er die Carcelllampe vom Tisch , doch während er sie in sein Arbeitszimmer hinüber trug , zitterte seine Hand so heftig , daß Kugeln und Glas beständig zusammen klirrten . Achtundvierzigstes Kapitel . Eine Mutter und ihr Kind . Zwischen seinen Büchern und alten bekannten Möbeln und Geräthschaften ging der Doktor längere Zeit auf und ab und gedachte der eben vergangenen Scene . Der Anblick all ' der bekannten und traulichen Gegenstände , die ihn schon seit langen , langen Jahren umgaben , - Manches stammte ja noch aus seiner Kinder-und Schulzeit her , - beruhigte allmälig seine Nerven und ließ sein Herz langsamer schlagen . - War er zu heftig gewesen ? - Anfänglich gewiß nicht , und am Ende hatte sie ja mit Gewalt seine Geduld zerrissen . - Nein , nein ! Diesmal konnte er sich nicht selbst anklagen ; er hatte ihrem Kommen mit den besten Gedanken entgegen gesehen ; hätte sie ihm nur die Hand gereicht und gesagt : es ist mir leid , daß das Alles geschehen , laß es gut sein ! - o , dann hätte er einen heiteren Abend erlebt , anstatt daß er sich jetzt so trostlos und unglücklich fühlte . - Hatte sie doch ruhig auf eine Scheidung angespielt , und den Gedanken konnte er nicht fassen und ertragen bei allen Fehlern , die sie hatte ; auch war sie ja die Mutter seiner Kinder , und er hatte noch immer gehofft . - Wenn sie aber an dem ausgesprochenen unglücklichen Gedanken festhielt , so war Alles für ihn verloren , denn er liebte sie immer noch . Von diesen finsteren Gedanken überwältigt , warf er sich in seinen Lehnstuhl und vergrub den Kopf in beide Hände . Er verfiel in jenen Zustand , wo man nicht mehr denkt , sondern wachend träumt , wo traurige und heitere Bilder mit einander kämpfen , wo jener wilde Schmerz , der unser Innerstes empört , ruhiger wird , wo nur tief im Herzen die eben überstandenen Leiden bei jedem Athemzuge nachzittern . Draußen an der Glasthüre wurde jetzt die Klingel sanft gezogen ; die Köchin öffnete , eine leise Stimme flüsterte etwas und darauf antwortete Jene : » Der Herr Doktor sind nur zu sprechen Mittags von Zwei bis Drei , sowie Mittwoch und Samstag Nachmittag zwischen sechs und sieben Uhr . « Die fragende Person schien nichts darauf zu antworten , wenigstens vernahm man im Zimmer nichts . » Auch werden Sie wohl wissen , daß heute der Weihnachtsabend und schon acht Uhr vorbei ist . - Nein , ich kann dem Herrn Doktor Niemand melden , Sie müssen schon morgen Früh wieder kommen . « » Das kann ich auch , « hörte man die andere Stimme sagen , » das kann ich auch , und bitte ich sehr zu entschuldigen . « Der Doktor fuhr aus seinen Träumereien empor und zog die Klingel , die neben seinem Schreibtische hing . Da draußen war eine Leidende , die man eben abweisen wollte ; ihm erschien es aber in diesem Augenblicke als eine Beruhigung , das Unglück Anderer zu hören , es vielleicht lindern zu können . Auch zog ihn der Klang der Stimme draußen an : er war so leise und klagend . Die Köchin trat in das Zimmer . » Wer war draußen ? - Wer hat geschellt ? « » Eine unbedeutende Person , - ein ärmlich aussehendes Frauenzimmer ; ich habe sie auf morgen früh wieder bestellt . « » Lassen Sie sie nur herein kommen . « » Ja , sie wird schon fort sein . « » So eilen Sie die Treppe hinab und holen sie herauf . « Die Köchin ging hinaus , schloß die Glasthüre hinter sich , man hörte sie in den untern Stock hinunter laufen , und wenige Augenblicke darauf kam sie wieder zurück , öffnete die Thüre zum Arbeitszimmer ihres Herrn und ließ ein Frauenzimmer eintreten , das schüchtern auf der Schwelle stehen blieb . » Sie haben mich noch heute Abend sprechen wollen ? « fragte sanft der Doktor . » Ja , und ich bitte sehr um Verzeihung , « entgegnete die Eingetretene ; » ich weiß wohl , daß ich eine ziemlich unpassende Zeit gewählt habe . « » Wenn man krank ist , so kann man das nicht so genau nehmen . - Womit kann ich Ihnen helfen ? Sind Sie von Jemand anders zu mir geschickt oder selbst krank ? « Das Mädchen schwieg einen Augenblick still , dann aber näherte sie sich mit einigen schüchternen Schritten dem Arzt , faltete ihre Hände und sagte : » Beides ist nicht der Fall , Herr Doktor : ich bin von Niemanden geschickt und auch nicht selbst krank . « » So wollen Sie auf andere Art meine Hilfe in Anspruch nehmen ? « entgegnete der Arzt , indem er die Hand an eine Schublade seines Schreibtisches legte , da er dachte : man will ein Almosen von mir haben . Mochte nun das Mädchen die Bewegung des Doktors verstanden oder den Blick begriffen haben , den er zu gleicher Zeit über ihre ganze Gestalt hinlaufen ließ , genug , sie sagte eifrig : » Um Ihre Hilfe bitte ich wohl , Herr Doktor , das heißt , nur um Ihre Hilfe in Worten - um Ihren Rath . « » Aha ! - Also doch eine Art ärztlicher Konsultation ? - So bitte ich , Platz zu nehmen . « Dabei stand er auf , schob ihr einen Stuhl hin und hob alsdann den Schirm von der Lampe , so daß das volle Licht auf des Mädchens Gesicht fiel . Ein Blick auf diese Züge belehrte übrigens den Arzt , daß er doch eine Kranke vor sich habe , und zwar eine schwer Kranke , eine Unheilbare . - Es war Katharine , die Nähterin , die sich nun vor ihm auf den Stuhl niederließ , und deren Brust sich heftig hob und senkte , wobei sie den Mund leicht geöffnet hatte und die Nasenflügel zitternd jedem Athemzuge folgten . Die Wangen waren noch bleicher als vor einiger Zeit , und die Röthe auf den selben dunkler und brennender . » Vor allen Dingen , « sprach das Mädchen , » muß ich Sie um Verzeihung bitten , daß ich es gewagt , Sie am heutigen heiligen Abend zu stören ; vielleicht hatte ich Unrecht , aber ich dachte mir , der Christabend mit seinen Freuden , mit den angenehmen Stunden , wenn man den Kindern etwas bescheert hat , mache Sie noch freundlicher gesinnt als Sie sonst wohl sind , und geneigter , etwas für mich zu thun . « » Wenn es in meiner Macht liegt , Ihnen zu helfen , so soll es geschehen , « entgegnete der Doktor . - » Sprechen Sie ! « Katharine that einen tiefen Athemzug , dann zog sie ihr Umschlagtuch mit den zitternden Fingern etwas von der Schulter herab und sagte , indem sie die glänzenden Augen niederschlug : » Es wird mir recht schwer , anzufangen , Herr Doktor ; aber dem Arzte kann man ja Alles sagen wie dem Pfarrer , und so will ich denn auch Ihnen beichten . - Ich hatte ein Kind , ein kleines , liebes Kind - « Der Doktor wollte eine Frage thun , doch kam ihm Katharine zuvor , indem sie fortfuhr : » Nein , nein , ich bin nicht verheirathet . « » Nun denn , so erzählen Sie weiter , « sprach er mit gutmüthigem Tone . » Dieses Kind hatte ich zu einer Frau gethan , die es recht ordentlich verpflegte ; es gedieh auch , - so schien es mir wenigstens , - denn wenn ich Sonntags zu ihm ging , so konnte ich schon bemerken , daß seine Bäckchen dicker wurden , und auch die Aermchen und Hände . - Man sieht so was leicht . « » Und das Kostgeld bezahlten Sie aus eigenen Mitteln ? « fragte der Doktor . - Er hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und betrachtete die Person vor sich mit aufmerksamen Blicken . » Aus eigenen Mitteln , « wiederholte sie . » Ich brauche ja für meine Person nicht viel , und wenn man für sein Kind arbeitet , so ist es gar nicht mühsam , vom Morgen bis in die Nacht zu nähen , - gewiß nicht . « » Aber der Vater dieses Kindes ? « fragte der Doktor zögernd . » O ich wollte nichts von ihm , « erwiderte Katharine , indem sie die Hand ausstreckte , » nicht einen Kreuzer mehr , nachdem er mich verlassen . « » Ah so ! - ich verstehe . « » Ich war so glücklich mit meinem kleinen Kinde , so glücklich , daß ich es gar nicht sagen kann . Ich muß Ihnen das gestehen , Herr Doktor , damit Sie auch begreifen , wie sehr mich der fürchterliche Schlag traf , als man mir eines Tages sagte , das Kind sei plötzlich gestorben . « » Und Sie wußten nichts von seiner Krankheit ? « » Nicht das Geringste . « » Und man rief Sie nicht , als das Kind im Sterben war ? « » Man rief mich nicht ; man hatte es sogar schon begraben , als ich seinen Tod erfuhr und man mir diesen Todtenschein hier einhändigte . « » Lassen Sie sehen . « Katharine reichte dem Arzte das Papier , das er auseinander faltete und genau durchsah . » Nach diesem Schein , « sagte er , » ist freilich kein Zweifel , daß bei einer Frau - Bilz ein Kind , Mädchen , von zwei Jahren in der Nacht von dem auf den gestorben ist . - Alles ist hier in Ordnung , jede Formalität erfüllt und die Unterschrift richtig . « » Aber das Kind ist darum doch nicht gestorben , « sprach das Mädchen mit einem seltsamen Lächeln . » Wie meinen Sie das ? « entgegnete aufmerksam der Doktor . - » Meinen Sie vielleicht , nicht von selbst gestorben ? - Vielleicht gar getödtet worden ? - O seien Sie unbesorgt , die Leichenschau nimmt es , namentlich in diesen Fällen , sehr genau . « » O nein , « antwortete das Mädchen , » es ist da nichts Schlimmeres geschehen , als daß man mein Kind heimlich fortgenommen und ein anderes untergeschoben hat , über welches dieser Schein ausgestellt wurde . « » Ich verstehe Sie nicht recht , « sagte der Doktor ; » es mußte doch Jemand einen Zweck dabei gehabt haben , Ihr Kind verschwinden und Ihnen als todt erscheinen zu lassen . « » O , an einem Zweck fehlt ' s nicht ! « versetzte Katharine , nachdem sie leicht gehustet ; » der Vater des Kindes , - er ist von sehr ordentlicher Familie , « sprach sie mit einigem Stolze , - » steht im Begriff , sich zu verheirathen . Seine Verwandtschaft nun , der mein armes Kind schon lange im Wege war , hat endlich die Mittel gefunden , es auf die angegebene Art auf die Seite zu schaffen . « » Das ist ja ein Verbrechen ! « rief der Arzt . » Gott sei Dank , daß sie kein schlimmeres begingen , daß sie wenigstens das Kind am Leben ließen ! - Sie haben es also fortgeschafft und ein anderes krankes Kind dafür hingebracht , das nun gestorben ist und über dessen Tod jener Schein ausgestellt wurde . « » Möglich ! - möglich ! « » Nicht nur möglich , « entgegnete das Mädchen , während es sich mit seiner zitternden Hand über die Stirne fuhr , » es ist gewiß , wir haben Beweise dafür , die besten , vollgiltigsten Beweise ; wir wissen , wo sich das Kind aufhält , können es aber nur mit großen Schwierigkeiten wieder erlangen . « » Das kann ich mir wohl denken , « versetzte der Doktor . » Doch bitte , erzählen Sie mir das , wenn es Sie nicht zu sehr anstrengt . « » O nein , « erwiderte das Mädchen mit strahlenden Augen . » Diese Erlaubniß macht mich glücklich ; ich kam auch deßwegen hieher , und weiß nicht , wie sehr ich Ihnen danken soll , daß Sie so freundlich sind , die Leidensgeschichte eines armen unbedeutenden Geschöpfes , wie ich bin , anzuhören . « » Das ist ja für uns nichts Neues , « sagte freundlich der Arzt , » wir sind auch eine Art von Beichtigern , und da wir den Ursprung der äußerlichen menschlichen Leiden im Verlaufe der Krankheiten meistens erkennen , so ist es uns leicht , aus einzelnen Ausrufen des Schmerzes und der Verzweiflung eine ganze Lebensgeschichte zu erfahren . Und da hat ein Wort des Trostes aus unserem Munde oft schon besser gethan als die kräftigste Arznei ; darum sprechen Sie ohne Rückhalt . « » Ich stehe ziemlich allein in der Welt , « sprach das Mädchen hierauf mit einem trüben Lächeln ; » es kümmert sich wohl Niemand um mich , und ich mich , seit das Kind verschwunden ist , leider auch nicht mehr so recht innig um irgend eine Seele . Früher war das anders und ich hatte die Menschen viel lieber . - Also das Kind war verschwunden , es sollte todt sein ; man gab mir ja den richtig ausgestellten Schein darüber . Ich muß gestehen , daß ich damals so schwach war , in eine Ohnmacht zu fallen . Das war im Hause einer gewissen Madame Becker . « Der Doktor blickte nachdenkend in die Höhe und zog die Augenbrauen zusammen . » Meine Eltern hatten diese Madame Becker gekannt , « fuhr Katharine schüchtern fort , da sie die sonderbare Miene des Arztes bemerkte . » Ich weiß , man sagt dieser Frau nicht viel Gutes nach , aber ich kenne besonders ihre Nichte , die ich auch früher häufig besuchte - « » Ah ! die Tänzerin ! - « » Dieselbe ; - gewiß in jeder Beziehung ein braves und rechtschaffenes Mädchen . « » Ja , das soll sie sein , « sagte der Dokter mit einem eigenthümlichen Lächeln . » In der That eine Tugend , die schon manchen bösen Winken widerstanden . - Ich habe davon gehört , « setzte er mit dem Kopfe nickend nach einer kleinen Pause hinzu . - » Aber fahren Sie fort ! « » Ich verlor also die Besinnung , « erzählte Katharine weiter , » als jene Frau , der ich mein Kind anvertraut hatte , mir bei Madame Becker so unverhofft die Todesnachricht brachte . « » Wie hieß diese Frau ? « » Frau Bilz . « » A - a - a - h ! « » Meine Freundin , die Tänzerin , die mein Schicksal außerordentlich interessirte , hörte nun ein paar Worte , welche jene beiden Frauen im Nebenzimmer zusammen sprachen , und glaubte daraus zu entnehmen , daß mein Kind nicht gestorben , sondern , wie ich schon früher sagte , mit einem anderen vertauscht worden sei . - Ich wandte mich an einen Polizeidiener , den ich kannte , dieser versicherte mir aber , wie eben der Herr Doktor , der Todtenschein sei richtig , und wenn man die Sache anhängig machen könne und das Kind wieder ausgraben lasse , so werde es mir dagegen schwer , ja unmöglich sein , Beweise dafür beizubringen , daß das verstorbene Kind nicht das meinige gewesen sei . Eine gleiche Antwort erhielt ich von einem Advokaten , an den ich mich wandte , welcher obendrein meinte , ich solle lieber die Sache auf sich beruhen lassen , möglich sei es ja doch , daß mein Kind wirklich gestorben , und ich sei dadurch bei meiner augenscheinlichen Armuth und Kränklichkeit einer großen Last überhoben . - Der Advokat aber hatte keine Kinder , Herr Doktor , und wußte nicht , wie lieb man ein solches kleines Wesen haben kann , welche Seligkeit es ist , sein Gesicht , seine Aermchen und seine Hände mit Küssen zu bedecken und zu sehen , wie es täglich größer wird und erstarkt , - oder wenn es elend und schwach bleibt , wie wohl es ihm thut , wenn man es an ' s Herz drückt , und wenn man es in den Armen einschläfert . - Aber da schwätze ich wieder , « unterbrach sie sich schmerzlich lächelnd , indem sie mit der Hand einige Schweißtropfen abwischte , die auf ihrer kalten Stirne standen . - » Verzeihen Sie mir , Herr Doktor , aber ich will jetzt ganz bei der Sache bleiben . « Ihr Zuhörer hatte den Kopf in die Hand gestützt , und er hatte die Worte des armen Mädchens wohl begriffen . » Ah ! « dachte er seufzend , » noch ungleicher als die Glücksgüter sind in diesem Leben die schönen und zarten Gefühle vertheilt . Warum denkt nicht jenes Weib wie dies arme Geschöpf ! « » Da uns also der gewöhnliche Rechtsbeistand nicht helfen wollte , « fuhr Katharine fort , » so besprachen wir unter uns mein Schicksal , die Tänzerin Marie , eine Andere vom Ballet , welche sie genau kennt , und die uns sagte , es gäbe in der Stadt mehrere Häuser , wo man kleine Kinder für ein Billiges in die Kost nimmt , und wo sie auch vielleicht mein armes Kind hingethan hätten . - Nicht wahr , Herr Doktor , es gibt solche Anstalten ? « » Leider , leider ! Und wie sehr man sich auch bemüht , man ist nicht im Stande , sie aufzuheben , sie zu verbieten oder wenigstens unter Aufsicht zu stellen , denn ich kann am Ende meinem Nebenmenschen nicht befehlen , für sein Kind nahrhafte Speisen zu kochen oder ihm sorgfältige Wartung angedeihen zu lassen , wenn ihm das Geld hiezu mangelt . Zuweilen hebt die Polizei wohl auf Verdacht hin so ein Nest aus , aber sie sind verflucht schlau und nehmen sich in Acht . « » Und die Kinder haben es dort sehr schlecht ? « fragte ängstlich das Mädchen . » Meistens , ja , « entgegnete der Doktor nach einigem Ueberlegen ; » von zehn sterben sieben bis acht . « » Gerechter Gott ! - Aber doch wohl nur von ganz kleinen Kindern müssen so viele sterben ? « » Ja , wenn sie älter sind , halten sie schon mehr aus . - Wie alt war das Ihrige ? « » Zwei Jahre vorbei . « Der Arzt schüttelte mit dem Kopfe und zuckte die Achseln , als er bemerkte , wie das Mädchen mit höchster Aufmerksamkeit , den Athem an sich haltend , ihn mit ihren unheimlich glänzenden Augen anschaute . - » Aber beruhigen Sie sich , wenn Ihre Angaben richtig sind und das Kind noch lebt , so kommt ja Alles darauf an , wo es sich befindet . Es gibt auch unter den Leuten welche , die ordentlich sind und ihre Pflicht erfüllen . « » Die Tänzerin Marie , « fuhr Katharine zu erzählen fort , » kennt einen Zimmermann des Theaters , und dieser erfuhr , nachdem er sich umgehört , daß ein anderer Angestellter der Bühne , der Garderobegehilfe Herr Schellinger , draußen in der Vorstadt in einem Hause wohne , wo solche kleine Kinder aufbewahrt werden . « » Welche Vorstadt ist es und welches Haus ? « » Es ist , wenn man zum E ' schen Thore hinaus geht , sich dann rechts wendet und zur Vorstadt des Flusses kommt ; das Haus liegt zwischen Gärten an der alten Stadtmauer und ist so versteckt , daß die Nachbarschaft selten etwas von dem erfährt , was dort vorgeht . « » Aha ! « machte der Doktor . » Der Garderobegehilfe wohnt in einem kleinen , sehr baufälligen Vorderhause , und hinter demselben ist die Wohnung des Meister Schwemmer , dessen Frau die kleinen Kinder aufzieht . « » Ah ! der Meister Schwemmer ! « rief der Doktor , indem er sich aufmerksam empor richtete . » Ei ! ei ! - Und nun glauben Sie , daß da Ihr Kind sei ? « » Und ist das eine von den schlimmsten Anstalten ? « fragte das Mädchen , erschreckt von dem Gesichtsausdruck ihres Gegenübers . Dieser zögerte einen Augenblick , Antwort zu geben , dann aber sagte er : » Ich will Ihnen nicht die Wahrheit verbergen : man spricht von diesem Meister Schwemmer nicht viel Gutes ; natürlicherweise bin ich noch nie dorthin gekommen ; unsereins läßt man nicht da eindringen . - Aber es soll ein gar böses Hauswesen sein . « » Und wären die wohl im Stande , mein armes Kind umzubringen ? « » Mit offener Gewalt gewiß nicht , denn die Leichenschau nimmt es dort außerordentlich genau . Aber - « er zuckte die Achseln und schwieg . » O , ich verstehe ! « rief das Mädchen , dessen Augen flammten , während sie ihre Hände heftig auf die Brust drückte , als wollte sie es dadurch möglich machen , daß der pfeifende Athem leichter aus- und einzöge . - » O , ich verstehe Sie ; nicht einen schnellen schmerzlosen Tod gönnen sie den armen Geschöpfen , sondern sie lassen sie langsam verkümmern durch elendes Leben , durch Frost und Hunger . Und da ist auch mein kleines unglückliches Mädchen ! « » Seien Sie ruhig ! seien Sie ruhig ! « bat der Doktor , während er ihre Hände , die wild umher fuhren , sanft unterdrückte ; » das geht nicht so schnell , daß so ein zweijähriges Kind vor Hunger und Frost umkommt ; und wenn Sie wirklich auf der Spur sind , so muß man schnelle Hilfe zu bringen suchen . « » Ja , Sie haben Recht , « erwiderte Katharine , die nach einer Pause der Ermattung nun wieder ihre Kräfte zusammen nahm . » Herr Schellinger , dem wir also unser Leid mittheilten , - es ist das ein alter , sehr braver Mann , - versprach , sich auf Kundschaft zu legen und hat das gethan . - Richtig , Herr Doktor , das Kind lebt und befindet sich dort in dem Hause ; er hat es gesehen , obgleich er so recht nicht mit der Sprache heraus und mir sagen wollte , wie es sich befände . Es hatte noch sein blaues Wollenkleidchen an , das letzte , welches ich ihm gemacht , und es saß auf dem Boden und spielte . « » Nun , sehen Sie , « sagte gutmüthig der Doktor , » es spielte . Da wird ' s denn doch nicht so schlimm mit ihm stehen . « » Jetzt vielleicht noch nicht , « entgegnete das Mädchen ; » aber es ist mein Kind und ich soll es nicht sehen und küssen dürfen , ich soll es vielleicht nie mehr wieder haben , denn auf gütlichem Wege geben sie mir es nicht heraus . « » Das glaube ich auch , « meinte der Arzt ; » denn sonst würden sie ja den Tausch eingestehen sowie den unterschobenen Todtenschein . « » Aber was soll ich machen , wenn ich es nicht in Gutem heraus kriege ? - Ich weiß dann nur ein Mittel , und das ist das gleiche , mit dem sie mir mein Kind entwendet , die Gewalt . Und so muß ich es auch wieder zu bekommen suchen . « » Das wird aber ein schwieriges Unternehmen sein ; denn bei den Leuten Gewalt anzuwenden und mit Gewalt etwas zu erlangen , ist wohl , kaum möglich . « » Vor den Schwierigkeiten , die es hat , schrecken wir nicht zurück , « entgegnete Katharine , » aber vor etwas Anderem , und deßhalb bin ich auch eigentlich hieher gekommen , um darüber Ihren Rath zu hören . - Man hat mir also mein Kind gestohlen , und in der Absicht , es mir nicht zurückzugeben , hält man es verborgen und von mir entfernt . Glauben Sie nun , Herr Doktor , daß es von mir Unrecht oder , wenn Sie wollen , eine Sünde ist , wenn ich den Versuch mache , mein Kind wieder zu erhalten , sei es durch Güte , sei es durch Gewalt ? « » Das ist eine eigenthümliche Frage , und zur Beantwortung derselben sollten Sie sich eher an einen Pfarrer als an mich wenden , der kann Ihnen diesen Fall klarer und besser auseinander setzen . « » Ach mein Gott ! das habe ich ja schon gethan , « erwiderte das Mädchen , indem es kummervoll seine Hände faltete ; » heute that ich es und trug einem Geistlichen die ganze Geschichte so vor , wie ich sie Ihnen soeben erzählte . « » Und der meinte - ? « » Ach ! wenn ich Ihnen das sage , so sind Sie vielleicht auch derselben Ansicht . « » O nein , gewiß nicht ! Ich lasse mich nicht leicht durch anderer Leute Meinung bestimmen . « » Er meinte also , « fuhr Katharine in einem dumpfen Tone fort , nachdem sie mit der Hand über die Augen gefahren , - » er meinte - fast dasselbe wie der Advokat , nur mit ganz anderen Worten . Ich soll auf das Heil meiner Seele denken , sagte er , und mich nicht so viel mehr mit dem Irdischen befassen . - Was das Kind anbelange , so fuhr er fort , der Herr habe es gegeben , der Herr habe es genommen , und wenn es sein weiser Rathschluß wäre , es nochmals meinen Händen anzuvertrauen , so würde das gewiß auch ohne mein Zuthun geschehen . - Aber Gewalt mit Gewalt zu vertreiben sei Unrecht , und sündhaft , unserem Nebenmenschen Unrecht zu thun , weil er uns welches gethan . - Und damit entließ er mich , indem er versicherte , in diesem speziellen Falle durchaus nichts für mich thun zu können ; er möchte wohl den Versuch machen , das Herz jenes Meister Schwemmer zu rühren und ihm vielleicht ein Bekenntniß zu entlocken , aber es sei ihm das jetzt unmöglich , weil er gerade im Begriffe stehen , zum allgemeinen Kirchentag abzureisen . - Sehen Sie , Herr Doktor , das macht mich zweifelhaft ; denn ich will Ihnen nur gestehen , vor langen Jahren im Leichtsinne der Jugend , wo ich noch glaubte , die ganze Welt stände mir offen , hätte ich darauf nichts gegeben , jetzt aber , wo ich wohl fühle , daß meine Tage gezählt sind , hat mich diese Rede durchschauert und ich wußte nicht , was ich machen sollte . Wen konnte ich noch um Rath fragen ? - Ich habe ja Niemand in der weiten Welt , der einen innigen Antheil an mir zu nehmen hätte . - - Da sah ich Sie heute , es war bei einer armen Familie in der unteren Stadt , wo ich öfters nähe , und wo auch Sie hinkamen am heutigen heiligen Abend , um nach der kranken Frau zu sehen und den Kindern dabei einige Weihnachtsgaben zu bringen . - Das hat mich so gerührt , daß ich Ihre Hand hätte küssen mögen und daß ich nachher noch lange geweint habe . - Und als die Frau Ihnen klagte , ihre Schwermuth nehme so überhand , sie könne sich wohl nimmermehr aus ihrer Krankheit und ihrem Elend emporraffen , und sie bitte nur Gott um ein sanftes Sterbestündlein , da sprachen Sie : diese Rede ist nicht recht , Frau ; man muß freilich auf Gott vertrauen , aber dabei nicht die Hände in den Schoß legen , wer sich selbst verläßt , den verläßt auch er ; Wunder geschehen nicht mehr heutzutage , und wenn man in eine schwierige Lage kommt , so muß man Hand und Fuß regen , um über dem Wasser zu bleiben . - Also Muth ! Muth ! - Dieses Muth ! Muth ! mit dem Sie das Zimmer verließen , Herr Doktor , klang auch in meinem Herzen wider und tönte dort immer fort . Ja , sagte ich zu mir , wer sich selbst verläßt , den verläßt auch der liebe Gott . Und nun stand auf einmal der Wunsch in mir fest , Sie um jeden Preis zu sprechen , Ihnen meine Sache vorzutragen und um Ihren Rath zu bitten . - Und das habe ich nun nach meinen besten Kräften gethan . « Der Arzt hatte dieser längeren Rede aufmerksam zugehört , zuweilen mit dem Kopfe genickt und über den Unfall nachgedacht . - » Da wäre freilich zu überlegen , was zu machen ist , « sagte er nach einer größeren Pause . » Mit Hilfe der Gerichte , denke ich mir wohl , ist nichts auszurichten , denn darin bin ich auch einverstanden , daß Sie nicht zu beweisen im Stande sind , jenes Kind , das Sie vielleicht finden , sei das Ihrige . Was nun aber List oder Gewalt anbelangt , so weiß ich nicht , welche Kräfte Sie zu Ihrer Verfügung haben und ob Sie wohl des Gelingens gewiß sind . « » Der Zimmermann , von dem ich mit Ihnen vorhin sprach , « versetzte Katharine , » hat sich mit Mehreren vereinigt , und die wollen nun in einer Nacht mit Gewalt in das Haus des Meister Schwemmer dringen , nach dem Kinde sehen , und dieses , wenn sie es finden , mitnehmen . « » Das wäre offenbar Einbruch oder wenigstens Störung des Hausfriedens , und dazu könnte ich Niemand rathen . « » Aber sie wollen ja nichts stehlen , « entgegnete unbefangen das