lang auf euch gewartet , ich bin der Sonnenwirtle ! « Diese Worte und Töne schlugen wie ein Kartätschenhagel in die Schar der Helden ein , die vielleicht in nächster Zeit gegen den rebellischen König von Preußen in das Feld rücken sollten . Sie machten Kehrt und liefen so schnell davon , als ihre steifen Stiefeletten , die doch recht eigentlich ein Mittel gegen das Fluchtfieber abzugeben geeignet waren , es gestatten wollten . Er lachte unbändig hinter ihnen her . Über dem spaßhaften Anblick und über der Befriedigung seines Stolzes hatte er , für einen Augenblick wenigstens , alles vergessen , was ihn drückte . » Hab ich ' s nicht gesagt , die tun dir nichts ? « sagte der Feldhüter . » Die könnt man mit keinem Pferd mehr einholen . « » Hol mir Wein . « » Gern , aber weißt , damit ich vor Amt schwören kann , du habest mich gezwungen , so mußt mir ' s anders befehlen . « » Gut . « Er klopfte an sein Gewehr . » Du mußt mit mir da hinein und zu trinken holen , und wenn du nicht willst , so mußt du . « » Sehr wohl . « Sie gingen zusammen bis nahe an den Flecken . Dort gab er ihm Geld und wartete mit angezogenem Gewehre auf seine Zurückkunft . Der Hüter kam allein , denn er wußte wohl , daß eine Verräterei ihn außer stand setzen würde , je wieder seinen Dienst bei Nacht zu tun . Hierauf gingen sie in das Feld zurück . Der Hüter mußte den Wein tragen und durfte dafür nachher mit ihm trinken . » Was reden sie in Ebersbach von mir ? « fragte er , sich bequem auf den Boden streckend . » Sie haben gottsträflich Angst vor dir . « Er lachte und ließ nicht ab mit Fragen , bis ihm der Hüter die gleiche Antwort wohl sechsmal in verschiedenen Wendungen wiederholt gegeben hatte . » Aber die Börtlinger Geschicht macht bös Blut , es wird allenthalben nach dir gestreift , und es ist da herum nicht mehr gut wohnen für dich . « Er lachte noch lauter und fing nun mit diesem Einbruch , den er vor wenigen Stunden mit manchem Gewissensbiß erzählt , heillos zu prahlen an . Dabei machte er sich mit dem Amtmann von Adelberg und anderen vornehmen Personen groß , indem er so das Märchen , das vielleicht seine Genossen zu seiner eigenen Aufmunterung ersonnen hatten , weiter verbreitete . Indessen erreichte er seine Absicht , denn der Hüter bemerkte , wenn solche Leute mit in der Verschwörung seien , so werde der Schrecken in der ganzen Gegend um so größer werden . Hierauf befahl er ihm , den Amtmann von ihm zu grüßen , er habe eine schöne Flinte , die dem Herrn Amtmann gewiß anständig wäre , sie sei recht leicht ; warum er denn gar nicht mehr auf die Jagd komme ? Zu diesen Hohnreden fügte er Drohungen gegen seine Verfolger , seinen Vormund und den ganzen Flecken . Nach der Ernte , wenn die Scheuern voll seien , sagte er , sei es besser , die Häuser anzuzünden , es brenne leichter und gebe eine größere Freude . Der Hüter wagte bescheidentlich einzuwenden , er gehe ja selbst nach Brot und werde doch der Gottesgabe nicht so mitspielen wollen . » Ei was ! « erwiderte er kindisch , » ob ich ' s verbrenne oder ob ' s der Hagel erschlägt , das ist alles eins . « Zuletzt kam er wieder auf den Schultheißen von Börtlingen zu sprechen und sich zu rühmen , wie er diesen für seine Heuchelei und Ungerechtigkeit bestraft habe . » So muß man ' s machen « , sagte er , » ist ' s nicht recht so ? « » Unser Pfarrer « , sagte der Hüter ausweichend , » schimpft auch auf ihn und sagt , jetzt habe er ' s , daß er nicht mehr Vorsicht anwende und alles dem Himmel überlassen wolle ; er verderbe dem geistlichen und weltlichen Amt das Spiel , verschmähe allen erlaubten Profit , hänge sein Geld an die Armen , die dadurch nur immer begehrlicher werden , und opfere sich auf eine einfältige Art für seine Gemeinde auf , so daß ihm ' s kein Pfarrer und niemand nachmachen könnte , der sich nicht zugrunde richten wollte . « » So ? « sagte der Räuber und versank in stummes Nachdenken . So verwandelt und entstellt sein ursprünglich gutes Gemüt war , so konnte er sich doch dem Eindringen der Wahrheit nicht entziehen , die aus diesen Worten hervorleuchtete : die erste größere Rachetat , womit er die von der bürgerlichen Gesellschaft erlittenen Unbilden zu vergelten meinte , hatte einen Gerechten getroffen . Er sprach wenig mehr und überließ den Hüter bald der ohne Zweifel willkommenen Einsamkeit , indem er sich wieder in den Wald aufwärts zog . 37 Ruhig lag die Welt , wie ein eingewiegtes Kind . Das Gewitter hatte den schwülen Druck des Sommers hinweggenommen , und in der freundlichen Kühle atmete alles Wesen auf . Die Felder ruhten von des Tages Hitze , und durch die Blätter des Waldes ging ein frischer , sanfter Hauch , daß sie nur leise wie im Traume zitterten . Die Menschen schlürften in bewußtloser Wonne den Segen dieser milden Nacht , die selbst dem Fieberkranken wieder einmal Ruhe und Frieden schenken konnte . Einer aber schlief nicht . Er bettete sich unter dem dichtesten Gesträuch , wo nicht einmal ein Wild hinkam , legte den Arm über eine Baumwurzel und bereitete sich so sein Kopfkissen ; aber der Schlaf , den er hundertmal auf rauherem Lager gefunden hatte , wollte ihn nicht besuchen . Er drückte die brennenden Augen in das feuchte Moos , aber sein von langer Schlaflosigkeit gequälter Kopf hörte nicht zu summen und zu dröhnen auf . Das Flüstern der Blätter störte ihn ; es war ihm , als ob sie sich etwas von ihm erzählten . Er brach wie ein gescheuchtes Wild durch die Zweige , floh aus dem Walde heraus und irrte durch die Äcker und Wiesen , die am Abhang der Anhöhe lagen . An einer Stelle setzte er sich auf den Markstein , an einer anderen legte er sich in das kühle Gras , wo es noch nicht von der Sense berührt war , denn seine Glieder waren von Ermattung wie zerschlagen ; aber sein Körper fand die Ruhe nicht , die seiner Seele fehlte . Er hörte vom Tale herauf den Schlag der Glocke und den Ruf des Wächters in regelmäßigen Absätzen , die den unerbittlichen Gang der Zeit verkündigten . Er sah den Mond über den Himmel wandeln und seinem Ziele näher und näher sinken ; an seinem weiten Wege konnte er sehen , wie lange schon die Welt der Ruhe pflegte , die ihn floh . Die Sterne glänzten in der herrlichen Sommernacht wie eine goldene Schrift auf dunkelblauem Grunde ; aber mit seinem stumpfen Blick konnte er sie nicht lesen , und kopfschüttelnd ging er nach dem Walde zurück . Sein ganzes Schicksal zog in dieser Nacht an seiner Seele vorüber ; die Vergangenheit schmerzte , stachelte ihn , und die Zukunft hing wie eine wetterschwangere Wolke vor seinem Auge . Es sah wüst und wild in seinem Innern aus . Vermöge seiner Anlagen und seiner Erziehung wußte er recht wohl zu unterscheiden , was gut und böse sei , und diese Erkenntnis redete zu ihm in der Sprache der überlieferten Religion , die er mit der Muttermilch eingesogen hatte . Obwohl er mit der Kirche oder vielmehr mit dem Pfarrer haderte und das Maulchristentum der meisten um ihn her verachtete , so war er doch kein Freigeist ; woher hätte er auch , der ungeschulte Denker , das Zeug dazu nehmen sollen ? Er glaubte fest an seinen Heiland , wie alles um ihn her , und seine von Not und Schuld gepeinigte Seele schrie oft gen Himmel auf ; aber er war das Kind eines aus hartem Stoffe geschaffenen Volkes , das oft das zarteste Gebet und den rohesten Fluch beinahe in einem Atem auf die Lippen bringt . Ein beißender Witz , ein Anreiz zur Lebenslust oder eine Wallung des Zornes konnte die erschütterndste Wirkung des Heiligen im Nu verwischen , und seine Anklage gegen die Welt , daß sie nicht nach den Geboten des Glaubens lebe , lieh auch ihm die Entschuldigung , daß ein echtes Christentum die Kräfte des Menschen übersteige . Dennoch brannten ihn jene frommen Lehren , welche ihm am eindringlichsten von seiner Mutter eingeprägt waren , wie mit Flammenschrift in seine Seele , die verzagend ihr Verdammungsurteil in ihnen las . Er konnte es sich nicht bergen , daß er von einer verworfenen Tat herkam und einem verworfenen Leben entgegenging , in welchem nicht mehr bloß augenblickliche Not oder Leidenschaft vorübergehend das Schiffchen mit einem mißfarbigen Einschlag durch das Gewebe trieb , nein , in welchem das Verbrechen als alltägliches Handwerk in seiner kalten Gemeinheit waltete . In dieser schweren Nacht gedachte er an jene biblische Erzählung von dem Erzvater , der im Traume eine Leiter auf der Erde stehen sah , die mit der Spitze bis an den Himmel reichte ; die Engel stiegen daran auf und nieder , und Gott selbst stand oben darauf . Ihm nahm das Traumgesicht die entgegengesetzte Richtung : er sah endlose Stufen in die Tiefe führen ; der Weg hinab war leicht , aber die Rückkehr abgeschnitten ; schon war er weit hinuntergestiegen , und jetzt reichten ihm seine Genossen die Hände und tanzten lustig lachend immer tiefer mit ihm hinab . Die verführerische Gestalt der Gefährtin seines Verderbens winkte ihm , die Tochter einer gesetzlosen Welt erschien ihm wie eine schöne Tigerin , die mit heißer Zunge an seinem Herzen leckte . Mitten im Grausen der Verworfenheit empfand er den Reiz , der ihn zu ihr hinzog , und seine Sinne riefen ihm zu , die Lust des Lehens noch recht zu kosten , wenn er denn doch rettungslos verloren sein solle . Er schweifte in weiten Kreisen vom Felde in den Wald und vom Walde in das Feld zurück ; aber weder im Feld noch Wald wuchs das Kraut , das den fieberischen Aufruhr seines Blutes heilen konnte . Der Morgen kam , und endlich ging auch die Sonne über den Bergen auf . Höher steigend schien sie in das breite Tal hinein und trocknete den Tau von dem gemähten Heu , das in großen Haufen auf dem Felde lag , so daß bald ein süßer Duft sich mit den Morgenlüften mischte , jener Duft , der vor allen anderen den Menschen mit heimatlichen Empfindungen erfüllt . Der Geächtete sog ihn gierig ein , und Tränen traten in seine müden Augen . Wie oft hatte er da unten als Knabe mit anderen Knaben , die jetzt sich verabscheuend von ihm wandten oder mit der Mordwaffe seine Spur verfolgten , in dem aufgeschichteten Heu sich gewälzt und vor Freude gejauchzt ! Von dem Vorsprung , auf dem er stand , konnte er in seinen Flecken hineinsehen und die Giebel der Häuser erkennen , an welchen seine Erinnerungen hafteten . Dort , von den Erlen des Flüßchens überragt , stand das Haus , das ihn geboren , das nach dem rechten Laufe der Dinge ihn als Erben hätte behalten sollen . Hier , am Ende des Fleckens , stand das Haus der Armut , wo seine Kinder waren , wo er den schwarzen Faden angeknüpft hatte , der sich auf seinem Lebenswege immer fester um seine Füße wand . Und dort weiterhin sah er den Giebel des Rathauses , wo ihm aus diesem Faden die Stricke gedreht wurden , die ihn immer weiter von der bürgerlichen Gesellschaft losrissen . Dort war seine erste Christine diese Nacht im Gefängnis gelegen und befand sich jetzt wohl schon auf dem Wege , zu stark verwahrt , als daß er sie hätte befreien können . Und wenn ihm auch ein kühner Streich gelänge , er konnte ja doch den Kindern nicht die Mutter wiedergeben , und der Vater war auf lange , vielleicht auf immer , von ihrer Schwelle verbannt . Doch war es nicht dies allein , was seinen Blick an die grauen Giebel fesselte : es war der wunderbare Zug nach der Heimat , den seine heimatlosen Gesellen nicht verstanden . Seltsamer Drang des Herzens ! Keine heimische Geschichte , vom Mund des Großvaters auf den Enkel fortgepflanzt , keine alte Volkssitte lebte in diesem nüchternen Orte , woraus das Gemüt des Knaben Nahrung und dankbare Anhänglichkeit hätte schöpfen können , und doch zog es den reifenden Mann aus der Öde der Verbannung immer wieder nach der kargen Heimat zurück . Sie hatte ihn ausgestoßen und von sich gespien , sie fürchtete sich vor ihm wie vor dem wilden Tiere , das aus den Wäldern hervorbricht ; er fluchte ihr und drohte ihr mit Mord und Brand : und doch kam er immer wieder nach ihr zu schauen , und in seiner kindisch unverdauten Weise war er mehr als auf jede Kriegs- oder Friedensneuigkeit darauf erpicht , zu wissen , was man in Ebersbach von ihm sage , obgleich er sich die Antwort selbst geben konnte , die ihn immer wieder mit Wut und Haß gegen die Menschheit erfüllte . Wut and Haß traten auch jetzt wieder an die Stelle der Wehmut ; ohnmächtige Racheblicke sendete er hinab , und sein abgehetztes Hirn begann zu wirbeln , so daß er sich dem Wahnsinn nahe fühlte und es geraten fand , sich mit der Jagd nach Wild eine Beschäftigung aufzuerlegen , um der Hetzjagd seiner Gedanken zu entgehen . Auch war es Zeit für ihn , das Feld zu räumen , denn die Mäher kamen da und dort aus dem Flecken gezogen , und ihre Sensen blitzten in der Sonne . Bald gehörte die Welt , mit Ausnahme der Waldwinkel und Diebsherbergen , wieder den Menschen , die in den Schranken des Lebens blieben und sich unter das Gesetz beugten . Sein Platz war nicht mehr hier , und wenn er dem Lichte des Tages zu trotzen wagte , so durfte er sich bald wieder auf das wilde Geschrei der Menschenjagd gefaßt halten . Er ging in den Wald und zog aufmerksam spürend einen großen Bogen , der ihn zuletzt wieder , eine gute Strecke unterhalb seines Vaterortes , gegen das Tal herausführte . Er befand sich hier an einer steilen Bergseite über einem ganz engen Seitentälchen , das in der Urzeit nur eine Schlucht gewesen war . Ein dünnes Bächlein rieselte durch den Grund nach dem größeren Tale hinaus , und neben dem Bächlein lief ein schmaler Weg hin , kaum für kleine Fuhrwerke befahrbar . Das Bächlein und der Weg füllten den Grund des kleinen Einschnittes völlig aus ; über dem Bächlein hing der steile Bergwald , wie eine beinahe gerade Wand , und von dem Rande des schmalen Weges an stieg die entgegengesetzte Wand , sich sanfter zurücklehnend , nach der Anhöhe empor , die das größere Tal begrenzte . Auf dieser nicht so steil geneigten Seite zogen sich Wiesenstücke vom Tal herein und von der Höhe herab bis an den Rand des Weges , aber von Wald unterbrochen , der sich an einzelnen Stellen von der steilen Bergwand her über das Bächlein auch auf die andere Seite verbreitet hatte , so daß der schmale Weg sich oft im Walde zu verlieren schien . Das Tälchen war so still , daß das Wild hier oft bis an den Weg herunterkam , um aus dem Bächlein zu trinken . Er zog sich an der steilen Bergseite hin und geriet in eine Vertiefung , die von oben nach dem Tälchen herablief , wie sie , vom Volke Klingen genannt , in den vielfach eingeschnittenen Bergwäldern sich häufig finden . Ein Erdaufwurf , mit Moos und Waldgras bewachsen , hinderte seinen Schritt . Er blieb stehen und besann sich . » Richtig ! « sagte er , » hier am Kirnberg , weit ab von ihrer Gemeinschaft , haben sie dich eingescharrt , armer Küblerfritz ! Wenn einer des Wegs daherkommt , so geht er gewiß scheu vorüber und denkt in seinem Herzen : Herr , ich danke dir , daß ich kein , solcher bin . Bei Nacht wird sich vollends gar keiner herwagen , und doch bleibst du sicherlich auf deinen trotzigen Ellbogen ruhig liegen , denn der Kirnbach da drunten ist viel zu klein für deinen Durst . Schlaf du ruhig fort im kühlen grünen Wald . Hier ist dir ' s wohler , als auf dem Kirchhof neben den anderen mit ihrem Wahren Christentum . Hätt ich dran gedacht , so war ich heut nacht bei dir eingekehrt , alter Kamerad . Dafür will ich dir jetzt ein wenig Gesellschaft leisten . « Er setzte sich auf den verrufenen Hügel und pflog mit seinen Gedanken Verkehr . Da sie ihm aber zu wild wurden , stand er wieder auf und ging weiter vorwärts , bis er zu einer alten Buche kam , die ihm bequem zum Anstand schien . Das Gewehr in den herabhängenden Händen haltend , lehnte er sich an den Baum und starrte in den blauen Himmel empor . Es war so still , daß der Ton des Mähens von draußen , wie er glaubte , in diese Einsamkeit zu ihm drang . Da weckte ihn ein Geräusch in der Nähe . Er blickte hin und erhob leise das Gewehr . Auf einer kleinen Lichtung , unter der Stelle , wo er seinen Stand genommen , war ein Hirsch herausgetreten , der lauschend stehen blieb . Er legte an , zielte und wollte abdrücken , zog aber in diesem Augenblicke das Gewehr zurück , da er die Ursache entdeckte , die den Hirsch zurückgehalten und ihm so schußgerecht gebracht hatte . In der Richtung des Schusses , auf einer Wiese an der Bergseite gegenüber sah er zwei Männer mähen ; das Rauschen der Sensen hatte das scheue Tier stutzig gemacht , ohne daß es vor dem zu dieser Zeit gewohnten Tone floh . Diese Wiese war so nahe , daß ein Fehlschuß den Männern Gefahr bringen konnte . Er hielt das Gewehr unschlüssig in den Händen und blickte hinüber - da spannten sich auf einmal alle seine Muskeln und seine Augen traten hervor : der eine der beiden Mäher war der Fischer ! Er dachte nicht daran , welche jämmerliche Armut diesen Menschen getrieben haben mußte , um eines elenden Taglohnes willen sich in dieses abgelegene Tälchen zu wagen , während er in jedem Winkel der Gegend seinen schwergereizten Feind , nach dem er soeben noch geschossen , zu vermuten hatte - er dachte nur an seinen wiederholten Schwur , den ersten der drei gedungenen Verfolger , der ihm vor die Mündung kommen würde , zu bezahlen . » Hab ich dich , Mordhund ! « sagte er , die Lippen lautlos bewegend . Er legte das Gewehr wieder an und richtete es seitwärts von dem Hirsche , der noch immer gegen die Wiese hinab lauschte , gegen das in seinen Schuß gekommene Menschenwild . Es bedurfte eines leichten Drucks , und seine Rache war gekühlt , der Eid , zu dessen Sklaven er sich machen wollte , war eingelöst . Was hielt ihn zurück ? Er zog das Gewehr wieder an sich und blickte lange auf den Menschen , der so oft das feindliche Werkzeug gegen ihn abgegeben , der vor wenigen Stunden noch aus Haß und Geldgier seine Kugel auf ihn abgeschossen hatte . In diesem unbedeutenden Menschen sah er alle versammelt , die ihn gedrückt , die ihn aus dem Geleise gedrängt und endlich von der Bahn seiner rechtmäßigen Ansprüche hinabgestoßen hatten . Er sah die feige Unredlichkeit an der Tafel des Lebens schmausen und sich selbst in die Wildnis hinausgestoßen . Und waren die Unschuldigen , welche seiner rettungslosen Verzweiflung noch zum Opfer fallen sollten , von welchen einer bereits den Reigen begonnen hatte , waren sie nicht eines Schuldopfers wert ? Hier stand einer seiner Kugel preisgegeben , der sich über und über mit Schuld an ihm bedeckt hatte . Wenn der Weg des Verbrechens , wie auch der rohe und verworren denkende Mensch sich wünscht , durch den Gedanken der Rache an der ungerechten Gesellschaft eine gewisse Weihe erhalten sollte , so winkte ihm hier an der Pforte der Hölle eine Rachetat , bei welcher er sich , um Recht und Gerechtigkeit betrogen , so hoch berechtigt fühlte , Richter in eigener Sache zu sein , daß er sein neues Leben nicht besser einweihen zu können meinte . Warum zögerte sein Finger am Drücker ? Viermal zielte er , und viermal setzte er wieder ab . Der Mensch , wer er auch sei , trifft Stunden in seinem Leben , wo er tief in sich blicken kann und gewahr wird , daß eine Stimme des Wahnsinns in ihm schlummert , die zuzeiten erwacht . Es steht einer im Gebirge an einer jähen , schwindelnden Felsenwand , da taucht plötzlich die Stimme in ihm auf und sagt ihm : Spring da hinab . Oder er hat einen Freund bei sich , der ihm nie etwas zuleid getan , der sich ihm als feuerfest erwiesen hat ; die Stimme sagt : Gib ihm einen Stoß , daß er hinunter fliegt . Die menschliche Gesellschaft , die für ihren Bestand zu sorgen hat , macht mit Recht den Menschen verantwortlich , damit er dieser Stimme nicht gehorcht . Wer in seiner gesunden Kraft wandelt , der kämpft sie leicht nieder und lächelt über sie , wie der Mensch über die Sprünge seines tierischen Zerrbildes lächelt . Wo aber Leidenschaft , wo Haß und Rache die Stimme beflügeln , da wird der Kampf schwerer . Und doch wird jeder , der in den dunkelsten Stunden seines Lebens sein menschlich Teil gerettet oder verloren hat , Zeugnis geben , daß eine innere Bewegung mit der Gewalt einer unsichtbaren Macht eingegriffen und seiner Hand ein Halt geboten hat . Selbst im Kriege , besonders wenn der einzelne dem einzelnen gegenüber steht , wird es oft der mordgewohnten Hand schwer , einen neuen Mord zu begehen . Nur die Henker sind von jener inneren Macht so fürchterlich verlassen , daß sie mit kaltem Blute die Rache der Gesellschaft an einem rohen Verletzer einer rohen Ordnung vollziehen können . Und oft selbst diese nicht ! Kampf und Wut und Schrecken umnebelten den Geist des ausgestoßenen Sohnes der Gesellschaft , der sich vergebens beredete , daß er mit kaltem Blute in dem Kriege , welcher gegen ihn geführt wurde , seinen Feind niederschießen könne . Seine Rachegedanken waren ihm wüst und unklar durch die Seele gegangen ; sie schwanden hin , und gänzliche Verwirrung seiner Sinne blieb zurück , in welcher nichts von Haß und Rache , nichts von Bewußtsein mehr war , in welcher nur jene dunkle Stimme fort und fort flüsterte : » Tu ' s ! Tu ' s ! Du mußt es tun ! « Der Schuß krachte über das Tal hinüber , der Hirsch war mit einem Satze verschwunden , und der Rauch , der von dem Gewehr aufstieg , verhüllte den friedlich blauen Himmel einen Augenblick . Obgleich von oben nach unten versendet , hatte der Schuß nicht gefehlt . Der Mörder hörte und sah , während der Rauch sich verzog , wie sein Opfer aus der gebückten Stellung sich aufrichtete , die Hand auf den Unterleib drückte und ausrief : » Oh , du verfluchter Hund - er hat mich getroffen ! « Der Gefährte des Fischers eilte hinzu und riß ihn , noch erschrockener als der Getroffene , mit sich an den Weg hinab , auf welchem er , beständig den Kopf geduckt haltend , mit ihm fortrannte . Der Mörder schritt an seiner Bergseite weiter vor gegen das Tal hinaus und sah mit stumpfer Teilnahme , mit einer seltsamen Art von Neugier aus der Höhe zu , wie die beiden gegen das offene Tal hinausliefen , wie der Fischer , den seine Eingeweide zu brennen schienen , von seinem Genossen unterstützt aus dem Bache trank und wie den Zusammensinkenden ein draußen vorbeikommender Wagen aufnahm . Die Leute liefen im Tale von den Feldern zusammen , und er hörte in seiner waldigen Höhe das Geschrei : » Meuchelmord ! « Es wurde still in dem engen Tal des Todes , so still , daß alle Hirsche des Waldes sich darin hätten versammeln können . Nach einiger Zeit kam eine Kuh langsam aus dem Walde den Weg daher . Sie mochte sich von einer nahen , im Walde gelegenen Weide hierher verloren haben . Sie lief auf die Wiese , wo der Fischer den Todesschuß erhalten hatte , und begann sich an dem von der Sense verlassenen Grase zu ergötzen . Wieder verging einige Zeit , da kam ein Mann aus der Tiefe des Tälchens den schmalen Weg dahergegangen , eine vom Alter gebeugte und gebrochene Gestalt . Es war der Sonnenwirt , der in dieser frühen Stunde auf einem benachbarten Hofe einen Viehhandel abgeschlossen hatte und jetzt dem Tale zuging , um auf den Wiesen im Vorübergehen nach seinen Mähern zu sehen . Sein bleiches , mit tiefen Furchen gezeichnetes Gesicht verriet , daß seine guten Tage gezählt waren . Er schritt , kummervoll zu Boden blickend , seinen Weg dahin . Da rief eine Stimme über ihm , wie mit Donnerton : » Sonnenwirt von Ebersbach ! « Er fuhr zusammen und blickte in die Höhe . War das sein Sohn an dem steilen Waldabhange über ihm ? Er stand auf einer Lichtung , so daß die Bäume unter ihm nur bis an seine Brust reichten und ihn als eine Gestalt von übermenschlicher Größe erscheinen ließen . » Sonnenwirt von Ebersbach ! « rief er , auf sein Gewehr gestützt , » wo hast du deinen Sohn ? « Dem Alten ging ein Schauer durch Mark und Bein . » Sieh her « , fuhr die Erscheinung fort , auf ein junges Bäumchen deutend , das ohne Stütze überhing , und dann auf einen knorrig verkrüppelten Baum daneben : » sieh , wenn ich den jungen Schößling in die Höhe ziehe und ihm eine Stütze gebe , so wächst er aufrecht und lustig fort , aber an dem alten Knorren , der in seiner Jugend versäumt worden ist , ist alle Kunst verloren . Du hast deinem Sohn gesagt , du wollest ihm die Äst abhauen , wenn er zu krattelig werde . An dem alten , verwachsenen Knorren kannst du sehen , wie weit du es gebracht hast . Du hast deinen Schößling üppig aufwachsen lassen , da ihm strenge Zucht nötig war , und zur Zeit des freien Wachstums hast du ihn zu Schanden geschnitten . Dein Bub ist jetzt ein Mann geworden , ein Räuber und ein Mörder . - Laß dein Weib nicht für mich beten , wie sie einmal gesagt hat : ihr Gebet hat keine Kraft . Wenn du aber glaubst , alter Mann , daß du dir mit deinem Handel und Wandel eine Ansprache im Himmel eröffnet habest , dann bete du für mich . - Meine Zeit ist um , Vater , Ihr braucht keine Angst mehr vor mir zu haben , denn es riecht hier nach Blut . Der Abgrund hat sich aufgetan , und ich fühl ' s , wie ich zusehends tiefer and tiefer hineinsinke . Ich höre rufen : Komm ! Und ich komme . Lebt wohl , Vater , mög Euch Gott verzeihen - ich verzeihe Euch ! « Die Knie zitterten dem alten Manne , und er mußte sich an dem Rande des Weges zu Boden setzen . Erst nach langer Zeit wagte er in die Höhe zu blicken . Die furchtbare Erscheinung war verschwunden . » Ist das mein Sohn gewesen oder - ? Was er predigen kann ! Hätt ich ihn denn vielleicht einen Pfarrer werden lassen sollen ? Dummes Geschwätz ! Wenn er ein Räuber und Mörder ist , wie er sagt , so ist er ein schlechter Prediger . Aber ich hab ' s ja immer gesagt : er ist im Kopf nicht recht . « Mit diesen Worten hatte er sich wieder zurechtgefunden . Er erhob sich , schüttelte den Schrecken aus den Gliedern und schickte sich an , das Tälchen , in welchem er von demselben überfallen worden war , eilig zu verlassen , als er die Kuh bemerkte , die sich auf dem Eigentum eines Mitbürgers gütlich tat . Er jagte sie aus dem Grase heraus und trieb das unvernünftige Tier sorgfältig auf dem Wege vor sich her , während sein verlorener Sohn sich den Berg hinaufzog , um unwiderruflich einem Leben zu verfallen , das ihm selbst als die Hölle erschien . 38 Obwohl frei ohne jedes andere Maß und Ziel , als das sie selbst sich setzt , folgt doch die Dichtung gern dem Gefangenen in die Kerkerzelle und zum Schafott , aber sie verstummt unter dem Geräusche der christlich-deutschen Justiz . Wie sie es verschmäht , ihm in die schmutzigen Höhlen des gewerbsmäßigen Verbrechens zu folgen , so bleibt sie auch vor jenen verschlossenen Türen stehen , hinter welchen das Leben des Menschen stückweise an die Paragraphen eines fremden , toten Rechts gehalten wird . Sie läßt an ihrer Statt ihre Schwester mit dem stillen , unbewegten Auge , die Geschichtschreibung , eintreten und in dem Aktenstaube wühlen . Drei Jahre waren seit dem Tode des Fischers verflossen , der den Amtmann von Ebersbach und den Vogt von Göppingen gegen den Meuchelmörder in Bewegung gesetzt hatte . Es gab keine Vögte mehr im Lande , der Herzog hatte ihnen den Oberamtmannstitel erteilt , weil man , wie er sich in seinem Reskripte ausdrückte , den vorgesetzten Stabsbeamten zu ihrer Amtsführung , Erhaltung der fürstlichen Rechte und Vollziehung der