sagen , weshalb ich da bin . Wissen Sie , wo wir heute Nacht vor einem Monat waren ? Es ist die Nacht , welche uns die braune Gräfin zum Rendezvous bestimmte . Nehmen Sie noch so viel Interesse an mir und unserer kleinen Pflegebefohlenen , um mich zu dem bewußten Platze zu begleiten ? Ich stehe in wenigen Minuten zu Ihrer Verfügung , sagte Oswald ; erlauben Sie nur , daß ich mich ein wenig zu unserer Fahrt zurecht mache . Er nahm eins der beiden Lichter , die auf dem Tische brannten und ging in die Nebenstube . Ziehen Sie sich ja warm an ; rief ihm Oldenburg nach ; es ist jetzt sehr kühl gegen Morgen , noch dazu im Walde . Hm ! murmelte er , als Oswald verschwunden war ; er sieht bleich und angegriffen aus , und war weniger freundlich , als seine Gewohnheit ist . Er wird doch nichts von meinem Aufenthalte in Fichtenau , den ich ihm so sorgfältig verheimlichte , erfahren haben ? Ich muß ihn ein wenig aushorchen . Es wäre fatal , denn ich spreche mit Niemand gern über mein Verhältniß zu Melitta , mit ihm am wenigsten . Unterdessen sagte Oswald , während er sich umzog , vor sich hin : Jetzt gilt es klug sein , wie die Schlange . Spielt Ihr mit mir , so will ich mit Euch spielen . Er trat wieder in ' s Zimmer . Ich bin bereit . So wollen wir aufbrechen . - Mein Wagen hält vor dem Thor ; sagte der Baron , während sie die Treppe , die nach dem Garten führte , hinunterstiegen ; die Czika sitzt , in meinen Mantel gehüllt , darin . Meinen Sie nicht auch , daß es gerathen ist , das Kind zu der Zusammenkunft mitzunehmen ? Wenn die Zigeunerin wirklich des Kindes Mutter ist , so sind wir ihr wohl diese Aufmerksamkeit schuldig . In jedem Fall kann sie sich überzeugen , daß das Kind lebt und gesund ist und sich in seinen neuen Verhältnissen wohl befindet . - Aber was bedeutet denn dies rege Leben im Schloß ? Anna-Maria ist doch sonst keine Freundin von Festgelagen . Ist Malte vielleicht fortgelaufen gewesen und wieder zurückgekehrt und wird dem Kalbe jetzt ein Kalb geschlachtet ? Es handelt sich nicht um einen verlornen Sohn , sondern um eine wiedergefundene Tochter , sagte Oswald , sich zu einem scherzhaften Tone zwingend ; Fräulein Helene ist aus der Pension zurück . Seitdem reiht sich Fest an Fest . Tempora mutantur ; sagte Oldenburg : das muß ja eine Circe von Mädchen sein , die solche Metamorphosen zu Wege bringen kann . Ist sie schön ? Mir erscheint sie so . Lassen Sie uns einmal an die Fenster treten , sagte Oldenburg , als sie im Garten über den Rasenplatz gingen ; ich bin unendlich neugierig , dies Wunder zu sehen . Es wird uns ja Niemand bemerken . Er schritt nach der Treppe , die auf den Perron hinaufführte . Oswald folgte . Die Thüren war jetzt , wo es draußen kühler wurde , geschlossen , auch die Fenster ; aber die Vorhänge waren nicht heruntergelassen ; man konnte von diesem Standpunkte aus Alles beobachten , was in den blendend hell erleuchteten Zimmern vorging . Als sie an das Fenster traten , saß ihnen gerade gegenüber Helene am Klavier , Felix stand hinter ihrem Stuhl . Er beugte sich über sie und schien eifrig mit ihr zu sprechen . Oldenburg ' s falkenscharfes Auge hatte sogleich die Gruppe erfaßt : Wer ist der junge Mann ? fragte er . Oswald antwortete nicht ; die Unterlippe zwischen die Zähne gepreßt , die starren Augen nicht von den Beiden am Klavier wegwendend , stand er da . Felix beugte sich noch tiefer ; Oswald preßte die Lippe , daß das Blut durch die Haut sprang . Da erhob sich Helene plötzlich , und schritt durch die Gruppen der Tänzer , die durch das Aufhören der Musik wie am Boden gefesselt waren , oder lachend weiter zu tanzen versuchten , hindurch , gerade auf das Fenster zu , vor welchem Oldenburg und Oswald sich befanden , die ein paar Schritte zurück in den Schatten traten . Sie blieb , in der Fensternische angelangt , stehen , die Arme über dem Busen verschränkt , die großen , dunklen Augen auf den Mond gerichtet , dessen goldene Scheibe draußen an dem tiefblauen nächtlichen Himmel schwamm . Ihr von der Aufregung der eben mit Felix gehabten Scene noch leidenschaftlich erregtes , in dem Strahl des Mondes geisterhaft bleiches , von dem herrlichen blauschwarzen Haare eingerahmtes Gesicht gemahnte den Baron an die schönste der antiken Medusen . Ein Herr - es war Adolf von Breesen - trat an sie heran , und sprach zu ihr . Sie antwortete ihm kurz , ohne die Stellung zu verändern , ohne kaum die Lippen zu regen . Er verbeugte sich und trat zurück . - Dann , als ob sie sich eines Andern besonnen hätte , wandte sie sich und schritt wieder zum Klavier zurück , setzte sich und begann von Neuem zu spielen . Wie von einem Zauberstabe berührt , kamen die Paare der Tanzenden wieder in Bewegung - und das bunte Bild , das Oldenburg und Oswald zuerst erblickt hatten , war wieder hergestellt . Wer war der Fant , welcher dieses Intermezzo veranlaßte ? fragte Oldenburg , als sie wieder in den Garten hinabgingen . Felix von Grenwitz , ihr Cousin . Ein allerliebstes Püppchen ; und die junge Schönheit soll die Puppe zum Gemahl haben ; nicht ? Ich glaube . Und wie erscheint Ihnen das ? Wie die Welt dem Hamlet : ekel , schal und flach und unersprießlich . Meine böse Ahnung geht in Erfüllung ; murmelte Oldenburg durch die Zähne . Sie sagten ? Ich dachte eben daran , ob Carl wohl den Wagen in die Höhe geschlagen hat , damit meine kleine Czika nicht ganz unter freiem Himmel sitzt . Freilich , ihr wäre es am liebsten , wenn sie nie eine andere Decke über sich hätte . Auf unsrer Reise jubelte sie jedesmal , so oft wir in die Nacht hineinfuhren , und sie die vielgeliebten Sterne über sich leuchten sah . Und - darf man fragen , was Sie so plötzlich aus unserer Nähe riß ? fragte Oswald und seine Stimme bebte . Eine Angelegenheit , die eigentlich nur indirect für mich von Bedeutung ist . Die Krankheit eines Mannes , dessen Tod auf das Geschick einiger Personen , die mir werth sind , von großem Einfluß sein kann . Der Baron wartete , ob Oswald etwas erwiedern würde . Ich war eitel genug , zu glauben , daß meine Abreise einige Sensation in der Gesellschaft hier erregen würde , fügte er hinzu , als Oswald schwieg , dies scheint indessen nicht der Fall gewesen zu sein . Man ist seit so langen Jahren gewohnt , Sie unvorbereitet kommen und gehen zu sehen , daß man sich nachgerade daran gewöhnt hat , sagte Oswald , doch da hält Ihr Wagen , glaube ich . Wo ist Czika , Karl ? fragte der Baron . Sie liegt im Wagen fest eingeschlafen , antwortete der Kutscher , der vom Bocke gestiegen war , den Tritt herabzulassen , ich habe sie sorgfältig zugedeckt . Wir wollen sie zwischen uns nehmen , wie damals , als wir , von Barnewitz kommend , sie auf der Landstraße fanden . Der Baron war schon im Wagen . Bist Du es , Herr ? fragte das Kind , aus dem Schlaf erwachend . Ja , mein Herz . Wer ist der Mann bei Dir ? Dein Freund , der Mann mit den blauen Augen . Er soll bei uns bleiben , murmelte Czika schlaftrunken , sich an Oswald , der nun auch eingestiegen war , schmiegend . Czika ist müde ; Czika will in Deinen Armen schlafen . Ich glaube , sagte der Baron , als sich der Wagen in Bewegung setzte , Sie haben einen unauslöschlich tiefen Eindruck auf Czika gemacht . Sie spricht sehr oft von Ihnen und fragt , warum der Mann mit den blauen Augen - so bezeichnet sie Sie stets - nicht wieder kommt ? Es ist doch ein wunderlich Ding , das Menschenherz ; ein unergründliches Räthsel , zu dem der Weiseste der Weisen keinen Schlüssel hat . Wer erklärt uns das Wunder der Sympathien und Antipathien ? Welche Mühe habe ich mir gegeben , das Herz dieses Kindes mir zu eigen zu machen ! Ich möchte so gern etwas auf der Welt mein eigen nennen ! Und ist es mir gelungen ? Ich weiß es nicht . Sie folgt mir , aber nur wie ein Kind , dem die Mutter gesagt hat : geh mit dem Herrn und sei hübsch artig ! Ich bin ihr heute noch , was ich ihr am ersten Tage war . Ich habe sie mit der zärtlichsten Sorge umgeben . Sie nimmt Alles hin , wie eine Gabe , die man nicht ausschlägt , um den Geber nicht zu beleidigen . Aber machen es nicht alle Kinder mehr oder weniger so ? erwiederte Oswald ; ist es nicht ihr gutes Recht , sich lieben zu lassen , ohne weiter dankbar dafür zu sein ? Und dann , was ist am Ende eine Liebe , die auf Dank rechnet ? Heißt es nicht auch hier : wer Lohn begehrt , der hat seinen Lohn dahin ? Mögen Sie das nie an sich selbst erfahren ? sagte der Baron mit bewegter Stimme , und mögen es Andere nie durch Sie erfahren . Wüßten Sie , was hoffnungslose Liebe ist , wüßten Sie auf der anderen Seite , was es heißt : das Gefühl mit sich herumtragen , Liebe , warme aufrichtige Liebe mit Kälte , mit Gleichgültigkeit erwiedert zu haben - Sie würden so nicht sprechen . Nein , nein ! grausam gewesen zu sein gegen ein Herz , das uns liebt , ist eine Erinnerung , die auf unserm Gewissen brennt , und die keine neue Liebe , und wäre sie wirklich reiner , als die , welche wir damals fühlten , wieder auslöscht ? Und haben Sie diese Erfahrung an sich selbst gemacht ? Leider , ja ! Ich habe in meinem Leben viele Verhältnisse angeknüpft und wieder gelöst , ohne daß ich darüber Gewissensbisse empfunden hätte . Wußte ich doch nur zu wohl , daß die guten Herzen nicht brechen würden ! Es waren Conta meta Geschäfte , bei denen Jeder seine Rechnung gefunden hatte , oder die , schlimmsten Falls , den einen oder den anderen und meistens beide Partner so bettelarm ließen , wie sie vorher gewesen waren . Nur einmal - und ich war damals noch ziemlich jung und das gereicht mir einigermaßen zur Entschuldigung - nur einmal habe ich mich des Frevels schuldig gemacht , ein Wesen , von dem ich überzeugt sein konnte , daß es mich treu und aufrichtig liebte , mit schnödem Undank zu belohnen . Die Geschichte würde mir unvergeßlich sein , auch wenn sie nicht durch die Begegnung mit der braunen Gräfin auf eine wunderliche Weise mir wieder in die Erinnerung gerufen wäre . Habe ich Ihnen nicht erzählt , wie ich einst sonst vor vielen Jahren im fernen Ungarlande , als ich mich auf dem Gute eines Bekannten zum Besuch aufhielt , ganz zufällig ein Zigeunermädchen fand - Ja , sagte Oswald ; ich erinnere mich Ihrer Erzählung , die durch das Hereintreten Herrn von Cloten ' s unterbrochen wurde , sehr wohl . Ich vergaß hernach , Sie um die Fortsetzung zu bitten . War es nicht so ? Sie hatten das Mädchen , als Sie , fern von der Wohnung , in dem Walde umherschweiften , in einem Zigeunerlager , das für den Augenblick von der übrigen Bande verlassen war , gefunden . Sie erblicken und sie lieben , war eins . Sie verlebten mit ihr in der romantischen Einsamkeit mehrere glückliche Tage . Die Geschichte schloß mit folgendem Tableau : Zigeunerlager im Walde - Sonnenuntergang - unter dem überhangenden Dache einer breitastigen Buche ein liebendes Paar auf schwellendem Moosteppich - Ihr Gedächtniß ist gut , sagte der Baron , auch haben Sie die Stimmung , welche ich damals dem Bilde gab , getreu reproducirt . Ich werde nur nachträglich noch einige Schlagschatten hineinzeichnen müssen . - Ich saß also mit der Zingarella - Xenobi war ihr süßer Name - in der von Ihnen angedeuteten Situation . Ich sang das alte Finklerlied von der Liebe , die nimmer enden würde , und das holde Vögelchen traute der alten falschen Weise und schmiegte sich innig und inniger an mein Herz . Da plötzlich ertönte Hufschlag durch den stillen Wald und das Lachen und Schwatzen einer fröhlichen Cavalcade . Ich hatte kaum noch Zeit , die Kleine unsanft von meinem Schooß zu stoßen und mich zu erheben , als die Schaar schon unter den hohen Bäumen hervor auf den Platz gesprengt kam . Es waren meine Wirthe : der junge Graf Cryvany mit seinen Schwestern und mehrere Herren und Damen aus der Nachbarschaft . Sie können sich die nun folgende Scene denken . Ich wurde sofort umringt und mit Fragen überschüttet : Wo ich gewesen ? wie ich hierher gekommen sei ? - Ich dachte , die Wölfe hätten Sie zerrissen ! rief der Eine ; oder Sie hätten sich aus unglücklicher Liebe erschossen , ein Anderer . - Ich habe des Räthsels Lösung ! schrie ein Dritter : Liebe freilich ist im Spiel , aber bei Liebe keine unglückliche . Sehen Sie dort ! und er deutete mit dem Stiel seiner Reitpeitsche auf meine arme Xenobi , die sich bei der Annäherung der Cavalcade scheu hinter dem dicken Stamm der Buche versteckt hatte . - Ein allgemeines Gelächter belohnte den Witzbold . Nur ein Gesicht blickte finster drein . Es war die jüngste und hübscheste der Schwestern , der ich noch zuguterletzt den Hof gemacht hatte und die , glaube ich , in ihrer Weise - was freilich nicht viel sagen will - mich mit ihrer Neigung beehrte , mir wenigstens schon einige nicht mißzuverstehende Zeichen ihrer Gunst gegeben hatte . Ich schämte mich plötzlich meiner armen Xenobi ganz entsetzlich und hatte nur den einen Wunsch , mich aus der Affaire zu ziehen , ohne die stolze Georgina zu beleidigen . Ich spielte den Entrüsteten , ich behauptete , tagelang im Wald umhergeirrt , und nur eben erst auf das Zigeunerlager gestoßen zu sein . Woher hat denn das Mädchen die goldene Kette um den Hals , die wir kürzlich noch an Ihnen bewunderten ? fragte Georgina . - Ich hätte Georgina ermorden können . Xenobi kam dem Fassungslosen zu Hilfe . - Hier , Herr ! sagte sie , nimm , was ich Dir gestohlen habe und sie reichte mir das Geschmeide . Ich werde die zitternde Hand , das von Schmerz und Zorn entstellte Gesicht des armen Geschöpfes nie vergessen . - Machen wir , daß wir nach Hause kommen ! rief Herr von Cryvany ; es zieht ein Wetter herauf . - Ich bestieg das Pferd eines der Bedienten , und fort ging es durch den dämmrigen Wald . Ich wagte nicht , mich nach Xenobi umzublicken . Georgina , an deren Seite ich ritt , würde es mir nie vergeben haben . Ich hatte mir die Gunst der Dame vollständig wieder erobert , aber um welchen Preis ! Als ich am Abend des folgenden Tages - früher konnte ich mich nicht von der Gesellschaft losmachen - in den Wald gerannt war , mein Unrecht wieder gut zu machen , fand ich wohl nach vielem Suchen den Platz , aber nicht mehr Xenobi . Die Bande hatte , als sie ihren Schlupfwinkel verrathen sah , ihre Zelte abgebrochen und war wer weiß wohin gezogen . Von Xenobi habe ich nie wieder eine Spur entdecken können . Der Baron schwieg und blies den Rauch seiner Cigarre in mächtigen Wolken in die Luft . Sehen Sie , hub er nach einer langen Pause wieder an , ich bin fromm genug , oder abergläubisch genug , wenn Sie wollen , um anzunehmen , daß ich durch diese That einen Fluch auf mich geladen habe , den keine Reue wieder sühnt . Und nun werden Sie auch begreifen , was mir Czika ist - ein Engel im eigentlichsten Sinne des Wortes , ein holder Bote des Himmels , der mir Friede ! Friede ! in das kranke Herz singt . Hat mir das Bild des Kindes doch schon seit Jahren vor der Seele geschwebt , glaubte ich doch die Erfüllung meiner Träume schon zweimal leibhaftig vor mir zu sehen . Hier ist die rothe Rose Xenobi noch einmal , aber in dem Morgenthau süßester Unschuld . Die rothe Rose hat nun der Sturm des Lebens wohl schon lange geknickt , und hätte ich sie auch damals treuer bewahrt - was würde die Welt , die kalte , freche , lästernde Welt aus der romantischen Liebe eines Barons und einer Zingarella zuletzt gemacht haben ! Damals war ich zu jung und hätte die Geliebte vor dieser schnöden Welt nicht vertheidigen können ; jetzt bin ich ein Mann geworden und habe blos ein Kind , einen Findling zu schirmen und zu schützen . Ich werde der Zigeunerin geben , was sie verlangt , und wärmsten , aufrichtigsten Dank in den Kauf . Ich hoffe , sie hat die Verabredung nicht vergessen . Halt , Karl ! - Wir müssen hier aussteigen , um durch den Wald zu gehen . Ich kenne den Pfad von früher her noch ziemlich gut . Es ist die Stunde , welche uns die braune Gräfin bestimmte . Wir kommen gerade zur rechten Zeit . Wollen wir nicht doch die Kleine lieber hier lassen ? sagte Oswald . Weshalb ? fragte der Baron , der schon aus dem Wagen gestiegen war . Das Kind hängt sehr an der Frau , die ja am Ende doch seine Mutter ist . Vielleicht wird es bei ihrem Anblick von der alten Liebe zum Waldesleben erfaßt , und es giebt zum mindesten eine peinliche Scene . Oswald sprach die Worte leise , denn Czika regte sich in seinen Armen . Czika will mit , sagte das Kind plötzlich ; Czika will in den Wald und den Mond und die Sterne durch die Zweige tanzen sehen . Czika kennt jeden Baum und jeden Busch . Sie stand auf dem feuchten Waldboden und klatschte vor Vergnügen in die Hände und tanzte und lachte und rief : Kommt , kommt ! Du , Herr und Du , Mann mit den blauen Augen ! Czika will Euch einen schönen Platz zeigen , Czika kennt jeden Baum und jeden Busch im weiten Wald . Sie huschte auf einem schmalen Pfad , der sich von dem Wege , auf dem der Wagen hielt , seitwärts in den dichtesten Forst schlug , worauf , wie eine wilde Katze durch die Büsche schlüpfend , deren dünne Zweige wieder hinter ihr zusammenschlugen . Nur mit großer Mühe folgten die beiden Männer . Czika war nicht zu bewegen , ihren Lauf zu hemmen . Ihre einzige Antwort auf das : nicht so schnell , nicht so schnell , Czika ! nimm uns mit , Czika ! war der helle , lustige Schrei des jungen Falken , den sie wieder , lauter und schriller , wie Antwort heischend , erschallen ließ . Plötzlich ertönte die Antwort durch den stillen Wald , derselbe stolze Schrei , dessen sich Oldenburg und Oswald noch so deutlich von jenem Morgen erinnerten , als die Zigeunerin aus der Ferne den Ruf der Kleinen erwiderte . Da leuchtete ein rother Schein , der mit jedem Augenblick heller und heller wurde , durch die hohen Stämme der Bäume . Wir sind gleich am Ziele , sagte der Baron , welcher voranging . Wirklich traten sie nach wenigen Minuten auf die Lichtung heraus , die Oswald von dem Nachmittage , als er sich auf dem Wege zu Melitta verirrt hatte , so unvergeßlich war . Auf derselben Stelle , nicht weit vom Rande des Sumpfes , wo damals die Zigeunerin ihre Mahlzeit kochte , brannte jetzt wieder ein Feuer , aber groß und mächtig , wie um die Scene in das hellste Licht zu setzen . Die Kronen der mächtigen Bäume glühten purpurroth oder tauchten in schwere Schatten , je nachdem die Flamme des Holzstoßes emporloderte oder zusammensank ; von dem dunklen Wasserspiegel des Sumpfes erglänzte der Wiederschein - und , umflossen von dieser magischen Beleuchtung , erblickten die Männer , als sie athemlos den Saum der Lichtung erreichten , die braune Gräfin auf den Knieen vor Czika , die sie mit Küssen und Liebkosungen überhäufte ; während das Kind sich vergeblich bemühte , sie vom Boden empor zu ziehen und sich endlich zu ihr auf die Kniee warf , ihr Haupt an dem Busen des Weibes verbergend . Schweigend und regungslos standen die beiden Männer , tief ergriffen von dem Schauspiel einer so leidenschaftlichen Zärtlichkeit . Da erhob sich die Zigeunerin und das Kind an die Hand nehmend , trat sie auf die Beiden zu und sagte zu Oldenburg , der sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte : Kennst Du mich , Herr ? In diesem Augenblick leuchtete die Flamme hoch auf und jeder Zug in dem edelstolzen Gesicht des ägyptischen Weibes und jede Linie ihres schlanken , hohen Leibes war wie vom Tageslicht erhellt . Xenobi ! schrie der Baron , seine Arme ausbreitend , Xenobi ! Das braune Weib stürzte sich mit einem Geschrei wahnsinnigen Entzückens an seine Brust und klammerte sich an ihn , als ob sie sich nie wieder von dem geliebten Manne trennen wolle . Aber im nächsten Moment schon riß sie sich los , trat ein paar Schritte zurück und stand da , unbeweglich , die Hände über dem vollen Busen faltend . Czika stand zwischen ihr und dem Baron , die großen dunklen Augen voller Verwunderung von diesem zu jener , von jener zu diesem wendend . Der Baron nahm sie bei der Hand und sagte , näher an die Zigeunerin tretend , in einem Tone , der , so sehr er sich auch zu beherrschen suchte , deutlich die ungeheure Erregung , die in ihm wühlte , verrieth : Xenobi , ist dieses Kind - Er vermochte nicht weiter zu sprechen ; er rang mühsam nach Worten . Endlich stammelte er : Dein und mein Kind ? Ja , Herr ! sagte die Zigeunerin , ohne sich zu regen ; die dunkeln glänzenden Augen fest auf das Antlitz des Barons heftend . Oldenburg hob das Kind in seinen Armen empor und drückte es an seine Brust . Oswald fühlte , daß er die Drei allein lassen müsse und zog sich bis an den Rand des Waldes zurück . Dort setzte er sich . Es war dieselbe Stelle , auf der er an jenem Nachmittage gelegen hatte , als er den köstlichen Traum von Melitta träumte , und von wo aus er hernach Czika auf dem Cymbal hatte spielen hören , während die braune Gräfin am Feuer schaffte und mit ihrer tiefen , weichen Stimme die ungarische Volksweise sang . Wie vieles hatte sich nicht seit jenem Tage geändert ! was hatte er nicht Alles gewonnen und wieder verloren ! Damals hatte sein Herz der schönen Frau so sehnsuchtsvoll entgegengeschlagen ; heute erfüllte die Erinnerung an sie seine Seele mit Trauer und Schmerz . Warum hatte sie ihn so unendlich glücklich gemacht , wenn ihre Liebe doch nur die souveräne Laune eines Augenblicks war , nur ein hübsches Spiel , der Stunden Einerlei auszufüllen , über den momentanen Bruch ihres Verhältnisses zu Oldenburg besser hinwegzukommen ? Würde die hochgeborene Dame , die stolze Aristokratin , ihn über kurz oder lang nicht verleugnen , verleugnen müssen , wie der Mann da das arme Zigeunermädchen vor seinen Freunden verleugnet ? Und hatte er diesen Gedanken nicht immer schon mit sich herumgetragen ? hatte sich dieser Gedanke nicht selbst in den sonnigsten Augenblicken der Liebe wie ein düsterer Schatten zwischen ihn und die reizende Frau gestohlen ? Hatte er nicht , als der Name Oldenburg ' s zum ersten Male sein Ohr berührte , in diesem Manne , wie von einem Dämon getrieben , seinen Nebenbuhler erkannt ! Und mußte er sich nicht eingestehen , daß dieser Mann Alles besitze , in dem Herzen einer stolzen Frau eine heroische Leidenschaft zu entflammen ? Rang und Reichthum , eminente Gaben , den Muth des Ritters ohne Furcht und Tadel , und gerade genug vom Libertin , um ein Web , welches nicht ganz reinen Herzens ist , zu bestricken ? Und wie gut stand ihm sein Weltschmerz und die Duldermiene ? Sollte man , wenn man ihn hörte , nicht glauben , er werde nächstens in die Wüste gehen und sich von Heuschrecken nähren ? Jetzt wird er die Zigeunerin mit sich auf seine Solitüde nehmen , damit die Einsamkeit bis zu Melitta ' s Rückkehr etwas weniger einsam sei ! So wühlte sich Oswald geflissentlich tief und tiefer in die bittersten Empfindungen hinein . Er hatte ein dumpfes Gefühl davon , wie krank er war , wie abgehetzt und müde , wie unfähig , über sich selbst zur Klarheit zu kommen . Er wäre am liebsten gestorben , um all dem Wirrsal zu entfliehen , wie ein Schwimmer , wenn er fühlt , daß ihn die Kräfte verlassen , und weiß , daß keine Rettung mehr für ihn ist , sich in den Abgrund sinken läßt . Er drückte das Gesicht in seine Hände , um nichts mehr zu sehen und zu hören . Eine Hand , die sich auf seine Schulter legte , riß ihn aus seinem wirren Traum . Es war Oldenburg . Der Baron war allein . Das Feuer des Holzstoßes flammte nur noch auf Augenblicke empor und drohte zu verlöschen . Der Mond , über den graue Wolkenschleier zogen , flimmerte geisterhaft in dem dunklen Wasser des Sumpfes . Unheimlich zischelte und flüsterte der Wind in den langen Binsen des Ufers . Wo ist Czika ? fragte Oswald . Fort , erwiderte der Baron ; lassen Sie uns aufbrechen . Es ist spät . Wird sie nicht wieder kommen ? Ich weiß es nicht . Und Sie haben zugegeben , daß dies Kind , Ihr Kind , der Zigeunerin folgt in die weite Welt ! Was sollte ich thun ? Ist es nicht ihr Kind tausendmal mehr als meines ? hat sie es nicht mit Schmerzen geboren , es genährt und gepflegt und beschirmt alle diese Jahre , durch Regen und Sonnenschein , in Noth und Armuth , im wilden Wald , auf der offenen Landstraße ? Hat sie nicht für dies Kind gebettelt und gestohlen und vielleicht gethan , was noch schlimmer ist ? Was habe ich für mein Kind gethan , nichts - nichts , als seine Mutter vor den Augen eines vornehmen Pöbels wie einen verlaufenen Hund von mir verjagt , einer elenden Kokette zu Liebe ! Nein , nein ! ich habe kein Anrecht an diesem Kinde ! Während der Baron so sprach , stieß er mit dem Fuße die halb verkohlten Feuerbrände aus dem Holzstoß in den Sumpf , daß sie zischend verlöschten . Weshalb hat denn die braune Gräfin Sie aufgesucht ? weshalb Ihnen das Kind in die Hände gespielt ? weshalb dieses Rendezvous selbst herbeigeführt ? Sie wollte den Geliebten ihrer Jugend , den einzigen Mann , den sie vielleicht je geliebt hat , noch einmal sehen ; sie wollte ihm das Kind , sein Kind , in die Hände legen und zurücktauchen in ihre Waldesnacht . Aber sie kann ohne das Kind nicht leben und das Kind nicht ohne sie . So mußte ich denn Beide ziehen lassen . Aber weshalb nicht Beide mit nach Cona nehmen ? Soll ich den Falken an die Kette legen ? Der Falke fühlt sich nur wohl in dem unermeßlichen Aethermeer ; er stirbt in der dumpfen Stubenluft . Kommen Sie ! es ist für uns civilisirte Menschen die höchste Zeit , daß wir in ' s warme Bett kommen . Der Baron stieß den letzten Brand hinunter in ' s Wasser ; und wandte sich , zu gehen . Zwischen den hastig treibenden Wolken hervor blickte der Mond trübäugig in das schwarze Wasser des Sumpfes , und Oswald war es , als ob die langen Binsen , die am Rande wuchsen , flüsterten : hier ist kühle Ruh ' für alles Erdenleid . Neunundvierzigstes Capitel So ! aus der Verlegenheit wären wir glücklich ! sagte Albert , ein Packet Werthpapiere in eine voluminöse , abgetragene Brieftasche stopfend , die unter andern auch verschiedene Schreiben in kaufmännischer Hand enthielt , welche , obgleich die meisten darunter von nicht ganz neuem Datum , noch immer nicht beantwortet waren . Es ist doch Alles in Allem ein gutes kleines Frauenzimmer ; nicht übermäßig gescheit - aber das ist in diesem Falle nur eine Tugend mehr . Ich glaube wirklich , ich könnte meine Natur so weit verleugnen , die kleine Samariterin zu heirathen . Vielleicht führe ich gar nicht so schlecht dabei . Wer weiß ? am Ende steckt noch irgendwo in einem verborgenen Winkel meines Innern der Keim zu einem soliden Spießbürger , der nur der Wärme des häuslichen Heerdes bedarf , um sich glorreich zu entwickeln . Die Sache ist freilich , wie ich mich kenne , äußerst problematisch , aber so ganz und gar unmöglich ist sie denn doch nicht . Ich sehe mich schon im Geist an der Seite der kleinen Frau des Sonntags Nachmittags ehrsam durch die Felder wandern , das Lied der Spatzen und die Philippiken der treuen Ehehälfte gegen die steigende Unverschämtheit der Bäcker und Fleischer mit langen Ohren einsaugend , während vor uns her zwei junge Weltbürger watscheln , die eine flüchtige Aehnlichkeit mit einer mir sehr werthen Person haben