar . Malis Augen standen offen und hatten flackernden Glanz ; bald schrie sie mit heiseren Lauten , bald wieder raunte sie ein Gewirr sinnloser Worte vor sich hin ; dabei zupften ihre Finger ruhelos an den Haaren der triefenden Lodendecke , die den Körper der Fieberkranken bis zur Brust umhüllte . Die Bahrenträger schritten am Brucknerhaus vorüber und den Wiesen zu . Auf dem Sträßlein stand die alte Horneggerin . » Franzl ! « schrie sie . Und rannte . Nun war es mit Franzls Beherrschung zu Ende . » Da schau , Mutter ! Gibt ' s an Unglück mit ' m Madl , so kannst mich gleich mit eingraben ! « Alle Freude der Horneggerin , daß sie ihren Buben heil nach Hause kommen sah , verwandelte sich in Jammer . » Jesus Maria ! « Sie eilte den Trägern voraus , um Zaun und Tür vor ihnen zu öffnen . » Nur eini , Leut ! Mein Bett soll s ' haben , und wenn ich am Boden liegen müßt ! « Als Franzl die Fiebernde in die Kammer trug , schlug sie mit den Händen um sich und schrie . Der Doktor kam , und die Horneggerin schob ihren Buben zur Tür hinaus . In der Stube fiel er auf die Ofenbank , und seine Knie begannen zu zittern , daß die genagelten Absätze laut auf den Dielen trommelten . Mit verweintem Gesicht kam die Horneggerin aus der Kammer geschlichen und legte den Arm um den Hals ihres Buben . » Sei gscheit Franzl ! Solang eins am Leben is , darf man d ' Hoffnung net verlieren ! « Franzl umklammerte die Mutter . » Dös Madl is mir alles ! Mein Glück und Leben ! Wenn unser Herrgott dem Madl nimmer helfen mag - da wär ' s mir lieber , dem Bruckner sei ' Kugel hätt net den andern troffen , sondern mich ! « » Jesus ! Bub ! « stotterte die Försterin . » Wie kannst dich denn so versündigen ! « » Recht hast ! Ich hab an dich vergessen . Gott verzeih mir ' s ! « Franzl hob das bleiche Gesicht ; seine Augen brannten . » Mutter ! Jetzt hat der Vater d ' Ruh im Grab . Der ihm die Kugel durchs Herz gjagt hat am blutigen Johannistag - jetzt liegt er droben in die Latschen , mit der Kugel am gleichen Fleck . « Jähe Blässe rann über das Furchengesicht der alten Frau . » Der Bruckner ? « Der Jäger schüttelte den Kopf . Leis begann er zu erzählen , während seine verstörten Augen immer wieder die Kammertür suchten . Die ganze Leidensgeschichte seines Herzens sprudelte aus ihm heraus , von der ersten Begegnung mit Mali bis zu ihrem warnenden Wort vor der Dippelhütte : » Nimm dich vorm Schipper in acht ! « Er schilderte jedes Erlebnis mit dem grauen Kameraden , bis zum letzten Morgen unter der Hangenden Wand . » Gleich hat mir die Gschicht mit seine zwei Lumpen net taugt . Aber mit dem Wörtl vom Schwarzbartigen , der den Vater am Gwissen hätt , hat er mir Fuier ins Blut gossen . Und wie ich einisteig übern Schneelahner , sitzt er schon da vor mir , der Schwarzbartig , mit ' m Gsicht voll Ruß ! Siedheiß geht ' s mir in Kopf , und ich fahr gleich auf mit der Büchs . Allweil sitzt er und rühr sich net . Der Spielhahn is ihm vor die Füß glegen , ' s Gwehr hat er zwischen die Knie ghabt , und allweil schaut er in Boden eini . Und gahlings schlagt er d ' Händ vors Gsicht und fangt zum heulen an wie a wehleidigs Kindl . Dös hat mich packt , ich weiß net wie . Die Büchs hab ich aus ' m Anschlag gnommen , bin auf ihn zu in aller Ruh und sag : Gib dich , Lump ! Da schaut er mich an . Nachher schnauft er und sagt : Da hast mich ! Eiskalt geht ' s mir übern Buckel . Gleich fallt mir d ' Schwester ein . Jesus ! Bruckner ? Du ! Mehr hab ich net aussibracht . Ja , sagt er , ich ! Und steht auf , will mir ' s Gwehr hinbieten und sagt : Gegen dich gibt ' s für mich kein Wehren net ! Da kracht ' s übern Lahner her . Und jetzt erst fallt mir wieder der zweite ein , von dem der Schipper verzählt hat . Ich mach an Sprung auf d ' Seiten . Drüben fliegt ' s Pulverwölkl auf , und zwischen die Latschen blitzt der Lauf kerzengrad gegen mich her - « » Jesus ! « keuchte die Horneggerin und bedeckte die Augen . » Aber ich war mit der Büchs noch net im Gsicht , da fallt neben meiner der zweite Schuß . In die Latschen drin überschlagt sich einer , sei ' Büchs kugelt aussi über d ' Wand , und neben meiner sagt der Bruckner : Für dein ' Vater , Franzl ! Heut is Zahltag gwesen ! Da greift er mit der Hand an d ' Seiten , und ' s Blut rinnt ihm übern Schenkel . Sei ' Büchs , die noch graucht hat , fallt ihm aus der Faust . Und wie der Baum im letzten Hieb , so schlagt er auf d ' Steiner nieder . Ich spring ihm z ' Hilf . Fehlt ' s weit ? frag ich . Ja , sagt er , wird wohl Zeit sein , daß ich beicht - ' s Heutige druckt mich net , aber ' s Alte möcht ich mir vom Gwissen laden ! - Mutter , Mutter , was hab ich hören müssen ! « Mit langsamen , hölzernen Worten wiederholte Franzl , was ihm der Sterbende gebeichtet hatte . » Schier hat er nimmer reden können . Verzeihst mir ? hat er noch gfragt . Ja , sag ich , derbarmen tust mich ! Da schaut er mich an und hat sich gstreckt . Und Netterl , mein Netterl ! Und aus und gar is gwesen . Und beten hab ich müssen . Und hab net glauben können , daß er der Schuldig is ! Zwei Kugeln sind geflogen am Johannistag , eine bloß hat troffen . Mutter , da leg ich d ' Hand ins Fuier : es war dem Schipper die seinig ! Die ganzen Jahr her hab ich ' s gspürt in mir und hab ' s net verstanden . Es war sein Gwissen , dös sich gwehrt hat gegen mich ! Und die letzte Lug am gestrigen Weg ? Und wie er mich ghetzt hat , daß ihn mei ' Kugel vom andern erlösen sollt ! Und wie sich der Bruckner gutwillig geben will , schießt er ihm hinterrucks die Kugel auffi . Warum denn ? Weil er gforchten hat , der Bruckner könnt reden . Und die ander Kugel hätt er mir durch ' n Schädel gjagt , daß ich kein Zeugen mach . Er hat sich verrechnet . Und der Bruckner hat zahlt für mich . Wie ich eingstiegn bin in d ' Latschen , und der Schipper is daglegen , mit die Fäust in der Luft und im käsigen Gsicht noch allweil sein giftiges Lachen - Mutter , da hat ' s bei mir kei Frag nimmer braucht . Jetzt leg ich d ' Hand ins Fuier : der Schipper war ' s ! « Von Grauen geschüttelt , bekreuzte sich die Försterin . » Unser Herrgott soll ihm gnädig sein ! Ich hab verziehen . « Sie umklammerte den Sohn . » Sie christlich , Bub ! Vergib ! « Franzl schüttelte den Kopf , und seine Stimme war hart wie Eisen . » Ich bin a guter Christ . Aber da drin liegt d ' Mali . Ich hab bloß an einzigs Denken : daß mich unser Herrgott die Stund erleben laßt , in der ich dem Madl sagen kann : Tu dich trösten , der Schipper war ' s , und deim Bruder verdank ich mein Leben . « Der Doktor kam aus der Kammer . » Kopf hoch , lieber Hornegger ! « Er winkte der Försterin und trat mit ihr vor das Haus . » Ihnen muß ich die Wahrheit sagen . Nervenfieber und schwere Lungenentzündung . Das kann Bäume werfen . « Die Horneggerin mußte sich erst in der Küche ausweinen , ehe sie die Kammer wieder betreten konnte . Franzl saß zu Füßen des Bettes und hielt die glühenden Hände der Kranken umklammert , die regungslos in den geblumten Kissen lag , mit dunklen Rosen auf den Wangen . » Mutter ? « Das klang wie ein Hauch . » Meinst net , sie schaut schon besser aus ? « » Aber ja ! Gwiß ! Viel besser ! « Franzl atmete auf und erhob sich . » Es kommt mich hart an - aber ich muß Rapport machen . Bleibst bei ihr ? « » Tag und Nacht ! « » Und tust alles , was der Doktor gsagt hat ? « » Alles ! Verlaß dich auf mich ! Aber zieh dich um , tropfst ja am ganzen Leib ! « » Dös kühlt mich grad . « Scheu rührte er mit den Fingerspitzen an Malis glühende Wange ; dann schlich er zur Tür . » Was ich sagen will - am Heimweg könnt ich ' s Brucknerhaus absperren und ' s Netterl mit heimbringen ? Is dir ' s recht ? « Die Horneggerin zögerte mit der Antwort . » Mutter ! Weißt es nimmer ? Netterl ! hat er gsagt und hat mich angschaut im letzten Schnaufer . « » Aber Franzl ! Ich hab ja nix dagegen . Freilich ! Freilich ! Aber wenn ich nur wüßt - d ' Mali wird mich brauchen , Franzl - ganz ! « » Ganz und doppelt ! Da mußt a tüchtigs Weibsbild zur Hilf haben ! Die könnt mit ' m Netterl in mein Stübl auffiziehen . Ich leg mich auf ' n Heuboden , ' s Heu bin ich gwohnt . « Er wartete die Antwort nimmer ab . Als er den Hof betrat , läutete man zur Messe . Ein blauer Streif des Himmels schimmerte durch die Wolken . Noch war die Sonne nicht zusehen , doch fern im See war ein funkelndes Glanzband hingegossen über den grünen Spiegel . 20 In der Kruckenstube stand das Fenster offen . Die Frische des Morgens hauchte herein in den kleinen Raum , in dem die Stimme Kittys klang , eintönig und müde . Sie saß neben dem Lehnstuhl und las ihrem Vater aus seinem Lieblingsbuche vor - aus Kobells Wildanger : » In der Falzzeit ist der Auerhahn zuweilen sehr zerstreut , welches einige auch verrückt nennen , und manchmal kann man sich ihm am hellen Tage nähern und ihn mit aller Bequemlichkeit vom Baum schießen ; ob aber die Zerstreutheit so weit geht , daß er , wie Fälle erzählt werden , auch ohne zu falzen , nach einem Fehlschuß aushalte und gleichsam auch sich fleckeln lasse , darüber kann ich nicht urteilen ; bei den bayerischen Auerhähnen ist dergleichen meines Wissens nicht gebräuchlich . « Graf Egge lachte mit verzerrtem Mund . » Recht hat er ! Solchen Unsinn haben die Sonntagsjäger aufgebracht , die man hinauskarwatschen sollte aus Wald und Bergen . « Er scheuerte die rechte Hand an der Kante der Armlehne und spannte die Finger auseinander . Die ganze Zeit über , seit Kitty zu lesen begonnen , hatte Graf Egge immer mit dieser Hand zu schaffen ; bald befühlte er mit der Linken das Gelenk und kratzte ; bald schüttelte er die Hand , als wäre sie von Fliegen belästigt ; bald schob er sie unter die Wildschur , um sie gleich wieder hervorzuziehen , als wäre ihm die Wärme unbehaglich . » Was hast du , Papa ? Fühlst du Schmerzen an deiner Hand ? « » Schmerzen ? Ach , Unsinn ! Nur so ein komisches Jucken . Lies weiter ! « Kitty nahm das Buch wieder auf . Immer matter klang ihre Stimme , und die Buchstaben schwammen ihr vor den Augen , so daß sie häufig stockte . » Bist du müde , Geißlein ? « fragte Graf Egge endlich . » Nein , Papa ! « » Doch ! Ich hör ' es ! Lege das Buch weg und geh ein bißchen in die Luft hinaus . « » Laß mich bei dir bleiben ! « Graf Egge fühlte ihr Haupt an seiner Schulter , und wie ein Schimmer von Behagen ging es über seine zerfallenen Züge . » So bleibe ! Es ist mir auch lieber , ich hab ' dich bei mir . Aber das Buch leg ' weg ! Erzähl ' mir ein bißchen von deiner Reise ! Habt ihr Bekannte getroffen ? « Glühend flog es über Kittys bleiche Wangen . Durfte sie lügen ? Ihre Stimme zitterte . » In Ravello trafen wir mit Professor Werner zusammen . « » Wer ist das ? « » Ein Jugendfreund Tante Gundis . « » Was soll mich der interessieren ? Sonst habt ihr niemand gesehen ? « » Ja , Papa . In Professor Werners Begleitung war ein junger Künstler , der heuer in Berlin die goldene Medaille bekam . - Hans Forbeck - « Den Atem verhaltend , sah Kitty zu ihrem Vater auf . » Forbeck ? Forbeck ? « Graf Egge runzelte die Stirn , als hätte er Mühe sich zu besinnen . » Den Namen muß ich doch schon gehört haben ? « » Du kennst ihn auch ! « stammelte Kitty . » Im vergangenen Sommer trafst du ihn auf der Hochalm . Er hat dich gezeichnet . « » Ach so ? Der ? Ein schlanker , netter Kerl mit gescheiten Augen ? Den kenn ' ich freilich ! « Graf Egge nickte lächelnd vor sich hin . » Die Geschichte macht mir heut noch Vergnügen . Weiß er jetzt , wen er zeichnete ? Damals hielt er mich für einen richtigen Jäger und hat den Nagel auf den Kopf getroffen . Ja , Geiß , in dem steckt was ! Der hat einen Blick für das Echte . Und jetzt hat er die goldene Medaille bekommen ? Das bedeutet wohl für einen Künstler soviel wie für einen Jäger der Blattschuß auf den Tiger ? Was ? Na , das gönn ' ich ihm ! Er war damals Feuer und Flamme für meine Joppe , für mein ganzes Gestell und für meinen wuchtigen Raßkopf , wie er sagte ! « Graf Egge lachte . » Er ließ mir keine Ruh ' , ich mußte ihm sitzen . Und ich hab ' s auch gern getan . Ich sag ' dir , Geiß , er hat meinen Kopf aufs Blatt geschmissen , daß ich dachte : Herrgott , der zeichnet , wie ich schieße . Und denk ' dir : nach der Sitzung hat er mir einen Taler gegeben . Für so echt hat er mich genommen . Den Taler hab ' ich heut noch . Da drin liegt er im Kasten . Und er freut mich doppelt : weil er das einzige Geld ist , das ich verdiente in meinem Leben , und weil er mich an diesen prächtigen Jungen erinnert .