auftauchend , in der Rechten ein Testament , das ihn zum Herrn des Vermögens machte , welches die Baronin seit ihrer Verheirathung als das ihrige angesehen hatte ! Wo ein Ausweg aus diesem Labyrinth ? Und was würde Helene zu dem Allen sagen ? wie würde ihr Stolz sich winden , wenn sie erfuhr , daß der Diamantenschmuck des fürstlichen Ranges nichts war , als schnödes schlechtes Glas , mit dem zu schmücken , eine Courtisane sich wohl bedacht hätte ? Ein Wagen rollte schnell in den Hof des Palais . Helene kam zurück . Der Baronin schlug das Herz , als ob jetzt erst die Entscheidung eintrete . Ein paar bange Augenblicke , und die schöne Tochter eilte , bleich und verstört , in das Zimmer und warf sich der Mutter mit einer Leidenschaftlichkeit in die Arme , die gegen ihre sonstige gemessene , fast kalte Haltung eigenthümlich abstach . Gott sei Dank , daß Du kommst ! sagte Anna-Maria ; ich muß fort ; ich wollte Dich fragen , ob Du mich begleiten willst ? Kannst Du das fragen ? rief Helene ; ich hier bleiben und ohne Dich ? hier , wo mich die Mauern erdrücken ! - So bist Du nicht gern hier , Helene ? Nein , nein ! ich liebe den Fürsten nicht ; ich habe ihn nie geliebt ! Und Helene verbarg ihr Gesicht an dem Busen der Mutter . Die Baronin war auf ' s höchste überrascht . Was Helene da sagte und noch mehr , der Ton , in welchem sie es sagte , dazu ihr seltsam von Leidenschaft durchglühtes Wesen gaben ihr einen nie geahnten Einblick in das Herz des jungen Mädchens . Sie hatte ein dunkles Gefühl davon , daß ihr große weite Regionen des Lebens bisher gänzlich verborgen geblieben waren , und daß sie , trotz all ' der Klugheit , auf die sie sich so viel zu Gute that , bisher im Dunkeln getappt hatte . Warum hast Du ihm denn Dein Wort gegeben ? fragte sie . Ich weiß es nicht ; ich war - ich wußte nicht , was ich that . Aber jetzt weiß ich es ; ich kann den Fürsten nicht heirathen ; ich muß mein Wort zurück haben ; wenn Du darauf bestehst , daß ich es halte , so muß ich sterben . Und wenn ich nun nicht darauf bestehe ? Helene sah die Baronin mit starren , verwunderten Augen an . Höre mich an , mein Kind . Ich habe heute Morgen Entdeckungen gemacht , die mich , milde gesprochen , äußerst beunruhigt und mir die Ueberzeugung eingeflößt haben , daß wir in der ganzen Angelegenheit mit einem Mangel an Vorsicht zu Werke gegangen sind , der sich möglicherweise sehr schwer hätte rächen können . Ich verstehe Dich nicht , Mutter , sagte Helene . Ach , es ist auch kaum zu begreifen , klagte Anna-Maria , ich weiß gar nicht mehr , wo mir der Kopf steht . Ich bin eine unglückliche Frau ! Und die Baronin warf sich wie gebrochen in einen Stuhl und fing an , bitterlich zu weinen . Helene hatte die Mutter noch nie weinen sehen . Der ungewohnte Anblick rührte sie tief . Sie kniete neben ihr nieder und suchte sie mit schmeichelnden , freundlichen Worten zu trösten . Aber es war vergeblich . Es ist nicht nur dies , obschon es schon schlimm genug ist , schluchzte Anna-Maria , auch wir sind mit einer ähnlichen Schmach bedroht ! - Und in dem Drang des Momentes , getrieben von dem Verlangen , sich , koste es was es wolle , an einen Andern anzuschließen , erzählte sie in fliegenden Worten von den Ansprüchen , die Oswald möglicherweise auf ihr Vermögen habe , und daß , wenn die Ansprüche gerichtlich anerkannt würden , sie , die Mutter und die Tochter , Bettlerinnen seien . Helene hatte dieser Erzählung in athemloser Spannung zugehört . Ihre Farbe wechselte in jedem Augenblick ; ihre Augen waren fest auf die Mutter gerichtet ; ihre Hände hielten die Hände der Mutter krampfhaft umfaßt . Bettlerinnen , sagst Du ? besser das , und ein reines Gewissen haben , als in der Fülle dieses Glanzes vor Angst vergehen ! Komm , Mutter , ich fürchte mich nicht vor der Armuth ! Du hast mir oft gesagt , daß Du arm gewesen bist , ehe Du den Vater heirathetest . Warum soll ich etwas vor Dir voraushaben ? ich sehe nicht , daß Dich der Reichthum glücklich gemacht hat , auch den Vater nicht ; er hat es mir in seinen letzten Augenblicken gestanden . Ich habe es noch eben mit meinen eigenen Augen gesehen , wie viel glücklicher als wir die Menschen sind , die nichts haben , als ihre Liebe ; auf nichts vertrauen , als auf ihre eigene Kraft . Ich habe Kraft ; ich kann und will für Dich arbeiten , wenn es nöthig sein sollte . Aber jetzt laß uns fort von hier . Du bist krank und angegriffen , Deine Hände sind eiskalt , und Deine Stirn brennt - bleib hier sitzen . Ich will Deine Sachen packen . Du brauchst Dich um nichts zu bekümmern , ich bin in fünf Minuten fertig . Nein , sagte die Baronin , laß das mich mit Hülfe unserer Marie besorgen . Du kannst ein anderes Geschäft übernehmen . Wir können nicht fort , ohne wenigstens schriftlich von der Fürstin Abschied zu nehmen , da ihr Unwohlsein und unsere Eile nichts Anderes zuläßt . Schreib ihr in wenigen Worten : freundlich und höflich , nicht mehr und nicht weniger , als das unumgänglich Nothwendige . Ich will es thun , sagte Helene , indem sie sich an das Bureau setzte , während die Mutter sich in die Schlafgemächer begab . Helene hatte kaum die Feder in der Hand , als ein Geräusch hinter ihr sie von dem Papier aufblicken machte . Mitten im Zimmer stand Oswald , bleich wie der Tod , die großen , im Fieber leuchtenden Augen auf sie gerichtet . Helene war so erschrocken , daß ihr die Stimme versagte und daß sie keine Bewegung zu machen im Stande war . Sie glaubte im ersten Moment , eine Erscheinung zu sehen . Ich bin es wirklich , sagte Oswald ; verzeihen Sie mein plötzliches Erscheinen . Ich fragte nach der Baronin ; man hat mich hieher gewiesen . Ich will die Mutter rufen , sagte Helene tief aufathmend , indem sie sich erhob . Bleiben Sie , sagte Oswald ; ich bitte Sie darum ; ich habe nur zwei Worte zu sagen ; ich sage sie Ihnen lieber und leichter , als der Baronin . In Oswalds Erscheinen und Wesen lag etwas so Feierliches , daß Helene nicht den Muth fand , seine Bitte abzuschlagen . Wollen Sie sich nicht setzen , sagte sie tonlos , indem sie sich wieder in ihren Stuhl sinken ließ und auf einen anderen in ihrer Nähe deutete . Oswald regte sich nicht . Ich weiß nicht , gnädiges Fräulein , sagte er , ob Ihnen Ihre Frau Mutter von gewissen Intriguen erzählt hat , mit denen sie seit einiger Zeit belästigt wird und deren Seele Herr Timm ist ? Ich habe heute Morgen das erste Wort davon gehört . Ebenso wie ich . Und das ist es gerade , was mich hierher getrieben hat . Ich kann den Gedanken nicht ertragen , ja ich könnte nicht ruhig sterben , wenn ich denken müßte , daß Sie , Fräulein von Grenwitz , glauben könnten , ich hätte mich je so unwürdiger Mittel und eines so niedrigen Werkzeugs gegen Sie bedienen können . Wollen Sie das auch Ihrer Frau Mutter sagen ? Ich will es . Und sagen Sie ihr auch , und glauben vor Allem Sie selbst es mir , daß ich nichts so schmerzlich beklage , als daß man Sie je mit dieser Sache behelligt hat . So ist Alles doch nur eine Erfindung des Herrn Timm ? Nein , mein Fräulein , erwiderte Oswald mit traurigem Lächeln , eine Erfindung jenes Menschen ist es nun wohl nicht . Ich fürchte nur zu sehr , daß es die lautere Wahrheit ist , und das ist der zweite Grund , weshalb Sie mich hier sehen . Sie glauben doch nicht , daß wir uns jemals sträuben würden , gerechte Ansprüche anzuerkennen ? Sie werden gar nicht in diesen Fall kommen ; ich fühle keinen Wunsch in mir , diese Ansprüche zu erheben . Ich würde das nie und unter keinen Umständen gethan haben , und jetzt am allerwenigsten . Er warf einen Blick im Zimmer umher . Die Pracht der Ausstattung erinnerte ihn schmerzlich daran , wo er war . Jetzt am allerwenigsten , wiederholte er ; hier sind die Papiere , die in dieser unglücklichsten aller Geschichten beweisend sind . Ich wünsche , daß Ihre Frau Mutter sie in Gewahrsam nimmt , um auf alle Fälle gegen die Machinationen jenes Menschen gesichert zu sein . Er legte das Packet Papiere , welche ihm Timm vor einigen Stunden überbracht hatte , vor Helene auf das Bureau und verbeugte sich zum Abschied . Einen Augenblick noch , mein Herr , sagte Helene , indem sie sich ebenfalls erhob ; glauben Sie , daß meine Mutter , daß ich ein solches Geschenk annehmen werde ? Was hat Ihnen das Recht gegeben , so klein von uns zu denken ? Ich glaube , mein gnädiges Fräulein , daß Ihr Stolz diesmal irrt . Es handelt sich selbstverständlich nur um mich , der ich den sehr verzeihlichen Wunsch habe , mich von einem häßlichen Verdachte zu reinigen . Es war unnöthig , mich daran zu erinnern , daß es der Mutter des Majorathsherrn von Grenwitz , daß es der Braut des Fürsten zu Waldernberg ziemlich gleichgiltig sein kann , ob sie ein paar hunderttausend Thaler mehr oder weniger im Vermögen haben . Die Verhältnisse haben keinen Einfluß auf unsere Pflichten , erwiderte das junge Mädchen , sich aufrichtend und die schöne Lippe verächtlich krümmend : und glauben Sie nur nicht , daß es der Stolz des Rheichthums und des hohen Ranges ist , der mich so gleichgiltig gegen Ihr Anerbieten macht . Diesen Augenblick sind wir im Begriff , nach Grünwald abzureisen , wo mein Bruder auf den Tod erkrankt ist , und dort auf dem Pult liegt der Anfang eines Briefes , worin ich der Fürstin zu schreiben gedacht , daß ich nun und nimmermehr die Gattin ihres Sohnes werden könne . Die dunklen Augen Helenes leuchteten , das heiße Blut färbte das Incarnat der lieblichen Wangen tiefer , sie war Oswald so schön , so einzig schön nie erschienen . Und das in diesem Moment , wo er bereits im Herzen Abschied genommen von einem Leben , das keinen Reiz mehr für ihn hatte ! gerade jetzt mußte ihm das Ideal seiner glänzendsten Träume , nicht in unerreichbarer Ferne - nein , in unmittelbarer Nähe erscheinen , dem kühnen Wunsch , dem festen Willen vielleicht erreichbar ! Weshalb sagte sie ihm , daß sie den Fürsten nicht heirathen werde , und sagte es in diesem herausfordernden Ton , wenn sie ihn - den Schwankenden , Treulosen , Wankelmüthigen - nicht demüthigen wollte durch die Kraft des Entschlusses , mit welchem sie der Herrlichkeit entsagte , nur um sich selbst treu zu bleiben ? Diese Gedanken jagten in wilder Flucht durch Oswalds Gehirn , das , überreizt durch Schlaflosigkeit und Fieberträume , mit einer wunderbaren Schnelligkeit arbeitete und die Resultate complicirtester Gedankenreihen in schwindelndem Fluge erfaßte . Er wußte , daß sie ihm dies nimmermehr gesagt haben würde , wenn sie ihn nicht zu irgend einer Zeit geliebt hätte , vielleicht noch liebte , und dabei wußte er auch mit unumstößlicher Gewißheit , daß er und sie durch Alles , was geschehen war , auf immer unwiederbringlich von einander geschieden seien . Es war deshalb keine Bitterkeit , sondern nur tiefste Trauer in dem Ton , in welchem er jetzt , die Augen unverwandt auf das himmlisch schöne Antlitz des Mädchens gerichtet , sagte : Lassen Sie uns einander nicht mit heftigen , lieblosen Worten betrüben . Wer weiß , ob wir im Leben noch viele Worte mit einander zu wechseln haben werden ! Mir ist zu Muthe , wie einem Sterbenden , und was ich spreche , spreche ich nicht für mich , der ich keine Wünsche mehr hege , sondern aus innerstem Drang nach der Wahrheit , von deren heiligem Antlitz ich mich nur zu oft im Leben abgewandt habe . Helene , ich habe Sie geliebt von dem Augenblick , als ich Sie zum ersten Male an jenem unvergeßlichen Sommerabend im Park von Grenwitz sah ; und ich weiß es auch : wenn ich mir selber treu geblieben wäre , Sie würden mich wieder geliebt haben , Sie würden einst die Meine geworden sein . Aber , weil ich mich selbst verlassen , haben auch Sie sich von mir gewandt , und jetzt liegt zwischen uns eine Kluft , die niemals ausgefüllt werden kann . Und was uns einander auf immer nahe zu bringen schien , - die Entdeckung , die ich heute Morgen machte - hat uns erst recht auf ewig getrennt . Ich fühle es wohl : Sie werden nun und nimmermehr ein Geschenk , wie Sie es nennen , von mir annehmen wollen ; und ich wollte eher meine Hand auf glühende Kohlen legen , als sie nach dem Erbe des Mannes ausstrecken , der meine Mutter zur unglücklichsten aller Frauen gemacht hat . Dazwischen giebt es keinen Vergleich , wäre auch alles Andere , wie es sein sollte . Und nun , Helene , ehe wir - wohl auf immer - scheiden , habe ich eine Bitte : reichen Sie mir über die Kluft weg , die uns trennt , die Hand , zum Beweis , daß Sie mir verziehen haben . Helene legte ihre Hand in die ausgestreckte Hand Oswalds . So standen sie und sahen sich einander tief in die Augen , und wie sie so schauten , sahen sie alle die goldigen Sommermorgenstunden , die sie im Park von Grenwitz unter säuselnden Bäumen verlebt , und alle die purpurnen Abende , an denen sie durch den grünen Buchenwald bis zum Meeresstrande wanderten - und dann sahen sie nichts mehr , denn ein grauer Thränenschleier hatte sich über die lieblichen Bilder gedeckt . Leb ' wohl , Helene ! Leb ' wohl , Oswald ! Für immer ! Für immer ! Oswald preßte die Geliebte nicht in die Arme . Eine heilige Scheu hielt ihn gefesselt . Er ahnte es : die Zeit der Sühne , die ihm noch blieb , war kurz , und , einen neuen Schwur zu besiegeln , den zu halten er keine Kraft in sich fühlte , war kein Entgelt für so viele gebrochene Schwüre . Er ließ die Hand , die er noch immer in der seinigen hielt , los und - im nächsten Augenblick war Helene allein . Sie stand noch , die Augen starr auf die Thür , durch die Oswald verschwunden war , gerichtet , als die Baronin wieder in das Zimmer trat . Es ist die höchste Zeit , Helene , sagte sie ; der Wagen hält unten . Bist Du bereit ? Ja . Was sind das für Papiere dort auf dem Tische ? Hat er sie nicht wieder mitgenommen ? Wer ? Oswald . War er hier ? was wollte er ? Nimm die Papiere zu Dir , Mutter . Er brachte sie Dir . Helene , Du bist bleich und hast geweint ; was bedeutet dies ? Liebst Du diesen Mann ? soll ich auch mein letztes Kind verlieren ? Sei ruhig Mutter ; ich werde Dich im Unglück nicht verlassen . Doch da liegt ja noch der Brief an die Fürstin . Einen Augenblick , Mutter ! Sie setzte sich an das Bureau und schrieb mit fliegender Feder einige Zeilen . So , jetzt ist auch das geschehen , und ich bin wieder frei ! Komm , Mutter , ich will Dir zeigen , daß ich noch Kraft und Muth genug zum Leben habe . Komm ! Und sie zog die Baronin , die sich willig der höheren Energie ihrer Tochter fügte , mit sich fort aus dem Gemach . Eine Minute darauf hatten die beiden Damen das Palais Waldernberg und eine halbe Stunde darauf die Residenz verlassen . Neunundvierzigstes Capitel Als Oswald , ohne kaum zu wissen , wohin er sich wandte , die Straße hinabeilte , fühlte er sich plötzlich von Jemand am Arm ergriffen . Es war Albert . Albert hatte nach dem Zusammentreffen mit Herrn Schmenckel seinen Beobachtungsposten in der Nähe des Palais auf einige Zeit aufgeben müssen , um sich in dem Hofe eines der nächsten Häuser das Blut abzuwaschen , das nach der Berührung von Herrn Schmenckels schwerer Faust seiner Nase und seinem Munde reichlich entströmt war . Er war so zornig , wie er es kaum je im Leben gewesen . Es war die Wuth des Jägers , dem das Wild die kunstreich gewebten , schlau gestellten Netze plump zerrissen hat . Dieser Tölpel von einem Schmenckel mit seiner dummen Ehrlichkeit ! wie hatte er den Menschen bearbeitet , wie hatte er ihm die Zukunft golden ausgemalt , und nun ? Es war zum Rasendwerden ! Der schöne , leichte , sichere Gewinn dahin ! und weshalb ? um nichts und wieder nichts , um einer ehrlichen Laune willen . Und wenn nun Oswald eine ähnliche Dummheit begeht ! man kann die Spatzenköpfe ja keinen Augenblick allein lassen . Und dabei will das verdammte Blut gar nicht stehen . So hatte er weder Herrn Schmenckel noch den Fürsten wieder aus dem Palais kommen , noch hatte er Oswald hineingehen sehen , und er kam jetzt noch eben zur rechten Zeit , um diesen , der die Straße hinabeilte , einzuholen . Holla , Herr ! Was giebt ' s ? Ja , das frage ich . Bist Du ' s ? Wer sonst ? Wie ist es abgelaufen ? hat die Alte klein beigegeben ? und er wollte vertraulich seinen Arm in Oswalds Arm legen . Oswald trat einen Schritt zurück : Rühre mich nicht an ! sagte er ; oder ich zerschmettere Dir den Kopf an der Wand . Hoho ! sagte Albert , jetzt seinerseits zurückweichend ; ist der auch verrückt geworden ? Elender Bube ! knirschte Oswald ; Mensch , der aus dem Laster eine Speculation und aus der Gemeinheit ein Gewerbe macht ; lasse Dich nie wieder auf meinem Wege sehen , oder Du wirst es bereuen ! Er wandte sich von Timm , der in dem ersten Augenblick blaß geworden war und dann in ein tolles Gelächter ausbrach , und eilte weiter . Es war ihm einerlei , wohin ihn seine Füße trugen ! Er ging wie im Traum , und wie Traumbilder erschien ihm auch , was er sah und hörte : die neugierigen , erschrockenen Gesichter von Kindern und Frauen in den Fenstern und Thüren ; die dichten Haufen von Männern , die sich unter wilden Gesticulationen und lauten Ausrufungen Unerhörtes mitzutheilen schienen und dann auseinanderstoben , wenn eine Patrouille anmarschirt kam ; das Rennen und Laufen , das Schreien und Pfeifen von Straßenbuben ; und dazwischen das Wimmern der Sturmglocken von den Thürmen . Dann , je weiter sich Oswald von dem vornehmen Quartier , aus dem er kam , entfernte , wurde ein anderer Ton deutlicher : ein eigenthümliches Knattern und Prasseln und ein dumpfer Donner , vor dem die Häuser selbst erzitterten . Aber das Alles vermochte nicht , ihn aus seinem wachen Traume aufzurütteln ; der Schmerz um das eigene zerstörte Lebensglück hatte ihn taub und blind gemacht gegen den Schmerz eines ganzen gemißhandelten Volkes . Da schreckte ihn jäh ein fürchterlicher Anblick empor . Aus einer Seitenstraße kam eilenden Laufs ein junger Mensch , rufend : Verrath , Verrath ! sie schießen auf uns ! Des jungen Menschen Blouse war zerrissen und mit Blut befleckt ; sein Antlitz war bleich , sein Haar verwirrt ; er taumelte , wie ein Trunkener , und plötzlich stürzte er , unmittelbar vor Oswald , zusammen . Oswald hob ihn auf ; im Nu hatte sich ein Haufe von Männern und Frauen um sie gesammelt . Er stirbt ! riefen die Männer ; Fluch über unsere Henker ! Die Weiber heulten ; eines rief : Nehmt ihn doch dem Herrn ab ! seht Ihr nicht , daß der sich selbst kaum auf den Beinen halten kann ? Ein Mann nahm den Sterbenden aus Oswalds Armen . Da fühlte Oswald sich von Jemand aus dem Gedränge gezogen . Als er sich umwandte , erblickte er Berger . Oswalds Seele war in den letzten Stunden von so viel Außerordentlichem bestürmt worden , daß selbst das Seltsamste , Unerwartetste ihn vorbereitet traf . Und wenn es einen Menschen gab , den er in diesem Augenblick zu sehen wünschte , so war es sein Freund und Lehrer , sein Schicksalsgenosse . Oswald fragte nicht : wie ? und woher ? er stürzte sich dem Wiedergefundenen in die Arme . Gut , daß Du da bist , sagte Berger hastig ; komm , lasse die Todten ihre Todten begraben . Wir wollen schaffen und arbeiten , so lange es Tag ist . Sie eilten zusammen weiter . Mit jedem Schritte , den sie machten , kamen sie dem Krater der Revolution , die seit ein paar Stunden zum Ausbruch gekommen war , näher . In diesem Stadttheil erhoben sich schon , von tausend tapfern und geschickten Händen aufgethürmt , Barricaden , die von todesmuthigen Männern und Knaben , meistens aus den niederen Volksklassen , besetzt wurden . Man konnte von der Widerstandsfähigkeit dieser improvisirten Festungen keine allzu großen Hoffnungen haben , wenn man sah , daß sie meistens aus einem , wenn es hoch kam , aus mehreren umgestürzten Wagen , abgerissenen Planken und anderen in der Eile zusammengerafften Gegenständen erbaut waren , und daß die Waffen ihrer Vertheidiger zumeist in alten rostigen Säbeln , Lanzen , Flinten ohne Schloß und ähnlichen Instrumenten bestanden . Berger blieb hier stehen , Rath ertheilend , anfeuernd , mit seiner tiefen tönenden Stimme : zu den Waffen ! zu den Barricaden ! rufend ; aber so oft Oswald sich an dem Bau einer derselben betheiligen wollte , hielt er ihn davon zurück : Nicht hier ! sagte er ; dies sind nur unsere Vorposten , die doch wieder eingezogen werden müssen . In diesen geraden breiten Straßen lassen sich keine Barricaden mit Erfolg vertheidigen . Das Gros der Revolution steht weiter zurück . So kamen sie in die Lange Straße , die von dem Schloßplatz in ein dichtbevölkertes Quartier des Kleinhandels und des Kleingewerbes führte . Aus der Langen Straße gelangte man durch eine schmale Gasse , in welcher der Dustre Keller lag , in die Schwesterstraße . Ueberall hier schwirrte und wirrte es wild durcheinander . Vom Schloßplatz her krachten die Gewehrsalven und schmetterten die Kanonenschläge ; aber noch nirgends sah man den Anfang von Barricaden . Sind diese Menschen wahnsinnig ! rief Berger ; wenn sie sich hier nicht verschanzen wollen , wo soll es denn geschehen ? Auf den Stufen eines Eckhauses , umdrängt von Volkshaufen , stand ein Herr mit weißer Halsbinde und sprach eifrig auf die Leute ein : Se . Majestät hat die Deputation huldvollst zu empfangen geruth - Was da Majestät ! schrie eine zornige Stimme ; - Se . Majestät geruht jetzt eben huldvollst , seine getreuen Unterthanen niederzukartätschen ! rief eine andere . Meine Herren , schrie der Redner , geben Sie nicht Gefühlen des Hasses und der Rache Raum ! Se . Majestät willigt in die Zurückziehung des Militairs , sobald Sie die Waffen aus der Hand gelegt - Und Ihre Kehlen dem Messer des Mörders dargeboten haben , rief mit gewaltiger Stimme Berger , der plötzlich neben dem Redner in der weißen Halsbinde auf der Treppe erschien . Sein graues Haar hing ihm wild um das unbedeckte Haupt ; seine Augen glühten , es war , als ob die Revolution selbst Gestalt und Stimme angenommen hätte . Nun , rief er weiter , Ihr zaudert und verhandelt noch immer , während Eure Brüder wenige Straßen von Euch ermordet werden ? Mußt Du ewig glauben , Du gläubiges , so oft und so schmählich belogenes Volk , nun , so glaube : Dir wird keine Concession gemacht , die Du nicht erkämpft , und keine Freiheit gewährt , die Du nicht mit Deinem Blute bezahlt hast . So feilscht und marktet denn nicht länger , gebt ihn her , den theuren Preis um das theure Gut ! Um der Freiheit willen , greift zu den Waffen ! Zu den Waffen ! zu den Waffen ! donnerte es von allen Seiten . Wir wollen siegen oder sterben ! zu den Waffen ! Die waffenlosen Arme streckten sich wie zum Schwur in die Luft . Berger war von der Treppe hinabgesprungen . Man umringte ihn ; man drückte ihm die Hände . Einige forderten ihn auf , die Sache in die Hand zu nehmen , da es doch ohne Führer nun einmal nicht gehe . Berger sah sich um . Plötzlich eilte er auf einen langen Herrn los , der sich rasch durch die Menge drängte . Das ist der Mann , schrie er , den langen Herrn bei der Hand fassend . Er muß unser Führer sein ! Treten Sie auf die Treppe , Oldenburg , und sprechen Sie ! Oldenburg war mit einem Satze auf der Treppe . Meine Herren ! rief er , seinen Hut lüftend , huldigen wir der Mode des Tages und bauen wir eine Barricade . Ich habe vor zwei Wochen eine kurze Lehrzeit im Barricadenbau auf den Straßen von Paris durchgemacht . Wenn Sie in Ermangelung eines Bessern sich meiner Künste bedienen wollen - ich bin herzlich gern bereit , mit Ihnen zu bauen , mit Ihnen zu kämpfen , mit Ihnen zu siegen , wenn ' s sein kann , mit Ihnen zu sterben , wenn ' s sein muß . In dem stählernen Klang von Oldenburgs Stimme , in seiner leichten und doch so eindringlichen Art zu sprechen , lag ein Zauber , dem der Volkshaufe nicht widerstehen konnte . Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es Aller Herzen . Sie sollen unser Führer sein , rief es von allen Seiten ; der Schwarzbart soll unser Führer sein . Nun denn ! rief Oldenburg mit erhobener Stimme : Alle Mann hoch an die Barricade ! Ein wunderbares Treiben folgte diesem Zauberwort . In die wild durcheinander wogende Menge kam plötzlich Ordnung . In all den Köpfen lebte nur der eine Gedanke , sich ein Bollwerk zu schaffen , und alle Hände arbeiteten nur nach dem einen Ziel . Wir müssen in zehn Minuten fertig sein , meine Herren , rief Oldenburg , oder wir thäten besser , gar nicht anzufangen . Oldenburg machte durch unerschütterliche Kaltblütigkeit und geniale Schnelligkeit des Blicks und des Entschlusses seinem Anführerposten Ehre . Er schien auf allen Punkten zugleich zu sein , und seine klare tönende Stimme glaubte man an allen Punkten zugleich zu hören . Hier wurde auf seine Anordnung das Pflaster aufgerissen , dort wurden die Fliesen des Trottoirs ausgehoben und mit denselben die umgeworfenen Wagen , die als Basis der Barricade dienen mußten , nach der Außenseite bepanzert . Thürflügel , Rinnsteinbrücken , mit Sand gefüllte Säcke vervollständigten die Festigkeit des Baues , der mit einer Schnelligkeit heranwuchs , die mit dem Fieber der Leidenschaft , das in allen Pulsen pochte , Schritt hielt . Jede Sehne , jede Muskel war bis zum Aeußersten gespannt ; Knaben trugen Lasten , die in ruhigen Augenblicken kaum ein Mann hätte bewältigen können ; Männer , die sonst vielleicht nur die Feder zu führen gewohnt waren , schienen plötzlich Muskeln von Stahl bekommen zu haben . Vor Allen aber zeichnete sich ein Mann in einem abgeschabten Sammetrocke aus , in Vergleich mit dessen Thaten die Leistungen der Anderen nur Pygmäenwerk waren . Wo es etwas zu heben oder zu schleppen gab , rief man lachend nach dem Hercules , wie den Mann im Sammetrock der Volkswitz nach den ersten fünf Minuten getauft hatte , - und der Hercules sprang hinzu , reckte seine mächtigen Arme aus , oder stemmte seine breiten Schultern dagegen , und die Centnerlast schien plötzlich federleicht zu werden . Bravo , Herr Schmenckel ! rief Oldenburg , dem Hercules auf die Schultern klopfend , aber schonen Sie Ihre Kraft ; wir werden sie noch nöthig haben . Pah , Euer Gnaden , Herr Baron , erwiederte Herr Schmenckel , indem er sich mit dem Aermel über sein von Schweiß triefendes Gesicht fuhr , das will noch nicht viel sagen . Hercules , hierher ! erschallte es von einem anderen Punkte . Komm ' schon ! schrie Herr Schmenckel und sprang dahin , wo man seiner bedurfte . Jetzt fehlt es am Besten noch , murmelte Oldenburg , indem er das mit jeder Secunde wachsende Werk überschaute und einen prüfenden Blick auf die Dächer der die Barricade flankirenden Häuser warf , die man auf seinen Rath abzudecken begann ; wenn Berger keine Waffen bringt , ist Mühe und Arbeit umsonst . Da kam Berger in Begleitung von zehn oder zwölf Männern . Jeder von ihnen trug eine Büchse . Ein paar Andere schleppten Säcke , in welchen sich Munition befand . Berger , der schon Tage lang vorher die Gelegenheit zur Revolution , die er vorausgeahnt , studirt hatte , kannte alle Waffenläden in der Runde und hatte sich jetzt der Vorräthe eines derselben bemächtigt . Ein Jubelruf erschallte , als die kleine Schaar bei der Barricade anlangte . Gleich darauf wurde noch eine alte lange einläufige Vogelflinte und ein verrosteter Carabiner mit Pfannenschloß aus irgend einer Rumpelkammer herbeigeschafft ,