Stellung dann für mich , der ich die Sache der Commune vertheidige und mich doch auch zu sehen - hm ! hm ! - zu sehen freuen müßte , daß die Schulden des alten Fürsten dann plötzlich getilgt sind ... ! Ich will noch einmal in die Wohnung der Gebrüder Wildungen und hören , ob es wirklich ein echter oder erborgter Dankmar Wildungen war , der mit den Meinigen reiste . Im letzteren Falle ist Prinz Egon Jemand anderes gewesen ... Aber wer ? fragte Pauline . Ein junger Handwerker , sagte Schlurck ruhig , der im Schlosse Hohenberg ein gewisses Bild stehlen wollte ... Nein ! sagte Pauline lebhaft , das ist nicht möglich ... Warum nicht , gnädige Frau ? Dieser Verdächtige sitzt bis auf weitre Ordre - wir haben schon mit dem Obercommissär Pax Rücksprache genommen - er sitzt im Plessener Thurme ... Und ? Und ? Wenn der Prinz sich so compromittirte , daß er sich eine in diesem Grade schimpfliche Behandlung mußte gefallen lassen , so konnte er Ihre werthe Familie nicht begleiten , konnte nicht die Liebe Ihrer schönen Tochter - die ich nun kennen lernen muß , Justizrath - gewinnen ... konnte auf dem Heidekruge nicht das Bild ... doch genug ! Es kann kein Prinz Egon im Hohenberg ' schen Palais krank liegen , wenn der echte die Folgen eines gewagten Incognitos im Plessener Thurme büßt . Sehr scharfsinnig ! antwortete Schlurck , zog aber einen Brief aus der Brusttasche hervor und sagte : In dem Falle thut mir nur Eines leid ... Sie stocken ? Was ? Frau von Zeisel , die mir ihr besonderes Vertrauen schenkt , schreibt mir soeben und im größten Zorn auf meine Familie . Man hätte sie und ihren Gatten mishandelt , man hätte vor Fremden ihr , einer Nutzholz-Dünkerke , ein Dementi gegeben und was dergleichen Aufwallungen einer in einem kleinen Orte mit ihrem Ehrgeize eingetrockneten , aber sonst ganz charmanten Dame mehr sind . Das Wichtigste ist , daß Herr von Zeisel , wahrscheinlich von dem Zorn seiner in einer Einladung oder Nichteinladung gekränkten Gattin ermuthigt , den Gefangenen aus dem Thurme längst entlassen hat . Pauline sprang auf . Ist Das möglich ? rief sie . Bei Patrimonialrichtern , sagte Schlurck , ist Alles möglich . Empörend ! Dieser Gefangene ... Dieser Gefangene wäre ja durch nichts Erhebliches gravirt gewesen , schreibt die liebe , etwas polternde , aber wie gesagt charmante Frau . Man hätte sich in Plessen nie lange mit fremdem Gesindel aufgehalten und wie sie denn dergleichen sicherheitspolizeiliche , ganz stichhaltige Gründe mehr anführt , die jedoch wol zunächst nichts , als eine Rache dafür zu sein scheinen , daß auf dem Schlosse plötzlich andre Menschen erschienen , die sie verdrängten . Herr von Zeisel greift mit Freuden zu , wo ihm eine Gelegenheit geboten wird , mit den Provinzialgerichten außer Berührung zu bleiben . Also gnädige Frau , dieser Gefangene ist nicht mehr im Thurm . Pauline brach in die heftigsten Verwünschungen und Drohungen aus . Diese Nichtachtung gegen einen so hohen Beamten wie ihren Gemahl , sagte sie , würde dem Justizdirector theuer zu stehen kommen ! Schlurck suchte sie im Interesse der ihm sehr werthen Frau von Zeisel zu beschwichtigen . Einem feinen Beobachter konnte kaum entgehen , daß ihn auch vorzugsweise wol nur diese Angelegenheit hergeführt hatte . Offenbar bereute Herr von Zeisel die schnelle Übereilung eines Entschlusses , den er nur auf Antrieb seiner Frau faßte ... Pauline nannte nun den ganzen gegenwärtigen Staatszustand anarchisch und war plötzlich wieder so ultrareactionär , daß sie mit Spitzkugeln und Shrapnels dem Universum drohte . Auffallend ! sagte Schlurck , um die Geheimräthin nur auf andre Gedanken zu lenken , auffallend bleibt es , daß der Bilderdieb mit dem sogenannten Dankmar Wildungen im Einverständnisse war , denn jener berief sich auf diesen ... Ein Helfershelfer ! Ich wußt ' es ja schon ! Ein Chaos ! Ein Chaos ! Es soll diesen Zeisels theuer zu stehen kommen ! rief Pauline und zeigte nicht wenig Lust , auch den Justizrath empfinden zu lassen , wie sehr sie sich durch seine Vertheidigung anarchischer Zustände verletzt fühle . Sie ging im Zimmer auf und ab , ignorirte den bei ihrer Aufregung so ruhig bleibenden Besuch und hätte ihm bald verächtlich den Rücken gewandt , wenn Schlurck nicht ein Mittel zu finden wußte , sie plötzlich zu zähmen . Andrerseits bin ich überrascht , fuhr er nämlich mit lauernder Miene fort , wie der wahrscheinliche Prinz Egon soviel mit den Zecks verkehrte . Die Wirkung dieses Namens war erstaunlich . Pauline erblaßte . Krampfhaft hielt sie sich an ihrem Schreibtisch fest und richtete starr ihre Augen auf den spitzen Blick des Justizrathes , der fast gleichgültig und lächelnd , aber tiefforschend hinzufügte : Überall sah man ihn , auch bei der Ursula Marzahn im Walde ! Worin der Stachel dieser neuen Erwähnung nun auch liegen mochte , ob Schlurck auf Dinge anspielte , die er kannte oder nur erforschen wollte , Pauline war fast einer Ohnmacht nahe . Ihre Lippen erblaßten . Die Augen übergoß ein eigner verglaster Ausdruck starrer Abwesenheit . Das Weiße trat schreckhaft blendend hervor . Die Hand fuhr über das Bandeau , riß die Schleife auf und warf es zur Seite . Wie heiß ! sagte sie mit bebender Lippe . Schlurck meinte boshaft : Und in solcher Hitze trägt man im Sommer diese Verhüllungen ? Die Mode ! Die Mode ! Aber , ich halte Sie auf ! Ich habe versprochen , bei Lippi griechischen Wein zu kosten . Ich sehne mich nicht nach dem griechischen Wein , aber nach Lippi ' s kühlem Keller . Sie haben hier wirklich sehr heiß , Gnädigste . Leben Sie nun wohl , Excellenz ! Damit stand Schlurck auf , um zu gehen . Aber Pauline rief : Wo wollen Sie denn hin ? Bleiben Sie doch , Justizrath . Ich habe Sie jetzt nöthiger , als Sie glauben . Griechischen Wein ... ich führe ihn leider nicht selbst ... aber ein Glas Capwein , Justizrath ? Gnädige Frau , ich danke ... was befehlen Sie noch ? Keinen Befehl , Schlurck ! Nur Freundschaft und Theilnahme für ein unglückliches Geschöpf , das Vertrauen zu Ihrem Herzen hat und es selbst zu dem ihrigen verdient . Excellenz - Ich beschwöre Sie , lassen Sie doch die Förmlichkeiten ! Ich verachte ja diese Formen , ich sehe in ihnen das Flüchtigste , das Erbärmlichste von der Welt ! Ich fühle Gott sei Dank ! mehr innern Werth in mir , als daß ich mich durch einen äußern unterstützen müßte . Ach ! Ich bin von einer Gefahr umgeben , Schlurck , die ich mir vielleicht zu lebhaft ausmale ! Aber gegen seine Phantasie kann Niemand etwas . Die hängt vom Blute ab und ich weiß nicht , wie ich es machen soll , daß mein Auge nicht zu schwarz sieht - Ein Arzt macht Das , sagte Schlurck . Cremortartari wird auch mein armer Zeisel nehmen müssen , wenn der Intendant von ihm den Gefangenen heraushaben will und den guten Mann in Teufels Küche bringt . Wo denken Sie hin , Schlurck ! Wenn ich weiß , daß Sie durchaus diesen Vorfall vergessen möchten ... Gnädigste , Sie könnten die Güte haben , den Geheimrath zu bestimmen , den Zornausbruch einer gebornen Nutzholz - Dünkerke ... Ach , scherzen Sie nicht ! Schlurck ! Das Vergessen ! Das Vergessen ! Wenn es nicht mehr ist als diese Angelegenheit ! Meinen innigsten Dank ! Pauline nahm Platz und fuhr in leidender Aufregung , indem sie den Justizrath zum Bleiben nöthigte , fort : Schlurck , ich hatte ein bewegtes Leben , aber ich sehne mich nach Ruhe . Ich mag die alten Aufregungen nicht mehr , ich habe den Muth nicht mehr , gegen das allgemein Gültige zu trotzen . Ich will mein Leben abschließen , irgend noch einem guten vernünftigen Gedanken nachleben und vom Vergangnen mich lossagen . Aber ich will mich auch ganz lossagen . Ich will keine Erinnerungen in mir und in Andern und durch Andere noch weniger . Sie kennen die Macht der Antecedentien . Ja , ja , beste Freundin ! sagte Schlurck lächelnd über die plötzliche Zähmung der wilden Frau ; warum sollt ' ich die Antecedentien nicht kennen ! Sie sind ja nächst der Cholera die verdammteste Krankheit der Zeit und eine ganz unheilbare ! Wir sind die Censur der Schriften los , haben aber dafür die Censur der Sitten bekommen . Mit der Preßfreiheit , die vielleicht ein gesunder Zustand sein kann , ist die Krankheit der Antecedentien gekommen . Und wenn Sie wissen wollen , warum ich mich nicht wählen lassen mag , so ist es auch die Scheu vor einer allzufrechen Analyse meiner Persönlichkeit . Ich bin mir leidlicher Solidität bewußt .... Aber Sie haben gelebt ! Gelebt ! O das ist viel gesagt . Alles , Alles , Frau von Harder ! Ja ! Leben ! Gelebt haben , Schlurck ! Geschleudert gewesen sein hin und her , heute von einem Wahn , morgen von einer Leidenschaft , geschleudert nicht immer durch das Schicksal , das uns unverschuldet traf , sondern auch durch das , was wir uns selber zugezogen und bitter bereuen . Wer kann dafür , daß man fast fünfzig Jahre zählt ! Gnädige Frau ! Ja Schlurck , fast fünfzig Jahre ! Ich besitze den Heroismus der Wahrheiten , die unleugbar sind . O Sie sind ein Engel ! meinte Schlurck und lächelte im Stillen , da er wußte , daß Frau von Harder hätte sagen müssen : Fast sechszig Jahre ! Ja , ja , die Antecedentien ! fuhr er fort . Da setzen sich Grünschnäbel hin , die nichts erlebten , nichts erleben konnten , weil sie jung , oder wenn alt , zu dumm waren und analysiren Lebensläufe ! Nein , ich gestehe Ihnen , um diesen Preis wünsch ' ich mir die alten Conduitenlisten der Behörden zurück . Die waren doch geheim , selbst die Register der Inquisition , in denen wir Beide vielleicht aufgezeichnet stehen , wir wissen ' s selbst nicht , selbst die sind mir nicht so zuwider , wie dies öffentliche Gerichtsverfahren über Menschen , die - gelebt haben ! Ah , das war eine Übereinstimmung ! Es fehlte nicht viel , daß Pauline den Justizrath umarmt hätte .... Erkennen Sie daraus meine Verlegenheit , sagte sie nach einer freudigen Pause . Amanda von Hohenberg war meine Feindin . Ja ! Hören Sie ! Ich sage Alles ! Sie hat Denkwürdigkeiten hinterlassen , in denen , wie sie mir selbst einst schrieb , Gott richten würde . Für diese fanatische Person war Gott so sichtbar schon auf Erden , daß ich gewärtigen kann , eine große Störung meiner Ruhe zu erleben , wenn diese Denkwürdigkeiten in unberufene Hände kommen . Zwei Jahre sind vorüber . Die Memoiren sind nicht da , sie erschienen nicht . Bei Ihnen wurden sie nicht deponirt , bei Niemandem und dennoch sollen sie vorhanden sein . Alle Welt erwartet sie . Die wahnwitzige Trompetta hat den Hof darauf schon vorbereitet . Jedermann ist gespannt . Sie finden sich aber nicht . Ich weiß es , Egon soll sie veröffentlichen . Egon sollte die Einrichtung ihrer Zimmer so treffen , wie sie sie sterbend verlassen hatte . Das Bild ! war ihr letztes Wort . Alles ist nun , was sie schrieb , theils verbrannt , theils unter meinem Verschluß . Alles ist da , nur ein Bild nicht , ein Bild , das man in Hohenberg hat stehlen wollen . Alles ist da , nur die Memoiren sind es nicht und dies Bild . Dies Bild also enthält die Memoiren . Auf dem Heidekrug ist es entwandt worden . Entweder mit Wissen oder gegen Wissen meines Mannes . Darüber werden wir von ihm selbst bald Aufklärung haben , aber denken Sie sich , wenn Egon diese Denkwürdigkeiten drucken ließe ! Hm ! hm ! räusperte sich Schlurck . Wenn ich mir ' s genauer überlege ... das Geplauder einer alten Rivalin , die sich von der Welt zurückzog , weil sie vielleicht keine Verehrer mehr fand ... kann das schaden ? Was machen Sie sich aus solchen kleinen Nadelstichen ? Verbrechen werden Sie gegen keinen andern Gott begangen haben , als gegen den kleinen Gott der Liebe ... Über die Streiche dieses Kindes lacht man . Pauline schwieg und sah Schlurck von der Seite mit großem Mistrauen an , gleichsam um heimlich auszuspähen , ob dies seine wahre Meinung wäre . Als er die Brille wieder aufgesetzt hatte , sagte sie : Nein ! Auch lachen soll man nicht mehr über mich . Ich leide in der Gesellschaft noch zu sehr daran , daß man über Nadasdi lachte . Ein Buch von mir und ein Buch über mich ist ein großer Unterschied . Die Bilder der Familie , meine gnädigste Freundin , fuhr Schlurck ruhig fort , die Bilder der Familie Hohenberg sollen an den Prinzen Egon zurück . Sie stehen genau in dem Inventarium verzeichnet , das beim Verkaufe des Mobiliars angefertigt wurde . Ich werde sie vom Geheimrath alle in Anspruch nehmen müssen . Meinen Sie vielleicht ein Bild im Medaillonformat , das Pastellportrait der weiland jungen Fürstin ? Suchen Sie es ! sagte Pauline . Dies gerade wird fehlen .... Schlurck blickte nieder und spielte mit dem leichten Stöckchen , das er in der Hand trug . Er legte den Perlmutterknopf des Stockes bald an die Lippen , bald klopfte er damit auf die Fläche der linken Hand . Pauline fühlte sich gefoltert . Sie wissen etwas von dem Bilde -Justizrath ? sagte sie . Und wenn ich etwas davon wüßte ? Das Bild ist mein ! Es gehört dem Prinzen Egon ! Und Sie wären im Stande , es ihm auszuliefern ... auszuliefern , ehe man es untersuchte ? Wenn es eine Kapsel enthielte , unter der die Denkwürdigkeiten verborgen wären ... Schlurck , würden Sie ihm diese ausliefern ? Würden Sie ruhig mit ansehen , daß mein Ruf , meine Ehre , in die Hände meiner Feinde käme ? Hm ! hm ! sagte Schlurck , schwieg dann , wiegte das Stöckchen hin und her und schien zu überlegen , wie er diese Chancen der Aufrichtigkeit einer gefährlichen und einflußreichen Frau mit seinem Vortheil vereinigen sollte . Er ging von dem Grundsatz aus : Gegen schlimme Menschen muß man selber schlimm sein . Auch Sie sind mein Feind , rief Pauline und sprang bebend vor innerer Erregung auf ; ich sehe es , auch Sie ! Nach einer Weile warf sie sich in einen andern Sessel und bedeckte das Antlitz mit beiden Händen . Schlurck stand auf und zog seine Handschuhe wieder an , als rüstete er sich zum Gehen ... Wir klagen , sagte er , und jammern über ein Bild ! Hätten wir es nur erst ! Wissen Sie , wo ich es vermuthe ? Wo ? In den Händen meiner Tochter . Schlurck ? In den Händen meiner Tochter . Sie scherzen .... Lassen Sie mich diese Vermuthung , die sich auf allerhand Plaudereien Bartusch ' s , die ich fast überhörte , gründete , genauer untersuchen . Ich hoffe , mich so zu benehmen , daß ich Ihnen nicht misfallen werde . Pauline richtete noch einmal erstaunt den Kopf auf und fragte nochmals : In den Händen Ihrer Tochter ? Sie wissen doch , sagte Schlurck , daß ich eine Tochter habe , die ich Melanie nannte , weil mir der Tonfall dieses Namens Das auszudrücken schien , was sie Gott sei Dank ! zu meiner Freude wirklich geworden ist . Sie schwebt vorurtheilsfrei über die Erde hin und hat dazu von den Göttern die entsprechenden leichten Schwingen bekommen . Ich glaube , daß sie einmal der Sonne zu nahe kommen und sich elend verbrennen kann ; aber wenn sie stürzt , wird sie nicht auf ' s Gemeine fallen . Ich liebe sie doppelt , einmal , weil sie mein Kind ist und zweitens , weil sie Verstand hat . Sie liebt den Prinzen Egon .. Sie wird die Fürstin von Hohenberg ! sagte Pauline . Ich bitte Sie , rief Schlurck , dann nehm ' ich mein Wort zurück und erkläre , daß sie keinen Verstand hat - Was glauben Sie ? Ich wiederhole nur , was mir Bartusch , mein alter Maulwurf und Spürer , heute früh zugetragen hat . Da mich weit mehr der große Proceß und die Administration beschäftigte , als all diese kleine Romantik ; da ich ferner jeden Augenblick zum Prinzen gehen wollte , um über alles Zukünftige klar zu sehen , so hört ' ich nur halb und halb auf dies Tuscheln und Flüstern und merkte nur obenhin , daß der Alte von meiner Melanie viel Krauses und Buntes erzählte . Sie hat viel unterwegs gelacht und , wenn ich aufrichtig sein soll , gestern über Niemanden mehr - Über Niemanden mehr- wiederholte Pauline gespannt . Schon wollte sie sagen : Als über meinen Mann ? doch sie besann sich ... der Gedanke des im Möbelwagen eingesperrten Intendanten war ihr denn doch zu demüthigend ... Sie wiederholte : Als über wen ? Nun nannte Schlurck , mit einem wohlangebrachten Handkuß , in aller Delikatesse und mit viel Schelmerei wirklich den Geheimrath ... Die Gewißheit , daß nun also doch Henning von Harder der Düpe irgend einer von weiblicher Hand im Interesse des Prinzen geleiteten Intrigue gewesen war , lag klar vor den Augen der klugen Frau . So wie sich weibliche Schönheit und Liebenswürdigkeit in die Verknüpfung der ihr so räthselhaften einzelnen Thatsachen mischte , ging sie nicht mehr irr , denn da hatte sie einen sicher leitenden Faden . Vom weiblichen Herzen wissen Frauen immer wohin es zielt und wofür allein es schlägt und wofür allein es etwas wagt . Ebenso klar war ihr aber auch , daß sie sich auf Schlurck jetzt nur noch halb verlassen konnte . Zu blind hatte sich ihr seine Liebe für das einzige Kind zu erkennen gegeben . Prinz Egon und Melanie im Bunde waren , das sah sie , unüberwindlich ... Und da in demselben Augenblicke die Ludmer schon mit einem zartduftenden Antworts - Briefchen von der d ' Azimont kam , worin diese schrieb : » Das erste Wort der Freundschaft , das mich hier begrüßt , kommt von Ihnen , Pauline ! Von Ihnen ! Edles Herz ( noble coeur , der Brief war französisch ) , Edles Herz , ich kann nicht um Eins kommen , aber um Sechs ... heut Abend um Sechs umarm ' ich Sie « - als Pauline diese Zeilen gelesen und von der Ludmer noch leise vernommen hatte , daß all ' ihr erneutes Suchen nach dem Bilde vergebens gewesen wäre , entwarf sich ihr in solchen Dingen rasch erfindender Geist einen andern Plan , der so lautete : Mögen Egon und die d ' Azimont stehen , wie sie wollen , so groß sind noch ihre Ansprüche an diesen jungen Mann , daß eine bürgerliche kleine Kokette nicht wagen wird zu ihm aufzublicken , sieht sie erst die vielbewunderte junge Frau , der nach allgemeiner Übereinkunft in der Gesellschaft der wahre Besitz dieser von Melanie gemachten flüchtigen Landstraßen - Eroberung gehört .... Sie hoffte die d ' Azimont noch nach sechs Uhr festzuhalten bis zum Thee , durch sie auf Egon zu wirken , durch sie den Bund zwischen Melanie und Egon zu sprengen . Als einzigen und ausdrücklichen Beweis der Freundschaft verlangte sie jetzt vom Justizrathe nur noch , daß er heut ' Abend zur nähern Besprechung dieser Angelegenheiten vor dem Thee wiederkäme und zugleich endlich seine bewunderte Tochter Melanie ihr aufführe . Ich muß den schönen Bösewicht kennen lernen , sagte sie verschmitzt , den Engel , der es gewagt hat , die alten schlummernden Empfindungen des Geheimraths in Aufruhr zu bringen . Ist hier ein komischer Roman im Gange , so soll er unter meinen Augen fortgespielt werden . Ich bin eifersüchtig , ich will Melanie sehen . Verlass ' ich mich darauf , daß sie kommt ? Schlurck erwiderte , er wolle versuchen , seine Tochter zu überreden . Nichts überreden ! Sie befehlen ! sagte Pauline . Befehlen ? sagte Schlurck und griff verlegen nach seiner Perücke . Nun ja ... wir wollen befehlen . Und wenn das Bild noch zu retten und nicht in Egon ' s Händen ist , sagte Pauline , indem sie dem Justizrath lächelnd die Hand hinhielt , wer erhält es ? Der Prinz das Bild , sagte Schlurck ; etwaige Contrebande - Die Denkwürdigkeiten seiner Mutter ? ... Die ... jetzt wurde Schlurck schelmisch ... die trag ' ich zum Buchhändler und lasse sie als zweiten Theil des Nadasdi drucken . Mit dieser humoristischen Wendung wollte er zur Thür Nein ! Nein ! So entkommen Sie mir nicht ! sagte Pauline in wirklicher Angst . Ein klares Wort , keine Galanterie ! Kein Humor ! Ich bin überhaupt keine Frau für den Humor .... Haben wir nur erst das Bild ! sagte Schlurck drängend . Justizrath , können Sie mich auf dieser Folter zurücklassen - ? Ludmer , setzte sie rasch hinzu , nimm ihm Hut und Stock ab ! Nein , nein , sagte Schlurck fast sich flüchtend , ich muß zu Lippi und griechischen Wein kosten und nachher noch einmal zu den Wildungens , dann zum Prinzen , wohin ich einen gewissen Ackermann bestellt habe , der sich zur Pachtung seiner Güter meldete . Auch die Krankheit der jungen Durchlaucht bekümmert mich ... Er ist denn doch der Sohn des alten Fürsten , dem ich soviel Beweise ... Und kein Wort der Beruhigung , der Theilnahme , des Dankes für mein Vertrauen ? unterbrach Pauline mit allem Aufwand von Liebreiz , dessen ihr Auge und ihre Mundwinkel noch fähig waren . Schlurck küßte ihr wiederholt die magere Hand und sagte : Bezaubern Sie mich nicht ! Ich bin im Geiste noch nicht so alt wie im Kirchenbuch steht ! Ah ! Frau von Zeisel sollte nur hier sein ! Die sollte nur ihre Bitten mit den meinigen vereinen und gewiß , wir würden das harte Herz schon erweichen - Es war viel Anmuth in diesen Worten der Geheimräthin . Schlimme Frau , was sprechen Sie ? lächelte Schlurck . In der That , man weiß nicht , soll man Sie fürchten oder lieben ? Ich will Sie lieben , Frau Geheimräthin ! Verlassen Sie sich auf meinen Verstand und beten Sie zu irgend einem der Götter , zu dem Sie das meiste Vertrauen haben , daß es noch Zeit sein möge , bösen und albernen Dingen der Art , wie Sie sie fürchten und wie ich sie selbst niemals habe leiden mögen , mit Klugheit vorzubeugen . Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort . Mein Instinct spricht für Ihre Interessen ! Heilig und gewiß ! Auf Wiedersehen , vielleicht heut ' Abend ... Damit ging Schlurck ... Nein , ganz gewiß ! rief ihm Pauline noch nach , blieb dann eine Weile , um die beengte Brust durch einen tiefen Athemzug zu lösen , stehen , erwiderte nichts mehr auf die besorgten , fragenden Blicke der Ludmer und winkte nur , die halb tonlosen Worte ausstoßend : Er ist fort ... Auf alle Fälle macht man jetzt Toilette ! Damit hob sie den Vorhang ihres Schlafcabinets und schritt aus dem gelben Boudoir durch den Alkoven in das grüne und von diesem in ihr Toiletten- und Garderobe - zimmer . Die Ludmer war gleichfalls verstimmt ... Ihre Nichte hatte ihr ein altes Bettelweib geschickt , um wieder von ihr eine Unterstützung zu begehren ... Sie hatte zwar draußen nur die einfachen Worte gesagt : Ich kenne keine Auguste Ludmer , die sich meine Nichte nennt ! ... Sie hatte die Thür dem Bettelweib von der Nase zugeworfen , aber es alterirte sie doch . Sie mußte etwas Melissengeist auf Zucker nehmen , um sich von denselben Aufregungen zu erholen , von denen Pauline von Harder sich nur ein wenig durch die Wahl der Toilette erholte , die sie eben machen wollte .... Als die Ludmer in das Garderobezimmer , wo ihre Herrin und Freundin noch wählte , nachkam , sagte diese nur die einzigen Worte : Da hast Recht , Charlotte ! Vor diesem Schlurck hab ' ich heute zum ersten Male ein Grauen empfunden . Es ist mir , als hätt ' er über uns Leben und Tod in seiner Hand . Und das Bild ? fragte die Alte . Hat seine Tochter Melanie durch irgend eine Schlauheit , im Einverständniß mit Egon , meinem Mann abgelistet ... Diese Kokette ! Wie war Das möglich ? .... Das Heranrollen eines Wagens vor dem offnen Thore des Hauses , die sichere Anfahrt und die Art der Öffnung des Schlages - man hörte das auf ' s Deutlichste -verrieth , daß der Geheimrath angekommen war . Die Bedienten klopften leise an die Garderobe und berichteten : Excellenz ? Excellenz ! Etwas langsam und bedächtig schallten die Fußtritte , mit denen der zum Beichten beschiedene alte Herr in den ersten Stock aufstieg , den er bewohnte ... Wir werden ja hören ! sagte Pauline ruhiger und entschied sich heute aus Rücksicht auf die zwei schönsten weiblichen Wesen , die man sich nebeneinander denken konnte , Melanie Schlurck und Helene d ' Azimont , für einen Stoff von Silbergrau , auf den Abend aber für ein Costüm , das sie seiner malerischen Einfachheit und eines gewissen orientalischen Turbans wegen immer das biblische nannte . Wir werden Gelegenheit haben , diese von Heinrichson ihr entworfene Toilette später genauer zu berichten ... Von Schlurck aber , den wir zum ersten Male in seinem geschäftlichen Tone kennen lernten , müssen wir gestehen , daß er nicht ganz derselbe war , wie wir ihn beim Kredenzen von Jaquesson und Geldermann - Deutz kennen lernten . Vielleicht findet er bei dem Italiener Lippi wieder den gewohnten Gleichmuth seiner Stimmung und stärkt sich zu den Geschäften , die ihn in das Hotel des Prinzen Egon rufen , von denen das über Ackermann angedeutete ebensosehr unsere Neugier spannen wird , wie die endliche Aufklärung über die Persönlichkeit der Prinzen Egon , mit dem sich Schlurck , nach Allem , was er über die Rückreise seiner Familie von Hohenberg fast Unglaubliches vernommen hatte , jetzt auf die leichteste Art zu verständigen hoffen durfte . Viertes Capitel Die rettende Hand Das große Palais des verstorbenen Fürsten Waldemar von Hohenberg lag im lebhaftesten Theile der Residenz . Der Park und die Gärten , die sich ihm anschlossen , waren von hohen Mauern umgeben und konnten von entgegengesetzten Häuserreihen nicht beobachtet werden . Es standen theils die Bäume des Parkes an den Mauern so hoch , daß sie die innern Parthieen verdeckten , theils lagen in nächster Nähe nur freie Plätze . Das Hauptgebäude selbst war alt und in jenem geschweiften Commodenstil gebaut , der die architektonischen Verzierungen der ausgeschweiften Krümmungen und Windungen wirklich nach der Form der menschlichen Knochen bestimmte , wie Hogarth für den Geschmack seiner Zeit in seiner barocken Ästhetik ausführt . Die hohen Fenster waren mit jenen bekannten Knaufen und Rundungen versehen , die in Sandstein den knöchernen menschlichen Schlüsselbeinen und Gelenkpfannen nachgemeißelt schienen . Dazwischen ein Helm oder der Kopf eines sterbenden Kriegers oder ein Medusenhaupt . Im Einzelnen zergliedert mochten diese Ausschmückungen der Portale , Fenster , Vorsprünge und Friese schwerlich vor der Kritik einer geläuterten Geschmackslehre Stand halten ; allein der Totaleffect , das Ensemble war auch hier , wie beim hohenberger Schlosse , der einer gewissen Würde und vornehmen Stattlichkeit . Auch dies Palais hatte zwei jedoch nur sehr kurz vorgeschobene Seitenflügel mit verschlossenen hohen Eingängen . Der grasbewachsene und etwas verwilderte Vorhof , der durch die Flügel vor der langen Fronte gebildet wurde , war durch Ketten von der Straße abgesondert . In der mittlern Thür war die große Einfahrt eine Façade von sechs dünnen Säulchen , von denen je drei dicht beieinander standen und in der Mitte ein großes eisernes Becken zur Pechbeleuchtung bei feierlichen Gelegenheiten einschlossen . Das Schwärzen der Säulen hatte man dabei nicht zu fürchten , da das ganze Gebäude durch die allmälige Verwitterung des Sandsteins und die in der Stadt neuerdings stark betriebene Steinkohlenfeuerung ein dunkelgraues Ansehen hatte ; nur die weißen Vorhänge an den großen Fenstern der ersten Etage und im Parterre einige Blumenstöcke gaben ihm den Charakter einer gewissen Wohnlichkeit . Hatte Fürst Waldemar auch die äußere Erscheinung seines Palais nach vorn so gelassen , wie er es damals , als ihm vor etwa dreißig Jahren die große Erbschaft zufiel , von einem Seitenverwandten des regierenden Hauses erstand , so hatte er doch im Innern und nach hinten zu auch äußerlich bedeutende Verschönerungen im neuern Stile angebracht . Auf eine harmonische Verbindung dieser Anbauten mit dem Vorgebäude war dabei nicht gesehen worden . Man stellte einen Pavillon dicht hinter das Hauptgebäude und verband ihn mit diesem nur durch einen bedeckten Glasgang . Dicht an diesen Pavillon reihten sich , jedoch ohne Verbindung , die Gewächshäuser . Die eine Seite des von einer hohen Mauer eingefriedigten Gartens war hell und freundlich , die andere der hohen Bäume des kleinen Parkes wegen etwas düster und bei heftigem Sturme , wenn die Gipfel schwankten und krachten , gar unheimlich . Den Park hatte der alte Fürst , dem die schöne Natur sehr gleichgültig war , vernachlässigt , und dem Garten würde es ebenso gegangen sein , wenn ihm sein Pavillon nicht sehr am Herzen gelegen hätte , in dem er kleine Diners und vertraute Soupers gab . Die Jalousieen dieses von ihm mit besonderer Vorliebe gepflegten Gartenhauses waren zwar immer herabgelassen ... doch zeigte er wol einmal seinen Gästen die Aussicht in ' s Freie , Grund genug , sie dem Pavillon entsprechend zu erhalten . Denn wir können annehmen ,