und den beschnürten grünen Rock abgelegt und ging in schlichten Kleidern und mit einem Hute , der nur durch etwas breitere Krempen und durch die sorglose Art , mit welcher er behandelt und getragen wurde , den Künstler bezeichnete . Aber desto tiefer hatte sich der inwendige grüne Heinrich das Barettchen in die Augen gezogen und in das närrische Röckchen eingeknöpft , und wenn unser Held in der großen Stadt rasch die Freiheit und Sicherheit der äußerlichen Bewegung unter den vielen jungen Leuten angenommen hatte , so verkündete dagegen sein selbstvergessenes und wie im Traume blitzendes Auge , daß er nicht mehr der durch Einsamkeit früh reife und unbefangene Beobachter seiner selbst und der Welt war , wie er sich in seiner Jugendgeschichte gezeigt , sondern daß er von der Gewalt einer großen Nationalkultur , wie diese an solchem Punkte und zu dieser Zeit gerade bestand , gut oder schlecht , in ihre Kreise gezogen worden . Er schwamm tapfer mit in dieser Strömung und hielt vieles , was oft nur Liebhaberei und Ziererei ist , für dauernd und wohnlich , dem man sich eifrig hingeben müsse . Denn wenn man von einer ganzen Menge , die eine eigene technische Sprache dafür hat , irgendeine Sache ernsthaft und fertig betreiben sieht , so hält man sich leicht für geborgen , wenn man dieselbe nur mitspielen kann und darf . Da ihn aber dennoch irgendein Gefühl ahnen ließ , daß auch diese Zeit mit ihren Anregungen vorübergehen werde , so gab er sich nur mit einem bittersüßen Widerstreben hin , von dem er nicht wußte , woher es kam . Heinrich war ausgezogen , die große Germania selbst zu küssen , und hatte sich statt dessen in einem der schimmernden Haarnetze gefangen , mit welchen sie ihre seltsamen Söhne zu schmücken pflegen . Sein täglicher Umgang bestand in zwei Genossen , welche , gleich ihm vom äußersten Saume deutschen Volkstumes herbeigekommen , in verschiedener und doch ähnlicher Lage sich befanden . Der Zufall welcher das Kleeblatt zusammengeführt , schien bald ein notwendiges Gesetz zu sein , so sehr gewöhnten sie sich aneinander . Der erste und hervorragendste an körperlicher Größe und Wohlgestalt war Erikson , ein Kind der nördlichen Gewässer , ein wahrer Riese , welcher selbst nicht wußte , ob er eigentlich ein Däne oder ein Deutscher sei , indessen gern deutsch gesinnt war , wenn er um diesen Preis den großen Stock der Deutschen , gewissermaßen das Reich der Mitte , wie er es nannte , als charakterlos und aus der Art geschlagen tadeln durfte . Er war ein vollkommener Jäger , ging stets in rauher Jägertracht und hielt sich häufig auf dem Lande , im Gebirge auf , um Birkhühner zu schießen , sich in der Gemsjagd zu versuchen oder sich selbst den Männern des Gebirges anzuschließen , wenn sie nach einem seltenen Bären auszogen . Alle Vierteljahr malte er regelmäßig ein Bildchen vom allerkleinsten Maßstabe , nicht größer als sein Handteller , das in einem oder anderthalb Tagen fertig war . Diese Bildchen verkaufte er jedesmal ziemlich teuer , und aus dem Erlöse lebte er und rührte dann keinen Pinsel wieder an , bis die Barschaft zu Ende ging . Seine kleinen Werke enthielten weiter nichts als ein Sandbord , einige Zaunpfähle mit Kürbissen oder ein paar magere Birken mit einem blassen schwindsüchtigen Wölkchen in der Luft . Warum sie den Liebhabern gefielen und wie er selbst dazu gekommen , sie zu malen , wußte er nicht zu sagen und niemand . Erikson war nicht etwa ein schlechter Maler , dazu war er zu geistreich ; er war gar kein Maler . Das wußte er selbst am besten , und aus humoristischer Verzweiflung verhüllte er die Nüchternheit und Dürre seiner Erfindungen und seine gänzliche Unproduktivität mit so verzwickten zierlichen Pinselstrichen , geistreichen Schwänzchen und Schnörkelchen , daß die reichen Kenner ihn für einen ausgesuchten Kabinettsmaler hielten und sich um seine seltsamen Arbeiten stritten . Seine größte , tiefsinnigste Kunst , und von wahrhaftem Verdienst , bestand in der weisen Ökomonie , mit welcher er seine Bildchen so anzuordnen wußte daß weder durch den Gegenstand noch durch die Beleuchtung Schwierigkeiten erwuchsen und die Inhaltlosigkeit und Armut als elegante Absichtlichkeit erschienen . Aber trotzdem waren jedesmal die anderthalb Tage Arbeit ein höllisches Fegefeuer für den biedern Erikson . Seine Hünengestalt , die sonst nur in ruhig kräftiger Tat sich bewegte , ängstigte sich alsdann in peinlicher Unruhe vor dem kleinen Rähmchen , das er bemalte ; er stieß mächtige Rauchwolken aus der kurzen Jägerpfeife , welche ihm an den Lippen hing , seufzte und stöhnte , stand hundertmal auf und setzte sich wieder und klagte , rief oder brummte » O heiliges Donnerwetter ! Welcher Teufel mußte mir einblasen , ein Maler zu werden ! Dieser verfluchte Ast ! Da hab ich zuviel Laub angebracht , ich kann in meinem Leben nicht eine so ansehnliche Masse Baumschlag zusammenbringen ! Welcher Hafer hat mich gestochen , daß ich ein so kompliziertes Gesträuch wagte ? O Gott , o Gott , o Gott , o Gott ! O wär ich , wo der Pfeffer wächst ! ei , ei , ei , ei ! Das ist eine saubere Geschichte - wenn ich nur diesmal noch aus der Tinte komme ! Oh ! warum bin ich nicht zu Hause geblieben und ein ehrlicher Seemann geworden ! « Dann fing er aus Verzweiflung an zu singen , denn er sang so schön und gewaltig wie ein alter Seekönig , und sang mit mächtiger Stimme : » O war ich auf der hohen See Und säße fest am Steuer ! « Er sang Lied auf Lied , Trinklieder , Wanderlieder , Jagdlieder , der Glanz und Duft der Natur kam über ihn , er pinselte in seiner Angst kühn darauf los , und seine winzige Schilderei erhielt zuletzt wirklich einen gewissen Zauber . War das Bildchen fertig , so versah es Erikson mit einem prachtvollen goldenen Rahmen , sendete es weg , und sobald er die gewichtigen Goldstücke in der Tasche hatte , hütete er sich , an die überstandenen Leiden zu denken oder von Kunst zu sprechen , sondern ging unbekümmert und stolz einher , war ein herrlicher Kumpan und Zechbruder und machte sich bereit , ins Gebirge zu ziehen , aber nicht mit Farben und Stift , sondern mit Gewehr und Schrot . Der Hervorragendste an feinem Geiste und überlegenem Können in dem Bunde war ein Holländer aus Amsterdam , namens Ferdinand Lys , ein junger Mann mit anmutigen , verführerischen Gesichtszügen , der letzte Sprößling einer reichen Handelsfamilie , ohne Eltern und Geschwister , schon früh in der Welt alleinstehend und von halb schwermütiger , halb lebenslustiger Gemütsart , gewandt und selbständig und wegen des Zusammentreffens seines großen Reichtumes , seiner Einsamkeit und seines genußdürstigen Witzes ein großer Egoist . Während mehrerer Jahre , welche Ferdinand in der Werkstatt eines berühmten genialen Meisters zugebracht , hatte sich sein glänzendes Talent immer bestimmter und siegreicher hervorgetan ; indem er sich eifrig und aufrichtig der neuen deutschen Kunst anschloß , schrieb er mit seiner Kohle schon fast ebenso schön und sicher wie der Meister auf den Karton die menschliche Gestalt , nackt oder bekleidet , in einem Zuge , langsam , fest und edel , gleich dem Zuge des Schwanes auf dem glatten Wasserspiegel . Ebenso zeigte er sich in Aneignung und Verständnis der Farbe von Tag zu Tag blühender und männlicher , und die seltene Reife in der Vereinigung beider Teile überraschte jedermann , erwarb ihm die Achtung von Alten und Jungen und erweckte die größten Hoffnungen , wenn Erfahrung und Jahre ihm auch den tiefern Inhalt und das Ziel für diese glänzenden Fortschritte brächten . Als Ferdinand aber von einem vorläufigen einjährigen Aufenthalt in Italien zurückkehrte , war er wie umgewandelt . Er zerriß alle seine früheren Entwürfe und Skizzen von Schlachten , Staatsaktionen , mythologischen Inhalts und diejenigen , welche nach Dichtungen gebildet waren , was er alles in seiner alten Wohnung aufgehäuft fand , in tausend Stücke und ließ nichts bestehen als seine schönen musterhaften Studien nach der Natur und seine Kopien nach den alten Italienern . Eh er nach Rom gegangen , war er ein stolzer und spröder Jüngling , der mit jugendlichem Ernste nach dem Ideale der alten herkömmlichen großen Historie strebte und von Zeit und Leben keine Erfahrung hatte . Italien , seine Luft und seine Frauen lehrten ihn , daß Form , Farbe und Glanz nicht nur für die Leinwand , sondern auch zum lebendigen Gebrauch gut und dienlich seien . Er wurde ein Realist und gewann von Tag zu Tag eine solche Kraft und Tiefe in der Empfindung des Lebens und des Menschlichen , daß die Überlieferungen seiner Jugend und Schülerzeit dagegen erbleichen mußten . Wohl drängte sich diese Kraft gleich in die Malerhand ; aber indem er mit gewissenhaftem Fleiße sich in die Werke der Alten vertiefte , mußte er sich überzeugen , daß diese großen Realisten schon alles getan , was in unserm Jahrtausend vielleicht überhaupt erreicht werden konnte , und daß wir einstweilen weder so erfinden und zeichnen werden wie Raffael und Michelangelo noch so malen wie die Venezianer . Und wenn wir es könnten , sagte er sich , so hätten wir keinen Gegenstand dafür . Wir sind wohl etwas , aber wir sehen wunderlicherweise nicht wie etwas aus , wir sind bloßes Übergangsgeschiebe . Wir achten die alte Staats-und religiöse Geschichte nicht mehr und haben noch keine neue hinter uns , die zu malen wäre , das Gesicht Napoleons etwa ausgenommen ; wir haben das Paradies der Unschuld , in welchem jene noch alles malen konnten , was ihnen unter die Hände kam , verloren und leben nur in einem Fegefeuer . Wenigstens war es bei ihm wirklich der Fall . Lys gähnte schon , wenn er von weitem ein historisches , allegorisches oder biblisches Bild sah , war es auch von noch so gebildeten und talentvollen Leuten gemacht , und rief » Der Teufel soll den holen , welcher behauptet , ergriffen zu sein von dieser Versammlung von Bärten und Nichtbärten , welche die Arme ausrecken und gestikulieren ! « Von dem Anlehnen des Malers an die Dichtung oder gar an die Geschichte der Dichtung wollte er jetzt auch nichts mehr wissen ; denn seine Kunst sollte nicht die Bettlerin bei einer anderen sein . Alle diese Widersprüche zu überwinden und ihnen zum Trotz das darzustellen , was er nicht fühlte noch glaubte , aber es durch die Energie seines Talentes doch zum Leben zu bringen , nur um zu malen , dazu war er zu sehr Philosoph und , so seltsam es klingen mag , zu wenig Maler . So schloß er sich nach seiner Rückkehr ab , malte nur wenig und langsam , und was er malte , war wie ein Tasten nach der Zukunft , ein Suchen nach dem ruhevollen Ausdruck des menschlichen Wesens , in dem Beseligtsein in seiner eigenen körperlichen Form , sei sie von Lust oder Schmerz durchdrungen . Er malte am liebsten schöne Weiber nach der Natur oder solche männliche Köpfe , deren Inhaber Geist , Charakter und etwas Erlebnis besaßen . Die wenigen Bilder , welche er jahrelang unvollendet und doch mit großem Reiz übergossen bei sich stehen hatte , enthielten einzelne oder wenige Figuren in ruhiger Lage , und zuletzt verfiel er ganz auf einen Kultus der Persönlichkeit , dessen naive Andacht , verbunden mit der Überlegenheit des Machwerkes , allein das Lachen der anderen verhindern konnte . Dieser Kultus , heiße Sinnlichkeit und eine geheimnisvolle Trauer waren ziemlich die Elemente seiner Tätigkeit . Er hatte drei oder vier Bilder , die er nie ganz vollendete , die niemand außer seinen nächsten Freunden zu sehen bekam , aber auf jeden , welcher sie sah , einen immer neuen tiefen Eindruck machten . Das erste war ein Salomo mit der Königin von Saba . Es war ein Mann von wunderbarer Schönheit , der sowohl das Hohelied gedichtet als geschrieben haben mußte Es ist alles eitel unter der Sonne ! Die Königin war als Weib , was er als Mann , und beide , in reiche , üppige Wänder gehüllt , saßen allein und einsam sich gegenüber und schienen , die brennenden Augen eines auf das andere geheftet , in heißem , fast feindlichem Wortspiele sich das Rätsel ihres Wesens , der Weisheit und des Glückes herauslocken zu wollen . Das Merkwürdige dabei war , daß der schöne König in seinen Gesichtszügen ein zehnmal verschönter und verstärkter Ferdinand Lys zu sein schien . Ein anderes Bild stellte einen Hamlet dar , aber nicht nach einer Szene des großen Trauerspieles , sondern als Porträt und so , als ob ein anachronischer van Dyck den Prinzen in seinen Staatsgewändern gemalt hätte , ganz jung , blühend und hoffnungsvoll , und doch mit seinem ganzen Schicksal schon um Stirn und Augen . Dieser Hamlet glich ebenfalls stark dem Maler selbst . Obgleich im strengsten Stil gehalten , machte doch einen überwältigenden , verführerischen Eindruck eine Königin , welche , schon von jeder Hülle entblößt , eben mit dem Fuß in einen klaren Bach zum Bade tritt und vergessen hat , ihre goldene Krone vom Haupte zu tun . So trat sie , mit derselben geschmückt , dem Beschauer gerade entgegen , jeder Zoll ein majestätisches Weib , aus einem Lorbeergebüsch hervor , den ruhigen Blick auf das kühle Wasser gesenkt . Dies Bild , so gewaltig es war , war doch , mit wahrhaft klassischer Liebe und Kindlichkeit ausgeschmückt und ausgeführt . Das Beiwerk , die glänzenden Steine im Bach , die durchsichtigen spielenden Wellen , die stahlblauen Libellen darüber , die Blumen am Ufer , die Lorbeerbäumchen und endlich die Wolken am tiefblauen Himmel , alles war so frisch und leuchtend und doch so streng und fromm geformt , daß die sinnliche Gewalt , welche auf den reichen Gliedern der Hauptfigur herrschte , auf dem heiligsten Rechtsboden zu stehen schien . Das Hauptbild aber , und auf welches er den meisten Fleiß verwandte , war eine größere Komposition , deren Veranlassung die Psalmworte gegeben Wohl dem , der nicht sitzet auf der Bank der Spötter ! Auf einer halbkreisförmigen Steinbank in einer römischen Villa , unter einem Rebendache , saßen vier bis fünf Männer in der Tracht des achtzehnten Jahrhunderts , einen antiken Marmortisch vor sich , auf welchem Champagner in hohen venezianischen Gläsern perlte . Vor dem Tische , mit dem Rücken gegen den Beschauer gewendet , saß einzeln ein üppig gewachsenes junges Mädchen , festlich geschmückt , welches eine Laute stimmt und , während sie mit beiden Händen damit beschäftigt ist , aus einem Glase trinkt , das ihr der nächste der Männer , ein kaum neunzehnjähriger Jüngling , an den Mund hält . Dieser sah beim lässigen Hinhalten des Glases nicht auf das Mädchen , sondern fixierte den Beschauer , indessen er sich zu gleicher Zeit an einen silberhaarigen Greis mit kahler Stirn und rötlichem Gesicht lehnte . Der Greis sah ebenfalls auf den Beschauer und schlug dazu spöttisch mutwillig Schnippchen mit der einen Hand , indessen die andere sich gegen den Tisch stemmte . Er blinzelte ganz verzwickt freundlich mit den Augen und zeigte allen Mutwillen eines Neunzehnjährigen , indessen der Junge , mit trotzig schönen Lippen , mattglühenden schwarzen Augen und unbändigen Haaren , deren Ebenholzschwärze durch den verwischten Puder glänzte , die Erfahrungen eines Greises in sich zu tragen schien . Auf der Mitte der Bank , deren hohe , zierlich gemeißelte Lehne man durch die Lücken bemerkte , saß ein ausgemachter Taugenichts und Hanswurst , welcher mit offenbarem Hohne , die Nase verziehend , aus dem Bilde sah und seinen Hohn dadurch noch beleidigender machte , daß er sich durch eine vor den Mund gehaltene Rose das Ansehen gab , als wolle er denselben gutmütig verhehlen . Auf diesen folgte ein stattlicher ernster Mann ; dieser blickte ruhig , fast schwermütig , aber mit mitleidigem , bedauerlichem Spott drein , und endlich schloß den Halbkreis , dem Jüngling gegenüber , ein eleganter Abbé in seidener Soutane , welcher , wie eben erst aufmerksam gemacht , einen forschenden stechenden Blick auf den Beschauer richtete , während er eine Prise in die Nase drückte und in diesem Geschäft einen Augenblick anhielt , so sehr schien ihn die Lächerlichkeit , Hohlheit oder Unlauterkeit des Beschauers zu frappieren und zu heillosen Witzen aufzufordern . So waren alle Blicke , mit Ausnahme derer des Mädchens , auf den gerichtet , welcher vor das Bild trat , und sie schienen mit unabwehrbarer Durchdringung jede Selbsttäuschung , Halbheit , Schwärmerei , jede verborgene Schwäche , jede unbewußte Heuchelei aus ihm herauszufischen oder vielmehr schon entdeckt zu haben . Auf ihren eigenen Stirnen und über ihren Augen , um ihre Mundwinkel ruhte zwar unverkennbare Hoffnungslosigkeit ; aber trotz ihrer Marmorblässe , die alle , ohne den rötlichen Greis , überzog , staken sie in einer so unverwüstlichen muntern Gesundheit , und der Beschauer , der nicht ganz seiner bewußt war , befand sich so übel unter diesen Blicken , daß man eher versucht war auszurufen Weh dem , der da steht vor der Bank der Spötter ! und sich gern in das Bild hineingeflüchtet hätte . Waren nun Absicht und Wirkung dieses Bildes durchaus verneinender Natur , so war dagegen die Ausführung mit der positivsten Lebensessenz getränkt . Jeder Kopf zeigte eine inhaltvolle eigentümlichste Individualität und war für sich eine ganze tragische Welt oder eine Komödie und nebst den schönen arbeitlosen Händen vortrefflich beleuchtet und gemalt . Die gestickten Kleider der wunderlichen Herren , der grüne Sammet und der rote Atlas an der reichen Tracht des Weibes , ihr blendender Nacken , die Korallenschnur darum , ihre von Perlenschnüren durchzogenen schwarzen Zöpfe und Locken , die goldene sonnige Bildhauerarbeit an dem alten Marmortische , die Gläser mit den aufschäumenden Perlen , selbst der glänzende Sand des Bodens , in welchen sich der reizende Fuß des Mädchens drückte , diese zarten weißen Knöchel im rotseidenen Schuh alles dies war so zweifellos , breit und sicher und doch ohne alle Manier und Unbescheidenheit , sondern aus dem reinsten naiven Wesen der Kunst und aus der Natur heraus gemalt , daß der Widerspruch zwischen diesem freudigen , kraftvollen Glanz und dem kritischen Gegenstand der Bilder die wunderbarste Wirkung hervorrief . Dies klare und frohe Leuchten der Formenwelt war Antwort und Versöhnung , und die ehrliche Arbeit , das volle Können , welche ihm zugrunde lagen , waren der Lohn und Trost für den , der die skeptischen Blicke der Spötter nicht zu scheuen brauchte oder sie tapfer aushielt . Lys nannte dies Bild seine » hohe Kommission « , seinen Ausschuß der Sachverständigen , vor welchen er sich selbst zuweilen mit zerknirschtem Herzen stelle ; auch führte er manchmal einen armen Sünder , dessen gezierte Gefühligkeit und Weisheit nicht aus dem lautersten Himmel zu stammen schien , vor die Leinwand , wo dann der Kauz mit seltsamem , etwas einfältigem Lächeln seine Augen irgendwo unterzubringen suchte und machte , daß er bald davonkam . Heinrich wurde von seinen beiden Freunden und anderen Gesellen auch hier der grüne Heinrich genannt , da er sie einst mit diesem Titel bekannt gemacht , und er trug ihn , wie man ihn gab , um so lieber , als er seiner grünen Bäume und seiner hoffnungsvollen Gesinnung wegen denselben wohl zu verdienen schien und sich überdies heimatlich dadurch berührt fühlte . Übrigens war er , wie es einst der unglückliche Römer prophezeit , richtig in den Hafen der gelehrten und stilisierten Landschaften eingelaufen und gab sich , indem er seit seinem Hiersein nicht mehr aus den Mauern der großen Stadt gekommen , rückhaltlos einem Spiritualismus hin , welcher seinen grünen , an den frischen Wald erinnernden Namen fast zu einem bloßen Symbol machte . Sobald er die angehäuften Kunstschätze der Residenz und dasjenige , was von Lebenden täglich neu ausgestellt wurde , gesehen , auch sich in den Mappen einiger junger Leute umgeschaut , welche aus poetischen Schulen herkamen , ergriff er sogleich diejenige Richtung , welche sich in reicher und bedeutungsvoller Erfindung , in mannigfaltigen , sich kreuzenden Linien und Gedanken bewegt und es vorzieht , eine ideale Natur fortwährend aus dem Kopfe zu erzeugen , anstatt sich die tägliche Nahrung aus der einfachen Wirklichkeit zu holen . Der Verfasser dieser Geschichte fühlt sich hier veranlaßt , sich gewissermaßen zu entschuldigen , daß er so oft und so lange bei diesen Künstlersachen und Entwickelungen verweilt , und sogar eine kleine Rechtfertigung zu versuchen . Es ist nicht seine Absicht , sosehr es scheinen möchte , einen sogenannten Künstlerroman zu schreiben und diese oder jene Kunstanschauungen durchzuführen , sondern die vorliegenden Kunstbegebenheiten sind als reine gegebene Facta zu betrachten , und was das Verweilen bei denselben betrifft , so hat es allein den Zweck , das menschliche Verhalten , das moralische Geschick des grünen Heinrich und somit das Allgemeine in diesen scheinbar zu absonderlichen und berufsmäßigen Dingen zu schildern . Wenn oft die Klage erhoben wird , daß die Helden mancher Romane sich eigentlich mit nichts beschäftigen und durch einen andauernden Müßiggang den fleißigen Leser ärgern , so dürfte sich der Verfasser sogar noch beglückwünschen , daß der seinige wenigstens etwas tut , und wenn er auch nur Landschaften verfertigt . Das Handwerk hat einen goldenen Boden und ganz gewiß in einem Romane ebensowohl wie anderswo . Übrigens ist nur zu wünschen , daß der weitere Verlauf die Endabsicht klarmachen und der aufmerksame Leser inzwischen solche Stellen dulden und von besagtem Standpunkte aus ansehen möge . Also Heinrich versenkte sich nun ganz in jene geistreiche und symbolische Art. Da er seine Jugendjahre meistens im Freien zugebracht , so bewahrte er in seinem Gedächtnisse , unterstützt von einer lebendigen Vorstellungskraft und seinen alten Studienblättern , eine ziemliche Kenntnis der grünen Natur , und dieser Jugendschatz kam ihm jetzt gut zustatten ; denn von ihm zehrte er diese ganzen Jahre . Aber dieser Vorrat blaßte endlich aus , man sah es an Heinrichs Bäumen ; je geistreicher und gebildeter diese wurden , desto mehr wurden sie grau oder bräunlich , statt grün ; je künstlicher und beziehungsreicher seine Steingruppierungen und Steinchen sich darstellten , seine Stämme und Wurzeln , desto blasser waren sie , ohne Glanz und Tau , und am Ende wurden alle diese Dinge zu bloßen schattenhaften Symbolen , zu gespenstigen Schemen , welche er mit wahrer Behendigkeit regierte und in immer neuen Entwürfen verwandte . Er malte überhaupt nur wenig und machte selten etwas ganz fertig ; desto eifriger war er dahinter her , in Schwarz oder Grau große Kartons und Skizzen auszuführen , welche immer einen bestimmten , sehr gelehrten oder poetischen Gedanken enthielten und sehr ehrwürdig aussahen . Und merkwürdigerweise waren diese Gegenstände fast immer solche , deren Natur er nicht aus eigener Anschauung kannte , ossianische oder nordisch mythologische Wüsteneien , zwischen deren Felsenmälern und knorrigen Eichenhainen man die Meereslinie am Horizonte sah , düstere Heidebilder mit ungeheuren Wolkenzügen , in welchen ein einsames Hünengrab ragte , oder förmliche Kulturbilder , welche etwa einen deutschen Landstrich im Mittelalter , mit gotischen Städtchen , Brücken , Klöstern , Stadtmauern , Galgen , Gärten , kurz ein ganzes Weichbild aus einem andern Jahrhundert ausbreiteten , endlich sogar hochtragische Szenen aus den letzten Bewegungen der Erdoberfläche , wo dann die rüstige Reißkohle gänzlich in Hypothesen hin und wider fegte . Daß Heinrich , dem doch so früh ein guter Sinn für das Wahre und Natürliche aufgegangen war , sich dennoch so schnell und anhaltend diesem künstlichen und absonderlichen Wesen hingeben konnte , davon lag einer der Gründe nahe genug . Er hatte von Jugend auf , seit er kaum sein inneres Auge aufgetan , alle Überlieferung und alles Wunder von sich gestoßen und sich einem selbstgemachten , manchmal etwas flachen Rationalismus hingegeben , wie ihn eben ein sich selbst überlassener Knabe einseitig gebären kann . In dem zweifelhaften Lichte dieser Aufklärung stand einsam und unvermittelt sein Gott , ein wahrer Diamantberg von einem Wunder , in welchem sich die Zustände und Bedürfnisse Heinrichs abspiegelten und in flüchtigen Regenbogenfarben ausstrahlten . Er glaubte diesen Diamantfels ureigen in seiner Menschenbrust begründet und angeboren , weil unvorbereitet und ungezwungen ein inniges und tiefes Gefühl der Gottheit ihn erfüllte , sobald er nur einen Blick an den Sternenhimmel warf oder Bedürfnis und Verwirrung ihn drängten . Er wußte oder bedachte aber nicht , daß das Angeborne eines Gedankens noch kein Beweis für dessen Erfüllung ist , sondern ein bloßes Ergebnis der langen Fortpflanzung in den Geschlechtsfolgen sein kann ; wie es denn wirklich sittliche oder unsittliche Eigenschaften gibt , welche sich unbestritten in einzelnen Familien wie in ganzen Stämmen fortpflanzen und oft ganz nah an das Gebiet der Ideen streifen , aber dennoch nicht unaustilgbar sind . Es ist wahrscheinlich , daß die angelsächsische Rasse nahezu lange genug frei gewesen ist , um das Freiheitsgefühl physisch angeboren zu besitzen , ohne es deswegen für alle Zukunft gesichert zu haben , während den Russen die Zusammenfassung und Verherrlichung der Nationalität in einer absoluten und despotischen Person und der daraus entspringende Unterwürfigkeitstrieb ebensowohl angeboren ist , ohne deswegen unsterblich zu sein . Da also beide , der Freiheitssinn sowohl wie das Untertanenbewußtsein , im Menschen angeboren vorkommen , so kann keines sich darauf berufen , um sich als die unbedingte Wahrheit darzustellen ; aber beide bestehen in der Tat um so kräftiger , als ihr Dasein eben die Frucht tausendjährigen Wachstumes ist . Wo nun der Fall eintritt , daß der Gegenstand eines angeborenen Glaubens und Fühlens , welches durch Jahrtausende sich im Blut überliefert , außer dieser körperlichen Welt sein soll , also gar nicht vorhanden ist , da spielt das erhabenste Trauer- und Lustspiel , wie es nur die ganze Menschheit mit allen , die je gelebt haben und leben , spielen kann und zu dessen Schauen es wirklicher Götter bedürfte , wenn nicht eben diese Menschheit aus der gleichen Gemütstiefe , aus welcher sie die große Tragikomödie dichtete , auch das volle Verständnis zum Selbstgenuß schöpfen könnte . Zahllos sind die Verschlingungen und Variationen des uralten Themas und erscheinen da am seltsamsten und merkwürdigsten , wo sie mit Bildung und Sinnigkeit verwebt sind . Weil Heinrich auf eine unberechtigte und willkürliche Weise an Gott glaubte , so machte er unter anderm auch allegorische Landschaften und geistreiche , magere Bäume ; denn wo der wundertätige Spiritualismus im Blute steckt , da muß er trotz Aufklärung und Protestation irgendwo heraustreten . Der Spiritualismus ist diejenige Arbeitsscheu , welche aus Mangel an Einsicht und Gleichgewicht der Erfahrungen und Überzeugungen hervorgeht und den Fleiß des wirklichen Lebens durch Wundertätigkeit ersetzen , aus Steinen Brot machen will , anstatt zu ackern , zu säen , das Wachstum der Ähren abzuwarten , zu schneiden , dreschen , mahlen und zu backen . Das Herausspinnen einer fingierten , künstlichen , allegorischen Welt aus der Erfindungskraft , mit Umgehung der guten Natur , ist eben nichts anderes als jene Arbeitsscheu ; und wenn Romantiker und Allegoristen aller Art den ganzen Tag schreiben , dichten , malen und operieren , so ist dies alles nur Trägheit gegenüber derjenigen Tätigkeit , welche nichts anderes ist als das notwendige und gesetzliche Wachstum der Dinge . Alles Schaffen aus dem Notwendigen und Wirklichen heraus ist Leben und Mühe , die sich , selbst verzehren , wie im Blühen das Vergehen schon herannaht ; dies Erblühen ist die wahre Arbeit und der wahre Fleiß ; sogar eine simple Rose muß vom Morgen bis zum Abend tapfer dabeisein mit ihrem ganzen Korpus und hat zum Lohne das Welken . Dafür ist sie aber eine wahrhaftige Rose gewesen . Es war so artig und bequem für Heinrich , daß er eine so lebendige Erfindungsgabe besaß , aus dem Nichts heraus fort und fort schaffen , zusammensetzen , binden und lösen konnte ! Wie schön , lieblich und mühelos war diese Tätigkeit , wie wenig ahnte er , daß sie nur ein übertünchtes Grab sei , das eine Welt umschloß , welche nie gewesen ist , nicht ist und nicht sein wird ! Wie wunderbar dünkte ihm die schöne Gottesgabe des vermeintlichen Ingeniums , und wie süß schmeckte das Wunder dem rationellen , aber dankbaren Gottgläubigen ! Er wußte sich nicht recht zu erklären und ging darüber hinweg , daß sein Freund Lys , wenn er nur einige Stunden in der Woche still und aufmerksam gemalt hatte , viel zufriedener und vergnügter schien , obgleich er ein arger Atheist war , als Heinrich , wenn er die ganze Woche komponiert und mit der Kohle gedichtet . Desto bescheiden wohlgefälliger nahm er die Achtung vieler jungen Deutschen hin , welche sein tiefsinniges Bestreben lobten und ihn für einen höchst respektablen Scholaren erklärten . Warum Heinrich nicht auf dem kürzesten Wege , durch das gute Beispiel Ferdinands , das ihm so nahe war , zur gesunden Wahrheit zurückkehrte , fand seinen Grund eben in der Verschiedenheit ihrer religiösen Einsichten . Der Holländer hatte ohne besondere Aufregungen abgeschlossen und war ruhig ; Heinrich griff ihn beständig an ; aber Ferdinand setzte ihm jene Art von Überlegenheit entgegen , welche nicht sowohl aus der Wahrheit als aus der Harmonie der Grundsätze mit dem übrigen Tun und Lassen entspringt , während Heinrich die Unruhe einer einzelnen , verfrühten oder verspäteten Überzeugung äußerte und sonderbarerweise , um dem Spotte , an welchen vielleicht niemand dachte , zuvorzukommen , Scharfsinn und Phantasie aufbot , Andersdenkende durch Witze in die Enge zu treiben . Wenn er vor Ferdinands hoher Kommission , vor der gemalten Bank der Spötter , stand , so lachte er den wunderlichen Käuzen ins Gesicht und freute sich über sie ; denn er hielt sich wegen seines Rationalismus , auf den er sich gutmütig viel zu gut tat , halb und halb von der Gesellschaft , bis ihn plötzlich die zornige Ahnung überkam , daß es auch auf ihn gemünzt wäre , und der gute Lys , welcher Heinrich wirklich liebte und wohl wußte