. Alles Blut entwich aus ihren Wangen , ihre Lippen zuckten , und mit dem Ausrufe : Und das sagen Sie , eben Sie ! sank sie vor dem Lager der Baronin auf die Kniee , das Gesicht in ihren Händen bergend . Aber in dem nämlichen Augenblicke kam ihr auch der Gedanke , daß sie Angelika erschreckt habe , daß sie sie nicht beunruhigen dürfe , und gewaltsam die Herrschaft über sich gewinnend , richtete sie sich empor . Ihre Wangen waren noch bleich , indeß ihr Mund konnte wieder lächeln , und Angelika ' s Hände sanft in die ihren schließend , sprach sie freundlich : Wie mich das freut , daß meine Dienste Ihnen angenehm und meine Nähe Ihnen lieb ist ! Nur danken , nur loben müssen Sie mich nicht , ich verdiene das nicht ! Wer eine Wunde in seinem Innern zu verbergen hat , wird feinfühlig für fremden Schmerz . Angelika hörte , daß in Seba ' s Worten mehr als jene höfliche Ablehnung eines Dankes verborgen war , mit der die gesellschaftliche Sitte sich ihr Dankescapital auf Zinsen legen läßt ; darum wagte sie keine Frage zu thun , aber die Frage , was ihrer sanften Pflegerin begegnet sein , was sie erfahren und erlitten haben könne , beschäftigte sie fort und fort . Sie wünschte von ihr zu hören , sie wünschte zu wissen , ob ihre Theilnahme für Seba Werth besitzen könne , und sie hatte , als ihre Kräfte sich wieder hoben , keine große Mühe , Madame Flies von ihrem einzigen Kinde , von ihrer Seba sprechen zu machen . Mit größter Genugthuung erzählte dieselbe der Baronin wie jedem Anderen von der fröhlichen Kindheit , von der ersten , blühenden Jugend ihrer Tochter , von den zahlreichen Bewerbern , welche sie zurückgewiesen , und wie sie jetzt mit ihren bleicheren Wangen und ihrem ernsten , stillen Blicke , so schön sie sei , doch lange nicht mehr so herrlich aussehe , als vordem . Aber was hat Ihre Tochter denn so verändert ? War sie krank oder was ist ihr geschehen ? fragte die Baronin , die , abgesehen von ihrer Theilnahme für Seba , immer mehr von der Fremdheit der Lebensverhältnisse , welche sie umgaben , angezogen wurde . Madame Flies schöpfte Athem . Also endlich war er doch gekommen , der Augenblick , auf den sie so lange gehofft , auf den sie sich vorbereitet hatte , seit die Baronin in ihrem Hause darniederlag , endlich war er gekommen , endlich war er da ! Sie rückte näher an das Bett heran , sah vorsichtig hinter den grünen Schirm , der das Lager der Baronin umgab , schob sich die Kantenhaube zurecht und sagte mit klopfendem Herzen , während sie vertraulich ihre Hand auf den Arm der Kranken legte : Aufrichtig , gnädige Frau Baronin , wissen Sie denn gar nichts von uns ? Hat er Ihnen denn gar nicht von ihr gesprochen ? Angelika verstand sie nicht . Was soll ich denn von Ihnen wissen , meine Beste ? Nicht von mir , Gott bewahre , nicht von mir ; denn was wir gethan haben , war unsere Schuldigkeit , und wir haben es sehr gern gethan ! Nur von meiner Seba meinte ich ! bedeutete die Mutter . Von Seba - wer sollte mir wohl von ihr gesprochen haben ? fragte Angelika . Ich dachte der Herr Graf ! - Aber freilich , der Herr Graf sind gerade .... Sie wollte sagen : wie der Herr Baron ; indeß sie unterdrückte das Wort , und Angelika fiel ihr mit der Frage : Von welchem Grafen sprechen Sie ? auch lebhaft in die Rede . Madame Flies schwankte einen kurzen Augenblick . Sie wußte , daß sie auf dem Punkte stand , ein Unrecht gegen die Ruhe der ihr anvertrauten Kranken zu begehen , und daß Seba ihr sicherlich nicht danken würde , was sie unternahm ; aber die Selbstsucht und die anmaßende Gewaltthätigkeit , von denen die Liebe so vieler Mütter nicht frei ist , trugen es über jede Rücksicht davon , und auf die wiederholte Frage Angelika ' s , welchen Grafen sie denn meine , antwortete sie schnell , als wolle sie es sich unmöglich machen , sich eines Besseren zu besinnen : Wen denn anders , als den Herrn Grafen Berka , den Grafen Gerhard , der im Quartiere bei uns lag ! Die Baronin schwieg . Es war lange her , daß Jemand ihr von ihrem Bruder gesprochen hatte . In der Welt , in welcher sie lebte , wußte Jedermann , daß sie mit ihrer Familie zerfallen war , und man hütete sich , sie daran zu erinnern ; aber sie hatte in den bangen Stunden , in welchen sie zu sterben geglaubt , sich lebhaft nach ihrem Vater und nach ihrer Mutter gesehnt , und hier in diesem Hause , in dem sie , fremd unter Fremden , einer Liebe theilhaftig wurde , welche sie an ihr Vaterhaus gemahnte , hier plötzlich von ihrem Bruder reden zu hören , kam ihr wie ein Gruß aus fernen Tagen , wie ein Gruß der Ihrigen vor . Sie kennen meinen Bruder ? fragte sie endlich . Ob ich ihn kenne ! rief Madame Flies , und erging sich in einer Schilderung des Grafen , in einer weitläufigen Erzählung der kleinen Erlebnisse , die man hier im Hause zur Zeit seines Aufenthaltes mit ihm gehabt , um dabei der Bewunderung gedenken zu können , welche er ihrer Tochter gezollt , und es mit lebhaftem Kopfschütteln völlig unbegreiflich zu finden , daß er ihres Hauses und ihrer Seba niemals gegen die Schwester Erwähnung gethan habe . Angelika schwankte unentschlossen . Jene Schamhaftigkeit der Seele , welche die zuverlässigste Bewahrerin und Schutzwehr wirklicher Würde ist , machte sie davor zurückschrecken , einer Frau , welcher eben diese Eigenschaft fehlte , ein Vertrauen zu beweisen , das bei ihr sicherlich nicht wohl aufgehoben war ; aber sie mochte auch den Bruder nicht gegen die Menschen undankbar erscheinen lassen , denen sie sich selbst zu so großem Danke verpflichtet fühlte , und die Rücksicht auf Andere trug es bei ihr über ihr eigenes Empfinden fort . Ich habe meinen Bruder seit Jahren nicht gesehen ! sagte sie nach langem Zögern leise und begütigend . Indeß sie hatte selbst diese Aeußerung zu bereuen ; denn nun der Damm der strengen Zurückhaltung einmal durchbrochen war , überstürzte Madame Flies die Kranke mit den Fragen ihres beschränkten Erstaunens , ihrer scharfsichtigen Neugier , und wie man sich von der harmlosen und doch quälenden Zudringlichkeit eines Kindes , nur um der Beunruhigung zu entgehen , oftmals mehr entlocken läßt , als man ihm irgend zuzugestehen dachte , so fand Angelika , als Madame Flies sich zurückzog , daß sie , solcher anmaßenden Herzlichkeit in ihrer Umgebung nicht gewohnt , der Fragenden mehr , weit mehr anvertraut , als sie irgend beabsichtigt hatte . Aber auch sie meinte erfahren zu haben , was ihr bisher nicht deutlich gewesen war . Sie meinte jetzt zu wissen , weßhalb Seba sich nicht verheirathet hatte , weßhalb ihre dunkeln Augen oft so traurig und forschend auf ihr ruhten , ja , weßhalb ihre Zärtlichkeit sie so warm umfing ; und Seba wurde ihr nur werther , seit die Baronin sich sagen konnte : auch sie liebte hoffnungslos , auch ihr traten die Schranken entgegen , welche die Stände von einander halten , auch sie hat es gekannt , das hoffende Verlangen und das traurige Entsagen , und sie ist besser als Du , denn keine Pflicht verbot ihr , frei über ihre Liebe zu verfügen , und kein Eid stand zwischen ihr und ihres Herzens freier Wahl ! In dem einsamen Sinnen des Tages , in dem schlaflosen Brüten der Nächte hatte Angelika eine Einkehr in sich selbst gehalten , sich Bekenntnisse gemacht , wie man sie nie vor einem Andern , wie man sie nur dem eigenen Gewissen abzulegen vermag ; denn es gibt ein Innerstes in dem Seelenleben fast eines jeden Menschen , das er nicht Preis geben kann , ohne das geheime Band zu zerreißen , welches die Elemente seines Wesens zusammenhält , ohne sich des freien Willens zu entäußern , der ihn zu einem selbstständigen Menschen , eben zu dem Menschen macht , als welcher er sich von der Masse seiner Mitmenschen unterscheidet . Jedes Bekenntniß , welches der Mensch vor einem andern Menschen ablegt , ist daher immer ein bedingtes . Die Persönlichkeit , die Meinung , der Glaube dessen , vor dem wir sprechen , wirken auf uns zurück , und hüllenlos , schrankenlos wahr vermag der Mensch nur gegen sich selbst zu sein , wenn Geständniß und Urtheil , aus gleicher Quelle entspringend , in Eins zusammenfallen . So lange sie sich in der Nähe und unter der geistigen Obhut des Caplans befunden , hatten sein religiöser Sinn und sein fester Glaube sie vor jedem Schwanken bewahrt . Sie hatte selbst die Sehnsucht nach dem ihr versagten Glücke eine Sünde in ihrer Brust gescholten . Das Beispiel des Caplans hatte sie zur Entsagung ermahnt , und wie der Freiherr es auf seine Weise that , hatte auch sie danach gestrebt , sich mit dem Gedanken an ihre bevorzugte Lebensstellung , mit der Erinnerung an ihren Rang und an ihre Geburt zu trösten und von dem Schicksale damit abgefunden zu glauben . Aber die Gedanken und Anschauungen des Menschen gehören ihm nur an , wie die Frucht dem Samenkorn angehört . Sie werden in ihrer mehr oder weniger schnellen Entwickelung , wie in der Art ihrer Entfaltung durch die äußeren Umstände bedingt , und seit Angelika nicht mehr im Schlosse weilte , seit sie nicht mehr ausschließlich von ihren Standesgenossen umringt , nicht mehr von der Unterwürfigkeit ihrer Dienerschaft umgeben ward , fing die Welt an , ihr verwandelt zu dünken , weil der Blick sich änderte , mit dem sie in ihr Inneres und in das Leben schaute . Von dem Tage ab , an welchem sie des Freiherrn Gattin geworden war , hatte die Ruhe sie geflohen . Schwere Enttäuschungen , Sorge um seinen Gemüthszustand , Gewissenszweifel , religiöse Kämpfe und Familienzerwürfnisse hatten ihre Seele nicht zum Frieden gelangen lassen , ehe die Herzogin ein Gast des freiherrlichen Hauses geworden war , und seit dem Erscheinen dieser Frau war Angelika nicht nur sich selber , sondern war ihr auch der Mann verloren gegangen , dessen Namen sie trug und dem sie sich für gute und für böse Tage unauflöslich verbunden hatte . Jetzt , da sie nicht mehr täglich auf die Unternehmungen und auf die Handlungsweise der Herzogin zu achten hatte , da die Anforderungen augenblicklicher Nothwehr sie nicht mehr in Beschlag nahmen und sie mit nachdenkender Prüfung auf die vergangenen Jahre zurückblicken konnte , wurden ihre Erlebnisse ihr klar und räthselhaft , deutlich und fast unbegreiflich zu gleicher Zeit . Sie konnte sich die Liebe nicht wegläugnen , welche sie für Herbert hegte , aber sie vermochte sich es jetzt völlig darzulegen , mit welcher berechneten Arglist die Herzogin sie dahin gebracht hatte , sich eine Neigung für den jungen Architekten zuzutrauen , und wie schlau und geflissentlich sie dieselbe in ihr zu nähren , ja , selbst durch ihr Abmahnen anzufeuern verstanden habe . Sie erinnerte sich , mit welchem Erschrecken es sie erfüllt , als die Herzogin ihr zuerst die Möglichkeit einer Liebe für Herbert vor das Auge geführt ; sie durfte sich sagen , daß sie redlich dagegen angekämpft habe , und wenn sie daneben auf die Verwicklungen , auf das Unglück blickte , das über sie gekommen war , das ihrem ganzen Hause drohte , so vermochte sie sich nicht , wie der Freiherr , fest auf sich selbst zurückzuziehen , sondern sie fragte sich : Warum ward mir dieses Schicksal ? Warum legte Gott mir Prüfungen auf , die zu bestehen er mich zu schwach gemacht hat ? Grade jetzt , wo sie des festen , gottvertrauenden Glaubens nöthiger als jemals hatte , versagte er sich ihr , und ihr Verlangen nach der beruhigenden Nähe des Caplans steigerte sich an ihrem Trostbedürfnisse , obschon sie eben in ihrem gegenwärtigen Leiden die Führung und Fügung einer höheren , sie erziehenden und aufklärenden Macht zu erkennen geneigt war . Krank und im höchsten Grade hülfsbedürftig , hatte sie sich in einem bürgerlichen Hause auf die Pflege einer ihr fremden Familie angewiesen gefunden . Keine Verwandtschaft , keine gemeinsame Erinnerung , keine Gleichheit der Gesinnungen , nicht einmal der religiöse Glaube verband sie diesen Menschen . Man hatte die Baronin von Jugend auf gelehrt , die Bürgerlichen gering zu schätzen , die Juden zu verachten ; ihre Wirthe , ihre Pflegerinnen , die das wußten , ließen sie es nicht entgelten , sondern umgaben sie mit einer Liebe , die ihr das Herz erwärmte und es ihr darthat , was der Mensch dem Menschen über alle Verschiedenheit des Glaubens , der Meinung und der Bildung hinaus zu sein vermag . Sie hörte es gar nicht mehr , was ihr Anfangs in der Sprache des jüdischen Kaufmanns auffällig gewesen war ; sie merkte die Verstöße gegen die gute Form nicht mehr , welche Madame Flies sich in ihrem Eifer häufig zu Schulden kommen ließ . Sie sah nur das uneigennützige Wohlwollen , mit welchem man sie bediente , nur den Eifer , mit dem man ihre Wünsche zu errathen strebte ; sie fühlte nur die Güte , von der sie in jedem Augenblicke umgeben ward , und oftmals meinte sie sich ihrer allmählichen Genesung nur darum zu erfreuen , weil ihre Pflegerinnen sich über dieselbe so glücklich bezeigten . Sie vergaß es fast , daß sie vornehm sei , so heimisch ward es ihr unter der Obhut ihrer Wirthe . Nur der Dank der Kranken , der jungen Frau gegen die ältere , mütterliche Pflegerin war in ihr lebendig , wenn Madame Flies sich neben ihr bemühte , und die Baronin hatte es bald genug erlernt , wie die Stunde der Noth die Schranken niederwirft , welche die Stände von einander halten ; sie lernte es in ihrer Hinfälligkeit , wie erhebend es sei , bei seinen Mitmenschen freiwilliger Hingebung und reiner , erbarmender Menschenliebe zu begegnen . Noch an dem Tage ihres Erkrankens hatte die Aussicht , daß die Familie Flies künftig das Haus von Fräulein Esther , das von Arten ' sche Haus in der Residenz bewohnen werde , die Baronin in allen ihren Ansichten gekränkt ; jetzt konnte sie mit völliger Ruhe daran denken . Denn obschon ihr Befinden sich besserte , sagte ihr eine bestimmte und unabweisliche Ahnung , daß ihr Lebensziel ihr nicht allzu fern gesteckt sei , und vor dem Glauben an die eigene Vergänglichkeit verlor die Vorstellung von der Vergänglichkeit und Wandelbarkeit alles Bestehenden immer mehr ihre Schrecken für sie , bis sie ihr als eine Nothwendigkeit , ja , fast als eine Wohlthat zu dünken begannen . Wie den Freiherrn der Gedanke an die Wandelbarkeit und Vergänglichkeit aller Dinge zur stolzen Aufrechterhaltung seines Ichs und seiner persönlichen Bedeutung anreizte , so machte die gleiche Erkenntniß seine Gattin mild und weich , denn das Gleiche wirkt verschieden , je nach dem Boden , auf den es fällt , je nach den Elementen , mit denen es sich vermischt . Muß ich doch meinen eigenen Leib , meines Geistes Haus , in Staub zerfallen lassen , sagte sich Angelika , wie dürfte mich ' s betrüben , daß ein Haus von Stein und Mörtel nicht auf ewige Zeiten hinaus denjenigen zu eigen bleibt , deren Väter es errichteten ! Renatus hat seinen eigenen Leib und seinen eigenen Geist von Gott empfangen , mag er sich auch , gleich seinen Ahnen , sein eigenes Haus erbauen , und wie Gerhard und ich hier in diesem fremden Hause weilten und von seinen Bewohnern Gutes erfuhren , Liebe gewannen , so mag die schöne Seba in Gottes Namen in dem Hause leben , das wir unser eigen nannten und das ich einst bewohnte ; nur - fügte sie seufzend hinzu - möge sie dort glücklicher werden , als ich ! Achtes Capitel Sie haben sich lange erwarten lassen , sagte der Freiherr , als an einem Abende der Caplan bei ihm eintrat , und fast wäre Ihre Gegenwart hier nicht mehr gefordert , denn ich kann Sie mit der erfreulichen Kunde empfangen , daß die Baronin ihrer Genesung entgegengeht . Wir sind also hoffentlich zum Längsten hier gewesen und werden die Schwüle der Stadt bald mit unserer frischen Luft vertauschen können , nach der auch unsere Kranke zu verlangen anfängt . Aber was bringen Sie uns , lieber Freund , der Sie von Hause kommen ? Zuerst meine Entschuldigung wegen meines späten Eintreffens . Lassen Sie das , lassen Sie das ! Unser ruhiges Leben hat Ihnen die Gewohnheit schnellen Aufbrechens genommen , ich kenne das , und im Grunde war das niemals Ihre Sache ! rief der Freiherr , anscheinend in der besten Stimmung . Ich hoffe nur , daß nicht ein Unwohlsein Sie zurückgehalten hat ! Nur wirkliche Krankheit hätte mich hindern können , dem Rufe der Frau Baronin und meiner Pflicht zu folgen ! sagte der Geistliche mit einer ernsten Zurückhaltung , die den Freiherrn zu der Frage veranlaßte : Sie hatten also andere Gründe , die Sie zum Verweilen zwangen ? Ja , Herr Baron , und sie waren nicht so erfreulich , als die angenehme Kunde , mit der ich hier empfangen werde ! Da aber in allem Unglück sich immer noch etwas findet , was man zu segnen hat , so möchte ich ' s ein Glück nennen , daß die Frau Baronin und die Frau Herzogin eben jetzt von Hause fern gewesen sind ! Der Freiherr sah den Geistlichen fest an und sagte : Sie lassen mich sehr langsam erfahren , was Sie mir zu sagen haben ; es ist also sicher etwas recht Verdrießliches geschehen ! Leider mehr , als das ! sprach der Caplan . Am Mittwoch vor Pfingsten langte der Wagen in Richten an , den man zum Abholen des Standbildes nach der Stadt gesandt hatte , und der Verabredung gemäß wurde es gleich nach Rothenfeld gebracht , um dort vor der Kirche abgeladen und ausgepackt zu werden . Da die Vorbereitungen für die Aufstellung im Voraus getroffen waren , gab der Bauführer denn auch die Weisung , mit der Errichtung der Gruppe sofort zu beginnen . Und durch die Ungeschicklichkeit unserer Arbeiter ist sie beschädigt worden ! rief der Freiherr . Nein , Herr Baron ! Der Bildhauer selbst hat sie , wie er übernommen , herausgebracht und auch die Auspackung besorgt . Und die Arbeit , wie ist sie ausgefallen ? unterbrach der Freiherr den Geistlichen noch einmal . Es war eine lobenswerthe Arbeit ; die Gestalt des Christus recht edel , der Kopf voll Ausdruck , und auch die Figur der büßenden Magdalena nahm sich schön und charakteristisch aus . Sie sagen : es war eine schöne Arbeit , die Figur nahm sich gut aus - was soll das heißen ? fragte der Freiherr . Das Standbild ist zerstört ! berichtete der Geistliche , und sein Ton und seine Miene verriethen die Empfindung , welcher er das Wort nicht gab . Zerstört ? Und wie , durch wen ? rief der Freiherr lebhaft . Durch geflissentlich erregten Glaubenshaß ! antwortete der Caplan mit jener Selbstbeherrschung , welche ihm zur Natur geworden war . Den Freiherrn jedoch verließ in diesem Falle seine Fassung , und mit dem Fuße stampfend , rief er heftig : Unerhört ! Das ist ganz unerhört ! Sind denn jetzt alle Teufel los ? - Aber er bereute diese Aufwallung eben so schnell , und sich niedersetzend , während er auch dem Geistlichen einen Sessel anwies , sprach er : Man sollte sich eigentlich in diesen Zeiten über nichts mehr wundern und auf jede Art von Ausschreitungen vorbereitet sein ; dennoch überrascht uns , wenn uns widerfährt , was wir Andere in gleicher Weise erleben sahen . Verzeihen Sie meine Aufwallung und fahren Sie fort . Halten Sie mir nichts zurück , mein Freund , ich bin jetzt vollkommen vorbereitet . Am Mittwoch , fuhr der Caplan fort , war , wie gesagt , die Gruppe angekommen , Samstags , als die Feierstunde nahte , hatte man die Arbeit des Aufstellens beendet ; ich fuhr also nach Rothenfeld , das Geleistete zu betrachten . Die Gruppe gereichte dem ganzen Baue zur Zierde ; man konnte in jeder Weise seine Freude daran haben . Man hatte keine Schwierigkeiten , keine Störungen irgend welcher Art bei der Aufrichtung gehabt . Die Arbeiter , welche niemals ein Kunstwerk gesehen , hatten es angestaunt ; nun standen die Kinder draußen an dem Gitter und betrachteten es neugierig . Des Försters Sohn , ein aufgeweckter Knabe , fragte mich , ob das die Mutter Maria sei , die an dem Kreuze kniee . Als ich ihm Bescheid gab , ging der Candidat vorüber . Er war , wie immer , zum Pfingstbesuch zu seinen Eltern nach Neudorf gekommen , aber er hatte sich , was er doch sonst zu thun pflegte , bei mir nicht sehen lassen . Der Bursche war mir stets zuwider , bemerkte der Freiherr , den Erzähler unterbrechend , und er weiß es , daß seine ehrgeizige Scheinheiligkeit , wie man diese Richtung von oben her jetzt auch beschützt , bei mir ihre Wirkung verfehlt ! Um so größer und unheilvoller war aber die Wirkung , welche er auf die Gemeinde übte , berichtete der Geistliche , der sich geflissentlich jedes Urtheils enthielt und sich nur auf die Mittheilung der Thatsachen beschränkte . In der Absicht , die Leute an ihn zu gewöhnen , hatte der Pfarrer seinen Sohn , wie seit Jahren , auch jetzt wieder am zweiten Feiertage für sich die Predigt halten lassen , und der Candidat mochte die Abwesenheit der Herrschaften für den geeigneten Zeitpunkt angesehen haben , in welchem er seinem Zorne gegen unsere Kirche einmal Luft machen und bei seinen Vorgesetzten sich damit eine geneigte Anerkennung verdienen könne . Die Aufstellung des Standbildes , meine zufällige Unterredung mit dem Knaben , deren Zeuge der Candidat eben so zufällig geworden war , boten ihm dazu den erwünschtesten Stoff und Anlaß , und er hat sich denn in den heftigsten Ausdrücken , in jenen landläufigen Redensarten gegen den Baalsdienst , gegen die Götzenanbetung , gegen die heimliche Verführung zu derselben und gegen unsere Kirche überhaupt , so lange gehen lassen , bis er es der Gemeinde endlich förmlich an das Herz gelegt , sich über die Gewalt zu beschweren , die man ihr mit dem Baue der Kirche angethan habe , und die Errichtung von Götzenbildern in dem Lande der reinen Lehre nicht zu dulden . Die Frechheit kennt nicht Maß , nicht Ziel ! rief der Freiherr , sich von seinem Sessel erhebend . Und die Leute , wie verhielten sie sich ? Was thaten sie ? Es traf sich übel , daß ihrer Aufregung eine Gelegenheit , sich zu bekunden , dargeboten wurde . Mißgestimmt waren sie seit langer Zeit , und die Menge liebt es ja , Alles , worunter sie zu leiden hat oder wovon sie sich beeinträchtigt glaubt , auf eine und dieselbe Ursache und Quelle zurückzuführen . Als die Leute von Neudorf aus der Kirche nach Rothenfeld zurückkehrten , machten die Kammerjungfer der Frau Herzogin und der Koch eben ihren Feiertags-Spaziergang . Aus ihrer Heimath des Anblicks gewohnt , den das Standbild ihnen darbot , warfen ihr religiöses Gefühl und ihre Rührung bei dem Gedanken an das verlassene , unglückliche Vaterland sie betend zu den Füßen des Heilandes nieder . - Sie knieend im Gebet erblicken , an ihrer Andacht Aergerniß nehmen und diesem Aerger Ausdruck geben , war bei den vorübergehenden Leuten Eines . Wir wollen unseren Sabbath nicht durch Götzendiener schänden lassen ! rief eine Stimme , und als hätte es nur dieses Anstoßes bedurft , so erhob sich von allen Seiten der Ruf : Nieder mit dem Götzenbilde ! Nieder mit den Götzendienern ! Jagt das fremde Pack zum Lande hinaus ! Weiter , weiter ! drängte der Freiherr . Im Begriffe , mich hieher zu Ihnen zu begeben , kam ich mit meinem Wagen durch Rothenfeld . Schon beim Einfahren in das Dorf sah ich , daß etwas Ungewöhnliches vor sich gehen müsse , und das wüste Durcheinander lärmender Stimmen zeigte mir den Weg . - Der Caplan hielt einen Augenblick inne , dann sagte er : Erlassen Sie es mir , Ihnen die Scene zu schildern , die ich auf dem Kirchhofe erleben mußte . Die Leute kannten sich nicht in ihrer Aufregung . Alt und Jung , Männer und Weiber waren über die beiden Unglücklichen hergefallen . Man machte ihnen die Flucht unmöglich , man steinigte sie buchstäblich , während die kräftigsten unter den Männern das Standbild zu Boden rissen und mit Aexten darauf einhieben . Das Flehen , der Angstschrei der beiden Gemarterten übertönten das Geschrei und Toben der Wüthenden . Aber war denn Niemand da , der Einhalt that ? fragte der Freiherr , athemlos vor zorniger Erregung . Wo war der Pfarrer ? Wo war Steinert ? Wo war der Justitiarius ? Und Sie selbst , Caplan .... Sie vergessen , Herr Baron , daß der unselige Vorfall sich nicht in Neudorf , sondern in Rothenfeld ereignete , daß der Pfarrer also nichts davon erfuhr , bis Alles vorüber war - und es wird ihm dies sicherlich das Erwünschteste gewesen sein . Steinert war über Land gefahren , und der Justitiarius , der sich unter den Besuchern der Kirche befunden hatte und gleich herzukam , hatte , wie ich , vollauf zu thun , die beiden Verwundeten .... Verwundet - die Unglücklichen sind verwundet ? Aber doch nicht ernstlich , es hat doch mit ihnen keine Gefahr , Caplan ? Der Caplan zuckte die Schultern . Die Verwundung des Kochs war unbedeutend , er ist völlig davon hergestellt . Mademoiselle Lise aber , die ein Steinwurf an die Schläfe traf - ist todt ! Der Geistliche hielt inne ; der Freiherr schloß unwillkürlich die Augen . Er sprach kein Wort . Die Hände auf dem Rücken ging er mit schwerem Schritte im Zimmer auf und nieder . Ein Mord , sagte er endlich tonlos , ein Mord an einem schwachen , wehrlosen Weibe - entsetzlich ! - Und die Herzogin - wie wird sie es vernehmen ? - Und wieder fing er an umherzuschreiten . Nach einer Weile hob der Caplan noch einmal an : Auch mich hatte ein Stein am Hinterkopfe verletzt .... Sie , Sie , mein Freund ? rief der Freiherr , in der Sorge um den altbewährten Lebensgenossen alles Andere vergessend und an den Geistlichen herantretend , dessen Hände er in lebhafter Bewegung ergriff . Darum also fiel mir Ihr übles Aussehen auf ; aber freilich solch einen Anlaß , solch einen Grund war ich mir nicht vermuthend . Und jetzt , wie fühlen Sie sich jetzt ? Denken Sie nicht an mich , sprach der Caplan , die Wunde war nicht schwer , und - fügte er mit seiner sanften Stimme begütigend hinzu - der sie mir schlug , des Hirten armer , schwachsinniger Bube , wußte in Wahrheit kaum , was er gethan hatte . Der Freiherr athmete schwer auf , drückte dem Geistlichen tief ergriffen die Hand und wandte sich ab . Es widerstand ihm , seine Erschütterung zu zeigen . Er trat an das Fenster , das auf den Markt hinaussah , aber er gewahrte nichts von dem , was draußen vor seinen Augen vorging . Er war einzig mit dem so eben Gehörten beschäftigt , ganz in seine Gedanken versunken . So verging eine geraume Zeit . Beide Männer hielten vor einander zurück , was doch ausgesprochen werden mußte , und beiden ward das Schweigen drückender , je länger es sich fortsetzte . Endlich raffte der Freiherr sich zusammen . Lassen Sie uns zu Ende kommen ! sagte er finster und gepreßt . Wie verlief die Sache , und wie verließen Sie die Dinge ? Es war , als ob der Unfall , den ich erlitten hatte , sie zur Besinnung brächte . Ein paar Frauen in meiner Nähe riefen meinen Namen , sprangen mir bei , versuchten mich zu schützen . Ich redete ihnen zu , verlangte ihre Hülfe für die Unglückliche , der Anblick der Sterbenden erschreckte die Sinnlosen und brachte einen Stillstand in ihre wilde Aufregung . Diesen benutzte der Justitiarius . Er nannte sie Verbrecher und verlangte die Auslieferung des Mörders . Sie hatten nicht daran gedacht , daß sie ein Verbrechen begangen , daß sie einen Mord verübt hatten ; sie schwankten , ob sie dieses Bewußtsein durch neue Unthat in sich übertäuben , ob sie sich durch neue Wildheit über ihr Erschrecken forthelfen oder sich aus Furcht zerstreuen sollten . Da haben Sie das Volk , rief der Freiherr mit bitterem Hohne , da haben Sie das Volk , dessen Menschenrechte man anerkennen , dem man Freiheit und Gleichheit zugestehen , dem man Antheil an der Regierung des Landes zuerkennen soll ! Rohe , wilde Bestien , nur durch Zwang zu bändigen , durch Strenge und Gewalt in den Schranken der Menschlichkeit zu erhalten ! - Das sind die Freiheitshelden , die jenseit des Rheines ihr Wesen getrieben haben - Kirchenschänder und Mörder ! Aber so wahr Gott lebt , ich denke es ihnen gründlich zu verleiden ! Ja , sagte der Caplan , sie bedürfen der Zucht , sie können der Führung , der Leitung nicht entbehren und werden dies jemals schwerlich können . Aber soll das Messer für die That einstehen , die man mit ihm verübt ? Soll die bildungslose Masse dafür einstehen , daß man also die freie Gleichberechtigung der Culte ausübt ? Soll ein armer , irregeleiteter