freundliche Aufnahme . « » Wenn auch gewiß eine freundliche Aufnahme das Höchste ist , und wenn Ihr auch eine Bequemlichkeit nicht begehret , « antwortete sie , » so ist die Freundlichkeit in den Mienen bei der Aufnahme eines Gastes nicht das Einzige , so schätzenswert sie dort ist , sondern sie muß sich auch in der Tat äußern , und es muß uns erlaubt sein , unsere Pflicht , die uns lieb ist , zu erfüllen und dem Gaste eine so gute Wohnlichkeit zu bereiten , als es die Umstände erlauben , er mag sie nun benützen oder nicht . « » Was Ihr für eine Pflicht haltet , will ich nicht bestreiten , « antwortete ich , » ich will es nicht beirren , nur wünschen muß ich , daß es mit so wenig eigener Aufopferung als möglich verbunden ist . « » Diese wird nicht groß sein , « sagte sie , » auf einige Aufmerksamkeit in Hinsicht der Genauigkeit und Willigkeit der Leute kömmt es an , und diese müsset Ihr mir schon erlauben . « Sie zog mit diesen Worten an einer Glockenschnur , und bedeutete den hereinkommenden Diener , daß er ihr den Hausverwalter rufe . Da dieser erschienen war , sagte sie ihm mit sehr einfachen und kurzen Worten , daß für einen längeren Aufenthalt für mich in dem Hause auf das beste gesorgt werden möge . Als er sich entfernen wollte , trug sie ihm noch auf , vorerst dem Fräulein zu sagen , wer gekommen sei , sie würde es später auch selber melden , und zum Abendessen würden wir in dem Speisezimmer zusammen kommen . Der Hausverwalter entfernte sich , und Mathilde sagte , jetzt wäre das Hauptsächlichste getan , und es erübrige später nur noch , sich einen Bericht über die Mittel und die Art der Ausführung geben zu lassen . Wir gingen nun auf andere Gespräche über . Mathilde fragte mich um mein Befinden und um das Allgemeine meiner Beschäftigungen , denen ich mich in diesem Sommer hingegeben habe . Ich antwortete ihr , daß mein körperliches Befinden immer gleich wohl geblieben sei . Man habe mich von Kindheit an zu einem einfachen Leben angeleitet , und dieses , verbunden mit viel Aufenthalt im Freien , habe mir eine lauernde und heitere Gesundheit gegeben . Mein geistiges Befinden hänge von meinen Beschäftigungen ab . Ich suche dieselben nach meiner Einsicht zu regeln , und wenn sie ordnet und nach meiner Meinung mit Aussicht auf einen Erfolg vor sich gehen , so geben sie mir Ruhe und Haltung . Sie sind aber in den letzten Jahren , was meine Hauptrichtung anbelangt , fast immer dieselben geblieben , nur der Schauplatz habe sich geändert . Die Nebenrichtungen sind freilich andere geworden , und dies werde wohl fortdauern , so lange das Leben daure . Hierauf fragte ich nach dem Wohlbefinden aller unserer Freunde . Mathilde antwortete , man könne hierüber sehr befriedigt sein . Mein Gastfreund fahre in seinem einfachen Leben fort , er bestrebe sich , daß sein kleiner Fleck Landes seine Schuldigkeit , die jedem Landbesitze zum Zwecke des Bestehenden obliege , bestmöglich erfülle , er tue seinen Nachbarn und andern Leuten viel Gutes , er tue es ohne Gepränge , und suche hauptsächlich , daß es in ganzer Stille geschehe , er schmücke sich sein Leben mit der Kunst , mit der Wissenschaft und mit andern Dingen , die halb in dieses Gebiet , halb beinahe in das der Liebhabereien schlagen , und er suche endlich sein Dasein mit jener Ruhe der Anbetung der höchsten Macht zu erfüllen , die alles Bestehende ordnet . Was zuletzt auch noch zum Glücke gehört , das Wohlwollen der Menschen , komme ihm von selber entgegen . Eustach und der ziemlich selbstständige Roland haben sich zum Teile an dieses Gewebe von Tätigkeiten angeschlossen , zum Teile folgen sie eigenen Antrieben und Verhältnissen . Gustav strebe erst auf der Leiter seiner Jugend empor , und sie glaube , er strebe nicht unrichtig . Wenn dieses sei , so werde dann die letzte Sprosse an jede Höhe dieses Lebens anzulegen sein , auf der ihm einmal zu wandeln bestimmt sein dürfte . Was endlich sie selber und Natalie betreffe , so sei das Leben der Frauen immer ein abhängiges und ergänzendes , und darin fühle es sich beruhigt und befestigt . Sie beide hätten den Halt von Verwandten und nahen Angehörigen , dem sie zur Festigung von Natur aus zugewiesen wären , verloren , sie leben unsicher auf ihrem Besitztume , sie müßten manches aus sich schöpfen wie ein Mann , und genießen der weiblichen Rechte nur in dem Widerscheine des Lebens ihrer Freunde , mit dem der Lauf der Jahre sie verbunden habe . Das sei die Lage , sie daure ihrer Natur nach so fort , und gehe ihrer Entwicklung entgegen . Mich hatte diese Darstellung Mathildens beinahe ernst gemacht . Die Stimmung milderte sich wieder , da wir auf die Erzählung von Dingen kamen , die sich in diesem Sommer zugetragen hatten . Mathilde berichtete mir über die Rosenblüte , über die Besuche in derselben , über ihr Leben auf dem Sternenhofe und über das Gedeihen alles dessen , was der Jahresernte entgegen sehe . Ich beschrieb ihr ein wenig meinen jetzigen Aufenthaltsort , erklärte ihr , was ich anstrebe , und erzählte ihr , auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln wir es auszuführen versuchen . Nachdem das Gespräch auf diese Art eine Zeit gedauert hatte , empfahl ich mich und begab mich in mein Zimmer . Es war mir dieselbe Wohnung eingeräumt und hergerichtet worden , welche ich jedes Mal , so oft ich in dem Sternenhofe gewesen war , inne gehabt hatte . Ein Diener hatte mich von dem Vorzimmer Mathildens in dieselbe geführt . Sie hatte beinahe genau dasselbe Ansehen wie früher , wenn ich ein Bewohner dieses Hauses gewesen war . Sogar die Bücher , welche der Hausverwalter jedes Mal zu meiner Beschäftigung herbeigeschafft hatte , waren nicht vergessen worden . Nachdem ich mich eine Weile allein befunden hatte , trat dieser Hausverwalter herein und fragte mich , ob alles in der Wohnung in gehöriger Ordnung sei , oder ob ich einen Wunsch habe . Als ich ihm die Versicherung gegeben hatte , daß alles über meine Bedürfnisse trefflich sei , und nachdem ich ihm für seine Mühe und Sorgfalt gedankt hatte , entfernte er sich wieder . Ich überließ mich eine Zeit der Ruhe , dann ging ich in den Räumen herum , sah bald bei dem einen , bald bei dem andern Fenster auf die bekannten Gegenstände , auf die nahen Felder und auf die entfernten Gebirge hinaus , und kleidete mich dann zu dem Abendessen anders an . Zu diesem Abendessen wurde ich bald , da ich spät am Tage in dem Schlosse angekommen war , gerufen . Ich begab mich in den Speisesaal und fand dort bereits Mathilden und Natalien . Mathilde hatte sich anders angekleidet , als ich sie bei meiner Ankunft in ihrem Zimmer getroffen hatte . Von Natalien wußte ich dies nicht ; aber da sie ein ähnliches Kleid anhatte wie Mathilde , so vermutete ich es , und mußte überzeugt sein , daß man ihr meine Ankunft gemeldet habe . Wir begrüßten uns sehr einfach und setzten uns zu dem Tische . Mir war es äußerst seltsam und befremdend , daß ich mit Mathilden und Natalien allein in ihrem Hause bei dem Abendtische sitze . Die Gespräche bewegten sich um gewöhnliche Dinge . Nach dem Speisen entfernte ich mich bald , um die Frauen nicht zu belästigen , und zog mich in meine Wohnung zurück . Dort beschäftigte ich mich eine Zeit mit Papieren und Büchern , die ich aus meinem Koffer hervorgesucht hatte , geriet dann in Sinnen und Denken , und begab mich endlich zur Ruhe . Der folgende Tag wurde zu einem einsamen Morgenspaziergange benützt , dann frühstückten wir mit einander , dann gingen wir in den Garten , dann beschäftigte ich mich bei den Bildern in den Zimmern . Der Nachmittag wurde zu einem Gange in Teile des Meierhofes und auf die Felder verwendet , und der Abend war wie der vorhergegangene . Mit Natalien war ich , da sie jetzt mit ihrer Mutter allein in dem Schlosse wohnte , beinahe fremder , als ich es sonst unter vielen Leuten gewesen war . Wir hatten an diesem Tage nicht viel mit einander gesprochen , und nur die allergewöhnlichsten Dinge . Der zweite Tag verging wie der erste . Ich hatte die Bilder wieder angesehen , ich war in den Zimmern mit den altertümlichen Geräten gewesen , und hatte den Gängen , Gemächern und Abbildungen des oberen Stockwerkes einen Besuch gemacht . Am dritten Tage meines Aufenthaltes in dem Sternenhofe nachmittags , da ich eine Weile in die Zeilen des alten Homer geblickt hatte , wollte ich meine Wohnung , in der ich mich befand , verlassen und in den Garten gehen . Ich legte die Worte Homers auf den Tisch , begab mich in das Vorzimmer , schloß die Tür meiner Wohnung hinter mir ab und ging über die kleinere Treppe im hinteren Teile des Hauses in den Garten . Es war ein sehr schöner Tag , keine einzige Wolke stand an dem Himmel , die Sonne schien warm auf die Blumen , daher es stille von Arbeiten und selbst vom Gesange der Vögel war . Nur das einfache Scharren und leise Hämmern der Arbeiter hörte ich , welche mit der Hinwegschaffung der Tünche des Hauses in der Nähe meines Ausganges auf Gerüsten beschäftigt waren . Ich ging neben Gebüschen und verspäteten Blumen einem Schatten zu , welcher sich mir auf einem Sandwege bot , der mit ziemlich hohen Hecken gesäumt war . Der Sandweg führte mich zu den Linden , und von diesen ging ich durch eine Überlaubung der Eppichwand zu . Ich ging an ihr entlang und trat in die Grotte des Brunnens . Ich war von der linken Seite der Wand gekommen , von welcher man beim Herannahen den schöneren Anblick der Quellnymphe hat , dafür aber das Bänkchen nicht gewahr wird , welches in der Grotte der Nymphe gegenüber angebracht ist . Als ich eingetreten war , sah ich Natalien auf dem Bänklein sitzen . Sie war sehr erschrocken , und stand auf . Ich war auch erschrocken ; dennoch sah ich in ihr Angesicht . In demselben war ein Schwanken zwischen Rot und Blaß , und ihre Augen waren auf mich gerichtet . Ich sagte : » Mein Fräulein , Ihr werdet mir es glauben , wenn ich Euch sage , daß ich von dem Laubgange an der linken Seite dieser Wand gegen die Grotte gekommen bin und Euch nicht habe sehen können , sonst wäre ich nicht eingetreten und hätte Euch nicht gestört . « Sie antwortete nichts , und sah mich noch immer an . Ich sagte wieder : » Da ich Euch nun einmal beunruhigt habe , wenn auch gegen meinen Willen , so werdet Ihr mir es wohl gütig verzeihen , und ich werde mich sogleich entfernen . « » Ach nein , nein « , sagte sie . Da ich schwankte und die Bedeutung der Worte nicht er kannte , fragte ich : » Zürnet Ihr mir , Natalie ? « » Nein , ich zürne Euch nicht « , antwortete sie und richtete die Augen , die sie eben niedergeschlagen hatte , wieder auf mich . » Ihr seid auf diesen Platz gegangen , um allein zu sein , « sagte ich , » also muß ich Euch verlassen . « » Wenn Ihr mich nicht aus Absicht meidet , so ist es nicht ein Müssen , daß Ihr mich verlasset « , antwortete sie . » Wenn es nicht eine Pflicht ist , Euch zu verlassen , « erwiderte ich , » so müßt Ihr Euren Platz wieder einnehmen , von dem ich Euch verscheucht habe . Tut es , Natalie , setzt Euch auf Eure frühere Stelle nieder . « Sie ließ sich auf das Bänkchen nieder ganz vorn gegen den Ausgang und stützte sich auf die Marmorlehne . Ich kam nun auf diese Weise zwischen sie und die Gestalt zu stehen . Da ich dieses für unschicklich hielt , so trat ich ein wenig gegen den Hintergrund . Allein jetzt stand ich wieder aufrecht vor dem leeren Teile der Bank in der nicht sehr hohen Halle , und da mir auch dieses eher unziemend als ziemend erschien , so setzte ich mich auf den andern Teil der Bank und sagte : » Liebt Ihr wohl diesen Platz mehr als andere ? « » Ich liebe ihn , « antwortete sie , » weil er abgeschlossen ist , und weil die Gestalt schön ist . Liebt Ihr ihn nicht auch ? « » Ich habe die Gestalt immer mehr lieben gelernt , je länger ich sie kannte « , antwortete ich . » Ihr ginget früher öfter her ? « fragte sie . » Als ich durch die Güte Eurer Mutter manche Geräte in dem Sternenhofe zeichnete und fast allein in demselben wohnte , habe ich oft diese Halle besucht « , erwiderte ich . » Und später auch , wenn ich durch freundliche Einladung hieher kam , habe ich nie versäumt , an diese Stelle zu gehen . « » Ich habe Euch hier gesehen « , sagte sie . » Die Anlage ist gemacht , daß sie das Gemüt und den Versrand erfüllet , « antwortete ich , » die grüne Wand des Eppichs schließt ruhig ab , die zwei Eichen stehen wie Wächter , und das Weiß des Steins geht sanft von dem Dunkel der Blätter und des Gartens weg . « » Es ist alles nach und nach entstanden , wie die Mutter erzählt , « erwiderte sie , » der Eppich ist erzogen worden , die Wand vergrößert , erweitert und bis an die Eichen geführt . Selbst in der Halle war es einmal anders . Die Bank war nicht da . Aber da der Marmor so oft betrachtet wurde , da die Menschen vor ihm standen , oder selbst in der Halle neben ihm , da die Mutter ebenfalls die Gestalt gerne betrachtete , und lange betrachtete : so ließ sie aus dem gleichen Stoffe , aus dem die Nymphe gearbeitet ist , diese Bank machen , und ließ dieselbe mit der kunstreichen vorchristlich ausgeführten Lehne versehen , damit sie einerseits zu dem vorhandenen Werke stimme , und damit andererseits das Werk mit Ruhe und Erquickung angesehen werden könne . Mit der Zeit ist auch die Alabasterschale hieher gekommen . « » Die Menschen werden von solchen Werken gezogen , « antwortete ich , » und die Lust des Schauens findet sich . « » Ich habe diese Gestalt von meiner Kindheit an gesehen und habe mich an sie gewöhnt , « sagte sie , » haltet Ihr nicht auch den bloßen Stein schon für sehr schön ? « » Ich halte ihn für ganz besonders schön « , erwiderte ich . » Mir ist immer , wenn ich ihn lange betrachte , « sagte sie , » als hätte er eine sehr große Tiefe , als sollte man in ihn eindringen können , und als wäre er durchsichtig , was er nicht ist . Er hält eine reine Fläche den Augen entgegen , die so zart ist , daß sie kaum Widerstand leistet , und in der man als Anhaltspunkte nur die vielen feinen Splitter funkeln sieht . « » Der Stein ist auch durchsichtig , « antwortete ich , » nur muß man eine dünne Schichte haben , durch die man sehen will . Dann scheint die Welt fast goldartig , wenn man sie durch ihn ansieht . Wenn mehrere Schichten übereinander liegen , so werden sie in ihrem Anblicke von außen weiß , wie der Schnee , der auch aus lauter durchsichtigen kleinen Eisnadeln besteht , weiß wird , wenn Millionen solcher Nadeln auf einander liegen . « » So habe ich nicht unrecht empfunden « , sagte sie . » Nein , « erwiderte ich , » Ihr habt recht geahnt . « » Wenn die Edelsteine nicht nach dem geachtet werden , was sie kosten , « sagte sie , » sondern nach dem , wie sie edel sind , so gehört der Marmor gewiß unter die Edelsteine . « » Er gehört unter dieselben , er gehört gewißlich unter dieselben « , erwiderte ich . » Wenn er auch als bloßer Stoff nicht so hoch im Preise steht wie die gesuchten Steine , die nur in kleinen Stücken vorkommen , so ist er doch so auserlesen und so wunderbar , daß er nicht bloß in der weißen , sondern auch in jeder andern Farbe begehrt wird , daß man die verschiedensten Dinge aus ihm macht , und daß das Höchste , was menschliche bildende Kunst darzustellen vermag , in der Reinheit des weißen Marmors ausgeführt wird . « » Das ist es , was mich auch immer sehr ergriff , wenn ich hier saß und betrachtete , « sagte sie , » daß in dem harten Steine das Weiche und Runde der Gestaltung ausgedrückt ist , und daß man zu der Darstellung des Schönsten in der Welt den Stoff nimmt , der keine Makel hat . Dies sehe ich sogar immer an der Gestalt auf der Treppe unsers Freundes , welche noch schöner und ehrfurchterweckender als dieses Bildwerk hier ist , wenn gleich ihr Stoff in der Länge der vielen Jahre , die er gedauert hat , verunreinigt worden war . « » Es ist gewiß nicht ohne Bedeutung , « entgegnete ich , » daß die Menschen in den edelsten und selbst hie und da ältesten Völkern zu diesem Stoffe griffen , wenn sie hohes Göttliches oder Menschliches bilden wollten , während sie Ausschmückungen in Laubwerk , Simsen , Säulen , Tiergestalten und selbst untergeordnete Menschen- und Götterbilder aus farbigem Marmor , aus Sandstein , aus Holz , Ton , Gold oder Silber verfertigten . Es wäre zugänglicherer , behandelbarerer Stoff gewesen : Holz , Erde , weicher Stein , manche Metalle : sie aber gruben weißen Marmor aus der Erde und bildeten aus ihm . Aber auch die andern Edelsteine , aus denen man verschiedene Dinge macht , geschnittene Steine , allerlei Gestalten , Blumen- und Zierwerk , so wie endlich diejenigen , die man besonders Edelsteine nennt und zum Schmucke der menschlichen Gestalt und hoher Dinge anwendet , haben in ihrem Stoffe etwas , das anzieht und den menschlichen Geist zu sich leitet , es ist nicht bloß die Seltenheit oder das Schimmern , das sie wertvoll macht . « » Habt Ihr auch die Edelsteine kennen zu lernen gesucht ? « fragte sie . » Ein Freund hat mir vieles von ihnen gezeigt und erklärt « , antwortete ich . » Sie sind freilich für die Menschen sehr merkwürdig « , sagte sie . » Es ist etwas Tiefes und Ergreifendes in ihnen , « antwortete ich , » gleichsam ein Geist in ihrem Wesen , der zu uns spricht , wie zum Beispiele in der Ruhe des Smaragdes , dessen Schimmerpunkten kein Grün der Natur gleicht , es müßte nur auf Vogelgefiedern wie das des Kolibri oder auf den Flügeldecken von Käfern sein - wie in der Fülle des Rubins , der mit dem rosensamtnen Lichtblicke gleichsam als der vornehmste unter den gefärbten Steinen zu uns aufsieht - wie in dem Rätsel des Opals der unergründlich ist - und wie in der Kraft des Diamantes , der wegen seines großen Lichtbrechungsvermögens in einer Schnelligkeit wie der Blitz den Wechsel des Feuers und der Farben gibt , den kaum die Schneesterne noch der Sprühregen des Wasserfalles haben . Alles , was den edlen Steinen nachgemacht wird , ist der Körper ohne diesen Geist , es ist der inhaltleere , spröde , harte Glanz statt der reichen Tiefe und Milde . « » Ihr habt von der Perle nicht gesprochen . « » Sie ist kein Edelstein , gesellt sich aber im Gebrauche gerne zu ihm . In ihrem äußern Ansehen ist sie wohl das Bescheidenste ; aber nichts schmückt mit dem so sanft umflorten Seidenglanze die menschliche Schönheit schöner als die Perle . Selbst an dem Kleide eines Mannes , wo sie etwas hält , wie die Schleife des Halstuches oder wie die Falte des Brustlinnens , dünkt sie mich das Würdigste und Ernsteste . « » Und liebt Ihr die Edelsteine als Schmuck ? « fragte sie . » Wenn die schönsten Steine ihrer Art ausgewählt werden , « antwortete ich , » wenn sie in einer Fassung sind , welche richtigen Kunstgesetzen entspricht , und wenn diese Fassung an der Stelle , wo sie ist , einen Zweck erfüllt , also notwendig erscheint : dann ist wohl kein Schmuck des menschlichen Körpers feierlicher als der der Edelsteine . « Wir schwiegen nach diesen Worten , und ich konnte Natalien jetzt erst ein wenig betrachten . Sie hatte ein mattes , hellgraues Seidenkleid an , wie sie es überhaupt gerne trug . Das Kleid reichte , wie es bei ihr immer der Fall war , bis zum Halse und bis zu den Knöcheln der Hand . Von Schmuck hatte sie gar nichts an sich , nicht das geringste , während ihr Körper doch so stimmend zu Edelsteinen gewesen wäre . Ohrgehänge , welche damals alle Frauen und Mädchen trugen , hatte weder Mathilde je , seit ich sie kannte , getragen , noch trug sie Natalie . In unserem Schweigen sahen wir gleichsam wie durch Verabredung gegen das rieselnde Wasser . Endlich sagte sie : » Wir haben von dem Angenehmen dieses Ortes gesprochen , und sind von dem edlen Steine des Marmors auf die Edelsteine gekommen ; aber eines Dinges wäre noch Erwähnung zu tun , das diesen Ort ganz besonders auszeichnet . « » Welches Dinges ? « » Des Wassers . Nicht bloß , daß dieses Wasser vor vieler , die ich kenne , gut zur Erquickung gegen den Durst ist , so hat sein Spielen und sein Fließen gerade an dieser Stelle und durch diese Vorrichtungen etwas Besänftigendes und etwas Beachtungswertes . « » Ich fühle wie Ihr , « antwortete ich , » und wie oft habe ich dem schönen Glänzen und dem schattenden Dunkel dieses lebendigen flüchtigen Körpers an dieser Stelle zugesehen , eines Körpers , der wie die Luft wohl viel bewunderungswürdiger wäre , als es die Menschen zu erkennen scheinen . « » Ich halte auch das Wasser und die Luft für bewunderungswürdig , « entgegnete sie , » die Menschen achten nur so wenig auf beides , weil sie überall von ihnen umgeben sind . Das Wasser erscheint mir als das bewegte Leben des Erdkörpers , wie die Luft sein ungeheurer Odem ist . « » Wie richtig sprecht Ihr , « sagte ich , » und es sind auch Menschen gewesen , die das Wasser sehr geachtet haben ; wie hoch haben die Griechen ihr Meer gehalten , und wie riesenhafte Werke haben die Römer aufgeführt , um sich das Labsal eines guten Wassers zuzuleiten . Sie haben freilich nur auf den Körper Rücksicht genommen , und haben nicht , wie die Griechen die Schönheit ihres Meeres betrachteten , die Schönheit des Wassers vor Augen gehabt ; sondern sie haben sich nur dieses Kleinod der Gesundheit in bester Art verschaffen wollen . Und ist wohl etwas außer der Luft , das mit größerem Adel in unser Wesen eingeht als das Wasser ? Soll nicht nur das Reinste und Edelste sich mit uns vereinigen ? Sollte dies nicht gerade in den gesundheitverderbenden Städten sein , wo sie aber nur Vertiefungen machen , und das Wasser trinken , das aus ihnen kömmt ? Ich bin in den Bergen gewesen , in Tälern , in Ebenen , in der großen Stadt , und habe in der Hitze , im Durste , in der Bewegung den kostbaren Kristall des Wassers und seine Unterschiede kennen gelernt . Wie erquickt der Quell in den Bergen und selbst in den Hügeln , vorzüglich wenn er am reinsten aus dem reinen Granit fließt , und , Natalie , wie schön ist außerdem der Quell ! « Hatte nun Natalie schon früher einen Durst empfunden , und hatte derselbe ihr Gespräch auf das Wasser gelenkt , oder war durch das Gespräch ein leichter Durst in ihr hervorgerufen worden : sie stand nun auf , nahm die Alabasterschale in die Hand , ließ sie sich in dem sanften Strahle füllen , setzte sie an ihre schönen Lippen , trank einen Teil des Wassers , ließ das übrige in das tiefere Becken fließen , stellte die leere Schale an ihren Platz , und setzte sich wieder zu mir auf die Bank . Mir war das Herz ein wenig gedrückt , und ich sagte : » Wenn wir beide das Schöne dieses Ortes betrachtet , und wenn wir von ihm und von andern Dingen , auf die er uns führte , gerne gesprochen haben , so ist doch etwas in ihm , was mir Schmerz erregt . « » Was kann Euch denn an diesem Orte Schmerz erregen ? « fragte sie . » Natalie , « antwortete ich , » es ist jetzt ein Jahr , daß Ihr mich an dieser Halle absichtlich gemieden habt . Ihr saßet auf derselben Bank , auf welcher Ihr jetzt sitzet , ich stand im Garten , Ihr tratet heraus und ginget von mir mit beeiligten Schritten in das Gebüsch . « Sie wendete ihr Angesicht gegen mich , sah mich mit den dunkeln Augen an und sagte : » Dessen erinnert Ihr Euch , und das macht Euch Schmerz ? « » Es macht mir jetzt im Rückblicke Schmerz , und hat ihn mir damals gemacht « , antwortete ich . » Ihr habt mich ja aber auch gemieden « , sagte sie . » Ich hielt mich ferne , um nicht den Schein zu haben , als dränge ich mich zu Euch « , entgegnete ich . » War ich Euch denn von einer Bedeutung ? « fragte sie . » Natalie , « antwortete ich , » ich habe eine Schwester , die ich im höchsten Maße liebe , ich habe viele Mädchen in unserer Stadt und in dem Lande kennen gelernt ; aber keines , selbst nicht meine Schwester , achte ich so hoch wie Euch , keines ist mir stets so gegenwärtig und erfüllt mein ganzes Wesen wie Ihr . « Bei diesen Worten traten die Tränen aus ihren Augen und flossen über ihre Wangen herab . Ich erstaunte , ich blickte sie an und sagte : » Wenn diese schönen Tropfen sprechen , Natalie , sagen sie , daß Ihr mir auch ein wenig gut seid ? « » Wie meinem Leben « , antwortete sie . Ich erstaunte noch mehr , und sprach : » Wie kann es denn sein , ich habe es nicht geglaubt . « » Ich habe es auch von Euch nicht geglaubt « , erwiderte sie . » Ihr konntet es leicht wissen « , sagte ich . » Ihr seid so gut , so rein , so einfach . So seid Ihr vor mir gewandelt , Ihr waret mir begreiflich wie das Blau des Himmels , und Eure Seele erschien mir so tief , wie das Blau des Himmels tief ist . Ich habe Euch mehrere Jahre gekannt , Ihr waret stets bedeutend vor der herrlichen Gestalt Eurer Mutter und der Eures ehrwürdigen Freundes , Ihr waret heute , wie Ihr gestern gewesen waret , und morgen wie heute , und so habe ich Euch in meine Seele genommen zu denen , die ich dort liebe , zu Vater , Mutter , Schwester - nein , Natalie , noch tiefer , tiefer - « Sie sah mich bei diesen Worten sehr freundlich an , ihre Tränen flossen noch häufiger , und sie reichte mir ihre Hand herüber . Ich faßte die Hand , ich konnte nichts sagen , und blickte sie nur an . Nach mehreren Augenblicken ließ ich ihre Hand los und sagte : » Natalie , es ist mir nicht begreiflich , wie ist es denn möglich , daß Ihr mir gut seid , mir , der gar nichts ist und nichts bedeutet ? « » Ihr wißt nicht , wer Ihr seid « , antwortete sie . » Es ist gekommen , wie es kommen mußte . Wir haben viele Zeit in der Stadt zugebracht , wir sind oft den ganzen Winter in derselben gewesen , wir haben Reisen gemacht , haben verschiedene Länder und Städte gesehen , wir sind in London , Paris und Rom gewesen . Ich habe viele junge Männer kennen gelernt . Darunter sind wichtige und bedeutende gewesen . Ich habe gesehen , daß mancher Anteil an mir nahm ; aber es hat mich eingeschüchtert , und wenn einer durch sprechende Blicke oder durch andere Merkmale es mir näher legte , so entstand eine Angst in mir , und ich mußte mich nur noch ferner halten . Wir gingen wieder in die Heimat zurück . Da kamet Ihr eines Sommers in den Asperhof , und ich sah Euch . Ihr kamet im nächsten Sommer wieder . Ihr waret ohne Anspruch , ich sah , wie Ihr die Dinge dieser Erde liebtet , wie Ihr ihnen nach ginget , und wie Ihr sie in Eurer Wissenschaft hegtet - ich sah , wie Ihr meine Mutter verehrtet , unsern Freund hochachtetet , den Knaben Gustav beinahe liebtet , von Eurem Vater , Eurer Mutter und Eurer Schwester nur mit Ehrerbietung sprachet , und da - - da - « » Da , Natalie ? « » Da liebte ich Euch , weil Ihr so einfach , so gut und doch so ernst seid . « » Und ich liebte