rut . « Die Krügersfrau , die noch beim Abtrocknen war , nahm eine kleine Laterne vom Brett , steckte den Lichtstumpf an , hakte wieder ein und folgte dem Knecht auf die Straße . So traten sie an die Rückseite des Schlittens , der nur zwei Korbwände hatte , nach hinten zu aber offen war . Der Knecht schob ein Strohbündel , das als Decke gedient haben mochte , zurück , und die Krügersfrau leuchtete nun in den Schlitten hinein . Aber die Laterne fiel ihr aus der Hand , und sie tat einen Schrei . Dann lief sie wieder in das Haus , rüttelte den Mann , der in dem Alkoven nebenan eingeschlafen war , und rief : » Steih up , Drews . Kumm , mach flink . Ick gloob , he is all dood . « » Wihr , wihr ? « fragte der Krüger , aus dem Schlaf auffahrend . Aber die Frau war schon wieder an der Tür . » Jott , Jott , wihr sall et sinn ... ? De jungsche Herr von Hohen-Vietz . « Vierter Band Wieder in Hohen-Vietz Erstes Kapitel In Bohlsdorf Es war drei Tage später . In dem hinter der Gaststube gelegenen Alkoven saß die Bohlsdorfer Krügersfrau und beugte sich über ihr Kind . Sie sang es in Schlaf , aber mit leiser Stimme , und in noch leiserer Schaukelbewegung ging die Wiege . Es hätte dieser Vorsicht nicht bedurft , denn der Kranke , dem sie galt und der über dem Alkoven gebettet war , lag nun schon den dritten Tag in einem schweren Schlaf und war taub und tot gegen alles , was um ihn her vorging . Ein Arzt war noch nicht zu beschaffen gewesen , aber an Pflege gebrach es nicht , wenn man einem bloßen Aufmerken und Abwarten , dem sich seit dem gestrigen Tage zwei Frauen unausgesetzt unterzogen , diesen Namen geben konnte . Mittag war vorüber . Es mochte die zweite Stunde sein , die schon wieder sinkende Sonne schien durch das Fenster einer kleinen Giebelstube , und ein freundlicher Glanz , als ging ' er von dem Kranken selber aus , war um diesen her . » Seine Stirn ist feucht « , sagte die Schorlemmer . » Geh , Renate , und ruhe dich aus . Eine Viertelstunde nur . « » Ich bin nicht müde . « » Du mußt es sein . Geh . « Und sie ging . Aber nicht , um zu ruhen , sondern um einen Brief , den sie versprochen hatte , nach Hohen-Vietz hin zu schreiben . Das Stübchen , das gleich nach ihrer Ankunft als Wohn- und Schlafzimmer eingeräumt worden war , lag an der andern Giebelseite des Hauses und zeigte noch jenes Durcheinander , das der erste Moment der Ankunft immer zu geben pflegt . Zum Ordnen und Aufräumen war eben noch nicht Zeit gewesen . Auf zwei Stühlen stand der geöffnete Reisekoffer , während auf eins der beiden Betten hin Muffen und Mäntel samt allerlei Shawls und Tüchern geworfen waren . Renate schien auch jetzt noch kein Auge für diese Dinge zu haben , ließ alles liegen , wie es lag , und rückte nur den Tisch , um besseres Licht zu haben , an den Fensterpfeiler . Dann schob sie die rote Leinwanddecke , in die ein radschlagender Pfau weiß eingemustert war , ziemlich unsorglich beiseite und nahm ein Karlsbader Schreibnecessaire aus dem Koffer , das , wenn man es aufklappte , ein schräges Pult bildete . Aber die Tinte war fest eingetrocknet , so fest , daß selbst ein paar Tropfen Wasser nicht helfen wollten . So mußte denn anderweitig Rat geschafft werden . Sie nahm aus ihrem Notizbuch ein dünnes Bleistiftchen , das natürlich abgebrochen war , gab ihm eine Spitze , so gut es ging , und schrieb nun in Schriftzügen , deren schwer entzifferbare Form nur noch von ihrer Blässe übertroffen wurde , das Folgende : » Bohlsdorf , den 1. Februar Liebe Marie ! Wir sind gestern um die vierte Stunde hier angekommen und fanden unseren Kranken in einem tiefen Schlafe , der auch jetzt noch anhält . Wie tief dieser Schlaf ist , zeigte sich heute früh . Ich stieß ein neben dem Ofen stehendes Schüreisen um und erschrak , denn es gab einen großen Lärm ; aber Lewin öffnete die Augen nur , um sie sofort wieder zu schließen . Übrigens schien er mich erkannt zu haben ; ich sah ihn lächeln , freilich nur wie im Traum , denn der Schlaf hatte gleich wieder Gewalt über ihn . Wir erwarten jeden Augenblick Doktor Leist , und diese Zeilen sollen nicht eher fort , als bis wir ihn gehört haben . Wie dies alles so gekommen ? Ich habe nur wenig mehr erfahren , als wir schon wußten . Und Du mit uns . Ein Knecht fand ihn besinnungslos am Wege , lud ihn auf seinen Schlitten und gab ihn hier in Bohlsdorf ab . Die Krügersleute haben sich seiner angenommen und ihn gehegt und gepflegt . Er liegt in einer Giebelstube ; Tante Schorlemmer und ich bewohnen die andere ; nur der Bodenflur ist zwischen uns . Warum er Berlin verlassen hat , um in Wind und Wetter bis hierher zu kommen , darüber hab ich nur Vermutungen . Und auch diese kaum . Es muß etwas Plötzliches gewesen sein , denn er war leicht gekleidet und trug nur Rock und Filzkappe , trotzdem es eine naßkalte Nacht war . Eine Stunde früher , als der Knecht ihn fand , hat ihn der Bohlsdorfer Amtmann , der mit seiner jungen Frau von einem der Nachbardörfer kam , auf den Chausseesteinen sitzen sehen . Die junge Frau ( sehr hübsch ) war heute vormittag bei mir und hat mir von der Begegnung erzählt . Sie habe sich vor ihm wie vor einer Erscheinung erschrocken . Dann sei er aufgesprungen und ihrem Wagen zwischen den Pappeln hin eine lange Strecke gefolgt . So wenigstens habe sie zu sehen geglaubt ; sicher sei sie nicht . Du siehst , alles ist dunkel und rätselvoll . Die junge Frau , die wohl eine halbe Stunde hier war , überraschte mich durch eine Ähnlichkeit mit Kathinka , selbst in ihrer Art , sich zu kleiden . So trug sie , um nur eines zu nennen , eine polnische , mit weißem Pelz besetzte Mütze . Ach , Marie , wie hat sich alles um uns her geändert ! Ich sehne mich jetzt nach den stillen Hohen-Vietzer Tagen zurück , die ich so oft verklagt habe . Von allen Seiten drängt es heran , und ich erkenne , wie mein Herz zu schwach und zu klein ist , allem , was geschieht , sein zuständig Teil zu geben . In ruhigen Zeiten hätte mich der plötzliche Tod der Tante betrübt oder doch beschäftigt , jetzt vergehen Stunden , ohne daß ich daran denke . Nur an Dich denke ich viel , immer . Ich erwarte noch heut ein paar Zeilen aus Guse ; Papa hat sie mir zugesagt . Das Begräbnis der Tante vermute ich morgen ; ihm beizuwohnen , daran ist nicht zu denken ; ich kann hier nicht eher fort , als bis wir Lewin außer Gefahr wissen . Und ehe nicht der alte Leist ... Aber da hör ich seine Stimme laut und eindringlich auf der Treppe . Alles wispert im Hause , selbst die Knechte , die kommen , werden zur Ruhe bedeutet und fügen sich dem Zwang ; nur alte Doktoren haben in ihrem Sprechen und Auftreten das Vorrecht der Zwanglosigkeit , und der alte Leist macht keine Ausnahme . Ich schließe vorläufig und will nur hören , was er sagt . « Renate schob das Blatt unter das Schreibnecessaire und traf den Doktor bereits am Bette drüben . Er sah mit seinen zwei Pelzhandschuhen , die an einer dicken Schnur rechts und links über den Mantelkragen hingen , abenteuerlich genug aus und grüßte mit der einen freien Hand , während er mit der andern den Puls des Kranken zählte . Er schien zufrieden , befühlte noch Stirn und Schläfe und sagte dann : » Lassen wir ihn allein ; er braucht uns nicht . « Damit verließen alle drei den ruhig Weiterschlafenden und gingen in die Frauenstube hinüber , wo nun der Alte seinen Mantel ablegte , während Renate über alles Kleine und Große , was die Auffindung Lewins begleitet hatte , in ähnlicher Weise wie in ihrem Briefe an Marie zu berichten begann . » Sehr gut , sehr gut « , unterbrach sie der offenbar ziemlich unaufmerksame Doktor und fuhr dann , nachdem er auf einem Binsenstuhl Platz genommen und sich die breiten , braunfleckigen Hände behaglich gerieben hatte , in vertraulichem Tone fort : » Und nun , mein Renatchen , ehe wir weiterplaudern , bitt ich um einen Kaffee , das heißt , mit Permission , um einen Cognac-Kaffee . Den Milchkaffee habe ich abgeschworen . Das ist nichts für einen alten Doktor mit Landpraxis . « Tante Schorlemmer ging , um das Gewünschte herbeizuschaffen ; der alte Leist aber , der , wie alle Doktoren , auch wenn sie nicht beim Feldscher begonnen haben , gerne sprach und Anekdoten erzählte , um das ewige Einerlei der Krankengeschichten loszuwerden , wiederholte , als die Schorlemmer hinaus war , seine letzten Worte und setzte dann erklärend hinzu : » Sehen Sie , mein Renatchen , mit dem milchernen ist es nichts . Ich meine den Kaffee . Sonst laß ich auf das Milcherne nichts kommen , denn es ist die höhere Stufe . Aber was ich sagen wollte . Sehen Sie , dies Franzosenvolk ist sonst nicht mein Gustus , und ihre Guillotinenwirtschaft , was sie damals La Terreur oder , wie wir sagen , den Schrecken oder den Terrorismus genannt haben , das kann ich ihnen nicht vergessen ; aber , der Wahrheit die Ehre , mit dem Cognac-Kaffee , da haben sie ' s getroffen . Es gibt so Sachen , worin sie uns überlegen sind . « Renate rückte ungeduldig hin und her ; der alte Leist indessen schien es nicht zu bemerken und fuhr fort : » Und es ist eigentlich nicht mehr und nicht weniger als meine Pflicht und Schuldigkeit , daß ich mich ehrlich dazu bekenne . Denn ohne diesen Cognac-Kaffee wär ich nicht mehr am Leben und säße nicht in diesem hübschen Bohlsdorfer Krug . Sie haben von Anno 93 gehört , oder Quatre-vingt-treize , wie die Franzosen sagen . Sie lieben alles , was einen Schnepper hat und so ins Ohr klingt , als ob es was Apartes wäre . Und sehen Sie , damals hatten wir ja den Champagnefeldzug , und ich war auch mit , mitsamt meiner Grenadiercompagnie von Alt-Larisch . Nun ja , Champagne , das klingt ganz gut , und wer es nicht besser weiß , der denkt sich lauter bauchige Weinflaschen und einen blanken Pfropfen , der mit einem Knall an die Decke springt . Aber , du himmlische Güte , wir haben die Champagne ganz anders kennengelernt . Es regnete Tag und Nacht , immer Biwak und im Freien kampiert auf Kalk- und Lehmboden , der das Wasser nicht durchläßt , und ehe vier Wochen um waren , lag die halbe preußische Armee nicht mehr im Biwak , sondern im Lazarett . Und der alte Leist , trotzdem er ein Doktor war , hätte auch darin gelegen , wenn er sich nicht gehütet hätte . Denn der kannte die Lazarette , und weil er sie kannte , kroch er lieber beiseite und schleppte sich bis an ein alleinstehendes Bauernhaus , in dessen Tür er , mit Permission , eine dicke , alte Französin stehen sah . Und die hatte Mitleid mit ihm und nahm ihn auf . Und um es kurz zu machen , sie packte mich in ein turmhohes Bett , und als ich nun einen Schüttelfrost kriegte und meine Zähne , soviel ihrer noch waren , vor Kälte zusammenschlugen , da brachte sie mir einen Cognac-Kaffee , eine Tasse , zwei Tassen , ich weiß nicht , wieviel ich getrunken habe . Aber das weiß ich , daß ich den dritten Tag wieder auf den Beinen war . Und seitdem trink ich ihn in allen schweren Lebenslagen , wohin ich auch sieben Meilen bei zehn Grad Kälte rechne , erstens aus Dankbarkeit , zweitens aus Vorsicht und drittens , weil er mir schmeckt . « In diesem Augenblick trat die Schorlemmer wieder ein , und die Krügersfrau mit dem geforderten Kaffee folgte . Neben der Tasse stand ein Glas . Der Doktor liebäugelte damit , schwankte zwischen Anstand und Begehrlichkeit , unterlag aber wie gewöhnlich der letzteren und leerte das Glas auf einen Zug . Der Mischungsprozeß war unterblieben . Renate , deren anfängliche Ungeduld bei dem Geplauder des Alten eher geschwunden als gestiegen war , sah ihm lächelnd zu und sagte dann , ihre Hand auf seinen Arm legend : » Aber nun , lieber Doktor Leist , wie steht es mit unserem Kranken ? Ist Gefahr ? « » Gefahr , Gefahr « , antwortete der Alte im Tone scherzhaften Vorwurfs , » werde doch nicht von Anno 93 sprechen , wenn Gefahr wäre ! Nein , mein Renatchen , wenn dem alten Leist so was Bitteres auf der Zunge liegt , da schmeckt ihm nichts , und wenn es ein Cognac-Kaffee wäre . Wie es mit ihm steht ? Gut steht es . Er schläft sich gesund . Nichts von Gefahr . Überreizung der Nerven . Das ist alles . « Renate schwieg . Sie wollte nicht weiter forschen , da sie den Zusammenhang der Dinge zu ahnen begann . Die Schorlemmer aber , die nichts von solchen Zuständen wußte , fragte halb ärgerlich : » Nervenüberreizung ; was soll das ? Woher ? « » Ja , mein liebes Tantchen « , antwortete Leist , » das ist mehr , als ein armer Doktor wissen kann . Der muß schon froh sein , wenn er erkennt , was er vor sich hat . Woher es kommt , darauf kann er sich nicht einlassen . Das weiß eben nur der Kranke selbst . Und unser Lewin wird es schon wissen und sich eines Tages unser aller Neugier erbarmen , denn eine rechte Neugiersgeschichte ist es , dessen bin ich sicher . « Und dabei schmunzelte der Alte so listig vor sich hin , als ob er den ganzen Liebesroman von Anfang bis Ende gelesen hätte . » Aber nun Verhaltungsbefehle ! « sagte Renate , » was tun wir ? « » Wir warten . Das ist überhaupt das Beste , was der Mensch tun kann . Zeit , Zeit . Die Zeit bringt alles . Dem Kranken bringt sie Gesundheit . Wir warten also . « » Und wie lange noch ? « » Ja , das ist nun wieder so eine Frage . Aber rechnen wir nach . Heute ist der dritte Tag . Ich denke , den fünften Tag , also übermorgen . Übermorgen wird er ausgeschlafen haben und wird irgend etwas wollen , vielleicht einen gerösteten Speck oder ein Zwiebelfleisch . Was es aber auch sein mag , er muß es haben , denn was dann spricht , das ist die Stimme der Natur , die durchaus gehört werden will . « » Ach , wie freue ich mich « , sagte Renate , » meinen Brief mit so guten Nachrichten schließen zu können ! Ich schrieb , als Sie vorfuhren , eben an Marie Kniehase . Wissen Sie , Doktor , Sie könnten mir die letzten Zeilen diktieren . « » Das will ich « , sagte der Alte , » und will auch den Briefträger machen , denn ich fahre über Hohen-Vietz . Haben Sie alles ? « » Alles . « » Nun denn schreiben wir : ... Eben ist Doktor Leist hier und versichert uns , es sei keine Gefahr . In zwei Tagen wird unser Kranker außer Bett und in einer halben Woche so gut wie genesen sein . Dies alles schreib ich nach dem Diktat des Alten , der diesen Brief selbst mitnehmen will . Punktum , Gedankenstrich . Deine Renate « Renate sprang auf , schob in heiterer Laune dem Doktor das Blatt zu und sagte : » So , nun haben wir es schwarz auf weiß , und Sie müssen nur noch darunterschreiben beglaubigt und Ihren Namen . Aber keinen Doktorkrickelkrakel , sondern deutlich und leserlich für jedermann . « Der Alte tat , wie ihm geheißen . Dann erhob er sich , und während ihm Renate wieder in seinen schweren und vielkragigen Mantel hineinhalf , schloß er seinen Besuch mit den Worten : » Und nun noch eines , ihr Damen . Ich muß die Gesunden bitten , sich über den Kranken nicht zu vergessen . Sonst vertauschen wir bloß die Rollen . Also keine Allotria wie Nachtwachen und andere Überflüssigkeiten . Tantchen , ich mache Sie verantwortlich . Und übermorgen sehe ich wieder nach . Und nun Gott befohlen . « Sie begleiteten ihn treppab bis an den Wagen , der unter dem Vorbau hielt . Bald zogen die Pferde an , und Renate und die Schorlemmer grüßten dem Alten nach . Eine rechte Sorge war von ihnen genommen ; er hatte so zuversichtlich gesprochen . Gegen Abend kam eine alte Wartefrau , um sie am Bette des Kranken abzulösen , und beide gingen nun in ihre Giebelstube hinüber , um nach zwei schlaflosen Nächten eine ruhige Nacht zu haben . Renate war müde , Tante Schorlemmer aber rüstig und beweglich wie immer . Sie setzte sich zu ihrem Liebling und zeigte sich geneigt , noch eine Viertelstunde zu plaudern . » Wie mag es in Guse aussehen ? « fragte Renate . » Ach , liebe Schorlemmer , ich sorge mich , von der Tante zu träumen . « » Du wirst es nicht . « » Und wie sie nur gestorben sein mag « , fuhr Renate fort . » Ich glaube nicht , daß sie einen christlichen Tod gehabt hat . Und nun sehe ich sie im Sarge liegen , blaß , mit ihrer schwarzen Witwenhaube , und die Schnebbe daran noch tiefer in die Stirn gerückt als gewöhnlich . Und vor diesem Bilde fürchte ich mich . Es mag nicht recht sein . Aber dir darf ich es sagen , liebe Schorlemmer , daß ich lieber hier in Bohlsdorf als in Guse bin . Ist es ein Unrecht ? « Die Schorlemmer streichelte ihr die Hand und sagte : » Wenn es ein Unrecht ist , mein Renatchen , so ist es ein kleines . Ich weiß wirklich nicht , ob es unsere Christenpflicht ist , einem Toten ins Gesicht zu sehen . Und sie hatte etwas Unheimliches . Alle , die Jesum verachten , haben nichts von seinem Gnadenschein . « » Und was nun aus Guse wird ? Es war Allod , und als Kaufgut fällt es nicht an die Pudaglas zurück . « » Ich wüßte schon einen Erben . « » Welchen ? « » Renate von Vitzewitz . Aber du hättest dann einen andern Namen . « » Geh doch . Was du nur sprichst . Ich armes Fräulein und das schöne Gut . « » Ja , mein Renatchen , die Menschen sind nicht immer , was sie scheinen , und während du glaubst , daß ich nur an Grönland und Neu-Herrnhut denke , denk ich an ganz andere Dinge . Ich habe auch so meine kleinen Passionen und verheirate die Menschen gern , und wenn ich so in die Zukunft sehe , da seh ich nichts als ... « » Nun ? « » Nichts als Hochzeitszüge , kleine und große : du , Marie , Maline . Selbst für die Eve hab ich schon gesorgt , trotzdem sie hochfahrend ist und es eigentlich nicht verdient . « » Und Kathinka ? « » Nein , Kathinka nicht . Die tut alles selbst und braucht meine Vorsorge nicht . « » Ach , wie beneid ich dich , daß du so Hübsches denken kannst . Ich sehe keinen Hochzeitszug . Und jetzt , wo ich mir einen solchen vorstellen will , seh ich ihn schwarz . « » Das ist , weil du mit deinen Gedanken in Guse bist . « » Ich glaube , daß du recht hast , wenigstens wünsche ich es . Ach , wie lieb ist es , daß du bei mir bist . Ich muß an den Abend vor Silvester denken , wo du mir die Gespensterfurcht wegerzähltest . Es war die Geschichte von Kajarnak , dem ersten Getauften ; du siehst , ich habe den Namen gut behalten . Aber nun will ich schlafen . Sage mir noch eines von euren Liedern , ein recht hübsches , keins von den süßen mit Lämmlein und Englein . Die kann ich nicht ertragen . « » Nun , dann wollen wir ein recht festes und kerniges nehmen « , sagte die Schorlemmer : » Schau von deinem Thron , Vater , Geist und Sohn . « Renate nickte zustimmend , und die Alte fuhr mit immer leiser werdender Stimme bis an die dritte Strophe fort : » Reinige mein Herz Auch mit meinem Schmerz ; Gib , daß sich mein Eigenwille Ruhig in dem deinen stille ; Alles , was noch mein , Eigne dir allein . « Sie sprach nicht weiter . Renate hatte die Hände gefaltet , lächelte und schlief . Zweites Kapitel Eine Begegnung Die Sonne des nächsten Vormittags schien hell auf die Bohlsdorfer Dächer . Renate war bei der Amtmannsfrau gewesen , um ihr einen Gegenbesuch zu machen , und kam eben von dem Gutshofe zurück , als sie ein herrschaftliches Fuhrwerk vor dem Kruge halten sah . Der Herr , dem es gehörte , ging inmitten der Dorfgasse auf und ab . Er war von hoher Gestalt , trug Pelzrock und Pelzstiefel und sah von Zeit zu Zeit nach dem Kirchturm hinauf , dessen grotesk geformte Schneehaube seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen schien . Im Näherkommen erkannte Renate den alten Geheimrat . » Onkel Ladalinski ! « rief sie und eilte ihm entgegen . Der Geheimrat war ersichtlich befangen , und eine kurze Pause folgte den ersten Begrüßungsworten , bis Renate fragte : » Du bist auf dem Wege nach Guse ? « » Ja , liebe Renate ; zum Begräbnis der Tante . Aber was führt dich in dieses Dorf ? Ich erwartete , dich in Guse zu sehen , dich und Lewin und den Papa . « » Du wirst nur den Papa in Guse treffen ; Lewin ist hier . « » Lewin ist hier ? « » Ja , krank und bewußtlos ; nun schon den vierten Tag . Die Leute schickten uns einen Boten . Es war denselben Morgen , wo die Nachricht von dem Tode der Tante kam . Papa fuhr nach Guse , ich nach hier . Die Schorlemmer begleitete mich , und wir fanden Lewin , wie wir nach allem , was uns der Bote gesagt hatte , erwarten mußten . Er lag in tiefem Schlaf . Alles ist in Dunkel , und wir raten hin und her , was ihn in naßkalter Nacht von Berlin fort und hierher geführt haben mag . Ein Knecht fand ihn wie tot neben den Chausseesteinen . « Der Geheimrat schwieg eine Weile ; dann nahm er Renatens Arm und sagte : » So weißt du von nichts ? Ach , Kind , welche Tage haben wir durchlebt ! Kathinka ist fort , und wir werden sie nicht wiedersehen . « Das also war es . Renate sah nun klar , schien aber weniger überrascht , als der Geheimrat bei seinen letzten Worten erwartet haben mochte . » Kann ich Lewin sehen ? « fragte dieser . » Ja ; er liegt oben . « Sie stiegen nun die schmale Treppe hinauf und fanden die Schorlemmer am Bette des Kranken . Sie wollte das Zimmer verlassen , aber der Geheimrat bat sie zu bleiben . Lewin schlief mit einem Ausdruck , als ob er sich dieses Schlafes freue , und der alte Ladalinski war durch den Anblick erschüttert . Über ihn , seit jenem Tage , war kein erquicklicher Schlaf gekommen . Er nahm des Kranken Hand und sagte : » Er wird genesen « , und in dem schmerzlichen Ton , in dem er diese Worte sprach , klang es begleitend mit : » Ich nicht . « So verließen sie wieder das Haus und kehrten auf die Dorfgasse zurück , wo sich inzwischen alt und jung um den Chaisewagen und das verdrießlich über die Ledertrommel ( als ob es eine Logenbrüstung wäre ) hinwegblickende Windspiel versammelt hatte . » Ich spräche gern noch ein paar Worte mit dir « , sagte der Geheimrat und wies mit leiser Kopfbewegung auf die Dorfleute , die jetzt ihre neugierigen Blicke mehr auf das herzutretende Paar als auf den Wagen zu richten begannen . » Laß uns in die Kirche gehen « , erwiderte Renate , » die Tür ist offen . « Er war es zufrieden . Sie stiegen über die halbverfallene Feldsteinmauer und schritten , an ein paar Gräbern vorbei , auf dieselbe Seitentür zu , durch die Lewin am Weihnachtsheiligabend eingetreten war . In der Kirche war alles öde ; nur auf den schwarzen Tafeln standen noch die Nummern der Gesangbuchverse , die man am letzten Sonntag gesungen hatte . Ein scharfes Seitenlicht fiel auf das Altarbild : eine Kreuzigung . Maria und Johannes fehlten , und nur eine Magdalena lag auf den Knien und hielt das Kreuz umfaßt . Es war ein häßliches Bild aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts , am häßlichsten die Magdalena . Sie trug ein hohes Toupet von rotblondem Haar , in das große Perlen eingeflochten waren . Der Ausdruck sinnlich und roh . Den Geheimrat verdroß es ; er wandte sich ab und suchte nach einem Platz in der Kirche , der ihm Sicherheit vor diesem Anblick gewähren mochte . Er fand ihn auch . Zur Seite des Altars , in eine Ecke geschoben , standen vier alte Chorstühle , die , nach ihrem Schnitzwerk zu schließen , noch aus der katholischen Zeit stammten und bei einer Renovierung der Kirche hier seitab ein Unterkommen gefunden hatten . Der alte Ladalinski zeigte darauf hin , und sie nahmen die beiden vordersten ein . Jeder scheute sich , von Kathinka zu sprechen . So stockte das Gespräch , noch ehe es recht begonnen . Endlich faßte sich Renate und sagte : » Ich vermisse Tubal ; er war der Liebling der Tante , und nun fehlt er an ihrem Grabe . « » Und doch war es ein richtiges Gefühl , was ihn zurückhielt « , erwiderte der Geheimrat . Renate sah ihn fragend an . » Ein richtiges Gefühl « , wiederholte dieser nach einer Pause , » das Gefühl einer Mitschuld . Ach , meine teure Renate , die Schuld , die wir auf uns laden , tragen wir nicht allein . Andere sind gezwungen , sie mitzutragen . Und Tubal empfindet das . Er wollte niemand von euch sehen , nicht Lewin und nicht dich . « » Und doch hätt er sich überwinden sollen « , sagte Renate . » Und daß er es nicht tat , Onkel Ladalinski , das kann ich ihm nicht zum Guten rechnen , wenigstens nicht zum Guten allein . Er gab einem feinen Gefühle nach und mißtraute dem unsrigen . Das war nicht recht , sonst hätt er wissen müssen , daß wir solche Mitschuld nicht gelten lassen und ihr Bekenntnis nicht annehmen würden . « Sie schwieg einen Augenblick ; dann fragte sie , wie um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben : » Weißt du , wie die Tante starb ? « » Nein , ich hörte nichts . Alles , was ich erfuhr , erfuhr ich aus einer kurzen Anzeige deines Vaters . Ich war erschüttert , denn sie hatte meinem Herzen nahegestanden , und ich mußte mich aufrichten an der Vorstellung dessen , was ihr durch diesen raschen und unerwarteten Tod erspart geblieben ist . Denn sie liebte nicht , ihre Pläne durchkreuzt zu sehen . So durchkreuzt ! « Er schwieg eine Weile und setzte dann hinzu : » Und ihre Pläne , Renate , waren meine Wünsche . Alles , was davon noch übrig ist , leg ich in deine Hand . « Renate blickte vor sich hin und errötete . Dann aber sagte sie rasch und in beinahe heiterem Tone : » Oheim Ladalinski , laß mich offen sein . Ich darf es . Du pochst nicht an die rechte Tür , und du weißt es auch ; was du freundlich in meine Hand legen möchtest , das liegt in einer anderen . « » Nein , Renate , es liegt bei dir . Ein Herz zwingt das andere . Und ich weiß ... « Sie schüttelte den Kopf und wollte antworten ; aber beide hörten jetzt draußen ein Kratzen an der Tür , und im nächsten Augenblicke kam das Windspiel den Mittelgang der Kirche herauf , stellte sich , mit unruhiger Kopfbewegung , bellend und klingelnd vor den Geheimrat und lief dann wieder auf den Seiteneingang zurück , immer sich umblickend , ob sein Herr auch folge . » Kutscher und Diener werden ungeduldig « , sagte der alte Geheimrat ; » wir müssen abbrechen . « Damit verließen beide die Kirche und schritten wieder über den Kirchhof auf den Wagen zu , in den das Windspiel eben hineingehoben wurde . Der Geheimrat nahm seinen Platz neben demselben und streichelte es , während er die Rechte Renaten zum Abschied reichte . » Ich danke dir für unser Gespräch ; behalt es in gutem Gedächtnis .