Reich , König Witichis , und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind . « Groß war der Eindruck dieser Tat Hildebrands auf das Heer , größer noch auf den König . Witichis fühlte das Gewicht , das durch dieses Opfer jede Forderung des Alten gewonnen hatte . Und mit dem Gefühl , daß jetzt jeder Widerstand viel schwerer geworden , kehrte er in sein Zelt zurück . Und Hildebrand benutzte seinen Vorteil , die Stimmung . Er trat am Abend mit Teja in das Zelt des Königs . Schweigend , Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett ; auf dem Tisch vor ihnen stand die schwarze Urne , daneben lag eine Goldkapsel nach Art der Amulette an blauem Bande : die kleine römische Bronzelampe verbreitete nur trübes Licht . Als Hildebrand dem König die Hand reichte , sah ihm dieser ins Antlitz : ein Blick sagte ihm , daß Hildebrand mit dem festen Entschluß eingetreten sei , jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden Preis . Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des bevorstehenden Seelenringens durchschauert . » Frau Rauthgundis , « hob der Alte an , » ich habe Hartes mit dem König zu reden . Es wird Euch kränken , es zu hören . « Die Frau erhob sich , aber nicht um zu gehen . Der Ausdruck tiefen Schmerzes und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen , festen Zügen eine edle Weihe . Sie legte , ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen , leise die Linke auf seine Schulter . » Sprich nur fort , Hildebrand , ich bin sein Weib und fordre die Hälfte dieser Härte . « » Frau , « mahnte der Alte nochmal . » Laß sie bleiben , « sprach der König , » fürchtest du , ihr ins Angesicht deine Gedanken zu sagen ? « - » Fürchten ? nein ! und sollt ' ich einem Gott ins Antlitz sagen , das Volk der Goten ist mir mehr als du - ich tät ' s ohne Furcht : Wisse denn ... « - » Wie ? du willst ? Schone , schone sie , « sprach Witichis , den Arm um seine Frau schlingend . Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an : » Ich weiß alles , mein Witichis . Wie ich gestern abend durchs Lager wandelte , unerkannt , im Schutz der Dämmerung , hörte ich die Heermänner an den Feuern auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben . Ich lauschte und hörte alles , was dieser fordert und was du weigerst . « » Und du hast mir nichts gesagt ? « - » Hat es doch keine Gefahr . Weiß ich doch , daß du dein Weib nicht verstoßen wirst . Nicht um eine Krone und nicht um jenes zauberschöne Mädchen . Wer will uns scheiden ? Laß diesen Alten drohn : ich weiß ja doch , es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem Herzen . « Diese Sicherheit wirkte auf den Alten . Er furchte die Stirn : » Nicht mit dir hab ' ich zu rechten . Witichis , ich frage dich vor Teja : du weißt , wie es steht . Ohne Ravenna sind wir verloren - Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand . - Willst du diese Hand fassen oder nicht ? « Da sprang Witichis auf . » Ja , unsre Feinde haben recht ! Wir sind Barbaren ! Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib , an Schmerzen wie an Treue unerreicht , vor ihm steht die Asche unsres gemordeten Kindes , und er will von diesem Weib , von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen . Nie , niemals ! « » Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem Weg in dein Zelt , « sprach der Greis . » Sie wollten erzwingen , was ich fordere . Ich hielt sie mit Mühe ab . « » Laß sie kommen ! « rief Witichis , » sie können mir nur die Krone nehmen , nicht mein Weib . « » Wer die Krone trägt , ist seines Volkes , Nicht mehr sein eigen . « » Hier , « - da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor Hildebrand , - » noch einmal geb ' ich euch und zum letztenmal die Krone zurück . Ich habe sie nicht verlangt , weiß Gott . - Sie hat mir nichts gebracht als diese Aschenurne . - Nehmt sie zurück : - laßt König sein wer will und Mataswintha frein . « Aber Hildebrand schüttelte das Haupt . » Du weißt , das führt zum sichersten Verderben . Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten . Viele Tausende würden Arahad nie anerkennen . Du bist ' s allein , der noch alles zusammenhält . Fällst du weg , so lösen wir uns auf , ein Bündel losgebundener Ruten , die Belisar im Spiele bricht . Willst du das ? « » Frau Rauthgundis , kannst du kein Opfer bringen für dein Volk ? « sprach Teja nähertretend . » Auch du , hochsinniger Teja , gegen mich ? ist das deine Freundschaft ? « - » Rauthgundis , « sprach dieser ruhig , » ich ehre dich vor allen Frauen hoch , und Hohes fordre ich darum von dir . « - Hildebrand aber begann : » du bist die Königin dieses Volkes . Ich weiß von einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit . Hunger und Seuchen lasteten auf ihrem Volk . Ihre Schwerter waren sieglos . Die Götter zürnten den Goten . Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des Meeres , und sie rauschten zur Antwort : Wenn Swanhild stirbt , leben die Goten . Lebt Swanhild , so stirbt ihr Volk . Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause . Sie dankte den Göttern und sprang in die Flut . Aber freilich , das war die Heidenzeit . « Rauthgundis blieb nicht unbewegt . » Ich liebe mein Volk , « sprach sie , » und seit von Athalwin nur diese Locke übrig , « sie wies auf die Kapsel , » glaub ' ich , gäb ' ich mein Leben für mein Volk . Sterben will ich - ja , « rief sie , » aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen - nein . « » In andrer Liebe ! « rief Witichis , » wie redest du mir so ? Weißt du ' s denn nicht , wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens schlägt ? Hast du ' s denn nicht empfunden , noch nicht , an dieser Urne nicht , wie ewig unsre Herzen eins ? Was bin ich , ohne deine Liebe ? Reißt mir das Herz aus der Brust , setzt mir ein andres ein : dann etwa laß ' ich von dieser Seele . Ja , wahrlich , « rief er den beiden Männern zu , » ihr wißt nicht was ihr tut und kennt euren Vorteil schlecht . Ihr wißt nicht , daß meine Liebe zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis . Sie ist mein guter Stern . Ihr wißt nicht , daß ihr zu danken ist , ihr allein , wenn etwas euch an mir gefällt . An sie denk ' ich im Getümmel der Schlacht und ihr Bild stärkt meinen Arm . An sie denk ' ich , an ihre Seele , klar und ruhig , an ihre makellose Treu , wenn ' s gilt , im Rat das Edelste zu finden . - O , dieses Weib ist meines Lebens Seele , nehmt sie hinweg und ein Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König . « Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis in die Arme . Sie war erstaunt , selig erschrocken . Noch nie hatte der stete , ruhige Mann , der sein Gefühl gern scheu in sich verschloß , so von ihr , von seiner Liebe gesprochen . Nicht , da er um sie warb , wie jetzt , da er sie lassen sollte . Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust : » Dank , Dank , Gott , für diese Schmerzensstunde « , flüsterte sie , » ja , jetzt weiß ich , dein Herz , deine Seele sind ewig mein . « » Und bleiben dein , « sagte Teja leise , » wenn auch eine andre seine Königin heißt ! Sie teilt nur seine Krone , nicht sein Herz . « Das schlug tief in Rauthgundis ' Seele . Sie sah , ergriffen von diesem Wort , mit großen Augen auf Teja . Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf , jetzt seinen Hauptschlag zu führen . » Wer will , wer kann an eure Herzen rühren ? « sprach er . » Ein Schatte ohne Glück und Kraft - das wirst du nur , wenn du mein Wort verwirfst und brichst deinen heiligen , heiligen Eid . Denn der Meineidige ist hohler als ein Schatte . « » Seinen Eid ? « fragte Rauthgundis erbebend . » Was hast du geschworen ? « Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände . » Was hat er geschworen ? « wiederholte sie . Da sprach Hildebrand , langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend . » Wenige Jahre sind ' s. Da schloß ein Mann , in mitternächtiger Stunde , mit vier Freunden einen mächtigen Bund . Unter heiliger Eiche ward der Rasen geritzt , und er tat einen Eid bei der alten Erde , dem wallenden Wasser , dem flackernden Feuer und der leichten Luft . Und sie mischten ihr rotes Blut zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und alle Tage . Sie schworen den schweren Schwur , zu opfern alles Eigen : Sohn und Sippe , Leib und Leben : Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der Goten . Und wer von den Brüdern sich wollte weigern , den Eid zu ehren mit allen Opfern , des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter den Waldwasen . Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn erdrücken . Und wer vergißt dieses Eides und wer sich weigert , alles zu opfern dem Volk der Goten , wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn mahnt , der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten , die da hausen unter der Erde . Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe : - oder wer seiner gedenkt , gedenke sein mit Fluchen : und verdammt soll sein seine Seele zu ewiger Qual . Und ehrlos soll sein sein Name , so weit Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten , so weit der Wind weht über die weite Welt . So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern : von Hildebrand und Hildebad , von Totila und Teja . Wer aber war der fünfte ? Witichis , Waltaris Sohn . « Und - rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel zurück . » Sieh her , Rauthgundis , noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht verwischt . Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele . So schwor er damals , als er noch nicht König war . Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf den Schild erhoben , da tat er einen zweiten Schwur : Mein Leben , mein Glück , mein Alles , euch will ich ' s weihn , dem Volk der Goten , das schwör ' ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue . Nun , Witichis , Waltaris Sohn , König der Goten , ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu dieser Stunde . Ich frage dich , willst du opfern , wie du geschworen , dein Alles , dein Glück und dein Weib , dem Volk der Goten ? Siehe , auch ich habe drei Söhne verloren für dies Volk . Und habe meinen Enkel , den letzten Sproß meines Geschlechtes , geopfert , gerichtet für die Goten , ohne Zucken mit den Wimpern . Sprich , willst du das gleiche tun ? willst du halten deinen Eid ? oder ihn brechen und ehrlos unter den Lebendigen , verflucht sein unter den Toten , willst du ? « Witichis wandte sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten . Da erhob sich Rauthgundis . Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt , die Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend , sprach sie : » Halt ein . Laß ab von ihm . Es ist genug , schon längst . Er tut , was du begehrst . Er wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke , um sein Weib . « Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie , als wollte man ihm sein Weib sogleich entreißen . » Geht jetzt , « sprach sie zu den Männern , » laßt mich allein mit ihm . « Teja wandte sich zum Ausgang , Hildebrand zögerte . » Geh nur , ich gelobe es dir : « sprach sie , die Hand auf die Marmorurne legend , » bei der Asche meines Kindes : mit Sonnenaufgang ist er frei . « » Nein , « sprach Witichis , » ich stoße mein Weib nicht von mir , nie . « » Das sollst du nicht . Nicht du vertreibst mich : ich wende mich von dir . Rauthgundis geht , ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre . Du kannst dein Herz nie von mir lösen : ich weiß es , es bleibt mein , seit heute mehr denn je . Geht , was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist , trägt keinen Zeugen . « Schweigend verließen die Männer das Zelt , schweigend gingen sie miteinander die Lagergasse hinab , an der Ecke hielt der Alte . » Gute Nacht , Teja , « sagte er , » jetzt ist ' s getan . « » Ja , doch wer weiß , ob wohlgetan . Ein edles , edles Opfer : noch viele andre werden folgen und mir ist : dort in den Sternen steht geschrieben : umsonst . Doch gilt ' s die Ehre noch , wenn nicht den Sieg . Leb wohl . « Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein Schatten in der Nacht . Achtzehntes Kapitel . Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem Gotenlager . Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr , das Roß am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend . Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht , ein Bündel hinter sich auf dem Sattel , an dem die schwere Streitaxt hing . Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg . Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht : hinter ihnen die breite Niederung , in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten , vor ihnen die Straße , die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte . Da hielt das Weib den Zügel an . » Die Sonne steigt soeben auf : ich hab ' s gelobt , daß sie dich frei und ledig findet . Leb wohl , mein Witichis . « - » Eile nicht so hinweg von mir , « sagte er , ihre Hand drückend . - » Wort muß man halten , Freund , und bricht das Herz darob . Es muß sein . « - » Du gehst leichter , als ich bleibe . « Sie lächelte schmerzlich . » Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe : Du hast noch ein Leben vor dir . « - » Was für ein Leben ! « - » Das Leben eines Königs für sein Volk , wie dein Eid es gebeut . « - » Unseliger Eid . « - » Es war recht , ihn zu schwören : es ist Pflicht , ihn zu halten . Und du wirst mein gedenken in den Goldsälen von Rom , wie ich dein in meiner Hütte tief im Steingeklüft . Du wirst sie nicht vergessen , die zehn Jahre der Lieb ' und Treu , und unsern süßen Knaben . « » O mein Weib , mein Weib , « rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden Armen , das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt . Sie beugte das Haupt über ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar . Inzwischen war Wachis herangekommen : er sah der Gruppe eine Weile zu , dann hielt er ' s nicht mehr aus . Er zog leise seinen Herrn am Mantel : » Herr , paßt auf , ich weiß Euch guten Rat , hört Ihr nicht ? « » Was kannst du raten ? « » Kommt mit , auf und davon ! werft Euch auf mein Pferd und reitet frisch davon mit Frau Rauthgundis . Ich komme nach . Laßt ihnen doch , die Euch so quälen , daß Euch die hellen Tropfen im Auge stehen , laßt ihnen doch den ganzen Plunder von Kron ' und Reich . Euch hat ' s kein Glück gebracht : sie meinen ' s nicht gut mit Euch : wer will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone ? Auf und davon , sag ' ich ! Und ich weiß Euch ein Felsennest , wo Euch nur der Adler findet oder der Steinbock . « » Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen , wie ein schlechter Sklave aus der Mühle ? Leb wohl , Witichis , hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band : des Kindes Stirnlocken sind darin und eine , « flüsterte sie , ihn auf die Stirn küssend und das Medaillon umhängend , » und eine von Rauthgundis . Leb wohl , du mein Leben ! « Er richtete sich auf , ihr ins Auge zu sehen . Da trieb sie das Pferd an : » Vorwärts , Wallada , « und sprengte hinweg : Wachis folgte im Galopp , Witichis stand regungslos und sah ihr nach . Da hielt sie , ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte : - nochmals winkte sie mit der Hand und war gleich darauf verschwunden . Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse . Erst als diese verhallt , wandte er sich . Aber es ließ ihn nicht von der Stelle . Er trat seitab der Straße : dort lag jenseit des Grabens ein großer moosiger Felsblock : darauf setzte sich der König der Goten , und stützte die Arme auf die Kniee , das Haupt in beide Hände . Fest drückte er die Finger vor die Augen , die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem Schmerz . Tränen drangen durch die Hände , er achtete es nicht . Reiter sprengten vorüber , er hörte es kaum . So saß er stundenlang regungslos , so daß die Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten . Schon stand die Sonne im Mittag . Endlich - hörte er seinen Namen nennen . Er sah auf : Teja stand vor ihm . » Ich wußt ' es wohl , « sagte dieser , » du bist nicht feig entflohn . Komm mit zurück und rette das Reich . Als man dich heut ' nicht in deinem Zelte fand , kam ' s gleich im ganzen Lager aus : du habest , an Krone und Glück verzweifelnd , dich davongemacht . Bald drang ' s in die Stadt und zu Guntharis : die Ravennaten drohen einen Ausfall , sie wollen zu Belisar übergehn . Arahad buhlt bei unserm Heer um die Krone . Zwei , drei Gegenkönige drohn . Alles fällt in Trümmer auseinander , wenn du nicht kommst und rettest . « » Ich komme , « sagte er , » sie sollen sich hüten ! Es brach das beste Herz um diese Krone ; sie ist geheiligt , und sie soll ' n sie nicht entweihn . Komm , Teja , zurück ins Lager . « Zweite Abteilung . Erstes Kapitel . Im Lager angelangt , fand König Witichis alles in höchster Verwirrung ; gewaltsam riß ihn die drängende Not des Augenblicks aus seinem Gram und gab ihm vollauf zu tun . Er traf das Heer in voller Auflösung und in zahlreiche Parteiungen zerspalten . Deutlich erkannte er , daß der Fall der ganzen gotischen Sache die Folge gewesen wäre , hätte er die Krone niedergelegt oder das Heer verlassen . Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit . Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschließen . Andre zu den Empörern sich wenden , andre Italien verlassend über die Alpen flüchten . Endlich fehlte es nicht an Stimmen , die für eine neue Königswahl sprachen : und auch hierin standen sich die Parteien waffendrohend gegenüber . Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen , die an des Königs Flucht nicht glauben wollten . Der Alte hatte erklärt , wenn Witichis wirklich entflohen , wolle er nicht ruhen , bis der eidbrüchige König wie Theodahad geendet . Hildebad schalt jeden einen Neiding , der also von Witichis denke . Sie hatten die Wege zur Stadt und nach dem Wölsungenlager besetzt und drohten , jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt zurückzuweisen , während auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager der Königlichen anrückte . Überall traf Witichis auf unruhige Haufen , abziehende Scharen , Drohungen , Scheltworte , erhobene Waffen : - jeden Augenblick konnte auf allen Punkten des Lagers ein Blutbad ausbrechen . Rasch entschlossen eilte er in sein Zelt , schmückte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab , stieg auf Boreas , das mächtige Schlachtroß , und sprengte , gefolgt von Teja , der die blaue Königsfahne Theoderichs über ihn hielt , durch die Gassen . In der Mitte des Lagers stieß er auf einen Trupp von Männern , Weibern und Kindern - denn ein gotisches Volksheer führte auch diese mit sich - der sich drohend gegen das Westtor wälzte . Hildebad ließ die Seinen mit gefällten Speeren in die Tore treten . » Laßt uns hinaus , « schrie die Menge , » der König ist geflohen , der Krieg ist aus , alles ist verloren , wir wollen das Leben retten . « - » Der König ist kein Tropf wie du , « sagte Hildebad , den Vordersten zurückstoßend . - » Ja , er ist ein Verräter , « schrie dieser , » er hat uns alle verlassen und verraten um ein paar Weibertränen . « » Ja , « schrie ein andrer : » er hat dreitausend von unsern Brüdern hingeschlachtet und ist dann entflohn . « » Du lügst , « sprach eine ruhige Stimme , und Witichis bog um die Lagerecke . » Heil dir , König Witichis ! « schrie der riesige Hildebad , » seht ihr ihn da ! Hab ' ich ' s nicht immer gesagt , ihr Gesindel ? Aber Zeit war ' s , daß du kamst - sonst ward es schlimm . « Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran : » Heil dir , König , und der Krone auf deinem Helm . - Reitet durch das Lager , Herolde , und kündet , was ihr saht : und alles Volk soll rufen : Heil König Witichis , dem Vielgetreuen . « Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab . - Die Boten schossen wie Blitze hinweg ; bald scholl aus allen Gassen der donnernde Ruf : » Heil König Witichis , « und von allen Seiten stimmten die jüngst noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen . Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes über die Tausende . Und Teja sprach hinter ihm leise : » Du siehst , du hast das Reich gerettet . « » Auf , führ ' uns zum Sieg ! « rief Hildebad , » denn Guntharis und Arahad rücken an : sie wähnen , uns ohne Haupt in offenem Zwist zu überraschen ! heraus auf sie ! sie sollen sich schrecklich irren ; heraus auf sie und nieder die Empörer . « - » Nieder die Empörer ! « donnerten die Heermänner nach , froh , einen Ausweg ihrer tieferregten Leidenschaft zu finden . Aber der König winkte mit edler Ruhe : » Stille ! nicht noch einmal soll gotisch Blut fließen von gotischen Waffen . Ihr harret hier in Geduld : du , Hildebad , tu ' mir auf das Tor . Niemand folgt mir : ich allein gehe zu den Gegnern . Du , Graf Teja , hältst das Lager in Zucht , bis ich wiederkehre . Du aber , Hildebrand « - er rief ' s mit erhobener Stimme , - » reit an die Tore von Ravenna und künde laut : sie sollen sie öffnen . Erfüllt ist ihr Begehr , und noch vor Abend ziehen wir ein : der König Witichis und die Königin Mataswintha . « So gewaltig und ernst sprach er diese Worte , daß das Heer sie mit lautloser Ehrfurcht vernahm . Hildebad öffnete die Lagerpforte : man sah die Reihen der Empörer im Sturmschritt Heraneilen : laut scholl ihr Kriegsruf , als sich das Tor öffnete . König Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen . Hinter ihm schloß sich das Tor . » Er sucht den Tod , « flüsterte Hildebrand . » Nein , « sprach Teja , » er sucht und bringt das Heil der Goten . « Wohl stutzten die Feinde , als sie den einzelnen Reiter erkannten : neben den wölsungischen Brüdern , die an der Spitze zogen , ritt ein Führer avarischer Pfeilschützen , die sie in Sold genommen . Dieser hielt die Hand vor die kleinen , blinzenden Augen und rief : » Beim Rosse des Roßgotts , das ist der König selbst ! jetzt , meine Burschen , pfeilkundige Söhne der Steppe , zielt haarscharf und der Krieg ist aus . « Und er riß den krummen Hornbogen von der Schulter . » Halt , Chan Warchun , « sprach Herzog Guntharis , eine eherne Hand auf seine Schulter legend . » Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem . Du nennst den Grafen Witichis König : das sei dir verziehn . Und du willst ihn morden , der im Botenfrieden naht : Das mag avarisch sein : es ist nicht Gotensitte . Hinweg mit dir und deiner Schar aus meinem Lager . « Der Chan stutzte und sah ihn staunend an : » Hinweg , sogleich ! « wiederholte Herzog Guntharis . Der Avare lachte und winkte seinen Reitern : » Mir gleich ! Kinder : wir gehn zu Belisar . Sonderbare Leute , diese Goten ! Riesenleiber - Kinderherzen . « Indessen war Witichis herangeritten , Guntharis und Arahad musterten ihn mit forschenden Blicken . In seinem Wesen lag neben der alten , schlichten Würde eine ernste Hoheit : die Majestät des höchsten Schmerzes . » Ich komme , mit euch zu reden , zum Heile der Goten . Nicht weiter sollen Brüder sich zerfleischen . Laßt uns zusammen einziehen in Ravenna und zusammen Belisar bekämpfen . Ich werde Mataswintha freien und ihr beide sollt am nächsten stehen an meinem Thron . « » Nimmermehr ! « rief Arahad leidenschaftlich . » Du vergißt , « sprach Herzog Guntharis stolz , » daß deine Braut in unsern Zelten ist . « » Herzog Guntharis von Tuscien , ich könnte dir erwidern , daß bald wir in euren Zelten sein werden . Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr , und , o Herzog Guntharis , mit uns ist das Recht . Ich will nicht also sprechen . Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks . Selbst wenn du siegen solltest - du wirst zu schwach , um Belisar zu schlagen . Kaum einig sind wir ihm gewachsen . Gib nach ! « » Gib du nach ! « sprach der Wölsung , » wenn dir ' s ums Gotenvolk zu tun . Lege diese Krone nieder : kannst du kein Opfer bringen deinem Volk ? « - » Ich kann ' s - ich hab ' s getan . Hast du ein Weib , o Guntharis ? « » Ein teures Weib habe ich . « - » Nun wohl : auch ich hatte ein teures Weib . Ich hab ' s geopfert meinem Volk : ich habe sie ziehen lassen , Mataswinthen zu freien . « Herzog Guntharis schwieg . Arahad aber rief : » dann hast du sie nicht geliebt . « Da fuhr Witichis empor : sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengroß : Glut deckte seine Wangen , und einen vernichtenden Blick warf er auf den erschrockenen Jüngling : » Schwatze mir nicht von Liebe , lästre nicht , du törichter Knabe ! Weil dir ein Paar rote Lippen und weiße Glieder in deinen Träumen vor den Blicken glänzen , sprichst du von Liebe ? Was weißt du von dem , was ich an diesem Weib verloren , der Mutter meines süßen Kindes ! Eine Welt von Liebe und Treue . Reizt mich nicht : meine Seele ist wund : in mir liegen Schmerz und Verzweiflung mit Mühe gebändigt : reizt sie nicht , laßt sie nicht losbrechen . « Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden . » Ich kenne dich , Witichis , vom Gepidenkrieg : nie sah ich unadeligen Mann so adelige Streiche tun . Ich weiß , es ist kein Falsch