Martyrer sich verbluteten und wo St. Ignatius von Antiochien unter den Zähnen der Löwen rief : Meine Liebe ist gekreuzigt ! laßt mich ein Nachfolger der Leiden meines Gottes sein ! Um das Koliseum schwebt in meiner Phantasie eine Glorie von Purpurfarbe . « » O diese Martyrer , « rief Uriel , » haben in Wahrheit die streitende Kirche zur triumphierenden gemacht ! « » Darum stirbt auch dies heilige Geschlecht nie in ihr aus . Sie soll triumphieren - trotz Ketten und Banden , trotz Schmach und Verfolgung , über den Satan und seinen Anhang ! Und das tut sie , bald auf diesem , bald auf jenem Punkt der Erde . Sieh ' die Christenverfolgungen in China , in Japan - überall wiederholt sich die alte Tatsache : Christus der Gekreuzigte lebt in den kämpfenden Gliedern seiner Kirche . Sie werden mit ihm gemartert , gehöhnt und getötet ; sie werden begraben und Steine vor die Gruft gewälzt und Wächter bestellt ; und wenn das alles sicher besorgt ist , dann kommt der Ostertag , und mit den Hingewürgten ist die Kirche , die man erwürgt und begraben wähnte , auferstanden . Das sind ihre unvergänglichen Geschicke . So hat sie es auf Kalvaria gelernt . Dazu lebt und webt in ihr der heilige Geist . Deshalb umfängt und trägt sie durch die Weltzeiten den eucharistischen Christus . Solche Gottesanstalten überdauern den Anprall Luzifers und seiner Legionen . « » Ja wohl , Legionen ! « rief Uriel . » Von allen Ecken und Enden der Welt strömen eben jetzt die hochgehenden Fluten des Unglaubens und des Irrglaubens mit voller Wut gegen den Felsen Petri und die revolutionären Stürme , die aus allen Gegenden der Windrose , von Thron und Katheder , aus Schenkstube und Presse , aus Kammerverhandlungen und geheimen Gesellschaften zusammen brausen , toben gegen nichts und niemand so rasend , als gegen das Schifflein des galiläischen Fischers . Ich habe in England und Deutschland Leute gekannt , von denen es heißen konnte , wie in Schillers Wallensteins Lager : Es sind Tiefenbacher , Gevatter Schneider und Handschuhmacher - so behaglich schmausten sie ihr Beefsteak mit obligatem Porter ; so friedlich kannegießerten sie bei der Tabakspfeife und dem Schoppen ; Damen hab ' ich gekannt , gebildete , kunstsinnige , schöngeistige , romanesk poetische : nun ! diese ganze Gesellschaft - so philisterhaft der eine Teil und so hypergebildet der andere - verfiel in eine Art von Berserkerwut , wenn die Rede auf den Papst und die katholische Kirche kam . Rom , als Mittelpunkt der antiken Welt und der modernen Kunst , ließen sie gelten . Über Rom , als Hauptstadt der Christenheit , waren sie rabbiat . In den Kreisen der Freiheitsmänner , der Licht- und Volksfreunde versteht sich so etwas von selbst , weil Rom das unüberwindliche Bollwerk der Wahrheit - also der wahren Freiheit , des wahren Lichtes , des wahren Rechtes ist : aber bei meinen Tiefenbachern und bei meinen Geistreichen hab ' ich mich immer verwundern müssen , daß sie nicht einsahen , wie Beefsteak und Bildung nicht zu retten sind , wenn es möglich wäre , daß das Schifflein Petri unterginge . Ein gesellschaftliches Chaos würde beginnen . Es gehört mit zu den greulichen Lügen der Zeit , die geschichtlichen Ereignisse und Charaktere zu Parteizwecken zu verfälschen und schon dem Kinde in der Schule Zerrbilder statt Vorbilder in die junge Seele zu prägen . « » Und damit zieht sie , wie das von der Lüge auch nicht anders zu erwarten ist , einen so traurigen und furchtbaren Haß groß , daß , wenn jetzt heftige Katastrophen ausbrächen , der giftigste Gram sich gegen die Vertreter und Diener der Kirche entladen würde . Lies die vertilgungswütigen Verfolgungen , welche der treue und standhafte französische Klerus in der Revolution des vorigen Jahrhunderts zu erdulden hatte . So würde es jetzt überall sein , wo Revolutionsmänner an die Spitze kämen . Der Priesterhaß wächst , je mehr Luzifers Scharen wachsen . « » Das wäre ein Grund , um Priester zu werden ! Was Satan haßt , muß Gott lieben ! « rief Uriel . » Und doch sind die Bestrebungen des Hasses dem Priester vielleicht nicht so quälend , als die der sogenannten Humanität , « sagte Levin . » Ich habe in meinem langen Leben schon manche Phase der Geschicke der Kirche durchgemacht . Zu Ende des vorigen Jahrhunderts ging man mit der Guillotine und Deportation auf sie los ; das hat ihr nichts geschadet ; im offenen und entschiedenen Martertum liegt eine Art von übernatürlicher Lockspeise , die ihr gut bekommt . Aber nach den napoleonischen Kriegen brach in Deutschland eine entsetzliche Zeit , eine nüchtern-schwärmerische Epoche aus , die mit Deutschtümelei und allerhand Bruderliebe seltsam herausgeputzt war . Da sollte die Kirche deutsch sein und human und jedermanns Freund ; den Quell ihres Lebens sollte sie verstopfen und von Rom sich lossagen ; und dafür die Vorteile genießen , die der Zeitgeist ihr aufzuzwängen suchte : Lockerung heiliger und heilsamer Disziplin , Verblasenheit ihres Dogma ' s , Fraternität mit allerhand unkirchlichen und widerkirchlichen religiösen und philosophischen Systemen . Statt der katholischen Kirche sollte eine Allerweltskirche organisiert werden , ohne Offenbarung Gottes , ohne festbestehendes Dogma , ohne positiven Glauben , folglich ohne wahres Christentum und zwei Mittel schienen vorzugsweise geeignet , dies zu bewerkstelligen : die Aufhebung des Cölibates und die Sanktionierung der gemischten Ehen . Das verehelichte Individuum , welches den katholischen Priester ersetzen sollte , lehrt , was der Staat oder ein beliebiges Oberhaupt seiner Sekte von ihm begehrt : das beweist die Erfahrung aller Zeiten ; und in einer Mischehe ist von einem frischen und kräftigen Familienleben im positiven Glauben keine Rede ; das sieht man alle Tage . Diese Mauerbrecher sollten die Kirche zersprengen . Aber unbewegt hielt sie den Stoß aus - die heilige Kirche ! die gemischten Ehen wurden nicht sanktioniert - nur traurig geduldet ; und der priesterliche Cölibat nicht aufgehoben . Ich erinnere mich noch sehr wohl , wie meine Schwägerin Juliane , Deine Großmutter , mich oftmals fragte , ob ich schon mein Augenmerk auf eine künftige Gattin geworfen habe ; worauf ich ihr regelmäßig antwortete : man dürfe sich nicht voreiliger Hoffnung hingeben . Als nun das Projekt zu Wasser wurde , sagte Juliane , ich hätte sehr weise getan , nicht zu früh zu hoffen . Da lachte ich und sagte : Ihre Hoffnungen hab ' ich voreilig genannt . Das war ihr aber nicht genehm . Ja , es war sogar manchem Katholiken nicht genehm ! Aber kurz ! die Allerweltskirche kam nicht in Deutschland zu Stande . Dagegen wurde die Braut Christi in Zucht und Vormundschaft genommen , mußte knappe Haushaltung lernen , durfte ohne Genehmigung betreffender Behörden keine Kerze auf dem Altare anzünden , kein Meßgewand des Priesters anfertigen ; mußte lernen , wie sie zu lehren habe , sie - die Christus selbst zur Lehrerin der Völker eingesetzt hat ; mußte in Staatsdienst treten und sich besolden lassen , sie , die uralte Ernährerin und Haushälterin jener zahlreichen Familie der Armen Christi , welche gerade an sie gewiesen , ihrer frommen Fürsorge anvertraut sind . Das alles und viel tausendmal mehr mußte sie sich gefallen lassen , und Du darfst mir glauben : manches treue Priesterherz hat darüber so viel Gram und Kummer ausgestanden , daß man wohl sagen darf : es habe freilich nicht für und mit dem Heiland den Tod gelitten , allein es habe die unblutige Passion von Gethsemane mit ihm durchgemacht . Das alles gehört zum Leben der Kirche . Es hat kein Leid , keine Bitterkeit , keinen Schmerz gegeben , welche der Sohn Gottes auf Erden nicht gekostet hätte . Könnte seine heilige Braut es wohl anders haben , als er ? Darum haben alle , welche in Wahrheit erkennen , was es heiße , den mystischen Leib zu bilden , einen unüberwindlichen , langatmigen Mut . Sie wissen , wem der endliche Sieg gehört , sie fürchten nicht die Legionen von gefallenen Geistern , die auf den Felsen Petri Sturm laufen . « » Fünfundsiebenzig Jahre - und kampfesfreudig wie St. Michael ? « rief Uriel . » O lieber Onkel , welchem großen Herrn mußt Du dienen ? « » Ach und immer als ein unnützer Knecht ! « entgegnete Levin lebhaft und faltete seine Hände als wolle er seinen Herrn um Verzeihung bitten . » Wäre ich doch ein solcher unnützer Knecht ! « seufzte Uriel . » Wozu hätte ich fünfundsiebenzig Jahre und über ein halbes Jahrhundert im geistlichen Stande gelebt , « entgegnete Levin , » wenn ich kein mutiges Vertrauen zu dem allmächtigen Herrn gewonnen hätte , dem ich diene ? Das Leben des Priesters ist ein Leben im Glauben und in der Gnade . Sie sind die himmlischen Stützen seiner gebrechlichen Natur . Er verläßt sich auf sie : das ist Vertrauen . Und dies Vertrauen auf göttlichen Beistand sollte er nur in Bezug auf seine armselige Person und nicht für seine vielgeliebte Mutter , die heilige Kirche , besitzen ? Nein , das wäre ein Widersinn ! O schwanke du nur , du Schifflein Petri ! laß sie heulen - die Orkane ! laß sie tosen - die Wellen ! laß sie brüllen - die Meeresungeheuer ! du trägst deinen Hort : Christus schläft . Er wird erwachen und dann werden die Stürme fallen . Aber , mein Sohn , wir wollen nicht zu jenen gehören , zu denen er sagen wird : O ihr Kleingläubigen ! « Himmelspforten Es war die schöne , heiligstille Adventzeit - dieser Vorfrühling im übernatürlichen Jahr , welches die Kirche durchlebt ; der Vorfrühlung unserer Erlösung . Uriel hielt sich noch immer in Windeck auf . Was sollte er in Rom ? was überhaupt in der Welt ? Die Baronin Isabelle quälte ihn ein wenig mit ihren verschiedenen Ratschlägen , was er alles versuchen und unternehmen könne ; und mit ihrem leisen Bedauern , daß er nicht Herr auf Stamberg geblieben sei . Er nahm es ruhig hin und sagte : » Liebe Tante , dieser Entschluß war eine höhere Fügung und ich harre jetzt wieder auf eine solche . « » Aber , lieber Uriel , « erwiderte sie , » man muß dem lieben Gott doch gewissermaßen Vorschläge machen und Spielraum geben , damit seine Fügungen irgend einen festen Boden vorfinden . « » Ich wüßte ihm in der Tat keinen Vorschlag zu machen , « entgegnete Uriel lächelnd . » Nun , zum Beispiel ! « rief sie ; » laß Dich auf Jochhausen nieder , wo Deine guten Eltern gelebt haben . Das wäre so eine Art von Andeutung , welche der liebe Gott verstehen und Dir häusliches Glück schicken würde . « Uriel lachte und sagte : » Das wäre eine entsetzliche Überraschung ! Hätte ich das gesucht , liebe Tante , so wär ' es allerdings vernünftiger gewesen , auf Stamberg zu bleiben - und daß ich dies nicht tat , betrachte ich eben als eine höhere Fügung . « Sie schüttelte zweifelnd den Kopf und entgegnete : » Ich bitte Dich , Uriel , sei vorsichtig ! Du stehst in einem bedenklichen Lebensalter . « » Doch weniger als vor zehn Jahren , sollt ' ich meinen ! « entgegnete er immer noch lachend . » Ach , Kind ! « rief sie , » lache nicht ; es ist sehr ernsthaft ! Sieh ' : ist ein Mann über dreißig Jahre alt geworden und unverheiratet - ja sogar ohne den Wunsch und Willen zu heiraten , geblieben , da er es in seiner Lage doch könnte , so droht ihm von Tag zu Tag immer mehr die Gefahr , in Verhältnisse zu geraten , in Schlingen sich zu verwickeln , die ihn nicht glücklich und nicht gut machen , in die er aus Langeweile fällt und in denen er aus Trägheit bleibt - zuweilen für immer , zuweilen lange Jahre . Es gibt Frauen genug , deren Eitelkeit es schmeichelt , einen solchen Gefangenen mit sich durch ' s Leben zu führen ; und Männer genug , die sich so mitführen lassen , weil sie dabei gehätschelt und verzogen werden - bis sie alte Hagestolzen und vollkommen unerträglich sind . « » Eine furchtbare Perspektive , liebe Tante ! « sagte Uriel scherzend , » und ich begreife , « setzte er ernst und liebevoll hinzu , » daß Dein wahrhaft mütterliches Auge sie für mich nicht ertragen kann . In ein solches Verhältnis gerät man , wenn man niemand liebt und doch gern geliebt sein möchte . Bei mir ist es aber gerade umgekehrt : ich liebe jemand - und will von niemand sonst geliebt sein . « » Ach ! « seufzte die Baronin , » wie konfus ist das Leben mit all ' seinen Erscheinungen ! Hört man von der Treulosigkeit der Männer , so seufzt man . Und findet man einmal die Treue - so seufzt man auch . « - Am anderen Morgen erschien Uriel nicht zum Frühstück und Levin sagte der Baronin , daß er nach Himmelspforten gefahren sei . » Und Sie hielten ihn nicht zurück ? « rief sie . » Er hat mich nicht gefragt , sondern nur gesagt , er gehe . Warum sollte er aber auch nicht gehen ? « » Warum ? mein Gott , warum will er denn durchaus in Regina ' s Nähe kommen , da es nur seinen Schmerz erneuert ! Ich interessiere mich lebhaft für alle liebende Herzen , aber nicht für ihre Torheiten . « » Das ist doch recht schwer zu trennen , « antwortete Levin heiter , » Leidenschaft ist Torheit . Nun , wer weiß , ob Regina ihm nicht die Pforte des Himmels aufschließt , die enge Pforte , durch welche wenige gehen . « » Dann wäre es freilich eine höhere Fügung - und nach einer solchen verlangt er , « sagte die Baronin . - Uriel hatte lange mit sich selbst gekämpft , ob er Regina aufsuchen solle - oder nicht . Er fürchtete nicht die Aufregung des Schmerzes ; aber sehr , den Stachel von Bitterkeit gegen Gott und Menschen , der ihm so viel zu schaffen gemacht hatte und dessen er sich noch immer nicht ganz erwehren konnte . Doch vielleicht nimmt sie mir gerade diesen Stachel aus dem Herzen , sprach er zu sich selbst ; wer weiß , welche Gnaden eine solche Seele mitteilen kann . Zur Stunde der Vesper war er in Kloster Himmelspforten und ging in die Kapelle , die geöffnet - jedoch hinter dem Altar durch Gitter und Laden abgeschlossen gegen den Chor , war , in welchem die Ordensfrauen gemeinschaftlich die kanonischen Stunden beteten . Es war ein grauer milder Nachmittag , die Luft so seltsam lau , wie sie zuweilen im Dezember auf ein paar Tage oder Stunden eintritt ; man denkt dabei an erfrorene Rosen . In der Kapelle herrschte schon die Dämmerung des Abends und die Vesper hatte begonnen , als Uriel eintrat . Also hier in diesem trüben , frostigen Dunkel verblüht die leuchtende Lilie ! sprach er zu sich selbst ; in dieser Schattenwelt ist ihr energisches Leben untergegangen , in dieser Grotte des Karmels ihr Herz eingesargt ! Ein namenloses Weh zerschnitt ihm die Seele ; das Weh , welches jeder empfindet , der in der Opferflamme des Altars ein blutendes Menschenherz langsam verzehren sieht und nicht weiß , daß es darin auf der Hand Gottes liegt . Er horchte auf die betenden Stimmen ; sie waren zu einem und demselben Ton eingeübt : er konnte nicht Regina herausfinden . Begraben ! begraben ! jammerte sein Herz . Er hoffte auf die Antiphone ; es war ja unmöglich , die Singstimme ganz ihres eigentümlichen Gepräges zu entäußern . Die Antiphone des Advents » Alma redemptoris « wurde gesungen ; aber ohne Regina . Er hätte ihre Stimme mit dem ihr eigenen seeleninnigen Klang unter Tausenden erkannt . Begraben ! begraben ! jammerte sein Herz ; und wie es so jammerte , fiel ihm ein , dies sei vielleicht keine figürliche Redensart und sie sei in der Tat tot oder sterbend . Er floh aus der Kapelle , eilte zur Klosterpforte und schellte hastig . Die Pförtnerin erschien am kleinen Fenster und mit stockendem Atem sagte Uriel : » Ich wünsche die Schwester Therese vom Lamm Gottes zu sprechen . « Dies war Regina ' s vollständiger Klostername ; es konnte jetzt keine Verwechselung mit irgend einer anderen Schwester Therese vorfallen . » Sie ist im Chor , « sagte die Pförtnerin , und setzte ein paar Worte hinzu , welche bescheiden andeuteten , daß die späte Stunde ungelegen sei . » Also komme ich morgen vormittag , « erwiderte Uriel und ging ruhiger in die Kapelle zurück , die ihm plötzlich nicht mehr so finster und frostig vorkam , denn - sie war im Chor und wo sie war , da wurde es sonnenhell und sonnenwarm . Er fühlte sich beglückt , in ihrer Nähe zu atmen , von denselben Mauern umschlossen , von demselben Dach beschirmt zu sein . Nichts trennte sie - als der Altar mit dem Tabernakel ; als Gott ! Und trennt denn Gott die Seelen ? fragte er sich heimlich . Sind sie nicht süß und fest geheimnisvoll in ihm verbunden ? .... viel sicherer , viel unzertrennlicher in dieser göttlichen Lebensgemeinschaft , als in einer irdischen ? .... Und doch ! und doch ! das Menschenherz hat nicht sein Genügen in ihr ! - Und er dachte mit einer so unerhörten Freude , daß ihm die Brust davon beklemmt wurde : morgen werde ich sie sehen , sie hören , mit ihr sprechen ! und dann ? .... - Ihm war zu Sinn , als ob dann sein Herz still stehen werde . Es war ganz dunkel geworden , nur das ewige Licht verbreitete seinen ruhigen Schimmer durch die Kapelle und stimmte ihn friedlich . Er schlug das Auge zur Lampe auf und sagte leise : So zu leuchten im Heiligtum , und vor Gott und für Gott , das Los hat Regina sich gewählt und vielleicht ist es das süßeste , welches uns hienieden zu Teil wird , weil es über dem Wechsel und dem Wandelbaren ist . Dies Schwanken zwischen Wonnen und Qualen , dieser Wechselgesang von Lust und von Weh , diese zitternde Sehnsucht und dies trostlose Ungenügen , diese himmelstürmenden Wünsche und diese gräßliche Nichtigkeit in ihrer Erfüllung : dies Alles , das draußen liegt , außerhalb des Gottesfriedens - ist ' s eine Entbehrung , wenn man es nicht kennt ? ist ' s ein Verlust , wenn man es aufgibt ? - - - Da hub das Angelusgeläute an . Ihm war , als bewege die Glocke sein Herz . Er kniete nieder , barg das Gesicht in den Händen und betete : Mutter Gottes , bitte für uns arme Sünder ! - Dann klirrten Schlüssel in seiner Nähe . Er entwich wie ein Schatten aus der Kapelle , deren Türe hinter ihm geschlossen wurde , und ging nach der Stadt zurück . Die Nacht verging wie alle Nächte . Für Uriel aber hatte sie hundert Stunden und jede Stunde hundert Minuten . Er ging wieder zum Kloster . Der helle frische Wintermorgen mit dem stillen blauen Himmel und der feinen weißen Decke , welche der nächtliche Schnee über die Erde gebreitet hatte , tat ihm wohl und kühlte den Scirocco , der ihm durch den Kopf und die Brust ging . Ist das denn Freude ? fragte er sich selbst . Ich freue mich - und die vorherrschende Empfindung ist - Qual ! An der Pforte fragte er , ob die Schwester Therese jetzt zu sprechen sei . Es wurde bejahet und er in das Sprachzimmer gewiesen . Es war von äußerster Einfachheit : weiße Wände , einige hölzerne Stühle , ein schwarzes Gitter , hinter welchem sich ein geschlossener Laden befand , und dem Gitter gegenüber ein großes schönes Kruzifix . Nach seinem Namen war er nicht gefragt worden und er hatte ihn nicht genannt . Als ein Unbekannter , ein Namenloser sollte er vor sie treten ! Jenseits des Gitters lag das innere Sprachzimmer . Es währte nicht lange , so öffnete sich eine innere Tür . Es trat jemand ein und sagte , zum Gitter vorgehend : » Gelobt sei Jesus Christus . « » In Ewigkeit , Amen ! « erwiderte Uriel mit versagender Stimme - denn das war Regina ! » Uriel ! grüß Dich Gott ! « sagte sie so herzlich , als ob sie beide in Windeck wären . » Weißt Du denn noch von mir ? hast Du mich nicht vergessen ? « rief er überwältigt . » Wähnst Du , wir vergäßen die Unseren ? « fragte sie zurück . » Das wäre ja treulos , herzlos . Gott zerreißt keine Bande des Herzens : er heiligt und verklärt sie . « » Ja , das ist Regina ! « sagte er seufzend . » Wie kommst denn Du zu unserem Karmel ? « fiel sie ein . » Ich möchte von Dir wissen , ob Du glücklich bist , « entgegnete er . » Du wirst es bejahen ; das weiß ich ! Hat der Mensch sich ein ungewöhnliches Schicksal mit freiem Willen bereitet , so ist er oft zu stolz , um später zu gestehen , daß es mit seinem geträumten Glück kaum mittelmäßig beschaffen sei . Darum bitte ich Dich , mir zu sagen , warum oder wodurch Du glücklich bist ; das gibt mir vielleicht einen richtigeren Maßstab , und ich werde Dein Leben besser verstehen . « » Ich bin glücklich , weil ich das höchste Gut liebe und gemäß dem Drang dieser Liebe leben darf . « » Und wohin drängt diese Liebe Dich ? « » Zum Opfer , Uriel . Ich bin glücklich , weil ich mich in jedem Augenblick und mit jedem Atemzug in gottgefälliger Weise der göttlichen Liebe opfern kann . « » Woher weißt Du , daß sie gottgefällig ist ? « » Weil sie auf den evangelischen Räten beruht , welche durch die drei Gelübde besiegelt werden . Das ist die höchste Gnade , welche dem Menschen zu Teil werden kann . Wie gern folgt man nicht in weltlichen Verhältnissen dem Wunsch , dem Wink eines geliebten Wesens , ohne im mindesten zu betrachten , ob sich eine solche Folgsamkeit rechtfertigen lasse vor der Vernunft und der Wahrheit und ob man sie nicht dereinst bereuen werde . Wir aber sind sicher vor solcher Täuschung . Wir folgen einem Wink , der so zart ist , daß Millionen ihn nicht verstehen , und wissen dennoch , daß wir keinem selbstgeschaffenen Wolkengebilde folgen , denn der menschgewordene Gott Selbst winkt uns zur Nachfolge . « » Und worin besteht diese Nachfolge ? « » Im Leiden aus Liebe . « » Leidest auch Du , Regina ? « » Wer die drei Gelübde abgelegt hat und treu zu erfüllen sucht , ist gleichsam durch die drei Nägel Jesu mit ihm an das Kreuz geheftet , denn Armut , Entsagung und Gehorsam allzeit geübt , kreuzigen den natürlichen Menschen auch allzeit . Das tut freilich weh , aber dem göttlichen Heiland haben auch die Nägel weh getan , als er an ihnen in seinen Wunden hing . « » Wie fängst Du es aber an , um dies Bild so fest Dir einzuprägen , daß es Dein Vorbild wird ? « » Man denkt an ihn . « Uriel hätte fast gelächelt über diese Antwort . » Darin liegt eben das Schwierige , « sagte er . » In der bunten , lauten , zerstreuenden Welt - ja ! « antwortete Regina . » Da hat man weder Zeit noch Lust noch Aufforderung , anders als ruck- und stoßweise an den göttlichen Geliebten zu denken - wenn ' s überhaupt geschieht ! Aber für uns heißt es : Was droben ist , habet im Sinn , nicht was hienieden . Wir sind ja da , um uns in die Betrachtung seines Lebens und Leidens , seines Todes und seiner Herrlichkeit , seiner Lehre und seiner Liebe zu versenken ; sind ja da , um es nach unseren Kräften mitfühlend nachzuleben ; sind ja da , um ihm zu sagen , daß wir ihn lieben ; daß wir verlangen , ihn so zu lieben , wie er geliebt sein soll und sein will ; daß wir wünschen , der ganze Erdkreis möchte ihn erkennen und lieben ; daß wir begehren , jeden Blutstropfen zu vergießen , jeden Atemzug zu verhauchen , um zu bewirken , daß sein Name verherrlicht und sein Reich verbreitet werde . Er will hören , daß sein Geschöpf ihn liebe . Zwischen den Millionen von Worten , die eine armselige Liebe verherrlichen , und zwischen den Millionen von Beleidigungen , welche sein göttliches Herz durch sündige Liebe empfängt , will er doch auch ein paar Worte hören , die zu ihm allein von Liebe sprechen und denen der Beweis nachfolgt , daß es keine leeren Versicherungen sind . Dazu sind wir da ; das ist die Bestimmung unseres mystischen Karmels . Uns erwartet nicht ein großer Kreis von frommer Tätigkeit , der anderen Orden zugewiesen ist ; nicht die unmittelbare Wirksamkeit auf die Seelen , welche man in der Armen- , Kinder- , Gefangenen- und Krankenpflege übt . Wir sind nur da , um den göttlichen Liebhaber der Seelen zu lieben und es ihm zu sagen - betend , leidend . Wer das will - der denkt an ihn ! und wer einmal angefangen hat , an ihn zu denken - o , der findet das nicht mehr so schwierig , wie es Dir erscheint . Aber anfangen mußt Du ! Du mußt an ihn denken wollen , ihn lieben wollen . « » Ich will aber nicht Karmelit werden ! « versicherte Uriel eifrig . » Was soll denn eigentlich aus Dir werden ? « fragte sie , als habe sie seine innere Unruhe erkannt . » Ich weiß es nicht ! « brach Uriel aus . » Ich weiß nur dies : ich kann nicht mein Herz der Welt vor die Füße werfen ; nicht lieben , wie sie liebt ; nicht begehren , was sie begehrt ; nicht dienen , wem sie dient ! ich kann in nichts mit ihr Schritt halten . « » Gott Dank ! « rief Regina ; » ist das Herz gründlich von der Welt abgewendet , so kehrt es sich leicht dem Himmlischen zu . Aber , Uriel , zur Welt gehört auch die Welt Deines Ichs ; und der Abschied von ihr ist nicht so leicht , als von der äußeren Welt . « » Ich meine , « entgegnete Uriel , » ich hätte auch die verabschiedet . « » Suchst du kein Glück irgend einer Art zu erringen und zu genießen ? « » Doch ! « rief er lebhaft ; » die Seele ringt nach Glück . Allein sie will nur ein übernatürliches genießen . « » Sieh ! das ist noch Welt , Uriel : Genuß finden wollen im übernatürlichen Leben ! Begehrst Du den , so bist Du ja gleichsam ein Lohndiener . Als der göttliche Heiland am Kreuz hing , durchströmte ihn ohne Zweifel eine unbegreifliche Seligkeit , das Werk der Erlösung vollbracht zu haben ; allein er empfand so gar nicht den Trost , der doch in überschwänglicher Weise daraus hervor hätte strömen müssen , daß er wehklagte : Mein Gott , warum hast du mich verlassen ! So müssen auch wir unser Glück einzig und allein in der vollkommenen Hingebung an den Willen Gottes - ohne Beimischung von Genuß und Trost suchen . « » Ich bin aber nicht so vollkommen ! « rief Uriel . » Ich auch nicht ! « entgegnete Regina . » Daß wir es werden , ist Gnadensache ; daß wir uns alles Ernstes daran machen , es werden zu wollen , ist unsere Sache . Übrigens bleibt Dir keine Wahl ! da Du dein Herz nicht der Welt vor die Füße werfen willst , mußt Du es an ' s Kreuz heften . Eine Zwischenstation gibt es nicht . « » Allein es gibt ein Maß in der Kreuzigung , Regina ! Du hast immer das Leben nach den evangelischen Räten mit seinen drei entsetzlichen Nägeln im Sinn . « » O , « fiel sie lebhaft ein , » Du nennst sie entsetzlich ; ich nenne sie unser Brautgeschmeide . Mit ihrem Schmuck sind wir des Bräutigams wert , denn sie verähnlichen uns ihm . Schlagen sie den natürlichen Menschen an ' s Kreuz , so heben sie dafür den übernatürlichen zum Himmel hinauf . Sie machen es ihm möglich , seinen Reichtum in Gott allein , seine Freuden in Gott allein , seinen Willen in Gott allein zu suchen und zu finden . Ja , nur sie machen ihm die vollkommene , die Christus ähnliche Hingebung an Gott möglich . Unter dem Gelübde des Gehorsams , welches die beiden anderen sicher stellt , führt der Mensch ein Abbild vom Leben des Gottessohnes , der dreißig Jahre lang in der Hütte und der Werkstatt von Nazareth sterblichen Menschen untertan war . Nein , Uriel ! göttlich ist das ganze Evangelium ! aber die drei Nägel sind seine Krone und seine Glorie . Die bilden büßende Seelen , jungfräuliche Seelen , Martyrerseelen . Nimm diese hinweg - was bleibt übrig im Leben des Christentums ? nur die Gebote , nur das Alltagsbrot , während das himmlische Manna verschwindet . Den Vater behalten wir , aber den Bräutigam verlieren wir . Die evangelischen Räte sind das eigenste Eigen des Christentums . Das Jesukindchen hat sie vom Himmel herunter