so leicht zu erdrücken dachte , wie den Wurm unter ihrem Fuße - Fennimor , dies unberechtigte , geringe Wesen , dessen Ansprüche ihr kaum der Widerlegung werth geschienen , hatte doch mit seinem unbedeutenden Leben den Boden untergraben , auf dem sie fest zu stehen glaubte ; und sterbend noch schien sie die Rache , alle Pläne umzustürzen , die auf ihren Untergang berechnet waren , vollführt zu haben . Von Leonin ' s Flucht bei der Nachricht ihres Sterbens , mußte die Marschallin den Verfall des Glanzes ihres Hauses herrechnen . Wenn sie an den Morgen des Tauftages dachte , mußte sie sich sagen , daß ihr Herz , in stolzer Befriedigung schwellend , ihr fast die Brust beklemmt habe ; und wenige Stunden nachher war Alles in einem Grade verändert , den sie in ihren Verhältnissen für unmöglich gehalten hatte . Wir haben hier noch einmal die Veranlassungen zu ihrem Gemüthszustande berührt , um uns dann um so deutlicher denken zu können , mit welchen Empfindungen sie Reginald , mit dem beleidigenden Zunamen Ste . Roche , ansehen mußte , der , wenn ihm auch sein wahrer Name damit geraubt war , dennoch eine Begünstigung schien , gegen die sie noch immer Vertilgungsmittel in ihrem Geiste aufsuchte , nie die Hoffnung aufgebend , ihn aus Berechtigungen zu verdrängen , durch welche sie ihr Haus für beschimpft hielt . So viel als möglich , leugnete sie seine Gegenwart ganz . Sie hatte eine Weise , über ihn wegzublicken , ihn nie zu hören , jede Anregung Anderer hinzunehmen , als sei sie auf diesem Punkte taub und blind , daß es bis jetzt unmöglich geblieben war , den jungen Mann ihr vorzustellen , wodurch sie jede Ermuthigung verhinderte , und ihr die Freiheit gesichert schien , ein nie anerkanntes Verhältniß zur gelegenen Stunde mit unvergebener Stärke angreifen zu können . Dessen ungeachtet ward es ihr nicht erspart , den Jüngling so oft , als ihren angebeteten Enkel sehen zu müssen . Da die jungen Leute an keiner Gesellschaft Theil nahmen , war es nur der Mittagskreis beim Grafen Crecy , in welchem sie zu gewissen Tagen erscheinen durften , und wo sie nur die nächsten Freunde und Verwandte fanden , und welche Tage die Marschallin zuletzt nicht mehr versäumte , um sich mit Uebergehung Reginald ' s an ihrem Enkel zu entzücken . So bitter nun Souvré selbst den Chevalier de Ste . Roche haßte , so war ihm doch seine Gegenwart ein unendliches Ergötzen , der stolzen Marschallin gegenüber ; und er hatte tausend kleine Kunstgriffe , um die feste Stellung seiner geehrten Freundin zu erschüttern oder das Maaß des Unwillens , woran sie zehrte , zu vermehren . Auch war Reginald selbst wie dazu geschaffen , diesen bösen Willen zu unterstützen ; denn es gab kein freieres , sorgloseres Betragen als das seinige . Er übersah jede Unfreundlichkeit ; denn er hielt sie für unmöglich . Kein Zug seines Gesichtes oder seines Karakters erinnerte an seinen Vater ; er war das vollständigste Bild seiner Mutter . Sein Anstand war so ausgezeichnet , daß er Jedem eine Art Erstaunen einflößte ; seine bezaubernde Höflichkeit , die von einem seelenvollen Ausdrucke der Güte unterstützt ward , machte auf die ältesten und vornehmsten Personen einen Eindruck , der sie unwillkürlich jede seiner Aeußerungen mit einer Art Verbindlichkeit aufnehmen ließ . Ohne daß man nachweisen konnte , wie es geschah , nahm er bald überall einen ausgezeichneten Platz ein . Es war kein Zug von Anmaßung in ihm ; aber seine Unbefangenheit ließ ihn den Platz einnehmen , der ihm eingeräumt ward . Er hatte die unschuldige Freude der Entwicklung und schien seine jungen Kräfte auf jedem Platze mit Lust und Frische zu prüfen . So ergriff er auch mit einer rührenden Wärme und Hingebung das Verhältniß zu der Gemahlin des Grafen Crecy und zu dem jungen Grafen Ludwig . Er nahm mit der sicheren Voraussetzung ihrer Liebe , ihr Vertraun , ihre Theilnahme in Anspruch , und gab dafür mit reichen Händen Alles , was er selbst besaß . Beide junge Leute waren unzertrennlich ; Ludwig betete seinen jungen Freund an , und Viktorine wußte , daß dies Gefühl bei ihm stärker sei , wie bei Reginald ; denn sie hatte längst erkannt , daß dieser sie am meisten liebe . Ebenso war Reginald im Kloster bei seinen Lehrern und Erziehern besonders ausgezeichnet ; er war ihr Stolz , ihr Triumph . Die jungen Leute aus der Fremde , besonders aus England , aus den vornehmen Familien , die mit den Stuarts sich verbannt hatten , und von denen einige den Vorzug erlangten , ihre Söhne den berühmten Mönchen von St. Sulpice anvertrauen zu dürfen , fanden alle in dem jungen Chevalier de Ste . Roche ein Vorbild , dem sie sich anschlossen . Seine Ueberlegenheit stützte sie Alle , und ihr ganzes Leben unter seiner heitern und doch so edeln und sittlich festen Leitung fand Genuß , ohne Tadel zu erwecken . Als die Marschallin von Crecy die Absicht erfuhr , beide junge Leute auf Reisen zu schicken , that sie noch ein Mal Alles , was ihr an Macht im Hause ihres Sohnes zustand , um diese unbegreifliche Unschicklichkeit zu hindern . Aber sie drang auch dies Mal nicht durch und entschloß sich endlich , diesen Gegenstand fallen zu lassen , um einen anderen , ihr wichtigeren verfolgen zu können . Sie fand nämlich bei der sorglosen und unwürdigen Art , wie beide Eltern die höchst wichtigen Verhältnisse ihrer Familie vertraten , daß sie in ihrem Enkel , so viel es noch die ihr zugetheilten Lebensjahre zuließen , retten und schützen müsse , was ihm dereinst zur vollen Aufrichtung des alten Glanzes dieses Hauses behülflich werden könne ; und dazu hielt sie eine Vermählung für das geeignetste Mittel . Die Gräfin La Fajette half aus eignem Familienstolze diese Wünsche unterstützen . Ihre Tochter , die Gräfin d ' Aubaine , die Freundin Louise de Crecy ' s , der jetzigen Marquise d ' Anville , hatte glücklicher wie Louise , welche mehrere Kinder verloren und erst jetzt zwei kleine Knaben heraufzog , drei blühende Kinder , einen Sohn , den Aeltesten der Familie , und zwei hold heranblühende Töchter , von denen die älteste , Franziska , diejenige war , welche die Marschallin ihrem Enkel bestimmte . Dieser Plan fand bei den Eltern des jungen Ludwigs keinen Widerspruch ; doch verlangte die Gräfin Crecy , daß keine Vorherbestimmungen statt finden sollten , den jungen Leuten freie Wahl bleiben müsse , und keine Kenntniß dieser elterlichen Wünsche ihnen die nöthige Unbefangenheit rauben solle . Diesen Bedingungen gab die Marschallin mit stolzer Geringschätzung nach und verfügte , daß die Reise , die nunmehr festgesetzt ward , mit einem Besuche bei Louise auf dem Schlosse Arconville , und mit deren Familie vereinigt , alsdann bei dem Grafen d ' Aubaine in Ardoise , anfangen solle . Bis dorthin sollte der Marquis de Souvré die jungen Leute begleiten ; dann sollten sie sich zuerst nach England und Schottland begeben , und zwar in Gesellschaft eines Freundes aus dem Collège von St. Sulpice , der , obwol bedeutend älter , als beide Jünglinge , doch mit dieser Reise eine Zugabe seiner für vollendet erklärten Erziehung zu machen wünschte und in dieser Zeit der zärtlichste Freund Reginald ' s ward . - Der Tod seines Vaters , der ihn zum Lord Duncan-Leithmorin gemacht , forderte seine Rückkehr nach England , wohin ihn die Freunde , mit Einwilligung des Grafen und der Gräfin Crecy , zu begleiten versprochen hatten . Mit musterhafter Standhaftigkeit ertrug die Gräfin Crecy den Abschied von ihren beiden Lieblingen ; denn ihre schnell herabgekommene Gesundheit gab ihr eine schmerzliche Ahnung , daß diese Trennung für immer sein würde . Aber wie sie ihren Sohn aus ihren Armen ließ , legte sie Reginald ' s Hand in die seinige , und indem sie Beide segnete , sagte sie : » Reginald , Sie werden meinem Sohne ein treuer , liebevoller Freund sein - ich vertraue Ihnen mit vollster Zuversicht die zartere Natur meines theuern Sohnes . « Mit welchen Gefühlen kniete Reginald da vor der Frau nieder , die er am meisten liebte , und sah sie mit glühendem Antlitze an - wollte ihr antworten - und hatte Nichts , als feurige Thränen , die er ihr nicht verbarg ! Sie verstand ihn , bog sich nieder und küßte mütterlich seine Stirn . Beide traten ihre verhängnißvolle Reise an . Wir finden die jungen Leute erst in Ardoise wieder , wo sie in dem Kreise junger liebenswürdiger Gefährten den vollen Reiz der Jugend kennen lernten . Die Marquise d ' Anville und ihr Gemahl , der Graf und die Gräfin d ' Aubaine waren so vom Glücke begünstigt , so heiter und sorglos , daß sie noch jünger erschienen , als ihre Jahre angaben ; und begünstigt von der Freiheit eines ländlichen Aufenthaltes , theilten sie das fröhliche Leben ihrer Kinder und erhöhten dadurch ihre Freude . Der junge Graf d ' Aubaine hatte sein zwanzigstes Jahr vollendet , die Gräfin Franziska trat ihren sechzehnten Sommer an , und eine vierzehnjährige Schwester war das Schooßkind Aller , der Armand und Leonce , die kleinen Knaben der Marquise d ' Anville , sich anschlossen . Außerdem zogen liebe Gäste aus und ein . Der junge Lord Duncan ward von Allen zur Familie gerechnet , und er fühlte sich hier um so weniger fremd , als er zwei liebenswürdige Landsmänninnen fand . Gegen den Vater der einen , einer Miß Lester , der jüngeren Tochter eines Geistlichen , hatte Graf d ' Aubaine eine Verpflichtung der Dankbarkeit ; da der würdige Mann ihm bei seinen Reisen durch England in einer gefährlichen Krankheit durch treue Pflege das Leben gerettet hatte . Sie blieben von da an in immerwährendem Briefwechsel , und der würdige Herr Lester entschloß sich endlich , den Wunsch des Grafen d ' Aubaine zu erfüllen und seine geliebte Margarith , die mit Franziska in einem Alter war , auf einige Zeit nach Frankreich zu schicken . Dies geschah in Begleitung einer Miß Ellen Gray , die als Pflegekind mit Margarith erzogen ward , und , bedeutend älter , ihr eine Art Schutz werden sollte . Nur zu schnell verflossen hier ein Paar der glücklichsten Monate , und fast Alle fühlten sich überrascht , als der Moment da war , der die lange festgesetzte Trennung forderte . Aber man trennte sich nicht , wie man sich zusammen gefunden hatte . Das Loos war geworfen . In dem heiteren Reigen der Jugend , in dem scherzenden Vertändeln der Stunden , in einer Lebenszeit , die den Ernst und die Wichtigkeit desselben in den Hintergrund drängt , hatte doch Jeder unbewußt das Loos empfangen , was über seine Zukunft entschied ; und erst , als die Stunde der Trennung schlug , erkannten die Betheiligten , was sie erlebt ! Auch hier hatte Reginald den ersten Platz eingenommen . Wie mit Zauber lenkte er die Gemüther ! Nicht allein die Jugend hing ihm in Allem vertrauend an , selbst die Aeltern theilten dies Gefühl . Jauchzend , voll Jugendlust flog Reginald , jeder Anforderung genügend , von einem Platze zum anderen . Jede körperliche Geschicklichkeit , nicht für ihn allein , für alle Anderen ausreichend , führte ihn in das Interesse eines jeden Anwesenden . Seine Schönheit schien hier noch eine neue Entwicklung zu erfahren ; es trat jenes bezaubernde , glühende Feuer hervor , welches das erste Stadium der Jugend überschritten anzeigt , und jeden Blick , jede Bewegung zu einer kühnen Herausforderung an das Leben macht , gegen dessen geheimnißvollen Inhalt eine zürnende Begierde hervortritt , die sich des Streites mit ihm zu erfreuen denkt ; und ohne daß er es wußte , jagte sich der kindlichste Witz mit der glänzendsten Fülle der Gedanken und Gefühle über seine Lippen . - Fenelon ' s Schüler hatte Unterricht erhalten , der seine Geistesfähigkeit frei entwickelt hatte - und ihr Zweck und Ordnung gegeben , die ihm schon jetzt ein Resumé von Bildung gab , das der Jugend oft so schwer wird , aus wüst eingehandelten Kenntnissen zu gewinnen , die nur zu oft ein ganzes Leben hindurch einen beschwerten Zustand zurücklassen , der sich vergeblich auf das mühsam gesammelte Material stützt , das doch nicht Bildung werden will . Hiervon war Nichts in Reginald ; von der todten Masse der Eingangsform schon erlöst , hauchte das Wissen sein geistiges Fluidum in ihm aus und belebte und erzeugte das Gegebene zu eigener Gestaltung ; der Nachweis fand sich in seinen entwickelten Gedanken , nicht in Jahreszahlen und Namensregister . Louise und ihr Gemahl ahnten sein besonderes Verhältniß zu ihrer Familie ; die merkwürdige Dotation von Ste . Roche mußten sie nothwendig darauf führen . Alle Uebrigen kannten diesen Umstand nicht ; und die Besitzung Ste . Roche , die fast nie als Crecy ' sches Eigenthum genannt ward , schien selbst dem Grafen d ' Aubaine unbekannt , in dessen Nähe sie lag ; es wurde ihm daher leicht , den jungen Mann als Besitzer anzuerkennen , da Graf Crecy , als Vormund , ihn unter diesem Titel ihm empfahl . Doch wurde er Veranlassung , daß Reginald selbst darauf aufmerksam ward ; und ohne über die auffallende Art nachzudenken , mit der sein Vormund ihm die Nähe seiner angestammten Besitzung verschwiegen hatte , sprach er seinen Wunsch aus , sie kennen zu lernen . Graf d ' Aubaine unterstützte dies um so mehr , da eine der jungen Engländerinnen , Miß Ellen Gray , sich verpflichtet fühlte , ihre Mutter aufzusuchen , die , aus unbekannten Gründen , dort ihren Aufenthalt hatte ; was es für sie sehr wünschenswerth machte , die Reise unter Reginald ' s Schutz anzutreten . Doch hier schritt der Marquis de Souvré auf das Entschiedenste ein . Er erklärte diesen Besuch ganz gegen den bestimmten Reiseplan , für den er , wenigstens so lange sie auf französischem Boden wären , einzustehen habe ; und Reginald , der stets eine ehrerbietige Nachgiebigkeit gegen Aeltere hatte , fügte sich in diesen Ausspruch . Miß Ellen Gray reiste daher allein nach Ste . Roche ab , und Reginald schob die Besichtigung seiner Besitzung bis zur Beendigung seiner Reise auf , indem er sich von Ellen , die noch vor seiner Abreise zurückzukehren hoffte , versprechen ließ , recht Viel davon zu erzählen ; da er es sehr wünschte , damit die frühesten Eindrücke seiner Kindheit aufzufrischen , die ihm immer einen reizenden Aufenthalt in Mitten eines Waldes vorspiegelten , wo er an einem seltsamen Schlosse kleine Treppen erklettert war , die um einen Thurm liefen , von einer alten Frau behütet , welche ihm dann schöne Früchte schenkte . Auch traf Miß Ellen Gray einen Tag vor der Abreise der jungen Leute in Ardoise wieder ein , wie es schien , wenig befriedigt von ihrem Aufenthalte ; da Mistreß Gray , ihre Mutter , keine Freude bei ihrem Wiedersehen gezeigt hatte und mehr ihre Abreise , als ihr längeres Bleiben zu betreiben schien . Auffallend war es , wie der Marquis de Souvré Miß Gray bei ihrer Ankunft ausschließlich in Anspruch nahm und die kleine , unbedeutende , gebrochen französisch sprechende Miß Gray zum Gegenstand einer Aufmerksamkeit machte , als habe er erst jetzt ihr Verdienst erkannt und sie damit zu gleicher Zeit zu seiner ausschließlichen Gefährtin erhoben . Es ging aber aus dieser besonderen Auszeichnung natürlich hervor , daß er überall in ihrer Nähe blieb und ihr ziemlich ungeschicktes Bestreben , sich Reginald zu nähern , abzuwähren wußte . Doch scheiterte der Marquis endlich mit seiner ganzen Feinheit an der listigen Beobachtungsgabe dieses etwas derben und dreisten Mädchens , die sehr bald , seine Aufmerksamkeiten für Spott und Hohn haltend und bloß die Absicht darin sehend , sie von ihren jungen Freunden zu trennen , ihm den Streich spielte , während einer kurzen Unterredung des Marquis mit einem Anderen , ihm zu entwischen , ohne Bedenken zu Reginald hinzulaufen , ihn mit sich nach der Bibliothek zu ziehen und diese eilig hinter sich zu verschließen . » O hört , hört , ehe der listige Mann mir wieder nachrückt ! « rief sie athemlos ; » meine Mutter ist die alte Frau , die Euch in Eurer Jugend pflegte ; sie beschwört Euch , nicht abzureisen , ehe Ihr nach Ste . Roche gekommen seid ; - sie hat Euch ein großes , wichtiges Geheimniß zu entdecken , von dem Euer ganzes Lebensglück abhängt . Aber Ihr müßtet selbst kommen - und solltet Euch um Gotteswillen vor dem abscheulichen Marquis de Souvré hüten ; denn er habe Eure Aeltern ins Unglück gestürzt ! « Reginald blickte das kleine , hastige Mädchen , das so unweiblich lebhaft und übereilt ihm ihre Mittheilungen machte , mit einem nicht zu beherrschenden Ausdrucke von Mißbehagen an , und es ward ihm fast unmöglich , darauf einzugehen . Sie waren so geheimnißvoll , Argwohn erregend , daß sie ihn aus seiner ganzen bisherigen Stellung und Gemüthsstimmung zu reißen drohten , wenn er ihnen Glauben schenkte . Er , der bis zu diesem Augenblicke das Mißtrauen nur dem Namen nach kannte , konnte es unmöglich durch diese Mittheilungen in sich aufnehmen . Er hörte daher nur höflich zu , ohne die Alteration des jungen Mädchens theilen zu können , und bat sie endlich , ihre Mutter von der Unmöglichkeit zu unterrichten , jetzt nach Ste . Roche kommen zu können ; da die Abreise nach England für den andern Morgen festgesetzt sei , und es nicht mehr in seiner Macht stehe , dies abzuändern . Bei seiner Rückkehr werde er dagegen den Besuch von Ste . Roche als eine Pflicht ansehen und sich dann sehr freuen , seine alte Pflegerin wiederzusehen . Ellen Gray hatte einen Anlauf zu ihren Mittheilungen genommen , der ihr vollständig durch die Wichtigkeit , die sie denselben beilegte , gerechtfertigt schien ; jetzt sah sie sie ziemlich kalt und ohne das erwartete Erstaunen aufgenommen . Sie fühlte sich dadurch beschämt und ward bei ihrem empfindlichen Karakter sehr beleidigt . » Ganz nach Ihrem Belieben , mein Herr ! « sagte sie , hochroth werdend ; » ich habe bloß meine Schuldigkeit gethan , bloß den Befehl meiner Mutter erfüllt , die allerdings klüger scheint , als manche anderen Leute , und durch ihre Jahre wohl berechtigt , Dinge zu wissen , von denen die Jugend sich Nichts träumen läßt . Jetzt muß ich überdies sehr um Verzeihung bitten ; denn ich habe noch die letzten Stunden mit Gräfin Franziska gestört . « Vergeblich war Reginald bemüht , die Beleidigte aufzuhalten oder zu versöhnen . Sie enteilte , ihn empfindlich grüßend , und hatte die Gesellschaft erreicht , ehe der Marquis ihre kurze Abwesenheit inne ward . Dagegen müssen wir gestehen , daß Reginald von dem ganzen Zusammensein mit Miß Gray nichts behalten hatte , als ihre letzten Worte . Das Nahen der Abreise hatte sein Herz erfaßt und die Ueberzeugung , Franziska d ' Aubaine mit allen Kräften seiner Seele innig zu lieben , bestätigt . Seit diesem Morgen ihrer Gegenliebe gewiß , trug er in seinem hochschwellenden Busen das höchste Glück , bedroht von dem Schmerze der nahen Trennung ! - Es war kein Augenblick , sein Interesse in Anspruch zu nehmen für eine trübe , Argwohn erweckende Richtung . Viel näher lag es ihm , dem Grafen d ' Aubaine in die Arme zu eilen und um seine Tochter öffentlich zu werben ; aber seine Jugend machte ihn schüchtern ; er hielt sich des Glückes nicht werth , das er begehrte - er wollte durch Reisen entwickelter werden und dann seine Stellung zu erheben suchen für den Anspruch , den sein Herz machte . Auch war dies die Bitte der von ihren Gefühlen überraschten , kindlichen Franziska ; und sie entschied über ein Schweigen , so heilig und süß , wie die Andacht ihrer unschuldigen Herzen ! So verließen die jungen Leute , in Gesellschaft Lord Duncan ' s , Ardoise , das sie erst nach zwei Jahren wiedersehen sollten ; und wir müssen es gestehen , alle Drei das Bild der schönen Franziska d ' Aubaine im Herzen tragend . Der Marquis de Souvré aber eilte nach Paris zurück . » Madame , « sagte er zur Marschallin von Crecy , » Ihr Enkel hat mir seine Liebe zur jungen Gräfin d ' Aubaine gestanden und ist entzückt über die Pläne seiner Großmutter . « Er hielt inne und ließ sie erst den Triumph verrathen , den das Gelingen ihres Planes ihr machte - dann fuhr er fort : » Doch , wie überall , steht auch hier der Chevalier de Ste . Roche im Wege - entschieden war der Vorzug , den die junge Dame dem sterblich in sie verliebten jungen Manne gab , und der Zufall machte mich zum Zeugen ihrer gegenseitigen Liebeserklärung . « Mit verbindlichem Lächeln beobachtete er das aschfarbene Erbleichen der Marschallin , welches plötzlich , durch die Schminke durch , sich in glühende Röthe verwandelte . » Und Sie - Sie ließen das zu ? « stotterte sie endlich . » Ich kannte Ihre Absichten nicht - ich fürchtete voreilig zu sein ! « erwiederte Souvré lächelnd . Die Marschallin verstand vollkommen seine Absicht und war schnell gefaßt . » Sie hatten Recht , Marquis , « sagte sie ruhig , » ich werde Alles selbst ordnen und darf um so weniger an dem Gelingen zweifeln , da es nicht die erste Angelegenheit ist , die ich nach meinem Willen lenkte . « » Ohne Zweifel werden Euer Gnaden es ganz in Ihrer Willkür haben , « erwiederte Souvré verbindlich , » wenn man an das glänzende Beispiel denkt , welches das Schicksal Ihres Herrn Sohnes darüber zum Belege führt . « Ein glühender Blick bitteren Hasses fuhr aus den Augen der Marschallin . Aber sie durfte Souvré nicht verstehen , um nicht noch mehr in Nachtheil zu kommen ; und wünschte auch zu lebhaft , von den Vorfällen in Ardoise unterrichtet zu werden , um ihren böswilligen Vertrauten nicht schonen zu wollen . Sie erfuhr nun den glänzenden Eindruck , den Reginald in Ardoise hervorgebracht , ohne alle Schonung und Milderung , und eben so auch die Anwesenheit der beiden jungen Engländerinnen , die , in einem gefährlichen Zusammenbange mit der Bewohnerin von Ste . Roche stehend , ihr eine nicht ungegründete Besorgniß einflößten ; doch , bevor noch der Marquis seine Erzählung geendet , hatte die Marschallin ihren Plan entworfen , dessen Resultat uns nicht erspart bleiben wird . * * * Ein Jahr nach der Abreise ihres Sohnes blieb über den Zustand der Gräfin Crecy kein Zweifel mehr , und das Frühjahr des zweiten Jahres senkte die ausgezeichnete und edle Frau in ihr frühes Grab . Ihre Aeltern waren ihr Beide vorangegangen , und sie hatte in der Marschallin nie einen andern Anspruch anerkannt , als den der äußeren Sitte . Ihr Gemahl betrauerte sie mit der ganzen düsteren Melancholie eines Gemüthes , das sich kaum das Recht zugesteht , was den Schmerz selbst zu einem süßen Eigenthume machen kann . Fenelon hatte ihre letzten Stunden beseligt und den Athemzug gehört , der sie vom Leben trennte ; er hatte keine Thräne für die Verklärte - begeistert schaute er ihr nach ! Eine süße Befriedigung lag in dem Glauben , daß sie ihn jetzt ganz erkennen werde - und er schmückte seine Seele mit Frieden und Seligkeit , um würdig zu sein , wenn sie sich zu ihm nieder neige . Der Schmerz der Abwesenden war groß - und mit der ganzen Energie der Jugend hielten sie ihn fest , und übertrugen ihn lange auf alle ihre Zustände . Der Graf Crecy zog sich in die tiefste Einsamkeit zurück ; er ward immer düsterer , menschenscheuer und argwöhnischer ; aber die Marschallin fing nach dem Tode seiner Gemahlin wieder an , in ihrem Einflusse zu steigen , und da sie kluger Weise sein Bedürfniß nach Ruhe nicht störte , überließ er ihr die Handhabung der Verhältnisse , die darüber hinausreichten ; und so gewann sie das Feld , was sie nöthig hatte . Mit kluger Umsicht bestimmte sie die Familie d ' Aubaine , den Winter am Hofe zu leben ; sie hoffte dadurch sowol Franziska , als ihren Aeltern die Weihe für ihre Pläne zu geben und sie den wahren Standpunkt , auf den sie ihr Rang und ihre Ansprüche beriefen , erkennen zu lassen ; da sie fürchtete , daß ihr ländlicher Aufenthalt sie etwas den Ansichten entzogen haben könnte , die zu behaupten , ihr die erste Pflicht einer solchen Familie schien . Außerdem mußte dies nothwendig eine Folge haben , die sie sehnlichst wünschte - entweder die beiden englischen Mädchen , deren Rang ihnen keinen Anspruch an die Hofverbindungen der Familie gab , ganz von ihnen trennen und sie nach ihrem Vaterlande zurückführen , oder , im Falle sie dieselben bei sich behielten , doch eine Trennung von ihren Verbindungen in Ste . Roche veranlassen . Dieser letztere Fall trat ein ; Miß Lester und Ellen Gray begleiteten die Familie , und es ist leicht zu denken , mit welchen Augen die Marschallin zwei Mädchen betrachtete , die in so naher Verbindung mit dem Schicksale ihres Hauses standen . - Unter diesen Umständen gereichte es ihr zur ungemeinen Erleichterung , daß ihr Sohn sich während des ganzen Winters aller Geselligkeit bestimmt entzog ; und wenn sie auch mit Unwillen sah , wie sein Karakter verwilderte , so hatte sie doch immer mehr die Pläne ihres Ehrgeizes in ihm geliebt , als ihn selbst , und indem sie diese auf ihren Enkel übertrug , verlor ihr Sohn , der gewagt sie darin zu betrügen , die Kraft , sie durch seinen Zustand zu kränken . Nicht ganz so glücklich war sie in Bezug zur Familie d ' Aubaine . Nicht , wie sie gehofft , ließ sich dieselbe für das ganze Jahr am Hofe festhalten , sondern bezog , nachdem sie den Sommer auf dem Stammschlosse zugebracht , gegen den Herbst das in jagdreichen Wäldern versteckte Ardoise . Doch hielt der Graf dessen ungeachtet die verabredete Verbindung für abgeschlossen und erlaubte seiner Gemahlin , der Gräfin Franziska die Absichten der Aeltern mitzutheilen . Betäubt von Schmerz und Schrecken , bis ins tiefste Innere erschüttert , hörte die unglückliche Franziska diese Erklärung , die sie von allen Hoffnungen ihres jungen Herzens für immer zu trennen drohte ; und zu aufrichtig und natürlich , um sich beherrschen zu können , erfuhr die Mutter in demselben Augenblicke ihr Geheimniß . In der Zeit , in welcher diese jungen Leute sich durch ihr Herz wollten leiten lassen , gab es fast keine andere Art ehelicher Verbindung , als die , welche Aeltern unter einander beschlossen , und keine anderen Ueberlegungen , als die dabei zu bedenkenden äußeren Verhältnisse . Nicht Bildung , nicht Güte des Herzens oder Liebe zu den Kindern veränderte dies ruhig geordnete System aller vornehmen Häuser , und die daraus entstehenden Schein-Ehen , die in dem überhandnehmenden Zustande der Sittenlosigkeit der höheren Stände vollkommen Platz fanden und ihre Ausartungen unterstützten , machten Niemanden aufmerksam auf diese gewissenlose Procedur . Hier trat jedoch eine kleine Abweichung ein , die besonders Reginald ' s Persönlichkeit zuzurechnen war . Beide Aeltern hatten ihn selbst so ausgezeichnet gefunden , daß eine Art von Verstehen mit dem Gefühl ihrer Tochter , eintrat . Sie hätten sich zufrieden gefühlt , wenn Reginald der Graf von Crecy gewesen wäre - und hatten Theilnahme für die Wünsche Franziska ' s. Es konnte jedoch nur in so fern davon die Rede sein , daß sie erwarten wollten , ob bei der Anwesenheit der beiden jungen Leute , wie aller Familienhäupter , sich eine Auskunft treffen lasse , vorausgesetzt , daß die Familienverhältnisse des ziemlich unbekannten jungen Mannes eine solche Möglichkeit überhaupt denkbar machten . Diese großmüthige Zusicherung der Aeltern , die sie über ihr Jahrhundert erhob , rettete Franziska ' s Herz vor dem langsam zehrenden Gifte hoffnungsloser Liebe und ließ sie größeres Vertrauen fassen , als es den Aeltern möglich gewesen wäre , erwecken zu wollen . Die Ankunft der Marschallin von Crecy , die , wie sie vorgab , in Ardoise ihren Enkel empfangen wollte , belebte diese Hoffnungen nicht sehr ; denn sie trat sogleich mit der entschiedenen Haltung auf , die ein festgestelltes Verhältniß andeutet , und Franziska fühlte , daß sie von ihr als ihre Enkelin behandelt wurde , als wäre keine Zurückhaltung mehr nöthig . Die gefaßte Frau übersah den Vortheil , den die Gegenwart ihr bot , fest entschlossen , eben so die Zukunft zu bewachen und keine Störungen mehr zu dulden . Zwei lästige Zugaben waren wenigstens entfernt ; Miß Lester war nach England zurückgekehrt , Ellen Gray war als Braut zwar geblieben ; aber jetzt bereits mit dem Sohne des verstorbenen Kastellans St. Albans verheirathet . - Dessen ungeachtet begehrte die Marschallin von ihrem Sohne , daß er an Reginald den Befehl schicke , den Grafen Ludwig nicht nach Ardoise zu begleiten , sondern zu ihm nach Paris zu kommen . Gewiß würde Reginald den Befehl seines Vormundes erfüllt haben , wie schwer es ihm auch in diesem Falle gewesen sein würde ; aber die Botschaft des Grafen verfehlte ihn . Die Sehnsucht , Ardoise zu erreichen , die Beide uneingestanden in gleichem Maaße fühlten , hatte sie ihre Reise so beeilen lassen , daß sie um zwei Tage früher eintrafen , als sie erwartet wurden . Dieses plötzliche Erscheinen brachte den Plan der Marschallin , durch einen schnellen Abschluß der Verlobung Alle zu überrennen , zuerst aus dem Gleise . Die ganze Sache ward nun in eine natürlichere Bahn geleitet . Franziska und Reginald sahen sich in einem Zeitpunkte der Jugend wieder , wo zwei Jahre Trennung nur vortheilhafte Veränderungen mit sich führen . Erstaunen und Entzücken