kurios lächelndes Gesicht gegen mich , weil er den Volksglauben kannte , der an dem kleinen Gnadenörtchen haftete . Er selbst mochte den weichlichen Liebessegen nur mitgenommen haben , wie ein derberer Trinker etwa aus Versehen ein Gläschen süßen Likörs schnappt , das gerade dasteht . Der Landsitz , bei dem wir anlangten , war schon ziemlich belebt ; in einem geräumigen Gartenland gelegen , zeigte seine gemischte Bauart , daß er früher den Zwecken einer Gastwirtschaft gedient und erst seit neuerer Zeit und jetzt noch in der Umwandlung zum Sommerhaus einer Familie begriffen war , wo ein Pächter oder Wirtschaftsführer zugleich für allerhand haushälterischen Nutzen sorgte . So kam jetzt vorzüglich der gute Rahm bei dem erquicklichen Kaffeetrinken zustatten , welches Frau Rosalie für den Empfang der Gäste veranstaltet hatte . Die Sonne schien so warm , daß mehrere den Trank im Freien , vor den Türen der neueingerichteten Gartenzimmer , genossen , während andere inwendig um die Kaminfeuer oder gar in einer alten Wirtsstube beim geheizten Ofen saßen . Ich war nicht viel kecker als meine Schutzbefohlene und drang sachte mit ihr vor ; doch wurden wir bald von der schönen Wirtin entdeckt , die jetzt in stattlichem Seidenkleide sich munter bewegte und Agnesen unverweilt ins Innere des Hauses führte . » Die Göttertracht « , sagte sie , » will sich doch nicht recht für unser Klima schicken , besonders für uns Frauen ! Gehen wir hinein , wo es ein Feuer gibt ! Auch der König von Babylon oder Ninive , Herr Lys , ist drinnen ; denn er würde hier erfrieren . « Lys hatte es in der Tat mit seinen bloßen Armen und im Batisthabit nicht im Freien ausgehalten und saß nicht eben in bester Laune an einem großen Ofen ; auch der Kaffee , für uns andere gut genug , vermochte nicht die Sorgen zu zerstreuen , die auf seiner Stirne lagerten . Die Alltagstracht , in welcher er unerwartet nicht nur Frau Venus , sondern auch Erikson angetroffen , hatte diese Sorgen heraufbeschworen , und mehr noch die rüstige Tätigkeit des guten Freundes , den man bald ein Faß des besten Bieres über den Hof rollen , bald einige Brote zerschneiden oder sonst etwas hantieren sah , als stände er da Tagelohn . Der Anblick Agnesens war dem düstern Assyrer unter solchen Umständen nicht unwillkommen . Er bot ihr sofort freundlich den Arm als einer schicklichen Ergänzung für die Zeit der Einsamkeit oder Abwesenheit Rosaliens , welche sich vor dem Hause aufhielt , um nicht nur die vom Walde herüberkommenden Festgenossen , sondern auch verschiedene ihr verwandte und befreundete Personen zu empfangen ; denn auch solche hatte sie in der Schnelligkeit herbeirufen lassen . Gerade die ungewohnte Heftigkeit der Leidenschaft , die Lys befallen , hieß ihn auch , wie einen Kriegshelden im Felde , eine verdoppelte Wachsamkeit üben ; er konnte jetzt eine gefährliche Erkältung oder gar tödliche Krankheit nicht brauchen und mußte die Torheit seiner Kleidung durch vorsichtige Zurückhaltung gutmachen ; und da diente ihm nun die silberne Diana , deren Gewänder er ja gekauft hatte , trefflich zur Verhüllung seiner Lage . So war sie jetzt an seiner Seite , in der Heimat ihrer Liebe , und schien zu ihrem Rechte zu kommen . Aber sie zeigte keinen Triumph , keine Überhebung , sondern atmete nur etwas ruhiger auf , die innere Glut bis auf weiteres verschließend ; denn sie hatte in kurzer Zeit zu Schlimmes erfahren , um es schon vergessen zu können . Sie ging vielmehr mit gesammeltem Ernste am Arme des schönen Großkönigs durch die Zimmer , der sich scherzend für den alten Nimrod ausgab und behauptete , er habe mit bekanntem Jägerglück die Göttin der Jagd selbst gefangen . Erst als sie an einem großen Spiegel vorübergingen , kannte sie deutlicher seine veränderte , glänzende Tracht und Gestalt , sah sich selber daneben und die Blicke der Anwesenden , welche das eigentlich leuchtende Paar mit Verwunderung vefolgten . Da überflog eine leichte heitere Röte das weiße Gesicht ; allein sie hielt sich tapfer zusammen und bewahrte das gleichmütige Aussehen , obschon sie vielleicht die einzige Person im Hause war , auf welche Lysens auffälliger Putz in dem verführerischen Sinne wirkte , wie seine Verirrung es wollte . Inzwischen ertönte aus den entlegeneren Räumen des Hauses eine lockende Tanzmusik , wie es von dem jungen Volke und der Karnevalszeit nicht anders zu erwarten war . In einem ehemaligen Wirtschaftssaale war noch die kleine Tribüne der Spielleute vorhanden , mit bunten Teppichen behängt und mit Topfpflanzen verziert worden . Auf diesem Gestelle saßen vier musizierende Kunstgesellen , die ihre Instrumente herbeigeschafft hatten , auf denen sie an manchen Abenden zusammen zu spielen pflegten , als unter sich verbundene , sinnig lebende Leute . Sie wurden die vier frommen Geiger genannt , weil sie teils aus Liebhaberei , teils auch um einen kleinen Nebengewinn zu erzielen , sonntags auf dem Chore einer der vielen Kirchen der Stadt mitspielten . Ihr Hauptmann war ein hübscher bräunlicher Rheinländer von etwas untersetzter Gestalt , mit heitern Augen und treuherzigem Munde , der von krausligem Barte umgeben war . Er hieß bei der Künstlerschaft der Gottesmacher , weil er nicht nur silberne Kirchengeräte von guter Form schmiedete , sondern auch Kruzifixe und Muttergottesbilder sauber in Elfenbein schnitt und zur tieferen Ausbildung in diesen Übungen vom Rheine herübergekommen war . Überall wohlgelitten , bezeigte er keineswegs eine fanatische Gesinnung und wußte eine Menge lustiger Pfaffenstücklein zu erzählen . Dergestalt logierte er in dem katholischen Wesen wie in einer alten Gewohnheit , die nicht zu ändern ist , dachte darüber niemals nach und führte übrigens stets ein Faß eigenen Weines aus der Heimat mit sich , das er schleunigst zum Füllen sandte , wenn es leer geworden . Der Gottesmacher handhabte das Cello , und zwar in der Tracht eines Winzers aus dem Bacchuszuge ; die erste Violine spielte der lange Bergkönig , der seinen Bart beiseite gelegt hatte und nun als ein junger Bildhauer zum Vorschein kam . Er modellierte , wie man sagte , seit zwei Jahren an einer Kreuztragung , konnte aber nicht von einem bekannten klassischen Vorbilde abkommen ; dafür strich er um so fertiger die Geige . Die mittleren Spieler waren zwei Glasmaler ; sie machten an den Kirchenfenstern die prächtigen Teppichmuster und anderes Beiwerk und ließen sich nie einer ohne den andern sehen . Sie waren zu uns aus dem Zug der Nürnberger Zünfte herübergekommen , wo sie unter den Meistersingern gegangen ; ich aber kannte die ganze Musik vom Mittagstische her , den ich in einer billigen Wirtschaft aufzusuchen gewohnt war . Viele gute Brüder lösten sich dort an den stets vollbesetzten Tischen täglich ab ; aber die beiden Glasmaler waren die einzigen , welche ihr Geld in rundlichen wohlverschnürten Lederbeutelchen führten ; denn sie freuten sich ihres bescheidenen , aber sichern Erwerbes , lebten sparsam und verdienten jeden Sonntag einen Extragulden mit der Kirchenmusik . Doch heute taten die vier um der Freude willen ein übriges und lockten mit recht wohlgezogenem Tone das Volk zum Tanze . Bald drehte sich ein halbes Dutzend Paare bequemlich im weiten Raume , darunter Agnes mit Lys , in dessen Arm sie mit erwachender Glückseligkeit dahinschwebte , zum ersten Male seit dem Beginne des ganzen Festes . Das Gebet in der Kapelle schien geholfen zu haben ; freilich gehörten auch so fromme Spielleute dazu , und besonders der Gottesmacher , der die Gestalt mit glänzenden Augen verfolgte , drückte jedesmal , wenn sie in seine Nähe kam , den Cellobogen mit vollerer und doch weicher Kraft auf die Saiten und gab seinem Wohlgefallen auf diese Weise den zierlichsten Ausdruck . Ich saß ausruhend bei einem Krüglein frischen Bieres an einem Tischchen , beobachtete ihn mit Vergnügen und begriff vollkommen , wie dem Arbeiter in Silber und Elfenbein das feine Wesen einleuchten mußte . Nun ging es diesem während ein paar Stunden nach Wunsch ; die frommen Geiger spielten als Freiwillige nicht zu oft , so daß niemand ermüdet wurde und genugsam Zeit zu geruhiger Unterhaltung übrigblieb . Die Sonne ging dem Untergange entgegen , und im Hause begann es zu dämmern ; Erikson erschien an allen Enden gleich einem Haushofmeister und ließ die Lichter anzünden , aufhängen , hinstellen , wie es gehen wollte . Dann verschwand er wieder , um in einem neuern Saale das einfache Abendessen zu ordnen , mit welchem die frohsinnige Witwe ihre Eingeladenen bewirten wollte so gut es sich in der Eile habe tun lassen , teilte der Unermüdliche entschuldigend mit , als ob es bereits seine eigene Angelegenheit wäre . Lys indessen ging ab und zu , sich anderwärts umzusehen ; endlich aber kam er nicht mehr zurück . Wir harrten seiner beinah eine Stunde ; Agnes verhielt sich schweigend und gab mir kaum eine Antwort , wenn ich das Wort an sie richtete ; auch mit andern wollte sie weder plaudern noch tanzen . Zuletzt , da ich sah , daß sie des Wartens müde war und wieder zu leiden begann , schlug ich ihr vor , in die anderen Teile des Hauses zu gehen und zu betrachten , was alles dort vorfiele . Das nahm sie an , und ich führte sie langsam durch verschiedene Räume , wo sich überall einzelne Gesellschaften vergnügten , bis wir in ein Kabinett gelangten , in welchem an zwei oder drei kleinen Tischen behaglich gespielt wurde . An einem derselben saß Lys , der Hausherrin gegenüber und zwischen zwei älteren Herren , und spielte eine Partie Whist ; denn die letzteren gehörten zu Rosaliens Verwandten , welchen sie die Zeit so angenehm als möglich zu vertreiben wünschte , und natürlich hatte sich Lys beeilt , das Opfer mit ihr zu teilen . Er war so glücklich und in seine Lage vertieft , daß er gar nicht bemerkte , wie wir dem Spiele zuschauten und sich noch andere Zuschauer sammelten . Die Partie ging zu Ende ; Lys und Rosalie hatten den alten Herren einige Louisdors abgenommen , was den Unverbesserlichen als ein günstiges Zeichen so bewegte , daß er seine Freude nicht verbergen konnte . Doch Rosalie nahm die Karten zusammen und bat die Spieler , zu welchen auch die von den andern Tischen getreten waren , eine kleine Rede von ihr anzuhören . » Ich habe mich « , begann sie mit artiger Beredsamkeit , » bisher arg gegen die Kunst versündigt , indem ich , obgleich mit Glücksgütern gesegnet , soviel wie nichts für sie getan habe ! Ich bin um so tiefer beschämt , als es mir so gut unter den Künstlern ergeht , und ich glaube auch schon meine Dankbarkeit für die ehrenvolle Anwesenheit so fröhlicher Musenkinder am besten einigermaßen abzutragen , wenn ich endlich beginne , etwas Nützliches zu tun . Nun aber ist es eine bekannte Eigenschaft der Protektoren und Gutesstifter , daß sie für ihre Sache stets Teilnehmer anwerben und möglichst ins Breite wirken müssen , damit das Gute um so mehr Boden gewinne . So hören Sie denn , werte Freunde ! Am heutigen Nachmittage , als ich um das Haus herumging , irgendeinen Dienstboten zu rufen , fand ich in einer verborgenen Ecke des Gartens den jüngsten und zierlichsten unserer Gäste , den Pagen Gold des Herren Bergkönigs , der am Zuge so großmütig seine Schätze ausgestreut hat . Der noch nicht siebzehn Jahre zählende Knabe stand bei seinem Genossen , dem Pagen Silber , einen offenen Brief in der Hand , bleich und entsetzt und schwere heiße Tränen in seinen hübschen Augen zerdrückend . In der offenen und teilnehmenden Stimmung , in der wir uns ja alle befinden , konnte ich mich nicht enthalten , hinzuzutreten und mich nach der Ursache solchen Leidwesens freundlich zu erkundigen . Da vernehme ich , daß schon in den gestrigen Abendzeitungen die Nachricht von einem großen Feuer gestanden hat , welches seit Tagen in der fernen Vaterstadt des trauernden Knaben watet , während wir in unserm Freudengedränge hievon keine Ahnung hatten . Und heute bringt der Silberpage , der in der Morgenfrühe ordentlich schlafen gegangen ist und mittags seinen Freund abholen wollte - denn beide sind Zöglinge unserer Akademie und arbeiten nebeneinander - , heute nachmittags bringt er jenen Brief hier hinaus , wo er den Freund aufgesucht hat . In dem Briefe steht , daß auch die Straße , darin jener geboren und seine alternde Mutter wohnt , bereits in Asche liegt und die Mutter ohne Obdach ist . Ich lasse durch Herren Erikson in der Eile weitere Nachfrage halten . Der blutjunge Mensch , ungewöhnlich begabt , ist in ungewohnt frühem Alter hierhergesandt worden , um mit Hilfe einiger geringer Sparmittel sich frühzeitig emporzubringen , ein Wagnis , welches sich bis jetzt durch den glücklichen Fleiß des Schülers zu rechtfertigen schien . Nun ist alles in Frage gestellt ! Nicht nur sind vielleicht die Existenzmittel durch das Feuer für immer verloren , sondern der arme Gesell kann im Augenblicke nicht einmal hineilen und sein Mütterchen in dem Elend und Wirrsal aufsuchen , weil er die paar Taler , die hiezu dienen würden , an die Kosten dieses Karnevals gewendet hat , überredet von andern , die seine glückliche Knabengestalt nicht entbehren mochten ! und weil er ohnedies gerade einer Sendung von Hause entgegensah , die nun nicht kommen kann . Und eben über seinen vermeintlichen Leichtsinn macht er sich die bittersten Vorwürfe und will in Selbstanklagen vergehen , wie wenn er das entsetzliche Feuer selber angezündet hätte ! Ich habe den unseligen Pagen , dem das Goldausstreuen so schlecht bekommen ist , sogleich veranlaßt , nach seiner Wohnung zu gehen und seine Sachen zu packen ; allein mich dünkt , man sollte trachten , daß er auch wiederkommen und weiterlernen kann , sobald das Mütterchen versorgt und beruhigt ist . Mit einem Wort ich möchte für den Unglücksvogel eine bescheidene Pension stiften , die ein paar Jährchen hinreicht , und hier den Anfang machen ! Ich lege die Karten aus , halte Bank , wie ich es leider an Badeorten gesehen habe , als ich meine seligen Eltern dahin begleiten mußte . Wer verliert , muß es verscherzen ; wer gewinnt , legt die Hälfte des Gewinnes in diese Schale , die den Pensionsfonds vorstellt ! Spielen dürfen nur Nichtkünstler ; Herr Lys ist ausgenommen , der nicht von seiner Kunst lebt , wie ich höre ! « Nach diesen Worten zog sie eine beschwerte Börse und legte sie vor sich auf den Tisch . Dann mischte sie die Karten und rief : » Also machen Sie Ihr Spiel , Herren und Damen ! Rot oder Schwarz ? « Die etwas überraschte Gesellschaft zögerte ein paar Sekunden ; da setzte Lys ritterlich ein Goldstück und gewann . Rosalie zahlte ihm die Hälfte und warf die andere in eine geleerte Zuckerschale , die gerade zur Hand war . » Schönsten Dank , Herr Lys ! Wer setzt weiter ? « sagte sie fröhlich und huldvoll . Ein älterer Mann , den sie mit » Brav , Herr Oheim ! « anredete , setzte ein Zweiguldenstück und gewann auch . Sie legte einen Gulden in die Schale und gab ihm den andern samt seinem Einsatz . Drei oder vier Damen , hiedurch ermutigt , wagten gleichzeitig jede ein Guldenstück und verloren , und Rosalie warf lachend für jede einen halben Gulden in das Gefäß . Die Frauen zu rächen , wie er sagte , legte Lys abermals einen Louisdor hin , worauf einige Herren sich mit doppelten Talerstücken einstellten und auch die Frauen sich wieder mit einzelnen halben , ja ganzen Gulden hervorwagten . Das Gewinnen und Verlieren wechselte ziemlich gleichmäßig , aber stets fiel etwas in die Zuckerbüchse , und wenn auch langsam , wuchs der Pensionsfonds , wie Rosalie es nannte , doch sichtbarlich an . Doch Lys rief jetzt : » Das geht zu sachte voran ! « und setzte vier Goldstücke , den Rest des Bargeldes , das er in seiner Börse trug . » Schönen Dank abermals ! « sagte Rosalie , als sie gewann und die Hälfte in die Schale warf . Es war nicht recht ersichtlich , ob Lys sich mit ihr freute ; doch ergriff er einen Stuhl und setzte sich der schönen Frau gegenüber , indem er rief : » Noch immer besser muß es kommen ! « Er pflegte niemals auszugehen , ohne eine größere Summe Geldes in Noten bei sich zu tragen , einer langjährigen Reisegewohnheit zufolge . Auch jetzt hielt er die Brieftasche in seinen Gewändern irgendwo versorgt , zog sie hervor und legte eine Note von hundert rheinischen Gulden hin , dann , als er sie verlor , die zweite , dritte und so weiter bis zur zehnten , welches die letzte war . Der ganze Vorgang , Zug um Zug , dauerte nicht länger als zwei Minuten , so daß Rosalie mit einem einzigen strahlenden Blicke und einem einzigen Lächeln , das sie , fast ohne zu atmen , auf Lysen gerichtet hielt , ausreichte von der ersten bis zur letzten Note , welche sie ohne Abzug einer Hälfte vorweg in die Schale warf . Die blitzartige Schnelligkeit , mit welcher der Zufall spielte , verlieh der Szene eine eigentümliche Anmut und brachte den Eindruck hervor , wie wenn die rosige Bankhalterin mehr als Brot essen könnte , das heißt geheimnisvoller Künste mächtig wäre . » Wir haben genug ! « rief sie , » tausend Gulden ohne das Bare ! Mehr als fünfhundert Gulden soll ein so junger Bursch im Jahr nicht vertun . Also können wir ihn zwei Jahre durchbringen und wollen das Geld beim Bankier hinterlegen ! Morgen aber soll er vorerst nach Hause reisen ! « Dann malte sie sich und uns die Erkennungsszene aus , welche zwischen der abgebrannten Mutter und dem unverhofft mit Hilfe erscheinenden Sohne stattfinden werde ; sie beschrieb nochmals , wie der blühende Junge , fern von der Heimat , mitten im Jubel eines Maskenfestes von der Schreckenskunde überfallen , verzweifelt dagestanden und mit den bitteren Tränen gekämpft habe . Sie war in ihrer Freude jetzt so schön , daß sie den Höhepunkt weiblichen Reizes erreichte und einen Abglanz ihrer Schönheit auf Lysens Gesicht warf , als sie ihm über den Tisch weg die Hand bot , die seinige drückte und herzlich schüttelte , indem sie sagte : » Freuen Sie sich nicht auch an dem bißchen Sonnenschein , das wir Ihnen danken ? Ohne Ihren raschen Edelmut wäre ja nicht so bald geholfen ! Sie sollen auch unser Vorsteher sein und mich heut abend zu Tisch führen ! « Bei diesen Worten schienen ihre Gedanken eine andere Richtung zu nehmen ; sie erhob sich , bat um Entschuldigung und zog sich zurück . Gleich darauf eilte auch Lys durch die gleiche Türe fort , als ob er etwas Vergessenes zu sagen hätte . Es dauerte eine halbe Stunde , bis Rosalie an Eriksons Arm wieder erschien , um an der Spitze ihrer lustigen Hausbesatzung zu Tisch zu gehen . Lys kam nicht wieder ; man hörte , er sei in das Waldlager hinüber , das er auch noch habe in seiner Lustbarkeit sehen und studieren wollen . Was inzwischen vorgefallen , wurde später ziemlich im Zusammenhange denjenigen bekannt , die von den Dingen in dieser oder jener Weise berührt waren . Lys hatte mit stürmischen Schritten , mit plötzlicher Entschlossenheit die Verschwundene verfolgt und in einem einsamen Zimmer erreicht , wo sie mit einem andern als ihm eine kurze Zwiesprache zu halten dachte . Ihre beiden Hände ergreifend , erklärte er seine ernste und heilige Liebe und forderte sein Lebensglück und seine Ruhe von ihr , die einzig sie ihm geben könne . Sie sei das Weib der Weiber , die göttliche Frau , die immer nur einmal in der Welt sei , schön und hell und heiter , wie der Stern der Venus , klug und gütig und nur sich selber gleich . Er wisse jetzt , warum er sich in Irrsal und Wankelmut umgetrieben , indem er das Beste geahnt und gesucht , aber nicht habe finden können ; aber nun habe er auch die unerbittliche Pflicht und das unveräußerliche Recht , es zu erringen . Keine Rücksicht dürfe ihn hindern , in so entscheidender Stunde den Schritt über die schwanke , schmale Brücke zum Dasein zu tun und ihr das ungeteilte und ganze , von keinen Zufälligkeiten getrübte Leben anzubieten , ein Leben , das die Notwendigkeit , nicht die eiserne , sondern die goldene , selbst sein würde . Denn es sei nicht möglich , daß irgendein Lebendiger sie so zu kennen und zu würdigen vermöge wie er , das fühle er untrüglich und glühend , wie ein lohendes Feuer , eine Glut , die zugleich ein Licht , das Licht des Urteils sei , das gegenseitig sein müsse . Und was solcher großen Worte mehr sein mochten , ihm selbst ungewohnt ; denn er soll dabei so gut und begeistert , ja hinreißend ausgesehen haben , daß es Rosalien unmöglich war , den Überfall mit einer schalkhaften oder verletzenden Wendung abzuweisen , obgleich sie sich schon durch den Anzug , in welchem er heute in ihrem Hause erschienen , unangenehm betroffen fand . Sie entzog ihm erschreckt die Hände , trat zurück und rief : » Bester Herr Lys ! ich verstehe von Ihren geheimnisvollen Reden nur so viel , daß das Licht , das gegenseitige Urteil , von dem Sie sprechen , uns gänzlich fehlt . Ich bin nicht das Weib der Weiber , behüte mich Gott davor , da müßte ich ja die Summe aller Schwachheit sein ! Ich bin ein einfaches , beschränktes Wesen und kann zunächst keine Spur einer Neigung zu Ihnen entdecken , und Sie können mich ebensowenig kennen , da Sie mich vor noch nicht vierundzwanzig Stunden zum ersten Mal gesehen haben ! « Er unterbrach sie jedoch , suchte wieder ihre Hände zu fassen und fuhr fort er kenne sie wohl , samt ihrer Vergangenheit und Zukunft . Eben daß sie in Demut und Verkennung dahingelebt , sei das Wahrzeichen ihrer Bestimmung , siegreich zur Klarheit und zum Glanze ihres Rechtes zu kommen ! Das sei ja das Tiefsinnige in so vielen Götter- und Menschensagen , daß die himmlische Güte und Schönheit in Dunkelheit und Dienstbarkeit niedergestiegen und aus der rührenden Unkenntnis ihrer selbst zum Bewußtsein gerufen worden seien , das Wesenhafte sich aus dem Staube des Unwesentlichen habe befreien müssen . Plötzlich schlug sie die Hände zusammen und rief mit klagendem Tone : » Himmel , welch ein Unglück ! Hätt ich das nur vor acht Tagen gewußt - jetzt ist es wieder einmal zu spät ! Ich bin verlobt , raten Sie , mit wem ? « » Mit Erikson ! « versetzte er mit einiger Heftigkeit . » Ich habe mir ' s halb gedacht ! Aber das tut nichts ! Die echten Schicksalswandlungen gehen über dergleichen hinweg wie ein Morgenwind über das Gras ! Vor dem Entschlusse von heute muß der verjährte Willen von gestern verbleichen . « » Nein ! « erwiderte sie mit Kopfschütteln und scheinbar trauriger Verlegenheit , » ich gehöre zu dem Geschlechte derer , die Wort halten ; ich kann nicht anders , ich gehöre zum Grase ! « Sie schwieg einen Augenblick , wie um sich zu besinnen , während er mit dringlichen Reden wieder begann ; doch sie unterbrach ihn abermals , als ob sie einen guten Gedanken gefunden hätte . » Ich habe gehört oder gelesen von ausgezeichneten Frauen , welche mit unbedeutenden Männern friedlich gelebt , indessen sie aber mit höchst bedeutenden Geistern eine Seelenfreundschaft gepflegt haben , wozu jedoch für den Anfang eine beträchtliche Entfernung gehört , bis das beruhigende Alter die rechte Weihe bringt . Solche Frauen , wenn sie genugsam Kinder geboren und wohl erzogen haben , sollen alsdann nicht selten zum höchsten Verständnis jener Geister sich emporschwingen , da es ihnen nicht mehr an Zeit gebricht , den großen Dingen nachzuleben . Nun sehen Sie , wie schön wir es doch noch einrichten könnten , wenn wir nur wollten . Sollte wirklich etwas so Außerordentliches in mir sein , wie Sie mich bald glauben machen , so kann ich ja einstweilen meinen unbedeutenden Erikson heiraten , Sie entfernten sich für ein paar Jahrzehente - « Sie schwieg nicht ohne Besorgnis , als Lys mit einem schmerzlichen Seufzer auf einen Stuhl sank und vor sich niedersah . Er merkte erst jetzt , daß die reizende Frau ihr Spiel trieb , und da er zugleich sein Kleid gewahrte , mochte er der bedenklichen Lage innewerden , in die seine Schwäche ihn geführt , vielleicht auch zum ersten Mal ihn die Empfindung von der dunklen leeren Stelle in seinem sonst so reichen Wesen überschatten . Ungehört auf den weichen Teppichen des kleinen Zimmers war Erikson schon vor einigen Minuten eingetreten und hinter dem Freunde gestanden , und Rosalie hatte ihre schalkischen Reden in seiner Gegenwart gehalten , die sie mit keinem Zwinkern ihrer Augen verriet . » Aber , närrischer Kauz « , sagte er , indem er jenem die Hand auf die Schulter legte , » wer wird denn seinen Kameraden die Bräute wegschnappen ? « Lys schnellte sich herum und sprang auf . Zur Rechten sah er die Frau , zur Linken den Nordländer stehen , die sich zulächelten . » Da ! « sagte er mit Lippen , die nicht nur von Reue und Verlegenheit , sondern auch ein wenig von Herzenstrauer verbittert schienen , » da hab ich ' s nun ! Das ist die Folge , sobald man sich einmal selbst hingibt . Nun erfahr ich , wie es tut , wenn einer in die Verbannung geht . Ich wünsch euch übrigens Glück ! « Damit wandte er sich rasch und ging fort . Als es später zur Tafel ging , welche zu einem mehr traulichen als prunkenden Mahle gerüstet war , und Lys nicht wieder erschien , fiel mir abermals die Sorge für die gute Agnes anheim . Sie hatte , lautlos neben mir stehend , dem Spiele zugeschaut , dann während der langen Pause meinen Arm ergriffen und war mit mir herumgegangen , ohne ein Wort zu sagen . Ich hatte noch in keiner Weise mit ihr über ihre Sache und ihren Zustand zu reden gewagt und fühlte auch kein Bedürfnis oder Geschick dazu ; aber ich spürte wohl , wie es in ihrem Busen fortwährend arbeitete , zornige und wehmütige Seufzer sich bekämpften und miteinander zerdrückt und hinuntergepreßt wurden . Ich begleitete sie an den Tisch und kam an ihre Seite zu sitzen . Als jetzt Erikson eine kurze Rede hielt , das Ereignis der Verlobung verkündigte und die Bitte beifügte , die fröhliche Gesellschaft möchte sein Glück bei dieser guten Gelegenheit mitfeiern helfen , hörte ich , wie Agnes mitten im Geräusch der allgemeinen Überraschung , des Gläserklingens und Hochrufens tief aufatmete . Wie von einer Last befreit , saß sie einige Minuten in sich gekehrt ; doch da Lys nicht wieder zum Vorschein kam , half ihr ja alles nichts ; sein Abfall trat durch den Vorgang , den sie ahnte , nur um so heller ins Licht , und ihre einfache Seele war nicht geartet , auf sein Mißgeschick neue Pläne zu gründen . Doch bezwang sie ihren Kummer und hielt tapfer aus , ohne nach Hause zu begehren . Sie folgte mir sogar , als ich sie zum Anschlusse einlud , da sich alle von ihren Plätzen erhoben , um an der bräutlichen Wirtin glückwünschend und grüßend vorüberzuziehen . Rosalie war zunächst von ihren Verwandten umgeben , welche von der unerwarteten Verlobung nicht sonderlich erfreut schienen und ziemlich ernsthafte Gesichter machten ; denn die kluge Frau hatte den Tag benutzt , sie in die Falle zu locken und sie zu zwingen , ihrem Verlobungsfeste in ehrbarer Weise beizuwohnen , ohne daß sie , schon der Menge der Gäste wegen , den geringsten Widerstand zu leisten vermochten mit unwillkommenen Warnungen oder Ratschlägen . Um so lieblich heiterer nahm sich die Zufriedene unter den verdrossenen Vettern und Basen aus . Nun war es aber ein ergreifender Anblick , wie in der bunten Reihe der vielgestaltigen Gäste auch die Agnes herantrat und das verlassene Weib dem siegreichen seinen Gruß darbrachte . Sie beugte sich nieder und küßte der Braut die Hand wie das demütige Unglück dem Glücke . Rosalie sah sie betroffen an und drückte ihr dann teilnehmend die Hand . Sie hatte das Mädchen ganz vergessen , wie sie in diesem Augenblick auch den schlimmen Lys schon vergessen , und man konnte bemerken , daß sie sich irgend etwas vornahm ; allein die nächste Sekunde entführte ihr das weitereilende Trauerwesen und gab sie selbst ihrer glückseligen Zerstreuung zurück . Nachdem alle Gäste ihre Plätze wieder eingenommen und eine gleichmäßige , schließlich auch von den doch lebelustigen Vettern geteilte Heiterkeit sich eingestellt , gab es bald einen neuen Unterbruch . Die Kunde von dem Glückswechsel eines Genossen war rasch in das große Lustlager im Walde gedrungen , wo die unverwüstliche Jugend noch immer hauste . So marschierte denn jetzt mit Trommel und Pfeife und fliegender Fahne ein Zug Landsknechte zur einen Türe herein , während in der anderen eine Schar lustiger Zunft- und Handwerksgesellen mit ihrer Musik erschien . Beide Parteien zogen um die Tafel herum , mit Hüteschwingen und lautem Zuruf , und führten sich auf biedere Art zu einem Ehrentrunk ein . Die bisherige Ordnung ward dadurch aufgehoben , und Erikson hatte samt den Hausbedienten genug zu tun , den Zuwachs unterzubringen , der so ziemlich alle Räume füllte . Doch ging alles mit froher und guter Laune vonstatten , die Denkwürdigkeit des Tages steigerte sich zusehends . Ich fragte Agnes , was sie vornehmen wolle , ob sie nach Hause zu kehren oder noch zu bleiben wünsche ? Mir wäre das erstere nicht unwillkommen gewesen ; denn so lieblich und ehrenvoll mich die fortgesetzte Obhut eines so unschuldig