klugen Leute befragt hätte ! « Und seine Schrift ! War ihm nicht das seltsame begegnet , daß der Verleger , Herr Mittler auf der Stechbahn schon nach einigen Tagen , als er sich einige Exemplare zurückholen wollte , ihm lächelnd erklärt , daß sie sämmtlich vergriffen wären ? - Verkauft ? Alle bis auf das letzte , und - Niemand in der ganzen Stadt sprach davon ! Weil es wenige politische Schriften jener Zeit gab , erregten sonst auch die unbedeutenderen Aufsehen , und von seiner wusste Niemand , Niemand fragte ihn danach , keine Zeitung hatte sie erwähnt ! - Sein Auge streifte nach den Krähen hinaus . Dachte er an die Märchen von Raben , welche gestohlene Pretiosen in ihre Nester tragen ? Da blinkte es allerdings golden in dem Krähenneste zu seinen Häupten , aber es war ein Nachmittagstrahl , der das rauhe Geflecht anröthete . Die Wolken waren gebrochen , und die Sonne goß mit gesparter Kraft ihren Goldschein auf einen Theil der Gegend . Sanssouei mit seinen Metallkuppeln fing den vollsten Strahl auf . Die Schnörkelspitzen der Dächer glühten , es musste warm werden auf der Terrasse , warm wie ein später Herbsttag es zulässt , und Waltern fröstelte auf der windigen Höhe . Die Thore waren geöffnet und unbewacht . Die Wege waren mit welkem Laub überstreut . Das Knistern seiner Schritte rief kein lebendes Wesen herbei ; wen seine Beine trugen , war nach der Stadt gewandert . Ja , es war laue Luft auf der Terrasse und Walter müde . Er setzte sich auf einen der Steine , unter denen Friedrichs Hunde ruhen . Es stand ein verwitterter Name darauf . Ob unter Allen , die jetzt lebten , einer das Thier gekannt , das ihn trug ! Und doch hat sein Name Antwartschaft auf Unsterblichkeit ! Die Orangerie war längst in die Glashäuser geschafft , es sah leer , wüst und zerstört aus . Nur einige von den Riesenkürbis , die man nicht der Mühe werth hielt fortzutragen , faulten am Boden . Die hohen , bis zur Erde reichenden Glasfenster des Palastes waren golden von der Sonne angeglüht . Der Reflex des Lichtes blendete ihn , und doch sah er immer wieder hin : » als wären es seine großen Augen ! « Wenn diese Augen herab sähen , wenn sein Geist jetzt in den öden Sälen wandelte ! Wenn das zur Strafe an der Schwelle der Ewigkeit dem Größten seines Jahrhunderts diktirt wäre , zurückzukehren als Schemen und zu sehen , hören , einzuschlürfen den Schmerz , wie Staub und Wetter , Moos und Rost seine Schöpfung umzogen ! Noch nicht zwanzig Jahre vergangen , und wo war seine Herrlichkeit ! Klopfte es nicht an die Fenster , war es nicht sein Finger , der voll Unmuth dagegen hämmerte ? - Auch die körperlosen Wesen haben nicht die Macht , sie sind nur der Schwamm , der die Feuchtigkeit der Luft einsaugt , die Aeolsharfe , die vom Wind bewegt wird , die Seele , die den Weltschmerz empfangen muß ; aber keine Thräne , kein Wehruf , nicht das Blinken der Augenwimpern ist ihnen vergönnt , ihren eigenen Schmerz den Lebendigen kund zu geben ! Walter war ein Romantiker gewesen , an Geister glauben , war damals sein errungenes Recht . Aber an Friedrichs Geist glaubten die Romantiker nicht . Das Licht des achtzehnten Jahrhunderts war ein anderes , ein künstliches , selbst verfertigtes von einem nüchternen Geschlechte , blasse Strahlen werfend wie Mond und Nordlicht , keine Wärme verbreitend . So hatten sie gelehrt , so hatte er geglaubt . An einem andern Lichte müsse der Geist entzündet werden , an einem andern Feuer das Blut erwarmen . Nicht durch die Vernunft , numine afflatur der Geist . So steigt er in die Höhen der Seligkeit , wo das Auge trinkt aus einem Silbermeer der Wahrheit und Gnade , bis es trunken wird von Klarheit und Wonne . So hatten sie gelehrt und er hatte geglaubt . Dazwischen lagen freilich Jahre , und andere Gedanken hatten wie der Widerschein eines Weltbrandes in seiner Seele gezuckt . Was er noch lehrte , glaubte er nicht mehr , und was er glaubte lehrte er nicht mehr . - Ist denn nicht alles Licht aus einem Quell , der Funke , den der Titane stahl aus dem verschlossenen Schatz der Ewigen , und keine Fluthen , die der Himmel herabgießt , löschen es mehr ! Dort mattes , frostiges Licht , es wärmt nicht ; hier züngelnder Flammenschein , er sengt , verwirrt dich , sein Feuerhauch verzehrt dich vielleicht . Was ist besser ? Seitdem war er aus der Schule ins Leben übergegangen . Er hatte aus der Pflanze , aus dem Stein ihr Licht gezogen ; er suchte wieder nach einem , aus dem alle Lichter kommen und das Leuchten in allen Zeiten . Aber das Licht , das aus Friedrich leuchtete , war ihm ein kalter Schein geblieben . Man sagt , wer ein Romantiker gewesen , wer einmal aus dem Zauberquell getrunken , und aus der Erde die geheimnißvolle Wurzel riß , der höre immer summen und klingen die Zauberweisen , die ewigen Klagen und das ewige Hohngelächter der Natur , die nach Erlösung ächzt ; es sei der Venusberg , der sich immer wieder aufthut Dem , der aus ihm entronnen : sagen die Verständigen . Aber ich liebe die Schatten der Wälder , wenn mir zu heiß ward zwischen den Gluthöfen und ihren dampfenden Schornsteinen , unter dem Strahl der Saaten-reifenden Mittagssonne . Dann strecke ich mich auf das schwellende Grün unter ihren Riesenästen , und lausche dem Vogelgesang , dem Rieseln der Quelle , die an ihren Wurzeln spielt . Die Vögel und die Quellen singen : Und wurden diese Bäume denn geboren , als es Nacht war , weckte nicht auch sie der lebenzeugende Strahl aus dem Schoß der Erde , strebten sie nicht zum Licht und breiteten ihre Wipfel nach dem Sonnenreich ! Wehe dem armen ausgebrannten Menschengeschlechte wenn es auch gar nichts mehr hört von dem Rauschen der Zauberwälder . So dachte vielleicht der ehemalige Romantiker Walter van Asten . Und Friedrichs Erscheinung war ihm wie die eines übelwollenden Gnomen , in eine Welt gesetzt zu der er nicht passte . Da saß er auf der Brunnenröhre - das Bild kam ihm wohl von dem bekannten , der König nach dem Tage von Collin - den Dreimaster verschoben auf den schlecht gepuderten Locken und zeichnete mit dem Stock Figuren . Der Tabak lag dick auf seiner Schoßweste , die Augen wühlten glanzlos im Sande ; er hatte keine für die liebende Theilnahme seiner Genossen , die ängstlichen Blickes um ihn standen . Und wenn dieser Friedrich eine Welt in sich trug , so war es vielleicht eine aus einem anderen Jahrhundert , aus anderen Zonen über dem Ocean . Er war verfrüht und isolirt auf dieser Scholle . Die Freunde der Jugend , wenn er deren gehabt , hatten die Wellen der Jahre fortgespült ; er saß , ein eigensinniger Greis , der nur auf sich hörte , mißtrauisch gegen Alle , ein Einsiedler in der neuen Welt , die nicht mehr seine war . Seine großen Augen sahen nicht den Wechsel der Geschlechter , nicht neue Jugend um sich , und andere Ideen , die mächtig sich empor rangen aus dem Deutschen Volke . » Was sähe denn jetzt dies große Auge ? « rief er unwillkürlich laut . Aber als er seines aufschlug sah er eine Erscheinung . Unfern von ihm auf einem anderen Steine saß Friedrich . Uebergebückt , die Locken überschattet von der schiefen Spitze des alten Hutes , zeichnete er mit dem Stock im Sande . - Die Erscheinung verschwand nicht , als Walter die vom Sonnenlicht geblendeten Augen rieb ; es waren aber nicht Friedrichs Augen , als die Erscheinung den Kopf wandte und ihn fragend ansah . » Des großen Königs Auge , meinen Sie ? « sagte der alte Mann , und ein Seufzer machte sich Luft . Er war ein Militär aus Friedrichs Zeit , und Walter wegen seiner Täuschung zu entschuldigen , wenn nicht schon der Abendsonnenflimmer und die Träumereien es übernommen . Der Typus eines bedeutenden Mannes drückt sich unwillkürlich seinen Dienern und Bewunderern auf . Es giebt Momente , wo zwei Unbekannte sich ihre Gedanken ablesen , ehe sie ein Wort gewechselt . Der Blick und die Physiognomie allein thun es nicht ; es ist der Ort , die Stunde , das Licht , die Luftschwere oder deren Leichtigkeit . Sie können Jahre lang sich begegnen , Worte tauschen , und bleiben sich doch fremd , es ist der Zauber des Augenblicks , welcher die Seelen aufschließt . Der Weg zum Gespräch war kurz , wo Beide sich entgegen kamen . » Was war denn ein Vaterland , « rief der Major mit dem Stock in die Erde bohrend , » als er die Franzosen lieben lernte , was sie ihm jetzt zum Verbrechen machen ! Ich alter Mann lese nicht viel neue Bücher , doch aber einige , und ich lese es mit Schmerz , wie die Jugend den Einzigen richten will . Wie war es denn damals ? Sehen Sie um sich , so weit das Deutsche Reich ging , - wie musste er sie zu sich heran schleppen ! Sie liefen ihm dann nach , nur weil er ' s kommandirte . Nun , war ' s da zu verwundern , daß er keinen Respekt bekam vor den Leuten , die auf Kommando ins Licht blickten , daß er auf die nicht hörte , die ihn nicht verstanden , und wie er alt und grämlich ward , auf Niemand mehr . « Walter wies auf die Glasthür in der Mitte : » Dort saß der König dieses Landes mit dem hergelaufenen Witz aus allen Ländern , und beim schäumenden Glase sprühte von ihren Lippen der Spott über die , welche im Könige ihren natürlichen Anwalt haben sollten . « » Haben Sie , mein junger Herr , den König da im Saale sitzen gesehen ? « » Nein , « entgegnete mit etwas verlegener Stimme Walter . » Ich war zu jung , und als ich ihn einmal sah - « » Ich habe ihn gesehen , « fiel der alte Offizier ein und schwieg einen Augenblick ; dann fixirte er den Andern . » Sie sind kein Junker , wahrscheinlich ein Gelehrter ? « » Wenn die Menschen durchaus in Stände getheilt werden müssen , würde man mich dazu rechnen . « » Verlangen Sie , daß ein Friedrich sich seine Tischgesellschaft aus Denen holen sollte , die zum Wollmarkt kommen ? Lieber Gott , mich dünkt , er hatte genug gethan , wenn er ihnen alle Stellen ließ in der Armee , und im Civil ja auch . Nun , an seinem Tisch lassen Sie ihm doch seine Franzosen , Engländer und Italiener . Die witzigen Seifenblasen beim Champagnerglase wurden ja schon runter gespült bei der Tasse schwarzen Kaffee . « » Aber nachdem er den Kaffee getrunken ! Er hatte ja sein Volk gebildet ! Sie sagten eben , er hatte sie heran geschleppt . Seine Junker lasen ja schon die Pucelle , ihm zum Vergnügen , und wussten kaum , daß eine Jeanne d ' Arc gelebt . Homer und Leibnitz waren ihnen unbekannte Größen , aber sie lachten aus Herzenslust über den Candide ! « » Nachgethan hat es ihm Mancher . Aber wie ! Daß Gott erbarm ! Sollte er Die als seinesgleichen in die Arme schließen ! Als er aus dem Nichts heraus arbeitete , bei seinem Schöpfungswerke , wer hat ihm da von allen seinen Landeskindern geholfen ! « » Und was davon ist denn noch ! « sagte Walter und senkte den Kopf . » Es muß doch schon noch etwas sein , « entgegnete mit sarkastischem Tone der alte Militär . » Denn um der Hunde willen , die unter uns liegen , sind Sie doch nicht hier ? Auch kommen darum nicht die vielen Tausende Fremder , die des Jahres die Terrasse besehen wollen . Drinnen , da hinter den Glasfenstern , ist ' s leer , der Staub wirbelt im Sonnenschein und die Motten nisten in den Polstern . Warum lässt man sie darin ? Warum ist denn noch Niemand in dies Haus gezogen , nachdem er es verlassen ? ' s ist ja so luftig und hübsch . So meinen Sie doch wohl , daß drinnen noch etwas ist , davor sie Respekt haben , und gehen ihm fein aus dem Wege . « » Vielleicht die Furcht vor dem Gespenst mit dem Krückenstock , « warf Walter hin . » Kann wohl sein , « nickte der Major und wies nach Potsdam hinunter . » Warum kämen sie sonst aus Petersburg und Paris her , und legten ihr Ohr an die Thüren ? Selbst der mächtige Kaiser ! Warum ständen die gesattelten Courierpferde in den Ställen , um das Ja oder Nein nach Wien und London zu tragen ? Um uns doch nicht ! Sein Geist ist ' s allein , mein junger Herr Gelehrter , der noch da sitzt ; auf den horchen sie , vor dem schüttelt es sie , die Großen und Mächtigen , daß er plötzlich aufstehen könnte , und sich schütteln im Zorn . Herr , was wir sind und haben ist sein Werk , unser Name , unsere Straßen , unsere Häfen , unsere Ordnung , unser Respekt . Sein Auge leuchtete als Stern den Unterdrückten . Sein Wort , das er donnerte , als der Müller Arnold klagte , dröhnte durch Europa und es wird durch die Welt hallen , so lange sie steht . Sein Wort , daß Jeder in seinem Staate selig werden solle , wie er will , Gott Vater im Himmel , kann denn das je vergessen werden ! Walte der ! « setzte er nach einer Weile hinzu , indem er den Hut von der Stirn nahm , es war wohl um zu verbergen , daß er die Hände im Schooß faltete . » Walte der da oben , daß jetzt sein Geist da unten mitspricht ! « » Amen ! « rief bewegt der jüngere Mann . Der Offizier bemerkte es , wie er heftig dabei die Arme verschränkte , und finster in sich schaute . Er warf ihm einen ersten freundlichen Blick zu : » Sein Werk ist doch wohl noch nicht untergegangen , denn sein Volk lebt noch ! « » Und er zögerte nicht Ja zu sagen , « fiel Walter ein , » wenn eine halbe Welt ihn zu beschwören kommt . « » Nein , « sagte der Alte jetzt aufstehend , » aber der große König hätte sich nicht beschwören lassen , er wäre der halben Welt zuvorgekommen , und hätte den Degen gezogen , und sie beschworen , daß sie ihm folgen musste . Das ist ' s , da liegt der Unterschied . Wo wir drauf losgingen , siegten wir ; wo wir ' s an uns kommen ließen , zogen wir den Kürzern . « Sie wurden hier unterbrochen . Eine Gestalt am andern Ende der Terrasse war schon eine Weile sichtbar oder hörbar , nur sahen und hörten die Beiden im Eifer ihres Gesprächs sie nicht , und der ältliche , sehr wohlbeleibte Mann , der ihnen mit einem weißen Tuche ängstlich winkte , vermochte wegen seiner Körperschwere nicht so schnell heranzukommen . Jetzt aber war er da , und wer er war und was er wollte , erlitt keinen Zweifel . Vierundvierzigstes Kapitel . Zwei subalterne Personen drohen den Gang der Geschichte zu ändern . » Kurz , es ist nicht erlaubt , hier auf den Steinen zu sitzen . « So schloß der wohlbeleibte Mann mit wichtiger Miene eine Strafrede , die seinen Athem erschöpft und sein Gesicht gefärbt hatte . Trotzdem schien sie auf die Beiden keinen Eindruck gemacht zu haben , denn sie sahen sich lächelnd an , als der Beamte mit dem weißen feinen Taschentuch den Staub , oder ihre Berührung von den Steinen klopfte . Ein Beamter war er , dafür sprach jeder Zoll an dem Mann : nur welche Charge er bekleidete , ist uns nicht aufbewahrt . Ein Beamter , nicht in Uniform , aber in Galastaat ; einem feinen Rock , der gewiß einst geschmackvoll um den Leib schloß , nur hatte der Körper dem Fortschritt gehuldigt , während das Tuch konservativ geblieben war . Weiß waren die seidenen Strümpfe , weiß die Weste , und das Jabot stritt mit dem Zopf und der Frisur um die Wette , was glänzender sei ; farbig war nur der Rock , roth nur das Gesicht . Sein Blick , als er sich umwandte , schien zu sprechen : » Und Sie sind doch noch hier ? « Walter stand im Schatten , auf das Gesicht des alten Majors glühte der rothe Abendstrahl . Es lag wieder Friede darüber ausgebreitet , als er lächelnd sprach : » Vor zwanzig Jahren , als ich auf die Terrasse kam , führte mich der Wachthabende selbst zum großen König Ich sah ihn sterben . Nun weist man einen alten Soldaten fort , weil er kam , nur um seinen Geist zu sehen . - Freilich , es kann gefährlich werden , Friedrichs Geist zu sehen . « Leicht den Hut gegen den jungen Mann lüftend , hatte sich der Invalide umgewandt und war die Treppe hinabgestiegen . » Aber was fällt Ihnen denn ein , Herr Pathe Nähtebusch , « sagte Walter plötzlich . » Einem alten Soldaten seinen Ruheplatz nicht zu gönnen ! « Als der Beamte die Hand vorm Gesicht , um die Sonnenstrahlen abzuhalten , den jungen Mann erkannt hatte , machte er eine lebhafte Bewegung . » Aber war ich denn blind ! « Fast schien es , als wollte er ihn umarmen . » Herr Jemine , und das war Ihr Bekannter ! « rief der Ober-Kastellan , um ihm doch einen Titel zu geben . Herr Nähtebusch winkte und rief umsonst ; der Major hörte nicht , oder wollte nicht mehr hören , und es wäre zuviel vom Ober-Kastellan verlangt gewesen , ihm nachzulaufen . Er hatte eine Konstitution , die das nicht ertrug , und er kam aus der Stadt ! Was das sagen wollte , werden wir hören . Nicht der Aerger hatte sein Gesicht geröthet ; es war die Freude , vielleicht auch der Wein . Herr Nähtebusch hielt auf Konnexionen . Sollte die Fama , die ihm nachsagte , daß er ihnen seinen Posten verdankte , jetzt von ihm sagen , daß er einen Bekannten vom Sohne des reichen van Asten fortgewiesen wie einen Vagabunden ? Einigermaßen beruhigte es ihn , als er erfuhr , daß Walter den alten Offizier hier zum ersten Mal gesehen , es beruhigte ihn aber wieder nicht , daß Walter ihn nicht kannte , nicht einmal seinen Namen wusste , daß er aber vermuthete , er sei ein ausgezeichneter Offizier gewesen . Aber wieder beruhigte es ihn , daß er pensionirt sei . Ein Pensionirter hat selten noch viel Konnexionen ! Herr Nähtebusch trocknete jetzt den Schweiß von seiner Stirn und athmete auf : » Lieber Herr Pathe , lassen Sie sich das eine Warnung sein . Man muß sich mit Niemandem in ein Gespräch einlassen , den man nicht kennt . Man weiß nicht , in welche Verlegenheiten es uns nachher bringt , und junge Leute , erlauben Sie mir ' s zu sagen , schließen gar zu gern ihr Herz auf . « Man sah ' s dem Herrn Ober-Kastellan an , daß er das Bedürfniß fühlte , auch seines aufzuschließen ; ja , er war in der Stadt gewesen , im Schlosse , man hatte ihn an die Thür gelassen , als die hohen Herrschaften speisten . » Nicht Jeder hatte das Glück gehabt , « sagte er mit einer stillzufriedenen Miene . Er hatte sie essen gesehen . Nach Tische , als der König mit dem Kaiser Arm in Arm umherging , und dieser vor Huld und Güte gegen Jeden strahlte , hatte der König ihn , den Glücklichen , dem Erhabenen vorgestellt . Denn war es das nicht , als er sagte : » Und das ist der Mann , der in Sanssouei zur Ordnung sieht ! « Alexander hatte darauf etwas französisch erwidert , was , hatte Herr Nähtebusch nicht verstanden , aber es war gewiß etwas sehr Gnädiges ; die Melodie der Worte summte ihm noch in den Ohren . Aufmerksamer hatte Walter dem Schluß der Mittheilungen zugehört . Herr Nähtebusch sprach viel . Wem verdanken Gesandte oft ihre wichtigsten Nachrichten ? Nicht Räthen und Ministern , dem feinen Ohr der Kammerdiener . » Sie glauben also , es ist Alles regulirt und abgeschlossen ? « » Alles ! « entgegnete Herr Nähtebusch , und um sich vollständig zu erholen , nahm er eine lange Prise . » Bis aufs Kleinste . Morgen in der Vormittagsstunde fahren die hohen Herrschaften nach Berlin zurück in einem Ensemble . Im Rittersaal ist große Tafel . Wissen Sie wohl , es wird vom goldenen Service gespeist . Das kommt aber erst nachher in die Zeitungen . Abends besuchen Höchstdieselben im Nationaltheater die Vorstellung der Oper Armida . Bei ihrem Eintritt in die Mittelloge werden Höchstsie durch einen Tusch von Trompeten und Pauken aus den Balkonlogen begrüßt , und das ganze Publikum erhebt sich mit einem Vivat , das nicht enden will . Dasselbe wiederholt sich beim Schluß der Oper . Folgenden Tages ist große Wachtparade auf dem Lustgarten . Alsdann besehen Majestäten in zwei achtspännigen Equipagen die Stadt . Mittags ist Diner beim Prinzen Ferdinand in Bellevue . Eine Denkmünze auf die glorwürdige Zusammenkunft ist bereits unter dem Prägestock . Der Medailleur , Herr Loos , ist der Verfertiger , und wenn ich übermorgen in die Stadt komme , hat er versprochen , sie mir zu zeigen . Aber das , lieber Pathe , bleibt unter uns . « Sie waren dabei auf der Terrasse auf und ab gegangen . » Und nach dem Diner bei Prinz Ferdinand ? « » Reisen Seine Majestät Kaiser Alexander ab . Die Pferde sind schon bestellt . « » Und weiter nichts ? « Mit einem ungemein schlauen Lächeln klopfte Herr Nähtebusch auf seine Dose : » Man spricht auch noch von einer kleinen Attrape . « » Einer kleinen - « » Wie man ' s nehmen will ! Wenn Majestät der Kaiser auf nächster Station , man sagt in Vogelsdorf , eine Erfrischung fordern , wird ' s im Kruge heißen : die Leute sind alle auf dem Felde und im Stalle . Der Kaiser wird sich dann in den Kuhstall zu begeben geruhen , um einen Trunk frisch gemolkener Milch anzunehmen . Und die Bäuerin , die eben melkt , wird sehr überrascht sein von den vornehmen Gästen , aber Seine Majestät der Kaiser werden noch weit mehr erstaunt sein , wenn sie der Bäuerin ins Gesicht sehen , die ihm die Schale reicht . Na , was sagen Sie dazu , mein lieber Herr Pathe ? - Ich habe aber nichts gesagt , es sind ja nur Konjekturen , « sagte Herr Nähtebusch und rieb sich die Hände . Sie standen am anderen Ende der Terrasse : » Also auf eine Trianon-Scene läuft es aus ; das ist ja alles recht schön und gut , « sagte Walter . Herr Nähtebusch sah den jungen Mann mit einem eindringlichen Blick an . Fast war ' s ein durchdringender , indem er seine Hand fasste , und wir hatten uns in ihm geirrt . Die Purpurröthe des Echauffements verbarg nur den Psychologen . » Mein lieber Herr van Asten , als Ihr Herr Vater mir die Ehre erzeigte , mich bei Ihnen zum Pathen einzuladen , sagte ich ' s voraus , das ist ein Junge , der wird ' s zu was bringen . Ich hatte vorgestern wieder das Vergnügen , mit Ihrem Herrn Vater zu sprechen . Da müssten Ihnen die Ohren geklungen haben . « » Mein Vater , wissen Sie - « » S ' ist ein kluger Mann . Die Jugend muß ihre tollen Hörner ablaufen , hat er gesagt . Ich Dummkopf glaubte , daß man seinen Sohn zum Studiren auf die Universität schickt , hielt meinen deshalb kurz . Und der Junge war nur zu gehorsam , er büffelte , gab zu wenig aus , und nahm zu viel ein , nämlich fixe Ideen , sagte der Herr Vater . Nun haben wir die Bescherung . Das tolle Feuer , was ' raus schwären sollte , steckt noch drin , und ' s bricht an der unrechten Stelle los . Dem Jungen mache ich keine Vorwürfe , mir mache ich sie . « » Und der Herr Pathe legten gewiß ein freundlich Wort ein . Will man mich vielleicht noch ein Mal auf die Universität schicken , um das Versäumte nachzuholen ? « » Erlauben Sie mir , ich sagte ihm : das Leben ist ja auch eine Universität . Er kann ja auch hier seine Hörner abstoßen ; je toller er drauf los geht , um so eher wird er stumpf . Wie ist er da beim Minister angelaufen . Wird auch noch öfters anlaufen ! Sind nicht alle Minister so human , daß sie die Rappelköpfe nach Karlsbad schicken . ' s ist Mancher eingesperrt worden , der sich die Zunge verbrannt hat . Schadet auch nichts . Der Sohn vom Geheimrath Bovillard , wie oft hat er gesessen ! Man kann ' s gar nicht zählen . Der Vater war so klug , hat sich nicht um ihn gekümmert ; nun ist er von selbst zu Kreuz gekrochen . Ist kirr geworden , um den Finger zu wickeln ; lässt sich vom Vater parforce schicken , wohin es ist , und wenn er sich müde geritten hat , dann giebt ihm der Vater ' ne kleine Stelle , sucht ihm ' ne Frau aus , die ein bischen Geld hat . Zuerst in ' ner kleinen Stadt , wo er über den Akten schwitzen muß ; ist froh , wenn er nach Hause kommt , ' ne Pfeife raucht bei ' nem Glase Bier , ein Partiechen ; Kinder kommen dann auch , die schreien , ein Vater hat doch auch ein Herz . Ach Gott ! darüber vergisst er alle krause Ideen ; ist froh , wenn ' s nur bei ihm zu Hause gut geht , und denkt nicht mehr daran , den Staat besser machen zu wollen . Und geben wir Acht , mit dem Walter wird ' s auch so kommen . « » Verdanke ich das alles Ihnen , Herr Pathe ? « rief Walter mit wachsendem Erstaunen . » Wir saßen so traulich bei Herrn Kämper zusammen , wir sechs oder sieben , alles respektable Bürger . « » Was ! ein Kollegium , um über meine Besserung zu berathen ! « » Wo hat nicht Jeder ' nen faulen Fleck im eignen Hause ! Wenn man so beim Bier sitzt , ein Pfeifchen im Munde , spricht man sich gegenseitig Trost zu . Der hat ' nen Sohn , der spielt . Das ist beinahe am allerschlimmsten . Da waren wir Alle einig . Das thut mein Pathe nicht ; alles , was Recht ist . Er trinkt auch nicht , er läuft auch nicht den Mädchen nach . Na , Jugend hat keine Tugend , darüber sind wir weggegangen . Aber das Theater , was hat das ehrbaren Familien Kummer und Noth gebracht . Erst alle Abend der Herr Sohn ins Parterre . Das kostet Geld , die jungen Leute machen Schulden . Ist aber viel schlimmer , wenn ' s kein Geld mehr kostet , wenn sie ' s umsonst haben ; dann haben sie Konnexionen hinter den Coulissen , das sind die schlimmsten und theuersten Konnexionen . Und die Truppe ist einmal abgereist , und der Herr Sohn ist verschwunden . Ja , ja , das ist manchen Eltern so gegangen . Den Kummer haben Sie Ihrem Herrn Vater nicht gemacht . Wissen Sie aber , Einige meinten , das wäre immer noch nicht so schlimm , als wenn ein Bürgersohn sich mit der Politik abgiebt . Da kann man noch mal Direktor werden , wie der Herr Iffland ; der war auch anständiger Leute Kind . Auf dem großen Welttheater aber - « » Ist für uns nichts zu holen , « fiel Walter ein . » Ihre ehrbaren Bürger haben Recht . Erfuhren Herr Pathe sonst noch etwas ? « sprach er , zum Abschied die Hand reichend . » Mancherlei ! Man wird Heirathsannoncen lesen , über die man sich wundern soll . Mancher Herr Offizier lässt sich in aller Schnelligkeit kopuliren . Lieber Gott , wenn ' s ins Feld geht , will man den Kindern doch einen Vaternamen hinterlassen ; das Gewissen schlägt auch unterm blauen Rock . Seine Majestät sind sehr damit zufrieden . - Ach , und wissen Sie schon vom Kriegsrath Alltag ? « » Was ? « » Wird Geheimer Tresorier des Königs , Titel Geheimrath . Da ist auch nur eine Stimme : Der hat ' s verdient ! Mit seiner Demoiselle Tochter wird er nun auch höher hinaus wollen . Wer verdenkt es ihm ? « » Adieu . Herr Pathe ! « Der Pathe hielt seine Hand fest . Sein schlaues Lächeln schien noch ein Geheimniß zu verstecken . » Heraus damit ! « » Ich sehe einen verlornen Sohn - « » Wo ? « » Im Comptoir seines Vaters . « » Und was brachte ihn dahin ? « Der Kastellan hielt beide Hände wie ein Sprachrohr an seines Pathen Ohr ,